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Full text of "Moscheles Aus Moscheles Leben Bd1-2"

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AUS 



MOSCHELES' LEBEN. 



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NACH BRIEFEN UND TAGEBÜCHERN 



HERAUSGEGEBEN 



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VON 



SEINER FRAU 



ERSTER BAJJD. 



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LEIPZIG 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 



Der II. (Schluss-) Band befindet sich unter der 

erscheint im Laufe dieses Sommers 




Da» Recht der Uebersetzung sowie alle anderen Rechte vor- 
behalten. 

Die Verlagshandlung. 



VORBERICHT DER HERAUSGEBERIN. 

■ 



Die Leser finden in diesen Blättern eine treue und 
wahre Skizze von Mo Scheies' Leben und Wirken, sowie von 
der Musikgeschichte seiner Zeit, da er vom Jahre 1814 bis 
an sein Lebensende alles, was ihm begegnete, mit sehr 
geringen Unterbrechungen in sein Tagebuch eintrug. Diese 
Notizen dienen als Grundlage und sind durch Briefe von 
ihm und seiner Frau an Verwandte und Freunde vervoll- 
ständigt. 

Es war stets Moscheles' Wunsch, dass die Kunst- 
erfahrungen, die er in seiner beinahe 60jährigen Laufbahn 
gemacht, sowie die Beziehungen zu seinen Kunstbrüdern 
nach seinem Tode veröffentlicht würden; er liess deshalb 
seine Frau, unter seinen Augen, eine Reihe von Jahr- 
gangen im Tagebuche überarbeiten, manches mit eigner 
Hand hinzufügend. Auch pflegte er ihr seine Ueber- 
zeugungen und Anschauungen über alles, was ihn bewegte, 
mitzutheilen und zu begründen, so dass sie gar manches 
nicht Aufgeschriebene treu im Gedächtniss bewahrt. Er 
wollte sie auf diese Weise — falls er ihr voranginge — zur 
Erfüllung dieses Lieblingswunsches vorbereiten. 

Moscheles' LeW. 



Der Wille eines geliebten Todten ist heilig, ist über 
persönliche Gefühle und kleinliche Rücksichten erhaben, 
und so übernimmt die Herausgeberin, wenn auch zaghaft, 
die schwierige Arbeit als sein Vermächtnis s. Andere 
hätten sie wohl besser gemacht, Niemand mit so viel 
Liebe. Soll sie ganz in Moscheies' Sinne ausgeführt wer- 
den, so muss die grosste Unparteilichkeit vorherrschen. 
Er war streng gegen sich, mild im Urtheil über Andere, 
und wer ihn und sein Wirken treu schildern und erfassen 
will, muss dies stets im Auge behalten. 

Dies Buch will und soll nichts anderes sein, als ein 
Gedenkbuch, das den Kunstgenossen das Streben und 
Schaffen des Künstlers Moscheies vorführen, den Freunden 
das Bild des Freundes in die Seele zurückrufen soll. 



ERSTER ABSCHNITT. 

JUGENDERINNERUNGEN. 

(PRAG UND WIEN. 1794.— [814.) 



1 



i 



Die Lücke von seinem ersten Sichbewusstwerden bis 
zum Beginn des Tagebuchs (1814) hat Moscheies durch Auf- 
zeichnungen ausgefüllt, die hier grosstentheils ihrem Wort- 
laut nach folgen: 

„Mein Geburtstag fällt auf den 30. Mai 1794, meine 
Vaterstadt ist Prag. Meine Erinnerungen reichen bis zum 
Beginne des Jahrhunderts zurück. Ich hörte damals viel 
von der grossen blutigen Revolution in Frankreich reden. 
Militärische Neigungen hatten sich auch der Knabenwelt 
bemächtigt und das Soldatenspielen nahm kein Ende. 
Selten fehlte ich, wenn die Militär-Musikbande auf dem 
Ring vor der Haupt wache ihre Paradestücke spielte. Die 
Bläser pflegten sich kleine Jungen zum Halten ihrer Noten 
herbeizurufen, und immer war ich bei der Hand, dies Amt 
zu übernehmen. „Ich will auch Spielmann werden", 
pflegte ich zu sagen, wenn ich von diesen Strassencon- 
certen begeistert nach Hause kam. 

Meine Mutter war die Güte, Liebe und Freundlichkeit 
selbst; stets thätig für den Vater, mit dem sie eine glück- 
liche Ehe führte und für uns fünf Kinder. Der Vater, ein 
Tuchhändler, fand bei aller Geschäftsthätigkeit Müsse genug, 
für Musik zu schwärmen, Guitarre zu spielen und zu singen. 
Ihm verdanke ich die erste Anregung zu meiner Künstler- 
laufbahn; denn er sagte oft: „Eins meiner Kinder muss 
ordentlich musikalisch werden". Das liess mich schon da- 
mals wünschen, dass ich wohl das Eine sein mochte! Aber 
der Vater fing mit der ältesten Schwester an. Wenn sie 
Cla vier stunde hatte, stand ich gaffend und horchend am 
3 gestrichenen c, womit das kleine Instrument endete, und 
bemerkte, dass der Schwester die Arbeit recht sauer 



wurde, denn nie konnte sie ihre Stückchen richtig heraus- 
bringen. Da ich, wenn ich allein war, schon versucht 
hatte, sie mir zusammen zu buchstabiren, — was ich gar 
nicht schwer fand, — so ärgerte mich ihre Ungeschick- 
lichkeit und ich vergass mich so weit, einmal in der Lec- 
tion auszurufen: „O wie dumm! das konnte ich besser 
machen." Der alte Lehrer Zadrakha lachte in den Bart, 
liess mich aber doch auf den Stuhl springen und statt 
meiner Schwester spielen. Sein Bericht an den Vater 
muss günstig ausgefallen sein, denn einige Tage darauf 
wurde mir plötzlich eröffnet, dass nun statt meiner 
Schwester mit mir ein Versuch gemacht werden solle. 

Wer war froher als ich! Die Ciavierstunden begannen 
sofort und ich rückte rasch vor, vielleicht zu rasch für 
den alten Lehrer, in dessen eintönige Uebungen ich mich 
nicht fügen wollte. Ich abonnirte mich aus meinem Taschen- 
gelde in einer musikalischen Leihbibliothek und holte mir 
nicht weniger als ein halbes Dutzend Stücke auf Einmal, von 
Kozeluch, Eberl, Pleyel u. A., die ich eilig durchflog. Ob der 
Lehrer dieses Verfahrens überdrüssig! wurde oder ob der 
Vater ihn entliess, weiss ich nicht; genug, er blieb aus. 

Hausfreunde glaubten meinem Vater und mir einen 
Dienst zu erweisen, wenn sie mich dann und wann in be- 
freundete Familien führten, wo ich ob meiner Leistungen , 
die erbärmlich genug sein mochten, als ein rares Pflänz- 
chen bewundert und gehätschelt wurde. Natürlich schmeck- 
ten mir die Lobeserhebungen, Küsse und sonstigen Süssig- 
keiten, mit denen mich die Damen fütterten, doch mein 
Vater setzte diesem Unfuge bald Schranken, indem er ihn 
den leichtsinnigen Freunden verwies. Er hatte die richtige 
Ahnung, dass solches Gebahr en nicht geeignet sei, mich 
vorwärts zu bringen. Je mehr sich der musikalische 
Instinct in mir regte, desto zärtlicher wurde er mit mir; 
schlich ich mich aber von den verhassten Fingerübungen 
fort, um Säbelscheiden, Helme und sonstiges Soldatenspiel- 
werk aus Pappe anzufertigen und unter meine Compagnie 
zu vertheilen, so machte ich ihm und mir bittere Momente. 
Ich hatte doch als Hauptmann meine Pflichten, und es er- 



schien mir ungerecht, .dass ich meine Rotte nicht mit 
neuen Monturen versorgen sollte. 

Unter meinem neuen Musiklehrer, Horzelsky, war ich 
inzwischen (in den Mussestunden, welche der Besuch der 
Teinschule mir übrig liess) zum Studium grösserer Stücke 
vorgeschritten. Der kaum siebenjährige Knabe wagte sich 
sogar an Beethoven's Sonate pathetique. Man denke sich, 
wie er sie spielte, denke sich auch das Beethoven-Fieber, 
das mich damals befiel, und mich antrieb, auch die übrigen 
Hauptwerke des grossen Meisters zu radbrechen. 

Auch diesem Unfug steuerte mein Vater, indem er 
mich zu Dionys Weber führte. „Ich komme zu Ihnen, 
unserm ersten Musiker", redete er ihn an, „um mir auf- 
richtige Wahrheit statt Lobhudelei zu holen, um zu er- 
mitteln, ob mein Junge wirklich so viel Talent hat, dass 
Sie einen tüchtigen Musiker aus ihm machen können I" 

Natürlich sollte ich nun vorspielen, und ich war Stüm- 
per genug, um es mit einigem Stolz zu thun. Die Mutter 
hatte mich in meinen besten Staat geworfen, ich spielte 
mein bestes Stück, Beethoven's Sonate pathetique. Wie 
war ich aber erstaunt, weder durch Bravo's unterbrochen, 
noch mit Lob überschüttet zu werden; ja, wie ward mir 
erst bei Weber's Ausspruch zu Muthe: „Aufrichtig gesagt, 
der Junge ist auf ganz falschem Wege; denn er hudelt 
grosse Werke herunter, denen er nicht gewachsen ist, die 
er nicht versteht. Aber Talent ist da, und ich könnte 
schon etwas aus ihm machen, wenn Sie ihn mir auf drei Jahre 
übergeben und meinen Plan buchstäblich befolgen. Er muss 
das erste Jahr Mozart, das zweite Clementi und das dritte 
Bach spielen, aber nur das — von Beethoven noch keine 
Note; und fahrt er fort, aus Leihbibliotheken zu lesen, so 
sind wir geschiedene Leute." 

Mein Vater ging auf alles ein, und ich bekam auf 
dem Heimwege noch manche goldene Lehre, den nunmehr 
beginnenden Ernst meiner Studien betreffend. Machte ich 
sie gewissenhaft durch, so würde ich Ehre auf mich selbst, 
den Vater und die ganze Familie häufen, hiess es. 

Ich hätte diese weit entfernte Aussicht nur zu gern 



für meinen Beethoven und die stets wechselnden Genüsse 

■ * 

meiner Leihbibliothek hingegeben. Doch war ich nun ein- 
mal aus dem Garten Eden hinausgejagt und musste an- 
fangen, im Schweisse meines Angesichts zu arbeiten. Mein 
Vater hielt strenge Nachfrage bei Weber, aus dessen 
Lectionen er mich meistens selbst abholte, und hatte ich 
ein recht gutes Zeugniss, so war allemal ein Besuch beim 
Conditor meine Belohnung. Weber und sein Zeitgenosse 
Tomaschek standen einander feindlich gegenüber, da 
Ersterer die deutsche, Letzterer die italienische. Richtung 
vertrat. „Wen giebt es denn noch ausser Mozart, Cle- 
menti und Bach?'* meinte Ersterer. „Lauter verrückte 
Narren, die den jungen Leuten die Köpfe verdrehen; der 
Beethoven, geschickt wie er ist, schreibt auch viel tolles 
Zeug, -■- bringt die Schüler auf Abwege". Für Mozart' s Schön- 
heiten konnte er sich mit jugendlichem Feuer begeistern; 
in Bach's geniale Verkettungen ging er gern mit mir ein 
und erklärte sie aus dem Schatze seines theoretischen 
• Wissens. Seine eigenen Compositionen machten kein 
Glück. Es fand sich kein Verleger dafür; er Hess sie auf 
eigene Kosten lithographiren, und so lagen sie sto ssweise 
in seinem Studirzimmer. Als er. anfing, sich über meine 
Fortschritte zu freuen, Hess er sie mich bei den Grafen 
Clam-Gallas und Schlick in seiner Gegenwart spielen; doch 
verschaffte ihnen das eben so wenig Popularität, als meine 
- späteren Bemühungen für ihn in Wien. Tomaschek dagegen 
war ganz verschiedener Ansicht; bekanntlich haben auch 
seine Compositionen nie durchgegriffen. 

Eines Tages, als Weber meinem Vater wiederholt 
versichert hatte: es könne etwas aus mir werden, belohnte 
mich dieser, indem er mich zum ersten Mal in's Theater 
führte. Es wurde der „Achilles" von Paer gegeben, eine 
Oper, die eben damals neu war und in der mir der Trauer- 
marsch besonders wohl gefiel. Ich spielte ihn beim Nach- 
hausekommen richtig nach und entlockte dem guten Vater 
Freudenthränen. Der Opernbesuch, der mir nun öfters ge- 
stattet war, wurde mir eine Quelle der herrlichsten Genüsse. 

Wollte Gott, ich hätte den vortrefflichen, einsichtsvollen 



Vater noch lange besessen! Aber ein Nervenfieber raffte ihn 
plötzlich dahin, und im vierzehnten Jahre stand ich wei- 
nend an seinem Sarge. Die Zeit hat meinen Schmerz ge- 
mildert, nicht aber meine Dankbarkeit und Liebe erkalten 
lassen. Sein Wunsch, meine erste Composition zu hören, 
den er noch wiederholt während seiner Krankheit aus- 
sprach, sollte unerfüllt bleiben; aber sein Tod und die 
wenig günstigen Umstände, in denen er seine Familie zu- 
rückliess, wurden die Ursache meines ersten öffent- 
lichen Auftretens in Prag. 

Weber meinte, ich könne und dürfe nun auf eigenen 
Füssen stehen; er Hess mich das Concert, das ich in Ar- 
beit hatte, beenden, und dann eine musikalische Abend- 

j 

Unterhaltung geben, die mir viel Beifall und einige Sub- 
sistenzmittel eintrug. Die Mutter fand darin den grössten 
Trost. Ein alter Onkel aber behauptete, ich ginge meinem 
Ruin entgegen, würde doch nur zum Tanz aufspielen; ja, 
wäre ich Kaufmann geworden und hätte das Glück mich 
vielleicht nach der reichen Handelsstadt Hamburg geführt, 
wer könnte wissen, ob mir nicht ein grosser Kaufmann 
seine Tochter zur Frau gegeben hätte! Nun, ich bin kein 
„Bierfiedler" geworden, wie der gute Alte mich zuweilen 
auch zu nennen pflegte, bin auch nicht aufs Comptoir ge- 
kommen. Der zweite Theil seines Wunsches aber ist später 
doch in Erfüllung gegangen: ich bin in Hamburg gewesen 
und habe eine Hamburgerin heimgeführt." 

Nicht lange nach dem Tode des Vaters sandte die 
Mutter den kleinen Virtuosen, wie schwer es ihr auch an- 
kommen mochte, auf den Rath der Freunde, nach "Wien, 
wo er sich weiter fortbilden und sich eine selbständige 
Existenz begrüriden sollte. Dankbar gedenkt er der herz- 
lichen Aufnahme und zärtlichen Obsorge , die -er bei den 
Familien Lewinger und Eskeles und im Hause des Italieners 
Artaria fand (der später seine ersten Compositionen ver- 
legte). Weniger liebenswürdig nahm ihn eine Verwandte 
des Eskeles'schen Hauses, Frau v. Pereira auf. 

„Wie die Baronin Eskeles, so gab auch sie grosse mu- 
sikalische Gesellschaften, in denen auch ich mitwirken 



— IO — 

* 

durfte. Die Tochter des Hauses hatte bei Streicher Un- 
terricht gehabt, beide — Lehrer und Schülerin — bil- 
deten sich ein, sie allein seien die echten und rechten 
Clavierspieler. Frau von Pereira rieth mir, ihre Tochter 
recht oft zu hören, und von ihr zu lernen, dann aber auch 
bei Streicher Lection zu nehmen. Ersteres erschien mir 
ihrerseits anmassend, letzteres meinerseits undankbar. Ich 
hatte meinem Weber so viel zu verdanken; nun sollte ich 
als Ueberläufer zu einer anderen Fahne schwören? Das 
konnte ich nicht. Nein, ich wollte auf der Grundlage, die 
Weber so mühsam zusammengetragen, allein weiter bauen, 
Alles hören und prüfen, mir das Gute nach besten Kräften 
aneignen, aber immer sein dankbarer Schüler bleiben." 

So unterliess er denn nicht, Streicher aufzusuchen, 
und gern bekennt er, dass er manches von ihm gelernt 
habe, ohne sich jedoch an seine Vorträgsweise zu binden. 
Ebenso ging er aber auch in die musikalischen Abend- 
unterhaltungen der namhaftesten Dilettantinnen, an denen 
damals die Wiener Gesellschaft reich war. Viele dieser Damen 
waren trefflich geschult und hatten an Zartheit und Aus- 
druck im Anschlag gar manche Vorzüge vor dem jungen 
Moscheies voraus, die dieser bescheiden anerkannte und schon 
nach kurzer Zeit ihnen abzulauschen wusste. Gleichzeitig 
studirte er eifrig die Theorie der Musik beim Domkapell- 
meister Albrechtsberger', der ihm zum Schluss folgendes 
curiose Zeugniss ausstellte: 

ATTESTATUM. 

Endesunterschriebener bezeuget hiermit, dass der Ignatz 
Moscheies durch einige Monate bei mir die Musikalische Satz- 
kunst so gut erlernet habe, dass er im Stande ist (indem er 
auch auf 4em Fortepiano und auf der Orgel meisterlich 
spielt) sein Brod mit beyden Künsten überall zu verdienen. 

Und da er jetzt Willens ist Reysen zu machen, so 
finde ich's für billig ihn aller Orten bestens anzuempfehlen. 

Wien den 28. September 1808. 

(Siegel.) Georgius Albrechtsberger, 

Kapellmeister in der Domkirche 

zu St Stephan* 



* 



„Es versteht sich von selbst" (fahrt Moscheies fort), 
„dass der grosse Beethoven der- Gegenstand meiner heilig- 
sten Verehrung war. Bei meiner hohen Meinung von ihm 
konnte ich es nicht begreifen, wie die (eben erwähnten) 
Damen der Wiener Gesellschaft den Muth fanden, ihn zu 
ihren musikalischen Vorführungen einzuladen und ihm 
seine Compositionen vorzuspielen. Ihm muss es aber ge- 
fallen haben; denn er war damals oft in solchen Abend- 
unterhaltungen anzutreffen. Sein unseliges Gehörleiden 
mochte ihm schon damals das Selbst spielen verkümmern , 
und so vertraute er diesen Frauenhänden seine neuen Com- 
Positionen an. Wie erstaunte ich aber erst, als ich eines 
Tages beim Hofkapellmeister Salieri, den ich nicht zu 
Hause traf, einen Zettel auf dem Tische liegen sah, auf 
welchem in Lapidarschrift zu lesen war: „Der Schüler 
Beethoven war da!" Das gab mir zu denken. Ein Beet- 
hoven kann noch von einem Salieri lernen? Um wieviel 
mehr ich. Salieri war der Schüler und wärmste Verehrer 
Grluck's gewesen, nur Mozart und seine Werke wollte er 
nicht gelten lassen, das wusste man. Aber dennoch ging 
ich zu ihm, wurde sein Schüler, auch drei Jahre lang sein 
Adjunct in der Oper, und erhielt dadurch die Befugniss, 
alle Theater unentgeltlich zu besuchen. Es war ein heite- 
res vielbewegtes Leben in dem lieben Wien." 



ZWEITER ABSCHNITT. 

WIEN. 



(1814— 1816.) 



1814. 

Das Tagebuch, das am i. April 1814 beginnt, führt 
uns in ein fröhlich angeregtes, schaffenslustiges Leben ein. 
Der nunmehr zwanzigjährige Jüngling hilft sich bereits 
selbständig fort und erntet, zu grösseren Gesellschaften 
und öffentlichen Aufführungen hinzugezogen, seine ersten 
Lorbern als Virtuos wie als Componist. 

Am 8. April hört er zum ersten Mal Meyerbeer, der 
ein von ihm selbst componirtes Rondo vorträgt. „Ganz 
überzeugt von seiner Virtuosität, war ich dennoch begierig, 
welchen Effect sein Spiel in einer gemischten Gesellschaft 
machen würde, und bemerkte, dass Stellen, die vielleicht 
nicht verstanden wurden, doch grosses Staunen erregten, 
hauptsächlich wegen der so sehr gewagten Schwierig- 
keiten und der so sicheren Ueberwindung derselben." 

Am 10. April trifft die Nachricht von der Einnahme 
von Paris ein. Das Tagebuch verzeichnet den grossen 
Jubel, den diese Kunde in der Kaiserstadt hervorruft. 
Bas Volk durchzieht in erregter Stimmung, Volkslieder 
singend, die Strassen. 

n. April. „In einer musikalischen Unterhaltung im 
Römischen Kaiser in der Mittagsstunde ein neues Trio 
von Beethoven in B-dur gehört, von ihm selbst ge- 
spielt. Bei wie vielen Compositionen steht das Wörtchen 
„neu" am unrechten Platze! Doch bei Beethoven 's Com- 
positionen nie, und am wenigstens bei dieser, welche 
wieder voll Originalität . ist. Sein Spiel, den Geist ab- 
gerechnet, befriedigte mich weniger, weil es keine Rein- 
heit und Pracision hat ; doch bemerkte ich viele Spuren 



eines grossen Spieles, welches ich in seinen Compositionen 
schon längst erkannt hatte." 

Das grosse Ereigniss, die Befreiung Deutschlands 
durchzittert auch das sorglose Wiener Völkchen und nicht 
nur seine Dichter, sondern auch die Musiker wetteifern in 
seinem Preise. Spohr schreibt sein „befreites Deutschland", — 
Hummel besingt die Rückkehr des Kaisers,« — Moscheies 
schreibt den „Einzug in Paris", später eine Sonate: „Die 
Rückkunft des Kaisers". Die jüdische Gemeinde, zu 
welcher er damals noch gehörte, bestellt bei ihm für 
diese Gelegenheit eine Cantate, welche mit grossem Pomp 
aufgeführt wird. Später, während des Wiener Con- 
gresses, überarbeitete er dieses Werk für die Zöglinge 
des Guntz'schen Institutes, die es in Gegenwart des Hofes 
und der fremden Monarchen „vortrefflich aufführten". 
Ausserdem schreibt er im Laufe dieses Jahres sechs 
Scherzo's, Variationen über ein Händersches Thema, sein 
vierhändiges Rondo in A-moll, Menuett's und Trio's für 
Artaria's Sammlung von Nationaltänzen, mehrere öster- 
reichische Ländler u. s. w. Um diese Zeit entsteht ferner 
die Polonaise in Es, — eine Sonate für Ciavier und Violine, — 
eine andere für Ciavier und Fagott, die er für den vor- 
trefflichen Fagottisten A. Romberg schreibt und häufig 
mit ihm zusammen vorträgt, endlich das Thema der So- 
nate melancholique, von ihm selbst, sowie von Kunstkennern 
als eines seiner besten Werke genannt. Dieses Thema 
steigt ihm in einer Lection auf, die er der Gräfin Haug- 
witz giebt, und wird mit besonderer Lust verarbeitet, wie 
mehrere Notizen im Tagebuch besagen. Dort ist auch 
seine Schülerreihe verzeichnet, die nun schon aus Grafen 
und Fürsten besteht und gegen Ende des Jahres so gross 
ist, dass er jede Vermehrung derselben ablehnen muss. 

Die zahlreichen glänzenden Gesellschaften, zu denen 
er geladen wird (beim Fürsten Esterhäzy, beim Grafen 
Palffy, beim Erzherzog Carl u. s. w.) halten ihn nicht vom 
Arbeiten ab. Er sucht die versäumte Zeit wieder ein- 



zubringen, indem er bis 2, auch bis 3 Uhr Morgens com- 
ponirt. „Schon um 7 Uhr eröffnen englische Lectionen 
das Tagewerk und nie werden die Clavier-Exercitien ver- 
säumt, auch Violinstudien nehmen Zeit in Anspruch." 
Dabei ist er ewig unzufrieden mit seinen Leistungen. 
„Heute wurde ich viel gelobt, besonders vom Grafen P., 
der sich enthusiasmirte, aber ich war nicht mit mir zu- 
frieden." Und wieder: „Die Gesellschaft war entzückt, 
aber ich nicht, es muss noch viel besser werden," und 
ein ander Mal: „Ich liess mich nicht zum Spielen bereden, 
denn ich hätte heute nichts Tüchtiges geleistet und immer 
bereue ich es hinterher, wenn ich ohne Lust spiele." 

Am glücklichsten fühlte sich Moscheies in dem heite- 
ren ungezwungenen Künstlerkreise der Familie Lewinger in 
Dornbach bei Wien. Dorthin.kamen Salieri, Meyerbeer, Hum- 
mel und andere Freunde, dort wurden „an göttlich schönen 
Abenden Spaziergänge unternommen, spater Tableaux ge- 
stellt oder allerlei Kindereien componirt und sogleich auf- 
geführt". 

Um dieselbe Zeit tritt er in nähere Berührung mit 
Beethoven. „Es ist mir der Antrag gemacht, den Ciavier- 
auszug des Meisterwerks Fidelio zu bearbeiten. Was kann 
erwünschter sein?" 

Nun finden wir wiederholte Tagebuchnotizen, wie er 
zwei und wieder zwei Stücke zu Beethoven brachte, der sie 
durchsah; und dazu abwechselnd die Bemerkung: „er än- 
derte wenig" oder „er änderte nichts", auch wieder „er 
vereinfachte" oder „er verstärkte." 

Einmal heisst es: „Als ich früh zu Beethoven kam, 
kg er noch im Bette; er war heute besonders lustig, 
sprang gleich heraus und stellte sich, so wie er war, an 's 
Fenster, das auf die Schottenbastei ging, um die arrangir- 
ten Stücke durchzusehen. Natürlich versammelte sich die 
liebe . Strassenjugend unter dem Fenster, bis er ausrief: 

„Die verd n Jungen, was sie nur wollen?" Ich deutete 

lächelnd auf ihn. „Ja, ja, Sie haben recht", rief er jetzt 
und warf rasch einen Schlafrock über. 

Als wir an das grosse letzte Duett „Namenlose Freude" 

Mowheles* Leben. 2 



— i8 — 

kamen und ich den Text „Ret-terin des Gat-ten" unter- 
gelegt hatte, strich er es aus und schrieb „Rett-erin des 
Gatt-en;" denn auf t könne man nicht singen. Unter das 
letzte Stück hatte ich „fine mit Gottes Hülfe" geschrieben. 
Er war nicht zu Hause, als ich es hintrug; und als er es 
mir zurückschickte, stand darunter: „„0 Mensch hilf dir 
selber."" Am 29. November heisst es: „In Beethoven's 
Concert in der Mittagszeit im grossen Redoutensaal. Er 
gab seine herrliche A-dur- Symphonie, die Gelegenheits- 
cantate „Der glorreiche Augenblick" und „Die Schlacht 
bei Vittoria" — Alles seiner würdig," 

Im Winter wird Moscheies der Auftrag, die Carroussel- 
musik bei Anwesenheit der fremden Monarchen zu schreiben. 

r 

„Die Reitschule war bei festlicher Beleuchtung durch mittel- 
alterliche Verzierungen zu einer Art von Kamptbahn um- 
geschaffen. "Vierundzwanzig Turnier ritter machten ihre 
Sache vortrefflich und ihre Damen waren prachtvoll co- 
stümirt. So viel Schmuck sah ich noch nie vereinigt." 

Die classischen Schuppanzigh'schen Quartettaufführungen 
werden natürlich regelmässig von Moscheies besucht, und 
jedes mal rühmt er die vortreffliche Ausführung, besonders 
der Beethoven'schen Quartette. Einmal heisst es: „Ich 
sass neben Spohr, wir tauschten unsere Meinungen über das 
Gehörte aus; Spohr sprach mit vielem Eifer gegen Beet- 
hoven und seine Nachahmer." 

Das Heranrücken des Congresses begleitet das Tagebuch 
mit Notizen über den Einzug der Monarchen, die stets vom 
Kaiser und seinem Hofstaat empfangen werden; eine enthu- 
siastische Volksmenge geleitet sie, und unter dieser Moscheies 
mit seinen jungen Freunden, mitunter bis zwei und drei Uhr 
Morgens. Erst kommt der König von Würtemberg in 
Wien an, dann der von Dänemark, endlich der König von 
Preussen und der Kaiser von Russland, zu deren Be- 
grüssung das Regiment Hiller einen von Moscheies com- 
ponirten Marsch spielt. „Der Anblick des Burgplatzes wird 
mir unvergesslich bleiben, die kaiserliche Familie an den 
Fenstern, unten die fremden Monarchen und Alles in 
grösster Gala. Abends im Theater war es noch brillanter, 



— 19. — 

^"Alle waren dort versammelt, grosser Jubel und festliche 
Beleuchtung. Man gab das Ballet „Zephyr und Flora" 
mit den aus Paris verschriebenen Tänzern**. 

Einige Tage spater ist Hof-Redoute für die Fremden. 
„Sie war in der grossen Reitschule, diese aber mit dem 
grossen und kleinen Redoutensaal in Verbindung gesetzt; 
letzterer zu einem Garten umgeschafFen , die Beleuchtung 
tageshell. Plötzlich trat unser Kaiser allein in schlichter 
Kleidung ein, sich wie ein Hausvater umschauend, ob 
Alles für die hohen Herrschaften bereit sei. Dann er- 
schienen sie, die Monarchen meist in Uniform. Ich sah 
Alle und Alles und blieb bis drei Uhr Morgens". 

Zwei Tage später berichtet das Tagebuch über das 
Volksfest im Augarten: „Das Schönste war der Stephans- 
thurm im Feuerwerk, dann der künstliche Regenbogen 
die Nachahmungen des Brandenburger Thores und der 
russischen Kanonensäule. Eine der Festvorstellungen war 
die „Vestalin" von Spontini, eine andere Rossini's „Mos6". 
Auch in Schönbrunn war Volksfest und im dortigen 
Theater ward für die Monarchen „Johann von Paris" ge- 
geben. Die Orangerie war köstlich beleuchtet, der Tem- 
pel der Flora ausserordentlich schon." 

Am 16. October wird in der Reitschule der Händel'sche 
Samson aufgeführt. „HändePs Samson", ruft Moscheies 
mit jugendlichem Enthusiasmus aus, „der mir immer die 
Seelenkräfte stärkt. Das erste Mal zerschmolz ich bei 
seinem Anhören ganz in Wonne, seitdem habe ich jede 
Probe und Aufführung des Meisterwerks gehört und mich 
immer von 'neuem daran erquickt". 

Auch mancher tolle Streich wurde verübt, manch 
heiterer Schwank in Scene gesetzt mit den Kunstbrüdern 
Merck und Giuliani, den Dichtern Castelli und Carpani und 
anderen lustigen Gesellen. Förderlich wirkte Meyerbeer's 
Umgang auf seine künstlerische Entwickelung ein, mit 
dem er damals viel zusammen spielte und den er nicht 
müde werden kann, zu bewundern. Ein Mal über das 
andere heisst es: „Seine Bravour ist unerhört. Sein Spiel 
ist unübertrefflich. Ich bewundere seine ganz eigene Art, 

2* 



■ 



das Instrument zu behandeln." Stundenlang sassen sie - 
phantasirend und improvisirend zusammen vor einem In- 

m 

strument; so entstand eine „Punscheinladung" und andere 
Duette. Schwer wurde es natürlich Moscheies, sich von 
Meyerbeer zu trennen, als dieser sich endlich anschickte, 
Wien zu verlassen. Meyerbeer war damals in einem Ueber- 
gangsstadium. Er fing an, sich der dramatischen Musik 
zuzuwenden, schrieb eine Operette für Berlin und ging 
bald darauf nach Paris, wo sich die Richtung seines Ta- 
lents dauernd entschied. 

Noch mancher anderen Künstler und Virtuosen, die 
in den zahlreichen Öffentlichen und Privatconcerten mit- 
wirkten, erwähnt das Tagebuch in diesen letzten Monaten 
des Jahres 1814; aber nur wenige Namen sind darunter, 
die ihren damaligen Klang bis auf den heutigen Tag be- 
wahrt haben. 



1815. 

Das neue Jahr beginnt , wie das alte geendet. 
Das Tagebuch wimmelt von Notizen über Öffentliche und 
private Musikaufführungen, die aus Anlass des Congresses 
meist in sehr grossem Stile und mit mannigfaltigen und 
bedeutenden Kräften in Scene gesetzt werden. Fast überall 
ist Moscheies dabei, theils anregend und unterweisend, theils 
auch selbst mitwirkend. 

Das Wichtigste und für Moscheies Folgenreichste im er- 
sten Monat dieses Jahres bleibt aber wol sein Besuch bei 
der Stiftsdame Gräfin Hardegg. 

„Sie liess mich rufen", berichtet er, „um mich zu fra- 
gen, ob ich am Aschermittwoch in einem Concert für die 
Wohlthätigkeits- Anstalten spielen wolle. Ich spürte nicht 
viel Lust, weil ich kefne neuen Compositionen hatte, aber 
sie Hess nicht nach. „„Machen Sie schnell etwas, Mosche- 
les, aber recht brillant."" Ja, aber was? Endlich wurde 
ausgemacht, ich sollte Variationen über den Marsch schrei- 



— 21 — 

ben, welchen das dem Kaiser Alexander von Russland 
zugewiesene Regiment spielte." 

Er beginnt sie am 29. Januar — am 5. Februar sind sie be - 
endet. Es sind dies eben dieselben Alexander- Variationen, 
von denen es durch viele Jahre hiess, nur Moscheies könne 
sie spielen, und die in Wien wie auf Kunstreisen seiner 
Bravour die Krone aufsetzten. Es gab gewisse Stellen 
darin, bei denen noch 20 Jahre später ein Zug von Er- 
staunen und Entzücken durch das Auditorium ging; ja, 
als er selbst sie gern „in eine dunkle Ecke gesperrt" hätte, 
damit man „so ein jugendliches Machwerk" vergesse, wur- 
den sie ihm noch abverlangt, und wer sie in den zwan- 
ziger Jahren gehört, der wollte sie in den vierziger Jahren 
wieder hervorgesucht haben. 

Das "Tagebuch berichtet am 8. Februar: „Heute, 
Aschermittwoch, hatte ich Probe zur Aufführung meiner 
Alexander- Variationen im Kärntnerthor-Theater; sie gingen 
gut mit dem Orchester zusammen und hatten schon da viel 
Beifall. Abends spielte ich sie in der Akademie, welche 
die adeligen Frauen zum Besten der Wohlthätigkeits- An- 
stalten gaben; die verbündeten Monarchen waren zugegen. 
Die Variationen wurden mir unerwartet gut aufgenommen ; 
sie scheinen in dieser Akademie am meisten Gunst ge- 
funden zu haben." 

In einem Concert, das er am folgenden Tage im Ver- 
ein mit Hummel gibt, ist die Grossherzogin von Weimar 
zugegen; sie sagt ihm viel Freundliches über sein Spiel 
• und seine Compositionen und muntert ihn auf, nach Wei- 
mar zu kommen. Weit mehr aber freut ihn, dass Salieri 
sein Concert besucht und mit seinen Leistungen zufrieden 
war. Wie anhänglich Mosch eles diesem Meister war, be- 
weist eine spätere Notiz des Tagebuchs: „Mein geliebter 
Lehrer Salieri schwebt heute in grosser Gefahr; er hat 
eine Lungenentzündung. Gott gebe, dass seine Krankheit 
eine glückliche Wendung nehme!" Nach mehreren Tagen 
der Besorgniss darf er ihn endlich sehen, aber noch nicht 
sprechen, und dann folgt die Freude über seine Wieder- 
herstellung. 



22 



Das lustige Wien fährt fort, die fremden Monarchen zu 
unterhalten. Glänzende Auffahrten zu Wagen und Schlitten 
wechseln mit Concerten, Theateraufführungen und Maskera- 
den, Moscheies betheiligt sich hier und dort, und findet bei 
allem „Studiren, Componiren und Lectionisiren" noch Zeit, 
lustige Abendstunden im Freundes verkehr zu verbringen. 

Kam irgend eine neue Composition heraus, so wurde 
sie von den jungen Künstlern sofort in Beschlag genom- 
men, gehört, probirt, durchgesprochen. Leider begnügt 
sich das Tagebuch, gerade in Betreff der bedeutendsten 
Sachen mit einer kurzen Notiz. Beethoven's erhabene Grösse, 
Spohr's Meisterschaft standen ihm und den Genossen so 
fest, dass sie ihm keines Commentars zu bedürfen schienen. 

In ähnlicher Weise verläuft der Sommer in stetem 
Wechsel zwischen strenger Arbeit und fröhlicher Unge- 
bundenheit. Ein Ausflug jagt den andern. Eines selt- 
samen Concertes wird am 7. Mai erwähnt. Sie hatten 
einen Spaziergang hinaus nach Mödling (bei Wien) ge- 
macht. Moscheies arrangirte im Freien die Tafelmusik. 
„Um Alles ins Feuer zu bringen, nahm ich dem Pauker 
die Schlägel aus der Hand, donnerte und wirbelte, wähf 
rend die Violinen zwitscherten, die Clarinetten dudelten, 
die Trompeten schmetterten, der Bass brummte. Alles 
das zusammen machte ein merkwürdiges Ganzes." 

Nicht immer ist die aufgeregt heitre Laune ohne 
Reaction; dem Tagebuche vertraut Moscheies an, dass 
er „übel aufgelegt, lieber die Gesellschaft verliess, um sich 
keine Blosse zu geben." Häufig wiederholt sich auch die 
Bemerkung: „Gespielt und gefallen, nur mir nicht." Dann 
arbeitet er nur um so fleissiger, und das Bewusstsein ste- 
tigen Fortschrittes und der fast immer ungetrübte Verkehr 
mit den Freunden ermuntert ihn. 

Die Composition seiner Es-dur-Polonaise, spater das 
letzte Stück des Es-dur-Concerts , beschäftigt ihn; aber 
schon als sie probirt wird, klagt er über die nicht rein 
gestimmten 3 Pauken (es, b, ces) und diese Klage wieder- 
holt sich fast bei jeder Aufführung, auch. in späteren 
Jahren, so dass endlich im Jahr 1832 Mendelssohn sie in 



i 

— 23 — 

einen Scherz verflicht, mit dem Bemerken: „Respect, sie 
sind eingestimmt!" Kaum ist die Polonaise beendet, so 
beginnt er sein Sextett. In späteren Jahren pflegte er zu 
erzählen, wie es ihn damals gedrängt habe, etwas in der 
Art des Hummerschen Septetts zu schreiben. Doch endete 
er stets. mit der Bemerkung: „Mein Bestreben blieb aber 
eine leichte Jugendarbeit, mit dem Septett nicht zu ver- 
gleichen." 

Von Interesse sind die Notizen, die das Tagebuch 
hier über die damals üblichen Serenaden („Nachtmusiken") 
einflicht. Graf Palffy gab in diesem Winter deren sechs 
(im botanischen Garten). Als Mitwirkende sind ausser 
Moscheies Mayseder, Merck, Giuliani und Hummel genannt. 
Gleich bei der ersten sind zugegen die Kaiserin Marie 
Louise, die Erzherzöge Rainer und Rudolf u. s. w. und 
das Programm enthält ein Arrangement der Ouvertüre zu 
Fidelio (die Hauptstimmen von Moscheies und Mayseder), 
Sonate von Beethoven mit Horn (Moscheies und Radezki), 
Polonaise von Mayseder, Rondo von Hummel mit Quartett- 
Begleitung, gespielt von Mosch eles. Dazwischen lustige 
Jodler, die aus den Gebüschen hervorkiangen und ein 
noch lustigeres Souper. Die übrigen fünf Serenaden, die 
sich bis in den September hinein vertagen, sind nicht 
minder interessant. Dazwischen liegt noch eine für die 
Kaiserin Marie Louise veranstaltete, und wohl ein halbes 
Dutzend, welche Privatleute den Ihrigen zu ihren Namens- 
tagen geben. 

Während eines Ausflugs nach Dornbach treibt ein Ge- 
witter Alles ins Haus zurück, und Moscheies soll spielen, um 
die Gesellschaft für den Spaziergang zu entschädigen. „Ich 
improvisirte", sagte er, „aber mit den Elementen im Verein, 
denn bei jedem Blitz brachte ich mein Spiel zu einer Fer- 
mate, die den Donner selbstständig auftreten liess." 

Dass er dann im Herbst und Winter das Theater 
wieder fleissig besuchte und namentlich die Oper so regel- 
mässig wie möglich, versteht sich von selbst. Aber auch 
auf andern Feldern sah er sich nach Anregung um. Von 
Oehlenschlägers Correggio heisst es um diese Zeit im Tage- 



I 



\ 

I 



— 24 — 

buch: „Es wird so viel Schönes in Bezug* auf Maler und 
Malerei darin gesagt, dass ich mir es Alles für meine 
Kunst übersetzte, um es mir bleibend einzuprägen." 

In den Herbst fallt ein vierzehntägiger Besuch der 
Mutter, der er sich ganz widmet, um nach deren Abreise, 
beim Nahen des Winters, das alte arbeitsvolle und lustige 
Leben von vorn zu beginnen. 



1816. 

In diesem Jahre spinnt sich unser Künstlerleben in der 
Hauptsache, wenige Unterbrechungen abgerechnet, in der 
geschilderten Weise thätig und heiter fort. Zu diesen Un- 
terbrechungen gehört zunächst eine Reise nach seiner 
Vaterstadt Prag, wo er glänzend aufgenommen wird und 
ein Concert für die Armen giebt, das eine Einnahme von 
2400 Gulden liefert. Von da begab er sich nach Pesth, 
wo er unter grossem Zuspruch und Beifall mehrere Con- 
certe veranstaltete, alte Freunde vorfand und neue Ver- 
bindungen anknüpft. Die Bat thyanyi 'sehe und andere Adels- 
familien luden ihn auf ihre Landsitze ein, ' und er kann 
den Kunstsinn und die Gastfreundschaft dieser Leute 

+ 

nicht genug rühmen. Hieran schloss sich später eine 
Reise nach Steiermark, über welche das Tagebuch leider 
sehr wortkarg hinweggeht. 

Kaum nach Wien zurückgekehrt, lebt er sich rasch 
in das frühere Treiben wieder ein. Er verkehrte damals 
fleissig in der „Ludlamshöhle" , einer Künstlerkneipe, in 
der Dichter, Musiker, Maler und Schauspieler sich noch 
spät am Abend zu zwangloser Unterhaltung zusammen- 
fanden und in der beim Klang der Gläser manch lustiger 
Schwank ausgeführt wurde. Jedes Mitglied hatte seinen 
Spitznamen: Castelli hiess „der Höllenzote", der Schau- 
spieler Schwarz, ein sehr starker Raucher, war „Rauchmar, 
der Zigaringer" benamst, und Moscheies selbst, wegen 
seiner Vorliebe für Kalbsfüsse , die er öfters dort als 



Abendbrot verzehrte, „Tasto der Kälberfuss". Tasto com- 
ponirte der lustigen Gesellschaft einen Chor, in den alle 
diese Namen verflochten waren, und noch in späten Jahren 
erinnerte er sich mit lebhafter Freude der glücklichen 
Stunden, die er in diesem Kreise verlebt. 

Inzwischen war Moscheies in seiner Kunst durch an- 
haltendes Studium und durch bescheidenes Aufmerken auf 
die Vorzüge Anderer zu immer grösserer Sicherheit und 
Fertigkeit gelangt, sodass sich unter den Pianisten, wie 
das so oft geschieht, bald zwei Parteien bildeten, deren eine 
Hummel, die andere Moscheies den Vorzug gab. Glaub- 
würdige Zeitgenossen meinen, HummeFs Legato sei da- 
mals noch. nicht von Moscheies erreicht worden; Hummel 
habe „Sammet unter den Fingern gehabt, von dem sich 
seine laufenden Passagen gleich Perlenschnüren abrollten", 
wogegen Moscheies durch eine übersprudelnde Bravour 
und den jugendlichen Enthusiasmus seines Spiels Alles 
unwillkürlich mit sich fortgerissen habe. Unter beiden 
Künstlern selbst fand keine Rivalität statt. Wir haben 
gesehen, wie Moscheies das Hummel'sche Septett seinen 
eigenen Compositionen dieser Art voranstellte. Umgekehrt 
gab Hummel Moscheies Zeichen der aufrichtigsten An- 
erkennung. Beim Antritt einer Kunstreise vertraute er 
ihm einen Schüler, auf den er grosse Stücke hielt, zum 
Unterricht an, der denn auch unter Moscheies' Leitung 
rasche Fortschritte machte und bald mit grossem Erfolg 
vor die Oeffentlichkeit trat. Noch vieler anderer Künstler 
und seines Zusammenlebens mit ihnen erwähnt Moscheies 
(Czerny*), Reichardt u. a,), fügt aber einmal hinzu: „Wir 
Musiker, wie wir auch heissen mögen, sind doch nur kleine 
unscheinbare Trabanten, Beethoven allein das grosse blen- 
dende Himmelslicht." — In diese Zeit fallt auch die Com- 
positum seiner vierhändigen Es-dur Sonate, die er dem 



) Von Czerny sagt das Tagebuch: Niemand hat es wohl besser ver- 
standen, die schwächsten Finger zu stärken und in heilsamer Tongymnastik 
die Studien zu erleichtern, ohne den Geschmack zu vernachlässigen, als 
eben dieser Componist. 



Erzherzog-Cardinal Rudolf dedicirte, der sie mit Moscheies 
gut vom Blatt spielte. 

Ein Concert verdrängt das andere; sie alle aufzuzählen 
erlasse uns der Leser. Bei einem Concert, das er selbst 
gab, erwähnt Mosch eles der Schwierigkeiten, die ihm die 
Censurbehörde in den Weg legte. Ja, die Censur er- 
streckte sich auch auf die Concertzettel. War irgend ein 
verpönter Liedertext, ein aufregender Titel (wie etwa 
„Freiheitsmarsch' 1 ) darauf zu lesen, so passirte er nicht. 
Moscheies' Ruf ist im Aufsteigen. Trotz der Huldi- 
gung, die ihm von vielen Seiten in Wort und That 
entgegenkommt, lässt er im Eifer nicht nach und be-: 
treibt nach wie vor seine Studien in regelmässigem 1 
Gleichmaasse fort. Dem Drängen seiner Freunde, sein 
Glück nun auch in der weiten Welt zu versuchen, setzte 
er anfangs Widerstand entgegen. Kein Wunder! Er 
fühlte sich so behaglich in seinem Wien, wo er sich von 
Freunden umgeben und von der Gunst des Publikums ge- 
tragen sah. Während seine hohen Gönner und Gönnerin- 
nen in Wien nichtsdestoweniger alles in Bewegung setz- 
ten, um ihm eine grössere Kunstreise zu ermöglichen und 
alle entgegenstehenden Hindernisse aus dem Wege zu 
räumen, folgte er vorläufig einer Einladung nach Prag, 
wo er ein fröhliches Wiedersehen mit den Seinen feierte. 

„Wie es prächtig ist",' schrieb er ins Tagebuch, „wieder 
mit Mutter und Schwestern zu sein, und wie gern ich 
ihnen vorspiele! So hört doch Niemand zu, wie die. 1 * 
Und ein andermal: „Heute trieb ich wieder die alten Kin- 
derspasse mit den Schwestern, wir waren recht ausge- 
lassen; ich glaube die Mutter hat es gern." Aber auch 
dem noch immer treu verehrten Lehrer Dionys Weber, 
wie nicht minder dessen früherem Rivalen Tomaschek, 
Kunstbrüdern und Freunden, die sich um ihn schaarten, 
musste er vorspielen und Alle waren von seinen Fort- 
schritten freudig überrascht. Alle Familien, die den 
Knaben gekannt und Hoffnungen auf seine Zukunft ge- 
setzt, zeigten ihm durch ihre herzliche Aufnahme, wie sie 
den fortgeschrittenen Jüngling ehrten und sich selbst 



— 27 — 

durch ihn geehrt fühlten. Ausflüge aufs Land führten 
manchen neuen Erfolg, manches neue und erheiternde 
Abenteuer mit sich, und endlich folgte er der Einladung 
der gräflichen Familie Wallis , den Sommer mit ihr ' in 
Karlsbad zuzubringen. 

Karlsbad war in jenem Sommer der Sammelpunkt 
einer glänzenden Gesellschaft von Fürsten und hohen 
Adeligen, bedeutenden Staatsmännern und Künstlern. Dort 
waren ausser König Friedrich Wilhelm III. von Preussen 
Hardenberg und Gneisenau, Wittgenstein, Rostopschin 
u. A. Der preussische, Österreichische und russische Adel 
überbot sich in glänzenden Festen und dabei gab es die 
angenehmste Mischung der Stände, da sich die hohen 
Herrschaften gern um die Künstler gruppirten und mit 
ihnen Musik machten. Die russische Baronesse Lunin 
sang vortrefflich und Fürst Galizin, der sich der Compo- 
sition ergeben hatte, coroponirte ihr Romanzen, die Mo- 
scheies revidirte und ihr beim Vortrag am Ciavier be- 
gleitete. Moscheies machte auch hier namentlich mit 
seinen Alexander- Variationen und seinen Phantasien Fu- 
rore. Die Zeichen der Anerkennung, die ihm von allen 
Seiten entgegengebracht wurden, und die Gastfreundschaft» 
der er überall begegnete, ermunterten ihn, und oft hat er 
sie in späteren Jahrzehnten gepriesen, im Gegensatze zu 
der Nüchternheit und Gleichgültigkeit, mit der man in 
unseren Tagen aufstrebenden Talenten entgegenzukommen 
pflegt. *) 



*) In Karlsbad war es auch, wo Robert Schumann zum ersten 
Male den Pianisten Moscheies hörte und hier einen unvergesslichen, seine 
Laufbahn mit bestimmenden Eindruck erhielt. R. Schumann sagt in 
einem Brief an Moscheies darüber Folgendes: 

„Freude und Ehre haben Sie mir bereitet durch die Widmung Ihrer 
Sonate (Opus 121, für Pianoforte und Violoncello); sie gilt mir zugleich 
als eine Ermunterung meines eigenen Strebens, an dem Sie von jeher 
freundlich Antheil nahmen, Als ich, Ihnen gänzlich unbekannt, vor 
mehr als dreissig Jahren in Karlsbad mir einen Concertzettel , den Sie 
berührt hatten, wie eine Reliquie lange Zeit aufbewahrte, wie hätte ich da 
geträumt von so berühmtem Meister auf diese Weise geehrt zu werden. 
Nehmen Sie meinen innigsten Dank dafür!" 



1 



— 28 — 

Von Karlsbad wurde ein Abstecher nach Eger ge- 
macht. Moscheies sah das Haus, worin Wallenstein er- 
mordet worden, ebenso die alte verfallene Veste mit ihren 
merkwürdigen Säulen, endlich das „Mordgässchen", wo in 
den Zeiten der Finsterniss alle Juden bis auf die Familie 
Seligsberg, deren Nachkommen noch dort wohnten, grau- 
sam geschlachtet worden waren. Von hier gings nach 
Franzensbrunn und Mariakulm, ein Punkt, an den sich ro- 
mantische Erinnerungen knüpfen. 

Nach Karlsbad zurückgekehrt, findet er die Stadt 
noch in dem Festjubel, dessen Mittelpunkt der König 
von Preussen und seine Umgebung ist. Er betheiligt 
sich noch hier und dort und nimmt dann überall Ab- 
schied, um nach Wien zu eilen. Auch dort machte er 
die Runde bei den Freunden und rüstete sich zu der 
grossen Reise, zu der er sich inzwischen endlich entschlossen 
hatte. Die Gräfin Hardegg und andere Freunde versehen 
ihn mit Empfehlungen an jeden Hof, dessen Residenz er be- 
rühren wird, an jede diplomatische oder kunstliebende Grösse. 
Das Haus Eskeles führt ihn in die Banquierwelt ein. Und 
es sind keine kalten förmlichen Briefe; nein, Jedem wird 
der junge Mann besonders ans Herz gelegt, sein Talent 
sowie seine Persönlichkeit ins glänzendste Licht gesetzt, 
seine Erfolge als unzweifelhaft hingestellt. In jener Zeit 
aber hatten Empfehlungsbriefe noch ihre Geltung, und so 
erklärt sich zum Theil das Glück, das Moscheies überall- 
hin begleitete. Man nahm ihn zuerst auf Treu und Glau- 
ben an, dann kamen seine Kunstleistungen und seine 
anspruchslose Persönlichkeit hinzu, und machte den frem- 
den Empfohlenen zum gerngesehenen Gast, zum Haus- 
freunde, oft zum Busenfreund fürs Leben. 

Folgen wir nun Moscheies auf diesen Wanderungen, 
die seinen Künstlernamen bald weit hinaustrugen und zu 
einem europäischen machen sollten. 



DRITTER ABSCHNITT. 

KUNSTREISEN. 

> 1816— 1821. 



Im Herbste 1816 verlässt Moscheies Wien, indem er 
der „schönen Kaiserstadt" noch einmal ein wehmüthiges 
Ade in seinem Tagebuche zuruft und begibt sich über 
Prag zunächst nach Leipzig. Er fahrt mit einem sogenann- 
ten Hauderer und notirt einige Stossseufzer über die schlep- 
pende Langsamkeit der Fahrt. Weder die Reiselectüre, 
noch eine stumme Claviatur, die er mit sich führt, um seine 
Finger wenigstens zum Schein zu beschäftigen, vermögen 
seine Ungeduld zu massigen. Endlich langt er an. „Begierig 
Alles zu sehen, lief ich gleich aus, besah mir die Promenaden, 
den alterthümlichen Marktplatz und ging dann ins Theater. 
Die Studenten setzten mich, den Oesterreicher, mit ihrem 
lärmenden Ton und dem Trommeln ihrer Stöcke, wenn sie 
ungeduldig den Fortgang des Stückes verlangten, in Er- 
staunen. Noch mehr verdross es mich, dass man gerade 
eine Parodie auf Künstlers Erden wallen gab, worin sich 
der Autor Julius Voss in beissender Satire über alle die- 
jenigen erging, die mit irgend einer Schaustellung zur 
Leipziger Messe gekommen waren, um dort ihren .Vortheil 
zu suchen. War denn das Stück für mich mitgeschrieben? 
Natürlich lachte ich mich bald über solche Gedanken aus 
und liess mir mein Abendbrod im Joachimsthal vortreff- 
lich schmecken. Weiter blätternd finden wir manche 
Notiz über das Gewoge in den Strassen, die fremdländi- 
schen Trachten, die polnischen Juden im Brühl und die 
überfüllten Öffentlichen Locale. Dann heisst es : „Das erste 
Concert, das ich in Leipzig hörte, ward von der Sessi ge- 
geben; die Ouvertüre ging recht solide. Den Contra- 
bassisten Wach muss ich mir besonders notiren, weil er 
mit seinem energischen Spiel und seiner Kraft das ganze 



- 32 



Orchester zusammen zu halten schien." Und wieder einige 
Tage später lesen wir: „Heute war ich bei Schicht, dem 
Cantor der Thomasschule, wir hatten ein langes Gespräch 
über Kunst, Kunstfreiheit und Künstler, worin er mir 
seine ganze Meinung von Beethoven kund that. Unter 
andern wollte er behaupten, der „Christus am Oelberg" 
sei nicht im Oratorienstyl geschrieben, und erzählte, dass, 
als Beethoven das Werk hieher an seinen Verleger ge- 
schickt habe, dieser den, Chor „Welchen Weg fliehen wir" 
wegzulassen für gut befunden habe. Beethoven, höchst 
beleidigt, habe dies eigenmächtig genannt und einen sehr 
derben Brief an den Verleger abgehen lassen, Schicht 
schien dies merkwürdig zu finden, worauf ich ihm den 
Standpunkt gründlich klar machte." 

„Beim Musikdirector Schulze hörte ich von seinen 
Schülern verschiedene Chöre und Motetten ohne Beglei- 
tung recht brav ausführen, und zwar in Gegenwart des 
gerade anwesenden strengen Richters Zelter. Auch hörte 
ich in der Thomaskirche die Schüler unter Leitung des 
Cantors Schicht achtstimmige Motetten und Fugen mit 
vieler Kraft* singen". 

Am 6. October wurden die Gewandhausconcerte er- 
öffnet. Mosch el es ging natürlich hin. Es mag Leser geben, 
für die das Programm dieses Gewandhausconcerts Interesse 
hat; deshalb sei es hier aus dem Tagebuche copirt. 

i. Theil. 2. Theil. 

Symphonie', Mozart. Ouvert., Andr. Romberg. 

Arie, Mme. Sessi. Arie v. Wild. 

Pianoforte-Conc, comp. u. gespielt Cavatine — mit Guitarre. 

von Zenner aus Petersburg. Lied „Vergissmeinnicht". 

Duett, Mme. Sessi u. Hr. Bergmann. Schweizer-Rondo v. Zenner. 

Zum Beschluss ein Chor aus Wintens „Gewalt d. Musik'*. 

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h- 

Das Leben in Leipzig findet Moscheies „recht ange- 
nehm". In Classig's Kaffeehaus „trifft er täglich die an- 
genehmste Gesellschaft, er hört Arrangements der besten 
Symphonieen, Ouvertüren und Opern mit einem fast com- 
pleten Orchester, das vortrefflich spielt.'* Aber die Thor- 
sperre, eine ihm ganz unbekannte Institution, stört ihn 



s 



— 33 — 

i 

regelmässig, wenn er von Wieck's (die vor dem Halle'- 
sehen Thore wohnten) in seine Behausung zurückkehrt. 

Am 8, October sollte sein eigenes Concert in Scene 
gehen, „Ich war in grosser Aufregung; gut also, dass 
meine dringenden Geschäfte schon um 7 Uhr früh anfingen. 
Ich zahlte, hiesiger Sitte zufolge, dem Cassirer im Voraus 
eine vom Directorium quittirte Rechnung von 66 Thlr. 
12 Ngr. für Saal und Beleuchtung. Um 9 Uhr Vormittags 
begann die Probe. Meine Ouvertüre zu dem Ballet „Die 
Portraits tfr kam schon das erste Mal gelungen zur Aus- 
führung; doch verlangte das Orchester, sie noch ein Mal 
zu probiren, wo sie meine Erwartungen übertraf. Die 
Hörner und Posaunen , F vor Allem aber die vortreffliche 
Leitung des ersten Geigers Matthäi kann ich nicht genug 
rühmen. Das kleine, im Saale versammelte Auditorium 
gab mir seinen ungetheilten Beifall zu erkennen, und die 
Alexander- Variationen lockten sogar manche der. Mit- 
spielenden von ihren Pulten weg an's Ciavier, um die 
Ausführung der Schwierigkeiten zu sehen. Trotz dieses 
Erfolgs war meine Nerven erschütterung in Erwartung des 
heutigen Abends so gross, dass ich keinen Bissen essen 
konnte. Nachmittags fand ich mein Instrument im Saale 
gut gestimmt, als ich ihm den Puls fühlte;, der meinige 
ging unruhig. Um 5 Uhr wurde der Saal eröffnet und 
beleuchtet und gewährte einen pompösen Anblick, und 
eine halbe Stunde später fanden sich schon die elegan- 
testen Damen ein, um gute Plätze zu bekommen. Man 
kann sich nicht leicht einen schöneren, zweckmässigeren Saal 
denken, als diesen ; auch fand ich das Arrangement der Sitze 
m einer mir ganz neuen Weise praktisch eingerichtet. Um 
fr/2 Uhr, nachdem ich eine Tasse Thee mit Rum getrun- 
ken hatte, Hess ich anfangen und wurde schon beim Vor- 
treten ehrenvoll empfangen — eine Auszeichnung, die hier 
nicht Jedem zu Theil wird. Meine Ouvertüre übertraf 
durch die eifrige Mitwirkung jedes Einzelnen meine Er- 
• Wartungen. Das Publicum war so enthusiastisch und 
ungetheilt im Beifall, dass ich diese Momente zu den 
schönsten meines Lebens rechne. Ein Chor von Schicht 

Moscheles' Leben. , 



— 34 — 



folgte. Meine Concert-Polonaise , durch die zarte Beglei- 
tung der drei ausnehmend reingestimmten Pauken gehoben, 
wird vielleicht nirgends besser zur Wirkung kommen, als 
hier, und nirgends wird auch grösserer Beifall mich be- 
lohnen. Im Zwischenact bezeigten mir die Directoren ihre 
vollkommenste Zufriedenheit. Zweite Abtheilung: Capriccio 
für Violine, von Romberg, gespielt von Matthäi, Alexan- 
der-Variationen mit demselben stürmischen Beifall, Hymne 
von Mozart und dann einige Minuten Pause, nach denen ich 
meine Fantasie begann. Das Publicum, mehr und mehr 
gespannt, kam näher und näher und engte mich zuletzt 
förmlich ein, so dass ich der Mittelpunkt eines grossen 
Kreises war; als ich geendet, ergoss sich das vollste 
Maass der Zufriedenheit über mich." 

Solch ein Erfolg auf so schwierigem Boden musste 
doppelt überraschend und ermunternd auf Moscheies wirken. 

Es müsse bald ein zweites Concert folgen, hiess es 
nun allgemein, und der 14. October ward dazu bestimmt. 
In der. Zwischenzeit lesen wir von Einladungen und Be- 
suchen ohne Ende, und finden Auszüge aus den Tages- 
blättern, die einstimmig in die Lobesposaune stossen. 

Im 2. Concert wiederholt sich der Beifall. ' „Ich hatte 
mir vorgenommen," schreibt er, „heute nichts Fremdes in 
meine Improvisation zu mischen, als sich mir bei einer 
Fermate das Motiv „das klinget so herrlich" (Zauberflöte) 
beinah aufdrang. Zwei Applaus-Salven lohnten mir meine 
Durchführung desselben." 

Am nächsten Morgen giebt er Künstlern und Kunst- 
freunden ein Dejeuner mit Austern und guten Weinen, 
wobei jedoch das Musiciren nicht vergessen wird. In 
den folgenden Tagen trieb er sich unter den Wunder- 
menschen der Messbuden umher, besuchte interessante 
Theatervorstellungen und besichtigte das Schlachtfeld, die 
Gärten, Strassen t und Dörfer, durch die sich das Kriegs- 
getümmel gewälzt hatte. Ein Rath Ludwig aus Altenburg 
wusste ihn zu einem Aufenthalt in seinem Hause zu be- 
reden, übergab ihm seine Liedertexte zur Gomposition und 
veranstaltete ein Concert, „in welchem sich der Leipziger 



— 35 — 

L 

thusiasmus pflichtschuldigst wiederholte". Jene Lieder, 
sowie das Sextett nahm Hofmeister in Verlag. 

Mit seinen Erfolgen in der Musikstadt Leipzig unge- 
mein zufrieden, tritt er nun getrost die Weiterreise nach 
Dresden an.* Ein anfangs unbedeutendes, später aber 
immer heftiger werdendes Halsübel macht ihm den lang- 
samen Fortgang der Reise nur noch peinlicher. In Dres- 
den angekommen, sucht er sich durch Musik zu zerstreuen. 
Er hört Spontini's „Vestalin", von einer italienischen 
Truppe. „Der Director heisst Polledro, die Sänger M. 
Sandrini, Benelli u. s. w. Ihre echt italienische Manier und 
grosse Kehlfertigkeit erfreuten mich zwar, ihr beständiges 
Retardiren am Schlüsse jeder melodischen Phrase und das 
verspätete Nachhinken des Orchesters* belästigten mich 
aber so, dass ich nur an mein Uebel dachte und die 
drei Akte mit Anstrengung aushielt. Bei einer klassischen 
klassisch aufgeführten Oper hätte ich mich selbst und 
mein Leiden vergessen. Das Orchester, auf das ich sehr 
gespannt war, Hess auch viel zu wünschen übrig, beson- 
ders der erste Hornist. Eine Stelle im Andante der 
Ouvertüre war ganz unkenntlich". 

Es folgte nun ein vier wöchentlicher Zimmerarrest, den 
ihm die Aerzte, die er wegen seines Leidens zu Rathe 
zog, auferlegten. In dieser etwas trüben Zeit instrumen- 
tirte er seine vier heroischen Märsche, schrieb das Andante 
der E-dur-Sonate, die er Beethoven dedicirte, überarbeitete 
auch die anderen Stücke derselben, und las viel in Goethe, 
Mendelssotm's „Phädon" u. s. w. 

Endlich ist er wieder hergestellt, und sofort benutzt 
er seine wiedergewonnene Freiheit, um sich in die Dres- 
dener Kunstwelt einzuführen. Auf dem Chor der katholi- 
schen Kirche lernt er während der Messe Morlacchi, 
■Polledro, Dotzauer, Benelli und andere Künstler kennen. 
«Den Effect der Messe fand ich grossartig", sagt das 
Tagebuch, „20 Violinen, 6 Violen, 4 Basse und Cello's, 
Blasinstrumente bis auf 4 Fagotte einfach besetzt, die 
Hauptsolos von Sassaroli gesungen". Später heisst es: 
„Die Bekanntschaft von August Klengel war mir interessant, 

3* 



- 36 - 



sein Spiel Clementi'sch, seine Toccaten, Fugen und Giguen 
so solide, als kunstvoll und gründlich." Er und Zenner 
kommen oft zu ihm und sie spielen einander abwech- 
selnd vor. 

Beim Besuche des nächsten grossen Concerts findet 
er den Concertsaal dem Leipziger in vielen Punkten nach- 
stehend; aber „auch der Inhalt war mager und die Aus- 
führung hatte die Abzehrung." „Ouvertüre von Humana 
anfängerisch, Arie gesungen von Löbl execrable, Fagott- 
Cpncert plump, aber gut geblasen von Humann, Symphonie 
in D von Mozart leidlich, Hr. Löbl wurde bei seiner 
zweiten Arie ausgelacht." 

Es folgen nun im Tagebuche mehrere nicht streng 
hierher gehörige Notizen, aus denen folgende ausgehoben 
seien: „Goethe schreibt in der „neuen Melusine": „Ich 
will nur gestehen, dass ich mir aus der Musik niemals 
habe viel machen können." „Was ich natürlich nicht be- 
greifen kann", setzt Moscheies hinzu. 

Ferner: „Einen Beweis für die Gerechtigkeitsliebe 
Haydn's, von dem ich eben horte, muss ich mir doch no- 
tiren. Haydn erfuhr, dass Beethoven sich missfällig über 
„die Schöpfung" geäussert habe. „Das ist unrecht von 
ihm," sagte Haydn, „was ha.t denn er geschrieben? Etwa 
sein Septett? Aber freilich, das ist schön, ja herrlich! 
setzte er mit inniger Bewunderung hinzu, die Bitterkeit 
des ihn treffenden Tadels vergessend." 

Doch zurück^ zu den Dresdener Angelegenheiten. Sie 
gingen nicht schnell vorwärts. Erst die Krankheit, dann 
allerlei Intriguen des Polledro, der selbst Concerte geben 
wollte, und dazu die Alles erschwerende Hofetiquette. 
„Endlich," sagt das Tagebuch, „fasste ich Fuss — nein 
Hand; denn ich spielte und gefiel, erst beim österreichi- 
schen Gesandten Grafen Bombelles, dann beim Oberhof- 
meister Graf Piatti und beim Ober-Stallmeister Graf Vitz- 
thum und so kam es endlich dazu, dass ich am 20. De- 
cember mit entschiedenem Beifall bei Hof spielte. Es 
klingt barbarisch, dass die Herrschaften speisten und der 
Hofstaat auf den Galerien zuhörte, während ich und das 

1 



Kapell-Orchester ihnen Musik vormachten, und barbarisch 
bleibt es auch; doch muss ich der Wahrheit gemäss hie- 
herschreiben , dass Herrschaften und Lakaien sich mög- 
lichst ruhig verhielten und dass erstere sich sogar bis zu 
einer freundlichen Unterhaltung mit mir herabliessen." 
Sein Erfolg bringt ihm die bisher vergeblich angestrebte 
Erlaubniss zur Mitwirkung der k. Kapelle in dem von 
ihm projectirten Concert; sie werde jedermann verweigert, 
hiess es, ihm aber aus Anerkennung seiner Verdienste 
zugestanden. Nun fingen auch die Musiker an, mehr Ge- 
schmack an ihm zu finden. Morlacchi und Schubert ver- 
eitelten die Intriguen des Polledro, der ihm die schwäch- 
sten Mitglieder der Kapelle geben wollte, Graf Piatti un- 
terhandelte mit dem ^unangenehmen" Besitzer des Hotel 
de Pologne wegen des Saales, und am 28. December kam 
der Concerttag heran. „Ich vertheilte nach hiesigem Brauch 
je ein und zwei Billette an die Mitglieder der Kapelle, 
wir probirten und Abends ging das Concert vor einem 
glänzenden, lebhaften Beifall zollenden Publicum vor sich." 
Ein Vergleich, den Moscheies bei einigen bereits in Leip- 
zig aufgeführten Nummern zu machen Gelegenheit hatte, 
nel nicht zu Gunsten der Dresdener Kräfte aus. 



1817—1820. 

In diesen Jahren, 'in die jedenfalls weitere Kunstreisen 
fallen, ist (bis zur Ankunft Moscheles' in Paris) das Tage- 
huch nur lückenhaft geführt. Hier einige Notizen über 
das Jahr 1820. Moscheies beginnt das Jahr in Wien, von 
wo aus er sich zunächst nach München wendet. Er be- 
theiligt sich dort an grösseren Aufführungen und lässt 
dann selbst zwei Concerte folgen. Seine Briefe führen ihn 
beim Prinzen Eugen von Leuchtenberg und bei Hofe ein. 
Der alte König Max ist gut und liebenswürdig gegen 
""i; erst hat er Audienz, dann spielt er vor den Majestäten 



1 

- 3« - 

im Hofzirkel, wird nochmals in einer Audienz empfangen 
und mit einem Brillantring beschenkt. Eine Nadel mit 
einem brillantenem E. auf grünem von Brillanten ein- 
gefassten Grunde (ein Geschenk des Prinzen von Leuchten» 
berg) wird noch mit Pietät bewahrt. 

Nachdem er in Augsburg bei der Exkönigin Hortense 
gespielt, macht er einen Abstecher nach Holland. In 
Amsterdam giebt er vier Concerte, im Haag eins. Dort 
sah er zuerst die herrliche Nordsee und verzeichnete in 
sein Tagebuch die gewaltigen Eindrücke, die ihm dieser 
grossartige Anblick erweckt. Dort war es auch, wo er 
sein G-moll-Concert in Angriff nahm und glücklich be- 
endete. Er sagt: „Da ich täglich das melancholische 
Glockengeläute des nahen Kirchthurms hörte, so war es 
natürlich, dass ich die Moll-Tonart wählte und das erste 
Stück als Malinconia bezeichnete." Die erste Probe des 
Concerts fand in der „Liebhaber-Gesellschaft" statt, und 
es gefiel; aber gewiss hat keiner der damals Anwesenden 
dieser Composition das lange Leben prophezeiht, dem sie ent- 
gegenging, ohne dass der Autor selbst es zu hoffen wagte. 

Es folgen als weitere Concertstationen Aachen, Frank- 
furt, Mainz und Coblenz. Ueberall wird musicirt und 
Musik gehört; Bekanntschaften mit Künstlern werden 
angeknüpft und erneuert. Dann geht's iri's belgische 
Land hinein, nach Brüssel; „das. ist die Vorbereitung für 
Paris, in Sprache und Sitte." Das musikalische Leben in 
Brüssel war damals ein sehr reges; Moscheies wurde freu- 
dig begrüsst und häufig zu Concerten herangezogen. 

Am 29. December 1820 erreichter endlich Paris und 
steigt im Hotel de Bretagne ab. „Der Eindruck, durch das 
Gewoge von Menschen zu fahren, die die Strassen anfüllten 
und in den schimmernden Gewölben einkauften, wird mir un- 
vergesslich bleiben. Als ich am Morgen des 30. December 
ausging, wer trat mir entgegen? Freund Spohr. Gute 
Vorbedeutung! Die Freude war beiderseits gross, wir ver- 
liessen uns lange nicht und schlenderten selbander über 
den Boulevard des Italiens. Später ging ich mit ihm in's 
Palais royal, und am Abend in die italienische Oper, wo 



wir Don Juan hörten, und, was mich wunderte, unzer- 
stückelt; die Mainville-Fodor war eine reizende Zerline, 
alles Andere brav. Es war aber auch schwer gewesen, 
Eintritt zu erhalten. Das Gedränge war so gross, dass wir 
einen Mann anstellten, um uns Karten zu nehmen." 



1821. 

In den ersten Wochen dieses pariser Aufenthalts 
wird die Stadt nach allen Richtungen durchlaufen und der 
Genuss an dem Neuen, nie Gesehenen in's Tagebuch ver- 
zeichnet. Ausserdem beschäftigt sich dasselbe hauptsächlich 
mit Spohr, Notizen, die wir jedoch gross tentheils unbenutzt 
lassen, da die seit Spohr's Tode publicirte Autobiographie 
über sein Leben und Wirken in der musikalischen Welt so 
eingehend wie möglich Aufschluss giebt. Moscheies traf 
ziemlich regelmässig mit Spohr im Hause, des Barori 
Poifere de Cere zusammen. Letzterer gab allsonntägliche 
Morgenunterhaltungen, bei denen die Aristokratie der 
Künstler ebenso sehr wie der grossen Welt zahlreich ver- 
treten war. Dort spielte Spohr sein Nonett mit folgender 
untadelhafter Besetzung : 



Guillon: Flöte, i 
Doprat: Horn, 
Voigt: Oboe, 



Baiidiot: Cello, 
Bouffet: Clarinette, 
Lärmes: Contrabass. 



Spohr hatte Moscheies für eine dieser Matineen sein 
Ciavier -Quintett in Es mit Blasinstrumenten anvertraut, 
das mit grossem Enthusiasmus angehört wurde. Ausser- 
dem musste Moscheies improvisiren. und that es mit be- 
sonderer Inspiration, da er auch Kreutzer und Reicha zum 
ersten Male unter seinen Zuhörern wusste. Spohr besuchte 
mit Moscheies die Reicha'schen Quintett-Unterhaltungen 
und Sina'schen Quartette, und beide freuten sich, in der 
französischen Weltstadt unsere grossen Meister Haydn, 
Mozart und Beethoven gut ausgeführt und sehr bewundert 
zu hören. Wie sehr es Moscheies am Herzen lag, die von 



4o 



ihm verehrten Kunstbrüder auch von der Welt anerkannt 
zu sehen, zeigt folgende Stelle im Tagebuch: „Warum 
kann Spohr hier keine allgemeine Begeisterung erregen? 
Will der französische Nationalstolz nur die eigene Geiger- 
schule als die erste in der Welt gelten lassen? Oder ist 
Spohr zu wenig mittheilend, zu abgeschlossen für den 
pariser Weltton? Genug, er hat heute seine projectirte 
Abendunterhaltung wegen Mangel an Theilnahme auf- 
geben müssen, was mich wirklich verdriesst. Gestern hat 
er in einer Soiree (im Valentin' sehen Hause) sein E-dur- 
Quartett ganz ohne den verdienten Beifall gespielt, ein 
Mann wie Spohr!" Später heisst es: „Bei Baillot, der für 
Spohr und mich eine echte Künstlersoiree veranstaltete, 
ward ihm der echteste Enthusiasmus zu TheiL Er spielte 
Quintett von Boccherini, Quartett von Haydn, sein 9. Concert 
und .Capricen, und wir beide theilten uns, nachdem auch 
ich viel gespielt und zum Schluss improvisirt hatte, in 
dieser, so wie in einigen anderen Künstlersoireen brüder- 
lich in den Beifall." Es mag aber nichts Geringes um 
diesen Beifall gewesen sein; denn wir lesen im Tagebuche 
die Namen: Cherubini, Auber, Herold, Adam, Lesueur, 
Pacini, Paer, Mazas, Habeneck, Plantade, Blangini, Lafont, 
Pleyel, Jvan Müller, Strunz, Viotti, Ponchard, Pellegrini, 
Gebrüder Bohrer, die Sänger Nadermann, Garcia u. a. m. 
als Zuhörer. Martinville, Mangin, Bertin, die Haupt- 
journalisten, fehlten nicht bei solchen Gelegenheiten, auch 
die Verleger Schlesinger, Boieldieu, Lemoine sowie die In- 
strumentenmacher Pape, Petzold, Erard und Freudenthaler 
waren oft zugegen. Was diese Herren betrifft, so {ward 
Moscheies oft unangenehm von ihren Rivalitäten berührt. 
Pape's Flügel sagten jjim am meisten zu, bei denen Erard's 
hatte er damals durch den leichten Anschlag der Wiener 
Instrumente verwöhnt, mit der Schwere der Hamraeraus- 
lösung zu kämpfen. 

Die grosse Welt zog Moscheies immer mehr in ihre 
Kreise, theils, um sich Lectionen geben zu lassen, theils, 
um ihn bei ihren Soireen thätig zu sehen. Stets aber 
hielt er fest an seinen allmorgendlichen Ciavierübungen 



und an den Compositionen, die ihn eben beschäftigten. 
„Ist diese Arbeit gethan", sagt er, „dann stürze ich mich 
gern in die Freuden dieser Weltstadt." Einladungen zu 
Diners, Bällen und sonstigen Festen strömten ihm zu. 
Besonders musikalische Häuser waren die der Princesse 
Vaudemont, der Marquise de Montgerault, die selbst spielte, 
. ja sogar eine gediegene Cla vierschule herausgab, der Für- 
stin Ouwarofi, der Mme. Bonnemaison, welche „hübsch 
sang", und des M. Mesny, dessen Tochter Moscheies 
seine Variationen über das „Au clair de la lune" dedicirte. 
Aber auch beim preussischen Gesandten Baron Goltz und 
anderen Diplomaten und Hochadeligen wurde musicirt und 
dinirt, und was die Finanzwelt betrifft, so wetteiferten 
die Häuser Lafitte, Rothschild, Rougemont, Fould, 
Worms u. s. w. in einer Gastfreiheit, die mit fürstlichem 
Luxus auftrat. Auch die Familien d'Hervilly, Matthias 
und Valentin machten schöne Häuser. „Dort ist es 
weniger grossartig, dafür aber gemüthlicher", sagt Mo- 
scheies. Bei Valentins lernte er deren Schwager August 
Leo, den Freund und Beschützer vieler Künstler intim 
kennen, ohne zu ahnen, in welche verwandtschaftlichen 
Beziehungen er später zu Beiden treten würde. 

Pankouke, der erste Herausgeber eines Goethe in fran- 
zösischer Sprache, sowie seine Frau nahmen ihn besonders 
herzlich auf. „Sie waren so enthusiastisch für mich, dass 
sie mich bei meinem Eintreten in ihre zahlreiche Gesell- 
schaft am i. Februar mit Händeklatschen, wie bei einer 
öffentlichen Production, empfingen". 

Auch mit dem berühmten Phrenologen Gall kam er 
damals in nähere Berührung. „Er kannte mich nicht, 
untersuchte aber meinen Schädel auf Veranlassung einiger 
Freunde und fand ausser bedeutendem musikalischen Or- 
gati noch Mathematik, Lust zum Reisen, Orts- und Per- 
sonengedächtnissü" 

Entnehmen wir hier dem Tagebuch die Beschreibung 
eines Tages (des 28. Januar), der in seiner Geschäftigkeit 
wohl als richtiger Massstab für manche andere Tage dieses 
pariser Aufenthalts gelten kann. „Morgens führte Herr 



42 — 



Strunz den Ciavierspieler Rigel zu mir, dem ich vorspielte. 
Um ii Uhr probirte ich bei Paer für heute Abend mit 
Baillot mein Caprice und Potpourri, auch Variationen, die ich 
ihm begleitete. Nachher ging* ich mit ihm, oder vielmehr 
wir liefen en carriere zur Hofkapelle in den Tuilerien, wo 
wir eine herrliche Messe von Cherubini meisterlich auf- 
fuhren hörten. Die Aufführung, unter Mitwirkung eines 
Kreutzer, Baillot, Habeneck, konnte nur ausgezeichnet sein. 
Plantade dirigirte, und Cherubini, den ich sprach, war 
unter den Zuhörern. Von da aus ging ich mit Spohr zur 
Probe von Lafont's heutigem jConcert im The"ätre Favart, 
Ich begleitete Spohr nach Hause und wir discutirten lange 
und eifrig mit einander. Mit Schlesinger speiste, ich in 
dem berühmten, aber theuren Restaurant Freres Provencaux 
(so luxuriös bin ich aber nicht immer). Dann machte ich 
Toilette zur Soiree bei der Herzogin v. Orleans, zu welcher ich 
mit Paer, Levasseur und Mr. und Mme. Rigaud-Pallard fuhr. 
Es war grosser Hofzirkel. Ausser den Vocalsachen von 
obengenannten Sängern ausgeführt, spielte ich mit Baillot 
mein Potpourri und musste meiner ersten Improvisation 
noch eine zweite nachfolgen lassen. Die Aufnahme war 
eine äusserst günstige." 

Was nun Moscheles' öffentliche Unternehmungen be- 
trifft, so machten sie ihm manche Schwierigkeit. Es wurde 
viel mit dem Marquis Lauriston und Mr. de la Ferte ver- 
handelt, ehe es dazu kam, den 25. Februar zu seinem Con- 
cert im Thöätre Favart bestimmen zu können. Ueber den 
Concerttag (25. Februar) findet sich im Tagebuche folgende 
Notiz: „Vormittags war ich noch beschäftigt, Posaunen zu 
meinem Concerte zuzusetzen. Mit Vertheilung der Logen 
und Freibillette war ich auch sehr beschäftigt Nach- 
mittags ging ich in's Theätre Favart, um mein Instrument 
von Pape zu probiren. Es war seit der Probe durch einen 
eigenen Wächter gehütet worden, damit der Neid der 
anderen Instrument enm acher ihm keinen üblen Streich 
spielen könnte. Das Concert ging glücklich von Statten. 
Der Besuch und die Einnahmen waren ebenso glänzend, 
als der künstlerische Erfolg., Ein besonderer Vorfall, der 



sich heute ereignete, Hess mich die Gefahr wahrnehmen, 
der ein Künstler hier ausgesetzt ist, wenn er die Formen 
der Artigkeit öffentlich verletzt. Der Sänger Bordogni 
wurde nämlich ausgepfiffen, weil er aus Vergesslichkeit 

■m- 

oder Absicht, nach seinem Duett mit Dlle. Cinti ihr nicht 
die Hand reichte, um sie zurückzuführen". 

Ausser diesem Concert gab Moscheies noch eins mit 
Lafont in der Salle Favart (18. März) und später noch vier 
. Soireen mit ihm, die vierte und letzte am 20. Mai zum Besten 
einer armen Familie. Sie spielten wiederholt ein Pot- 
pourri über Gluck'sche, Mozart'sche und Rossini'sche The- 
men, welches sie zusammen componirt hatten, und dieses 
Vorführen und Verschmelzen von Gedanken aus so ver- 
schiedenen Kunstschulen machte grosses Glück. Die feine 
Welt patronisirte die Unternehmungen beider Künstler in 
Paris so sehr, dass sie auch in Versailles zusammen Con- 
cert gaben und höchst zufrieden mit dem Erfolg waren. 
Der Graf Senzillon hatte dort Alles für sie arrangirt, sie 
kamen mit Ciavier und Geige an, hielten Probe, wander- 
ten dann in Schloss und Park umher, spielten mit dem 
grössten Beifall und strichen ihre Einnahme ein. Ueber 
Lafont bemerkt Moscheies: „Er war ein süsslich sentimen- 
taler Sänger, nicht nur auf seiner Geige, sondern auch 
mit der Kehle, und wusste durch seine Romanze „La 
lärme" den Augen der Schonen gar manche Thrane zu 
entlocken. Seine Frau sang auch Romanzen, und da sie 
so schön als stimmlos war, so schrieb die spitzige Feder 
eines Kritikers nach einem Concert, in dem sie aufgetreten 
war: „Mme. Lafont a chant^; eile a de beaux yeux." 

Manchmal versammelte Moscheies das lustige Künstler- 
volkchen in seiner Wohnung, „wo denn bis 3 Uhr musicirt, 
punschirt und soupirt wurde; wer nur spielen, blasen oder 
singen konnte, war da, und Alles spielte, blies und sang 
nach Herzenslust" „Ueberhaupt ist's eine lustige Zeit", 
schreibt er einmal: „Freilich bei dem letzten Rothschild'- 
schen Staatsdiner, in Gegenwart von solchen Notabilitäten, 
wie Canning oder Narischkin, musste ich sehr bescheiden 
auftreten." Die Einladung zu ihrem grossen, brillanten, 



aber steifen Ball erscheint ihm als eine „höchst fragliche 
Ehrenbezeigung-." „Schon das Hinfahren in der unabseh- 
baren Queue langweilte mich", sagt er; zuletzt stieg ich aus 
und lief hin. Dort hatte ich auch keine Freuden. Da- 
gegen rühmt er die Aufführungen Gluck'scher Opern im 
Erard'schen Hause; die Concerts spjrituels entzücken ihn. 
„Wer würde mich nicht um diesen Genuss beneiden. Sie 
sind mit Recht weltberühmt; dort höre ich mit dem ge- 
messensten Ernst zu." 

Aber auch an heiteren Episoden fehlt es nicht: „Mein 
Essen mit Carl Blum und Schlesinger beim Restaurant 
Lemelle ist immer lustig genug. Gestern ging Schlesinger 
in seinen Neckereien über meine Langsamkeit beim Essen 
so weit, dass er die dumme Wette mit mir machte," er 
werde drei Dutzend Austern essen, während ich eins ver- 
zehrte, und er hatte Recht. Als ich aber sah, wie nahe 
er daran war, zu gewinnen, legte ich mich aufs Gesichter- 
schneiden, und wusste ihn durch meine albernen Fratzen 
so in's Gelächter zu bringen, dass er nicht weiter essen 
konnte; ich gewann und er zahlte die Zeche." 

Am 20. März finden wir eine interessante Notiz. „Ich 
brachte den Abend bei Ciceri, dem Schwiegersohn des 
berühmten Malers Isabey zu, wodurch ich in einen der 
interessantesten Künstlerkreise eingeführt wurde. Im ersten 
Zimmer waren die berühmtesten Maler versammelt, die zu 
ihrer Unterhaltung Verschiedenes zeichneten, mitten unter 
ihnen Cherubini, ebenfalls zeichnend. Mir, wie jedem neu 
Eingeführten, ward die Ehre, sich in Carricatur portraitirt 
zu sehn; Begasse übernahm mich und führte sein Bild 
gelungen aus. Im andern Zimmer waren Musiker und 
Schauspieler, unter ihnen Ponchard, Levasseur, Dugazon, 
Panseron, Mlle. de Munck, Dlle. Livere vom Theatre f rancais. 
Das Interessanteste unter ihren Leistungen, bei denen ich 
nur den Zuhörer machte, war ein Sihgquartett von Cheru- 
bini, unter seiner Leitung ausgeführt. Später bewaffnete 
sich die ganze Gesellschaft mit grösseren und kleineren 
Mirlitons und führte auf diesen eintönigen, aus hartem 
Holze, ja zuweilen aus Zucker fabricirten Pfeifchen, nach 




— 45 — 

-■i 

Art der russischen Hornmusik die Ouvertüre zu Demophon 
auf, wobei zwei Backpfannen die Pauken vertraten." Am 
27. März wiederholte sich dieses Mirliton-Concert bei Ciceri, 
und diesmal betheiligte sich Cherubini activ daran. Mo- 
scheies berichtet über jenen Abend : „Horace Vernet unter- 
hielt uns mit seinem Bauchrednertalent, M. Salmon mit 
dem nachgeahmten Horn und Dugazon sogar mit einem 
Mirliton-Solo. Lafont und ich vertraten die ernste Musik, 
der schliesslich auch ihr Recht wurde." 

Ueber die Theater, die Moscheies der Reihe nach fast 
alle besuchte, finden wir manche interessante Notiz. In 
Franconi's Cirque olympique, im Faubourg du Temple, sah 
er Ugolino's haarsträubende Geschichte, in der ein Thurm 
einstürzt und sonstige grausige Dinge vorgeführt worden, 
die die Maschinerie in Bewegung setzen. In der Porte 
St. Martin machte die Parodie „Les petites Danai'des" und 
besonders Potier's ultrakomisches Spiel Furore. In den 
Varietes lachte man bei den Stücken aus Scribe's erster und 
bester Zeit (L'ours et le. Pacha, die Champenoise, die 
Voitures versees u. a.) Im Gymnase dramatique bezaubert 
ihn die Erscheinung und das Spiel der schönen Schau- 
spielerin Esther ; Perlet's Komik ist „zum Todtlachen"; und 
»für Talma's Mithridates giebt es keine Worte". Die jeune 
femme colere der Mars entlockt ihm die Bemerkung : „Diese 
grosse Künstlerin muss innig verehrt in der Erinnerung- 
des Glücklichen leben, der sie gesehen hat". 

Mit dem grö'ssten Interesse besuchte er die Gräber 
Rousseau's, Voltaire's; mit jugendlichem Enthusiasmus be- 
trachtete er die zahlreichen Denkwürdigkeiten und Kunst- 
schätze der Weltstadt, sowie ihre- Umgebungen bei heran- 
nahendem Frühling. Das Alles ist im Tagebuch nur kurz 
angedeutet. Ganz Musiker y macht er immer wieder mu- 
sikalische Notizen. So z. B. „Früh fuhr ich mit Lafont 
m s Hotel de Ville, wo die neue Cantate von Cherubini und 
das Intermede von Boieldieu und Berton, für die Taufe 
des Herzogs von Bordeaux geschrieben, probirt wurden, 
Erstere unter der Leitung des grossen Meisters. Sein 
schneidendes Stimmchen unterbrach während des Tactirens 



46 



zuweilen die Begeisterung, in die ich durch seine Nahe 
und Composition versetzt ward. Die ganze herrliche Ka- 
pelle mit all ihren Notabilitäten fungirte. Der Präfect 
Graf Chabrol und Gemahlin, die ich bei dieser Probe traf, 
waren überaus freundlich gegen mich und boten mir auf 
die schmeichelhafteste Art ein Billet zum Festball bei 
Gelegenheit der Taufe an. Abends wohnte ich der Ge- 
neralprobe der Oper bei, welche Cherubim, Paer, Elerton, 
Boieldieu und Kreutzer für die Taufe componirt hatten. 
Der Schlusschor von Cherubini machte einen unauslösch- 
lichen Eindruck auf mich. Jeder Meister leitete seine 
eigenen Stücke und Cherubini wurde jubelnd applaudirt 

30. April. „Vormittags wieder bei der Probe des Inter- 
mede zur Taufe im Hotel de Ville unter Leitung der 
Verfasser Boieldieu und Berton. Die Damen Rigaud- 
Pallard und Boulanger, M. M. Ponchard und Huet sangen. 
Ein ungeheures Gewühl von Menschen und Equipagen 
zeigt heute schon auf interessante Weise den Beginn 
der grossen Festivitäten an." 

1. Mai. „Heute wurde der kleine Herzog v. Bordeaux 
getauft und da sich ganz Paris auf den Strassen befand, 
konnte auch ich wenig zu Hause bleiben. Ich sah £en 
Zug wie er sich nach der Kirche Notre Dame begab, dann 
war ich in den Tuilerien, wo die Herzogin auf dem Balcon 
den Täufling dem enthusiasmirten Publicum zeigte, Abends 
in Gesellschaft von Freunden bei der Illumination, die be- 
sonders im Garten der Tuilerien feenartig erschien." 

„Am 2. Mai geht endlich die Aufführung des Inter- 
mede in der Salle au St. Esprit im Hotel de Ville in glän- 
zender Weise vor sich.'* 

9. Mai. „Heute spielte ich im Hotel de Ville, wo die 
Stadt Paris den Deputirten der Provinzen (des bonnes 
villes) ein grosses Bankett gab. Cherubini, Boieldieu und 
Berton hatten die Direction des Ganzen. Das Intermede 
wurde wiederholt; auch Lafont wirkte mit." 

13. Mai. „Heute ging ich mit Freünden nach der 
Villette, wo die Einweihung des Canals St. Denis als Fort- 
setzung der Feierlichkeiten stattfand. Der Hof fuhr in 



— 47 — 

buntgeschmückten Gondeln und kleinen Segelschiffen dar- 
auf hin und her, und Alles drängte sich herzu und ju- 
bilirte." Dieser Hof mit seinem Jubel, dem angebeteten 
Täufling und der glücklich stolzen Mutter sollte, wie so 
manche andere französische Dynastie, in Nebel zerfliessen. 

Mit den Festlichkeiten näherte sich auch Moscheles' 
Aufenthalt in Paris dem Ende. „Zum Abschluss kann 
ich," sagt er, „meiner Mutter das günstigste Resultat dieses 
pariser Aufenthalts in künstlerischer wie in materieller 
Hinsicht melden. Die soll es mit geniessen". 

Wir haben schon erwähnt, wie der frühe Tod des 
Vaters seine Witwe und die fünf jungen Kinder ganz un- 
versorgt zurückliess. Von diesem pariser Aufenthalte an 
zieht sich durch Moscheles* Leben wie ein rother Faden die 
.Freude, für seine Mutter und seine Schwestern zu sorgen; 
auch um den Bruder, dessen schwächliche Gesundheit ihn 
zu keiner gänzlichen Unabhängigkeit kommen Hess und 
um dessen Geschäft war Moscheies unausgesetzt bemüht. 

Die intimsten pariser Freunde wetteiferten noch in 
Freundlichkeiten und Abschiedsdiners ; Moscheies selbst gab 
ihnen eins bei den Freres Provencaux und traf dann seine 
Anstalten zur Abreise. Diese Abreise fand am Morgen des 
23. Mai statt, und erst am 24. Abends erreichte die Mes- 
sagerie Calais bei ungünstigem Wetter. Der Wind war con- 
trair, so contrair, dass kein Segelschiff den Hafen verlassen 
konnte, und so durfte er sich erst am 26. einschiffen. „Ein mir 
unvergesslicher Tag!" erzählt er. „Wir verbrachten vierzehn 
volle Stunden auf dem bewegten Meer, ich mit allem Leid 
der Seekrankheit beschwert. Als wir uns endlich um Mitter- 
nacht Dover näherten und der Steward das Geld für die 
Ueberfahrt von mir verlangte, hatte ich nur noch die Kraft, 
ihm den Weg zu meiner gefüllten Tasche anzudeuten." 
„For shame (welche Schande), rief der Mann aus, ein Courier 
und so seekrank!" Und woher ward mir dieser Titel 
eines Courier s? Man hatte mir auf der österreichischen 
Gesandtschaft das grosse Packet meiner Musikalien mit 
dem kaiserlichen Siegel und der Aufschrift „Depeschen" 
versehen, damit ich steuerfrei reisen und überall schnell 



t 



48 



expedirt werden könne; so hielt mich der Steward für 
einen oft hinüber- und herüberreisenden Depeschenträger. 
Als wir in Dover landeten, erholte ich mich schnell und 
fuhr am folgenden Morgen in der Mail ab, die mich in 
zwölf Stunden nach London brachte. Er ahnte nicht, dass 
London in nicht langer Zeit seine zweite Heimat werden 
sollte. 



i 

1 



VIERTER ABSCHNITT. 



LONDON UND PARIS. 



1821— 1825. 



V 



I 



Moscfctle&' Leben. 



f 



^ 



1821. 



„Gestern", erzählt das Tagebuch am 28. Mai, „erreichte 
ich Abends den Golden Cross Gasthof in Charing Gross, 
Als ich heute früh den Platz bewunderte und dies dem 
Kellner mittheilte, meinte er £anz gelehrt, es sei auch ein 
liistorisch merkwürdiger Ort. Als man den Leichnam der 
Königin Eleonore, der Gemahlin König Eduard's L, in die 
Westminst er- Abtei getragen, um ihn dort beizusetzen, habe 
man an- allen Stationen, wo der Trauerzug gehalten, 
Kreuze errichtet; so sei aus dem Dorfe Charing, das da- 
mals diesen Platz und seine Umgebungen einnahm, Charing 
Cross geworden. Mir war das neu, denn ich hatte mich 
damals noch nicht viel um die Geschichte Englands ge- 
kümmert." 

Aber auch das wusste Moscheies nicht — konnte er 
sich nicht träumen lassen, dass London künftig seine zweite 
Heimath werden sollte. 'Für's erste stürzte er sich hier 
m der Metropole des grossen Inselreichs, wie in der Welt- 
stadt Paris, voll jugendlichen Feuers in das Musik- und 
Salonleben. Er wollte vor^ Allem hören und gehört wer- 
den — und dazu fand sich in London ebensoviel Gelegen- 
heit, wie in Paris* Künstler auf seinem Instrument, wie 
J- B. Cramer, F. Ries, Kalkbrenner träten mit ihm in die 
Schranken; Männer wie Clementi sassen unter den Preis- 
richtern. (Moscheies spielte damals vorzugsweise auf 
Clementi'schen Flügeln, Die . Fabrik führte den Namen 



— 52 — 

Clementi & Co., und dieser Name bürgte für die Güte der 
Claviere, während zwei Brüder Collard die Geschäfte des* 
Hauses betrieben). 

Ueber den Collegen Cramer schreibt Mosch eles: „Er 
säuselt seinen Mozart und seine eigenen Mozartähnlichen 
Compositionen , ohne mich und meine Bravour anzufein- 
den; ja, er zollt mir vielmehr Öffentlich und privatim, 
die aufrichtigste Anerkennung, die ich ihm ebenso auf- 
richtig vergelte. Ich bin Hausfreund bei ihm, und bin 
ihm sehr dankbar für das Interesse, welches er meinem 
öffentlichen Auftreten und dessen Vorbereitungen schenkt. 
Cramer ist geistreich und unterhaltend und gleich vielen 
derart begabten Menschen, beissend satyrisch; ja er 
verschont seine eigene Schwäche nicht, indem er seine 
Vorliebe für geistige Getränke dadurch persiflirt, dass er 
von einer, sich über seine Nase schlängelnden, verdächtig 
rothblauen Ader sagt: „Cest Bacchus qui m'a mis son 
pouce lä; ce diable de Bacchus!" Er spricht nämlich vor- 
zugsweise französisch, weil er lange in Frankreich gelebt 
hat, zeigt auch in seinem Wesen, dass er einen Theil seiner 
Jugend in diesem Lande zugebracht hat." Er hatte seine 
schöne Frau in ihrer frühesten Jugend geheirathet, nach 
ihrem Tode aber ein zweites Ehebündniss geknüpft, welches, 
bis in seinen Lebensabend hinein ein glückliches blieb. 
Dieser war ein höchst bescheidener, weil er in seinenv 
Alter mit seiner Frau viele Jahre von einer sehr kleinen 
Pension leben musste, die ihm das Haus Cramer, Beale 
and Co. auszahlte. ..- Sein berühmter Name war für das 

r ■" 

Musikgeschäft ein werthvolles Kapital. 

„Zur Warnung", fährt das Tagebuch fort, „will ich 
hier anführen, dass Cramer einer der leidenschaftlichsten 
Schnupf er ist. Gute Hausfrauen behaupten, man müsse- 
nach jedem Besuch des grossen Meisters den Boden säu- 
bern, während ich als Ciavierspieler es ihm nicht ver- 
zeihen kann, dass er seine aristokratisch langen schmalen. 
Finger mit ihren schöngeformten Nägeln durch den Ge- 
brauch des braunen Krautes verunziert, ja durch das- 
Uebermass dieses Gebrauches die Tasten nicht selten in's 



Stocken bringt. Diese schlanken gut gebildeten Finger 
spielen vorzugsweise legato; sie pflegen bindend von einer 
Taste zur andern zu gleiten, und Oktaven- wie Staccato- 
Passagen womöglich zu vermeiden. Cramer singt , auf dem 
Ciavier so, dass er ein Mozart'sches Andante beinahe in 
einen Vocalsatz umwandelt; ich muss es rügen, dass er 
-sich die Freiheit nimmt, seine eigenen oft recht kleinlichen 
Verzierungen hineinzuweben.'* 

Spater heisst es: „Seine neu componirte Sonate in 
D-raoll macht mir grosse Freude und unser freundschaft- 
liches Verhältniss knüpft sich fester durch das aufrichtige 
Lob, das ich ihm dafür spende." 

UeberRies lesen wir: „Auch mit Ferdinand Ries habe 
ich sehr glückliche musikalische Stunden, da ich be- 
gierig die Gelegenheit erfasste, den Mann kennen zu ler- 
nen, dessen herrliches Cis-moll-Concert ich in Wien der 
Oeffentlichkeit vorführte." * 

Einer will nun immer den Andern hören, sich an 
seinen früheren und neuesten Werken erfreuen, und in 
vierhändigen Stücken die beiderseitigen Kräfte erproben. 
Die grosse Verehrung vor dem Meister Beethoven, dessen 
Schüler Ries war, musste sie zu einander ziehen und ein 
dauerndes Freundschaftsband zwischen ihnen knüpfen. 
Oeffentlich spielte Ries damals nicht mehr; er lebte ganz 
seinem Beruf des Musikunterrichts und des Componirens; 
Beides trug ihm Geld und Ehre ein, sodass er sich schon 
im Jahre 1824 als wohlhabender Mann und geachteter 
Künstler mit seiner liebenswürdigen Familie auf ein Gut 
in der Nahe von Bonn zurückzog. Auch dort componirte 
er viel, und seine Ciaviersachen, besonders die Sonaten mit 
Violine, waren in Wien sowie in anderen deutschen mu- 
sikalischen Städten sehr beliebt. Was aber Orchester- 
werke betrifft, so war er darin nicht glücklicher, als Cle- 
menti. Symphonieen von Beiden wurden in Philharmoni- 
schen Concerten in London ganz erfolglos aufgeführt; sie 
verschwanden spurlos vom Repertoire und wussten sich 
auch in anderen Ländern keine Heimath zu gründen. 

Den grössten Theil seiner Erholungsstunden brachte 



Moscheies mit Kalkbrenner, dem Harfenspieler Dizi und 
dem Musikhändler Latour, Assocte des Hauses Chappell, zu. 
„Dizi", erzählt er, „hat ein allerliebstes Haus in Crabtree 
in der Nähe von London; eine hübsche Themsenfahrt 
führt dahin, und da mich die schwere Stadtluft plagt und 
mir einen nie gekannten bösen Kopfschmerz verursacht, 
so veranlassen mich Dizi und seine Frau zu öfteren Be- 
suchen, bei denen sie mir ein freundliches Schlafzimmer zu 
Gebote stellen," Dort waren auch Kalkbrenner und Latour 
als Stammgäste eingebürgert, und dort wurde nach Herzens- 
lust musicirt. Dizi war ein tüchtiger Künstler auf seinem 
Instrument, Latour ein ebenso eifriger Clavierlehrer als- 
Componist kleiner Stückchen, die er in seinem eigenen 
Verlag erscheinen Hess. 

Und Kalkbrenner? Die Welt kennt ihn als einen der 
brillantesten Virtuosen seiner Zeit, und auch Moscheies 
rühmt ihn als „Octavenhelden " ; doch kannte er ihn 
schon von Wien her als einen leichten, honigsüssen,. 
wenig zuverlässigen Menschen, im Umgang nicht un- 
angenehm, zur Freundschaft untauglich. Er hatte da- 
mals den dummen Streich gemacht, die Baronesse . . . . , 
die Tochter eines der ersten Häuser Wiens, in das Mo- 
scheies ihn eingeführt, auf kurze Bekanntschaft hin mit 
einem Heirathsantrag zu beehren, war natürlich abgewiesen 
worden und hatte nun Moscheies gerathen, „es doch auch 
bei ihr zu versuchen", worüber dieser „nur lachen konnte]'. 
In London stellte Kalkbrenner eine Dame, mit der er ein 
Landgut bewohne, als seine Frau vor. Das Landgut lag 
in Frankreich und gehörte ihr, sie aber gehörte, wie man 
hinterher erfuhr, ihrem rechtmässigen Ehemann, und später 
wollte sie nur dem Himmel angehören, da sie ihre Tage 
reuig in einem Kloster beschloss. Damals — 182 1 ward 
sie Mme. Kalkbrenner genannt, und Moscheies hatte gern 
eine Einladung auf das Gut nach beendeter Saison an- 
genommen. Schon im nächsten Jahre indessen erschien 
Kalkbrenner in London in der tiefsten Trauer und be- 
weinte den Tod der im Kloster Büssenden mit allen 
Zeichen des tiefsten Schmerzes vor seinen Freunden. Viele 



sprachen dem trauernden Gatten Muth zu, Viele sahen ihn 
heisse Thränen vergiessen; einer seiner ausgezeichneten 
Schülerinnen schien es vorbehalten, ihn dauernd zu trösten; 
doch erwiesen sich seine Absichten als sehr schwankend, 
er verliess England und da ihr Vater in gerechtem Zorn 
drohte, Kalkbrenner'n vor Gericht zu belangen, sobald er sich 
in Albion sehen Hesse, so ist er nie wieder erschienen, -und 
hat später in Paris die vermögende Tochter eines fran- 
zösischen Generals geheirathet, mit der er ein elegantes, 
aber nicht sehr gemüthliches Haus führte. Aus dieser 
Ehe ging ein Sohn hervor, der Musiker ist und in Süd- 
Frankreich lebt. Der Vater starb wohl früher als noth- 
wendig in Folge seiner Marotte, sich selbst homöopathisch 
zu behandeln, statt einen der Wissenschaft kundigen Mann 
zu Rathe zu ziehen. 

Kehren wir zu den Tagebuchnotizen über Kalkbren- 
ner aus dem Jahre 182 1 zurück. „Wir spielen oft vier- 
händig mit einander, zeigen uns gegenseitig unsere Com- 
positionen und leben künstlerisch kameradschaftlich. Ich 
ehre in ihm den Octavenhelden , wenn ich gleich seine 
Manier, Octavenpassagen mit dem losen Gelenk zu machen, 
nur schädlich finden kann." An einer anderen Stelle heisst 
es : „Das . Logiersche System (das zwei Schüler ein und 
dasselbe Stück einüben lässt) macht hier einiges Aufsehen, 
und gern lasse ich es mir auf Kalkbrenher's Wunsch, der 
es sehr lobt, von dem verdienstvollen Erfinder und seiner 
geschickten Gattin praktisch exponiren. Ob ich es an- 
wenden möchte? Ich glaube nicht. Der Geist soll mehr 
üben als die Finger; das ist die Hauptsache." Damals 
drängten sich in London die verschiedensten Künstler- 
grossen zusammen. Da war Kiesewetter, der treffliche 
Geiger, die sehr grosse Mara und die noch grossere 
Catalani, ferner Dragonetti, der viele Jahre hindurch 
den ersten Platz als Contrabassist mit Glanz behaup- 
tete. Letzterer war ein Original vom reinsten Wasser. 
Moscheies erzählt von ihm: „In seinem Salon in Leicester 
Square hat er eine grosse Gesellschaft verschiedener 
■Puppen sitzen, worunter auch eine Mohrin ist. Kommt 



- 56 



nun Besuch, so sagt er, diese oder jene der Damen 
werde dem Eintretenden schon Platz machen, er möge nur 
näher kommen, fragt auch wohl die näheren Bekannten 
nach dem besseren oder schlechteren Aussehen der Lieb- 
lingspuppen seit ihrem letzten Besuch, und was der Thor- 
heiten mehr sind. Er schnupft entsetzlich viel aus einer 
JRiesendose und hat auch eine Riesensammlung anderer 
Dosen, Das Sonderbarste an ihm ist aber seine Sprache 
— ein wahres Kauderwelsch, in dem sich sein eingebore- 
nes Bergamasco mit schlechtem Französisch und noch 
schlechterem Englisch mischt". 

Gleich in den ersten Tagen seines Aufenthalts be- 
suchte Moscheies His Majesty's Theatre (Hay market), und 
war nicht wenig frappirt, dass man der lästigen Sitte ge- 
mäss, in Schuhen und Strümpfen und natürlich in Frack 
und weisser Cravatte erscheinen musste. „Es war gut, 
dass ich zum ersten mal nur den „Turco in Italia" mit seiner 
leichten seichten Musik zu hören bekam, denn nun konnte ich 
mich ganz meinem Entzücken über den herrlichen Gesang 
einer Camporese, eines Ambrogetti hingeben, konnte meine 
Augen von meinem Parterresitz aus an der glänzenden 
Gesellschaft in den Logen weiden. Der Kreis reizend 
schöner Damen in eleganter Toilette, in prächtigem Ge- 
schmeide, bei fast tagesheller Beleuchtung nahm sich aus, 
wie ein blendender Strahlenkranz". 

Die englischen Opern, welche im Drurylane-Theater 
gegeben werden, interessiren ihn sehr, besonders der Sän- 
ger Braham, dessen wunderbar schöner Tenor durch die 
Bildung, welche ihm seine Freundin Mme. Camporese ge- 
geben, einen eignen Schmelz erhalten hatte. Aber auch 
die meisten übrigen Sänger findet er vortrefflich geschult, 
nur Miss Wilson, die Primadonna, weniger anziehend und 
die Besucher des Drurylane-Theatef s weniger elegant und 
fashionable als die der italienischen Oper. 

Die Theater* Scala herniedersteigend, besuchte er nun 
das Surrey in der City und sah dort ein haarsträubendes 
Melodrama, das er jedoch unerquicklich fand; mit Genuss 
wohnte er dagegen an einem späteren Abend im eigent- 



— 57 — 

liehen Concertsaal, den Argyll-rooms , der vortrefflichen 
Vorstellung- einer kleinen französischen Truppe bei, welche 
die Noblesse auf eigne Kosten, zu eignem Vergnügen 
unterhielt. Das mit Franconi rivalisirende Astley-Theatre 
gab den Gilblas mit grosser Pracht und vielem Beifall, 
und auch dahin führten ihn seine Freunde. Sie führten 
ihn aber auch- in den Hyde Park, um die Stunde, wo die 
feine Welt London's dort promenirte. Im Tagebuche be- 
merkt er hierzu: „Meine Bewunderung der herrlichen 
Pferde und Equipagen, der lässig im Wagen zurücklehnen- 
den Schönen und der kühnen Amazonen auf muthigen 
Rossen konnte mich aber nicht verhindern, der Worte 
Byron's zu gedenken: 

* Those vegetable puncheons called Parks 
With neither fruit nor flower to satisfy 
Even a bee's slight munchings. 

Denn etwas Kahleres, Baum- und Strauchloseres als 
dieser Hyde Park ist mir nie vorgekommen." In späteren 
Jahren fand er Gelegenheit, sich an den mit Blumen ver- 
zierten und so unendlich verschönerten Parks zu weiden. 

Wie von den pariser Sehenswürdigkeiten, so gibt 
auch von London mit seinen oft beschriebenen Schönheiten 
und Schattenseiten, seiner Bilderausstellung im Somerset- 
nouse und anderen Kunstschätzen das Tagebuch nur flüch- 
tige Kunde; ja nicht einmal bei seiner Bekanntschaft mit 
den berühmten Malern Gericault und Rochard verweilt er. 
Die Musik nimmt ihn ganz ein, und sorgfältig verzeich- 
net er alle grossen und kleinen Erlebnisse auf diesem 
Gebiete. * 

28. Mai: „Unter der Leitung Kiesewetters im Philhar- 
monie Concert gab man Beethoven's Pastoral^Symphonie 
mit Würde ausgeführt; nur die donnernden Pauken von 
störendem Effekt; Arie aus Titus von Miss Goodall; 
Violinquartett von Mozart, gespielt von Spagnoletti, Lindl ey, 
Terzett aus Idomeneo, gesungen Mme. Salmon, Miss Goo- 
dall, W. Begrez; Ouvertüre Lodoiska. — 2. Theil: Sym- 
phonie in D von Mozart; Arie aus Judas Maccabäus, ent- 
zückend schön gesungen von Mme. Salmon; Septett für 



- 58 - 

Harfe und Streichinstrumente: Dragonetti Bass, Bochsa- 
Harfe; Arie gesungen von Begrez; Ouvertüre Egmont. 
Die Ensemblestücke dieses Concerts gingen mit besonderer 
Präcision." 

Am 30. Mai. „Den ausgezeichneten Flötenspieler Tu- 
lon in seinem eigenen Concert (Argyll-rooms) gehört. Ein 
Gemisch von Gesangstücken der Damen Goodall, Vestris r 
Camporese, Salmon, des Herrn Ambrogetti u. A. Dme. 
Buchwald, eine sehr brave Schülerin von Kalkbrenner,, 
spielte ein Septett von ihm." 

i. Juni: „Mit Clementi Verabredetermassen in seinef 
Clavier-Fabrik zusammengetroffen und ihm Einiges vorge- 
spielt, worüber er seine besondere Zufriedenheit äusserte. 
Dann* Visiten bei Fürst Esterhazy, Prinz Leopold, Lord 
Lowther, Castlereagh u. A. Abends hörte ich Cramer im Con- 
cert des Sängers Vaughan wieder ein Mozart'sches Con- 
cert mit seltener Zartheit spielen. Die grossen Chöre und 
Gesangstücke aus Händel'schen Oratorien, die heute zu 
Gehör kamen, machten durch die Präcision der Aufführung, 
sowie durch die Begleitung der Orgel einen noch nie em- 
pfundenen Eindruck auf mich/* 

6. Juni: „Ancient-Concert (in den Hanover Sq re rooms), 
wo liändel's Messias in seiner ganzen Grösse und einfachen 
Würde gegeben wurde. Die Begleitung der Orgel in 
kräftigen Stellen durch Blasinstrumente ergänzt. Die 
vorzüglichsten Sänger waren: Mrs. Salmon, Miss Stephens,. 
Mr. Vaughan. Auffallend war es mir, dass statt der 
Knaben im Alt bejahrte Männer diesen Part mit der 
Kopfstimme sangen. Das berühmte Hallelujah wurde 
äusserst langsam gegeben. Die obligaten Trompeten zogen 
wieder meine Aufmerksamkeit und Bewunderung auf sich." 

9. Juni: „Gegen Abend ging ich mit Cramer zum 
Diner der royal Society of musicians. Die Mitglieder die- 
ser Gesellschaft, einer milden Stiftung für Wittwen und 
Waisen, speisen alljährlich einmal miteinander und laden 
zahlreiche Freunde dazu ein. Das Couvert kostet 1 Guinea, 
und irgend ein musikalischer Lord präsidirt Sobald die 
Speisen abgetragen sind, wird das Tischtuch entfernt, der 



1 



schön gebohnte Mahagoni-Esstisch mit frischen Dessert- 
weinen besetzt. Alsobald sieht man auf einer oberen 
Galerie Damen erscheinen; es sind die Frauen und Töch- 
ter der vornehmsten Künstler mit einigen auserwählten 
Freundinnen. Weissbebanderte Herren, die Stewards (Ce- 
remonienmeister) des Diners, empfangen sie höflichst und 
weisen ihnen oben Sitze an. Von unten her erschallt das 
Non nobis Domine, ein vierstimmiger Canon im strengen 
Styl, von dem jeder englische Künstler seine Stimme aus- 
wendig kennt; — der Text besteht aus dem gewöhnlich 
gesprochenen Dankgebet Grace after meat. Nun kommt 
eine vorgeschriebene Reihenfolge von Toasten, die von 
einem dazu bestellten Diener, der hinter des Präsidenten 
Stuhl steht, mit kraftvoller Lunge angekündigt werden. 
Der König und sein Haus, der Präsident, die Marine, die 
Armee, ihre Führer, die Gesellschaft, zuletzt auch die Damen, 
welche das Fest beehren, müssen hoch lelpen, und der Grad 
der Theilnahme den die Anwesenden diesen toasts bezeigen, 
besteht in einem stärkeren oder schwächeren Aufstossen der 
Messergriffe auf den Tisch, wobei denn Gläser und Flaschen 
den sinnverwirrenden Lärm completiren. Nur dann, wenn 
ein zum Musiciren eingeladener Künstler zwischen den 
toasts mit einem Solo hervortritt oder ein Redner solch 
ein Musikstück ankündigt und dadurch besondere Theil- 
nahme erregt, bemüht man sich, mit den Händen zu klat- 
schen. Die Hauptrede, welche bei jeder dieser Zusam- 
menkünfte gehalten wird, ist der Jahresbericht über die 
Finanzen der Gesellschaft; ernst und sachverständig 
geht sie schliesslich dazu über, durch eine humoristische 
Wendung die anwesende, nun schon durch Wein und 
Musik belebte Gesellschaft, zu neuen Gaben für den wohl- 
tätigen Zweck anzuregen. Das Haus Broadwood steht bei 
diesen Gaben stets in erster Linie. Noch muss ich der Ga- 
lanterie der Festgeber erwähnen, die jedesmal ihre Damen 
durch die Stewards in ein besonderes Zimmer, vor einen mit 
Wein, Früchten und Kuchen bedeckten Tisch führen und 
mit diesen guten Dingen erfrischen lassen." 

ii. Juni. „Wichtiger Tag. Erstes Auftreten im letzten 




— 60 — 

Philharmonischen . Concert und mit vielem Glück. Ich 
spielte mein Es-dur-Concert und die Alexander- Variatio- 
nen. Dieses Stück bekam wegen der Aehnlichkeit des 
Thema's mit der Marseillaise von den Engländern den Bei- 
namen the Fall of Paris, ein Umstand der mir später in 
Paris unangenehme Auslegungen von den Blättern zuzog 
Im 2. Theil spielte Kiesewetter mit grossem Beifall." 

4. Juli. „Heute endlich war mein Concert in den Ar- 
- gyll rooms, das mir so viel Plage und Lauferei gemacht 
hat. Das Concert und die Clair de lune- Variationen gin- 
gen gut und wurden sehr günstig aufgenommen; am gün- 
stigsten aber die freie Phantasie über : My lodging is on the 
cold ground. Cramer begleitete die Gesangstücke am 
Ciavier, welche die Damen Salmon, Camporese, Ashes und 
Herren Corri, Begrez, Braham ausführten. Auch der 
Geiger Mori unterstützte mich." 

11. Juli. „Grosse musikalische Soiree bei Rothschild 
auf seinem Landhause in Stamfordhill, für die jetzt wegen 
der bevorstehenden Krönung Georg's IV. anwesenden 
fremden Minister, denen ich grÖsstentheils vorgestellt 
wurde. Sie und der alte Fürst Esterhazy bezeigten grosse 
Zufriedenheit über mein mehrmaliges Spielen und Phan- 
tasmen. Dazwischen Hessen sich englische Vocal-Talente, 
ein- und vierstimmig hören. Erst um 4 Uhr zu Hause ange- 
langt." 

19. Juli. „Heute am Krönungstage postirte ich mich 
schon früh in die Nähe der Abtei, sah die feierliche Pro- 
zession, den glänzenden Aufzug und das Bankett in West- 
minster Hall." 

Ehe er London verlässt, schreibt er noch sein Rondo 
für Ciavier und Horn, arrangirt die Chöre aus Timotheus 
für Ciavier, hört die neue Cavatine di tanti palpiti aus 
Rossini's Tancred von der Catalani und ist Abends bei 
ihr zum Souper geladen. Endlich werden Abschiedsvisiten 
gemacht, und als dabei die Reihe an den Fürsten Ester- 
hazy kommt, lässt dieser ihm einen neuen Pass mit dem 
Titel seines Kammervirtuosen überreichen. Von der Lon- 
doner Künstlerwelt nahm er ungern Abschied, desto 



1 



— 61 — 

¥ 

lieber von der Londoner Luft; „die schwere Londoner 
Luft", heisst es im Tagebuche, „die mir so oft Kopf- 
schmerzen macht, ich verlasse sie gern!" 

Und so geht es nach Frankreich zurück, erst nach 
Boulogne, dann nach Schloss Pralin zu Kalkbrenner. 
4 Dort verbrachte er bis in den October hinein ein ange- 
nehmes, ruhiges Landleben, natürlich mit Musik verwebt; 
die Frau sehr gebildet, war ihm eine liebenswürdige 
Wirthin und er schrieb für sie, als Dank für genossene 
Gastfreundschaft, sein Rondo „la Tenerezza." Auch drei 
Allegri di Bravura, die er Cramer dedizirte, und eine Po- 
lonaise brillante in Es componirte er in dieser ländlichen 
Stille. Anhaltende Cla vier Studien, Partiturlesen und fran- 
zösische Leetüre füllen den Rest seiner Zeit aus. 

Kaum war er nach Paris zurückgekehrt, als ihn La- 
font beredete, eine tournee in die Norm an die mit ihm zu 
machen, in den Städten Rouen, Caen, Havre und Amiens 
Concerte auf gemeinschaftliche Kosten mit ihm zu geben. 
Moscheies willigte ein. Beide würden überall sehr fetirt 
und in der besten Gesellschaft freundlich aufgenommen, 
sodass die Geschäfte gut gingen. „Dabei hätten wir es 
bewenden lassen sollen", erzählt Moscheies. „Lafont aber 
hatte in meiner Abwesenheit zugesagt, auch in dem kleinen 
Hafen Honlleur mit mir zu spielen, was er mir im Salon 
einer der ersten Damen von Havre mittheilte. Diese warnte 
sogleich und machte bemerkbar: es hiesse viel zu weit 
herabsteigen, in so einem Nest zu spielen. Ich aber wollte 
meinen Freund nicht im Stich lassen, und reiste trotz 
aller Zweifel mit ihm ab. Nun ist die See mir niemals 
hold gewesen und da ich mich auf der kleinen Fahrt von 
Havre nach Honfleur nicht eben gut befand, so brütete 
ich den für Lafont schwarzen Gedanken aus, mich gleich 
bei .meiner Ankunft durch Anschlag Unwohlseins halber 
abmelden zu lassen, wusste auch Lafont zu diesem Schritte 
zu bereden, und sah ihn richtig in die Druckerei wandern, 
um die Absage-Zettel zu besorgen. So aber sollte die 
Sache nicht ablaufen; denn schon in der Druckerei wider- 
setzten sich die hinzugekommenen Behörden und eilten zu 



1 

— 62 — 

-I- 

mir in's Hotel, noch ehe ich Zeit hatte zu verbergen, dass 
mir mein Mittagmahl vortrefflich schmeckte. Nun schützte 
ich böses Zahnweh vor, wehrte mich, so gut ich konnte, 
musste aber doch endlich nachgeben und den Enthusias- 
mus von Honfleur für mein Spielen entgegen nehmen. 
Vielleicht verlieh ich diesem noch mehr Interesse als 
gewöhnlich, indem ich mich bemühte, die Rolle des 
„Souffrant" auch im Concertsaal vor dem Publicum weiter 
zu spielen. So lief die Sache leidlich ab." 

Am 10. December traf er wieder in Paris ein, war 
rasch wieder eingelebt und das frühere bewegte Musik- 
treiben begann von Neuem. Er nennt unter den mitge- 
machten Soireen besonders eine bei der Herzogin von 
Berry, welche Paer leitete, wo er viel spielte. Garcia, 
Galli, Bordogni und die liebliche Fodor sangen. Später 
heisst es: „Ein Besuch des jungen Erard rief mich heute 
in seine Klavierfabrik, um die neue Erfindung seines 
Onkels Sebastian zu prüfen. Sie bezweckt die raschere 
Auslösung der Hämmer und erscheint mir so wichtig, 
dass ich dem Klavierbau durch sie eine neue Aera prophe- 
zeihe. Der Anschlag ist mir immer noch zu schwer, die 
Papes und Petzolds angenehmer zu- spielen, so bewunderte 
ich freilich, mäkelte aber auch und trieb ihn zu neuen 
Verbesserungen an. 

Den Jahresschluss bringt er „im engsten Freundes- 
kreise bei August Leo angenehm" zu. 



* 



1822. 



Im Beginn dieses Jahres trat Mälzel mit seinem Me- 
tronom hervor, an dessen Erfindung er jahrelang gear- 
beitet hatte. Da er es aber unendlich schwer fand, ihm 
Eingang zu verschaffen, so musste er sich durch seinen 
Trompeter - Automaten und die Puppen, die Papa und 
Mama herausquäkten, die nöthigen Subsistenzmittel ver- 
schaffen. Dass diese nicht immer ausreichten, beweist 
eine spätere Notiz von Moscheies, „dass er die 500 Francs, 
die er damals im Jahre 1822 in Paris sich von mir lieh, zu 
bezahlen vergass". — Das Erscheinen eines neuen Werks 
von Beethoven war stets ein Ereigniss für Moscheies, Ein 
solches Ereigniss fallt in den Anfang dieses Jahres, in 
welchem zwei neue Sonaten von Beethoven, (op. 109 u. 110), 
herauskamen. Er studirte sie mit dem grössten Eifer, ver- 
senkte sich ganz in ihre Schönheiten und spielte sie den 
Kuristbrüdern vor, hauptsächlich dem Freunde August 
Leo, dem er wahres „musikalisches Verstandniss und ein 
anmuthiges Compositionstalent" nachrühmt. Um ihn scharte 
sich ein deutscher Kreis, dessen musikalischer Mittelpunkt 
Moscheies wurde, und in welchem der Beethovencultus 
pietätvolle Pflege fand. 

Ein zweites Ereigniss war das Erscheinen von Weber's 
„Freischütz". Auch dieses Werk wurde in jenem Kreise 
mit freudiger Erregung begrüsst, seine Schönheiten im 
Klavierauszug genossen, die neue Aera, welche für die 
dramatische Kunst in Deutschland angebrochen schien, 
viel und eingehend besprochen. 

Moscheies selbst wollte als Novität in seinem grossen 
Concert, welches er mit Lafont zusammen vorhatte, die 
Beethoven'sche Phantasie mit Chor spielen; aber das hielt 
schwer! Ein deutscher Musiker, Lecerf, sagte zwar gern 
die Mitwirkung des unter seiner Leitung stehenden „Ge- 
sangvereins für Kirchenmusik" zu; es wurde auch probirt 
und wieder probirt, aber die Stossseufzer des Tagebuchs 
über die Arbeit, welche die Vorbereitung gerade dieses 



— 04 — 

■ 

Werkes bereitete, wollen nicht enden. Der von Theoion 
übersetzte Text war von Moscheies selbst mit Aufopferung 
mancher Mitternachtsstunde revidirt und geändert worden ; 
dennoch war er hierdurch dem Publicum, das den Saal 
des Opernhauses überfüllte, nicht zugänglich gemacht; 
ebenso wenig die Musik. Moscheies klagt: „Ich weiss 
nicht, war das Stück für ein Pariser Publicum zu lang, 
war es die meist falsche Intonation der Chöre, genug es 
ist quasi durchgefallen. Alles Andere was Lafont und 
ich allein und was wir zusammen spielten, die Cinti und 
Nourrit mit ihrem Gesang, Ivan Müller und seine Cla- 
rinette wurden enthusiastisch aufgenommen. Einnahme 
8000 Francs". Es kam aber noch ein Aerger nach. Ein 
ignoranter Journalist des Miroir fiel über Moscheies her; 
warf ihm vor, er habe die Chore selbst hinzugesetzt und 
dadurch der „Phantasie eine ungeniessbare Länge ge- 
geben", und so musste er sich noch öffentlich recht- 
fertigen. 

Am Dimanche gras und Fastnachtsdienstag finden 
wir Moscheies im Carnevalsgetümmel. Die unabsehbare 
Anzahl von Equipagen, das bunte Durcheinander der drol- 
ligsten Maskenaufzüge, das tolle Gewimmel, das sich dem 
boeuf gras nachwälzte, belustigte ihn. Gleichwohl fand 
er am Fastnachtsdienstag Zeit, das am Morgen desselben 
Tages angefangene Adagio seines Es-dur-Concerts fort- 
zusetzen und zu vollenden. 

Unter seinen damaligen Schülerinnen interessirte ihn 
am meisten Dlle. Mock (nachherige Mme. Pleyel), deren 
grosses Talent er mit wahrer Freude ausbilden hilft. Es 
war ihm aber auch schmeichelhaft, dass die unvergess- 
liehe Catalani, die diesen Winter in den kürzesten Zwischen- 
räumen vier überfüllte Concerte giebt, ihm ihre Nichte zum 
Unterricht anvertraute. 

Im Marz hält sich Moscheies 14 Tage in Rouen auf r 
wohin ihn einige einfiussreiche Familien gelockt haben. 
Diese sind eifrig bemüht, ihm die interessante Stadt und 
ihre Umgebung, auch alle auf Jeanne d'Arc bezüglichen 
Denkwürdigkeiten zu zeigen. Pape bringt selbst das beste 



ner Instrumente aus Paris und die Karten zu dem vor- 
reiteten Concert sind bald vergriffen. „Aber ohne Plackerei 
'und Lauferei geht's doch nicht ab; dafür sorgen schon die 
Gottseibeiuns -Theaterdirectoren. Der hiesige heisst van 
Ofen und verweigert seine Sänger". Natürlich schlugen 
sich die einflussreichen Freunde in's Mittel und schliesslich 
gelang es ihnen, den missgünstigen Mann herumzubringen. 
Das Concert geht mit grossem Erfolg vor sich, und ein 
zweites wird verlangt und gegeben. 

Ein Versprechen ruft Moscheies nach Paris zurück; 
er leitet bei Leo, der die Chöre vortreftlich einstudirt hat, 
eine Aufführung von Mozart's Requiem. Am Ostersonntag 
spielt er im Concert spirituel auf Verlangen sein Potpourri 
mit Lafont, nimmt aber als Thema seiner Improvisation 
folgenden Kirchenchoral, der ihm „dem Tage angemes- 
sen" erscheint: 








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glo - ri^- ae rnor - te sur - rex - it ho-di - e al - le - lu - ja. 

i, Wieder gelang es mir diesmal" (schreibt das Tagebuch), 
»dem Publikum meine eigene Inspiration zündend mitzu- 
teilen". . 



Die Pariser Saison ist zu Ende, und nun folgt Mo- 
scheies bereitwillig der Einladung der Freunde, wieder 
nach London zu kommen. <,Dort fand ich eben J. B. C ramer 
im Begriff, sein jährliches Concert zu geben. Er zeigte 
mir zwei Stücke einer Sonate, die er darin mit mir spielen 
mochte, und sprach den Wunsch aus, dass ich ein drittes 
als Finale hinzu componiren möchte; nur möchte ich ja 
keine meiner Octavenpassagen in seinen Part legen, die 

Moscheies' Leben. s s 



könne er nicht spielen. Ich kann ihm nichts abschlagen, 
werde mich also bemühen müssen, ihm, dem Mozart- und 
Händel- Jünger, etwas Analoges zu machen. Er Hess mich 
einen Theil seines neuen, mir dedicirten Clavier-Quintetts 
hören; eine echt Cramer'sche Compositum. Ich rausste 
ihm die drei Allegri di bravura: „la force, la legerete et 
le caprice" vorspielen, die ich ihm widme". 

Das Stück, welches Moscheies für dies Cramer'sche 
Concert als Anhängsel an dessen Sonate in aller Eile 
schrieb, ist das Allegro des allbekannten vielgespielten 
Hommage ä Händel, dem er später Selbstständigkeit ver- 
lieh, indem er die Introduction dazu componirte und es in 
dieser Form für zwei Claviere, dann aber auch für vier- 
handiges Spiel herausgab. Die Novität machte gleich bei 
der ersten Aufführung in Cramer's Concert am 9. Mai 
Furore. „Glorious" John und Moscheies, von dem die Blätter 
behaupteten, „that his execution is most wonderful and 
more wonderful because he always makes the right use 
of his genius" — diese beiden zusammen spielen zu hören 
und noch dazu in einer Composition, an der Beide ge- 
arbeitet hatten — das war „an unrivaled treat, an un- 
precedented attraction". Jeder hatte sich dazu ein Broad- 
wood'sches Instrument gewählt, Cramer wie gewöhnlich, 
Moscheies nur für diese Gelegenheit. „Die starken Metall- 
platten, deren Broadwood sich in seiner Construction be- 
dient, erschweren (wie Moscheies bemerkt), den Anschlag, 
geben aber dem Ton die Fülle und Sangbarkeit, die so 
herrlich für Cramer's Legato, für seine sanft von Ton zu 
Ton gleitenden Finger passt; ich hingegen brauche zu 
meinen repetirenden Noten, Sprüngen und Doppelgriffen de- 
mentes beweglichere Mechanik". Cramer's D-moll-Concert 
und das neue Quintett, von seinem Bruder Francois, dem 
beliebten Cellisten Lindley, ferner Dragonetti und Moralt 
begleitet, gefiel unendlich. Dieser F. Cramer war ein guter 
Musiker, grosser Bewunderer seines Bruders, selbst aber 
nur massig ausübender Künstler, ohne Eigenes schaffen 
zu können. Seiner grossen Familie hinterliess er wenig 
mehr als den Namen eines kreuzbraven Mannes, der, man 



! 



— 67 — 

weiss nicht recht warum, niemals auf einen grünen Zweig* 
gekommen war; denn an Fleiss liess er es nicht fehlen. 
Er gab viel Lectionen und war gutbesoldeter Vorgeiger 
der Ancient- und Philharmonie -Concerts, sowie der pro- 
vinziellen Musikfeste. 

Sein G-moll-Concert, das er neuerdings einer Ver- 
änderung unterzogen hatte, spielte Moscheies erst im Phil- 
harmonischen, dann in seinem eigenen Concert mit vielem 
Beifall. In letzterem unterstützte ihn die reizende Cinti, 
Kiese wetter und Dizi, der vortreffliche Harfenspieler. Alles 
ging gut und wirkungsvoll zusammen. „Wir haben aber 
auch ganz anders probirt, als man es hier gewöhnlich 
thut; oft giebt es gar keine Probe, oft läuft ein halbes 
Orchester die Sachen einmal durch. Was thun also die 
Sänger? Sie singen unaufhörlich die wenigen Stücke, die 
das Orchester kennt und die das Publikum zu hören nie 
müde wird." 

Einige Tage später heisst es: „Was sind alle Concerte 
gegen das des Harfenspieler -Charlatans Bochsal Gehört 
habe ich nur ein Pröbchen davon, aber hier schreibe ich 
mir das Programm her, obgleich schon dies eine Riesen- 
arbeit ist." Die unglaubliche Länge des Concerts verdient 
in der That als Merkwürdigkeit verzeichnet zu werden; 
hier ist das Programm: 

Erster Theil. 

1. Ouvertüre aus dem Oratorium the Redemption, v. Händel. 

2. Arie, ges. v. Bellamy. 

3. Arie aus Josua, Miss Goodall. 
4- Duett — Israel in Egypten. 

5« Chor, 

6. Arie aus Judas Maccabäus, 

aus Semele. 
8« „ aus Theodora. 
9« Chor aus Saul. 

10. Marsch aus Judas Maccabäus. 

11. Arie aus the Redemption. 

12. Chor aus Israel in Egypten. 
13- Duett aus Figaro. 

14. Alexander- Variationen (von mir selbst gespielt). 



— 68 — 

Zweiter Theil 

(zu welchem das Publicum für den halben Eintrittspreis Einlass hatte.) 

IS! 
16. 

17, 6 Stücke aus einem musikalischen Drama: Bajazet, Musik von einem 

18. Lord Burghersh. 
19. 
20. 

21. VioKn-Concert v, Viotti, vorgetr. von Mori. 
22- Recit. und Chor aus Moses, v. Rossini* 

23. Quintett. 

24. Duett aus Figaro, ges, v. Mad. Camporese und Cartoni. 

25. Arie äus Jephtah, 

26. Duetto aus Tancredi v. Rossini, ges. v. Mad. Vestris und Begrez. 

27. Recit. und Arie aus der Schöpfung, ges. v. Zochelli. 

28. Recit. und Arie aus: il Pensieroso v. Händel, ges. v. Miss Stephens, 
mit obligater Flötenbegleitung v. Nicholson. 

29. Schlusschor aus Beethoven's Christus am Oelberge, 

Dieses Riesen programm stellt selbst Astley 's Theater in 
Schatten, der an einem Abend „einen schottischen Her- 
kules, verschiedene Seiltänzer, zwei Lappländer, zwei 
Hunde und einen Bären" producirt. 

Die grossen Soireen, zu denen Moscheies hinzugezogen 
wurde, um „für die hohen und höchsten Herrschaften auf- 
zuspielen", waren durchaus nicht nach Moscheles* Ge- 
schmack. „Wie anders", ruft er aus, „ist das Musik- 
machen in diesen heissen, gedrängt vollen Localen mit 
Berücksichtigung des nicht kunstverständigen Publicum s 
im Vergleich zu unseren Zusammenkünften unter Kunst- 
brüdern! Gottlob ist es mir nie so schlimm ergangen, 
wie dem armen Lafont, dem der Herzog v. Devonshire 
mitten in einem Stück auf die Schulter klopfte, mit c'est 
assez, man eher; ich werde applaudirt, wenn ich ihre Ohren 
kitzele". 

Die Lichtseite der Sache war die gute Bezahlung und 
das Carrieremachen. Es hat auch etwas Ehrenvolles, zu 
einem Chateaubriand geladen zu sein; es bleibt immer höchst 
interessant, in den Soireen der grossen Welt mitgewirkt 
zu haben. Trifft man doch Alles dort, Prinzen, Staats- 
männer und Männer der Wissenschaft, und hat Gelegen- 



1 



- 69 - 

feit mit interessanten Persönlichkeiten in nähere Berüh- 
rung zu kommen. Ganz besonders freute Moscheies die 
Bekanntschaft der berühmten Tragödin Mrs, Siddons 
und des ausgezeichneten Schauspielers Young, den er 
als einen höchst gebildeten, liebenswürdigen Mann 
rühmte. 

Als ein besonders prächtiges Fest wird der Ball für 
die nothleidenden Irländer erwähnt. König Georg IV,, der 
zugegen war, hatte das herrliche Local der grossen Oper 
feenhaft ausschmücken lassen. Der Ertrag war aber ein 
ebenso glänzender, da 3000 Karten ausgegeben waren, die 
erst 2 Guineen kosteten, zuletzt aber auf 15 Guineen 
stiegen. 

Gegen Ende dieser Saison finden wir MoscheleS mit 
einer gründlichen Revision mehrerer seiner Arbeiten, na- 
mentlich der Alexander-Variationen, beschäftigt. Zu letz- 
teren wird eine neue Introduction geschrieben; die neue 
Auflage veranstaltete Boosey & Schulz. Auch von an- 
deren "Werken werden neue Auflagen vorbereitet; das 
Rondo „Charmes de Paris", das eben beendet ist, wird 
herausgegeben, Moscheles* Ciavierauszug von Mehul's Oper 
Valentine de Milan gestochen, endlich die Herausgabe der 
Bonbonniere musicale eingeleitet, deren 1. Heft Moscheies 
der kleinen Tochter von Horace Vernet widmet, während 
der Vater ein reizendes Titelkupfer dazu zeichnet. 

Und nun geht es mit den Freunden J. B. Cramer, 
Sir George Smart und Kiesewetter zu kurzer Erholung 
nach Brighton an die See, deren Heranrollen und Ab- 
fluthen ein majestätisches Schauspiel bot, während die 
kräftige Luft und die Geschäftslosigkeit erquickend auf 
Leib und Seele wirkten. 

Die Musik war in Brighton durch den Director der 
königlichen Harmonie-Musik, Kramer (nicht zu verwech- 
seln mit den erwähnten Brüdern Cramer), herrlich ver- 
treten. Dieser führt den Freunden mit seinem Orchester 
<He besten Sachen von Händel, Mozart und Beethoven in 
treftlicher Ausführung vor. Die Abende benutzt Moscheies 
zur Entwerf ung einiger Canons, die er nach Wien sendet. 



— 7° — 

Für den Herbst hatte Moscheies mit Kiesewetter so 
halb und halb eine Reise nach Schottland verabredet, gab 
die Idee aber wieder auf. Kiesewetter's Lebenswandel 
passte nicht zu Moscheles' Ansichten, passte aber ebenso 
wenig zu seiner eigenen schwachen Constitution und einer 
immer mehr über ihn hereinbrechenden Brustkrankheit, der 
sein wenig geregeltes Leben stets neue Nahrung gab. Da- 
gegen vereinigte sich Moscheies gern mit Lafont, den er 
kurz darauf in Boulogne traf, zu drei brillanten Concerten, 
und ging dann nach Paris, um sich in der ruhigen Herbstzeit 
mit aller Müsse und allen Kräften dem Studium und der Com- 
position zu widmen. Auch im Winter wird die Arbeit neben 
der Betheiligung an grösseren Concerten (u. a. an einem 
von der Herzogin v. Berry veranstalteten) eifrig fortgesetzt. 
Gegen Jahresschluss , wo ihm die Londoner Academy of 
Music ein Diplom als Ehrenmitglied schickt, notirt er in's 
Tagebuch: „Ich fühle mich immer heimischer in England, 
denn augenscheinlich wünscht man mir Achtung und 
Freundschaft zu bezeugen; das ruft bei mir grosse Dank* 
barkeit hervor". 



1823. 

Das Jahr beginnt mit den Zurüstungen zu einer neuen 
Reise nach England, die Mitte Januar angetreten wurde. 
Wie im vorigen Jahre zwischen Paris und Versailles, Rouen 
und anderen französischen Städten, so bewegte er sich jetzt 
zwischen London, Bath, Bristol etc. hin und her, denn in 
der grossen Metropole wie in der Provinz begehrte man 
seiner. Junge Damen wollten in wenigen Lectionen einen 
Bruchtheil seines angestaunten Spieles erlernen. Sein Phan- 
tasmen konnten sie ihm freilich „in a few finishing lessons" 
nicht abhorchen; denn dazu gehörte neben der grossten 
musikalischen Belesenheit noch sein angeborenes Talent, 
das gegebene Thema in stets neuen überraschenden Wen- 
dungen kaleidoskopisch verschwinden und wieder auf* 



uchen zu lassen. Aber die repetirenden Noten, meinten 
die zarten Damen, und das gleichförmige Rollen der lau- 
fenden Passagen könnten sie auch erlangen, und so wollte 
die Provinz ihn gern dem grossen London streitig machen. 

Um ihn länger zu fesseln, bereiteten ihm die lern- 
begierigen Damen in Bath und in der Umgegend dieses 
grossen Badeortes, neben den Engagements der Concert- 
Unternehmer noch Soire'en in den ersten Privathäusern 
vor; er brauchte nur zu kommen, zu spielen, seinen mit 
goldenen Blüthen beschwerten Lorbeer einzustreichen und 
bei der Gelegenheit einige Lectionen zu ertheilen. In Bath 
rühmt er besonders die Gastfreundschaft der Familie 
Barlow. „Ich bin Sohn in ihrem gastfreien Hause; stets 
ist mein Zimmer bereit , und dabei ist Miss Barlow , wohl 
meine talentvollste Schülerin". Weiter finden sich Ber 
merkungen über ein Concert in E-dur, das er in diesem 
Hause begann und fleissig ausarbeitete. 

Aber auch an drolligen Notizen fehlt es nicht. So 
finden wir unter anderem ein spasshaftes Quid pro quo 
verzeichnet, das ihm, als einem Neuling in der englischen 
Sprache, an der Tafel der Familie Barlow passirte. „Ich 
wurde heute beim Dessert gefragt, welche von den auf 
dem Tisch stehenden Früchten ich wünschte. „Some 
Sneers", erwiederte ich unbefangen. Darauf folgte erst 
Erstaunen, dann helles Lachen der Anwesenden, die den 
Zusammenhang erriethen. Ich, der ich mein Englisch da- 
mals noch mühevoll aus Dialogenbüchern und Dictionnairen 
schöpfte, hatte gefunden, „not to care a fig" heisse „to sneer 
at a person" und meinte nun, als ich mir Feigen erbitten 
wollte, fig und sneer sei auch beim Dessert gleichbedeutend 
(während doch jenes in der ersteren Redensart nur figür- 
lich gebraucht wird)". 

Ein Gemüth, wie das von Moscheies, konnte nicht 
anders wie durch die milden frühlinggleichen Februartage 
m der reizenden Gegend des Bristol Channel beeinflusst 
werden, und so finden wir den Ausruf : „ Was kann schöner 
sein, als der erste Anblick der Welsh mountains vonClifton 
aus? Ein bezauberndes Panorama! Der richtige Ort, um 



ein Adagio zu schreiben; die blaue Bergkette zieht sich 
so ruhig und majestätisch an dem grünlichen spiegelhellen 
Seearm hin!" Ueber Bath sagt er: „Die Assembly rooms 
sind der Sammelplatz der fashionablen Welt, die hierher 
eilt, um ein mildes Klima in den vortrefflich eingerichteten 
Häusern zu geniessen; diese, aus weissem Sandstein er- 
baut, liegen terrassenförmig malerisch hingestreut. In 
ihren Räumen suchen die Schwachen und Leidenden, 
welche die warme Quelle zum Trinken und Baden be- 
nutzen, den Comfort, den wir in deutschen Badeorten nicht 
kennen; die Müssigen finden sich bald zusammen, um an- 
genehm ihre Zeit zu verschlendern. Man versichert mir 
auch, dass speculative Mütter mit ihrem Tochter-Reich- 
thum hierher reisen, um ihn in guten Heiräthen für Gold 
einzutauschen' 1 . 

Später finden wir Moscheies in London wieder. Er 
berichtet hierüber: „Ich war in einem sogenannten Ora- 
torien-Concert, ein Theil geistliche, ein anderer weltliche 
Musik; das Publicum mag die erstere überwiegender ge- 
funden haben, als ihm lieb war, denn es tobte und wüthete, 
weil gewisse Stücke aus der „Donna del lago" ausblieben, 
die das Programm versprochen hatte". Er wurde für drei 
dieser Concerte engagirt und war mit dem Erfolg zufrieden. 
„Das Publikum", setzt er hinzu, „mag diesmal guter Laune 
gewesen sein, da man ihm nicht nur die neulich weg- 
gelassenen Stücke aus der „Donna del lago" auftischte, 
sondern sämmtliche Nummern der Oper". Ein ander Mal 
schreibt er: „Heute gab das Oratorien-Concert unter an- 
derem neben viel weltlicher Musik das ganze Oratorium 
Palestine von Dr. Crotch. Wie sind nur die Nerven or- 
ganisirt, die so viel heterogene Musik ertragen können? 
Und noch dazu kam mir dieser Dr. Crotch, diese eng- 
lische Berühmtheit, nur als ein sehr schwacher Abklatsch 
von Händel vor". Als Moscheies später die „Donna del 
lago" in der italienischen Oper hört," findet er, dass die 
Musik viel Schönes enthält, das Schönste „aber wohl un- 
streitig die reizende Ronzi de Begnis mit ihrem lieblichen 
Gesang bleibe". 



73 



Ein nicht unbedeutendes Unwohlsein, das er von Bath 
mit nach London brachte, konnte seinem Fleisse kaum 
Schranken setzen; er gehörte zu Denjenigen, denen un- 
ausgesetzte Beschäftigung Bedürfhiss und Freude war; 
trat aber endlich die unausbleibliche Erschöpfung ein, so 
wusste er sie schnell durch das natürlichste Mittel, den 
Schlaf, zu beseitigen, um dann seine Thätigkeit mit er- 
neuten Kräften wieder aufzunehmen. 

In dieser Zeit war die Composition des E-dur-Concerts 
seine Hauptbeschäftigung ; daneben aber wurden die schot- 
tische Phantasie, das veränderte F-dur-Concert und die vier- 
händige Sonate für den Stich vorbereitet. „Eine Gigue", 
sagt er, „schrieb ich als Beilage für die musikalische Zeit- 
schrift „the Harmonicon", deren Herausgeber Mr. Walsh, 
Besitzer der Argyll rooms mich bittet, ihm zu schicken, 
Avas ich wolle; er zahlt 5 Guineen für so ein kleines Ding. 
Die Charmes de Paris tragen mir 20 Guineen, die erste Ab- 
theilung der Bonbenniere musicale ebenso viel ein. Trotz- 
dem lasse ich manches Manuscript liegen; die pecuniären 
Vortheile genügen nicht, ich selbst muss Fortschritte und 
keine besonderen Mängel in den neuen Sachen finden, 
sonst gebe ich sie nicht heraus". In Mussestunden machte 
ßr ein neues Arrangement der Egmont- Ouvertüre und 
pflegte so etwas seine „Handarbeit" zu nennen. 

Jeder, der Moscheies näher stand, kannte die Ge- 
nauigkeit, mit welcher er den Stich seiner Sachen be- 
trieb. Seine Stecher bekamen die gemessenste Anweisung, 
wo die Blätter gewendet werden durften; jeder Notenkopf 
musste genau an seiner Stelle stehen, jede Pause deutlich 
zu lesen sein. „Das Alles" pflegte er zu sagen, „trägt 
*zum präcisen Spiel, ajso auch zum richtigen Verständniss 
des Stückes bei, und wenn Einer den grossen Geist spielt 
und so undeutlich schreibt, dass kein Stecher ihn lesen 
kann und sein Stück mit Fehlern herauskommt, so ist er 
darum doch lange noch kein Beethoven. Der darf Alles 
tnun, hat aber auch seinen Stecher, der ihn zu lesen ver- / 
steht. Sie sollen überhaupt nur Alle erst wie Beethoven 
componiren , dann mögen sie schreiben , wie sie wollen". 



\ 

— 74 — 

i 

Bei den Correcturen war die Gewissenhaftigkeit viel- 
leicht einzig in ihrer Art, bei den Lectionen wohl nicht minder. 

Darum wollte ihm auch die alte Schülerin Miss H gar 

nicht behagen, die ihm dieser Winter brachte. Sie hatte 
bereits ihre 60 Sommer gesehen und war, wie ihr wenig 
älterer Bruder unverheirathet. „Beide sind streng nach der 
Mode ihrer Jugendzeit gekleidet, was dem untersetzten 
Pärchen allzu komisch steht. Ihr hoher Aufsatz, seine 
Nankinghosen, blauer Frack und goldene Knöpfe sind 
genug, um Einem den Lachkrampf zu geben. Besonders 
die Alte; lernen will sie eigentlich nicht, denn wie oft ich 
sie während der 45 — 50 Minuten, die ich ihr widme, zum 
Spielen antreibe, ich bekomme sie kaum dazu. Die Gute 
ist redselig, sie ist aber auch gastfrei, ich muss jedes- 
mal bei ihr frühstücken, und während ich esse, erzählt 
sie, bis ich sie endlich zwinge, die gichtisch knorplichten 
Fingerchen an ein modernes Stück zu wagen. Mein Ge- 
wissen erlaubt mir nicht, die Guinee einzustreichen, die 
sie mir jedesmal sauber eingewickelt überreicht, wenn die 
Schülerin und ich nicht zusammen thätig waren." 

Moscheies war sehr erstaunt über die englische Sitte, 
in den Concerten mit Orchester irgend einen berühmten 
Musiker vorn hin an's Ciavier zu setzen, und wir finden 
bei Gelegenheit eines Philharmonischen Concerts die Frage: 
„Was heisst denn das „Conductor Mr. Clementi"? Er sitzt 
da und blättert die Partitur um, aber ohne seinen Mar- 
schallsstab, den Taktirstock, kann er doch seine musika- 
lische Armee nicht anführen? Pas thut also nur der Vor- 
geiger und der Conductor ist und bleibt eine Null. — 
Und nun erst dies Programm. C-moll- Symphonie von 
Beethoven, hier zum ersten Mal, und gleich nach diesem su- 
blimen Werk, dieser Götterspeise eine Flöten- Variation, 
ein Violin-Concert und verschiedene Arien. Ausserdem 
Mozart's G-moll-Symphonie und zum Beschluss eine Rom- 
berg'sche Ouvertüre — ein Programm, das ich nur hieher 
schreibe, um es nie zu vergessen." 

Ueberhaupt ging's in der Philharmonischen Gesell- 
schaft bunt her. Kiesewetter wollte nicht mehr in ihren 



/ 



— 75 — 

Concerten spielen, weil ihm die Bezahlung von £ 5 für 
eben Vortrag zu gering erschien. Moscheies und Kalk- 
brenner wurden zu Gratis-Leistungen aufgefordert, was 
der Erstere auf Grund seiner beschränkten Zeit, ablehnte, 
Kalkbrenner, der es lieber sah, wenn er im Philharmoni- 
schen Concert auftrat und Moscheies schwieg, nahm die 
Einladung der Gesellschaft an, spielte sein D-moll-Concert 
mit Rundung und Eleganz und erhielt gerechten Beifall. 
„Mir ist es zuwider,'* sagt Moscheies, „einer knickernden 
Körperschaft unterthänig zu sein, meine Kunstbrüder hin- 
gegen finden mich stets bereit, sie zu unterstützen." 

Durchblättern wir nun das Tagebuch, um diese Aus- 
sage zu bewahrheiten, so finden wir, dass Moscheies in 
dieser Saison nicht nur für seinen Freund J. B. Gramer 
und für den Harfenspieler Dizi, sondern auch für die Sänger 
Torri und Sapio, die Sängerinnen Caradori und Borgondio 1 
und andere unbedeutendere Künstler spielte. 

Im ganzen scheinen sich die Künstler bei aller Con- 
currenz, die nothwendig allerlei Eifersüchteleien mit sich 
führte, gut vertragen zu haben. Doch kamen auch pein- 
liche Scenen vor, so auf einer Soiree bei Miss B., einer 
Schülerin Moscheles\ „Das war eine fatale Geschichte! 
Nachdem wir Alle viel musicirt, spielten Kiesewetter und 
ich noch May seder 's lange Sonate. Cramers Ausruf „cela 
m'ennuie" wirkte wie ein Donnerschlag auf den leicht 
erregten Kiesewetter; er sprang beleidigt auf, und wir 
hatten Mühe und Plage, um die Zwei wieder zu versöhnen !" 

Zahlreich waren die englischen Dilettanten, die sich 
eine besondere Ehre daraus machten, mit Künstlern zu 
verkehren und sich mit ihnen um die Wette in ihren 
grossen Soireen hören zu lassen; so Sir W. Curtis auf 
dem Cello, Mrs. Oom auf dem Ciavier und ebenso Mrs. 
Fleming; Prinz Leopold und Prinzess Sophie, die Schwester 
des Königs Georg IV., waren stets aufmerksame Zuhörer 
für die Ausübenden. Doch klagt Moscheies: „Ich muss 
zu viel seichte Musik machen und hören." 

Als ein eigenthümliches und erhebendes Fest schildert 
er den (alljährlich wiederkehrenden) Kindergottesdienst 



der 6000 Schulkinder in der Paulskirche. „Der Moment, 
wo die ganze Kinderschaar sich mit einem Mal erhebt, 
ist imposant! Aber (setzt er hinzu) wie konnten Alle bei 
der kräftigen Orgelbegleitung der Psalmen, die sie unisono 
sangen, auch unisono detoniren? Und zwar so, dass sie 
jedesmal um "/-»Ton fielen! Man mochte daraus auf die 
geringe musikalische Begabung der Nation schliessen." 

Niemand hatte mehr Gelegenheit als er, junge Talente 
zu beurtheilen; denn Vater und Mütter brachten ihm ihre 
aufkeimenden Wunderkinder, von denen die meisten un- 
tergingen und längst vergessen sind; doch dachte er in 
späteren 'Jahren oft mit Freude daran zurück. Der Mo- 
ment, wo der Knabe Ferdinand Hiller Moscheies zuerst 
vorspielte und dieser dem Vater die glänzende musikalische 

■ L 

Zukunft seines Sohnes voraussagte, blieb beiden noch 
lange in freundlicher Erinnerung. Auch die zehnjährige 
Delphine Schauroth setzte ihn schon damals durch ihre 
Technik und Auffassung in Erstaunen. Mehr als alle musi- 
kalischen Wunderkinder entzückte ihn aber die jugend- 
liche, fast noch kindliche Schauspielerin Maria Garcia, die 
nachher ige Malibran, die er im Hause eines Mr. Hullmandel 
auf einem Liebhaber theater sah. „Das reizende Mädchen, 
noch halb Kind, spielte bezaubernd in „Chauvin de Rheims", 
„Coin de rue" und„L*ours et le Pädia". Gleichzeitig bewun- 
derte er den Vater Garcia in der italienischen Oper, einen 
der vortrefflichsten Sänger jener Tage. 

Schon während seines Aufenthalts in Wien hatte 
Moscheies den Grund zu einer genauen Kenntniss der 
italienischen Sprache gelegt, die er stets mit Vorliebe 
trieb; in London hatte er sich darin noch vervollkommnet, 
und nie versäumte er die Pistrucci-Abende , wo er mit 
grosser Freude dem Improvisator zuhorchte, Avie er das 
ihm aus dem Publicum heraus zugeworfene Thema in 
wohlklingenden Versen durchführte. „Es giebt mir über 
meine eigenen Improvisationen zu denken", fügt er hinzu; 
„ich muss beständig Vergleiche zwischen den Schwester- 
künsten machen, sie sind Alle nahe verwandt." 

Das London von 1823 kannte nur zweispännige Kutschen 




- — 77 — 

als Fiaker und diese waren ebenso kostspielig als schwer- 
fällig; wie angenehm Moscheies berührt war, als er' sich 
zum erstenmal eines einspännigen beweglichen Cabs be- 
dienen konnte, verzeichnet das Tagebuch. Der angenehme 
Wechsel fiel gerade in eine der thätigsten Wochen des 
ganzen- Londoner Aufenthalts. Es waren die Vorbereitun- 
gen zu einem von ihm für den 27. Juni geplanten Concert, 
die ihn hierhin und dorthin riefen. Einen Theil der Vor- 
arbeiten hatte ihm sein lieber Freund Sir George Smart 
abgenommen; dieser war stets bereit zu accompagniren, 
Proben .mit Sängern und Solisten zu halten, mit einem 
Wort, ihm alle Mühen zu erleichtern. „Dieser treffliche 
Mann,'* sagt Moscheies, „leitet fast alle grossen Musik- 
feste in London, sowie in der Provinz mit der grössten Um- 
sicht und Präcision; er ist eine jener seltenen Naturen, die 
trotz aller Geschäfte Zeit finden, ihre grosse (Korrespondenz 
a jour zu halten. Stets ist er auch bereit, seinen Freunden, 
zu dienen, und manche nicht englische Sängerin hat es nur 
ihm zu verdanken, wenn ihre Aussprache in den Haydn- 
schen und Handelt chen Oratorien zu un tadelhafter Rein- 
heit gelangt oder, wenn sie, seinen Winken folgend, in 
Styl und Vortrag die Traditionen fortpflanzt, ohne welche 
sie schwerlich ihre Erfolge errungen hätte." 

Moscheles' Aufenthalt in England, der auch diesmal 
wieder ungemein thätig und reich an neuen Bekannt- 
schaften, Erfolgen, Arbeiten und Entwürfen war, schliesst 
mit dem Ende der Londoner Saison, Im August finden 
wir ihn bereits auf der Rückreise, zunächst nach Frank- 
reich. Kaum aber in See gegangen, verschwindet er, vom 
'Seeübel gepackt, und taucht erst in Calais wieder auf. 
Der erste Tag des Wiedersehens in Paris ist angenehmer 
als der zweite, „Ich habe bei Schlesinger einen Koffer 
mit Werthsachen gelassen, die sämmtlich gestohlen sind, 
nämlich: die Dose der Herzogin von Berry, ein silbernes 
Kaffee-Service, 12 Löffel, ein antiker Ring, eine Venetianer- 
■ kette und andere Werth Sachen, mir doppelt werthvoll, 
weil ich sie als Andenken bewahrte. Wir haben einen 
Literaten in Verdacht, einen Bekannten von Schlesinger, der 



I 



- 78 - 

uns die Sachen verpacken sah und sich oft in dem Zim- 
mer allein aufhielt, wo der Koffer stand. Es muss in der 
fatalen Sache mit aller Schonung zu Werke gegangen 
werden." Der Verdacht bestätigte sich, aber der reuige 
Brief, den Moscheies von dem jungen Manne erhielt, ver- 
anlasste ihn die Sache niederzuschlagen und geduldig auf 
eine in Aussicht gestellte Wiedererstattung, zu warten. 
Wir werden dem weiteren Verlauf der unerquicklichen 
Angelegenheit später begegnen. 

Es war diesmal nur ein flüchtiger Besuch von zehn 
Tagen, den er Paris zugedacht hatte; denn er beabsich- 
tigte eine Kunstreise. In Spa, wo er zunächst auftreten 
wollte, führte er sich rasch ein, und seine Absicht, ein 
Concert zu geben, wurde vom dortigen musiksinnigen 
Publicum sofort mit Interesse aufgenommen. Schwer war 
es jedoch, die Flügel-Frage zu losen. Es gelang ihm nicht 
den sehr gerühmten Flügel der Lady Northland, die er 
auf einem Balle kennen lernte, zu bekommen. „Sie macht 
mir einen gewaltigen Querstrich: sie behauptet, ich würde 
ihr Instrument zu stark angreifen, ich, dem alles D rein- 
schlagen so zuwider ist! Sie vertraute sogar einer auf 
dem Balle anwesenden Freundin, ich spiele mit den Füssen !" 
Diess mag sich wohl missverständlich auf den Scherz be- 
zogen haben, den Moscheies oft machte, anscheinend mit 
geballter Faust zu spielen, in Wirklichkeit jedoch mit dem 
unterwärts versteckten Daumen Terzen zu berühren, dabei 
aber immer den ihm eigenen weichen Anschlag beizube- 
halten. Genug, er bekam den Flügel der Lady North- 
land nicht, wohl aber half ihm eine Mrs. Bayham mit 
einem freilich etwas stark ausgespielten Broadwood aus 
der Noth. Doch that dies seinem Erfolge keinen Eintrag. 

In Aachen ging es eben so gut; dort stand ihm der 
Buchhändler J. A. Mayer, den er schon früher kennen ge- 
lernt, hülfreich zur Seite. Dieser, sowie seine ganze Fa- 
milie blieben ihm für's Leben befreundet, und so wurde 
das leichtgeschürzte Band einer vorübergehenden Bekannt- 
schaft, hier, wie so oft in Moscheles' Leben, zur dauernden 
Kette. 



Eine eigentümliche, auf's bestimmteste ausgesprochene 
Neigung Moscheles', die sich bis in's späteste Alter bei 
ihm erhielt, war, dass er mit grösstem Interesse gericht- 
lichen Verhören beiwohnte. So sehen wir ihn denn auch 
in Aachen inmitten des heitersten Künstlerleben s in den 
Gerichtssaal eilen, um dort der Criminal Verhandlung über 
die Mörder Joseph Pakhard und Josephine Herzoginrath 
aufmerksam zu folgen. „Seine Gleichgültigkeit war mir 
schauerlich, ihr Schluchzen herzzerreissend". Aehnliche 
Notizen finden sich später häufig. 

Anfa-ng September kehrt Moscheies nach Deutschland 
zurück. Zuerst finden wir ihn in Frankfurt, von wo aus 
er zum Hofrath Andre in Offenbach eilt, um in Mozart'- 
schen Manuscripten zu schwelgen. „Gleich notirte ich mir 
die 2 Takte, die Mozart als überflüssig aus seiner Ouver- 
türe zur Zauberflöte wegstrich". 

Ouvertüre. 





Was sollte ich, der ich jede Note von Mozart verehre,' 
der ich ihn für das gross te Musikgenie halte, aber dazu 
sagen, dass der Hofrath Andre behauptete, Mozart habe 
die Declamation durchaus nicht verstanden, da Worte, die 
den entgegengesetzten Sinn seiner Operntexte hätten, eben- 
so gut unter seine Musik, als die von ihm componirten 
passen würden! Diese Beschuldigung schien mir keiner 
Verteidigung würdig — ich schwieg! — Unendlich in- 
teressirte mich der Anblick der nur zur Hälfte beendigten 
Partitur der Oper: ,,L' oca del Cairo"; die letzten Nummern 
dieses vergrabenen Schatzes, leider nur für Singstimme 
und Bass notirt! Wer möchte da enden, wo Mozart be- 
gonnen? Auch sah ich einen Ausbruch seiner schalkhaften 



Laune in einem Concert, das er mit folgender Aufschrift 
für den Hornisten Leitgeb geschrieben hatte: „W. A. Mo- 
zart hat sich erbarmt über den armen Leitgeb, den Esel, 
Ochs etc. und schrieb ihm ein Horn-Concert". 

Damals hörte er auch eine neue Textbearbeitung der 
Oper: „Cosifan tutte", die unter dem Namen: „Der Zauber- 
spiegel" mit der unveränderten Mozart'schen Musik ge- 
geben wurde und ihn wieder zur Bewunderung hinriss. 
Das Mozart'sche Requiem hörte er in der Domkirche 
und im Cäcilien- Verein unter Schelble's vortrefflicher 
Leitung; auch ergötzte er sich dort an den herrlichsten 
Bruchstücken H änderscher Musik. Es gewährte Mosche- 
les grosse Freude, mit dem geachteten Theoretiker Voll- 
weiler zu verkehren, Aloys Schmitt wiederzusehen, und 
den durch das Rheinlied so rühmlich bekannten Wilhelm 
Speier kennen zu lernen. „Solch einen Dilettanten lobe 
ich mir", sagte er, „er ist mir so lieb wie ein Künstler". 

Inmitten des goldenen Künstlerlebens, das er auch 
hier führte, des Hörens und Gehörtwerdens, des neuen 
Erfolges, den er sich durch ein neu angekündigtes Con- 
cert auch in Frankfurt bereitetes war er aber auch auf 
das Wohlergehen anderer Künstler bedacht. Böhm und 
Pixis machten auch eine Kunstreise und waren eben in 
Frankfurt ; „denen soll Freund Mayer ein gutes Concert in 
Aachen vorbereiten", meinte Moscheies, schrieb ihm und 
empfahl sie dringend. 

Das Concert in Frankfurt war vorüber, da wurde in 
Darmstadt Spontini's Olympia gegeben; Moscheies, Pixis 
und Böhm fuhren hinüber, sie zu hören. „Aber das war 
eine drollige Aventure! dreimal verloren wir ein Rad unserem 
Wagens, und da kein anderes Fuhrwerk als ein Leiter- 
wagen aufzutreiben war, wir aber die Oper um keinen 
Preis versäumen wollten, so bestiegen wir diese elegante 
Equipage und hielten so unsern feierlichen Einzug in 
Darmstadt, zugleich mit vielen fürstlichen und anderen 
Wagen, deren Insassen uns gut bekannt waren. Bei diesem 
ersten Anhören der Olympia fand ich Vieles grossartig 
und genialisch, ohne mir die Schwächen mancher Stellen 



zu verhehlen. Zelter, der sich gern gegen jede modische 
Unart auflehnte, wie er die meisten Neuerungen nannte, 
fand, dass er von dieser lärmenden Musik genug auf dem 
Opern platz höre, er brauche nicht erst hineinzugehen". 

In Müncnen, wo Mosch eles sich zunächst hören Hess, 
hatte er es künstlerisch und häuslich gar gut; häuslich, 
weil ihn die Familie Kaula höchst liebenswürdig beher- 
bergte; künstlerisch, weil er sich schnell in der bekannten 
Birnbeck'schen Kneipe, in der die ausgezeichnetsten Mu- 
siker zwanglos bei Bier verkehrten, behaglich fühlte. Wer 
hätte nicht gern mit Winter, dem Componisten des „unter- 
brochenen Opferfestes", mit den trefflichen Mitgliedern der 
Kapelle verkehrt, welche dort anzutreffen waren (Molique, 
Andreas Romberg, Bohrer und Krebs)? Kaum hatte er 
Zeit gehabt, das Concert, das er geben wollte, einzuleiten, 
so ward er schon nach Nymphenburg zu einem Kammer- 
concert befohlen, das zur Feier der Ankunft des hohen 
Bräutigams, des Prinzen von Preussen, stattfinden sollte. 
Es verlief sehr glücklich, wie alle bisherigen Abende, nur 
dass dieser König, der gute König Max, sich ganz be- 
sonders leutselig gegen ihn zeigte. „In der Unterhaltung 
kam sogar die Frage vor: „Wie alt sind sie?" „Dreissig, Ma- 
jestät". „Wenn Sie noch einmal so viel nehmen und sieben 
da2u legen, so haben Sie erst mein Alter", sagte der 
König behend, zog dann den nahestehenden Kronprinzen 
von Preussen mit in die Unterhaltung und stellte mich 
ihm aufs liebenswürdigste vor. Dieser bat mich, ihn recht 
bald in Berlin zu besuchen. Endlich meinte der König, 

der Genuss des heutigen Abends müsse sich bald wieder- 
holen". 

Wirklich spielte er am 4. October wieder vor den 
Majestäten und dem Brautpaar. „Kaum eingetreten, trat 
der König mit der Frage an mich heran, ob ich mein 

* 

eigenes Concert nicht verschieben könne? der Hof möchte 
es besuchen, müsste aber an dem von mir gewählten 
Abend eine Gala-Soiree beim französischen Gesandten mit- 
lachen. Natürlich überliess ich dem König die Wahl 
eines Abends, und er bestimmte den 10. October. Die 

Moscheies' Leben. 6 



— 82 — 

Königin fragte viel nach meinen künftigen Plänen und 
früheren Reisen und war für Alles herzlich theilnehmend. 
Aber o! ihr Schoosshündchen ! Es wurde zu wiederholten 
Malen aus den Salons verbannt, kam aber, auf seine Rechte 
trotzend, immer wieder zurück und wurde von den Maje- 
stäten lächelnd beobachtet, wie es sich, anscheinend der 
Musik horchend, zu ihren Füssen lagerte. Das hübsche 
Thierchen muss aber krank gewesen sein; es verging sich 
entsetzlich, nicht nur aller Hof etiquette , sondern auch 
allen Regeln der Schicklichkeit entgegen. Die Hofdamen 
zischelten, lachten hinter den Schnupftüchern, die sie vor 
die Nase hielten, die Lakaien kamen und gingen, um die 
Spuren des unerhörten Zwischenfalles zu beseitigen. Der 
König befahl, den kleinen Verbrecher in den strengsten 
Gewahrsam zu bringen, aber ungeschehen war die Sache 
nicht zu machen, — ein Vorfall, wie ihn die Annalen eines 
Hofzirkels wohl kaum noch einmal aufzuweisen haben". 

Die Feste der Weinlese, die im Beisein des Hofes 
begangen wurden, waren Mosch eles eine erwünschte Er- 
heiterung nach den Anstrengungen, die seinem glücklich 
und ehrenvoll absolvirten Concert vorangegangen waren. 
Doch mischt sich ein Klageton mit hinein; er war leidend 
und konnte nicht so recht mitgeni essen, was die Tausende 
auf den umliegenden Hügeln und Wiesen ergötzte. Er 
konnte noch seine Musik zu dem Ballet: „Die Portraits" 
hören, das der Balletmeister Horschelt ihm zu Ehren geben 
Hess ; dann aber wurde er immer leidender, und eilte seinem 
lieben alten Wien zu, um sich dort ärztlich behandeln zu 
lassen. Vivanot, Malfatti und Smethana thaten Alles, was 
Freundschaft und ihre Kunst thun konnten, um den kaum 
m Wien Angekommenen von grossen Schmerzen zu be- 
freien, sein Bruder kam von Prag, um ihn zu pflegen, 
aber trotzdem vergingen drei trübe Wochen, ehe das Uebel 
gehoben werden konnte, und dann blieb ein Zustand von 
Schwäche und Unbehagen zurück, der seine Lebensgeister 
fast noch mehr in Fesseln hielt, als die Krankheit selbst. 
Er war und blieb melancholisch, ging selten an's Ciavier, 
fand einigen Trost in der Leetüre seines Shakespeare, 



"konnte sich aber durch die Besuche der theilnehmenden 
Freunde nicht zerstreuen, oder zum Wiedereintritt in die 
grosse Welt bereden lassen. Auch Barbaja's Anerbieten, 
im Kärntnerthor -Theater so viel Concerte, wie er wollte, 
gegen die Hälfte der Einnahme zu geben, blieb unberück- 
sichtigt. 

Da kam Weber nach Wien, um seine Euryanthe in Scene 
zu setzen, und schon nach den Proben hörte man die dissen- 
tirendsten Stimmen der deutschen und italienischen Partei 
über das Werk, und bereitete sich für die erste Aufführung 
auf einen ernsten Kampf vor; ja einige Uebelgesinnte hatten 
es sich herausgenommen, die „Euryanthe** i n „Ennuyante" 
umzutaufen. Bei dieser ersten Aufführung nun wollte 
Moscheies zugegen sein, um seine Stimme für den deut- 
schen Meister und gegen das seichte italienische Geklingel 
zu erheben; so ward die Melancholie überwunden. „Die 
Oper passt nicht für unkundige Ohren", sagte er, nach- 
dem er sie gehört; „sie ist zu gewagt in Rhythmus und 
HarmQnie; der Text so entsetzlich gesucht, dass die Musik 
es auch einigermassen sein muss; doch hat sie der Schön- 
heiten viele, und die Romanzen: „Glöcklein im Thale" 
und „Unter blüh'nden Mandelbäumen", vor Allem aber 
das Finale des ersten Acts müssen ihr bei dem grossen Pu- 
blikum diesmal und künftig durchhelferi!" Die Besetzung 
war untadelhaft. Die reizende jugendliche Sonntag, der 
herrliche Tenorist Haitzinger, die vortreffliche Grünbaum 
und der nicht minder brave Sänger Forti waren die Träger 
der Hauptrollen. Als sich bei späteren Vorstellungen das 
Haus nicht mehr so recht füllen wollte und die italienische 
Partei zu jubeln anfing, wusste „Ludlam" (die wackere 
Kunstbrüderschaft, die wir bereits früher kennen- lernten), 
den richtigen deutschen Geist über die Presse und ihre 
Kritiken auszugiessen. 

Diese Gesellschaft war auch ausserdem bemüht, Weber 
^u ehren, und gab ihm nach der ersten Aufführung der 
Euryanthe einen solennen Abend. Unter den Anwesen- 
den waren Castelli, Jeitteles, Gyrowetz, Bauer le, Benedict, 
Gnllparzer und viele Andere. Es wurden Gelegenheits- 



gediente vorgetragen, die Weber jubelnd begrüssten, und 
die fröhlichsten Ludlamslieder gesungen. 

Der Erfolg des ersten Concerts, das Moscheies nach 
seiner Wiederankunft in Wien gab, erhob ihn auf's neue 
und verscheuchte die Schwermuth, die mit dem noch immer 
nicht ganz beseitigten Leiden wiedergekehrt war. Er 
musste sich nun auch entschliessen, einige Besuche zu er- 
widern, und mit Beethoven wollte er den Anfang machen. 
Moscheles* Bruder, der noch bei ihm war, brannte vor 

■ 

Begierde, den grossen Mann zu sehen, und so gingen 
beide miteinander hin. „An der Hausthür angelangt", er- 
zählt Mosch eles, „fiel mir's schwer aufs Herz, wie men- 
schenscheu Beethoven sei, und ich bat den Bruder,' unten 
zu warten, während ich erst sondirte. Als ich nun nach 
kurzer Begrüssung Beethoven fragte: „Darf ich Ihnen 
meinen Bruder zuführen?" erwiderte er hastig: „Wo ist 
denn der?" ,,Unten", war die Antwort. „Was? Unten?" 
rief er noch hastiger, lief die Treppe hinunter, pagkte 
meinen erschrockenen Bruder am Arm und schleppte ihn 
bis mitten in sein Zimmer hinein, wo er ausrief: „Bin ich 
denn so barbarisch roh und unzugänglich?" Dann zeigte 
er grosse Freundlichkeit für meinen Bruder. Leider konn- 
ten wir seiner Taubheit halber nur schriftlich mit ihm 
reden." 

Auch den armen Salier i, der altersschwach und dem 
Tode nahe im allgemeinen Krankenhause lag, wünschte 
Moscheies zu besuchen, und holte sich dazu die nothige 
Erlaubniss seiner unverheiratheten Tochter und der Be- 
hörden, da man fast Niemanden zu ihm liess, er auch 
keine Besuche liebte und nur einzelne Ausnahmen machte. 
„Das Wiedersehen (schreibt Moscheies), war ein trauriges; 
denn sein Anblick schon entsetzte mich , und er , sprach 
mir in abgebrochenen Sätzen von seinem nahebevorstehen- 
den Tode; zuletzt aber mit den Worten: „Obgleich dies 
meine letzte Krankheit ist, so kann- ich doch auf Treu 
und Glauben versichern, dass nichts Wahres an dem ab- 
surden Gerücht ist; Sie wissen ja, — Mozart, ich soll ihn 
vergiftet haben. Aber nein, Bosheit, lauter Bosheit, sagen 



- 85 - 

Sie es der "Welt, lieber Moscheies; der alte Salieri, der 
bald stirbt, hat es Ihnen gesagt". Ich war tief erschüt- 
tert, und als der Greis nun noch unter Thränen den Dank 
für meinen Besuch wiederholte, mit dem er mich schon 
beim Eintreten überhäuft, da war es Zeit, dass ich fort- 
eilte, um mich nicht überwältigen zu lassen. Was das 
Gerücht betrifft, auf das der Sterbende anspielte, so hatte 
es allerdings circulirt, ohne dass es mich jemals berührt 
hätte. Moralisch hatte er ihm freilich durch Intriguen ge- 
schadet und ihm dadurch manche Stunde vergiftet." 

Nachdem Moscheies die Runde bei den Künstlern ge- 
macht hatte, ging er zu den Ciavier- Fabrikanten, deren 
Fortschritte er stets aufmerksam beobachtete; er fand, 
dass Graf und Leschin inzwischen sehr gute Fortschritte 
gemacht hätten. 

Im November und December gab Moschelec ein zweites 
und drittes Concert im Kärntnerthor-Theater, und zu diesem 
letzteren hatte ihm Beethoven mit der grossten Bereit- 
willigkeit seinen Broadwood'schen Flügel geliehen. Mo- 
scheies wollte durch den' abwechselnden Gebrauch eines 
Graf sehen und des englischen Instruments in einem und 
demselben Concert den Unterschied, die guten Eigenschaf- 
ten beider, in 's Licht stellen, Beethoven war aber eben 
nicht der Spieler, der einen Flügel schonen konnte; seine 
unselige Taubheit veranlasste ihn meistens zu einem un- 
barmherzigen Zerhacken des Claviers, so dass Graf selbst, 
den für ihn günstigen Ausgang dieses Wettkampfs vor- 
aussehend, sich grossmüthig bemühte, das geschädigte 
englische Instrument für diese Gelegenheit in bessern 
Stand zu setzen. „Ich versuchte", erzählt Moscheies, „den 
breiten, vollen, wenn auch etwas dumpfen Ton des Broad- 
wood'schen Flügels in meiner Phantasie zur Geltung zu 
bringen; aber umsonst, mein Wiener Publikum hielt zu 
seinem Landsmann, dessen hellklingende Töne gefälliger 
ins Ohr fielen. Noch ehe ich den Saal verliess, musste 
ich den dringenden Bitten vieler meiner Hörer nachgeben, 
indem ich versprach das ganze Concert übermorgen zu 
wiederholen, was denn auch geschah." 



— 86 — 

Die dringenden Aufforderungen, auch im Theater an 
der Wien Concert zu geben, schlug er standhaft aus; er 
war immer noch leidend und wollte fort, betheiligte sich 
jedoch noch an einem Concert zum Besten der Armen 
und unterstützte den Freund Mayseder an seinem Benefiz- 
abend, an welchem er das E-dur-Concert spielte. 

Aus Dankbarkeit für die frohen Abende, die er unter 
den Ludlamiten verlebt, componirte Moscheies ihnen, mitten 
in seinen R eise vorher eitun gen , noch einen scherzhaften 
Chor; die Gesellschaft erhob ihn hierauf zum Ludlams- 
Kapellmeister, während der kleinere, aber sehr lebens- 
lustige Schlaraffen- Verein ihn am 31. December unter den 
heitersten Scherzen zu seinem Ehrenmitgliede ernannte. 
„So traf mich der Jahresschluss (schliesst Moscheies die 
Aufzeichnungen dieses Jahres) freilich sehr aufgeräumt, 
aber mit der Schlafmütze und andern Insignien des Schla- 
raffenthums angethan. Besser das Jahr auf diese Art zu 
enden, als ein neues damit zu beginnen". 



1824. 

Am 1. Januar schreibt Moscheies in sein Tagebuch: 
„Der Abschied von den lieben treuen Freunden und Be- 
Schützern, den Familien Eskeles, Lewinger und Artaria, 
wurde mir heute ungemein schwer. Mein Dank war stumm ; 
aber ich weiss, was diese edlen Menschen seit dem Beginn 
meiner musikalischen Laufbahn für mich gethan habend 
Ludlam mit seinen Possen passte kaum in meine Stimmung, 
doch musste ich natürlich bei dem Abschiedsfest, das sie 
mir gaben, erscheinen." 

Am 3. Januar trifft er in Prag ein, kann aber kaum 
die Freuden des Wiedersehens mit Mutter und Schwestern 
geniessen, als er ernstlich krank wird und vier Monate 
lang mit einer Unterleibsentzündung und ihren Folgen zu 
kämpfen hat. Man hatte ihn für den Winter in Bath, 
für das Frühjahr in London, als unfähig, seine Engage- 



t 
I 

- 87 - 

ments zu erfüllen, abmelden müssen. Die Zeitungen sagten 
ihn todt, doch nach Gottes Rathschluss sollte die beste 
ärztliche Behandlung und die treueste Pflege, wie man sie 
eben nur im elterlichen Hause haben kann, ihn erhalten. 

Auch diesmal ist es die Musik , die ihn vollkommen 
wieder aufrichtet. Von Januar bis April hatte er sich nur 
durch Leetüre (namentlich des Goethe) zerstreut und den 
Flügel sehr selten berührt. Im Mai erging die Anfrage 
an ihn, ob er mit seinem Concert den Redoutensaal in 
Gegenwart der Majestäten, die soeben von Wien nach 

• 

Prag gekommen, einweihen wolle? „Ich soll also (sagt er) 
mein Genesungsfest nicht nur mit dem Herzensdank gegen 
Gott und die Meinigen, sondern auch äusserlich brillant 
feiern"; und brillant war das Concert; denn der Ober st burg- 
graf, der Stadthauptmann und die musikalischen Behörden 
liessen sich alle Einrichtungen angelegen sein: so entstand 
eine neue Hof löge, das Haus wurde festlich beleuchtet, 
Chor und Orchester wurden verstärkt. Am 29. Mai 
schreibt Moscheies in sein Tagebuch: „Die Freude meiner 
Mutter an meinem gestrigen Erfolge entschädigt mich für 
den Winterharm." Am 2. Juni wurde er vom Kaiser in 
einer Privat aüdienz empfangen und mit den Worten be- 
grüsst: „Sie haben mir schon als Knabe gefallen und seit- 
dem macht es mir immer neues Vergnügen, Sie zu hören." 
Zum pecuniaren Erfolg des Concerts hatte übrigens ein 

ungewöhnlich splendider Beitrag des Kaisers viel beige- 
tragen. 

Wenige Tage später giebt er wieder Concert, dies- 
mal im ständischen Theater. Dann hat er die Freude, 
der Unterzeichnung des Heiraths- Contracts seiner Schwester 
Fanny beizuwohnen und diese, mit der er als kleiner 
Junge „Ehepaar" spielte, väterlich zu versorgen. 

Am 11. Juni reist der treue Bruder mit ihm nach Karls- 
bad, wo er die Kur gebrauchen soll; aber auch ein Flügel 
folgt ihm dahin, und aus der Badekur wird unwillkürlich 
wieder eine Kunstreise. Man will ihn hören, er giebt 
Concert und muss dasselbe an einem der nächsten Abende 
wiederholen, diesmal auf den ausdrücklichen Wunsch des 



— 88 — 

m. 

Herzogs von Cumberland, der Fürstin Thum und Taxis u. a. 
Aehnliche Erfolge und das Wiederholen des einmal ge- 
gebenen Concerts bleiben auch in Marienbad, Franzensbad 
und Teplitz nicht aus. An allen diesen Orten giebt* er 
Concerte für die Armen und unterstützt die befreundeten 
Künstler in den ihrigen. Natürlich war in jedem der 
Badeorte ein Zusammenfluss von Künstlern; besonders 
freut sich Moscheies seines Zusammentreffens mit C. M. 
von Weber. 

„Wie schön, dass die Reise von Karlsbad nach Dres- 
den über Prag geht!" schreibt er am 26. August in 
sein Tagebuch; denn nach Dresden wollte er zunächst 
und konnte sich nun vierzehn Tage des innigsten Bei- 
sammenseins mit der Mutter, Geschwistern und Freun- 
den gönnen. Wie bei jedem Aufenthalt in Prag, so spielt 
er auch diesmal dem alten Lehrer Dionys Weber vor 
und hört mit aller Pietät dessen Bemerkungen über 
seine Compositionen an, er bleibt ihm gegenüber stets der 
Schüler, wie sehr auch Dionys Weber in ihm den Meister 
ehren will. „Eins ist mir merkwürdig", sagt er t „wie der 
gute Mann, der Beethoven zuerst als einen halb Tollen 
betrachtete und mich vor ihm warnte, allmälig umsatteln 
muss; aber er thut es vorsichtig, denn es giebt gar 
Manches, was er noch heute nicht gut heissen will, und 
um ihn nicht zu verletzen, muss ich meinen Enthusiasmus 
ihm gegenüber sehr massigen." Aus diesen Worten 
spricht eine Ehrerbietung, die keines Commentars bedarf. 

Folgen wir Moscheies nunmehr nach Dresden. Der 
Bruder ist ihm noch immer zur Seite. Hülf bereit und 
selbstlos geht er ihm zur Hand, ohne sich in das bunte 
Künstlerleben zu mischen. In seiner grossen Bescheiden- 
heit verehrt er den Künstler so sehr, ist so stolz auf ihn, 
dass er seinen eigenen vortrefflichen Eigenschaften nie 
Rechnung tragen will und gern still und unbeachtet zurück- 
bleibt, während Moscheies ihn überall hervorzuziehen sucht. 

In Dresden waren damals Carl Maria von Weber und 
Morlacchi die Hof kapellmeister, Rolla Vorgeiger der vor- 
trefflichen Hof kapeile; Herr v. Lüttichau war soeben In- 



1 



- 89 - 

tendant geworden, während Herr v. Könneritz diesen 
Eosten niedergelegt hatte, um sich als Gesandter nach 
Spanien zu begeben. 

Wir hören nun von den vortrefflichen geistlichen 
Concerten in der katholischen Kirche unter Weber's ge- 
diegener Leitung, von den erlesenen Gesangskräften der 
Dresdener Oper (Sassaroli, Tibaldi u, s. w.), von Tieck, 
den Moscheies mit Bewunderung den Clavigo lesen hört, 
von August Klengel, dessen kanonische Etüden er als 
Meisterwerke preist und mit dem er manchen genuss- 
reichen Abend verbringt. Weber und seine liebenswürdige 
Gattin laden ihn zu sich nach Hosterwitz (unweit Dresden), 
wo natürlich gleichfalls viel musicirt wird. Auch der 
Dichter des Freischütz, Friedrich Kind, ist dort, und ein- 
gehend wird Webers Absicht, einem Rufe nach London 
zu folgen, besprochen. „Natürlich konnte ich ihm Aus- 
kunft und Anweisung über die dort üblichen und not- 
wendigen Maassregeln geben. Ungern aber sah ich 
ihn etwas schwächlich und leidend und fürchte die An- 
strengung, die ihn London kosten wird." Leider sollte 
diese Befürchtung eintreffen, wie wir später (1826) sehen 
werden. 

Schon in den ersten Tagen dieser Dresdener Wochen 
erhielt Moscheies die Einladung, in Pillnitz zu spielen, und 
zwar wieder bei Tafel! Es speisten an dieser öffent- 
lichen Tafel ausser den Majestäten Prinz Friedrich mit 
seiner österreichischen, Prinz Johann mit seiner bayerischen 
Gemahlin, die Prinzessinnen Amalie und Auguste, Gross- 
fürst Constantin und sein Gesandter, Herr v. R eitzenstein 
u. A, Moscheies spielte das E-dur-Concert und Clair de 
lune. Nach überstandener Oeffentlichkeit hatten die 
Künstler ein gemüthliches Diner, später wurde ihm eine 
goldene Dose, auf welcher der Königstein in Emaille ab- 
gebildet war, und ein Thaler überreicht. Ein verjährter 
Gebrauch hiess es, die Künstler sollten ihre Handschuhe 
dafür kaufen. j,Passt zum Vandalismus des Tafel-Concerts ! 
dachte ich." 

Schon am 8. October sass er mit seinem Bruder im 



i 



— 90 — 

Reise wagen. Langsam, aber behaglich fuhren die Beiden 
nach Leipzig. 

Ehe wir sie aber in das Stadtthor einziehen lassen, 
machen wir ein wenig Halt und bleiben vor dem Zukunfts- 
bilde stehn, das sich unsern Blicken entrollt. Moscheies 
ging damals einer neuen Phase seiner künstlerischen Ent- 
wickelung entgegen. Zum Theil wohl in Folge der An- 
regungen, die ihm in Leipzig wurden, streifte er mehr und 
mehr das Virtuosen thum ab, in welchem er damals noch 
befangen war. Schon bei seinem nächsten Besuch in Leip- 
zig (1826) tritt diese Richtung deutlich hervor. Später zu 
immer grosserer Ruhe und Gediegenheit im Spiel heran- 
gereift,, werden wir ihn im Verlauf dieser Blätter noch 
oft als Gast in Leipzig antreffen, sich an dem Urtheil 
der dortigen, von ihm so hochgeschätzten Hörer und 
Richter erfreuend und fortbildend. Endlich sehen wir ihn auf 
Antrag seines geliebten Freundes Mendelssohn seine glän- 
zende Stellung in London verlassen (1846), um vereint mit dem 
jungen Meister, dessen neue Schöpfung, das Leipziger Conser- 
vatorium, durch seine Erfahrungen im Lehrfach zu fördern. 
Als Mendelssohn ihm schon ein Jahr später durch den Tod ent- 
rissen ward, arbeitete er, durch diesen schweren Verlust ge- 

1 

beugt, aber nicht entmuthigt, weiter an dieser musikalischen 
Pflanzschule, arbeitete vier und zwanzig Jahre lang uner- 
müdlich, bis er seinem früh dahingerafften Freunde nachfolgte. 

Kommen wir nun wieder auf das Jahr 1824 zurück. 
Moscheies kehrte im „Birnbaum" (jetzt Hotel de Polögne 
genannt) ein, dessen musikalischer Besitzer, Herr Busch,, 
den Künstler mit aufrichtiger Freude aufnahm. Gleich 
der erste Tag wurde gehörig benutzt, wie das Tagebuch 
berichtet: „Zum Musikhändler Peters, mit ihm zu den 
Spitzen der Concertbehörde, Hofrath Küstner, Prof. Wendt 
und Baumeister Limburger. Diese Herren, sowie der Dom- 
kapellmeister Weinlich äusserst zuvorkommend. Abends 

■ 

mit Allen im Abonnement - Concert zusammengetroffen. 
Musikdirector Schulz dirigirt, Matthäi bewährt sich als 
tüchtiger Concertmeister, Dlle Veltheim singt Mozart'sche 
Arien und spielt Ciavierquartett von Kuhlau" u. s. w. 



1 




— gi — 

T 

Das Haus des Musikverlegers Kistner wird ihm bald ein 
angenehmes Daheim, während er bei den Banquiers 
Seyfferth, Küstner und Reichenbach schöne Feste mitmacht. 

„Wie gern (sagt er) musicire ich bei Matth äi und bei 
der ausgezeichneten Mme. Weitte, deren Gesang mich 
entzückt.*' Ein andermal erzählt das Tagebuch: „Bei 
Wieck spielte ich auf seinem Stein'schen Flügel und ver- 
zehrte mit ihm und den Seinigen Erdäpfel." Unter diesen 
„Seinigen" muss auch die kleine Clara gewesen sein, ohne 
dass er damals ahnte, welche innige Freude ihm die be- 
rühmte Clara Schumann wiederholt machen und wie ihn 
ihr Vortrag seines eigenen G-moll-Concerts im Gewand- 
haus einst entzücken würde. „Es giebt keine bessere 
Auffassung und Ausführung des Werks", pflegte er später 
zu sagen, „ich selbst könnte es mir nicht mehr zu Dank 
spielen; es ist ganz so, als hätte sie es componirt." 

Später sagt das Tagebuch: „Ich habe in der berühm- 
ten Handelsstadt Leipzig auch Geschäfte gemacht, . Probst 
hat meine Op. 62 und 63 für 35 :fj: gekauft (für das G-moll- 
Concert hatte er von Mechetti 40 # bekommen), Hofmeister, 
Härtel und Peters sind auch freundschaftlich entgegen- 
kommend , letzterer hilft mir bei meinen Concert- Arrange- 
ments. Peters führte ihn auch in die Harmonie in Classig's 
Caffeehaus und in die Liedertafel ein. Von dieser sagt er: 
„Ihre Leistungen sind vortrefflich, es ist auch ein echt 
musikalischer Kreis dort." Dieser bestand aus den Hof- 
räthen Wendt und Keil, Rochlitz, dessen Kunsturtheil 
jeder echte Künstler sich gern unterwarf, den vortreff- 
lichen Schauspielern Devrient und, Genast und anderen 
Männern, deren Namen einen guten Klang haben. „Vor 
diesem Kreis musicire ich immer mit Lust und Liebe," 
sagt er, und Bernhard Romberg, so eben nach Leipzig 
gekommen, stimmte ihm darin bei. 

lieber das Theater, das unter der Leitung des Hof- 
raths Küstner stand, ist Moscheies oft entzückt. Er sah 
dort Aufführungen Schiller'scher und Shakespeare'scher 
Stücke „in grosser Vollendung". Die Wranitzky-Seidler, 
deren erstem Auftreten er in Wien beigewohnt hatte, be- 



wunderte er als Jessonda, Fanchon und Myrrha, Köckert 
„ganz besonders" im Spohr'schen Faust. Der Schauspieler 
Stein befreundet sich mit ihm und führt ihn beim Leg.- 
Rath Gerhard in einen heiteren interessanten Kreis ein, 
wo er einer reizenden Aufführung unter der Leitung des 
genialen Hausherrn beiwohnt. Ueber sein eigenes Con- 
cert bemerkt er: „Merkwürdig, dass ich es gerade in 
Leipzig am 18. October gab. Wie es scheint, habe ich 
auch meine Schlacht gewonnen, denn gleich im Saal be- 
stürmten mich die Herren Directoren, ein zweites zu geben. 
Ich bin aber noch nicht entschlossen." Das Tageblatt 
bringt ihm am frühen Morgen dieselbe Aufforderung; 
das bestimmt ihn, es am 23. zu thun; der Erfolg ist der 
gleiche, wie das erste Mal. Die Zeiten, in denen man die 
Künstler noch bestürmte, Concerte zugeben, sind freilich 
vorüber. 

Auf den Wunsch Friedrich Schneider 's machte er 
einen Abstecher nach Dessau, spielte vor dem herzog- 
lichen Paar und gab ein eigenes Concert, beides höchst 
erfolgreich. Hier lernte er auch Schneidens neueste Ar- 
beit „Das verlorene Paradies" kennen. 

Am 31. October kamen Moscheies und sein Bruder in 
Berlin an. In den Notizen über diesen Aufenthalt ist 
eine gewisse Hast nicht zu verkennen. Es ist, als schöbe 
Moscheies Alles Uebrige als unwichtig bei Seite, um nur 
immer von seinen Beziehungen zur Familie Mendelssohn 
zu sprechen. Es ist ganz nebenbei erwähnt, dass Moscheies 
drei brillante Concerte gab, für die Ueberschwemmten, für 
Blinde und andere wohlthätige Zwecke, auch für befreundete 
Künstler spielte, und nur obenhin wird erzählt, dass die 
haute finance, die Dichter, die hochgestelltesten Staats- 
männer ihm ehrenvoll entgegenkommen. Der Spontini'- 
schen Opern mit ihrer brillanten Ausstattung, der vor- 
trefflichen Sänger Bader, Blum, Frau Milder-Hauptmann 
und Frau Seidler- Wranitzky , ja sogar der reizenden 
Schauspielerin Frl. Bauer wird nur flüchtig gedacht, und 
das grösste politische Ereigniss, die Heirath des Königs 
mit der Fürstin Liegnitz, vermag ihn nicht aufzuregen; 



— 93 — 

aber Seiten voll schreibt er über das Mendelssohn'sche 
Haus und seine Familienglieder. Lassen wir ihn selbst 
gleich nach dem ersten Eintritt in dasselbe reden. „Das 
ist eine Familie wie ich noch keine gekannt habe; der fünf- 
zehnjährige Felix , eine Erscheinung, wie es keine mehr 
giebt! Was sind alle Wunderkinder neben ihm? Sie sind 
eben Wunderkinder und sonst nichts; dieser Felix Men- 
delssohn ist schon ein reifer Künstler und dabei erst fünf- 

h 

zehn Jahre alt! Wir blieben gleich mehrere Stunden bei- 
einander, ich musste viel spielen, wo ich eigentlich hören 
und Compositionen sehen wollte, denn Felix hatte mir ein 
Concert in C-moll, ein Doppelconcert und mehre Motetten 
zu zeigen und Alles war genialisch und dabei wie correct 
und gediegen! Seine ältere Schwester Fanny, auch un- 
endlich begabt, spielte Fugen und Passacaillen von Bach 
auswendig mit bewundernswerther Genauigkeit ; ich glaube, 
sie ist mit Recht „ein guter Musiker" zu nennen. Beide 
Eltern machen den Eindruck von Menschen, die den höch- 
sten Grad von Bildung haben ; denn sie sind weit entfernt, 
auf ihre Kinder stolz zu sein ; sie maohen sich Sorge wegen 
Felix* Zukunft, ob er wohl ausreichende Begabung habe, 
um Tüchtiges, wahrhaft Grosses zu leisten? ob er nicht, 
wie so viele talentvolle Kinder, plötzlich wieder unter- 
gehen werde? Ich konnte ihnen nicht genug betheuern 
wie ich, von seiner dereinstigen Meisterschaft überzeugt, 
nicht den mindesten Zweifel in sein Genie setze; doch 
musste ich das oft wiederholen, ehe sie es mir glaubten. 
Das sind also keine gewöhnlichen Wunderkinds -Eltern, 
wie sie mir so häufig vorkommen." 

Das Gefallen war aber gegenseitig, und je öfter 
Moscheies zu Mittag oder Abends 2u Mendelssohn's kam, 
desto mehr erfreute er sie, desto herzlicher nahmen sie 
ihn auf. Die Eltern hatten ihn wiederholt um einige 
Lectionen für Felix gebeten, er aber hatte stets in be- 
scheidenster Weise ausweichend geantwortet. In's Tage- 
buch schrieb er: „Der hat keine Lectionen nöthig; will er 
roh* etwas abmerken, was ihm neu ist, so kann er's 
leicht." 



— 94 — 

Da schrieb ihm die Mutter am 18. Nov. 1824: „„Haben 
Sie auch gütigst unserer Bitte um Lehr stunden gedacht? 
Sie würden uns höchlich dadurch verbinden, wenn es 
anders geschehen kann, ohne Ihren Plan für den hiesigen 
Aufenthalt dadurch zu stören. Halten Sie diese wieder- 
holten Anfragen nicht für unbescheiden und schreiben 
Sie sie lediglich dem Wunsche zu, mein Kind die An- 
wesenheit des prince des pianistes benutzen zu lassen."" 
Auch hiernach scheint Moscheies sich noch zu keinem Ja 
.entschlossen, sondern nur von „zuweilen spielen 1 ' gesprochen 
zu haben; denn am 22. Nov. finden wir wieder folgendes 
Billet: „„Darf ich meine Bitte um Lehrstunden für meine 
ältesten zwei Kinder erneuen, werther Herr Moscheies, so 
sagen Sie mir wohl gefälligst Ihren Preis, und wir fangen 
recht bald an, um von der Dauer Ihres Aufenthalts für 
Ihre Schüler so viel Nutzen als möglich zu ziehen."" 

Moscheies muss diese Zeilen mündlich beantwortet haben; 
denn am 22, Nov. schreibt er in's Tagebuch: „Heute Nach- 
mittag von zwei bis drei Uhr gab ich dem Felix Mendelssohn 
seine erste Lection, verkannte es aber keinen Augenblick, 
dass ich neben einem Meister, nicht neben einem Schüler 
sass. Ich bin stolz darauf, dass seine ausgezeichneten 
Eltern mir nach kurzer Bekanntschaft diesen Sohn anver- 
trauen, und glücklich, ihm einige Winke geben zu dürfen, 
die er mit der ihm eigenen Genialität auffasst und ver- 
arbeitet." Sechs Tage später heisst es: „Felix Mendels- 
sohn's Lectionen wiederholen sich von zwei zu zwei Tagen, 
für mich immer mit steigendem Interesse; er hat nun 
schon meine Allegri di Bravura, meine Concerte u. a. 
Sachen bei mir gespielt, und wie gespielt! Er erräth 
meine kaum angedeutete Auffassung.* 

Immer enger schliesst sich Moscheies nun an die Fa- 
milie an; er rühmt den Geist, der in diesem Hause herrscht, 
„hört so gern dem gediegenen Vater zu, wenn er bei 
Tische über Kunst spricht" und wohnt vielen ihrer musi- 
kalischen Morgen- oder Abendunterhaltungen bei, deren 
Programme er sorgfältig verzeichnet. 

2- B. „23. November: Singakademie, Psalm von Nau- 



— 95 — 

mann, dann bei Mendelssohns. Die Geschwister spiel- 
ten Bach. 

26. Nov.: Mit der Familie Mendelssohn-Bartholdy bei 
seinem Bruder. 

28. Nov. (Sonntag): Morgenmusik bei Mendelssohns, 
C-moll-Quartett von Felix, D-dur-Symphonie, Concert von 
Bach, Fanny, Duett D-moll für zwei Claviere von Arnold. 

30, Nov. : Bei Frau Varnhagen mit Felix. Höchst 
interessant." 

Frau Varnhagen war die berühmte Rahel, von 
deren weiblicher Liebenswürdigkeit und männlichem 
Verstand schon so viel und doch nie genug gesprochen 
und geschrieben worden ist. Wo sie erschien, da scharte 
sich Alles um sie; Künstler, Gelehrte oder Staatsmänner, 
sie hatte für Jeden ein gutes treffendes Wort oder ein 
williges Ohr, nie merkte man ihr die berühmte Frau an; 
denn stets wusste sie mit unendlicher Herzensgüte die » 
weniger Begabten hervorzuziehen. Ein Genie, wie Felix 
Mendelssohn war ihr in's Herz gewachsen, aber auch Mo- 
scheies wusste sie in jeder Weise auszuzeichnen, da sie die 
Musik unendlich liebte. 

„3. Dec. 12 Uhr: Musik bei Zelter. Fanny spielte 
D-moll-Concert von S. Bach, welches ich im Manuscript 
sah. Fünfstimmige Messe von Bach. 

5. Dec. accompagnirte Felix bei Geh. Rath Crelle 
Mozart's Requiem zur Feier seines Todestages im Beisein 
von Zelter u. A. 

11. Dec: Geburtstagsfeier bei Mendelssohn's , durch 
ein allerliebstes Haustheater verherrlicht. Felix zeichnete 
sich eben so sehr darin aus wie E. Devrient. 

12. Dec: Sonntagsmusik bei Mendelssohn's. Felix* 
F-moll-Quartett; mit ihm mein Duett in G für zwei Piano- 
forte. Der kleine Schilling spielte Trio von Hummel in G." 

Auch Zelter, bekanntlich der Lehrer von Felix und 
seiner Schwester, fehlte nie bei diesen Morgenmusiken; er 
war nicht wenig stolz auf seine Schüler, wenn auch im 
Aeusseren barsch und abwehrend. Er gab Moscheies ein 
Jiübsches Souper, wobei dieser besonders bemerkt: „Die 



_ 9 6 - 

musikalischen Gespräche mit Zelter, der so viel mit Goethe 
über Teltower Rübchen und andere bessere Dinge corre- 
spondirte, waren mir höchst interessant- " 

13. Dec: „Dem Felix sein Stammbuch zurückgegeben,, 
in welches ich gestern das Impromptu Op. 77 

Allegro. ^ £ "** J~ 

schrieb. Er spielte es vortrefflich vom Blatt." 

Am 15. Dec. nahm Moscheies mit Widerstreben Ab- 
schied von Berlin, und von dem ihm so liebgewordenen 
Mendelssohn'schen Hause. Er reiste mit Frl. Bauer und 
deren Mutter und mit seinem Bruder nach Potsdam, um 
seinem Versprechen gemäss Abends in Blume's Concert 
in Gegenwart des Hofes mitzuwirken. 

Der 17. Dec. war ein trauriger Tag: Moscheies musste 
sich von seinem Bruder trennen. Dieser begab sich nach Leip- 
zig, Moscheies mit der Schnellpost nach Magdeburg. „Der 
gute Bruder !" ruft ihm Moscheies nach, „er hat mich durch 
seine Hingebung verwöhnt!" 

Das Concert in Magdeburg am 20. Dec. musste am 
23. auf Wunsch des Gouverneurs (General Haack) wieder- 
holt werden; dann berührte er Braunschweig im Fluge, 
um ein Concert zu geben, und brachte den letzten Tag 
des Jahres in stiller Zurückgezogenheit in Hannover zu. 



1825. 

Die Stadt Hannover gewahrte damals dem Fremden 
wenig Zerstreuung, und Moscheies scheint sie auch nicht 
angeheimelt zu haben, obwohl ihn der Regent, der musik- 
liebende Herzog von Cambridge, unter seine Protection 
nahm, was die gewöhnlichen Nachahmer unter den Platen's, 
Kielmannsegge's und Anderen, sowie zwei höchst gelungene 
Concerte zur Folge hatte. 

Die einzige Bekanntschaft, die einen bleibenden Ein- 



* 1 



fluss auf seine Zukunft üben sollte, war die des Banquier- 
hauses Jaques, da er durch den Chef desselben an seinen 
ältesten, in Hamburg* etablirten Sohn und an dessen 
Schwiegervater, Herrn Adolf Embden empfohlen wurde 
(den Vater seiner zukünftigen Frau). Doch darauf kommen 
wir gleich zurück. 

Das nächste Concert fand in Celle statt, und am 
16. Januar erreichte er Hamburg. Das Tagebuch nennt 
uns zuerst die Musiker, die er kennen lernte: den liebens- 
würdigen alten Ciasing, den tüchtigen Wilhelm Grund, 
die Geiger Lindenau und Rudersdorf, ferner Lehmann, 
einen Miniaturmaler von Fach, aber vortrefflichen Dilettan- 
ten auf der Geige, und Andere mehr. Unter den jüngeren 
Kräften interessirte ihn besonders die kleine Louise David 
(nachherige Frau Dulcken), die trotz ihres zarten Alters 
seine Alexander- Variationen schon sehr brav spielte. 

Unter seiner grossen Hörerschaar im Apollosaal war 
auch seine künftige Frau, Charlotte Embden. Sie, die 
selbst etwas Ciavier spielte, hing wie verzaubert an diesen 
Wunderfingern; er bemerkte das junge Mädchen nicht, 
doch wurden sie schon in den nächsten Tagen bekannt, 
waren am 2. Februar Bräutigam und Braut, am 1, März 
vermählt. An diesem Tage findet sich folgende Notiz im 
Tagebuch: „Mein Ehrentag. In der glückseligsten rein- 
sten Stimmung, mit Dank erfüllt gegen den Schöpfer, 
weihte ich mich an diesem Tage der feierlichen Verbin- 
dung, die ich heute vor Gott zu bekräftigen im Sinn 
habe." 

Alle anderen dem Tagebuch anvertrauten Herzens- 
Ergiessungen aus Brautstand und Flitterwochen hier an- 
zuführen, möge uns der Leser erlassen. Im Entstehen 
glich diese Jugendliebe jeder anderen; — ein lockeres, 
leicht zu lösendes Band; bald aber mischte sich gegen- 
seitige Achtung hinein, um es fester zu schürzen, erhöht 
durch das Gefühl der aufrichtigsten Dankbarkeit. Die 
Frau fühlte sich gehoben durch die Stellung, die er ihr 
gab, er dankte ihr manche Hülfeleistung, die, wenn auch 
noch so gering, ihm doch seine täglichen materiellen Ob* 

Moscheies' Leben. 1 7 




BintiotHe« 

MUftHCH&N 



- 98 - 

liegeriheiten erleichterte, sodass er ungestörter seinem 
ICünstlerberufe nachleben konnte. Während einer 45jährigen 
Ehe der Liebe und Treue hatte sich das Gefühl gegen- 
seitiger Unentbehrlichkeit so mächtig entwickelt, dass dies 
Band nur gewaltsam durch den Schwertstreich des Todes 
.zu trennen war! 

Moscheies war der treueste biederste Gatte und 
gründete dadurch das Glück seiner Familie. Briefe und 
Casse wollte er von vornherein als Gemeingut betrachtet 
liaben. Durch dies Verfahren legte er stillschweigend 
■der jungen Frau die Verpflichtung auf, nur vernünftige, 
für ihn geniessbare Correspondenzen zu führen und 
«ermuthigte sie durch sein Zutrauen zur weisen Ver- 
waltung des gemeinschaftlichen Eheg-utes. Sein nie rasten- 
des künstlerisches Streben behütete ihn vor der Frivolität 
kleiner Eifersüchteleien und vor dem Tändeln mit Frauen- 
herzen; er hatte an dem einen, das ihm in unwandelbarer 
Liebe anhing, sein Genüge. 

Auch die beiderseitigen Angehörigen des jungen Paares 
freuten sich des schönen Bundes. Moscheies' Bruder, der 
zur Hochzeit nach Hamburg gekommen und dort herzlich 
aufgenommen worden war, fühlte sich sofort in der Fa- 
milie heimisch, wie Moscheies umgekehrt die Geschwister 
Theodor und Emilie Jaques schon ganz als die seinigen 
betrachtete — ein Zusammenstimmen beider Familien, das 
sich seitdem ungestört erhalten hat. Möge der Leser selbst 
urtheilen, ob der weitere Verlauf dieser Skizze, ob die 
Auszüge aus den Tagebüchern und Familienbriefen, die 
man 45 Jahre hindurch regelmässig von 8 zu 8 Tagen 
-wechselte, das Obige bewahrheiten, und ob Moscheies mit 
Recht behaupten durfte: „Wir handeln gewöhnlich unisono, 
kommt ja einmal eine Abweichung, so ist es eine durch- 
gehende Note, die bald ihre Auflösung findet." 

Moscheies gab zwei eigene Concerte in Hamburg, im 
Apollosaal, -spielte drei Mal im Theater, dann in Lüneburg 
und Altona; hierauf wieder im Apollosaal zum Besten der 
Ueberschwemmten der Umgegend, in der Freimaurerloge, 
für verschiedene Künstler und endlich zum Beschluss in 



Rudersdorfs Concert. Bei dieser Gelegenheit wurde „Der 
Abschied der Troubadours" mit einem der Gelegenheit an- 
gepassten Text vom Improvisator Prof. Wolff aus Jena 
gegeben. Das Alles drängte sich nebst Verlobung und 
Hochzeit in kurze 6 Wochen zusammen. 

Am 7. März sagt das Tagebuch: „Es war ein schwerer 
Moment, als ich gestern bei unserer Abreise meine Char- 
lotte dem geliebten Kreise entriss. Um sie aufzuheitern, 
erzählte ich ihr die Geschichte von meinem alten Onkel, 
der mich durchaus zum Kaufmann, nicht zum Musikanten, 
machen wollte, damit ich die Chance hätte, eine Ham- 
burgische Kaufmannstochter zu heirathen." 

In Bremen gab Moscheies Concert, dann in Aachen, 
dann ging es nach Paris, wo die Ehepaare Valentin und 
Leo, seine früheren Freunde, jetzt als Tanten und Onkel 
der Frau, den jungen Leuten den wärmsten Empfang be- 
reiteten, „Wir sind wie Kinder des Hauses, sogar wie 
verhätschelte Kinder", schreibt Moscheies am 14. März. 
Die junge Frau, die ausser Berlin noch nichts von der 
Welt gesehen hatte, sollte mit den Tanten in alle Theater 
gehen. Rasch durchlief man nun alle Sehenswürdigkeiten 
der Weltstadt, bei denen Moscheies bereits den erfahrenen 
Cicerone machen konnte. Das Haus der Tante Valentin 
ward viel vom Maler Gerard, ihrem Lehrer, sowie von 
Benjamin Constant, Alexander Humboldt, Meyerbeer und 
seinem Bruder Michael, Hummel, F. Mendelssohn und 
dessen Vater (die sich damals vorübergehend in Paris 
aufhielten) und anderen interessanten Männern besucht 
„Meine Frau", schreibt Moscheies an den Vater, „meinte 
vor unserer Ankunft in Paris, sie werde sich unbeholfen, 
wie das wirkliche „Lottchen am Hofe" benehmen; aber 
im Gegentheil, sie ist überall ganz zu Hause; die Tanten 
wundern sich, dass ihr Paris nicht mehr imponirt, d. h. die 
Boulevards, Kaufläden u. s. w. Wie sehr die Berühmt- 
heiten es thun, bewies sie durch das Album, das sie mir 
heute schenkte, in das sie alle fremden und einheimischen 
Grössen der musikalischen Welt hatte schreiben lassen, 



4 

— IOO — 

Rhode, Kreutzer, Lafont, Cherubini, Auber, Onslow, Paer t 
Adam, Catel, Peter Pixis und Andere.*) 

Am 28. März schloss Moscheies einen Vertrag mit der 
Acad6mie royale de musique ab, demzufolge er sich ver- 
pflichtete, im letzten Concert spirituel zu spielen, wofür 
ihm die Anwartschaft auf die Salle des Italiens nebst Entr- 
acte für seinen nächsten Pariser Aufenthalt zugesichert 
ward. Doch es blieb ihm diesmal keine Zeit, diesen Vor- 
theil zu benutzen. Er eilte nach London, wo er längst er- 
wartet wurde. 



*) Dies Album wurde während 4.5 Jahren bei jeder Gelegenheit — 
und es gab deren viele — bereichert, und enthält jetzt höchst werthvolle 
Skizzen von Musikern nicht nur, sondern auch von Dichtern, Malern uud 
fürstlichen Personen. Es ging auf den einzigen Sohn über, der als Maler 
in London lebt. 



+ 



1 



1 



FUENFTER ABSCHNITT. 

LONDON. 



1825— 1835 



n 
I 



1825 



Anfang Mai traf Moscheies mit seiner Gemahlin in 
London ein. Man kam ihm. gleich mit Engagements 
nicht nur für London selbst, sondern auch für Bath, 
Bristol u. s. w. entgegen, sodass es viel Unterhandlungen 
gab; dazu kamen die Schülerinnen, alte und neue. „Meine 
Frau wird von allen meinen Freunden aufgesucht", schreibt 
er, „und mit der herzlichsten Zuvorkommenheit aufgenom- 
men, ohne auf unsern Besuch zu warten; und ich scheine 
mit einer jungen Frau doppelt willkommen zu sein* Meine 
Freunde, die meine Berufsthätigkeit kennen, wetteifern 
miteinander in Artigkeiten gegen sie. Das ist doch nicht 
die Abgemessenheit der als steif verschrieenen Insulaner?" 
Seine Concertthätigkeit begann sofort; die Zeitungen woll- 
ten nicht aufhören, sich über Moscheles* Rückkehr nach 
England zu freuen, und ihre Lobpreisungen ergossen sich 
mit auf die nicht wenig darüber betretene junge Frau. 

Der Monat Mai bringt Concerte der Philharmonischen 
Gesellschaft, der Royal Academy u. s, w. und schliesst 
mit einem der „berüchtigt vollen" Concerte Mori's, bei 
welchem auch Moscheies mitwirkt. Von diesem Mori, 
einem gewandten Geiger, der häufig als Vorgeiger der 
grossen Provinzial-Musikfeste fungirte, auch Musikverleger 
war, hiess es, dass er stets mehr Billette verkaufe, als der 
Saal fassen könne, und wirklich schlug man sich an den 
Thüren um die Sitze, was arge Zeitungsartikel hervorrief; 
dennoch war Mori eine englische Berühmtheit, und seine 
Concerte, die Alles boten, was London nur musikalisch. 



i 

I 

— 104 — 

Berühmtes aufzuweisen hatte, liefen allen übrigen in Be- 
zug- auf Zulauf den Rang ab. 

Am 1. Juni finden wir die interessante Notiz: „Pierre 
Erard zeigt und erklärt uns in seiner Fabrik an einer 
stummen Tastatur die vervollständigte Erfindung seines 
Onkels Sebastian, für welche das Haus soeben ein Patent 
genommen hat. Ich musste den ersten nach dieser neue- 
sten Neuerung erbauten Flügel spielen, und da auf einem 
solchen Instrumente die, nur zur Hälfte ihrer Tiefe ge- 
sunkene Taste schon wieder anschlägt, so fand ich die 
Erfindung, deren Entstehen ich schon in Paris sah, von 
unschätzbarem Werth für die repetirenden Noten. Im 
Klang blieb mir noch Fülle und Weichheit zu wünschen 
übrig, worüber ich mich lange mit Erard besprach." 

Noch immer drängen sich Opern und Concerte in diese 
Junitage hinein; einem philharmonischen Concerte, in wel- 
chem Moscheies neue Lorbern erntet, folgt sein eigenes, 
in welchem ihm diese durch Guineen und durch die Lob- 
preisungen der Presse vergoldet werden. Die junge Frau 
beschreibt den Ihrigen alle diese Triumphe; doch sind 
diese Briefe in zu glühende Farben getaucht, um hier mit- 
getheilt werden zu können; nur den einen, der sie selbst 
als Novize in den ihr unbekannten Concertangelegenheiten 
hinstellt, wollen wir ausziehen: „Die Concertbillete werden 
numerirt, und das ist mein Geschäft. Mir kam es über- 
flüssig vor, doch wurde ich bald eines Besseren belehrt. Eine 
feingekleidete Dame kam zu mir, bat sich drei Karten zu 
einer halben Guinee aus und steckte sie ein. Anstatt aber nun 
zu bezahlen, meinte sie, ihr Mann sei Arzt, hier sei seine 
Karte; nie wisse er vorher, ob es ihm möglich sein werde, 
in's Concert zu gehen. Am Tage nach dem Concert werde 
sie entweder die drei Billets oder das Geld schicken. Ich 
Neuling war damit einverstanden, mein Mann aber, als er 
nach Hause kam, lachte und behauptete, ich hätte mich 
anführen lassen. Er ging zu dem betreffenden Arzt. 
Dieser lachte auch. „Meine Karte ist das freilich", sagte 
er, „aber die kann irgend Jemand unter den vielen Menschen, 
welche mich besuchen, hier vom Tische weggenommen 



— 105 - 

haben; auch bin ich nicht so glücklich, eine Frau zu be- 
sitzen." So hatte Mosch eles Recht, ich war angeführt. 
Nun aber schrieb er die bewussten Nummern übergross 
auf weisses Papier und gab sie dem am Concert abend an 
der Casse postirten Billeteinnehmer. Richtig kamen drei 
Damen, die auf Grund dieser Nummern eingelassen sein 
wollten. Sie wurden angehalten, und es hiess: „Zahlen 
oder nicht in den Saal gelassen werden!" Sie protestirten : 
Geld hätten sie nicht bei sich, sie würden es morgen 
schicken. Der Billeteur rief Moscheies hinzu, und da die 
Damen ein sehr zweifelhaftes Ansehen hatten, das voll- 
kommen zu ihrer Lügenhaftigkeit passte, so mussten sie 
Kehrt machen. Es ist also doch nützlich, Concertbillete 
zu numeriren." 

Als dies Concert glücklich vorüber war, fing Mosche- 
ies an aufzuathmen. Auch die Masse der Schülerinnen 
nahm mit Anfang Juli ab, und nun blieb ihm mehr Zeit 
für die Composition seiner Etüden, die sich trotz aller 
Beschäftigung gewaltsam an's Licht der Welt drängten. 
Auf den Gängen von einer Lection zur andern pflegte er 
sich die Themen auf irgend einen Brief, den er eben in 
der Tasche trug, oder sonstigen Papierstückchen auf- 
zuschreiben. Abends wurden sie ausgearbeitet, und da- 
rüber alle Abspannung und Ermüdung vergessen. Seine 
Frau musste sie stellenweise probiren und am nächsten 
Tage während seiner Abwesenheit einüben. Zuweilen 
waren die spätesten Abendstunden ausserdem noch durch 
junge Talente in Anspruch genommen, die ihm vorspielten 
oder Compositionen zeigten. So legte ihm damals der 
junge, jetzt berühmte Sir Michael Costa seine Canzonetten 
vor, und andere mehr. Das junge Paar führte damals 
noch ein sehr bescheidenes Haus; doch auch in dieser Be- 
schränktheit übten sie schon im Kleinen die Gastfreund- 
schaft, die später in grösserem Maassstabe von so man- 
chem Deutschen ein Trost in dem grossen London genannt 
wurde. Das Stundengeben führte neben seinen klingenden 
Ergebnissen auch manche Misslichkeiten mit sich. So 
notirt er: „Ich brachte versprochenermaassen der Miss 



Ramsden eine Liste der ihr gegebenen Lectionen mit." 
„Ich will sie meinem Vater zeigen", sagte sie und verliess 
das Zimmer. Gleich darauf brachte mir ein Lakai £ 16 
mit dem Verlangen, ich möge quittiren; die Schülerin, den 
Vater, Niemanden sah ich, sondern ward auf diese Weise 
vom Lakaien verabschiedet! Unerhört in Deutschland!" 

Ihre Sonntage brachten sie gewöhnlich bei Clementi's 
in Elstree unweit London zu, wo man stets ein Zimmer 
für sie in Bereitschaft hielt. „Clementi ist einer der rüstig- 
sten Siebenziger, die man sehen kann, schon in aller Frühe 
beobachten wir ihn von unserm Fenster aus, wie er trotz 
des Morgen thaues , den Kahlkopf unbedeckt, im Garten 
umherläuft. Ueberhaupt lasst ihn seine Lebendigkeit nie 
ruhen. Bei Tische ist er unermüdlich im Plaudern und 
Scherzen; er kann aber auch heftig werden; es ist eben 
eine heissblütige italienische Natur. Zum Spielen ist er 
selten mehr zu bringen. Er behauptet, er habe von einem 
Fall aus dem Schlitten in Russland eine steife Hand zu- 
rückbehalten; es giebt Leute, welche meinen, er wolle 
nicht mehr spielen, weil die Bravour inzwischen so grosse 
für ihn unerreichbare Fortschritte gemacht hätte. Den 
grössten Contrast zu ihm bildet seine Frau (es ist seine 
zweite Frau), sie ist Engländerin und eben so gemessen 
ruhig, wie er sprudelnd lebendig." Clementi war damals 
mit den Gebrüdern Collard Besitzer einer schwunghaft be- 
triebenen Pianofortefabrik. Moscheies rühmt den Instru- 
menten dieser Fabrik einen leichteren Anschlag nach, als 
den Broadwood's, weshalb er sie vorzugsweise zu seinen 
Öffentlichen Productionen gebrauchte; auch ihren Klang 
fand er heller, während Broadwood bei etwas dumpfem 
Klang und schwerer Auslösung mehr Fülle des Tons er- 
zielte. William Collard, den jüngeren Bruder, nennt er 
„einen der geistreichsten Männer, die ihm vorgekommen". 
Dieser wurde der intime Freund und Rathgeber des jungen 
Paares; auch er fand sich regelmässig in Elstree ein. 
Wenn die Freunde beisammen waren, pflegte Clementi zu 
sagen : „Moscheies play me something." Dann wählte dieser 
irgend eine Sonate seines Wirthes, der während des Spiels 



4 l 



1* 4 



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I07 

mit vergnügtem Lächeln, die Hände auf dem Rücken, 
seine kleine untersetzte Gestalt hin und her bewegte, oft 
Bravo dazwischen rief und Moscheies, sobald er geendet 
hatte, freundlich auf die Schulter klopfte und ihn mit 
neuen Bravo's überschüttete. 

Endlich ist „die Saison durchgekämpft"; sie können 
London verlassen und sich die Ruhe gut schmecken lassen. 
Sie folgen zunächst einer Einladung der Familie Fleming 
nach Stoneham Park (Southampton). Die Frau des Hauses 
war eine Schülerin von Moscheies. Beide Gatten, bei allem 
Reichthum und Luxus, einfache und gemüthliche Leute, 
waren eifrig bemüht, ihren Gästen den Aufenthalt so an- 
genehm wie möglich zu machen. Im persönlichen Um- 
gang gelang ihnen dies auch vollkommen; aber das high 
life sagte Moscheies und seiner Frau nicht immer zu. 
„Wir können den wunderbar schonen Park nicht so recht 
gemessen, weil wir erst tief in der Nacht zwischen 1 und 
2 Uhr zur Ruhe kommen j daher die Morgenstunden ver- 
schlafen und kaum vor n Uhr mit der ersten Toilette 
zum breakfast fertig sind. Nach diesem Mahl bleibe ich 
nur bis 2 Uhr, wo luncheon servirt wird, mir selbst über- 
lassen, um zu cofflponiren oder zu üben. (Hier entstanden 
die Es-dur und A-moll-Etüden.) Meine Charlotte übt mit 
Mrs. Fleming in dem prachtvollen Musiksaal, wo der 
Flügel orgelmässig klingt, oder sie bringen die Zeit lesend 
und arbeitend in dem Boudoir mit hellblauseidener Tapete zu, 
m welchem alle neuen Erscheinungen der literarischen Welt 
aufgehäuft sind und ihnen die liebliche Gruppe, die sie 
mit den Fleming'schen Kindern bilden, aus acht Spiegeln 
zurückgeworfen wird. Belm luncheon wird gefragt, welche 
Wagen, welche Pferde man verlangt? Mrs. Fleming legt 
gern Beschlag auf meine Frau für ihr pony carriage, 
das sie selbst kutschirt; ich reite dann mit einigen Herren. 
•Die zweite Toilette für das Mittagessen muss um 8 Uhr 
Abends beendet sein, wo es zu Tische geht." Später 
heisst es: „jetzt wohnen Lord Palmerston, sein Bruder 
Mr. Temple, seine Schwester Mrs. Sulivan und deren 
Mann auch hier. Es ist interessant, so nahe mit dem Lord 



— io8 — 

zu verkehren und die parlamentarischen Gespräche zu ver- 
folgen, die bei Tische geführt werden, natürlich alles in 
den Grundsätzen des reinsten Torysmus. Gut, dass die 
Kunst, die ich vertrete, auf neutralem Boden stehen darf*'. 
Und wieder lesen wir: „Heute neue Gäste, diesmal aus 
der Umgegend, aber nicht aus der nächsten; denn auf 
zehn englische Meilen in der Runde gehört Alles unserem 
Hausherrn; dazu hat er eine Besitzung auf der Isle of Wight. 
Wenn das Diner vorüber ist und die Herren allein bleiben, 
wird erst recht politisirt; aber um Mitternacht im drawing 
room gewinnt wieder die Kunst die Oberhand; da wird 
bis i, 2 Uhr musicirt; kein Wunder, dass uns die ersten 
Strahlen der Morgensonne nicht wecken." 

Im nächsten Monat gehen sie nach dem Bade Chelten- 
ham, welches Moscheies als Nachtrag zur vorjährigen Kur in 
Karlsbad empfohlen worden ist. „Hier geniessen wir unser 
tete-ä-tete von Herzen; der Palast war schön, aber das 
ruhige Leben, das erste seit unserer Verheirathung , ist 
köstlicher. Wir können immer beisammen sein. Während 
meiner Lectionen in der Reitschule sieht, meine Frau mir 
von der Galerie herab zu; sie begleitet mich früh an den 
Brunnen, ich sie auf den Markt, wenn sie Fische oder 
Geflügel kauft; so gut wird's uns in London nie werden." 
Und später: „Ich gebe meiner Frau nicht nur Ciavier- 
stunden, sie muss auch Noten schreiben von mir lernen, 
und während sie sich darin übt, componire ich ein von 
der Harmonie Institution bestelltes Impromptu über den 
Marsch aus Tarare oder Axur von Salieri, welche Oper 
jetzt in London, englisch zurechtgekocht, grossen Beifall 
erhält. Dieser Marsch ist von' Mr. W. Hawes in einen 
kriegerischen Song umgewandelt und erregt besonders 
bei den Worten: „Revenge he cries and the traitor dies", 
• von Braham gesungen, den grössten Enthusiasmus. Auch 
drei Rondo's über die „Wiener in Berlin" schrieb er damals 
bestelltermassen ; ferner la petite babillarde für Cramer, 
seine H-moll-Etüde u. s. w. 

Nachdem sie noch einige angenehme Ausflüge in die 
hübsche Umgegend gemacht und u. A. auch einige Ueber- 



i 




— log — 

bleibsei aus der römischen Zeit, z. B, vollkommen erhal- 
tene Mosaik-Fussböden mit herrlicher Zeichnung", gesehen 
hatten, reisten sie am i. October früh nach Oxford, be- 
suchten am Nachmittage, sowie am folgenden Tage die 
Collegien dieser merkwürdigen Stadt, stellten sich unter 
old Tom (die grosse Glocke) und sahen das Universitäts- 
Theater, wo dem Kaiser von Russland und dem König 
von Preussen kurz vorher bei ihrer Anwesenheit in Ox- 
ford die Doctorwürde verliehen worden war. 

Nach London zurückgekehrt, richten sie sich klein, 
aber behaglich, in dem Häuschen No. 77 Nortonstreet ein. 
Das schönste Möbel blieb ihnen stets dementia Ge- 
schenk, ein herrlicher Flügel, der, von seiner eigenen 
Hand geschrieben vornan, wo sonst der Name der Firma 
steht, die Inschrift trug: „Muzio Clementi e Socj all' in- 
gegnosissimo J. Moscheies ed alla sua amabillissima con- 
sorte." 

Bas stille häusliche Glück, das Beide nun genossen, ward 
bald durch Anträge zu Concerten in Liverpool und Dublin 
gestört. Ohne das Zureden der Frau hätte er sie nicht ange- 
nommen; denn er musste allein reisen; das widerstand ihm; 
endlich siegten ihre Vernunftgründe, und er schreibt am 
4. November: „Heute hatte ich die harte Probe des Ab- 
schieds von meiner Charlotte zu bestehen." Am 5. Nov. 
traf er in Liverpool ein, von der Musikergilde freundlich 
bewillkommnet. Abwechselnd speiste er bei den Kunst- 
genossen, die ihn in der Stadt umherführten und ihm unter . 
den Denkwürdigkeiten namentlich 'die Town hall und 
Nelson's Monument von Westmacott zeigten. „Wenn mich 
die Grossartigkeit dieses Kunstwerks und jenes Gebäudes, 
jedes in seiner Art, frappirte, so setzte es mich vielleicht 
noch mehr in Erstaunen, dass man mich mehrfach um 
Lectionen für die drei Tage meines Aufenthalts in Liverpool 
bat, ein echt englisches Ansinnen. Ich machte einen Be- 
such bei Roscoe, den ich sehr zu kennen wünschte und 
in welchem ich den liebenswürdigsten, zuvorkommendsten 
Greis fand. Der Herzog von Toskana hatte ihn kürzlich 
durch die Zusendung- einer Prachtausgabe der Werke von 



1 



Lorenzo Medici beehrt, die er mir zeigte. Dann durfte 
ich mit ihm sein neuestes botanisches Werk über west- 
indische Pflanzen durchblättern, wobei er mir viele inte- 
ressante Erklärungen gab." 

„Am 8. November Mittags war Probe im Concertsaal; 
aber was für eine! elend ist ein zu gelinder Ausdruck. 
Mori aus London that sein Möglichstes, aber was war zu 
erzielen mit einem Doppelquartett und vier hinkenden Wind-, 
nicht Blasinstrumenten als Orchester? Der Theaterdirector 
spielte nämlich dem Concertunternehmer Mr. Wilson den 
Streich, seine Orchestermitglieder nicht herzugeben, und 
so musste ich das erste Stück des Es-dur-Concerts und die 
Alexander-Variationen mit blosser Quartettbegleitung spielen. 
Meine Phantasie über „Rule Britannia" und ein irländisches 
Liedchen befriedigte das brillante und zahlreiche Publikum 
eben so sehr, wie mich das mir nachgeschickte Clemen- 
tische Instrument. Diese Nacht, sowie alle vorhergehen- 
den und folgenden auf meiner Reise, beschloss ich damit, 
dass ich an meine Frau schrieb, sowie ich auch von ihr 
täglich so gute Berichte erhalte, dass sie mich zu meinen 
Productionen kräftigen." 

„Am 9. November früh fuhr ich auf der Mersey in 
einer Stunde nach dem gegenüberliegenden Ufer und von 
da in i T / 2 Stunde nach Chester, dieser uralten Stadt, merk- 
würdig durch die Mauer, die sie umschliesst. Das Concert, 
welches Abends im Royal Hotel stattfand, war dem des 
gestrigen Tages ähnlich; Mori dirigirte, das Publikum 
war eben so brillant und zahlreich, die Aufnahme gleich 
schmeichelhaft für mich." 

„Am 10. November früh ging ich mit Phillips auf den 
durch sein Alter merkwürdigen Wall. Ein ziemlich con- 
servirter Thurm sagte uns durch seine Inschrift, dass im 
Jahre 1645 King Charles die Schlacht von da aus beobach- 
tete, und dass er sich, als seine Armee geschlagen war, 
genöthigt sah, vermittelst einer Strickleiter zu entfliehen. 
Das Gefängniss (gaol) ist auch ein den Zeiten trotzendes 
Bauwerk. Ein Theil der Stadt liegt romantisch an dem 
Flusse Dee." 



— III — 

„ii. November. Concert in Manchester. Schon die 
bessere Organisation des Orchesters, die Oberaufsicht der 
€oncertdirectoren Baker und Fletcher, das Mitwirken meh- 
rerer deutschen geschickten Liebhaber /gab dem Ganzen 
•einen Schwung, den ich nur zu sehr in den letzten Con- 
certen vermisst hatte. Auch der Anführer des Orchesters, 
Mr. Cadmore, gehört zu den besseren Dirigenten. Ich er- 
freute mich des rauschendsten Beifalls, doch genoss ich 
ihn weniger als je auf dieser Reise." Auf Briefe der Ver- 
wandten hin bricht er bald darauf seine Reise ab und 
eilt nach London zurück. Am 19. Abends erreicht er sein 
Haus, und kurz nach Mitternacht wird ihm ein Sohn ge- 
boren, ein zartes, schwächliches Kind; die Mutter findet er 
in sehr leidendem Zustande. 

Vier bange Wochen lebte Moscheies in Angst und 
Sorge um sie. Mit dem herannahenden Ende des Jahres 
besserte sich Alles. „Jetzt", schreibt er, „kann ich wieder 
meinen Geschäften nachgehen; auch bei Erard war ich 
heute, sah seine nach neuer Construction erbauten herr- 
lichen Flügel, lehnte aber seinen Antrag, mich zum al- 
leinigen Spielen derselben zu verpflichten, trotz der vor- 
theilhaften Bedingungen, die er mir stellte, gänzlich ab, 
und will mich ferner meiner Freiheit in dieser Beziehung 
erfreuen." 

Später schreibt er: „Ein komischer Vorfall machte 
uns herzlich lachen. In den Weihnachtstagen bläst, be- 
sonders Abends spät, eine Bande, die auch an meiner 
Thür sammelte. Ich wusste dies von früherher, und da 
mir alle Torturen und Störungen einfielen, mit denen sie 
mich durch ihre falschharmonisirten Choräle gefoltert hatten, 
so befahl ich der Magd, ihnen zu sagen: von mir würden 
sie nur dann bezahlt werden, wenn sie versprächen, nie 
wiederzukommen. Der beleidigte Bläser antwortete: „Teil 
your master, if he does not like music, he will not go to 
heaven!" 

i 

Mit Ende des Jahres musste er auch eine Phantasie 
für den Verleger Collard vollenden, über die er bemerkt : 
«Die 25 Guineen, die ich dafür bekomme, sind das einzige 



Verdienst , was sie hat. Gehört auch zu den Ephemeren, 
die keine Opusnummer bekommen." Und am 31. heisst 
es: „Wir beschliessen dies Jahr mit besonderem Dank 
gegen die göttliche Vorsehung, die uns so grosse Gefahr 
glücklich überstehen Hess!" 



1826. 

Am 1. Januar hält Moscheies im Tagebuch folgendes 
Selbstgespräch; „Heute halte ich noch mein Glück mit Händen, 
morgen soll ich es verlassen, und doch ist die Reise nach 
Dublin (wo Moscheies sich zu mehreren Concertert ver- 
pflichtet hatte), eine Ehrensache. Charlotte ist sehr mit 
der Pflege des Jungen beschäftigt und voll glücklicher 
Erwartung, ihren Vater zu sehen. Also Muth!" 

Wirklich reist er am 2. Januar ab; zuerst nach Bath, 
wo wieder Alles mit dem gewöhnlichen Erfolg verläuft, 
sodass der ersten Improvisation eine zweite folgen muss. 
Die nächste Concertstation (3. Januar) war Liverpool. Es 
wird von Interesse sein, die Beschreibung dieser Reise 
in Moscheles* eigenen Worten ungekürzt wiederzugeben, 
weil sie die Beschwerlichkeiten, die damals mit einer 
grösseren Reise verknüpft waren und von denen unser 
Dampfzeitalter sich kaum mehr einen Begriff machen 
kann, eindringlich vorführt. 

„Am 4. Januar brach ich um 7 Uhr früh von Liverpool 
auf und fuhr bis 8 Uhr Abends nach Birmingham. Am 
folgenden Tage wurde von hier die Reise fortgesetzt, Tag 
und Nacht. Um 2 Uhr Mitternachts eine grosse Reise- 
beschwerlichkeit. Ich, der einzige Passagier, wurde aus 
der warmen Kutsche heraus, und in der rauhen Nacht bei 
Bangor Über den reissenden Fluss im offenen Boot über- 
gesetzt. Die Seele klapperte mir im Leibe, doch wieder- 
holte ich mir mein Losungswort: Muthig ausharren! Am 
anderen Ufer nahm mich, Einsamen eine andere, schon be- 
reit stehende Mailcoach auf, und so ging's weiter, den 




— H3 — 

übrigen Theil der Nacht durch Wind und Schneegestöber 
hin» bis ich endlich um 5 Uhr Morgens in Holyhead 
ankam. 

6. Januar. Verhängnissvoller Tag; harte Prüfung; 
Gottes rettende Hand! Im Hötel fand ich eine respectable 
Reisegesellschaft, aus zwei Herren und einer Dame be- 
stehend, zur Einschiffung nach Dublin bereit. Die Chester 
Mail wurde noch erwartet, und diese kam um 7 Uhr; 
dann aber hiess es, dass kein Dampfschiff zur Ueberfahrt 
da sei, der Wind habe in den letzten Tagen so stark hin- 
wärts geblasen, dass alle Dampf boote drüben seien; ein 
Segelpacketboot werde aber sogleich die Mail in 6 bis 7 
Stunden hinüberfahren. Wollten wir Passagiere das auch 
benutzen? Wir thaten es, indem wir uns kurz nach 7 Uhr 
einschifften, und dann des regnerischen Wetters und der 
hohen See halber, die Cabine und unsere respectiven 
Betten aufsuchten. Mich ergriff die Seekrankheit mit sol- 
cher Heftigkeit, dass ich schon nach einigen Stunden zum 
Tode erschöpft, wie ein Kranker da lag und wahre Mar- 
tern aushielt. Das Element zürnte immer heftiger, ich 
zahlte die Stunden, sie gingen auch vorüber, die Nacht 
brach an, aber wir landeten nicht. Fragten wir unsern 
Steward, wann wir erlöst würden, so murmelte er: „Wer 
weiss? es geht nicht gut." Und dies bewahrheitete sich 
mir nur allzusehr durch das Schleudern des Bootes. Ein- 
gewickelt in Decken und Mäntel, wie ich da lag, konnte 
ich mir das eisig abgestorbene Gefühl meiner Füsse nicht 
erklären, überwand aber meine Erschlaffung so weit, um 
hinzufühlen, und fand, dass das Wasser schon in mein 
Bett gedrungen war. Nun konnte es auch nicht mehr 
verhehlt werden, dass das Schiff leck geworden war; denn 
zischend stürzte das Wasser in die Cabine; der Sturm 
heulte fürchterlich, die Finsterniss war undurchdringlich. 
Der Capitain wusste uns nichts Tröstliches zu sagen, als 
dass wir in der Nähe des Ufers wären — freilich nicht 
nahe genug, um zu landen, da Felsen und Sandbänke, in 
deren Mitte wir schwammen, uns unfehlbar zerschellen, 
würden; auch nicht nahe genug, als dass ein Nothsignal 

Moscheles' Leben. 8 



von der Küste aus wahrnehmbar werden könnte. Endlich 
nach langem Kampfe mit den Wellen und den fürchter- 
lichsten Stössen, die unser Fahrzeug erlitt, konnten wir 
Anker auswerfen und lagen nun ohne Stärkung und Er- 
quickung gleich Opferthieren unser Schicksal erwartend, 
bis zum Anbruch des Tages. Den Muth hatte ich jedoch 
in dieser elenden Lage nicht verloren. Der Glaube an die 
allmächtige Vorsehung hielt mich aufrecht; ich dachte 
ohne Aufregung an Weib und Kind. Sie schlafen ruhig 
und theilen gottlob mein hartes Loos nicht; sie werden 
mich entweder froh wiedersehen, oder meinen Verlust mit 
Gottes Hülfe ertragen; ebenso wanderten meine Gedanken 
schmerzlich gefasst zu meinen anderen Angehörigen und 
Freunden hinüber. Der Schritt von da in die andere Welt 
schien mir sehr klein. Am Nachmittag hiess es endlich: 
„Wir werden erlöst, ein Boot hat unser Schiff erreicht 
und nimmt uns auf!" Da rafften wir unsere Effecten zu- 
sammen, Hessen uns mit ihnen sozusagen in's schwankende 
Boot werfen, und nach einem kurzen Kampfe mit der 
»schäumenden Brandung, landeten wir im Hafen Howth. 
Dort miethete ich eine Postchaise, die mich (7 Meilen weit) 
nach der Stadt brachte. Der öde sandige Boden, die mit 
Ruinen besäete Gegend, das kümmerliche Aussehen der 
Landbewohner Hess mich auf die Natur und den ganzen 
Charakter des Landes schliessen. So kam ich denn end- 
lich in Dublin an. fuhr über die schöne Carlisle-Brücke, 
über den Liffey nach Westmoreland Street, wo ich mich 
in einer Wohnung, die mir der Musikhändler Pigott ge- 
mietet hatte, in wenig Stunden erholte." 

Am 8. Januar führt ihn Mr. Pigott in die Christ 
Church, wo er einen im alten Styl gearbeiteten Anthem 
von Dr. Spray brav ausfuhren hört, dann macht er bei 
den Künstlern und bei der Aristokratie der Stadt die 
Runde, Unter anderen lernte er bei dieser Gelegenheit 
Lady Morgan, von der er schon als Schriftstellerin gehört, 
„als äusserst liebenswürdige Wirthin und Gesellschafterin 
kennen.** 




— H5 — 

9. Januar. „Heute bekam ich durch den Colonel 
Shawe, Adjutant des Lord Lieutenant Marquis of Welles- 
ley, den Bescheid, seine Herrschaft würde mein Concert 
am 13. Januar besuchen; es solle auch unter ihrer patron- 
age vor sich gehen; heute aber möge ich im Phönixpark 
im grossen Circle spielen. Ich bereitete mich so geschwind 
als möglich vor und sandte mein Instrument dort hin. Um 
9 Uhr Abends fuhr ich in dem mir bereit gestellten Gala-* 
wagen in einer halben Stunde hinaus und fand die ganze No- 
blesse Irlands im Phönixpark versammelt, da diese Soiree die. 
erste der neu verheiratheten Marchioness of Wellesley war. 
Einige Gesangstücke, sowie ein Terzett für 2 Guitarren 
und Physharmonica (von Schulz und dessen Söhnen) gingen 
während der lebhaftesten Conversation der hohen Herr- 
schaften, unbeachtet vorüber. Der Lord-Lieutenant unter- 
brach diese, indem er mich französisch ansprach, meiner 
schmeichelhaften Empfehlung von Seiten des Fürsten Ester- 
hazy erwähnte und mich zu spielen ersuchte. Da er sich 
mit der Marchioness in die unmittelbare Nähe des Claviers 
setzte, und da er, der fünfundsechszigjährige Herr, sich an 
meiner Phantasie über irländische Melodien begeisterte, so 
begeisterte sich auch der ganze Kreis. Nach der Pause, in 
welcher Erfrischungen gereicht wurden, wiederholten sich 
die Vorgänge des ersten Theiles, und dann setzte der 
Lord-Lieutenant seiner Gunst die Krone auf, indem er 
mir herablassend die Hand schüttelte (shook hands). Ich 
machte viele nützliche Bekanntschaften." 

10. Januar. „Heute meldeten sich bei mir, trotz meines 
auf zwei Guineen festgesetzten Preises, zwei Schülerinnen." 

11. Januar. „In die Anacreontic Society eingeführt, 
eme Dilettantengesellschaft, die die grössten Orchester- 
werke brav ausführte; das übliche Souper folgte, und als 
sie mich durch Mitsingen eines Terzetts aus Cosi fan tutte 
treuherzig gemacht, lockten sie mich an's Instrument, wo 
ich, dem alten gebrauchten Kasten nicht trauend, nur die 
Ouvertüre zu Figaro spielte. Ein Toast mit irländisch 
hochfahrenden Lobeserhebungen und ein Speech meiner- 
seits waren die natürlichen Folgen." 

1* 



* 



— n6 — 

13. Januar. „Erstes Concert in Dublin in der Rotunda. 
In der j?robe marterte ich mich mit dem Orchester, be- 
sonders mit den Blasinstrumenten* Auch wurde ich der 
„Impressario in angustia", indem der Theaterdirector Mr. 
Abbot meinen Sängern Mr. Kean und Latham zu singen 
untersagte. Erst um 4 Uhr nach der Probe suchte ich 
ihn durch ein Billet zur Raison zu bringen, was mir auch 
gelang. Abends 8 Uhr begann das Concert. Es-dur-Con- 
cert und Alexander -Variationen wurden mit steigendem 
.Beifall aufgenommen. Mrs. und Miss Ashe sangen. Meine 
Phantasie im zweiten Theil über irländische Themen 
wurde lärmend applaudirt." 

In den folgenden Tagen bewunderte er in der Schloss- 
kapelle die alte herrliche Holzschnitzerei und horte zu- 
gleich eine vortreffliche Predigt. Ferner wurde er in den 
Hibernian Catch-Club, eine seit 130 Jahren bestehende Ge- 
sellschaft, eingeführt. „Diner mit Speeches, viele Glees und 
zum Schluss eine Improvisation von mir, worauf die Gesell- 
schaft mich einstimmig zu ihrem Ehren mitgliede erwählte." 

Weiter heisst es: „Ein Mr. Allan, Schwiegersohn 
von Logier, veranstaltete eine öffentliche Production seiner 
Schüler, worin auch Stücke von mir herhalten mussten^ 
Ja herhalten, denn das wird mir immer klarer: dieses 
Logier'sche System kann den Schülern zwar das präcise 
Tacthalten einbläuen, aber wo bleiben Verständnäss und 
Auffassung der Composition, wo die Poesie ihrer Wieder- 
gabe, wenn sie von acht Cla vieren zugleich herunter- 
getrommelt werden? Im Ganzen finde ich die irländische 
Nation musikalisch wärmer, als die englische, obwohl mir 
der erste ihrer Componisten, Sir John Stevenson, kein 
besonderes Interesse abgewinnen kann." 

Publikum und Presse kamen Moscheies auch bei sei- 
nem zweiten Concert liebenswürdig entgegen. , „Meine 
eigene Stimmung (notirt Moscheies) war eine sehr geho- 
bene, da ich kurz vor Anfang des Concert es einen Brief 
von meiner Frau erhielt, aus welchem ihre helle Freude 
über die Ankunft ihres Vaters strahlte." 

Die Frau berichtet ihm getreulich den Inhalt der in 



— ii7 — 

seiner Abwesenheit eingehenden Briefe; einmal schreibt 
sie: „Es handelt sich zwar um eine Geschäftssache, aber 
lachen muss ich doch, indem ich dies niederschreibe. Denke 
Dir, der alte Nägeli in Zürich, der Dich bittet, eine Sonate 
für seine „Ehrenpforte" zu componiren, stellt Dir dabei die 
dreifache Bedingung, keine repetirenden Noten, keine De- 
eimen und auch keine AffectwÖrt er als Bezeichnung hinein- 
.zuschreiben. Dabei ertränkt er Dich in einer Fluth von 
Complimenten über Deine Begabung und über die Ehre, 
die seiner „Ehrenpforte" durch diese Sonate angethan 
würde. Man sieht, der Mann ist nicht nur Verleger, son- 
dern auch einer von jenen Zeitungsschreibern, denen die 
grandiosen Lobeserhebungen über Dich geläufig sind." 
Gegen Ende Januar fühlte Moscheies sich so erschöpft 
- durch seine Concerte und seine Privatproductionen in diesem 
oder jenem Hause, durch zudringliche Morgenbesuche dieses 
oder jenes Lehrers mit Schülerinnen, die ihn mit ihrem Ge- 
klimper langweilten, dass er die Einladungen zum Beef- 
steak-Club, sowie zu Diners und Soireen consequent ab- 
schlug, ernstliche Reisevorbereitungen machte und am 
29. Januar Morgens 6 Uhr abreiste. Wieder schlechtes 
Wetter, wieder zehnstündige Seekrankheit, Aufenthalt hier 
und Aufenthalt dort, endlich aber am 1. Februar das Glück, 
Weib und Kind und den lieben Schwiegervater zu um- 
armen. Nur die fortdauernde Schwäche der Frau trübte 
die Freuden dieses Wiedersehens. Dem Schwiegervater 
suchte Moscheies nun auch seinerseits den Aufenthalt in 
London so angenehm als möglich zu machen. Zu beiden 
-Parlamentshäusern, für deren Debatten er sich sehr in- 
teressirte, erhielt er Zutritt; er bewunderte Kemble und 
die Pasta, unterhielt sich köstlich bei den pikanten Vaude- 
villes des Tottenham-Street-Theaters, und besuchte neissig 
die 'Concerte. Was aber die Hauptsache war, der gute 
Vater wurde Zeuge des häuslichen Glücks seiner Kinder, 
der unermüdlichen Thätigkeit, die Moscheies entwickelte, 
und der ehrenvollen Stellung, die er einnahm. Der Schü- 
lerinnen gab es viele, bald so viele, dass er eine grosse 
Zahl abweisen musste. Dabei componirte er im Laufe 



1 



r 



J 



— 118 — 

dieser Saison die Es-moll-, H-moll- und D-moll- Etüden* 
{Op. 70), sowie seine Phantasie, „Erinnerungen an Irland", 
und des Corrigirens von Probedrucken war kein Ende, da 
er auch oft die von Freunden in England veröffentlichten 
Compositionen durchsah. 

Die erwähnten „Erinnerungen an Irland" trug er in 
dem grossen Concert, das er am 7. April veranstaltete» 
zum ersten Male öffentlich vor; sie wurden warm auf- 
genommen. Ueber dieses Concert berichtet das Tagebuch 
ferner: „Kiese wetter spielte schön wie immer, ohne dass 
ich jedoch ein Wort mit ihm gewechselt hätte, da ich die 
Art, in welcher er kurz vor dem Concert die Bezahlung 
von 10 Guineen für diese Production verlangte, nur durch 
eine kurze Bejahung und das Abbrechen freundschaftlicher 
Beziehungen zu erwidern verstand. Der grosse Zudrang 
zu dem Concert war die Ursache, dass sogar die könig- 
liche Loge sich füllte, anstatt für den Fürsten Esterhazy 
als Patron des Concertes reservirt zu bleiben, ein Miss- 
grifF, den ich Tages darauf durch einen Besuch beim 
Fürsten wieder gut machen musste. Auch hochgestellte 
Personen der musikalischen Aristokratie mussten wegen 
Mangel an Platz den Saal verlassen." Man kannte damals 
noch nicht das bequeme Institut der Sperrsitze. 

Die Hauptursache jener Ueberfüllung mag wohl die 
Mitwirkung Carl Maria von Weber's gewesen sein, der 
eine eigene von Mme. Caradori gesungene Arie und die 
Ouvertüre zur Euryanthe dirigirte. Der grosse Mann war 
seit wenigen Wochen in London, als dies Concert statt- 
fand; er wohnte bei dem Freunde Sir George Smart, und 
dort sah Moscheies ihn oft, während er der neugierigen 
Menge, die ihn besuchen wollte, nicht zugänglich war. 
Seine leider sehr zerrüttete Gesundheit bedurfte der Ruhe, 
der er aber wenig pflegen konnte. „Wie mag es ihn an- 
gegriffen haben, als er gestern zum ersten Mal vor dem 
englischen Publikum im Coventgarden-Theater erschien? 
der donnernde Applaus, mit dem er empfangen wurde, 
ergriff uns tief; um wieviel mehr ihn, den Gefeierten, 
der Gegenstand dieses Enthusiasmus selbst! Weber dirigirte 



."TT*-' 



— 119 — 

auf der Scene einen Auszug" seines „Freischütz**, die 
Ouvertüre wurde jubelnd wiederholt; Braham, Miss Paton 
und Phillips sangen die Haupts tücke der Oper mit Be- 
geisterung. Weber reichte während des enthusiastischen 
Applauses den Sängern die Hände, um seine Zufrieden- 
heit auszudrücken; am Ende der Vorstellung stand das 
ganze Parterre auf den Bänken, Hüte und Schnupftücher 
schwenkend und dem Meister entgegenjubelnd. Diesen 
sah ich später recht erschöpft im Foyer des Theaters; er 
war schon zu krank, um diesen ungewöhnlichen Triumph, 
den er noch dazu in fremdem Lande feierte, voll zu ge- 
messen, wie wir Landsleute es für ihn thaten: ausser mir 
vor allem sein und unser Aller Dichter, Kind, der Flöten- 
spieler Fürstenau, der mit ihm gereist war, der gute alte 
Harfenmacher StumpfF, seit Jahren in London ansässig, 
und der oft genannten Schulz." 

Am 12. März hörte Moscheies "Weber in einer Gesell- 
schaft bei dem Sänger Braham improvisiren. „Er ver- 
webte einige Themen aus dem „Freischütz" auf die in- 
teressanteste Weise, obwohl ohne besondere Kraftäusse- 
rung. Diese erlaubte sein physischer Zustand leider nicht 
mehr, und doch eilte er noch um 11 Uhr in eine zweite 
grosse Soiree der Mrs. Coutts, weil sie ihm gut bezahlt 
ward. Als er Braham verlassen hatte, wurde sein be- 
dauerlicher Zustand viel besprochen.*' 

Am 13. März ist Weber Tischgast im Hause Moscheies'. 
„Welche Freude! Doch auch da ward unser Mitleid aufs 
Innigste angeregt! Denn sprachlos trat er in unser Wohn- 
zimmer: die eine kleine Treppe, die dahinführte, hatte 
ihm den Athem gänzlich benommen; er sank in einen der 
Thür nahestehenden Stuhl, erholte sich aber bald und 
war dann der liebenswürdigste, geistreichste Gesellschaften 
Abends fuhren wir mit ihm ins philharmonische Concert, 
das erste, welches er hörte, und wo eine Haydn'sche und 

eine Beethoven'sche Symphonie befriedigend gegeben 
wurden." 

Das 'nächste Philharmonische Concert am 3. April 
dirigirte Weber selbst. Das Programm lautete: 



Ouvertüren zu ,,Euryanthe" und „Freischütz". 

Arie von "Weber (componirt für Mme. Milder), gesungen von Mrae. Caradori. 
Scene aus dem Freischütz, gesungen, von Sapio. 

I. Stück Cis-moll-Concert von Ries, 2.: Es-dur von Beethoven, 3.: ungari- 
sches Rondo, von Pixis. (Dies Fasticcio spielte ein Deutscher — 
Schuncke — unter der Leitung des grossen deutscher Meisters!) 

„Am 11. April wohnte ich der Generalprobe des „Oberon" 
im Coventgarden-Theater bei, die ganz wie eine Vor- 
stellung besucht war, auch keine Unterbrechung erlitt, 
und in der sich die Costüme sowohl, als die herrliche 
Scenerie mit beweglichem Mond bei der Ocean-Arie, vor- 
trefflich ausnahmen. Diese Arie , die Weber in London 
für Miss Paton schrieb, machte grossartigen Effect, ebenso 
die für Braham (Hüon) componirte grosse Arie. Beiden 
Sängern war Gelegenheit gegeben, ihre mächtigen Stim- 
men zu entfalten und gewisse schlagende Effecte hervor- 
zubringen, die das Parterre begeisterten. Weber muss an 
seinem Pult gefühlt haben, dass ihm die englische Nation 
aus dieser Versammlung entgegenjauchzte und dass seine 
Schöpfungen in ihr fortleben würden/' 
• Ueber die erste Vorstellung berichteten die Blätter 
nur Herrliches. Der arme Meister selbst, den Moscheies 
fast täglich besuchte, wurde aber inmitten dieser Triumphe 
schwächer und immer schwächer; dennoch führte er sein 
bewegtes londoner Leben fort, und dirigirte in mehreren 
Concerten, in welchen auch Moscheies mitwirkte, seine 
Ouvertüren zu „Freischütz", zu „Oberon** u. s. w, „Am 
18. Mai (sagt Moscheies) wirkten wir auf originelle Weise 
zu Gunsten Braham's zusammen. Es war dessen jährliche 
Einnahme im Coventgarden-Theater, und er, der popu- 
lärste der englischen Sänger, wusste stets bei dieser Ge- 
legenheit seine dritte Galerie (wegen ihrer schwindelnden 
Höhe „Göttersitz" genannt) durch Matrosenlieder zu be- 
geistern. Heute nun war es wie immer bei* ähnlichen 
Gelegenheiten. Auch die populäre kokette Mme. Vestris 
fand ein williges Gehör vor diesen, das Haus' beherrschen- 
den „Göttern" in einer Operette „The Slave", und verschie- 
denen Ammenliedchen, wie „Goosie Goosie Gandeiv whither 
shall I wander? Upstairs downstairs in mylady's cham- 




— 121 — 

her" u. s. w. So weit war Alles herrlich; nun aber hatte 
sich Braham verrechnet, indem er dieser Gesellschaft ein 
Concert guter Musik als zweiten Theil vorsetzen wollte, das 
er„Apollo , s Festival" nannte, und das nach allen vorherge- 
gangenen Fadaisen mit der Ouvertüre zum „Beherrscher 
der Geister" begann. Ob Niemand bemerkte, dass Weber 
selbst dirigirte? Ich weiss es nicht, aber das Geschrei 
und Gepolter der Galerie, unter dem sie ungehört zu Ende 
gespielt wurde, empörte mich, und schon sehr aufgeregt 
setzte ich mich auf der Scene an mein Instrument und gab 
dem unter mir sitzenden Orchester das Zeichen zum An- 
fang meiner „Erinnerungen an Irland. 1 * Gleich während 
der etwas ernsten Introduction begannen die rohen Galerie- 
besucher ihr Unwesen, Pfeifen, Zischen, Applaudiren und 
Ausrufe wie: „Are you comfor table Jack", begleitet von 
Salven ausgesogener Apfelsinenschalen, — Alles sah und 
hörte ich durcheinander im abwechselnden Crescendo und 
Decrescendo, und mir war, als wären alle Elemente im 
Streit, und ich müsste ihnen erliegen. Gottlob aber erlag 
ich nicht; denn ich fasste in dieser mir neuen, unerwarte- 
ten Lage den Entschluss, nicht plötzlich abzubrechen, 
sondern dem besseren Theil des Publicums zu zeigen, dass 
ich bereit wäre, zu erfüllen, was ich versprochen. Ich 
bückte mich zum Vorgeiger herab und sagte: „Ich werde 
die Hände hin und herbewegen, als spielte ich; lassen Sie 
Ihr Orchester ungefähr dasselbe thun; nach einer Weile 
werde ich Ihnen ein Zeichen geben, dann hören wir zu- 
sammen auf." Gesagt , gethan. Als ich mich abtretend ver- 
beugte, überschüttete mich stürmischer Applaus. Die 
Götter jubilirten, mich los zu sein. Nun kam Miss Paton 
mit einer ernsten Concert- Arie dran, und hatte gleiches 
Schicksal. Sie hörte dreimal auf, kam auf den Ruf der 
Besseren, die „silence" begehrten, immer wieder zurück, 
um zu singen, und trat endlich weinend mit den Worten 
ab: „I cannot sing". Auch dieser Demonstration folgte 
donnernder Applaus — und nun begannen neue Gassen- 
hauer und Matrosenlieder, und neue Zufriedenheit und Auf- 
merksamkeit der Galerien trat ein," 



r 



122 — 

Der Vorfall ging eine Woche lang durch alle Zeitungen 
und Moscheies ward sogar viel Lob für sein ruhiges Ver- 
halten gespendet, während die arme Miss Paton um ihrer 
Thranen willen viel zu leiden hatte. 

„Der 26, Mai, der Tag des Weber'schen Concerts r 
bleibt mir ewig unvergesslich (schreibt die Frau); denn der 
Meister, dem Erlöschen schon nahe, hatte grosse An- 
strengungen gemacht, um eine Aufführung in den Argyll- 
rooms zu veranstalten, und sein Concert ging dennoch 
vor einem leeren Saal vor sich! Musikfreunde und die 
Presse suchten in ihrer Entrüstung diese Vernachlässigung 
vom Publicum ab und auf äussere Umstände hinzulenken? 
und da fanden sie, Begrez, der parfümirte Salonsänger 
habe an demselben Abend ein Privat- Concert bei der 
Herzogin von St. Albans gegeben, und die fashionable 
Welt absorbirt; Epsom races, dieses vielbesuchte Pferde- 
rennen sei gerade mit seinem Haupttag (the Derby) auf 
diesen 26. Mai gefallen, und den besuche unfehlbar die 
grosse Welt, während der Mittelstand sich an die Opern 
des so populär [gewordenen Meisters halte, und keine 
Schuld an dieser Vernachlässigung seines Unternehmens 
trage. Genug, Weber musste vor leeren Bänken spielen! 
Er dirigirte die nie fehlende Ouvertüre zu „Oberon" und 
„Euryanthe", seine noch unbekannte Cantate „The festival of 
peace" und eine neue für Miss Stephens componirte, und 
von ihr gesungene Ballade; Braham effectuirte in der 
Freischütz- Arie, Fürstenau blies zum ersten Mal Variationen 
über ein Thema aus Oberon, Kiesewetter spielte seine 
unvermeidlichen Mayseder -Variationen in E-dur, und 
Moscheies nahm als Grundlage seiner Improvisation* ein 
Thema aus der Cantate, das einen Hervorruf gehabt 
hatte und das er mit Motiven aus dem „Freischütz" ver- 
webte. Mme. Caradori und Braham sangen die Soli in 
der Cantate." 

Weber war durch diesen Abend so entsetzlich ange- 
griffen, dass er seine Einnahme im Theater, wo der Frei- 
schütz unter seiner Direction zu seinem Benefiz gegeben 



Ii 



I 
t 

: — 123 — 

werden sollte, lieber einbüsste, und sich nur mit Reise- 
gedanken und Reise Vorbereitungen beschäftigte. 

Trotz der Besorgniss um Weber wollte die Frau doch 
auch diesmal Moscheles' Geburtstag nicht vorübergehen 
lassen , ohne ihn durch einen kleinen Scherz zu erheitern. 
„Diesmal (so schreibt sie an die Verwandten), gab*s ein 
Tableau, einzig in seiner Art; denn die Contraste waren 
schlagend. Dass ich als Engel mit fliegenden Haaren 
ihm einen Lorbeerkranz zuwarf, war abgedroschen, aber 
die beiden hübschen Cramer's als Schwestern der Flora 
mit herrlichen Blumen, machten sich gut und die Prosa 
setzte all dieser Poesie die Krone auf, indem Anne Barlow 
im Costüme einer Köchin eine dampfende Schüssel mit 
Kalbsfüssen brachte, zugleich aber auch eine Romanze, 
composed by a cook (natürlich sie selbst). Wenn Ihr mich 
über diese dumme Zusammenstellung auslacht, so bedenkt 
nur, dass er in der berühmten Ludlamshöhle Tasto der 
Kälberfuss hiess, wegen seiner frevelhaften Neigung für 
jenes scheussliche Gericht. Gut, dass wir keine anderen 
Zuschauer hatten als Adolf und Nurse, denen unser tableau 
sehr gut gefiel — von Moscheies gar nicht zu reden, der 
gebührend entzückt war." 

Leider ging es in diesen Tagen schlimmer mit Weber 
und am 4. Juni schreibt Moscheies in's Tagebuch : „Als 
ich Weber heute Sonntag besuchte, sprach er zwar zuver- 
sichtlich von seiner Abreise nach Deutschland; aber der 
entsetzliche Krampfhusten, der in kurzen Intervallen wie- 
derkehrte und eine gänzliche Entkräftung zurückliess, 
spannte unsre Angst auf's Höchste, und als er mühsam 
hervorbrachte, er reise in zwei Tagen, ich möge ihm nur 
Briefe mitgeben, er hoffe mich morgen wiederzusehen, da 
wurde mir weh um's Herz, obwohl ich selbst nicht ver- 
muthete, dass ich ihn zum letzten Male unter den Leben- 
digen erblickte. Ich verliess ihn mit seinen Freunden 
Kind und Fürstenau und wechselte unten noch trübe, 
Worte mit seinem gastfreien Wirthe, Sir G. Smart, der 
mir bekümmert mittheilte, dass Weber keinen Wächter 
dulden wolle, jede Nacht seine Zimmerthür verschliesse 



— 124 — 

und dass er nur heute den vereinigten Bitten der Freunde 
nachgegeben und versprochen habe, nicht zuzuschliessen, das 
Wachen der Freunde in seinem Zimmer jedoch ebenso 
bestimmt ablehne, wie den besoldeten Wächter/' 

5. Juni: „Heute früji um 8 ward ich zu dem nicht fern 
wohnenden Sir Gr. Smart gerufen, und eilig gerufen. 
Fürstenau hat Weber Abends zuvor um 11 Uhr zu Bette 
gebracht; als man früh in sein Zimmer wollte, — auf das 
Versprechen des Nichtverschliessens rechnend, fand man 
beide Thüren von innen verschlossen; um dies zu thun, 
muss also Weber in der Nacht aufgestanden sein. Da er 
kein Klopfen, kein Rufen beantwortete, so schickte Sir 
George zu uns Freunden, und in unserer Gegenwart wurde 
eine Thür erbrechen. Es störte den Schläfer nicht, er 
schlief den ewigen Schlaf, den Kopf auf den linken Arm 
gestützt, sanft auf dem Kissen ruhend. ... Es wäre Ent- 
weihung, wollte ich meinen Schmerz durch meine Feder 
zu beschreiben suchen! Ich hielt ihn für den eigen thüm- 
lichsten Componisten, für denjenigen, welcher ein zwischen 
Mozart, Beethoven und Rossini schwankendes Publicum, 
zu unserer deutschen Musik zurückführte — ein unsterb- 
liches Verdienst! Auf seinem Nachttischchen lag ein 
kleiner, von ihm geschriebener Zettel, diesen steckte ich 
zu mir, um ihn in meiner Brieftasche zu tragen. Ich half 
Sir G. Smart und Fürstenau Weber's Papiere versiegeln, 
wozu der Erstere, im Gefühle seiner grossen Verantwort- 
lichkeit, mein eigenes Siegel holen liess.'*" 

6. Juni: „Heute Morgen, als der grosse Meister schon 
im bleiernen Sarge dalag, brachten wir, Alles öffnend, 
seine hin terlassenen Effecten zu Papier. Da waren £ 1000, 
die er in London verdient haben muss, ausser den £ 1000, 
die er von den Verlegern Walsh und Hawes für den 
Ciavierauszug des „Oberon" bekam. Wir fanden dasManu- 
script dieser Oper. Ein Lied, das er für einen Mr. Ward 
für £ 25 corcponirt hatte, lag mit unvollendeter Clavier- 
begleitung da. Sir George bestürmte mich, sie zu ergän- 
zen, und ich that es später. Von den Skizzen des „ Oberon" 
durfte ich mir einige Blätter aneignen.' 4 



1 



— 125 — 

Nun bildete sich ein Comit6 zur Beerdigungsfeier, be- 
stehend aus den Musikverlegern Chappell und d'Almaine^ 
W. Gollard vom Hause Clementi & Comp., Preston und 
Power , Sir G. Smart , seinem Bruder Mr. Smart , dem 
Componisten Sir John Stevenson, dem Organisten der Pauls- 
kirche Mr. Attwood, dem Sänger Braham u. Moscheies. Es 
wurde darauf angetragen, Mozart's Requiem in der katho- 
lischen Kapelle Moorfields zu geben, und zwar gegen 
Eintrittsgeld, für den Ertrag aber dem Todten ein Monu- 
ment zu setzen. Als man vom katholischen Bischof die 
Erlaubniss hierzu nicht erwirken konnte, weil er den in 
der Kapelle habilitirten Besuchern freien Eintritt gestatten 
wollte, wendete man sich an die protestantische Geistlich- 
keit, um eine Aufführung des Requiem in der Paulskirche 
zu erzielen. Diese wollte die katholische Feier in ihrer 

■ 

protestantischen Kirche nicht dulden, und so wurde nach 
vielem unnützen Hin- und Herreden und Schreiben der 
grosse Mann ohne Entree, also ohne Anwartschaft auf ein 
Monument durch dieses Mittel am 21. Juni in der katho- 
lischen Kapelle Moorfields beigesetzt. „Wir Musiker Alle 
versammelten uns zur Beerdigung um neun Uhr früh im 
Hause von Sir G. Smart, von wo aus wir in Trauerkutschen 
die Leiche begleiteten. Nach dem üblichen Gottesdienst 
ward Mozarts Requiem aufgeführt; dann trugen zwölf 
Musiker, unter denen ich war, die Leiche in die Gruft, 
während der Trauermarsch aus Händel's „Saul" gespielt 
wurde. Er klang in den Herzen Aller wieder, und kein 
Auge blieb trocken!" 

Am 12. Juni liess die Philharmonische Gesellschaft den- 
selben Trauermarsch vor Anfang des Concerts spielen 
und dabei auf dem Programm bemerken: „As a tribute to- 
a departed genius". Am 17. d, M. gab man im Coventgarden- 
Theäter den „Oberon" zum Benefiz der Familie Weber, doch 
waren nur zwei Drittel des Hauses gefüllt; wieder uner- 
klärlich ! 

1 

In diesen Tagen schreibt die Frau den Ihrigen: „Alles 
was mein Mann öffentlich leistet, darüber posaunen Euch 
die Zeitungen genug vor, die schon so oft „wonderful^ 



— 126 — 

matchless, unrivalled" und was sonst geschrieben haben, 
so dass sie nun bald neue Worte für ihn erfinden müssen. 
Welche Freundlichkeiten er aber im Stillen mit Hülfe seiner 
Kunst übt, das kann nur ich Euch erzählen. Gestern z. B. 
sagte mir die gute alte Freundin Mme, G., mit Thränen 
in den Augen, sie habe seit ihrem Unglück zum ersten 

n 

Mal eine glückliche Viertelstunde verlebt, als Moscheies 
ihr vorgespielt. Er ging eben deshalb mit mir hin und 
wir verbrachten den Abend mit der Familie ganz allein. 
So macht er es bei allen ähnlichen Gelegenheiten und doch 
ist jede freie Abendstunde ein Capital für ihn." 

Moscheies wirkte im Laufe dieser Saison ausser in 
den schon erwähnten Concerten noch in neun andern zum 
Besten von Freunden und verschiedenen wohlthätigen 
Zwecken mit. Da er sich nicht viel Zeit zu Proben ab- 
müssigen konnte, so improvisirte er viel und wählte dazu 
meistens das Thema irgend eines Stückes, das an dem 
betreffenden Abend besonders gut gefallen hatte, doch 
nrusste er einige seiner Sachen, als das „Clair de lune", das 
Rondo in D-dur und zu wiederholten Malen die immer 
willkommenen „Recollections oflreland" zu Gehör bringen. 

Unter seinen Schülern zeichnete sich damals der noch 
jugendliche, aber schon recht Bedeutendes leistende Thal- 
berg aus. Es war Moscheies eine hohe Genugthuung, diesen 
unter seiner Leitung emporgekommenen jungen Künstler 
nicht nur im Publicum, sondern auch von solchen Männern 
wie Cramer und Clementi anerkannt zu sehen. 

Die Freude des alten Fürsten Dietrichstein, der sich 
damals in London aufhielt, über die Erfolge deutscher Kunst 
und Künstler in England war grenzenlos; er blieb die ganze 
Saison dort. Die Frau schreibt: „Tout prince qu'il est, ge- 
fällt er sich doch in unserer einfachen Häuslichkeit, lässt sich's 
bürgerlich gut schmecken und verlebt gern frohe musika- 
lische Stunden bei uns, wenn „die Musikanten" allein sind 
. und so recht nach Herzenslust loslegen. Ich muss mit 
ihm für Deutschland einkaufen und wo er nur kann 
macht er uns Freude. Wir sollten auch mit nach 
Ascot races (zum Pferderennen); da aber Moscheies keine 



Zeit hat, so dankte ich. Ohne ihn, auf einem race-course 
mit eineni Prinzen, wenn auch einem alten — das ist mir 
zu hoch." 

Jede Soiree in grossstädtischem Style wurde im Hause 
Moscheies zu den häuslichen Störungen gerechnet, wegen 
der Vorbereitungen, die sie erforderte, und der Ermüdung, 
die sie hinterliess; dennoch wurden sie durch die Ver- 
hältnisse in solche Soireen bei Rothschilds und Anderen 
hineingezogen. Auch wollten sie es dem Fürsten Dietrich- 
stein nicht abschlagen, dem grossen Costümball im Co- 
ventgarden-Theater beizuwohnen, der an Pracht und 
Fülle vielleicht einzig in seiner Art war. Parterre, Par- 
ket und Proscenium bildeten einen einzigen grossartigen 
Saal, in dem es durcheinander wogte; da gab es Costüme 
aus aller Herren Ländern, in reichster Eleganz, viele mit 
Edelsteinen besäet. In den Logen sassen die Zuschauer 
in Balltoilette, auf der Bühne war eine Hofloge, in der 
sich die königliche Familie aufhielt und in den Nebensälen 
wurde lustig zu Tänzen im engeren Kreise aufgespielt. 
„Um einen Begriff von dem Zud ränge zu diesem Balle 
zu geben, sei es notirt, dass wir den Saal um zwei Uhr 
verliessen, aber erst um vier Uhr den Wagen des Fürsten 
erreichten." 

Diesem rauschenden und geschäftigen Leben, das auch 
im Juli noch fort ging, entfloh Moscheies erst Anfang 
August durch eine Reise nach Hamburg. Den 7, August 
bezeichnet Moscheies jubelnd als die „Ankunft in Ham- 
burg bei den Lieben mit Frau und Kind", und nun folgen 
sechs Wochen der Ruhe in schöner Ländlichkeit im glück- 
lichsten Familienkreise. Unter den Hamburger Künstlern 
war besonders Bernhard Romberg ein häufiger gern ge- 
sehener Gast. Mit ihm spielte Moscheies fleissig, auch 
componirte er damals in der ländlichen Stille sein C-dur- 
Concert. 

Moscheies eilte weiter; er stand am Vorabend einer 
Kunstreise durch Deutschland und Oesterreich. Die Zeit 
verstrich nur zu schnell; der 17. September war der trau- 
rige' Tag der Trennung. Die Frau, die er auf dieser 



— 128 — 

Reise durchaus nicht entbehren kann, muss sich ent- 
schliessen, das Kind bei ihrer Schwester zu lassen, wo es 
vortrefflich aufgehoben ist. 

Das nächste Ziel ist Leipzig. Am 25. September spielte 
er in seinem Concert zum ersten Mal das* erste Stück des- 
Odur-Concerts, ebenso zum ersten Mal in Deutschland die 
„Erinnerungen an Irland"; dann das Rondo brillant in D 
und die nie fehlende Improvisation. Das Publicum belohnte 
ihn durch grossen Beifall und bedeutende Einnahme. Nach 
dem Concert trafen sie noch Grillparzer bei einem Souper 
des Banquier Seyfferth. Hofrath Wendt, der auch unter 
den Gästen war, machte ein sehr schmeichelhaftes Im- 
promptu auf das Zusammentreffen des Dichters und 
Musikers, 

Am 26. September wurde im Theater zu Ehren und 
im Beisein des Dichters „Medea" gegeben, Nachdem 
Moscheies auch im Gewandhaus (27. Sept.) sein C-dur- 
Concert mit bestem Erfolg gespielt, reiste er nach Dresden 
ab, wo er am 30. September ankam. Dort traf er manchen 
guten Bekannten aus früherer Zeit, unter Anderen Wolf* 
ram, den alten wiener Freund und Musiker, der immer 
zwischen der Jurisprudenz und Kunst geschwankt hatte,, 
inzwischen teplitzer Bürgermeister geworden war und 
sich jetzt in Dresden aufhielt, um seine allerliebste Oper 
„Die bezauberte Rose" zum ersten Mal aufführen zu lassen. 
Hübsch ausgestattet und gut gegeben, machte Moscheies 
die, wenn auch leichte Musik, viel Freude. Einen genuss- 
reichen Abend verlebte er bei Tieck, der sein satirisches 
Spiel „Die verkehrte Welt" vorlas. 

Da Fürstenau eben im Begriffe war, in Dresden ein 
grosses Concert vorzubereiten, und da Moscheies weder 
seine Unternehmung stören, noch ihren Ausgang abwarten 
mochte, so gab er jedes Öffentliche Auftreten in Dresden 
auf und reiste am 5. October ab. In Prag, wohin er sich 
zunächst wandte, ward Moscheies die doppelte Freude 
seine Verwandten wiederzusehen und ihnen seine Frau 
zu bringen. Nach kurzem Aufenthalt eilten sie nach 
Wien, wohin Moscheies vom Director des Kärtnerthor- 



Theaters eingeladen worden war, um dort zwei Con- 
certe zu halber Einnahme zu geben. Diese fanden am 
21. und 25, October statt, und auch hier erfreuten sich das 
neue C-dur-Concert und die „Erinnerungen an Irland" der 
herzlichsten Aufnahme. 

In vielen grossen Häusern, wo Moscheies einst in 
seiner wiener Studienzeit ein- und ausgegangen war, 
wurde nun auch seine Frau mit vieler Freundlichkeit auf- 
genommen. So wollte die alte Frau v. E . . . . sie in 
ihrem kleinen Hofzirkel, den sie gewöhnlich zwischen dem 
Mittagmahl und dem Theater hielt, nie missen. Man 
speiste nämlich um drei Uhr, und von vier bis sechs Uhr 
empfing die alte Dame ihre Gesellschaft auf einem gelben 
Atlasdivan zurückgelehnt, von seinen vielen weichen 
Polstern getragen; sie verstand es noch recht gut, den 
Teint durch künstliche Mittel zu heben, und mit allen 
Waffen der Toilettenkunst gegen die Spuren der zuneh- 
menden Altersschwäche zu Felde zu ziehen. Abbe's, 
Dichter und Gelehrte, z. B. Carpani, der Freund und 
Biograph Haydn's, fanden sich in diesen Nachmittags- 
gesellschaften ein, Stadtgespräche und politische Neuig- 
keiten wurden von Beamten und Staatsmännern zuge- 
tragen; die Damen erschienen in Abendtoilette; gesprochen 
wurde französisch, und zwar ziemlich schlecht; und das 
Ganze trug den Stempel der Unnatur. Herr v. E . . . 
der gerade schlichte Geschäftsmann, erschien nie in diesem 
Zirkel. Er hatte abonnirte Logen in allen Theatern, die 
Moscheies und seiner Frau offen standen. MitCzerny, dem 
alten Abbe Stadler, Schindler, „Fami de Beethoven" (wie 
er sich auf seiner pariser Visitenkarte zu nennen liebte), 
der Familie Blahetka, dem Kapellmeister Seyfried, May- 
seder, Merck, Schuppanzigh, Leidesdorf, den beiden Hor- 
nisten Lewy wurde viel musicirt, die Erinnerungen der 
alten Freundschaft wurden erneuert, und die Presse be- 
handelte Moscheies wie einen zu kurzem Besuch heimge- 
kehrten und daher hochzuhaltenden Sohn. 

Die Hochzeit seiner Schwester Nanny, die ihn Ende 
October nach Prag Tief, hinderte ihn, den verlockenden 

Moscheies' Leben. o 



13° 



Anerbietungen zu längerem Bleiben in Wien Gehör zu 
geben. In Prag wurde der heitere Familientag würdig 
gefeiert. Am folgenden Abend gab Moscheies im Theater 
bei überfülltem Hause ein Concert, und diesmal erfreuten 
sich Frau und Mutter zusammen in einer Loge des freund- 
lichen Empfanges und der wiederholten Hervorrufe, durch 

r 

die Moscheies ausgezeichnet wurde; ebenso im zweiten 
Concert, welches am 2. November im Theater stattfand. 
„Wie es mir* in der Improvisation glückte, die Melodie aus 
Cherubini's Wasserträger: 1 




etc. 



mit dem böhmischen Volksliedchen: 




ß-0-m 





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■3t 



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etc. 



zu verknüpfen und in dieser Verbindung durchzuführen, 
erregte Aufsehen, und brachte mir enthusiastischen Beifall." 

Am Morgen des 5. November mussten sie sich von 
den Lieben in Prag trennen und am 6. Abends schon in 
einer Soiree in Dresden erscheinen, in der Moscheies mit 
den ersten Sängern der Stadt wie Sassaroli, der Palazzesi 

m 

und Anderen um die Wette musicirt. 

„Am 9. November Concerttag. Ich wurde noch vor 
dem Anfang des Concerts um vier Uhr zur Prinzess 
Louise gerufen, von der ich eine schöne Nadel bekam, 
einen Saphir in einen Lorbeerkranz von kleinen Brillanten 
eingefasst. Die Prinzessin überreichte sie mir mit sehr 
liebenswürdigen Worten; dann bat sie mich noch, ihrem 
Gemahl, dem Prinzen Max, vorzuspielen, und als dies fast 
eine Stunde gedauert hatte, musste ich noch das alte 
Steckenpferd, die Alexander- Variationen vorreiten. End- 
lich (gegen sechs Uhr) eilte ich in das Concert, das mir 
gut gelang". 

10. November. „Die unglückliche Frau v. Weber be- 
sucht und viel über ihren unersetzlichen Verlust, auch über 
so manche damit verknüpfte unangenehme Angelegenheiten 



— 131 — 

gesprochen und ihr nach meiner Rückkehr nach London 
•den thätigsten Beistand zugesagt". 

Am folgenden Tage ging's nach Berlin, und, dort an- 
gekommen, natürlich gleich zu Mendelssohn's. 

12. Novembert „Geburtstag von Fanny, mit Musik und 
Tanz gefeiert. Wir tanzten mit, ich löste auch den jungen 
•Componisten Dorn ab, indem ich zum Tanz spielte. Da- 
zwischen ernste musikalische Unterhaltung mit A. B, Marx." 

Trotz aller freundschaftlichen Beziehungen zu den 
Künstlerkreisen brachte er die Tage vom 12. — 19, November 
mühevoll, ja qualvoll unter Anstalten zu seinem Concert zu. 
Zwar gab es täglich einige angenehme Stunden in den Häusern 
Mendelssohn, Beer, Bendemann und anderen, doch musste 
er meistens unmittelbar nach Tische forteilen, um Sänger 
•einzuladen und sonstige Geschäftsangelegenheiten zu be- 
treiben, bis es ihm endlich durch die Vermittelung seines 
Freundes Blume gelang, einige Sänger zu erobern. Blume 
selbst durfte eben so wenig mitwirken, als die Sonntag, 
•die, stets gefallig, es für ihr Leben gern gethan hätte. 
Sie war am Königstädter Theater engaglrt; Moscheies aber 
wollte im Königlichen Schauspielhause Concert geben und 
musste daher auf ihre Mitwirkung verzichten. Am 20. No- 
vember notirt er: „Heute ist unser lieber kleiner Adolf 
"ein Jahr alt geworden und wir haben ihn nicht hier, das 
thut weh; aber wir müssen uns durch die grösste Thätig- 
keit zerstreuen; meine Frau hat tausend Concertbillette zu 
zeichnen und zu numeriren, und ich habe Probe für mor- 
gen im Königlichen Schauspielhause.". 

„21. November Concert tag. Viel auf dem Instru- 
ment von Erard geübt, welches seine Schwester, Mme. 
Spontini, mir mit der dringenden Bitte zuschickte, in mei- 
nem Concerte darauf zu spielen. Ich hatte mit seinem 
Anschlag zu kämpfen. Frl. Sonntag, die mir nicht positiv 
helfen durfte, that es negativ, indem sie sich heiser mel- 
dete, statt im „Sargin" zu singen; sie. ging mit meiner 
Frau in's Concert, wo beide sich in den Hintergrund einer 
Loge zurückzogen. Als ich der gefeierten Sängerin 
dankte, sagte sie mit dem ihr eigenen lieblichen Lächeln: 



— I 3 2 

„„Aber lieber Moscheies, sollte denn eine alte wiener 
Freundin nicht die Kabalen eines Theater-Directors ver- 
eiteln helfen? s'Jettl is immer noch's Jettl."" Trotz ihrer 
Liebenswürdigkeit war der Saal, wahrscheinlich der späten. 
Ankündigung und anderer ungünstiger Umstände halber, 
nur zu zwei Dritteln voll; aber der Hof war zugegen und 
Alles ging vortrefflich unter Möser's Leitung." 

Durch und mit Felix Mendelssohn und seiner P'amilie 
gab es wieder die genussreichsten Stunden. „Wie gross 
war meine Freude, als er mir mit seiner Schwester Fanny 
seine neue Ouvertüre zum Sommernachtstraum zu vier 
Händen vorspielte! Und wie gediegen fand ich seine 
Sonate in E-dur! Er spielte mir auch seine grosse Ouver- 
türe in C mit dem Haupt-Thema für Trompeten und ein 
kleines Caprice vor, das er „Absurdit6" nannte. Dieser 
grosse noch so jugendliche Genius hat wieder Riesen- 
schritte gemacht, die aber, o Wunder, ausser von seinea 
Lehrern Zelter und Louis Berger und einigen Auserwähl- 
ten, noch wenig anerkannt werden. Auch dieser Prophet 
muss erst durch das Ausland seinen Ruhm gründen. . . ♦ 
Mich freut es, dass er und Marx und noch einige Lieb- 
haber viel Interesse an meinen Etüden zeigen, indem sie 
wiederholt zu mir kommen, sie sich vorspielen zu lassen; 
Marx erklärt sich sogar bereit, die C-moll-Etüde , „Der 
Kampf der Dämonen" betitelt, die er allen anderen vor- 
zieht, zu instrumentiren." Diese C-moll-Etüde entstand 
auf eigene Weise. Moscheies hatte für seine Frau sein 
, .Rondo expressif" in ihrer Lieblings tonart As-dur compo- 
nirt, und sie übte es mit grossem Eifer, konnte aber den 
letzten rollenden Lauf nie ganz zu ihrer eigenen Zufrieden- 
heit herausbringen und klagte ihm dies. „Gut", sagte er,. 
„Alle, denen es so geht wie Dir, sollen eine ganze Etüde 
solcher Läufe zu üben bekommen, dann werden sie's schon 
lernen." 

Ritter Spontini war freundlich gegen Moscheies; 
dieser gehörte nicht zu den Rivalen, Feinden und Neidern», 
über die er beständig klagte ; er zog ihn auch mit Fragea 
in's Vertrauen, zu welchen Preisen er wohl seine Opern. 



in England verkaufen, durch welche Mittel er sie dort 
zur Auffuhrung bringen könne. 

Im Königstädter Theater „ergötzte" sie die liebliche 
hinreissende Sontag im „Sargin", in der „weissen Dame" 
und in der „Italienerin in Algier". Blum zeigte Moscheies 
seine neue Oper „Der Bramine" im Manuskripte. Moser 
studirte eben die neunte Symphonie von Beethoven ein, 
und Moscheies konnte nur mit steigendem Interesse den 
Proben »und der Aufführung beiwohnen, und das Riesen- 
werk immer mehr anstaunen. Das Tagebuch berichtet 
aus dieser Zeit auch über einen kleinen Austausch von 
Scherzen, den Saphir hervorrief, indem er ihm eine In- 
strumenten-Figur mit sehr witziger Erklärung für sein 
Album brachte, während Moscheies ihm als Erwiderung 
über das Motto seines Blattes „Die Schnellpost" einen vier- 
stimmigen Canon schrieb: „Nur frisch, holpert es gleich, 
über Stock und Stein, rasch in's Leben hinein." 

Am 28. November findet ein zweites Concert im grossen 
Opernhause statt, das überfüllt war. Der ganze Hof 
wohnte ihm bei. Moscheies spielte unter Anderen das 
dem König dedicirte Es-dür-Concert. 

Noch an demselben Abend wurde die Rückreise nach 
Hamburg angetreten, wo sie am i.^December ein fröh- 
liches Wiedersehen feierten, und Alles, auch den Knaben, 
im besten Wohlsein antrafen. Der letzte Monat des 
Jahres, während dessen Moscheies nur einige Mal Öffent- 
lich auftrat, verlief ruhig und in lustigem Beisammensein. 

Von wichtigeren Compositionen beendete Moscheies 
in diesem Jahre das zweite Heft der vierundzwanzig Etüden 
(op. 70) und die „Anticipations of Scotland" (Fantasie über 
schottische Motive). 



1827. 

Das Jahr 1827 begann mit einigen Concerten in Han- 
nover und Göttingen. Den Aufenthalt in letzterer Stadt 
benutzt Moscheies, um die Universität kennen zu lernen. 
Mit besonderem Interesse hört er einige Vorlesungen des 



Staatsrechtslehrers Sartorius. Sowohl seitens der Ein- 
wohner als der Studentenschaft hatte er sich einer herz- 
lichen Aufnahme zu erfreuen. 

Am 7. Januar meldet das Tagebuch die glückliche 
Ankunft in Cassel. „Das Wiedersehen mit Spohr erfreut 
mich gar sehr, das Bewusstsein, einen so grossen Mann 
zu verstehen, das gegenseitige Interesse an den Leistungen,, 
das Alles thut wohl. Sein Garten ist selbst im Winter 
reizend." Wie sehr Spohr sich Mosch eles in diesen Tagen 
widmete, geht aus dem Tagebuch hervor. Am 8. Januar 
hilft er ihm Concertanstalten machen; am 9. Januar heisst 
es: „Heute war bei Spohr ein ausgewählter Cirkel von 
Musikern und Musikfreunden, unter ihnen Hauptmann, 
Gerke und Frau v. Malsburg. Spohr spielte mit bekann- 
ter Trefflichkeit seine zwei neuesten Quartette in D-moll und 
B-dur, ich das erste Stück meines C-dur-Concertes und 
das erste Heft meiner Etüden, die besonderes Interesse zu 
erregen schienen." „Am 10. Januar* mit Spohr auf die 
Wilhelmshöhe und bei ihm gespeist. Am 11. Januar früh 
mit ihm in die Probe meines Concertes im Stadtbausaale. 
Dort empfing er zu Aller Erstaunen ein Rescript des 
Kurfürsten, das mein Concert von diesem Saal in's Theater 
verlegte, mit dem Bedeuten, der Kurfürstliche Hof werde 
es besuchen. 1 * Ein Brief der Frau ergänzt diese Notiz: 
„Der Kurfürst beliebt sonst kein Concert im Saale zu be- 
suchen, weil es dort keine Loge giebt, verweigert gewöhn- 
lich das Theater zu Concerten (wie z. B. selbst Hummel 
gegenüber) und hat, wie man hier sagt, noch keins im 
Theater besucht, beehrt also meinen Mann so sehr, wie 
ein Kurfürst von Hessen ihn nur beehren kann." Ueber 
das Concert selbst sagt das Tagebuch: „Ich wurde unter 
Spohr's Leitung herrlich accompagnirt, sodass ich mit 
Liebe mein G-moll-Concert und Clair de lune spielte, auch 
recht begeistert über das Frauenduett aus „Jessonda" und 
den „Vogelfänger" phantasirte. Die Ouvertüre zum „Berg- 
geist" und „Lodoiska" wurden vortrefflich gespielt. Wild 
und die Heinefetter sangen sehr schön." 

Neben alledem finden sich noch ein paar ruhige 



Stunden im Hötel. „Der Junge ist gottlob gesund und 
schläft", schreibt Moscheies, „wir machen die Titel zu den 
Etüden, ich schreibe die Bemerkungen zu jeder einzelnen, 
um dem Schüler das richtige Verstandniss ihres Zweckes 
zu geben, meine Frau übersetzt sie sogleich in's Französische 
und Englische ; denn sowie Probst sie für Deutschland ver- 
legt, so Schlesinger für Frankreich. In England habe ich 
mir von Cramer Beale & Co. statt des Honorars ein Viertel 
Antheil von jedem Exemplar ausbedungen." 

Der nächste Haltepunkt ist Elberfeld. Dort ange- 
kommen, schickte Mosch eles sogleich „zu dem musikalischen 
Schornstein (dem dortigen Musikdirector), um ihm sagen 
zu lassen, dass er nur durchreise; der aber rauchte von 
einer Subscriptionsliste, die schon für übermorgen circulire, 
und die Erwartungen der musikalischen Welt rege ge- 
macht habe, und wollte keine Absage annehmen." „End- 
lich", schreibt Moscheies den Verwandten, „sah ich, dass 
es eine Ehrensache sei und willigte ein, Concert zu geben. 
Der Zettel wird oder sollte doch lauten: Symphonie von 
Beethoven, so gut als möglich von einer Musiker- Versamm- 
lung vorgetragen, die sich Orchester nennt; Es-dur-Concert, 
gespielt mit möglichster Vorsicht, damit das Orchester nicht 
zurückbleibe; Alexander-Variationen; Arie, gesungen von 
einer Sängerin ; wenn es hier eine gäbe; Vocal-Männer- 
Quartett, das Solo repräsentirend; zum Schluss freie Phan- 
tasie, nach der mir erlaubt sein wird, frei ohne Hinderniss 
abzureisen. Die Kosten werden vom Gewinn abgezogen 
und der Reinertrag zur Deckung der Postpferde bestimmt. 
Verzeiht die Thorheiten, sie zeigen Euch, dass wir mit 
dem Jungen gesund und vergnügt sind." ..... 

Aus Aachen, ihrer nächsten Station, schreibt die Frau: 
„Gerade am Concerttage in Elberfeld stand die halbe Stadt 
unter Wasser, ganz wie bei unseren Hamburger Sturm- 
fluthen, sodass nur die Hälfte des Orchesters zur Probe 
kam, was etwa ein Stück von einem halben Apfel re- 
präsentirt. Das Publikum kam aber Abends zur Aufführung 
in Kutschen angeschwommen und überfüllte den Saal. 
Hier in Aachen sind die alten Freunde so sehr um uns 



bemüht, dass dies nur ein eiliges Wischiwaschi wird, was 

Ihr entschuldigen müsst." „Ich will auch ein bischen 

Wischiwaschi liefern", fügt Moscheies hinzu, „und meine 
Freude ausdrücken, dass diese Reise, wenn sie auch keine 
besonderen pecuniären Vortheile bringt, doch dem Schwung- 
rade meiner Künstlerlaufbahn neuen Antrieb geben wird. 
Hier, wo man mich doch schon so oft gehört, erregt die 
erwartungsvolle Spannung des Publikums; die sich deut- 
lich in der Subscriptionsliste ausspricht, wahre Begeiste- 
rung in mir, und ich opfere ihr gern die in London ver- 
säumten Lectionen. Dass wir aber nun zunächst aus un- 
serem lieben Häuschen in London schreiben werden, hat 
grossen Reiz für mich!" Von Brüssel aus wird über die 
enthusiastische Aufnahme, und den glücklichen Erfolg des 
Concertes in Aachen berichtet, über Brüssel und die an- 
grenzenden Städte aber eilen sie trotz vieler Aufforderun- 
gen zu Concerten hinweg, und am 26. Januar erreichen sie 
London. 

Schon im Februar muss er wieder in Bath spielen 
und lässt sich diesmal zu Erard's nicht geringer Befriedi- 
gung eines seiner Instrumente dorthin schicken. Doch 
auch ihm macht es Freude, sich auf diesem herrlichen 
Flügel zu ergehen. 

Moscheies schrieb in diesem Frühjahr seine fünfzig 
Präludien für Ciavier (op, 73) , „Les charmes de Londres" 
(op. 74), und ein zweites Rondo , das im „Album des 
Pianistes" erschien. Ausserdem wurde er von gut zah- 
lenden Verlegern zu einer Menge von kleinen Mode- 
sachen veranlasst, die, schnell entstanden, für ihn selbst 
so geringen Werth hatten, dass sie keine Opus-Nummer 
bekamen. Diese leichten Sächelchen gebrauchte er oft 
und immer mit Erfolg bei seinen Schülerinnen, die sich 
auch in diesem Jahre wieder in grosser Masse einfanden. 
„Sie fürchten sich vor jedem ernsten Studium; ich höre 
sogar dann und wann von den Müttern: „Will you give 
her something with a pretty tune in it, brilliant and not too 
difficult." („Wollen Sie ihr etwas geben, das eine gefällige 
Melodie hat, brillant und nicht zu schwer.") Um diesem 



Wunsche nachzukommen, suche ich alle Vollgriffigkeit und 
ungewöhnliche Modulation zu vermeiden, kann aber eben 
deshalb diese Sachen nicht als legitime Geschwister anderer 
Geisteskinder betrachten." 

Kein Wunder, dass man bei dieser Hinneigung zu 
leichten, in's Ohr fallenden Rhythmen eine aus dem Ziller- 
thal nach Londpn gepilgerte Sängerfamilie als angenehme 
Novität begrüsste. Es waren die Rainer's, drei Brüder 
und eine Schwester. Wie fast alle vom Continent kom- 
menden Musiker, waren sie an Moscheies empfohlen. Er 
richtete ihnen einige tägliche Productionsstunden in der 
Egyptian Hall ein, wo sie ihre wunderhübschen Tiroler- 
liedchen sangen und der eine Bruder mit der Schwester 
sich auch in einem phlegmatischen Ländler schwang. Ihr 
treuherziges Wesen, ihr reiner Gesang, ihre charakteristi- 
schen Lieder, ihre echte Tiroler Tracht, Alles gefiel und 
lockte mehr und mehr Zuhörer herbei, sodass sie trotz 
eines geringen Einlasspreises gute Geschäfte machten. 
Hierbei aber blieb die Sache nicht stehen; diese Tiroler 
wurden Mode. In den glänzendsten Soireen der vornehm- 
sten Damen mussten sie die grössten Opernsänger mit 
ihren Volksmelodien ablösen. König Georg IV. hörte sie 
so gern, dass er sie mit neuen Exemplaren ihrer National- 
tracht begabte, worauf sie mit Recht stolz waren. Bei 
Moscheies gingen sie ein und aus, holten sich Rath oder 
erzählten von ihren Erfolgen. Ihm leisteten diese Rainer's 
ganz unerwartet einen grossen Dienst. Sein jährliches, 
wochenlang vorbereitetes Concert litt an entschiedenem 
Sänger-Malheur. Die eine Sängerin wurde heiser, die 
andere durch einen Unfall am Singen verhindert, und das 
Alles erst in dem Augenblick, wo das Concert beginnen 
sollte. Nun hatte er zwar noch Mme. Caradori, auch Frau 
Stockhausen, deren reizende Stimme und lieblicher Vor- 

* 

trag schon damals Aufsehen zu erregen begann; er hatte 
auch ein beliebtes Buffo- Duett zwischen Galli und de 
Begnis; de Beriot spielte ein Violinsolo, und er selbst, 
ausser seinen Solosachen, noch sein „Hommage ä Händel" 
mit Cramer; der concertbesuchende Engländer lässt sich 



aber nicht ohne Murren zwei Gesangsnummern abziehen, 
und Solisten waren in dieser elften Stunde nicht auf- 
zutreiben. „Da fiel mir ein, dass die Rainer's in der 
nächsten Nähe meines Concertsaales eine fashionable Soiree 
hatten; ich eilte zu ihnen: „Rainer 's, wollt Ihr zwischen 
Euren Stücken bei Lady ** zwei Mal für mich singen? 
Ich bin in Verlegenheit" ,„ Ja gewiss'"*, ertönte es im Quar- 
tett, „„für Dich thun wir Alles"", und so kamen sie und 
sangen, und meine Lücken waren gut ausgefüllt." 

Von den Londoner Musikverlegern geplagt, musste 
sich Moscheies entschliessen, einige Stückchen über die 
Lieder dieser beliebten Gäste zu schreiben. Da er aber 
doch nur für einen schreiben konnte, so ward der so Be- 
vorzugte von einem anderen Zurückgesetzten angegriffen; 
die beiden Herren processirten um die arrangirten Lied- 
chen; aber Moscheles' Verleger gewann; es war ihm nichts 
anzuhaben. 

In dieser Saison fand sich auch der junge Liszt in 
London ein. Er spielte wiederholt mit seiner allbekannten 
Virtuosität, die schon damals sehr entwickelt war, konnte 
aber dennoch den kleinen Saal, in dem er am 9. Juni 
Concert gab, nicht füllen. Von seinem dort gespielten 
Concert in A-moll bemerkt das Tagebuch, dass es „cha- 
otische Schönheiten enthält"; von seinem Spiel, dass es 
„alles früher Gehörte an Kraft und Ueberwindung von 
Schwierigkeiten übertreffe." 

Die Anzahl der Concerte war ebenso bedeutend wie 
in früheren Jahren, und Moscheies spielte manchmal in 
zweien an einem Abend. Der Harfenspieler Labarre, der 
Cellist Poignie und der Flötenspieler Sedlatzek , sowie de 
Beriot waren neue Erscheinungen am musikalischen Ho- 
rizont. 

Mitten in dieses gesunde heitere Leben fiel wie ein 
Donnerschlag die Nachricht von der Krankheit des grossen 
Heros Beethoven! Die erste Notiz im Tagebuch finden 
wir in folgenden Worten: „Heute zum Tode erschreckt 
durch Stumpff! Beethoven ist gefährlich krank, wollte er 
mir mittheilen; er hat einen Brief, der es meldet. Welch 



entsetzliches Unglück für die musikalische Welt. Und welche 
Schmach, auch von Nahrungssorgen ist darin die Rede; es 
ist undenkbar," 

In diese Zeit, vielleicht in das Ende des vorhergehen- 
den Jahres, scheint folgender Brief Beethoven's ohne Da- 
tum zu gehören. 

Mein werther Herr! 

Rode hatte wohl in allem Recht, was er von mir 
sagte. — Meine Gesundheit ist nicht die beste — und un- 
verschuldet ist eben meine sonstige Lage wohl die un- 
günstigste meines Lebens — übrigens wird mich das und 
nichts in der Welt nicht abhalten, Ihren ebenso unschul- 
dig leidenden Convent-Frauen so viel als möglich durch 
mein geringes Werk zu helfen. — 

Daher stehen Ihnen zwei ganz neue Sinfonien zu Dien- 
sten, eine Arie für Bassstimme mit Chor, mehrere einzelne 
kleine Chöre, brauchen Sie die Ouvertüre von „Ungarns 
Wohlthäter", die Sie schon voriges Jahr aufgeführt, so 
stehet sie Ihnen ohnedem zu Diensten. 

Die Ouvertüre von den „Ruinen von Athen", diese 
obschon in einem etwas kleinen Styl, steht Ihnen auch zu 
Diensten. — Unter den Chören befindet sich ein Derwisch- 
Chor, für ein gemischtes Publikum ein gutes Aushänge- 
schild. — Meines Erachtens würden. Sie aber wohl am 
besten thun, einen Tag zu wählen,- wo Sie das Oratorium 
„Christus am Oelberge" geben könnten. Es ist seit- 
dem an allen Orten aufgeführt worden. Dieses macjite 
dann die eine Hälfte der Akademie, zur zweiten Hälfte 
machten Sie eine neue Sinfonie, die Ouvertüren und ver- 
schiedenen Chore wie auch die obgesagte Bassarie mit 
Chor — so wäre der Abend nicht ohne Mannigfaltigkeit, 
doch reden Sie dieses am besten mit den dortigen mu- 
sikalischen Rathsherren ab, — Was Sie von einer Be- 
lohnung eines Dritten für mich sagen, so glaube ich diesen 
wohl errathen zu können; wäre ich in meiner sonstigen 
Lage, nun ich würde geradezu sagen: „Beethoven nimmt 
nie etwas, wo es für das Beste der Menschheit gilt", doch 



jetzt ebenfalls durch meine grosse Wohlthätigkeit in einen 
Zustand versetzt, der mich zwar eben durch seine Ursache 
nicht beschämen kann, wie auch andere Umstände, welche 
daran schuld sind, von Menschen ohne Ehre, ohne Wort 
herkommen, so sage ich Ihnen gerade, ich würde von 
einem reichen Dritten so etwas nicht ausschlagen. — 
Von Forderungen ist eben hier die Rede nicht, sollte auch 
das alles mit einem Dritten nichts seyn, so seyn Sie 
überzeugt, dass ich auch jetzt ohne die mindeste Belohnung 
ebenso willfährig bin, meinen Freundinnen, den Ehrwürdi- 
gen Frauen, etwas gutes erzeigen zu können, als voriges 
Jahr, und als ich es allzeit sein werde für die leidende 
Menschheit überhaupt, so lange ich athme. — 

Und nun leben Sie wohl, schreiben Sie bald und mit 
dem grössten Eifer werde ich alles nothige besorgen — 
meine besten Wünsche für den Convent. — Mit Hoch- 
achtung 

Ihr Freund 
Ludwig van Beethoven. 

An Seine Hochgebohren 

Herrn Joseph von Warena 

in 

Grätz, 

Gleich in der ersten Aufregung schrieb Moscheies an 
seinen väterlichen Freund, Herrn Lewinger in Wien, um 
sich genau nach Beethoven und seinen Verhältnissen zu 
erkundigen; aber noch ehe diese ersehnte Antwort eintraf 
— die Postverbindungen waren damals langsam und im 
Winter besonders unsicher — , lief bei Moscheies schon 
folgender Brief von Beethoven ein, der keinen Zweifel 
über das Unglück des grossen Mannes übrig Hess: 

Wien, 22. Februar 1827. 
Mein lieber Moscheies! 
Ich bin überzeugt, dass Sie es nicht übel nehmen, 
dass ich Sie ebenfalls wie Sir Smart, an den hier ein Brief 
beiliegt, mit einer Bitte belästige. Die Sache ist in Kürze 



diese. Schon vor einigen Jahren hat mir die Philharmo- 
nische Gesellschaft in London die schöne Offerte gemacht,, 
zu meinem Besten eine Akademie zu veranstalten. Da- 
mals war ich gottlob nicht in der Lage, von diesem edlen 
Antrage Gebrauch machen zu müssen. Ganz anders ist 
es aber jetzt, wo ich schon bald drei Monate an einer 
äusserst langwierigen Krankheit darniederliege. Es ist die 
Wassersucht. Schindler wird Ihnen hier beiliegend mehr 
davon sagen. Sie kennen seit lange mein Leben, wissen 
auch, wie und wo ich lej>e. An's Schreiben ist jetzt lange 
nicht zu denken, und so könnte ich leider in die Lage 
versetzt werden, Mangel leiden zu müssen. Sie haben 
nicht nur ausgebreitete Bekanntschaften in London, sondern 
auch bedeutenden Einfluss bei der Philharmonischen Ge- 
sellschaft. Ich bitte Sie daher, diesen so viel, als es Ihnen 
möglich, anzuwenden, dass die Philharmonische Gesellschaft 
jetzt von Neuem diesen edlen Entschluss fassen und bald 
in Ausführung bringen möge. Des Inhalts ist auch der 
beiliegende Brief an Sir Smart, sowie ich einen bereits an 
Herrn Stumpff abschickte. Ich bitte Sie, den Brief an Sir 
Smart einzuhändigen und sich zur Beförderung dieses 
Zweckes mit ihm und allen meinen Freunden in London 
zu- vereinigen. Selbst das Dictiren wird mir schwer, so 
schwach bin ich. Empfehlen Sie mich Ihrer liebenswürdigen 
Frau Gemahlin und seien Sie überzeugt, dass ich stets sein 
werde Ihr Freund 

Beethoven. 
Antworten Sie mir auch bald, damit ich höre, ob ich 
was zu hoffen habe. 

Diesem Schreiben war folgende herzzerreissende Ein- 
lage von Schindler, seinem Freund und Pfleger, beigefügt : 

"Wien, 22. Februar 1827. 

Theuerster Freund! 
Bei Durchlesung des Briefes unseres unglücklichen 
Beethoven werden Sie sehen, dass ich mir darin auch vor- 
behalten habe, einige Zeilen an Sie zu richten. Wohl 



hätte ich Ihnen sehr viel zu sagen, allein ich will nur bei 
Beethoven verweilen, weil das wohl für jetzt der wichtigste 
Gegenstand ist, der mir am Herzen liegt. In seinem Briefe 
an Sie werden Sie seine Bitte und seinen sehnlichsten 
Wunsch ausgesprochen finden, desselben Inhalts ist auch 
jener an Sir Smart, sowie ein früherer, auch von meiner 
Hand geschriebener, an den Herrn Harfenmacher Stumpff. 

Schon bei Ihrem letzten Hiersein schilderte ich Ihnen 
Beethoven's finanzielle Zustande und ahnte nicht, dass der 
Zeitpunkt so nahe sei, wo wir diesen würdigen Mann auf 
eine so jämmerliche Art seinem letzten Ende würden ent- 
gegen gehen sehen. Ja, wohl kann man sagen „seinem 
letzten Ende"; denn wie die Sache mit seiner Krankheit 
gegenwärtig steht, so ist an eine Genesung gar nicht zu 
denken, obwohl er dies gar nicht wissen darf, aber es 
selbst schon ahndet. 

Erst am 3. December kam er mit seinem nicht s- 
Avürdigen Neffen vom Lande an. Auf der Hierherreise 
musste er des schlechten Wetters halber in einem elenden 
Wirthshause übernachten, wo er sich dermassen eine Er- 
kältung zuzog, dass er augenblicklich eine Lungenentzün- 
dung bekam und in diesem Zustande hier ankam. Kaum 
war dieselbe beseitigt, so zeigten sich auch schon alle 
Spuren der Wassersucht, die so heftig überhand nahm, 
dass er schon am 18. December das erste mal musste 
operirt werden, sonst wäre er geborsten. Am 8. Januar 
folgte die zweite Operation und am 20. Januar die dritte. 
Nach der zweiten und dritten Hess man das Wasser jedes- 
mal durch elf Tage aus der Wunde fliessen; allein kaum 
war die Wunde geheilt, so war der Andrang des Wassers 
ungeheuer schnell, sodass ich öfters fürchtete, er müsste, 
noch ehe es zur Operation kommen könnte, ersticken. 
Nur jetzt bemerke ich, dass der Andrang des Wassers 
nicht so heftig ist, als früher, denn es dürften jetzt, wenn 
es so fortgeht, wohl noch 8—10 Tage bis zur vierten 
Operation vergehen. 

Nun, Freund! denken Sie sich Beethoven in einer so 
fürchterlichen Krankheit, mit seiner Ungeduld und über- 



— 143 — 

haupt mit seinem Temperament. Denken Sie sich ihn in 
diese Lage versetzt durch den niederträchtigsten Menschen, 
seinen Neffen, zum Theil auch durch seinen Bruder; denn 
beide Aerzte, Herr Malfatti und Prof. Wawruch, erklären 
den Grund der Krankheit aus den fürchterlichen Gemüths- 
bewegungen, denen der gute Mann lange Zeit hindurch 
durch seinen Neffen ausgesetzt war, sowie aus dem zu 
langen Aufenthalt in der nassen Jahreszeit auf dem Lande, 
welches aber nicht leicht zu ändern war, weil der junge 
Herr nicht in Wien bleiben durfte, infolge eines Polizei- 
mandates, und ein Platz bei einem Regiment nicht sogleich 
ausfindig zu machen war. Nun ist er Cadett beim Erz- 
herzog Ludwig und beträgt sich noch stets gegen seinen 
Onkel so wie früher, obwohl er jetzt so wie eh*, ganz 
von ihm lebt. Den Brief an Sir Smart schickte ihm 
Beethoven bereits vor vierzehn Tagen zu, zur Ueber- 
setzung in's Englische, allein bis heute ist noch keine Ant- 
wort zurück, obwohl er nur einige Stationen von hier, in 
Iglau ist. 

Sollten Sie es, mein herrlicher Moscheies, in Verbin- 
dung mit Sir Smart dahin bringen, dass die Philharmonische , 
Gesellschaft seinem Wunsche willfahrt, so thun Sie gewiss 
dadurch die grösste Wohlthat; die Ausgaben in dieser 
langwierigen Krankheit sind ausserordentlich, so zwar, 
dass die Vermuthung, er werde in der Folge Mangel leiden 
müssen, ihn Tag und Nacht quält; denn von seinem ab- 
scheulichen Bruder etwas annehmen zu müssen, brächte 
ihm zuerst den Tod. 

Wie es sich jetzt schon zeigt, so wird aus der Wasser- 
sucht eine Abzehrung; denn er ist jetzt schon nur Haut 
untl Knochen; allein seine Constitution wird noch sehr 
lange diesem entsetzlichen Ende widerstehen. 

Was ihn noch sehr kränkt, ist, dass sich hier gar 
Niemand um ihn bekümmert; und wirklich ist diese Theil- 
nahmlosigkeit höchst auffallend. In früherer Zeit ist man 
in- Equipagen vorgefahren, wenn er nur unpässlich war; 
jetzt ist er ganz vergessen, als hätte er gar nie in Wien 
gelebt. Ich habe dabei die grösste Plage und wünsche 



I 



— H4 — 

sehnlichst, dass es sich mit ihm bald ändern möge, wie 
immer, denn ich verliere alle meine Zeit, da ich blos allein 
mit ihm zu thun habe, weil er sonst Niemand um sich 
haben will, und ihn in dieser ganz hülflosen Lage verr 
lassen, wäre doch unmenschlich. 

Er spricht jetzt häufig von einer Reise nach London, 
wenn er gesund wird, und rechnet schon, wie wir Beide 
am wohlfeilsten auf der Reise leben werden. Aber du 
lieber Gott! die Reise wird hoffentlich weiter als nach 
England gehen. Seine Unterhaltung, wenn er allein ist, 
besteht im Lesen der alten Griechen, auch mehrere der 
W. Scott'schen Romane hat er mit Vergnügen gelesen. 

Wenn Sie, mein theurer Freund, die Gewissheit haben, 
dass die Philharmonische Gesellschaft diesen schon längst 
geäusserten Vorsatz in Ausfuhrung bringen wül, so unter- 
lassen Sie ja nicht, Beethoven direct hierüber in Kennt- 
niss zu setzen; denn dies wird ein neues Leben für ihn 
sein. Auch Sir Smart suchen Sie zu bewegen, dass er 
ihm schreibe, damit er eine doppelte Versicherung er- 
halte u. s. w. 

Gott befohlen denn! Ihrer vortrefflichen Frau Ge- 
mahlin melden Sie gütigst meine ganze Ergebenheit Mit 
aller erdenklichen Hochachtung Ihr stets 

dienstfertigster Freund 
Ant. Schindler. 

P. S. Wenn die Sache für Beethoven mit der Phil- 
harmonischen Gesellschaft zu Stande kommt, so sollten 
mehrere dieser Herren an Beethoven bei Uebermachung 
des Geldes ohne Rückhalt sich dahin aussprechen, dass 
die Gesellschaft den Wunsch habe, er möge dieses Geld 
zu seinem, und nicht zum Vortheil seiner unnatürlichsten 
Verwandten, am wenigsten für seinen undankbaren Neffen, 
verwenden. Dies würde sehr vortheilhaft wirken; denn 
sonst giebt er es wieder seinem Neffen, der es nur ver- 
lumpt, während er selbst Mangel leidet. 

,*Kxank und in Xoth so vernachlässigt, — ein Beet- 
hove*?- ruft Moscheies aus. Die Aufregung im Hause war 



^ross. Mosctieles eilte zu Smart, und ihr erster Impuls 
war, dem grossen Manne £ 20 zu schicken, um ihn vor- 
läufig in die Möglichkeit zu versetzen, sich "kleine Be- 
quemlichkeiten zu verschaffen, und ihm zu zeigen, dass 
ein Beethoven nie Sorge haben dürfe. Da fiel es Mosche- 
les noch zu rechter Zeit ein, dass dies von Beethoven 
wahrscheinlich als eine Art von Almosen angesehen werden, 
ihn nur beleidigen, ja vielleicht in die höchste Aufregung 
bringen könnte, und sie unterliessen die Sendung, wandten 
sich aber unverzüglich an die Spitzen der Philharmonischen 
Gesellschaft. Diese, nicht minder entsetzt, waren auch 
nicht minder bereit, zu helfen, brauchten aber natürlich 
einige Zeit, um ihre Körperschaft einzuberufen und über 
das Wie und Was der Hülfe zu berathen. Unterdess kam 
schon Beethoven's zweiter, hier folgender Brief an Mo- 
scheies, mit Einlage von Schindler: 



Wien, 14. März 1827. 

Mein lieber guter Moscheies! 

Ich habe dieser Tage durch Herrn Lewinger erfahren, 
dass Sie sich in einem Briefe vom 10. Februar bei ihm er- 
kundigten, wie es mit meiner Krankheit stehe, von der 
man so verschiedenartige Gerüchte ausstreut. Obwohl ich 
keineswegs zweifele, dass Sie meinen ersten Brief an Sie 
vom 22. Februar jetzt schon in Händen haben, der Sie 
über Alles, was Sie zu wissen verlangen, aufklären wird, 
so kann ich doch nicht umhin, Ihnen für Ihre Theilnahme 
an meinem traurigen Schicksale herzlich zu danken, und 
Sie nochmals zu ersuchen, sich meine Bitte, die Sie aus 
meinem ersten Brief schon kennen, recht angelegen sein 
zu lassen; — und ich bin beinahe im Voraus versichert, 
dass es Ihnen in Verbindung mit Sir Smart, Herrn Stumpff, 
Herrn Neate und anderen meiner Freunde gewiss gelingen 
werde, ein günstiges Resultat für mich bei der Phil- 
harmonischen Gesellschaft zu erzwecken. An Sir Smart 
habe ich seit diesem auch nochmals geschrieben, da ich 

Moscheies» Leben. 10 



zufallig die Adresse von ihm fand, und ihm auch noch- 
mals meine Bitte an's Herz gelegt. 

Am 27. Februar wurde ich zum vierten Male operirt, 
und jetzt sind schon wieder sichtbare Spuren da, dass ich 
bald die fünfte zu erwarten habe. Wo soll das hin, und 
was soll aus mir werden, wenn es noch einige Zeit so fort 
geht? — Wahrlich, ein sehr hartes Loos hat mich ge- 
troffen! Doch ergebe ich mich in die Fügung des Schick- 
sals, und bitte Gott stets nur, er möge es in seinem gött- 
lichen Rathschlusse so lenken, dass ich, so lange ich noch 
hier den Tod im Leben erleiden muss, vor Mangel ge- 
schützt werde. Dies würde mir so viel Kraft geben, mein 
Loos, so hart und schrecklich es immer sein möge, mit 
Ergebenheit in den Willen des Allerhöchsten zu ertragen. 

So, mein lieber Moscheies, empfehle ich Ihnen noch- 
mals meine Angelegenheit, und geharre in grösster Achtung 
stets Ih r Freund 

Beethoven. 

Hummel ist hier und hat mich schon einige Mal be- 
sucht. 

Dazu schreibt Schindler: 

Mein theu erster Freund! 

Hier auch ein Fleckchen von mir. — Wie es mit 
Beethoven geht, können Sie aus seinem Schreiben hier 
abnehmen. Dass es stets mehr dem Tode als der Ge- 
nesung näher geht, so viel ist gewiss, denn die Abzehrung 
hat schon den ganzen Körper ergriffen. Jedoch kann es 
viele Monate so fortgehen, denn seine Brust ist bis itzt 
noch wie von Stahl. 

Suchen Sie es nur dahin zu bringen, dass, wenn die 
Philharmonische Gesellschaft ihm seine Bitte erfüllt, das 
Geld hier Jemand Solidem, z. B. einem grossen Handlungs- 
hause übertragen werde, von dem er dann nach und nach 
so viel, als er braucht, herausnehmen könnte. Die Phil- 
harmonische Gesellschaft soll aber ohne weitere Rücksicht 



— 147 — 

Beethoven erklären, sie ergreife diese Massregel nur zu 
seinem Vortheil, weil es ihr zu bekannt sei, dass seine ihn 
umgebenden Verwandten nicht redlich mit ihm um- 
gingen u. s. w. Er wird zwar darüber stutzen, allein ich 
und Andere, zu denen er Vertrauen hat, werden es ihm 
>chon begreiflich machen, dass dies eine sehr wohlthätige 
Massregel ist, und er wird damit zufrieden sein. Denn 
was er allenfalls hinterlassen sollte, kommt in die aller.- 
unwürdigsten Hände von der Welt, und besser wäre es, 
es gehörte dem Zuchthause zu. 

Hummel ist mit seiner Frau hier. Er hat sich sehr 
beeilt, Beethoven noch am Leben zu treffen, weil es in 
Deutschland allgemein hiess, er sei schon zum Sterben. 
Das Wiedersehen dieser Beiden am vorigen Donnerstag 
war wirklich ein rührender Anblick. Ich machte Hummel 
früher aufmerksam, er solle sich über seinen Anblick 
fassen. Nichtsdestoweniger war er so davon überrascht, 
dass er sich alles Kampfes ungeachtet nicht enthalten 
konnte, in Thränen auszubrechen. Der alte Streicher kam 
ihm aber schon zuvor. Das erste, was Beethoven dem 
Hummel sagte, war: „Sieh, mein lieber Hummel, das Haus, 
wo der Haydn geboren wurde, heute habe ich's zum Ge- 
schenk erhalten, und es macht mir eine kindische Freude. 
Eine schlechte Bauernhütte, wo so ein grosser Mann ge- 
boren wurde!" So sah ich zwei Männer, die sonst nie die 
besten Freunde waren, alle Zänkereien des Lebens ver- 
gessend, in dem allerherzlichsten Gespräch miteinander. 
Beide haben sich nächsten Sommer ein Rendez-vous in 
Carlsbad gegeben. O weh! 

An Ihre liebenswürdige Frau Gemahlin meinen aller- 
herzlichsten Gruss und nun Gott befohlen! 

Ihr unveränderlich ergebenster Freund 

Ant. Schindler. 

Indess aber hatte die Philharmonische Gesellschaft 
schon beschlossen und ausgeführt, was dem Unglücklichen 
frommen musste. Einmüthig hiess es bei den Berathungen, 
denen Moscheies als Mitglied beiwohnte, man wolle ihn 

xo* 

I 

/ 



— 148 — 

nicht warten lassen, bis man ein Concert veranstalten 
könne, wozu in dem grossen London vier bis sechs Wochen 
gehörten, überdies sei die Jahreszeit eine ungünstige; man 
wolle ihm unverzüglich £ 100 durch Moscheies über- 
machen, um aber sein Zartgefühl zu schonen, dabei be- 
merken, dies geschehe ä Conto des sich vorbereitenden Con- 
certes. Der hier folgende Brief von Rau "(einem Wiener 
Freunde Beethoven's) *) beweist, dass diese Sendung Wien 
möglichst rasch erreichte: 

Wien, 17. März 1827. 

Lieber Freund! 

Nach einer sehr bedeutenden Augenentzündung, die 
mich drei Wochen hindurch zwischen den vier Wänden 
meiner Kammer gefangen hielt, bin ich Gottlob wieder so 
weit hergestellt, dass ich, obschon mit Mühe und An- 
strengung, die Feder wieder führen darf. Errathe, was 
Du nicht lesen kannst und habe Nachsicht mit der Un- 
deutlichkeit meiner Schrift, 

Dein Schreiben, welches ich zugleich mit den für 
Beethoven überschickten £ 100 richtig empfing, setzte uns 
in ebenso grosses Staunen als Bewunderung. Der grosse, 
in ganz Europa mit Recht verehrte, hochgepriesene Mann, 
der edelste gutherzigste Mensch liegt in Wien in der 
grössten Noth auf seinem Krankenlager zwischen Leben 
und Tod! und dies müssen wir von London aus erfahren**), 
von dort eilt man, ihm sein Elend, seinen Kummer zu 
mildern, ihn mit Hochherzigkeit vor Verzweiflung zu retten. 



*) Rau war viele Jahre Erzieher des jungen Barons von Eskeles, 
dessen Eltern sich einst Moscheles' so freundlich angenommen hatten. 
Diesem übersandte Moscheies st IOO mit der Bitte, selbst zu untersuchen, 
>vie es mit Beethoven stehe. 

**) Im Originalbrief rinden wir folgende Anmerkung von iloscheles* 
Hand: „Ich habe jedoch viele Beweise, welche Theilnahme Beethoven's 
gefahrvoller Zustand damals in "Wien erregt hat, und dass viele seiner Ver- 
ehrer ihm mit Hülfe und Trost entgegengeeilt wären, wenn seine Zurück- 
gezogenheit den Zutritt zu ihm oder seiner nächsten Umgebung nicht zu 
sehr erschwert hätte." 



— 149 — 

Ich fuhr auf der Stelle zu ihm, um mich von seiner Lage 
zu überzeugen, und ihm die bevorstehende Hülfe anzu- 
zeigen. Es war herzzerreissend, ihn zu sehen, wie er seine 
Hände faltete und sich beinahe in Thränen der Freude 
und des Dankes , auflöste. Wie belohnend und beseligend 
wäre es für Euch, Ihr grossmüthigen Menschen, gewesen, 
wenn Ihr Zeugen dieser höchst rührenden Scene hattet 
sein können! 

Ich fand den armen Beethoven in der traurigsten 
Lage, mehr einem Skelette als einem lebenden Wesen 
ähnlich. Die Wassersucht hat so sehr um sich gegriffen, 
dass er schon vier bis fünf Mal abgezapft werden musste. 
Er ist in ärztlicher Beziehung in den Händen des Dr. Mal- 
fatti, also gut versorgt. Malfatti gibt ihm wenige Hoff- 
nung. Wie lange sein gegenwärtiger Zustand noch dauern, 
oder ob er überhaupt gerettet werden kann, lässt sich 
nicht bestimmen. Indess hat die Anzeige der eingetrete- 
nen Hülfe eine merkwürdige Veränderung zur Folge ge- 
habt. Durch die freudige Gemüthsbewegung veranlasst, 
sprang in der Nacht eine der vernarbten Ponctionen auf, 
und alles Wasser, das sich seit vierzehn Tagen gesammelt 
hatte, fioss von ihm. Als ich ihn des anderen Tages be- 
suchte, war er auffallend heiter, fühlte sich wunderbar er- 
leichtert. Ich eilte zu Malfatti, um ihn hiervon in Kennt- 
niss zu setzen. Er hält dieses Ereigniss für sehr beruhigend. 
Man wird ihm auf einige Zeit eine Hohlsonde appliciren, 
um diese Wunde offen zu erhalten, und dem Andränge des 
Wassers freien Abfluss zu verschaffen. Gott gebe seinen 
Segen ! , 

Mit seiner häuslichen Umgebung und Bedienung, die 
in Biner Köchin und einem Dienstmädchen besteht, ist 
Beethoven zufrieden. Sein Freund, unser bekannter braver 
Schindler, speist täglich bei ihm, und sorgt in dieser Be- 
ziehung sehr freundschaftlich und redlich für ihn. Schind- 
ler besorgt Beethoven's Correspondenz, und bestreitet, so 
viel möglich, seine Auslagen, 

Hier beiliegend, empfängst Du, lieber Freund, eine 
von Beethoven ausgestellte Quittung- über die ihm ein- 



— 150 — 

gehändigten 1000 Fl. C. M. Als ich ihm den Vorschlag" 
machte, nur 500 FL auf einmal zu übernehmen, und den 
Rest von 500 FL beim Herrn Baron von Eskeles in sicherer 
Verwahrung zu lassen, bis er ihrer bedürfe, gestand er mir 
offenherzig, dass er, als ihm die Unterstützung von 1000 FL 
gleichsam wie vom Himmel zufloss, eben in der peinlichen 
* Lage war, Geld aufnehmen zu müssen. Ich übergab ihm 
also, seinem dringenden Wunsche gemäss, die ganze Summe- 
von £ 100 oder 1000 FL C. M. 

Auf welche Art Beethoven der Philharmonischen Ge- 
sellschaft seinen Dank abzustatten gedenkt, wird er in 
einem eigenen Schreiben an sie kund machen. Kannst 
Du Beethoven in der Folge nützlich sein, und ich Dir 
hierzu meine Hand bieten, zähle auf meinen Eifer und 
meine Bereitwilligkeit. Die ganze Familie Eskeles grüsst 
Dich, Deine Frau und Söhnlein ebenso herzlich, als ich 

Dein aufrichtiger Freund 

Rau. 

Wie aus Moscheles', dem Rauschen Briefe angehängter 
Bemerkung, so ersehen wir auch aus Tagebuchnotizen, 
dass er an viele Wiener Freunde geschrieben hatte, wie- 
es denn möglich sei, dass man einen kranken hülfsbedürfti- 
gen Beethoven so vernachlässige, überall aber dieselbe 
Auskunft erhielt, die er dem Briefe beifügt: Beethoven's 
abstossendes Wesen, die Eifersucht von Bruder und Neffe, 
die alle Freunde abweisen und dergleichen mehr. „Ich 
glaube, ich hätte mich doch nicht abweisen lassen" be- 
merkt Moscheies, und wohl mit Recht. 

Dem Briefe des Freundes Rau vom 17. März folgte ein 
weiterer bis zu Thränen rührender von Beethoven selbst. 
Er hatte ihn Schindler dictirt und eigenhändig unter- 
schrieben» 

Wien, 18. März 1827.. 
Mein lieber guter Moscheies 1 

Mit welchen Gefühlen ich Ihren Brief vom 1. März: 
durchlesen, kann ich' gar nicht mit Worten schildern. 



— 151 — 

Der Edelmuth der Philharmonischen Gesellschaft, mit 
welchem man meiner Bitte beinahe zuvorkam, hat mich 
in das Innerste meiner Seele gerührt. Ich ersuche Sie da- 
her, lieber Moscheies, das Organ zu sein, , durch welches 
ich meinen innigsten herzlichsten Dank für die besondere 
Theihiahme und Unterstützung an die Philharmonische 
Gesellschaft gelangen lasse. 

Ich fand mich genothigt, sogleich die ganze Summe 
von iooo Fl. C. M. in Empfang zu nehmen, indem ich ge- 
rade in der unangenehmen Lage war, Geld aufzunehmen, 
welches mich in neue Verlegenheit gesetzt hätte. 

Rücksichtlich der Akademie, welche die Philharmonische 
Gesellschaft für mich zu geben beschlossen hat, bitte ich 
die Gesellschaft, ja dieses edle Vorhaben nicht aufzugeben, 
und diese iooo FL C. M., welche sie mir jetzt schon im 
Voraus übermachen Hess, von dem Ertrage dieser Akademie 
abzuziehen. Und will die Gesellschaft mir den Ueberrest 
noch gütigst zukommen lassen, so verpflichte ich mich, 
der Gesellschaft dadurch meinen wärmsten Dank abzu- 
statten, indem ich ihr entweder eine neue Sinfonie, die 
schon skizzirt in meinem Pulte liegt, oder eine neue Ouver- 
türe oder etwas anderes zu schreiben mich verbinde, was 
die Gesellschaft wünscht. Möge der Himmel mir nur recht 
bald wieder meine Gesundheit schenken, und ich werde 
den edelmüthigen Engländern beweisen, wie sehr ich ihre 
Theilnahme an meinem traurigen Schicksale zu würdigen 
wissen werde. 

Ihr edles Benehmen wird mir unvergesslich bleiben, 
so wie ich noch insbesondere Sir Smart und Herrn StumpfF 
meinen Darlfe nächstens nachtragen werde. 

Leben Sie recht wohl! Mit den freundlichsten Gesin- 
nungen verharre ich Ihr 

Sie hochschätzender Freund 
Ludwig van Beethoven. 
Nachschrift. An Ihre Frau Gemahlin meinen herz- 
lichen Gruss. — An Herrn Rau habe ich der Philharmoni- 
schen Gesellschaft und Ihnen einen neuen Freund zu 
danken. 



— 152 — 

Die metrononuVrte Sinfonie bitte ich der Philharmoni- 
schen Gesellschaft zu übergeben. Hier liegt die Bezeich- 
nung bei: 

H 

Metronomische Bezeichnung der Tempi von Beethoven' s 

letzter Sinfonie, Opus 125. 

Allegro raa non troppo e un poco maestoso 88 = f 



Molto vivace 116 = p 

Presto 116 = p 

Adagio molto e cantabile 60 = * 

Andante moderato ......... 63 = f 

Finale presto 96 — ^ 

Allegro ma non troppo 88 = ^ 

Allegro assai , . . 80 = p 

Alla Marcia 84 = f 

Andante maestoso 72 = p 

Adagio divoto 60 = P 

Allegro energico 84 = r" 

Allegro ma non tanto 120 = P 

Presstissimo 132 = p 

Maestoso 60 = ^ 



Diesem Briefe Beethoven T s lag eine sechs Tage später 
geschriebene, aber mit jenem zusammen expedirte Einlage 
von Schindler bei: 

Wien, d. 24. März 1827. 

Mein theurer Freund! 
Lassen Sie sich durch die Verschiedenheit des Datums 
der beiden Briefe nicht irre leiten, ich wollte den Brief 
absichtlich einige Tage zurückhalten, weil wir gleich Tags 
darauf, nämlich den 19. d. Mts., befürchteten, ftnser grosser 
Meister werde seine grosse Seele aushauchen. Indessen 
ist dies bis heute Gottlob nicht der Fall; allein, mein guter 
Moscheies, wenn Sie diese Zeilen lesen, wandelt unser 
Freund nicht mehr unter den Lebenden. Seine Auflösung 
geht mit Riesenschritten, und es ist nur ein Wunsch unser 
aller, ihn bald von diesen schrecklichen Leiden erlöst zu 
sehen. Nichts anderes bleibt mehr übrig. Seit acht Tagen 
liegt er schon beinahe wie todt, nur manchen Augenblick 



p 

i 



— 153 — 

rafft er seine -letzten Kräfte zusammen, und fragt nach 

* 

etwas oder verlangt etwas* Sein Zustand ist schrecklich 
und gerade so, wie wir es kürzlich von dem Herzog von 
York gelesen haben. Er befindet sich fortwährend in 
einem dumpfen Dah inbrüten, hängt den Kopf auf die 
Brust, und sieht starr Stundenlang auf einen Fleck, kennt 
die besten Bekannten selten, ausgenommen, man sagt ihm, 
wer vor ihm steht. Kurz, es ist schauderhaft, wenn man 
dieses sieht; und nur noch wenige Tage kann dieser Zu- 
stand dauern; denn alle Functionen des Körpers hören 
seit gestern auf. Also wüTs Gott, so ist er, wie wir auch 
mit ihm, bald erlöset. Schaarenweise kommen jetzt die 
Menschen, um ihn noch zu sehen, obgleich durchaus Nie- 
mand vorgelassen wird, bis auf Jene, welche keck genug 
sind, den sterbenden Mann noch in seinen letzten Stunden 
zu belästigen. 

Der Brief an Sie ist bis auf wenige Worte im Ein- 
gange ganz wörtlich von ihm dictirt, und wohl der letzte 
seines Lebens, obwohl er mir heute noch» ganz abgebrochen, 
die Worte „Smart — Stumpff — schreiben — " zuflüsterte. 
Wird es möglich sein, dass er nur seinen Namen noch 
aufs Papier bringt, so wird es auch noch geschehen. — 
Er fühlt sein Ende, denn gestern sagte er mir und Herrn 
von Breuning: „plaudite amici, comoedia finita est!" Auch 
waren wir gestern so glücklich mit dem Testamente in 
Ordnung zu kommen, obwohl nichts da ist, als einige alte 
Möbel und Manuscripte. Unter der Feder hatte er ein 
Quintett für Streichinstrumente und die zehnte Sinfonie, 
deren er in Ihrem Briefe erwähnt. Von dem Quintett 
sind zwei Stücke ganz fertig. Es war für Diabelli bestimmt. 
— Die Tage nach Erhalt Ihres Briefes war er äusserst 
aufgeregt, und sagte mir viel von dem Plan der Sinfonie, 
die jetzt um so grosser ausfallen würde, weil er sie für die 
Philharmonische Gesellschaft schreiben werde. 

Ich hätte nur sehr gewunschen, Sie hätten in Ihrem 
Briefe bestimmt erklärt, er könne diese Summe von 
1000 Fl. C, M. nur theilweise erheben, und ich hatte es 
auch mit Herrn Rau so verabredet, allein Beethoven hielt 



— 154 — 

sich an den Schluss des Satzes aus Ihrem Briefe. Kurz, 
Kummer und Sorgen waren auf einmal verschwunden, wie 
das Geld da war, und er sagte ganz vergnügt: „Nun 
können wir uns wieder manchmal einen guten Tag an- 
thun"; denn es waren nur noch 340 FL W. W. in der 
Cassette , " und wir beschränkten uns daher seit einiger 
Zeit auf Rindfleisch und Zugemüse, welches ihn mehr 
schmerzte, als alles andere. Des anderen Tages, als Freitag, 
Hess er sich sogleich seine Lieblingsgerichte von Fischen 
machen, um nur davon naschen zu können. Kurz, seine 
Freude über die edle Handlung der Philharmonischen Ge- 
sellschaft artete weilen weise in's Kindische aus. Auch 
musste gleich ein grosser sogenannter Gross vaterstuhl an- 
geschafft werden, der 50 Fl. W. W. kostete, in welchem 
er täglich wenigstens eine halbe Stunde ruht, so dass er 
sich das Bett ordentlich machen lassen kann. 

Sein Eigensinn ist aber noch immer entsetzlich, und 
wirkt vorzüglich auf mich sehr hart, indem er durchaus 
Niemand um sich leiden will, als mich. Und was blieb 
mir anders übrig, als alle meine Lectionen aufzugeben, 
und die ganze Zeit, die ich nur immer zusammenraffen 
konnte, ihm zu widmen. Jedes Getränk und jede Speise 
muss ich vorher versuchen, ob es ihm auch nicht schäd- 
lich sein könnte. — So herzlich gerne ich dies nun auch 
thue, so dauert das für so einen armen Teufel, als ich 
bin, schon leider zu lange. — Doch wird sich dies, wenn 
ich gesund bleibe, nach und nach wieder finden, hoffe ich 
zu Gott! — Aus den 1000 FL, was übrig bleibt, wollen 
wir ihn anständig beerdigen lassen, ohne Geräusch, auf 
dem Kirchhofe bei Dötting, wo er stets gern weilte. 

Dann kommt auch jetzt der Wohnungszins auf Georgi 
zu bezahlen, der muss noch für ein halbes Jahr berichtigt 
werden und noch mehrere kleine Ausgaben (die Aerzte), 
so dass die 1000 Fl, gerade ausreichen werden, ohne dass 
viel übrig bleibt. 

Zwei Tage nach Ihrem Briefe kam auch einer von 
dem würdigen Herrn Stumpff, der auch Ihrer mit dem 
grössten Lobe erwähnt, welches alles auf Beethoven zu 



viel einwirkte, indem er durch den Ausfluss des Wassers 
aus der bereits vierzehn Tage zugeheilten Wunde schon 
äusserst geschwächt war. Da hörte man des Tages un- 
zählige Mal ihn laut sagen: „Gott vergelte es ihnen allen 
tausend Mal." — 

Dass diese edle Handlung der Philharmonischen Ge- 
sellschaft hier allgemeine Sensation erregt hat, können 
Sie sich denken, und hoch preist man allgemein den Edel- 
muth der Engländer, und schimpft laut über das Betragen 
der hiesigen Reichen. — Der „Beobachter" hat die An* 
zeige davon gemacht, so auch die „Wiener Zeitung." Hier 

liegt es bey. — Pause von einigen Stunden. — 

Ich komme soeben von Beethoven. Er liegt bereits im 
Sterben, und noch ehe dieser Brief ausser den Linien der 
Hauptstadt ist, ist das grosse Licht auf ewig erloschen. 
Er ist aber noch bei vollem Bewusstsein. Ich eile, den 
Brief abzuschicken, um zu ihm zu laufen. Diese Haare 
hier habe ich jetzt ihm vom Haupte geschnitten, und 
schicke sie Ihnen. — Gott mit Ihnen! 

, Ihr dienstfertigster Freund 

Ant. Schindler. 

Wenige Tage später brachte ein Brief von Rau die 
traurige Gewissheit: 

Wien, den 28. März 1827. 

Lieber Freund! 

Beethoven ist nicht mehr; er verschied den 26. Mär? 
Abends zwischen 5 — 6 Uhr — unter dem herbsten Todes- 
kampf und schrecklichen Leiden. Er war jedoch schon 
den Tag zuvor ohne alle Besinnung. 

Nun ein Wörtchen von seiner Verlassenschaft Au.* 
meinem letzten Schreiben hast Du erfahren, dass Beet- 
hoven nach seiner eigenen Aeusserung sich ohne Hülfe,, 
ohne Geld , folglich in der grössten Noth befinde. Allein 
bei der Inventur, bei welcher ich gegenwärtig war, fand 
man in einem alten, halb vermoderten Kasten sieben Stück 
Bank-Actien. 



- 156 - 

Ob Beethoven sie absichtlich verheimlichte (denn er 
war sehr misstrauisch und hoffte eine baldige Wieder- 
genesung) oder ob er es selbst nicht wusste, dass er sie 
besitze, ist ein Problem, das ich nicht zu lösen vermag. — 
Die von der Philharmonischen Gesellschaft überschickten 
iooo FL C. M. fanden sich noch unberührt vor. Ich re- 
klamirte sie Deiner Erklärung gemäss, nmsste sie jedoch 
bis zur näheren Verfügung von der Philharmonischen Ge- 
sellschaft beim Magistrate deponiren. Dass die Leichen- 
kosten aus diesem Gelde bestritten werden, konnte ich 
ohne Einwilligung von der Gesellschaft nicht zugestehen. 
Ich erlaube mir aber die Bitte, wenn dort etwas erwirkt 
werden dürfte, dass es zu Gunsten der zwei armen Dienst- 
leute, die den Kranken mit unendlicher Geduld, Liebe und 
Treue pflegten, geschehen möge, da ihrer im Testamente 
mit keinem Worte erwähnt wurde. Der Neffe von Beet* 
hoven ist Universalerbe. — Ueber das von Beethoven der 
Philharmonischen Gesellschaft zugedachte Geschenk wird 
Dir Herr Schindler seiner Zeit das Nähere mittheilen. 
Schreibe mir bald und bestimmt, was ich zu thun habe, 

i 

und sei von meiner Pünktlichkeit überzeugt. Den 29. dieses 
wird Beethoven begraben. Es erging eine Einladung an 
alle Künstler, Kapellen und Theater. Zwanzig Virtuosen 
und Compositeurs werden die Leiche mit Fackeln begleiten. 
Grillparzer hat einen äusserst rührenden Sermon verfertigt, 
den Anschütz am Grabe sprechen wird. Ueberhaupt ist 
die Einleitung zu einer feierlichen, des Verstorbenen wür- 
digen Beerdigung getroffen worden. — 

Die Familie Eskeles grüsst Dich und die Deinigen, 
sowie ich von ganzem Herzen. 

Dein Freund 
Rau. 

In Eil* und mit anhaltenden Augenschmerzen. 

Unter Moscheies' Papieren fanden sich ferner noch fol- 
gende Erinnerungsblätter an Beethoven's Tod: 



EINLADUNG 



zu 



LUDWIG van BEETHOVENs 

LEICHENBEGÄNGNIS, 

welches am 29. März um 3 Uhr Nachmittags Statt finden wird, 



Man versammelt sich in der Wohnung des Verstorbenen im Schwarz- 
spanier-Hause Nr, 200 am Glacis vor dem Schottenthore. 

Der Zug begiebt sich von da nach der Dreyfaltigkeits-Kirche bey den 

P, P. Minoriten in der Aisergasse. 



Die musikalische Welt erlitt den unersetzlichen Verlust des berühm- 
ten Tondichters am 26. März 1827 Abends gegen 6 Uhr* 
Beethoven starb an den Folgen der Wassersucht im 56, Jahre seines 

Alters, nach empfangenen heiligen Sacramenten. 
Der Tag der Exequien wird nachträglich bekannt gemacht von 

L. van BEETHOVENS 

Verehrern und Freunden. 
(Biese Karte wird in Tob. Haslingers Musikhandlung vertheilt.) 



Bey 

LUDWIG van BEETHOVEN's 
Leichenbegängniss 
am 29. März 1827. 



Von 

J. F. CASTELLI. 



Achtung allen Thränen, welche fiiessen, 
Wenn ein braver Mann zu Grabe ging, 

Wenn die Freunde Trauerreihen schliessen, 
Die der Selige mit Lieb' umfing. 

Doch der Trauerzug, der heute wallet, 
Strecket sich, so weit das Himmelszelt 

Erd' umspannt ? so weit ein Ton erschallet, 
Und um diesen Todten weint die Welt, 



- 158 - 

Doch um Euch allein nur müsst Ihr klagen! — 

Wer so hoch im Heiligthume stand, 
Kann den Staub nicht mehr — er ihn nicht tragen, 

Und der Geist sehnt sich in's Heimathland. 

Darum rief die Muse ihn nach oben, 

Und an ihrer Seite sitzt er dort, 
Und an ihrem Throne hört er droben 

Tönen seinen eigenen Accord* 

Aber hier sein Angedenken weilet, 

Und sein Name lebt im Ruhmes-Licht, 

Wer, wie er, der Zeit ist vorgeeilet, 
Den ereilt die Zeit zerstörend nicht. 



Am Grabe BEETHOVEN's 
(den 29, März 1827*) 

Es brach ein Quell vom hohen Felsen nieder. 
Mit reicher Strömung über Wald und Flur, 

Und wo er floss, erstand das Leben wieder, 
Verjüngte sich die alternde Natur* 

Ein jeder kam zur reitzgeschmückten Stelle, 
Und suchte sich Erquickung an der Welle. 

Nur wenige von richtigem Gefühle, 

Empfanden seine Wunderkräfte ganz, 
Die übrigen erfreuten sich am Spiele 

Der schönen Fluth und ihrem Demantglanz; 
Die meisten aber fanden sein Gewässer 

Dem Andern gleich, nicht edler und nicht besser. 

Der Quell versank. Nun erst erkannte Jeder 
Des Bornes Kraft, nun erst, da sie zerstob! 

Und Pinsel, Klang, der Meissel und die Feder, 
Vereinten sich zum längst verdienten Lob; 

Jedoch kein Lied, nicht Sehnsucht» nicht die Klage 
Erweckten ihn und brachten ihn zu Tage. 

Du, der hier liegt, befreyt von Schmerz und Banden, 
Du warst der Quell, den ich zuvor genannt! 

Du grosser Mensch, von Wenigen verstanden, 
Bewundert oft, doch öfter noch verkannt! 

Jetzt werden Alle jubelnd Dich erheben: 
Du musstest sterben, sterben, um zu leben! 

Schlecht 



I 



— 159 — 

Die folgenden Briefe von Schindler, Rau u. s. w. 
"bringen noch einiges Nähere über Beethoven's Ende, 
drehen sich aber hauptsächlich um die Angelegenheit der 
Beethoven von der Philharmonischen Gesellschaft geschenk- 
ten £ 100, die noch zu allerlei Erörterungen Anlass geben 
und schliesslich zu einer nicht eben erwünschten Lösung 
führen sollte. Schindler schreibt: 



Wien, den 4. April 1827. 
Mein edler Freund! 

Ich finde mich veranlasst abermals an Sie zu schreiben, 
um beiliegenden Brief an Sir Smart sicher zu wissen. Er 
enthält Beethoven's letzten Dank an Smart, Stumpff und 
an die Philharmonische Gesellschaft, sowie an die ganze 
englische Nation, um welches er mich noch in den letzten 
Augenblicken seines Lebens innigst gebeten hat. Ich 
bitte sie recht sehr, ihm denselben bald einzuhändigen. 
Herr Lewisey von der englischen Gesandtschaft hat die 
Güte gehabt, ihn gleich in's Englische zu übersetzen. — 

Also erst am 26, Marz um Dreiviertel auf sechs Uhr 
Nachmittags, während eines grossen Gewitters, hauchte 
unser unsterblicher Freund seine grosse Seele aus. Vom 
2 4« gegen Abend bis zum letzten Hauche, war er beinahe 
stets in delirio. Doch vergass er selbst in dem furcht- 
baren Kampfe zwischen Leben und Tod der Wohlthat 
der Philharmonischen Gesellschaft nicht, wenn er nur 
einen lichten Augenblick hatte, und pries die englische 
Nation, die ihm stets so viel Aufmerksamkeit erwies. 

Sein Leiden war unbeschreiblich gross, vorzüglich seit 
dem, dass die Wunde von selbst aufsprang, und die Ent- 
leerung von Wasser so plötzlich erfolgte. — Seine letzten 
Tage waren überaus merkwürdig, und sein grosser Geist 
bereitete sich mit einer wahrhaft Sokratischen Weisheit 
zum Tode. Ich werde dies wahrscheinlich auch nieder- 
schreiben, und öffentlich bekannt machen; denn es ist für 

# 1 

seine Biographen von unschätzbarem Werth. 

Das Leichenbegängniss war nur das eines grossen 
Mannes. Bei 30,000 Menschen wogten auf den Glacis und 



— i6o — 

in den Strassen, wo der Zug gehen sollte. Kurz, dies 
lässt sich gar nicht beschreiben, denken Sie an das Prater- . 
fest beim Congress im Jahre 1814, und Sie haben eine 
Vorstellung davon. Acht Kapellmeister trügen die Enden 
des Leichentuches, darunter Eibler, Weigl, Gyrowetz, 
Hummel, Seyfried etc. Sechs und dreissig Fackelträger, 
darunter Grillparzer, Castelli, Haslinger, Steiner etc. 

Gestern war Mozart's Requiem in der Augustiner- 
Kirche für ihn. Die grosse Kirche fasste nicht alle 
Menschen, die sich hineindrängten. Lablache sang den 
Bass. Das Gremium der Kunsthändler veranlasste diese 
Todtenfeier. 

Sie haben den letzten Brief von Beethoven, den 
vom 18. März, und Schott in Mainz seine letzte Unter- 
schrift. 

An mobilem Vermögen fanden sich sieben Bank- 
Aktien und einige hundert Gulden W. W. Und nun 
schreien und schreiben die Wiener laut und öffentlich „er 
bedurfte nicht der Hülfe einer fremden Nation" etc., be- 
denken aber nicht, dass Beethoven sechs und fünfzig Jahr 
alt und nervös, Ansprüche machen konnte, siebenzig Jahre 
alt zu werden. Wenn er nun Jahrelang nichts arbeiten 
sollte, wie es ihm seine Aerzte sagten, so war er ja ge- 
zwungen eine Aktie nach der anderen zu verkaufen, und 
wie viel Jahre konnte er denn von sieben Aktien leben, 
ohne in die grosste Noth zu kommen. Kurz, lieber 
Freund! ich und Herr Hofrath von Breuning ersuchen 
Sie recht .sehr, wenn sich derlei abscheuliche Raisonn e- 
ments bis nach England verbreiten sollten, es den Manen 
Beethoven's zu lieb zu thun, und die Briefe, die Sie von 
Beethoven hierüber haben, in einem der gelesen sten deut- 
schen Blätter, z. B. in der Augsburger Allgemeinen 
Zeitung, Öffentlich bekannt zu machen, welches die Phil- 
harmonische Gesellschaft auf ihre eigene Veranlassung thun 
könnte; damit man diese Skribler hier eines Bessern be- 
lehre. Die Philharmonische Gesellschaft hat die Ehre, 
diesen grossen Mann von ihrem Gelde beerdigt zu haben, 
denn ohne dieses konnten wir es nicht anständig thun. 




— 161 — 

Alles schrie; „Welche Schande für Oesterreich! Das 
soll man nicht angehen lassen, denn Alles wird dazu bei- 
tragen!" Allein es blieb beim Schreien. Der Musikverein 

beschloss den Tag nach der Beerdigung ihm 

ein Requiem halten zu lassen, und dies ist alles. Wir 
aber vom Kärntnerthor werden noch im Laufe des April 
eine grosse Akademie veranstalten, um ihm einen hüb- 
schen Leichenstein machen zu lassen. 

Noch muss ich Ihnen melden, dass der Todtengräber 
von Währing, wo er begraben liegt, gestern bei uns war, 
und meldete, dass man ihm mittelst eines Billets, welches 
er zeigte, iooo" FL C.-M. anbot, wenn er den Kopf von 
Beethoven an einem bestimmten Ort deponire. Die Polizei 
ist dieserhalb schon mit der Ausforschung beschäftigt. — 
Das Leichenbegängniss kostete etwas über 300 Fl. C.-M. 
Freund Rau wird Ihnen schon darüber geschrieben haben. 
Wollte die Philharmonische Gesellschaft das übrige Geld 
hier lassen, und z. B. mir auch einen kleinen Theil davon 
schenken, so würde ich es als Legat von meinem Freunde 
Beethoven betrachten; denn ich habe wirklich nicht das 
allermindeste Andenken an ihn, sowie Niemand, denn der 
Tod überraschte ihn und uns, die wir um ihn waren. 

Schreiben Sie mir doch nur einige Zeilen, ob sie die 
Briefe vom 22. Februar, 14. März und 18. März erhalten 
haben, und so auch Sir Smart. Die Verwandten Beethoven's 
haben sich gegen das Ende auf das Niederträchtigste be- 
nommen; er war noch nicht ganz todt, so kam schon sein 
Bruder, und wollte Alles fortschleppen, selbst die 1000 FL 
aus London, allein wir haben ihn gerade zur Thüre hinaus 
geworfen. Solche Scenen gingen am Sterbebette Beethoven's 
vor. Machen Sie doch die Philharmonische Gesellschaft 
auf die goldene Medaille von Ludwig XVIII. aufmerksam, 
sie wiegt 50 # und wäre das schönste Andenken an diesen 
grossen Mann. — Also Gott befohlen. 

A. Schindler. 

Hummel spielt morgen im Kärntner thortheater. Mr. 
Lewisey grüsst H. Neate. 

.Moschctes' Leben. « 



Nicht lange nachher lief folgender Brief ein: 

Wien, den n. April 1827. 
Mein edler Freund! 

Sie werden erschrecken über "die vielen und noch 
dazu dickleibigen Briefe. Aber Bester! Leset! und staunet! 
— Um^Ihre, unseres Freundes Beethoven und die Ehre 
der Philharmonischen Gesellschaft zu retten, blieb uns 
nichts übrig, als Ihnen Alles genau und umständlich zu 
berichten. — Schon in meinem letzten Brief habe \ ich 
Ihnen gemeldet, dass man hier schreit und schreibt über 
die edle Handlung der Gesellschaft. Nun aber enthält die 
„Allgemeine Zeitung 1 * einen Artikel, der jeden aufs Höchste 
empören muss. Wir haben es für Pflicht gehalten, darauf 
zu antworten, und Hofrath Breunin g übernahm es, diesen 
hier beiliegenden Artikel der Wahrheit gemäss abzu- 
fassen, und Pilat schickt ihn selbst noch heute dem Re- 
dacteur der Allgemeinen Zeitung, — Ohne den Artikel 
der Allgemeinen Zeitung zu kennen, werden Sie beim 
Durchlesen unserer Antwort sogleich den Inhalt und den 
Zweck desselben errathen. Ihnen und Smart bleibt nun 
noch übrig, Ihre Briefe ebenfalls in der Allgemeinen 
Zeitung öffentlich bekannt zu machen, damit dieses Ca- 
naillenvolk recht tüchtig gedemüthigt werde. Unser Auf- 
satz, meint Rau und Pilat, ist zu höflich; allein wir Beide, 
Breuning und ich, dürfen keiner so die Wahrheit darüber 
sagen, wie wir wünschten und man es der ' Welt schuldig 
wäre; denn ohnehin habe ich mir schon als Freund Beet- 
hoven^ und als Vertheidiger seiner Sache viele Feinde ge- 
macht; allein es wäre niederträchtig von mir, dass ich 
stille schweigen sollte, wenn sein Andenken noch im 
Grabe beschimpft und seine wohlmeinenden Freunde für 
ihr edles Bestreben sollten öffentlich angegriffen werden. 

Ich schrieb Ihnen schon letzthin, dass die Philharmo- 
nische Gesellschaft in ihrem Namen sich durch die Be- 
kanntmachung von Ihren und Smart's Briefen in die 
Schranken stellen sollte, und jetzt ist es nicht nur mein, 
sondern unser Aller Wunsch. — Die Philharmonische Ge- 
sellschaft soll sagen, dass man gut in London wisse, dass 



V 



— i63 — 

Beethoven nach seiner ersten Akademie im Kärntnerthor- 
Theater vor zwei Jahren, nach Abschlag aller Unkosten, 
wozu auch die iooo FL kommen, welche er der Admini- 
stration für das Theater bezahlen musste, nur 300 Fl. W. W. 
übrig blieben; denn kein einziger der Abonnenten be- 
zahlte ihm für seine Loge nur einen Heller, und nicht 
einmal der Hof Hess sich in dieser Akademie sehen, ob- 
wohl Beethoven unter meiner Begleitung alle Glieder des 
kaiserlichen Hauses persönlich • einlud* Alle versprachen 
zu kommen und am Ende erschienen sie nicht nur nicht, 
sondern überschickten ihm auch nicht einen Groschen, 
welches doch bei dem allergewöhnlichsten Benefizianten 
nicht zu geschehen pflegt. 

Bei seinem zweiten Concerte im selben Monate im 
Redoutensaal, musste die Administration,, die es für ihre 
Rechnung unternahm, bei 300 FL C.-M darauf bezahlen, 
und ich hatte die grösste Mühe, Beethoven abzuhalten, 
dass er nicht dieses Deficit von denen ihm von der Ad- 
ministration für dieses Concert garantirten 500 FL C.-M. 
bezahlte, indem es ihn auf s Tiefste schmerzte , dass die Ad- 
ministration durch ihn sollte einen Schaden leiden. 

Bei der Subscription für seine letzte grosse Messe 
wollte hier Niemand, auch der Hof nicht subscribiren, 
und andere unzählige Niederträchtigkeiten und Erniedrig- 
ungen, die der arme Mann erfahren musste. Dies Alles 
sollte jetzt bekannt gemacht werden, weil jetzt die beste 
Veranlassung dazu ist. 

Ganz Wien wusste es, dass Beethoven schon zwei, 
dann drei Monate krank liege, und Niemand bekümmerte 
sich weder um sein Befinden, noch um seine ökonomischen 
Verhältnisse. Hätte er also nach solchen traurigen Er- 
fahrungen hier noch Hülfe suchen sollen? Und bei Gott! 
bätte die Philharmonische Gesellschaft durch ihr edles 
Geschenk nicht den Impuls gegeben, und die Wiener auf- 
geregt, Beethoven wäre gestorben und so begraben worden 
wie Haydn, hinter dessen Bahre fünfzehn Menschen gingen. 

Mit der Akademie, die der gesammte Körper unseres 
Theaters für das Grab-Monument geben will, sieht es so 

IX' 



— 164 — 

aus. Der Norma-Tag nach Ostern ist in diese Woche 
verlegt worden, folglich kämen mehr in diesem Monate. 
Das Concert am Mittag zu geben, räth Weigl nicht, so- 
wie er auch vorschlägt, diesen Plan erst im nächsten 
Herbst auszuführen. Allein bis dahin ist der wenige Eifer 
ganz erkaltet und Niemand denkt mehr daran, etwas da- 
für zu thun. 

Auch über die ärztliche Behandlung muss ich Ihnen 
etwas sagen. Gleich am Anfange der Krankheit Hess 
Beethoven seine früheren Aerzte bitten, sich seiner anzu- 
nehmen. Dr. Braunhof er liess sich entschuldigen, da 
ihm der Weg bis zu ihm zu weit sei; und Dr. Stauden- 
heim kam endlich nach dreitägigem Bitten, aber er blieb 
aus, und kam nicht zum zweiten Male. Er musste sich 
daher einem Professor des allgemeinen Krankenhauses 
anvertrauen, den er noch auf eine höchst sonderbare Art. 
erhielt. Nämlich der Kaffeesieder Gehringer auf dem 
Kohlmarkte, hatte einen kranken Dienstboten, den er gern, 
diesem Professor auf seine Klinik übergeben wollte; — 
er schrieb desshalb diesem Professor Wawruch, dass er 
ihn aufnehmen mochte, und ersuchte ihn zugleich, zu 
Beethoven zu gehen, der eines Arztes bedürfe. Nach 
längerer Zeit konnte ich erst erforschen, dass der liebens- 
würdige Neffe, Karl v. Beethoven, während er eines. 
Tages dort Billard spielte, dem Kaffeesieder diesen Auf- 
trag ertheilte. — Der Professor kannte weder Beethoven 
noch seine Natur und behandelte * ihn daher ganz schul- 
massig, liess ihn die ersten vier Wochen nur allein zwei- 
undsiebenzig Flaschen Medizin nehmen, manchen Tag drei 
verschiedene, so dass Beethoven schon in den ersten Tagen 
des Januar mehr todt als lebend war. Endlich konnte 
ich diesem Unheile nicht länger mehr zusehen, und ging 
ohne Weiteres zum Dr. Malfatti, der ehemals sein Freund 
war. Dieser liess sich lange Zeit bitten, und Beethoven 
selbst bat ihn bei dem ersten Consilio, um Gottes Willen 
sich seiner anzunehmen. Allein Malfatti wendete ein,, 
er könne dies aus Rücksicht für den anderen Arzt 
nicht thun, und kam die Woche ein, höchstens zwei 



- 165 - 

Mal zum Consilio, bis er in den letzten acht Tagen täg- 
lich kam. 

Kurz, zu Ihnen kann und darf ich es sagen : Beethoven 
ist als Opfer der abscheulichsten Niederträchtigkeit und 
Unwissenheit wenigstens zehn Jahr zu früh in's Grab ge- 
gangen. Doch die nähere Aufklärung über alles dieses 
bleibt einer spateren Zeit vorbehalten. 

Hummel ist am 9, wieder nach Weimar zurückgereist. 
Er hatte seine Frau und seinen Schüler, einen Hrn. Hiller 
-aus Frankfurt, mit hier. Letzterer grüsst Sie recht sehr, 
ebenso auch Hummel. 

Die Auslagen für die Leiche sind denn jetzt beinahe 
beendigt, und betragen bei 330 Fl. C.-M. 

Ich hätte Ihnen noch sehr, sehr viel zu sagen, allein ich 
muss schliessen. Freund Lewinger grüsst Sie Beide herz- 
lich; er ist so gütig, diesen Brief durch Rothschild zu ex- 
pediren. Auch Rau grüsst Sie. Schreiben Sie uns nur 
recht bald. An Herrn Stumpf alles erdenklich Schöne 
und melden Sie ihm, dass es Beethoven's Wille war, ihm 
eines seiner neuesten Werke zu dediciren. Dies soll auch 

H 

geschehen, wenn wir nur einiges finden, was ganz ist. 
Uebrigens ein herzliches Lebewohl von 

Ihrem alten Freund 
Schindler. 

Nach einigen Monaten schreibt Rau über diese An- 
gelegenheit : 

Wien, den 17. Juni 1827. 
Beschuldige, mich nicht der Nachlässigkeit, lieber 
Freund! weil ich dich über Beethoven's Angelegenheit so 
lange ohne Nachricht lasse. Dass ich die von der Phil- 
harmonischen Gesellschaft dem Verstorbenen seiner Zeit 
überschickten 1000 Fl. C.-M. reclamirte, habe ich dir ange- 
zeigt. Der Testaments-Executor, Herr Hof rat h Breuning, 
konnte und durfte hierüber nichts verfügen, bevor nicht 
die Convocation der Beethoven'schen Gläubiger in der 
Zeitung wie gewöhnlich, angezeigt war. Diese Convocation 
fand am 5. Juni d. J. Statt. Ich schickte auf Anrathen 



des Herrn Baron v. Eskeles einen Rechtsfreund zur Tag- 
satzung, um meine Forderung erneuern zu lassen. Allein 
der Masse-Curator Dr. Bach trat verweigernd gegen 
meine Ansprüche auf. Um also diese Angelegenheit ur- 
giren, und mit erwünschtem Erfolg betreiben zu können, 
brauche ich eine von der Philharmonischen Gesell- 
schaft ausgestellte und von der österreichischen 
Gesandtschaft legalisirte Vollmacht, die iooo FL 
C.-M. auf dem Wege Rechtens zurückzufordern, 
und einen Rechtsfreund zu diesem Zwecke zu er- 
nennen, wozu ich den Dr. Eitz proponire. 

Nach der Tagsatzung begab ich mich zum Dr. Bach, um 
mich mit ihm eonfidentiellement zu besprechen, weil ich 
die Schwierigkeiten nicht begreifen konnte, die man einer 
so gerechten Forderung entgegen zu stellen sucht. Er 
antwortete mir ehrlich und offen, dass er pflichtgemäss 
für den minderjährigen Neffen so lange, als es ihm mög- 
lich sei, gegen jede Anforderung einschreiten müsse. Er 
glaube aber, dass man einem Processe und den damit 
noth wendig verbundenen oft bedeutenden Auslagen am 
kürzesten ausweiche, wenn die philharmonische Gesell- 
schaft sich grossmüthig herbeiliesse , zu Beethoven 's Mo- 
nument einen Beitrag von dieser Summe zu machen, den 
Rest aber dem Hause Eskeles oder Rothschild zur Ueber- 
sendung an die Gesellschaft zustellen zu lassen. Dr. Bach 
wird unter dieser Voraussetzung der Ausfolgung des. 
. Geldes an die Gesellschaft so viel als möglich förderlich, 
sein. Baron Eskeles und mehre erfahrene Rechtsverstän- 
dige finden diesen Vorschlag sehr annehmbar, besonders- 
da seit der Zeit eine Hauptperson für unsre Sache, näm- 
lich Herr Hofrath v. Breuning, mit Tod abging. Dieser 
brave Mann erkältete sich bei der Beethoven'schen 
Licitation, und starb nach drei Tagen. Er war der 
einzige Zeuge, dass die vorgefundenen iooo Fl. die von 
der Gesellschaft überschickten waren. Dein nächster 
Brief wird mir als Richtschnur zur weiteren Procedur 
dienen. 



— 167 — 

Die ganze Familie Eskelös und Wimpffen grüssen 
dich und deine Hebe Frau eben so herzlich als ich 

Dein Freund 
Rau. 

Weiter berichtet Schindler: 

■ 

Wien, den 14. September 1827. 

Mein theuerster Freund! 

Ich ergreife die Gelegenheit, mit dem Ueberbringer 
dieses, dem englischen Kabinets-Courier Lewisey, Ihnen 
zu schreiben, und durch seine Güte Ihnen beiliegendes 
zum Andenken an unsern Freund Beethoven zu schicken. 
In Ihrem letzten Schreiben verlangten Sie eine Hand- 
schrift, und zwar von etwas schon Bekanntem. Hier der 
Schluss des Scherzo der letzten Symphonie. Das zweite 
ist eines jener merkwürdigen Taschenbücher, in die Beet- 
hoven seine Entwürfe gewöhnlich unter freiem Himmel, 
schrieb, um sie zu Hause dann in Partitur auszuarbeiten. 
Ich war so glücklich, mehrere derselben zu retten, die für 
mich das grösste Interesse haben. Es wird zwar Niemand 
klug aus diesen Aufzeichnungen, ausser man weiss, von 
welchem Kinde sie der Embryo sind. Dies hier folgende 
enthält den Entwurf zu einem seiner letzten Quartette, 
und wenn Sie diese Quartette einstens hören, so werden 
Sie sicher darauf kommen, zu welchem es gehört. Einige 
Gedanken sind ganz deutlich niedergeschrieben. — Ich 
glaube, dass ich Ihnen damit einen Beweis meiner Freund- 
schaft gebe, indem ich Sie zugleich versichere, dass ausser 
Ihnen kein Mensch eine ähnliche Reliquie erhalten, noch 
je erhalten werde, — ausser gegen viel Geld. Das Por- 
trait von Beethoven ist Ihnen bereits durch Lewinger 
über schickt worden, wie er mir gestern sagte; wenn es 
nur jenes ist, wo er schreibend lithographirt ist; denn das 
ist das allerbeste; die anderen sind alle nichts werth. Auf 
dem Blatte worauf er schreibt, steht : „Missa solemnis". Ich 
wollte Ihnen alles zusammen durch Herrn Clementi schicken, 
dessen Bekanntschaft ich in London machte, allein ich 



i68 



versäumte seine Abreise, von der ich auch nicht unter- 
richtet war. 

Pixis war aus Paris hier. Er hielt sich vierzehn Tage 
auf und reiste gestern von hier über Prag wieder zurück 
nach Paris. Gestern ist auch Sp.ontini von hier abgereist. 
Er macht eine Rekrutirungs-Reise. Hier hat er meine 
Schwester engagirt und wahrscheinlich gehe ich nächstes 
Frühjahr mit ihr nach Berlin, da das Kärntnerthor-Theater 
ohnehin wieder gesperrt werden wird. Wenigstens ist 
gewiss, dass die Administration des Barbaja mit Ende 
nächsten April aufhört; was also dann mit dem Theater 
geschieht, steht zu erwarten. Man spricht hier stark da- 
von, dass Madame Pasta für nächsten Winter hierher 
kommen werde. Es wäre mir sehr lieb, die Wahrheit 
von Ihnen zu hören, welche Sie leicht erfahren können, 
weil ich es rücksichtlich meiner Schwester gern sähe, wenn 
sie sie noch hören könnte. Vielleicht könnten Sie mir 
dieses auf einem Blättchen Papier in einem Brief an Le- 
winger oder Rau melden, sowie auch die Bestätigung des 
Empfanges dieser Papiere. Uebrigens wünschte ich auch 
Ihr und Ihrer lieben Angehörigen Wohlbefinden zu ver- 
nehmen. 

Die Beethoven'sche Abhandlung geht sehr langsam 
von Stätten, weil so manche Hindernisse eingetreten sind. 
Im Juni starb der Hof rath v. Breuning , dieser höchst 
würdige Mann, und nun ist bereits seit sechs Wochen der 
Curator krank. Ich bin nur neugierig, was mit dem eng- 
lischen G-elde geschehen wird. Das G-rab-Monument soll 
nächstens aufgestellt werden. Piringer und einige andere 
haben es machen lassen. Ich habe noch gar nichts davon 
gehört und gesehen; denn sie treiben alles im Stillen, 
wahrscheinlich um nur den Ruhm allein davon zu haben. 
In Prag hat ein Herr Schlosser eine höchst miserable 
Biographie über Beethoven herausgegeben; hier kündet 
man ebenfalls schon eine Pränumeration auf eine an, die 
wie ich höre Herr Gräffer verfassen will, — und der von 
Beethoven auserkorene Biograph ist doch Hofrath Roch- 
litz in Leipzig, für den er mir und Breuning sehr wichtige 



— i6g — 

Papiere übergab. Nun aber hat der neu aufgestellte 
Vormund über Beethoven's Neffen die Papiere des Breu- 
ning Herrn Gr äffer übergeben, welches zwar abscheulich 
ist, aber nichts schadet, weil jene gross tentheils Familien- 
Papiere waren, und die wichtigsten ich in Händen habe. 
Für diesmal Gott befohlen. 

Dies von Ihrem 
aufrichtigsten und dienstfertigsten Freunde 

Ant. Schindler. 

F 

Die Lösung der Angelegenheit, in die Moscheies sich 
durch den dem grossen Todten geleisteten Freundesdienst 
verwickelt sah, sollte nicht gerade befriedigend ausfallen. 
Im Februar 1828 erhielt Moscheies folgenden Brief: 

Wien, 10. Februar 1828. 
An seine Wohlgeboren, Herrn Ignaz Moscheies, Mu- 
sikcompositeur und Mitglied der Philharmonischen Gesell- 
schaft in London. 

Wohlgeboren 

Insonders hochzuverehrender Herr! 

Nach dem am 4. Junius 1827 hier in Wien erfolgten 
Tode des k. k. Herrn v. Breuning bin ich von dem Wiener 
Stadt-Magistrate gerichtlich zum Vormunde des noch in 
der Minderjährigkeit stehenden Carl v. Beethoven, Neffen 
und Erben des am 26. März der musikalischen Welt leider! 
nur zu frühe entrissenen Compositeurs , Ludwig v. Beet- 
hoven ernannt worden, welcher schweren und verantwort- 
lichen Last ich mich einzig und allein aus dem Grunde unter- 
zogen habe, um den mit Talenten begabten, aber (ich ge- 
stehe es offen und mit Wehmuth) schon früher einiger- 
massen auf Abwege gerathenen Neffen des grossen Mannes, 
der von Kindheit an das Beste desselben mit Nachdruck 
bezweckte, der aber in der Wahl der Mittel hiezu, und 
im Erfolge minder glücklich war, wieder auf gute Wege 
zurückzubringen, weil dieser Mann zu mir ein besonderes 
Vertrauen zu hegen sich geäussert, und weil er auf der 
schon früher eingeschlagenen militärischen Bahn (er ist 



— 170 — 

Cadet in einem k. k. Infanterieregimente) fortan das beste 
Verhalten bewerkthätigt hat. 

"Was das hinterlassene geringe Vermögen Beethoven's 
betrifft, welches nach den vorliegenden gerichtlichen Aus- 
weisen (über Abzug der bedeutenden Passiven, dann der 
grossen Krankheits- und Leichenkosten) vielleicht kaum 
über* 8000 Gulden in Österreichischem Papiergelde aus- 
machen wird, so bin ich eben daran, die Abhandlung 
pflegen zu lassen, und die gerichtliche Depositirung ein- 
zuleiten, indem mein Pupill nach der testamentarischen 
Anordnung des Erblassers nur lebenslänglich vom Nach- 
lasse den Fruchtgenuss hat, das Stamm-Kapital aber seinen 
natürlichen oder testamentarischen Erben verbleibt, wo- 
rauf die Substitution gerichtlich vorgemerkt wird. 

Nebst mehreren anderen Schulden, welche bei der 
Convocation der Ludwig v. Beethoven'schen Gläubiger 
gerichtlich angemeldet, und zu Protocoll gegeben wurden, 
erscheint auch eine Forderung, welche der Herr Hof- und 
Gerichts- Advocat Dr. Eitz in Wien, als Vertreter und im 
Namen Ihres Freundes Herrn Rau und zwar in Vollmachts- 
nahmen der Philharmonischen Gesellschaft in London, 
angemeldet hat, welche 1000 Fl. K.-M. beträgt, und welche 
Summe dasjenige Geld sein soll, welches die Philharmo- 
nische Gesellschaft schon viel früher und bei Lebzeiten 
des Herrn Ludwig v. Beethoven demselben als Unter- 
stützung übersendet und geschenkt hat. 

Da nun vor der gerichtlichen Einantwortung des 
Ludwig v. Beethoven'schen Nachlasses entweder die Be- 
richtigung dieser, von dem Herrn Dr. Eitz vorsichtsweise 
angemeldeten Forderung, oder die Abstehung von dersel- 
ben nachgewiesen werden muss, und da mir als Vormund 
dringend daran liegt, diese Abhandlung auf das schnellste 
zu Ende zu führen; so habe ich Euer Wohlgeboren als 
einen der besten und würdigsten Freunde Beethoven's und 
als das Organ der hochherzigen und grossmüthigen 
Philharmonischen Gesellschaft London's, nicht minder als 
den, auch in weiter Entfernung von uns hochgeschätzten 
und verehrten Landsmann, endlich im Namen eines ver- 



1 *4 



171 

waisten, durch den Tod seines Oheims als seiner einzigen 
Stütze, in grosse Nahrungssorgen versetzten talent- und 
hoffnungsvollen jungen (ein und zwanzigjährigen) Mannes 
hiermit ergebenst ersuchen wollen, dass dieselben die Güte 
haben, die nöthige Einleitung zu treffen, dass die sich 
so grossmüthig bewiesene philharmonische Gesellschaft 
von ihrem nur vorsichtsweise durch Herrn Rau und in 
dessen Vertretung durch den Herrn Dr. Eitz angemelde- 
ten Anspruch abstehe, und dem Herrn Rau die Ermäch- 
tigung ertheile, in Hinsicht dieser Abstehung seine Er- 
klärung gehörigen Ortes abgeben zu können. 

Indem mir nun nichts als das Wohl eines der bester* 
Hoffnungen gewährenden jungen Mannes, der an seinem 
Oheim und Vormund Herrn Ludwig v. Beethoven, seine 
einzige Stütze verloren hat, und dessen Liebling war, am 
Herzen liegt, und da ich voll Vertrauen sein kann, dass 
die hochherzige Philharmonische Gesellschaft die dem 
Verstorbenen geleistete Unterstützung, wenn' sie auch ein 
gegebenes und lange vorher übergebenes Geschenk recht- 
lich zurückzuverlangen berechtigt, und wenn die nämliche 
Summe auch wirklich in natura vorhanden wäre, nicht 
mehr zurückzuverlangen geneigt sein wird; so wende ich 
mich in diesem festen Vertrauen an Euer Wohlgeboren, 
und somit durch Sie an die erhabene Gesellschaft selbst, 
mit jder Bitte, das geringe Vermögen, aus welchem ich 
meinen Pupillen unterhalten soll, und wovon ich jährlich 
keine 400 FL K*-M zu erhalten hoffen kann; nicht noch 

h 

mehr schmälern zu wollen, und zwar um so minder, als 
ich nach den vorhandenen Rechnungsbelegen viel über 
1000 Fl. K.-M. an Krankheits- und Leichenkosten und 
anderen Schulden berichtigen musste, und da ich, man 
kann mir vollen Glauben beimessen, in grosser Verlegen- 
heit bin, wie ich meinen Pupillen vor künftigen Nahrungs- 
sorgen sicher stellen soll, bis er doch das Glück haben 
wird, eine Officiersstelle zu erhalten, in der er ohne an- 
derweitige Unterstützung auch in Verlegenheit sein 
würde. 

Aus diesem Grunde werden mir Euer Wohlgeboren 



) - 



— 172 — 

hoffentlich auch meinen Wunsch nicht verargen, den ich 
in der Art auszusprechen wage, dass sich die hochansehn- 
liche Philharmonische Gesellschaft und die alten Freunde 
und Verehrer Beethoven's vielleicht geneigt finden dürften, 
dem berühmten Manne dadurch ein Andenken gütigst zu 
stiften, wenn sie zur leichteren Deckung seines Neffen und 
dürftigen Erben vor künftigen Nahrungssorgen eine wei- 
tere Unterstützung angedeihen lassen wollten, für deren 
gerichtliche und fruchtbringende Anlegung ich zu sorgen 
mich anzubieten wage und verpflichte. 

Ich will nicht einmal dem Gedanken Raum geben, 
dass die so grossmüthige Philharmonische Gesellschaft bei 
der Geltendmachung ihres Anspruches verharren werde, 
muss aber doch die Bemerkung beifügen» dass eine solche 
Schenkung, selbst wenn die Identität des geschenkten, 
bereits übergebenen Gutes erweislich wäre, gesetzlich nicht 
widerrufen werden könnte, und ich bin gewiss, dass der 
- Richter nicht gegen die Nachlassenschaft sprechen könnte ; 
aber selbst Gerichtskosten und Verzögerungen würden 
mich bei dem geringen Verlassenschaf ts-Stande in noch 
grössere Verlegenheit setzen, besonders da ich noch, und 
zwar nicht unbedeutende, Abhandlungskosten, gesetzliche 
Legate, Mortuar- und Erbsteuer und rechts freund liehe Aus- 
lagen zu bestreiten haben werde. 

Um endlich der Philharmonischen Gesellschaft auch 
darüber Aufklärung zu verschaffen, dass Herr Ludwig 
v. Beethoven selig vor seinem Tode überfeine Dürftig- 
keit klagte, und zu der hochherzigen Philharmonischen 
Gesellschaft seine Zuflucht nahm, glaube. ich dieselbe da- 
rin finden zu können, weil Beethoven seinen Neffen als 
seinen Sohn und Pupillen betrachtete, für dessen Unter- 
halt er sorgen zu müssen glaubte, weshalb er auch, wie 
mit Zuverlässigkeit gesagt werden kann, jene sieben 
-Stück Actien der Österreichischen privilegirten National- 
Bank, die er im Testamente zum Unterhalte des ihm 
theuer gewesenen Neffen bestimmte, nicht mehr als sein, 
sondern als des Neffen Eigenthum betrachtete, bei seiner 
Redlichkeit und Religiosität wohl wissend, dass ihm die 



schwere Last der Sorge für seinen armen Neffen obliege r 
für den er sein Leben geopfert hätte. 

Ich darf mit voller Gewissheit sagen, dass Ludwig 
v. Beethoven 's Manen dadurch das schönste Opfer gebracht, 
und seinem sehnlichsten Wunsche, den er durch seine 
ganze Lebenszeit so werkthätig dargethan hat, am meisten 
entsprochen würde, wenn seinem verlassenen Neffen, für 
den ich mich, wenn ich mit Glücksgütern begabt wäre, 
und wenn ich nicht andere Verpflichtungen für meine 
Angehörigen hätte, auch in dieser Beziehung gern auf- 
opfern möchte, eine solche Hilfe und Unterstützung ver- 
schafft würde, dass er vor künftigen Nahrungssorgen ge- 
sichert wäre. 

Ich hoffe. Euer Wohlgeboren werden meine gute, ge- 
wiss redliche, Absicht nicht verkennen, und mich deshalb 
um so mehr entschuldigen, als ich Ihnen die Versicherurig 
ertheilen kann, dass ich aus blosser Zuneigung für den 
Neffen des grossen Mannes mich der Pflicht der vormund- 
schaftlichen Sorge unterzogen habe, worüber Ihnen Herr 
Rau, so wie über meinen Charakter nähere Auskunft er- 
theilen kann. 

In der Hoffnung, dass ich unmittelbar, oder durch 
Herrn Rau bald mit einer geneigten und günstigen Ant- 
wort werde beglückt werden, gebe ich mir die Ehre, mich 
und meinen Pupillen Ihrer Gewogenheit bestens zu em- 
pfehlen, und mich mit aller Hochachtung zu zeichnen 

Euer Wohlgeboren 

gehorsamster Diener , 
Jacob Hotschebar 

K. Hofconcipist, 
wohnhaft am alten Fleischmarkte Nr. 695, 

Hierzu schrieb Rau: 

Wien, den 10. Februar 1828. 

Lieber Freund! 
Ich übersende Dir hiermit ein Schreiben von ^ dem 
Curator der Beethoven'schen Verlassenschaft. Du wirst 
daraus ersehen, dass die gerichtlichen Verhandlungen sich 
ihrem Ende nähern. Ich wurde von Amtswegen aufge- 



— 174 — 

fordert, eine Erklärung über die von der Philharmonischen 
Gesellschaft eingeschickten iqoo Fl. zu geben. Da ich 
aber von Dir nichts Weiteres erfuhr und auch keine Ver- 
bindlichkeit für mich ohne Instruction übernehmen wollte, 
so bat ich um Aufschub, bis eine Antwort und Aufklä- 
rung hierüber von Dir erfolgt. Das Schreiben des Cura- 
tors wird Dich au fait des Ganzen setzen. 

Im Vertrauen! Kannst Du eine Verzichtleistung auf 
<iie tooo Fl. bewirken, so wird manche Unannehmlichkeit 
und vielleicht ein Process beseitigt. Selbst Dr. Eitz und 
Baron Eskeles meinen, dass der Beweis, dass die vorge- 
fundenen iooo Fl. gerade die von der Gesellschaft ein- 
geschickten waren, um so schwerer zu führen sei, da seit 
tier Zeit der zur Inventur beordnete Hofrath Breuning 
mit Tod abging. — Sollte jedoch gegen alles Vermuthen 
das Geld zurückverlangt werden, so muss von der Phil- 
harmonischen Gesellschaft eine legalisirte Vollmacht 
für den Dr. Eitz eingeschickt werden, damit er im Wege 
Rechtens auf Kosten der Gesellschaft seine Ansprüche 
geltend mache. — Diese Procedur könnte übrigens die 
ganze Summe aufzehren. — Ich bitte um baldige und 
bestimmte Antwort. 

Die ganze Familie Eskeles, WimpfFen, Ephraim etc. 
ist wohl, und alle grüssen Dich und Dein liebes Weibchen 
eben so herzlich als ich 

Dein Freund Rau. 

Moscheies conferirte hierauf mit den Directoren der 
Philharmonischen Gesellschaft und erwirkte ein still- 
schweigendes Abstehen von der Rückforderung ihres Ge- 
schenkes. Dieses in seinem ganzen Verlauf und Ausgang 
so unerquickliche Nachspiel zu Beethoven's Ende hat Mo- 
scheies viel Aerger und Kummer bereitet. Von Wien 
aus, wo man sich natürlich schämte, dass Beethoven in 
London Hilfe gesucht, hatte man ausgesprengt: Beethoven 
sei gar nicht so bedürftig gewesen; habe er doch jene 
£ 100 nicht angetastet und ausserdem noch Bankactien 
hinterlassen! Wie also habe sich Moscheies erdreisten 



— 175 — 

können, in London eine Subscription für im\zu eröffnen! 
Wie habe die Philharmonische Gesellschaft es wagen 
können, sich „unserm Beethoven" mit diesem Geschenk 
aufzudringen! Moscheies konnte sich für seine Person 
über diesen Klatsch hinwegsetzen; ihm genügte es, von 
einem Beethoven „Freund" genannt worden zu sein 
und ihm sein qualvolles Lebensende ein wenig erleichtert 
zu haben. Aber gerade seinem Andenken und der Phil- 
harmonischen Gesellschaft war er es schuldig, den That- 
bestand offen klar zu legen und jene Lästerzungen^ zum 
•Schweigen zu bringen. Dies that er denn auch in einer 
öffentlichen Erklärung, welche die Runde durch die Blätter 
machte. Die Haarlocke Beethoven's und die Aufzeich- 
nungen von seiner Hand, die Metronombezeichnungen zur 
neunten Symphonie und das Skizzenbuch, die Schindler 
ihm eingesandt, bewahrte er stets unter den heiligsten 
Reliquien. 

Will man wissen, in welchem Ansehen Beethoven's 
. Andenken und das anderer deutschen Meister in London 
stand, so darf man nur den Inhalt der Philharmonischen 
Concerte dieser Saison durchgehen. Hier einige ihrer Pro- 
gramme mit den Tagebuchs-Bemerkungen: 

Erstes Concert der Saison: Sinfonia Eroica, unter 
Spagnolettrs Leitung kräftig gegeben; das erste All° zu 
eilend. Arie Rossini gesungen von Zuchelli, recht brav. 
Hummel A-moll-Concert, gespielt von Schlesinger aus 
Hamburg. Fertig, aber nicht kräftig genug. Scene aus 
Spohr's Faust, gesungen von Miss Paton, recht brav. 
Ouvertüre Freischütz. Symphonie in C, Haydn, nicht gut 
gewählt für diesen Abend;' das Andante wieder übereilt. 
Arie aus Oberon, gesungen von Braham, aber mehr ge- 
gurgelt und geschrieen, als gesungen. Mayseder's Quar- 
tett in G. Mori erste Geige, Brillant gespielt. Terzett 
aus Figaro und Ouvertüre zu„Idomeneo" hörte ich nicht mehr. 

ZweitesConcert. Symphonie Mozart Es- dur , Arie von 
Beethoven, gesungen von Sapio. Bärmann Clarinett-Solo, 
geblasen von dem sehr braven Wilman; Miss Stephens, 
die Allbeliebte, Arie aus „Titus", zu sehr in englischer Ma- 



nier. Violin-Concert E-moll, Maurer, schön gespielt von 
Kiese wetter — eine gut gearbeitete Composition. Trio von 
Händel und Ouvertüre zu „Egmont" versäumt. Schöpfung,, 
englisch Zuchelli. C-moll-Symphonie Haydni 

Trotz dieses langen Programms mussten in beiden 
Symphonien die Trio's wiederholt werden. 

Drittes Concert. Beethoven's hinreissende C-moll- 
Symphonie und Mozart's in D. Braham. Miss Stephens, 
Phillips sangen. F. Gramer spielte Mozart's Quartett in D. 
HummeFs Septett, 

Viertes Concert. Beethoven's Symphonie in B, 
Mozart's in C und die Ouvertüre zu „Anakreon" gingen 
heute vortrefflich. Ein Duett für zwei Celli von B. Rom- 
berg, gespielt von Lindley und Sohn, war veraltet in Com- 
position und Vortrag, Curioni, Phillips und die Damen 
Caradori und Cornega sangen. Beethoven's Septett ver- 
säumt. 

Fünftes Concert. Haydn's Symphonie in C, Beet- 
hoven's in A. Kiesewetter spielte Concert von Mayseder; ich 
mein Es-dur-Concert mit Begeisterung, und wurde gut auf- 
genommen. Eine ziemlich in die Breite gezogene, aber sonst 
gut gearbeitete Ouvertüre von G., einem jungen englischen 
Componisten, wurde gegeben. Mmes. Caradori und Cor- 
nega, desgl. Galli und Begrez sangen. 

Siebentes Concert. Haydn's Symphonie Es, Beet- 
hoven Pas t oral. Liszt spielte HummeFs H-moll- Concert. 
mit seltener Fertigkeit, doch zu rastlos. De Beriot, ein 
eigenes Concert, schon. Mme. Caradori, Braham, Galli 
sangen. 

Achtes und letztes Concert. Symphonie von Beet- 
hoven F, Mozart D, Violin-Quartett von Mozart, gespielt, 
von Kiesewetter, (damals schon sehr leidend, wenige Mo- 
nate spater durch den Tod von einer qualvollen Existenz, 
erlöst), Oury, Moralt und Lindley. William Beale, Schüler 
von Cramer, spielte sein D-moll-Concert in seinem mode- 
rirten Styl. Mme. Caradori und Stockhausen sangen;, 
letztere besonders schön. Diese liebenswürdige bescheidene 
junge Frau, die es so ernst mit der Kunst meinte, war 



— 177 — 

schon ein Liebling des Publicum s, dabei aber in ihrer Be- 
scheidenheit und Strebsamkeit ein nachahmungswerthes 
Beispiel für jede junge Künstlerin. Als sie nach London 
kam, sang sie kaum mehr als die Schweizerliedchen ihrer 
Heimath mit ihrer lieblichen, glockenreinen, modulations- 
lähigen Stimme. Mit ihren Liederchen hatte sie schon in 
den pariser Salons Furore gemacht, hatte aber auch dort 
ernste Studien begonnen. Als sie am Ende des pariser 
Winters nach London ging und Engagements suchte, 
fehlte es dort an einer C oncert-Oratorien-Sän gerin , und 
Sir George Smart, der ihr Talent sogleich richtig erkannte 
erbot sich, ihr den englischen Text in seiner richtigen 
Gesangs-Aussprache einzustudiren, belehrte sie auch über 
gewisse herkömmliche Vortragsmomente in Haydn'schen und 
HändeTschen Oratorien, an denen die Engländer, wie bereits 
früher bemerkt, traditionell festhalten. Sir George fand 
bald, dass aus der gelehrigen Schülerin eine Meisterin ge- 
worden war, eine unentbehrliche Stütze der londoner, so- 
wie der grossen Provinzial-Musikfeste. Die berühmte 
Sängerin blieb aber liebenswürdig und bescheiden wie sie 
gewesen war, und hielt es nicht unter ihrer Würde, durch 
ihre Schweizerliedchen zu entzücken, wie grossartig sie 
auch im Oratorium auftrat. 

Weiter berichtet Moscheies: „Wir Künstler gaben 
eine speisende, toastende, mit Musik durchwebte Festlich- 
keit für den alten Giemen ti. Wir waren neunzig Perso- 
nen ; jeder zählte eine Guinee für das Couvert, nur Clement! 
war unser aller Gast. Cramer und ich empfingen ihn in 
einem Zimmer allein, und erst als die ganze Gesellschaft 
sich versammelt hatte, führten wir ihn zu dieser, und hal- 
fen ihn mit einem Sturm von Applaus begrüssen. Er sass 
zwischen dem an der Tafel präsidir enden Sir G. Smart 
und mir. Nach dem Essen begannen die Toaste, mit Mu- 
sik durch webt, und nachdem Manche unter uns das Ihrige 
geleistet, wurde bei Gelegenheit des Toastes auf das An- 
denken Händers der Wunsch ausgesprochen, Dementi, der 
Vater des Clavierspiels , möge doch heute die Tasten be- 
rühren. Donnernder Applaus. Clementi steht von seinem 

Moscheles* Leben. 12 



— 178 — 

Sitz auf, Smart, Cramer und ich geleiten ihn an's In- 
strument, Alles ist in der grössten Spannung; denn Cle- 
menti ist seit Jahren von Niemandem gehört worden; nun 
will er spielen, Alles horcht begierig. Er phantasirt über 
ein Motiv von Händel und reisst uns Alle zur Begeiste- 
rung hin; seine Augen erglänzen im Feuer der Jugend, 
die der Hörer werden feucht. Er kehrt unter stürmischem 
Applaus und warmen Händedrücken an den Tisch zurück. 

Clementi's Spiel war in seiner Jugend durch die 
schönste Verbindung der Tone, durch einen perlenden 
Anschlag in beweglichen Passagen und die sicherste Tech- 
nik ausgezeichnet. Noch heute erkannte und bewunderte 
man die Ueberbleibsel dieser Eigenschaften, ward aber 
ganz besonders durch die jugendlich genialen Wendungen 
seiner Improvisation entzückt. Frau Clementi mit meiner 
Frau und anderen Damen hatten von einer Galerie herab 
dieses schöne Fest mitgemacht." 

Am Tage dieses Diner/s schreibt Moscheies in einem 
Brief: „Ich will nur einen Gruss aufs Papier werfen, denn 
noch vor dem grossen Fest lechzen hier im Nebenzimmer 
^ehn steife Finger nach mir, dass ich sie in Bewegung 
setze, wie vertrocknete Mühlräder nach Wasser lechzen." 

Cramer schrieb in dieser Zeit seine „Reminiscences of 
England", eine Phantasie über englische Motive, „solid und 
g-ut gearbeitet ," sagt Moscheies, „aber leider weder neu, 
noch genial." Hummel wollte seine neue Cla vierschule in 
England verlegen, und ich unterhandelte für ihn, sah die 
Sache jedoch daran scheitern, dass er den Preis auf £ 150 
festgesetzt, die Verleger aber nur £ 100 geben wollten." 
Eine Erfindung, die Flügel durch eine Vorrichtung am 
Stimmstock, welche gerückt wurde, mit einem Male hoher 
oder tiefer zu stimmen, ward in dieser Zeit gemacht, doch 
nicht praktisch befunden. 

In der Oper debütirte wahrend dieser Saison der 
Sänger Galli und zwar mit entschiedenem Beifall; eine 
italienisirte Engländerin, Miss Ayton, hingegen gurgelte 
nur italienisch, detonirte aber englisch. Oberon wurde 
fortwährend im Coventgarden-Theater gegeben, daneben 



— 179 — 

auch „Die Entfuhrung aus dem Serail", hier „The Se- 
raglio" genannt, aber nicht unverfälscht Mozartisch, wie 
wir Deutschen sie kennen, nein, ganze Stücke herausge- 
schnitten und andere populär-englische eingelegt — eine 
schauderhafte Entweihung! „Der Verbrecher, der dies 
pasticcio auf dem Gewissen hat, ist der Kramer aus Brigh- 
ton, Director der königlichen Capelle. Einigen Ersatz für 
-die musikalische Unbill des Abends gaben die reichen oft 
überraschend schönen Decorationen." 

Moscheies spielte bei der Herzogin von Kent in Ken- 
sington-Palace im Hofzirkel. „Die kleine Prinzess Victoria 
war zugegen, und die Herzogin ersuchte mich, sogleich 
zu spielen, damit die Prinzessin, die früh zu Bette gehen 
müsse, mich noch hören könne. Wirklich verlies s sie nach 
meinem zweiten Stück die Gesellschaft. Ich musste viel 

■w 

auf einem Broadwood spielen, und auch der Herzogin von 
Kent ein Lied von Beethoven, ihr und der Prinzess Feo- 
dora ein Duett aus Zelmira begleiten. Die Herrschaften 
interessirten sich freundlich für mein Spiel, aber am 
meisten, glaub' ich, für die Improvisation über einige der 
so modernen Tyrolerlieder , da die Herzogin die Tyroler 
hat zweimal bei sich singen lassen." 

Zur Ergänzung seien hier einige Mittheilungen einge- 
flochten, die wir den Briefen der Frau entnehmen. „So 
ein Tag wie der vorgestrige kommt zum Glück nur sel- 
ten für meinen armen Mann; erst die unvermeidlichen 
neun Lectionen, dann das Diner der Royal Society of 
Musicians, wo er spielte, und zum Schluss eine Soiree 
bei Sir Richard Jackson, die bis zwei Uhr dauerte. 
Ueber andere Soireen schreibe ich Euch nicht, denn 
alle gleichen einander mehr oder minder. Ob nun bei 
Rothschilds auf „eitel Gold" servirt wird, das trägt nicht 
zum Amüsement bei. Eins fiel mir beim Marquis of Hert- 
ford auf, dass nämlich das ganze Haus, von der Treppe an, 
bis durch die Salons hin mit einem und demselben Teppich 
belegt und mit demselben kirschrothen Seidendamast 
möblirt und behangen ist. Das hatte ich noch nie gesehen/ 4 

In dieser Zeit erschien Heinrich Heine in London. 



— 180 — 

^ 

Er war mit der Familie der Frau, während seines Auf- 
enthaltes in Hamburg bekannt, dann durch ein doppeltes 
verwandtschaftliches Verhältniss befreundet worden. Na- 
türlich hatte man in der kaufmännischen Stadt nicht so- 
gleich sein Genie erkannt, ahnte es nicht, wie der schmach- 
tende Jüngling sich entfalten würde, Gar Manche verarg- 
ten es ihm, dass er nicht zu jenen bequemen Naturen ge- 
hörte, denen das Geschäftspult eines reichen Onkels die 
sichere Leiter zum Throne eines Goldherrschers wird. 
Er aber war Dichter und musste es bleiben; so behielt er 
von seinen kaufmännischen Studien nichts übrig als den 
Abscheu davor, und die wunderschöne Handschrift,*) 

*) Wie er über diese Hamburger Kreise dachte, zeigen folgende 1830 
in Hamburg gedichtete Strophen, welche er in Frau Moscheles* Album schrieb : 

Dass ich bequem verbluten kann, 
Gebt mir ein weites edles Feld! 
O lasst mich nicht ersticken hier f 
In dieser engen Krämerwelt 1 

Sie essen gut, sie trinken gut, 
Erfreu'n sich ihres Maulwurfiglücks j 
Und ihre Grossmuth ist so gross. 
Als wie das Loch der Armenbüchs\ 

Cigarren tragen sie im Maul, 
Und in der Hosentasch* die Händ*, 
Auch die Verdauungskraft ist gut — 
Wer sie nur selbst verdauen könnt! 

O, dass ich grosse Laster säh\ 
Verbrechen blutig, colossal — 
Nur diese satte Tugend nicht, 
Und zahlungsfähige Moral! 

Ihr Wolken droben, nehmt mich mit, 
Gleichviel, nach welchem fernen Ort — 
Nach Lappland oder Afrika, 
Und sei's nach Pommern, immer fort! 

O nehmt mich mit! — Sie hören nicht — 
Die Wolken droben sind so klug! 
Vorrüberreisend dieser Stadt 
Aengstlich beschleunigen sie den Flug, 

H. Heine. 



Als seine Reisebilder erschienen, bluteten einige nicht 
zu verkennende Persönlichkeiten unter der Geisselung des 
rücksichtslosen Dichters und wollten ihm übel; ferner 
Stehende ergötzten sich an der treffenden Satire, und ein- 
stimmig fühlte man, dass es solche Prosa noch nicht gebe. 
Heine's Deutsch war ein klarer, sonnenheller Quell, in dem 
sich seine Gedanken fasslich für Jedermann spiegelten; die 
Aus drucks weise so mancher seiner Zeitgenossen glich eher 
einem von dicht verwachsenem Gestrüpp umdüsterten Weiher. 

Auch nach England war natürlich der Ruf des merk- 
würdigen Mannes gedrungen und kein Wunder war es, 
dass sein Erscheinen in der londoner Gesellschaft Auf- 
sehen erregte. Die Frau berichtet : „Meine alte hamburger 
Bekanntschaft Heinrich Heine ist nun auch hier, und na- 
türlich wird uns der berühmte, interessante Mann stets 
eine höchst angenehme Erscheinung im Hause sein; er 
kommt auch oft ungebeten zu Tische, was mich glauben 
lässt, dass er gern mit uns vorlieb nimmt. Man kann 
sein Genie nur anstaunen, sich an seinen Schriften nur 
ergötzen; doch kann ich mich eines Anflugs von Furcht 
vor seiner treffenden Satire nicht erwehren. Gleich bei 
seinem ersten Besuch hatten wir Beide ein komisches Ge- 
spräch mit einander; ich weiss nicht, wo ich den Muth 
hernahm; aber als er mir erzählte, was er zu sehen 
wünsche, sagte ich: „Dazu und zu allen Privatgalerien 
und Parks, zu allen öffentlichen Gebäuden kann ich Ihnen 
Einlasskarten verschaffen und mache mir es zur Ehre; 
nur verlange ich etwas dafür, und möchte einen Pact 
darüber schliessen." Natürlich sollte ich mich näher er- 
klären und Hess mich nicht lange bitten. „Ich möchte", 
erwiderte ich, „dass Sie in dem Buche, welches Sie jetzt 
über England schreiben werden, Moscheies nicht nennen.** 
Nun war er erst recht erstaunt und ich erklärte weiter: 
„Moscheies' Specialität ist die Musik, die interessirt Sie 
vielleicht, aber Sie haben doch kein besonderes Verständ- 
niss dafür, können also nicht eingehend darüber schreiben. 
Dahingegen könnten Sie leicht irgend einen Anhalt für 
Ihre genialisch satirische Ader an ihm finden und den 



t 



— 182 — 

bearbeiten, das mochte ich nicht." Er lachte oder schmun- 
zelte vielmehr, auf die ihm eigenthümliche Weise, und 
dann gaben wir uns den Handschlag, er auf Hinweglassung 
unseres Namens, ich auf Besorgung von Einlasskarten* 
Um gleich mit der Erfüllung meines Versprechens zu be- 
ginnen, schrieb ich sofort um eine Einlasskarte zu den be- 
rühmten Raphaelas." 

In einem späteren Brief sagt die Frau: „Heine ging 
mit uns im Grosvenor- Square Garten spazieren, wozu uns- 
*** den Schlüssel gaben, und machte die witzigsten Be- 
merkungen über die vielen Schornsteine, die Einem in so- 
einem Häuserviereck allerdings doppelt auffallen. . . Vor 
ein paar Tagen kam er so durchnässt im Hause an, dass- 
ich ihn hinaufschickte — sich in Moscheles* trockene 
Chaussure zu stecken, und als er diese kurz vor seiner 
Abreise zurückschickte, schrieb er folgendes Billet dazu: 

„Im Begriff, abzureisen, schreibe ich Ihnen ein heiteres- 
Lebewohl, und danke bei dieser Gelegenheit für die freund- 
schaftliche Theilnahme, die Sie mir beide gezeigt. Ich be- 
dauere, dass ich vorgestern Madame Moscheies nicht zu 
Hause fand ; Sie, Herr Moscheies, waren „engaged" und ich 
wollte Sie nicht abrufen lassen. 

Ich bin beim Kofferpacken, und schicke daher endlich 
die geborgten Schuh und Strümpfe. Herzlich lachend er- 
bitte ich mir die als Depositum gelassenen Stiefel und den 
zweiten Reisebilder-Band. Ist es mir nur möglich, so sehe 
ich Sie noch einmal und sage Ihnen mündlich, dass ich 
Sie sehr, gar sehr schätze und liebe. 

Ihr ergebener 

32 Craven-Street-Strand H. Heine. 

July 1827." 

Carl Klingemann, der Freund Mendelssohn's, der be- 
gabte Dichter kam in diesem Jahr als Secretär der han- 
növer'schen Gesandtschaft nach London und ward schon 
nach einigen Wochen Hausfreund bei Moscheies. Wer 
kennt nicht seine reizenden, von Mendelssohn componirten 




- i8 3 - 

Texte? Für das Haus Moscheies war er aber nicht nur 
. als Dichter und Freund, sondern auch als Tenor sänger 
und musikalische Natur, als gesunder Beurtheiler musi- 
kalischer Schöpfungen unentbehrlich geworden; so bestand 

w 

die Freundschaft ungetrübt fort (es gesellte sich später 
sogar noch ein verwandtschaftliches Verhältniss dazu), bis 
der Tod Klingemann dahinraffte. 

Der brave Geiger Oury gab in dieser Saison Kam- 
mermusiken; de B6riot und Cramer glänzten, und der 
neunjährige Schüler Paganini's, Camillo Sivori, tauchte auf, 
„ein wahres Wunder an Kraft, Reinheit und sinnigem 
Vortrag." 

Es wird in dieser Zeit viel über die Reise des Vaters 
und der Schwester nach London correspondirt, und Mo- 
scheies schreibt: „Wir haben reichlich Platz für Sie Beide, 
sollten Sie ihn aber zu beschränkt finden, so ist der in 
unseren Herzen um desto geräumigerr Auch sollten Sie 
den Jungen sehen, wie er an mir herauf klettert und mir 
ein obligates Accompagnement in den Brief hineinschwatzt 
— das würde Sie auch anziehen, denn er ist jetzt aller- 
liebst." Ein andermal, wo er über die Hitze in London 
klagt, sagt er: „Wenn Charlotte artig ist, bekommt sie 
zur Erfrischung Eis zu essen, das heisst also, sie muss 
alle Tage Eis essen/' 

Endlich kamen die lieben Gäste, und bald konnte die 
hilfreiche Schwester ein kleines Mädchen, ein erstgebore- 
nes Töchterchen über die Taufe halten. Die Freude im 
Hause über dies Ereigniss war um so grösser, als Mutter 
und Kind sich durchaus wohl befanden und Moscheies, 
aller Sorge enthoben, frisch an seine Phantasie über 
schottische Themen gehen konnte ; er wollte noch in diesem 
Winter nach Schottland und in dieser Phantasie zeigen, 
wie er die Nationalmelodien kenne und würdige, noch ehe 
er das Land bereiste* 

Hier, wie bei ähnlichen Gelegenheiten tritt die bren- 
nende Frage des Alleinreisens störend zu Tage, bis si£ 
sich endlich zur Befriedigung der Ehegatten, trotz der 
rauhen Jahreszeit und trotz der beiden kleinen Kinder, 



— 184 — * 

die man nicht allein lassen will, in „Zusammenreisen" auf- 
löst. Der ärztliche Freund hat seine Zustimmung gege- 
ben und das Resultat ist ein ungestört glückliches, Sie 
gehen zuerst nach Liverpool, wo Moscheies, von dem 
Concertunternehmer Mr. Wilson engagirt, mit dem ge- 
wohnten Beifall spielt; ebenso in Chester, immer in Ge- 
sellschaft von Mori, Phillips, Miss Paton und Mrs. Atkin- 
son. Das schönste Wetter begleitet sie, und sie können 
in vollen Zügen die klare reine Luft im Gegensatz zu der 
drückenden londoner Atmosphäre gemessen." So endet 
das Jahr 1827. 



1828. 

Am 1. Januar nach Liverpool zurückgekehrt, spielte 
Moscheies hier am 2: im Subscriptions-Concert, und trat 
am nächsten Morgen mit Frau und Kindern bei . Schnee 
und Eis die Reise nach Edinburgh an, wo sie nach sechs- 
undzwanzigstündiger Fahrt glücklich ankamen. 

3. Januar : „Der gestrige Gang durch" die Stadt über- 
raschte mich auf jedem Schritt. Die alten, mitunter 
sechszehnstöckigen Häuser, von lauter unbemittelten Fa- 
milien zimmerweise bewohnt, bieten Nachts durch die, 
wenn auch noch so schwache Beleuchtung jedes Fensters, 
den Anblick einer Art Illumination. Als ich auf dem 
Viaduct stand, welcher die Alt- und Neustadt verbindet, 
hatte ich links diese alten Häuser, rechts die herrliche 
Princes Street und den ganzen neuen Stadttheil, der eben 
jetzt im Entstehen ist, und der aus einer Anzahl von Cres- 
cents- Squares und Strassen mit vielen schönen palastähn- 
lichen Häusern, alle aus Quadersteinen, bestehen wird. 
Solcher Bauten sieht man viele auch in anderen Städten, 
aber Princes Street ist gewiss einzig, in ihrer Art. Strasse 
auf einer ihrer Langseiten, ist sie Gartenanlage auf der 
anderen; auch das sieht man zwar in London; dass aber 
ihre Häuserseite rechtwinklig durch Hügelstrassen durch- 



schnitten wird, von denen aus man einen Blick auf den 
Seearm „Frith of Förth" hat, und dass mitten in ihren 
Gartenanlagen das alte Schloss Edinburgh-Castle hoch 
auf einem Felsen liegt, das ist originell, imposant und 
überraschend. Bei meinem Abendspaziergang' sah ich ein 
von der Wache abgelöstes Highlander Corps in der Na- 
tionaltracht von dem erleuchteten Schlosse herabsteigen 
und dicht an mir vorbeimarschiren , wobei ich auch die 
echt schottische Musik von drum and fife (Trommel und 
Pfeife) genoss." 

Die vor der Ankunft gemiethete Wohnung in Fre- 
derick Street (einer jener Hügelstrassen,) bot auch eine 
grosse Sonderbarkeit dar. Sie bestand in einem erhöhten 
Parterre, das unter dem Nachbarhause hinlief, dem sich 
aber keine zu oberen Etagen führenden Treppen an- 
schlössen; das Nachbarhaus hingegen hatte gar kein 
Parterre, und der Eintretende fand erst eine Treppe hoch 
eine Klingel, die ihm Einlass in die erste Etage verschaffte. 
Hausthüre und Treppe standen ganz offen. Dieselbe selt- 
same Bauart zeigte sich bei vielen anderen Häusern. 

Diese Winterreise, welche zu künstlerischen Zwecken 
vorbereitet und unternommen war, stiess auf ein grosses 
Hinderniss, Eine italienische Operngesellschaft, der eine 
bedeutende Subscriptionsliste vorausging, war auch so- 
eben in Edinburgh angekommen und hatte, unbekümmert 
um das schon angekündigte Concert von Moscheies, den- 
selben Abend zu ihrer Vorstellung bestimmt, absorbirte 
also Orchester und Publicum. Zwar wurde es wahr, was 
die Künstler behaupteten: Man werde mit Proben des 
Localchors und Orchesters bis zum anberaumten Tage 
nicht fertig werden, Moscheies solle den übrigens günstigen 
Concerttag also nicht verändern. Da die Opern- Vorstellung 
aber erst am selben Tage abgesagt wurde, so that sie 
dem Concert doch Eintrag, und da das Orchester und sein 
tüchtiger Director noch am Concertmorgen Theaterprobe 
hielten, so plagte sich Moscheies mit einigen zusammen- 
gewürfelten Musikern, „unter denen die Bläser (grössten- 
theils Regimentsmusiker) im Highland -Kilt mit unbe- 



kleideten Knieen erschienen und leider ihre Sache recht 
schlecht machten." 

Da Moscheies bei dem Publicum, das zwei Drittel des 
Saals füllte, Furore machte, und seine Phantasie „The An- 
ticipations of Scotland" jubelnd aufgenommen wurde, so 
rügten alle Zeitungen einstimmig die geringe Theilnahme 
für sein Concert. Dieser Appell an die Ehre der Edin- 
burgher wirkte denn auch: zu den beiden folgenden Con- 
certen strömte das Publicum um so zahlreicher heran. 

Von grösserem Interesse aber sind die Notizen über 
Sir Walter Scott, den Moscheies damals kennen lernte. Man 
bedenke nur, dass diese Bekanntschaft in eine Zeit fallt, wo 
die Lese weit ihn schon als den „grossen Unbekannten" ent- 
deckt hatte und sich beeiferte, ihm den Dank für die 
ganz originelle Leetüre, die er dargeboten, abzutragen. 
Die bis dahin am meisten gelesenen Romane ergingen 
sich in Sentimentalität. Die Romane der sehr beliebten 
Miss Austin und Miss Edgeworth verfielen nicht in diesen 
Fehler, bewegten sich aber in einer engen Welt und 
schilderten nur Zustände des Familien- und Gesellschafts- 
lebens. Scott war der erste, der historisch interessante 
Persönlichkeiten als Menschen von Fleisch und Blut han- 
delnd und selbstredend auftreten Hess; dazu wählte er 
seine meisten Episoden aus der ziemlich unbekannten 
schottischen Geschichte und verflocht sie, wenn auch nicht 
ganz getreu, doch anziehend in seine Erzählungen. Be- 
denkt man dies Alles, so wird man es begreiflich finden, 
dass er in jener Zeit als grosster Romandichter dastand, 
und dass der Geschmack der Damenwelt, der seitdem von 
einem Eugene Sue, einem Alexandre Dumas und einem 
Wilkie Collins aufgestachelt und in andere Bahnen 
gedrängt worden, damals das grösste Wohlgefallen 
an Scottfs verhältnissmässig einfachen Schilderungen 
fand. 

Sein Billet, das den soeben eingesandten Empfeh- 
lungsbrief des Moscheles'schen Ehepaars beantwortete, 
ward natürlich mit grosser Freude aufgenommen. Da 
ihn die Gicht an's Haus fesselte — hatte er geschrieben — 




* 



- 187 - 

■ 

so möchten sie ihm das Vergnügen machen, bei ihm 
zu frühstücken, statt seinen Ausgang abzuwarten. 

Am andern Morgen um 10 Uhr klopfen sie denn auch 
an das Haus Nr. 6 Shandwick Place, wo der berühmte 
Mann mit seiner zweiten, unverheiratheten Tochter zur 
Winterszeit wohnte. „Er öffnete selbst," erzählt Mo- 
scheies, „den kurzen und noch dazu gichtigen Fuss auf 
seinen Stock gestützt, und bewillkommte uns mit herzge- 
winnender Freundlichkeit. Ehe wir abgelegt hatten, war 
schon die „Furcht" meiner Frau vor dem grossen Manne 
verschwunden und wir beide vollkommen zu Hause. Es 
ging nun gleich an das Mahl, ein echtes Scotch breakfast; 
zwei gepuderte Diener trugen es im elegantesten Silber- 
geschirr auf; die Würze jeder Speise aber war die Unter- 
haltung mit dem heiter belebten liebenswürdigen Haus- 
herrn. Er versteht deutsch und ist in unserer Literatur 
vollkommen bewandert, ein warmer Verehrer Göthe's. 
Dann erzählte er Anecdoten, denen zu Folge seine wenig 
musikalische Natur allerlei Niederlagen erlitten haben 
sollte. „And how do you like my cousin the piper?" 
fragte er mich. „You know, we Scotch are all cousins." 
(Und wie gefällt Ihnen mein Vetter, der Dudelsack- 
pfeifer? Sie wissen, wir Schotten sind Alle aus einer 
Vetternschaft.) Ich konnte mich freilich nicht für die 
Sackpfeifer begeistern, und das hatte er vermuthet, meinte 
aber, der Effect dieser Nationalmusik auf eingeborene 
Bergsc hotten sei wunderbar; sie stürzten sich in den 
Strassen Edinburghs dem herumwandernden piper nach, 
und im Kriege sei eben diese Musik bis zum Todesmuth 
begeisternd. „You should hear my cousin the piper play 
and sing the Pibroch o* Donald Dhu, but with the gaelic 
words." (Sie sollten meinen Vetter* den Pibroch — ein 
Schlachtgesang — mit Begleitung der Sackpfeife singen 
hören, aber mit dem gaelischen Text!). Dieser Text ge- 
höre dazu, damit Feuer durch alle Adern ströme, aber die 
Melodie allein sei auch schon fortreissend. Er fing an, 
sie zu singen, und schlug dabei mit dem Stock, den er 
nie weglegte, den Takt auf den Teppich, meinte dann 



aber, es ginge nicht recht, er singe zu schlecht; eine eben 
eingetretene Cousine müsse mir oben die Melodie vor- 
spielen. Wir gingen hinauf, sie spielte mir das Motiv, ich 
improvisirte darüber und gewann mir das jugendlich 
frische Herz meines Wirthes. Es mussten mir immer 
mehr schottische Weisen gespielt werden, ich musste sie 
spielen, variiren, verweben, verflechten. Endlich schieden 
wir nach glücklich verlebten Stunden, und doppelt glück- 
lich, weil sie nicht blos interessant waren, sondern weil 
die Herzensgüte, die Scott auf dem Gesicht geschrieben 
steht, auch aus jedem seiner Worte spricht. Meine Frau 
behandelte er wie ein liebes Töchterchen, küsste sie beim 
Weggehn auf die Wange und sagte, er komme bald, um 
die Kinder zu sehen und ihnen ein Buch zu bringen. Es 
waren seine „Tales of agrandfather" („Erzählungen des Gross- 
vaters"), für seinen Enkel John Lockhardt geschrieben. In das 
Exemplar, das er den Kindern schenkte, schrieb er die 
Worte: „To Adolphus and Emily Moscheies fromthe Grand- 
father (An Adolph und Emily Moscheies vom Grossvater.)" 
Leider ward er von Stunde an wieder durch die Gicht 
gefesselt, und diesmal an's Bett. Bis zum dritten Concert, 
das eine Matinee war, ging es besser, und zur Verwun- 
derung der fashionablen dicht gedrängten Versammlung, 
trat Sir W. Scott kurz vor Anfang des Concertes ein. 
„Meine Frau", sagt Moscheies, „sass wie gewöhnlich bei 
meinen Concerten, in einem versteckten Winkel des Saales, 
aber er fand sie gleich, und setzte sich zu ihr, was so viel 
bedeutete, als der beneidete Augenpunkt der ganzen ver- 
sammelten Damenwelt zu werden. Seine lauten Bravo's, 
sowie die Lobeserhebungen, in die er bei meinem Spiel aus- 
brach, vermehrten diese Erregung, bis sie bei den Scotch 
airs ihren Culminationspunkt erreichte. Im Zwischenact 
fragte er sie, ob sie Bürgels, „Der Dichter liebt den 
guten Wein" kenne, und auf ihre Bejahung erzählte er, 
wie sehr ihm das Gedicht gefalle und wie er es in's Eng- 
lische übersetzt habe, hinzusetzend: Would you like to 
have it? I shall send it you. („Möchten Sie es haben? Ich 
werde es Ihnen zuschicken.") Auf ihre weitere Bitte, er 



— 18g — 

möge ihr das Lied deutsch hersagen, ging er zu ihrer 
grössten* Freude bereitwillig ein, während die Nächst- 
sitzenden aufhorchten." 

Am folgenden Tage, dem letzten vor ihrer Abreise, 
bekam sie folgendes Billet von ihrem greisen Verehrer: 

My dear Mrs. Moscheies. 

As you are determined, to have me murder the pretty 
song twice, first by repeating it in bad german and then 
by turning it into little better english, I send the promised 
Version. 

My best wishes attend your journey, and with best 
compliments to Mr. Moscheies I am truly and 

respectfully yours 
Walter Scott. 

(„Meine liebe Mme* Moscheies! Da Sie^ entschieden 
wünschen, dass ich das hübsche Lied zweimal morde, erst 
indem ich es in schlechtem Deutsch hersage, dann indem 
ich es in wenig besseres Englisch kleide, so sende ich 
Ihnen die versprochene Version, Meine besten Wünsche 
begleiten Sie auf Ihrer Reise und indem ich mich Herrn 
Moscheies freundlichst empfehle, bin ich aufrichtig Ihr 

ergebener W. Scott.**) 

„Seine Unterschrift sah aus wie Waller Scoll, da er 
die Gewohnheit hatte, nie einen T-strich zu machen, eben- 
sowenig I- punkte, und doch war er Clerk (Secretair) des 
Gerichtshofes, und wir hatten den Spass, ihn noch Tages 
vor unserer Abreise dort am grünen Tisch unter einem 
Wust von Acten sitzen zu sehen." 

Moscheies hatte ihm sein Album mit der Bitte um 
einen Beitrag übersandt, und Scott hatte darin folgendes Ge- 
dicht von Grillparzer gefunden: 

Tonkunst, dich preis* ich vor Allen, Aber du sprichst höh're Sprachen, 
Höchstes Loos ist dir gefallen, Die kein Häscherchor versteht, 

Aus der Schwesterkünste drei, Ungreifbar durch ihre Wachen 

Du die freiste, einzig frei. Gehst du, wie ein Cherub geht. 

Denn das Wort, es lässt sich fangen, Darum preis' ich dich vor Allen 
Deuten lässt sich die Gestalt; In so ängstlich schwerer Zeit; 

Unter Ketten, Riegeln, Stangen Höchstes Loos ist Dir gefallen, 
Hält sie menschliche Gewalt. Dir, und wer sich dir gtweiht. 



— 190 — 

Dieser Aufschrei eines durch die österreichische Cen- 
sur geknechteten, in seinem Ringen für sein Volk ein- 
geengten Dichters, muss Scott's Sympathieen erweckt 
haben; denn als er, schon nach wenig Stunden, das Album 
zurückschickte, enthielt es folgende Uebersetzung des 
Grillparzer'schen Gedichtes mit der Ueberschrift: „I am 
afraid, Mr. Grillparzer's verses and Mr. Moscheles' valuable 
Album are only disgraced by the following rude attempt 
of translation." (Ich fürchte, Herrn Grillparzer's Verse und 
Herrn Moscheies' werthvolles Album sind durch den bei- 
folgenden rasch hingeworfenen Uebersetzungsversuch nur 
entweiht worden.) 

Of the nine the loveliest three 
Are painting, music, poetry 
j, But thou art freest of the free 
Matchless muse of harmony. 

Gags can stop the poets tongue 
Chains on painters arms are flung 
Fetter bolts and dungeon tower 
O'er pen and pencil have their power. 

But music speaks a loftier'tone 
To tyrant and to spy unknown 
And free as angels walk -with men 
Can pass unscathed the gaoler's ken. 

Then haü thee freest of the free 
'Mid times of wrong and tyranny 
Music, the proudest lot is thine 
And those vrho bend at music's shrine. 



Vielleicht ahnte die deutsche Lesewelt nicht Scott's 
genaue Kenntniss ihrer deutschen Sprache, welche deut- 
lich aus dieser Uebersetzung hervorgeht. 

Endlich schieden sie, Moscheies mit dem Versprechen, 
für einige hübsche Lieder einer Miss Browne mit Texten 
ihrer Schwester Felicia Hemans, in London einen Verleger 
ausfindig zu machen, was auch geschah, und Scott mit 



— igi — 

der Zusage, Moscheies recht bald zu besuchen, was sich 
ebenfalls bewahrheitete. 

Ueber diesen Aufenthalt in Edinburgh finden wir ferner 
noch folgende Bemerkungen: „Der kirchliche Ritus, der 
keine Orgel duldet, war mir merkwürdig. Die Psalmen 
werden von einem vierstimmigen Chor intonirt, von 
der Gemeinde nachgesungen; aber wie? Die Bassstimmen 
gewöhnlich im Unisono mit den Sopranen, statt den Fun- 
damentalbass zu unterstützen! Die Predigt eines Dr, Thom- 
son, an sich zwar gut, hatte wieder durch den singenden 
Ton des schottischen Accentes und die starken, bis zur 
Action gesteigerten Gesten des Predigers mehr Fremd- 
artiges als Erhebendes. Auch ist die Bigotterie der Sonn- 
tagsfeier hier erdrückend lästig. Zwei, drei Mal in der 
Kirche beten, zu Hause wieder beten, oder doch die Hände 
in den Schooss legen, nicht musiciren, nicht arbeiten, keine 
Besuche machen, das müssen wir erdulden. Wenigstens 
darf man doch ganz still in seinem Zimmer, wo Einen 
Niemand sieht, Briefe schreiben, oder heimlich Bücher 
weltlichen Inhaltes lesen! Daran muss man sich halten." 
Die Winterszeit mit ihrem hohen Schnee gestattete nur kurze 
Gänge oder Fahrten über die Stadt hinaus; und doch gab es 
Tage, die man benutzen konnte, wie folgende Notizen beweisen : 

„Heute nach Calton Hill ; herrliche Aussicht ; auf einer 
■Seite die See wie ein blauer Streifen, auf der anderen Holy- 
rood House, das uralte KÖnigsschloss ; über uns der Felsen 
Arthur's Seat, auf dem Nelson's Monument steht; es ist 
schwerfällig, sodass es den Effect macht, als habe es zu 
viel Gewicht für den Felsen. Der Wind, der auf dieser 
Höhe doppelten Spielraum hat, Hess uns kaum festen 
Fuss fassen. Und dann wieder die Fahrten nach Roslyn- 
Castle und Salisbury Craigs auch wenig befriedigend, 
durch die strenge Jahreszeit. Holyrood House ist immer 
interessant. Die innere Einrichtung der Zimmer wird wie 
zu der Zeit Maria Stuart's erhalten; zwar sind die Stoffe 
ihrer Bettvorhänge und Möbel, sowie ihre selbstgenähten 
Tapisserien vergilbt, und das Ganze sehr vom Zahn der 
■Zeit benagt; doch kann man sich in diesen Räumen nur 



192 



theilnehmend an das Schicksal der schönen, vielleicht 
schuldigen, doch unglücklichen Frau erinnern. Hier ist 
die Rüstung des Darnley, seine Stiefel, seine Handschuhe, 
dort das kleine Fensterchen, aus dem man den neu- 
geborenen Jacob I. herausreichte, weil seine Mutter, die 
königliche Wöchnerin, drin im Zimmerchen in Haft war, 
und endlich hier neben dem Schlaf- und Wohnzimmer der 
Königin eine versteckte Seitenthüre, die zu einem' unter- 
irdischen Gange führt. „Als die Königin von ihrem Ge- 
mahl mit ihrem Liebling, dem Lautenspieler Rizio, über- 
rascht wurde, heisst es, ward er, durch Dolchstiche ver- 
wundet, bis an diese Ausgangsthür geschleppt. Die dun- 
keln Flecke hier am Boden sind sein Blut." Als Beleg 
dieser Ansicht, die uns mythisch erschien, schenkte mir 
Mr. Ballantyne, der Freund Scott's und Drucker seiner 
sämmtlichen Werke, ein Billet von ihm, wo es über diese 
viel angefochtenen und bezweifelten Blutflecke heisst: 
„I have no doubt of Rizio's blood being genuine. I will 
look at the plan of the place, but think I am right. (Ich 
zweifele nicht an der Echtheit von Rizio's Blut — in den 
bewussten Flecken. — Ich will mir den Plan der Oertlich- 
keit ansehen, meine aber Recht zu haben.) Ein gewichti- 
ges Wort aus Scott*s Munde." 

„Ein andermal wurden wir in die grosse Halle des Gerichts- 
hofes High Court of Justice geführt; dort wogen die ver- 
schiedenen Gerichtspersonen, viele in ihrer Amtstracht mit 
schwarzem Mantel und gepuderter Perrücke durcheinander ; 
das Geräusch schien mir tausendstimmig, und doch sitzen 
die Oberrichter in verschiedenen Abtheilungen da, und 
lassen sich von den Rechtsgelehrten beider Parteien die 
verschiedenen Fälle vortragen. Wie es ihnen aber mög- 
lich ist, sie in diesem Ge wirre zu hören oder gar zu ver- 
stehen, ist mir unbegreiflich. Ich stand neben Mr. Murray, 
einem der gross ten Advokaten Schottlands, der eben einen 
Fall vortrug; das Geräusch war aber so, dass ich nicht 
ein einziges Wort verstand und nur seine Mund- und 
Handbewegungen wie in einer Pantomime sah. Ob nun 
die Routine dieser Richter so weit geht, in diesem Ge- 



4 



— i 93 — 

rausch genügende Urtheilssprüche auf Grund dieser Reden 
zu fällen, fragte ich mich, und blieb mir die Antwort 
schuldig-. Es führen Treppen hinterwärts von diesem Ge- 
richtshof herunter in ein Labyrinth von Hofen, Gässchen 
und Winkeln hinein, die zuletzt in den Seearm münden. 
Geht man über diese back stairs (Hintertreppen) und durch 
diese Irrgänge, so kann man es sich erst erklären, wie 
der Verführer von Jeanie Deans da hinaus entschlüpfen 
konnte." 

■ 

Unter den vielen Bekanntschaften, die sie in Edinburgh 
machten, war auch die von Sir John Sinclair und Gemahlin. 
„Der Mann liebt zwar Musik, lässt mich auch bei sich 
spielen .und essen, essen und spielen, ist aber im Grunde 
ganz Kartoffelmehl; denn Brod und Kuchen, Alles wird 
bei ihm aus Kartoffelmehl gebacken; für die Verbreitung 
dieses Mehles macht er hitzige Propaganda, und da es 
viele Gegner seiner Lieblingsidee giebt, so wird mehr 
darüber hin und her geredet, als zu hören interessant ist." 
Moscheies besuchte auch den grossen Phrenologen Spurz- 
heim, ohne sich zu nennen; auf seine Bitte, „seinen Kopf 
zu lesen", sagte er nur einige nicht compromittirende Ge- 
meinplätze, wie „Disposition für schöne Künste" und der- 
gleichen mehr; dann aber, als er seinen Namen hörte, 
-setzte er. gelehrt auseinander, wie er von der Natur zum 
Musiker gestempelt sei. Sie hörten seine Öffentliche Vor- 
lesung, fanden aber weniger Gefallen als die anwesende 
Damenwelt an dem anatomisch zerlegten menschlichen 
Gehirn, das von Spurzheim's Erklärungen begleitet, herum- 
gezeigt wurde. 

Während dieses ganzen Aufenthaltes in Edinburgh 
• musste Moscheies trotz seiner hohen Taxe von 2 Guineen 
pro Stunde Lectionen geben. „Einige Damen", sagt 
er, „sind darauf versessen, in aller Eile meine Stücke 
bei mir einzustudiren , gleichviel wie schwer die Sachen, 
oder wie kurz die Zeit." Bald aber ward es ihm zu viel. 
„Ich eile fort", schreibt er, „und widerstehe vielen Auf- 
forderungen, mich ferner hier mit Concerten zu plagen." 

Moscheies' Leben. >3 



— i 9 4 — 

So erreichen sie glücklich ihre Häuslichkeit in Lon- 
don und preisen Gott für die überstandene Winterreise, 
auf der Eltern und Kinder vollkommen gesund geblieben 
waren. 

+ 

Die Engländer nennen die Zeit ausser der Saison 
„the dead time of the year" (die tödte Jahreszeit). Für 
einen beschäftigten Künstler in London, der zugleich^ 
Lehrer ist, sind aber alle Monate lebendig; nur mit 
dem Unterschiede, dass sich im Februar die geschäftliche 
Zeit gerade ausfüllt, während sie im April, Mai und Juni 
nicht ausreicht, dass der Künstler aber im Juli und August 
Müsse findet, sich zu fragen, warum er nicht untergegan- 
gen ist in diesem bunten Gewühl von eigenen und frem- 
den Geschäften, die ihn täglich in Anspruch nahmen, 
warum er der Lectionenfluth, die täglich in neunstündigem 
Sturzbade über seinem Haupte zusammenschlägt, so glück- 
lich entronnen. Auch ist es merkwürdig, dass er' da- 
bei als sorgloser Wirth am eigenen Tische oder als 
liebenswürdiger Gast in fremder Umgebung erscheinen 
kann; dass ihm Kraft bleibt, bis spät in die Nacht hinein 
musiciren zu hören und musiciren zu helfen, vielleicht gar 
ein grosses Concert öffentlich zu spielen, wobei er aber 
immer zu bedenken hat, dass sein Ruf auf dem Spiele 
steht; dass er, o Wunderl sich auch wohl noch zu einer 
Improvisation heraufschrauben kann. Und ist er dann in 
den allerersten Morgenstunden zu seinen Penaten heim- 
gekehrt, so wird er nicht mit dem ersehnten Ruhekissen, 
sondern mit einem Haufen, nach kurzem Schlaf zu beant- 
wortender Stadtbilletchen empfangen. Kann man dies 
Leben dreiundzwanzig Jahre mitmachen, ohne an Geist und 
Körper zu versanden, so muss man sich in Dankbarkeit 
glücklich preisen; suchen wir aber das Arcanum gegen 
den gänzlichen Untergang, so linden wir wohl für den 
Geist die glückliche Häuslichkeit, die ihn vom Gemüth 
aus immer wieder stärkt, für den Körper das gänzliche 
Aufgeben aller Geschäfte, alles Gelderwerbes während 
des Herbstes, gute Landluft statt der Stadt-, Concert- und 
Theaterluft, Fluss- oder Seewellen statt der Lectionenfluth 



und Abgeschiedenheit in der eigenen Familie statt des 
"bunten Menschengewühles» Dies Verfahren ist aber nicht 
ganz leicht zu befolgen. Der Continent ladet zu Kunst- 
reisen ein; die Provinzialunternehmer Englands bieten vor- 
theilhafte Engagements ; jeder Badeort birgt soireengebende 
Mütter, lectionsbedürftige Töchter; der Künstler wird zu 
Landpartieen und Diners verlockt, um später durch seine 
Leistungen zu zahlen. Da heisst es unerschütterlich wie 
Erz bleiben und stets das eine ungern gehörte, wenn auch 
überzuckerte „Nein" in Bereitschaft halten, sonst nimmt 
man sein London mit sich, wie .die Schnecke ihr Haus, 
und kommt unerquickt an Geist und Körper, wenn auch 
mit gefülltem Beutel, vom Lande zurück in die neue 
Saison hinein. Da wo der Künstler nicht vom Treibjagen 
nach Guineen besessen ist, wird ihm die Muse auf ruhigen 
Spaziergängen während still verlebter Tage wieder nahen; 
sie werden manches Zwiegespräch führen und sie wird in 
ihm immer noch ihren geliebten Sohn finden, an dem sie 
Wohlgefallen hat. Bringt er dann ihre Einflüsterungen 
mit in das Stadtgewühl zurück, so ist sein edleres Selbst, 
das Künstlerthum in ihm, gerettet. 

Als Moscheies im Februar von Schottland zurück- 
kehrte, erwartete ihn ein Brief seines Freundes Peter Pixis, 
der ihm meldete, dass er als Begleiter von Frl. Sonntag 
die Saison in London mit ihr zubringen wolle. Sie war 
in der italienischen Oper engagirt, ihm sollte er musika- 
lische Unternehmungen, ihr eine Wohnung vorbereiten. 
Durch sie wurde vom 3. April, dem Tage ihrer Ankunft 
an, unendlich viel Schönes und Liebes genossen. Das 
reizende, junge Mädchen Henriette Sonntag, war, abgesehen 
von ihrem Talent, die freundlichste, liebenswürdigste Er- 
scheinung. Frei von Anmassung oder Laune, kam und 
ging sie bei Moscheies ein und aus; „ja, wenn sie so an 
unserem häuslichen Tische sitzt (sagt er), so vergessen wir- 
es ganz, dass London in grÖsster Spannung ihrem Debüt 

entgegensieht." 

Hatten sie dann die Freude, sie bei sich singen und. 
wieder singen zu hören, so priesen sie sich glücklich*, 

13* 



— 196 — 

Solches noch vor ihrem öffentlichen Auftreten zu gemessen 
und gaben sich dem Enthusiasmus durch Auge und Ohr 
hin, der bei dieser Sängerin Hand in Hand ging und den 
Hörer wie mit einem Zaubernetz umspann. „Heute in der 
Hauptprobe des „Barbiere", erzählt Moscheies, „entzückte 
sie Alles durch ihre Rosine. Als sie sich auf dem Balkon 
zeigte, beklatschte man die liebliche Erscheinung, als sie 
die Bühne mit ihrem „una voce poco fä" betrat, bezauber- 
ten Stimme und Gesang/* Nie fiel ein Schatten über eine 
ihrer londoner Vorstellungen. Der Andrang im Parterre 
der Oper (wo das Billet nur eine halbe Guinee kostet) 
war so gross, dass Herren ohne Rockschösse, Damen ohne 
Coiffure zu ihren Sitzen gelangten. Moscheles' sahen die- 
sem Getreibe aus der Loge von Dlle, Sonntag in aller 
Ruhe zu, in der sie ein für allemal Plätze fanden. „Ich 
könnte nicht sagen", schreibt Moscheies, „welche ihrer 
Vorstellungen ich für die gelungenste halte; denn ihr Ge- 
sang ist immer bezaubernd, und obwohl ich mir von der 
Abwesenheit grösserer dramatischer Effecte Rechenschaft 
gebe, so nimmt mich doch die Natürlichkeit und Lieblich- 
keit in Spiel und Erscheinung wahrend der Vorstellung 
zu sehr in Anspruch, um irgend Etwas zu vermissen. 
Sogar wenn sie ihre Variationen über den Schweizerbue 
singt, so fällt es mir nicht ein zu denken: Wie kann sie 
-diese Gurgelei machen? Denn sie leistet etwas in seiner 
Art ganz Vollkommenes." 

6. April: „Concert- Arrangements für mein Concert 
sowie für das erste des Fräulein Sonntag. Zu Tische 
die Bewunderte selbst mit Pixis und ihrer Begleiterin; 
Abends noch einige Freunde, Alle in Entzücken aufge- 
löst, unsere deutsche Philomele zu hören," 

8. April. „Beim grossen Diner, weiche's Fürst Ester- 

hazy für Fräulein Sonntag gab, Prinz und Prinzessin Po- 

3ignac, Baron Bülow, Graf Redern, Marquis of Hertford, 

Lord und Lady Ellenborough, Lady Fitzroy Somerset, 

Countess St. Antonio etc. etc. . Dlle. Sonntag sang Abends 

bezaubernd, Pixis und ich spielten abwechselnd und zu- 
sammen." 



— 197 — 

■I 

4 

Der Neid hatte wohl dem Zeitungsschreiber seinen 
Artikel in die Feder dictirt, in welchem es hiess, Fräulein 
Sonntag sei nicht zu einer Primadonna qualificirt, aber 
ihre Erfolge widerlegten bald die Behauptung. 

Am 4. Mai sagt das Tagebuch: „Mit einer musikali- 
schen Arbeit beschäftigt, die manche Anwandlung von 
Wehmuth in mir hervorrief. Ich schrieb nämlich für (den 
Verleger) Willis die Begleitung zu einem englischen 
Liede, die letzte Arbeit von Weber, die er für Miss 
Stephens zur Aufführung in seinem letzten Concert ge- 
schrieben hatte. Bloss die Gesangstimme und einige Tacte 
der Begleitung waren in seinem Manuscripte angedeutet. 
Das Fehlende schrieb ich, zur genauen Unterscheidung, 
mit rother Dinte dazu." 

Zwischen den Concerten und Soireen dieser Saison 
machen das Moscheles'sche Ehepaar und andere deutsche 
Freunde, die Fräulein Sonntag fast täglich sahen, kleine 
Ausflüge mit ihr; sie besuchen zusammen das Pferderen- 
nen von Epsom, ferner Chiswick, den Landsitz des Her- 
zogs von Devonshire. Sie bewunderten dort die herrliche 
Gemäldegallerie und sahen auch das Zimmer und Bett, 
wo Canning starb." Dass der Herzog von Devonshire 
kurz darauf Fräulein Sonntag zu seinem Balle lud, und 
sogar mit ihr tanzte, machte damals grosses Aufsehen, 
und wer weiss, ob es nicht manche Leserin interessirt, 
dass das reizende junge Mädchen an diesem Abende ein 
sehr durchsichtiges weisses Kreppkleid trug, dem der Be- 
satz echter Goldborden ein classisches Ansehen verlieh; 
gehoben wurde ihre anmuthige Erscheinung noch durch 
das reiche Goldgeschmeide im Haar und um den fein mo- 
deUirten Hals und die vollkommen schönen Arme und 
Hände. 

Der Director der italienischen Oper hatte beschlossen, 
nur dann Concerte in dem damit verbundenen Saale, so- 
wie die Mitwirkung seiner Sänger zu gestatten, wenn die 
Benefizianten ihre Einnahme mit ihm theilten. Pixis ent- 
schloss sich zu seinem Locale und dieser Theilung, gab ein 
einactiges Concert, worin die Sonntag sang und Moscheies 



— 198 — 

ausser seinen Solostücken vierhändig" mit ihm spielte; 
worauf Scenen aus dem „Freischütz" im Costume, von der 
Sonntag und Schütz reizend gegeben, folgten; die Sonntag 
aber wusste es später doch dahin zu bringen^ dass sie für 
ihre Landsmännin Schütz in den Argyll-rooms singen 
durfte und dass die anderen italienischen Sänger ein 
Gleiches thaten. Pixis und Moscheies wiederholten dabei 
ihr vierhändiges Stück, und das Concert war überfüllt. 
Als aber die Sonntag am 25J Juni ein Dramatic Concert 
in der grossen Oper gab, war die Saison schon zu sehr 
vorgerückt, um das Local zu füllen. Und doch sang sie, 
unterstützt von Herrn und Madame Schütz die Hauptsce- 
nen aus dem „Freischütz" und der „Schweizerfamilie", und 
hatte in dem eigentlichen Concerttheil de Beriot und Mo- 
scheies zur Seite. 

8. Juli. „Heute", sagt das Tagebuch, „wohnten wir 
einer fashionablen Festlichkeit in Vauxhall, zum Besten 
verarmter Spanier und Italiener bei, von der Noblesse un- 
ternommen, die Herzöge von Clarence und Wellington an 
der Spitze. Letzterer wurde in einer Vorstellung der 
„Schlacht von Waterloo" vortrefilich personificirt. In dem 
Concert, das den Abend beschloss, sangen die Sonntag 
und die Pasta." 

19. Juli. „Unaushaltbar gellte Velluti's Krähen in der 
Oper, sein detonirendes Aechzen beleidigte unsere Ohren, 
und die Wunden unseres Trommelfelles waren kaum durch 

1 

die Flöten stimme der Sonntag zu heilen." 

„Einmal", schreibt die Frau, „hatten wir das Glück, 
die liebliche, gefeierte Landsmännin in einem grösseren 
Kreise bei uns zu sehen; sie war bezaubernd, liebenswürdig; 
ihr Wesen, ihr Gesang, Alles riss zur Bewunderung 
hin. Walter Scott, auf kurze Zeit in London, hatte uns 
besucht, wir luden ihn zu dieser Soiree ein, er war ent- 
zückt, die Sonntag zu treffen und sie, die eben in der 
„Ponna del lago" auftreten sollte, hielt es für ein Glück 
mit dem jugendlichen Greise bekannt zu werden. Lockhardt 
sagt zwar in Scott's Biographie, er hätte sich über die 
Fremden geärgert, wenn sie nach Abbotsford gepilgert 




— 199 — 

kamen, ihn gern mit Lob überschütten wollten und doch 
Nichts von seinen Sachen kannten, höchstens einmal die 
„Donna del lago" in der italienischen Oper gesehen hatten. 
Aber bei der Sonntag war der grosse Mann ganz Ohr 
(ich glaube auch ganz Auge), als sie ihn über ihr Costüm 
als Schottin befragte. Er beschrieb ihr jede Falte des 
Plaids mit der ihm eigenen Genauigkeit und war nicht 
wenig erfreut, als ich einen echten Atlas-clanplaid produ- 
cirte, den ich mit Stolz der Sonntag zu leihen versprach. 
Aber so und nicht anders müsse ihn die Broche auf der 
Schulter zusammenfassen, demonstrirte er. Uebrigens 
hatte das Jettl zwei alte Anbeter bei uns; der zweite war 
Clementi, nicht minder verzückt als Scott. Er stand auf 
und sagte: „To night I should like to play also" („Heute 
Abend möchte ich auch spielen"). Das gab allgemeinen 
Jubel. „Er phantasirte mit Jugendfrische", schreibt Mo- 
scheies, „und schon der Umstand, dass er sich sonst nie hören 
liess , gab seinem Spiele grossen Reiz. Nun hättet Ihr 
aber sehen sollen, wie die beiden Greise Scott und Cle- 
menti, sich über einander freuten, sich die Hände gaben, 
trotz der beiderseitigen Courmacherei und Sonntags-Be- 
wunderung gar nicht eifersüchtig auf einander waren, son- 
dern der grosse Mann dem grossen Manne Anerkennung 
zollte. Und dann wieder, wie die Beiden und die Sonntag 
von der Gesellschaft angestaunt wurden, wie Jeder sich 
freute, die Drei so -in nächster Nähe 'gesehen Und die 
"Wechselwirkung auf einander - beobachtet zu haben!" 

Am 24. Juli endeten ihre Theater-Vorstellungen glor- 
reich mit der „Amena'ide", und am 26. begleiteten die 
Freunde sie mit Ruhm gekrönt an Bord des Schiffes, das 
sie von den Towerstairs aus nach Frankreich geleitete. 

Sie war „the star of the season" („der Stern der Saison") 
gewesen, aber es leuchteten, auch kleinere Lichter neben 
ihr. Ausser den schon genannten Sängern bewarben sich 
manche bedeutende auswärtige Instrumentalisten um Geld 
und Ehre: Max Bohrer, deBeriot, Labarre, Huer ta (Guitar- 
rist), diese Alle und noch manche Einheimische hatten 
auch Moscheles* Unterstützung in Jhren Concerten; auch 



— 200 — 

componirte er für Cramer und seine Nichte ein vierhän- 
diges Rondo in Es „La belle union", was sie in dem 
Annual Benefit-Concert von „glorious John" mit Beifall vor- 
trugen. 

Er schrieb seine G-dur- Sonate für Ciavier und Flöte* 
„Ich Hess meine „Gems ä la Sonntag" vom Stapel laufen 
und meine zahlreichen Schülerinnen buchstabiren. Später 
fiel die ganze clavierklimpernde Damenwelt gierig über 
diese sehr genaue Nachahmung der Cadenzen und Ma- 
nieren der gefeierten Landsmännin her. 

Die reizende Concertsängerin Mme. Stockhausen war 
in dieser, ihrer zweiten Londoner Saison schon ein aner- 
kannter Liebling des englischen Publicums, dessen Sprache 
sie nun ganz inne hatte, sie trat viel in Händel'schen Ora- 
torien auf. Die Mars, alt an Jahren, jung an Aussehen 
und Leistungen, entzückte Alles durch ihre Vorstellungen* • 
„Ihre Valerie, ihr Spiel in der „Ecole des vieillards^ 
müssen dem Beschauer ewig unvergesslich bleiben." 

„Ein komisches Intermezzo der täglichen, lectionisiren- 
den Thätigkeit bildete heute", schreibt Moscheies ins 
Tagebuch, „meine Erscheinung vor einem kleinen Gericht,, 
in miserabelster Gesellschaft von Herren und Damen, die 
für wenige Shillinge verklagt waren; ich selbst beschul- 
digt, für eine zu meinem Concert gemachte Ankündigung 
nicht zahlen zu wollen. Natürlich kostete mich der Zeit- 
verlust mehr, als -die verlangte Summe, da ich aber Be- 
trügereien hasse, so nahm ich die Sache ernster, als mein 
Ankläger dachte, erschien, kam aber nicht einmal zum 
Verhör, da die Klage eines Menschen, der gar nicht be- 
weisen konnte, dass er in einem Zeitungsbureau angestellt 
sei, von selbst zu Boden fiel." 

Den Monat September verlebte die Familie mit dem 
Schwiegervater höchst angenehm, ruhig und gemüthlich 
in dem reizenden Hastings, unter reichlichen Promenaden r 
See- und Luftbädern. „Ich componirte dort", notirt Mo- 
scheies* „ein bei mir bestelltes, leichtes Stück, „Strains of 
the Scotch bards", welchem ich später erst Bedeutung 
gab, indem ich es Sir Walter Scott dedicirte." Schalten 




— 201 — 

t 

wir gleich hier Scott's Antwort auf die angetragene De- 
dication ein: 

My dear Sir! 

I regret that my absence upon short journeys from 
home should have caused your obliging proposal to in- 
scribe the music of Donald Dhu to me, to remain some ' 
time unanswered. Believe me, I feil obliged by the pro- 
posal and will accept it with great pleasure. Teil my 
fair friend Mrs. Moscheies that I send my best compliments 
and beg to retain a place in her recollection, and when 
you see the fine old gentleman, Mr. Clementi, will you 
oblige me by remembering me to him. 

I am always dear Sir 

Your obliged humble 
Abbotsford, Melrose Servant 
October 18 Walter Scott. 

(„Verehrter Herr! Ich bedauere, dass meine kleinen 
Reisen mich verhinderten, Ihren freundlichen Antrag der 
Dedication früher zu beantworten. Glauben Sie mir, der 
Vorschlag ist mir ehrenvoll, und ich nehme ihn mit 
grossem Vergnügen an. Sagen Sie meiner Freundin, Mme. 
Moscheies, dass ich ihr beste Grüsse sende und sie bitte, 
mich in gutem Andenken zu behalten, und wenn Sie den 
prächtigen alten Herrn Clementi sehen, so seien Sie so 
freundlich, mich ihm zu empfehlen. Ich bin immer, werther 
Herr, Ihr dankbar ergebener Diener W. Scott.") 

Nach London zurückgekehrt, fing Moscheies an, die 
Symphonie in C zu schreiben, die ihm längst im Sinne 
lag, und brachte sie bis Ende November fertig. Matthews 
und Yates hatten das Adelphi-Theater gepachtet. „Erste- 
rer ist der Liebling des englischen Publicum s, und amü- 
sirte auch uns mit seiner unübertrefflichen Komik. Das 
letzte Stück „London und Paris" mit dem Dampf boot, 
das den Kanal kreuzt, war mitunter drastisch und zwerch- 
fellerschütternd." 

Auch eine kleine Excursion nacfi Brighton und sein 



— 202 — 




dortiges Spielen im Subscriptions-Concert fallt in diesen 
Herbst. 

„Meine Stücke — Alexander- Variationen, Abschied 
des Troubadours und Phantasie über „Last rose of Summer" 
und „God save the King*" — waren der dort versammelten 
fashionablen Gesellschaft eben recht, und sehr recht; das 
circa halbe Orchester mir aber ganz unrecht." Kemp- 
Town, dieses prachtvolle Quartier der Stadt Brightoh, da- 
mals gerade erst im Bau begriffen, imponirte ihm sehr. 

In London gab er, ausser einigen Privatlectionen, den 
jungen , angehenden Musikschülern und Schülerinnen der 
Königlichen Akademie fortwährend Unterricht, wohnte 
auch ihren Öffentlichen Concerten in Hanover-Square-rooms 
bei, hatte aber doch im Ganzen wenig Freude an der 
Leitung des Instituts, das eine seinem deutschen Sinn zu 
wenig musikalische Richtung verfolgte. 

Weiter finden wir die Notiz: „Erard beschenkte mich 
heute mit einem prachtvollen Concertflügel, dessen Werth 
von 160 Guineen mich zwar zu grossem Dank verpflichtet, 
dessen äussere Eleganz mir nichts zu wünschen übrig 
lässt, dessen etwas trockene Höhe und harter Anschlag 
mir aber nicht recht gefallen wollen. Mein Clementi 
bleibt also noch mein Liebling. Uebrigens fangen die 
Erard'schen Instrumente doch an, sich Bahn zu brechen.- 
Frau v. Rothschild will, nachdem sie das meinige gehört 
hat, auch eines kaufen." 

Die Aufzeichnungen aus diesem Jahr schliessen mit 

Mittheilungen über das Weihnachtsfest, das nach guter, 

deutscher Sitte durch Anzünden eines Weihnachtsbaums 

gefeiert wird und heitere Erinnerungen an die Heimat 
weckt 



1829. 

Wir haben beim Lesen musikalischer Biographien oft 
lange Abhandlungen, über die Compositionen der Betreffen- 
den gefunden, ja sogar auch über ihre „Intentionen", und 



^ * 1 

— 203 — 

uns dabei an Shakespeares Commentatoren erinnert, die ihm, 
wie gar manche gute Autoritäten behaupten, Gedanken un- 
tergelegt haben, die dem Dichter selbst ganz fremd waren. 
Man mühte sich ab, seine geheimsten Absichten zu errathen 
und übersah nur zu oft, dass man es mit den Eingebungen 
«ines Genie's zu thun hatte. Ebenso scheint es mit den 
Werken Beethoven's zu gehen. Beethoven selbst natür- 
lich schrieb nur nieder, was und wie er dachte und em- 
pfand. Seitdem aber sind seine Sachen ganz verschieden 
aufgefasst und wiedergegeben worden.' Es versteht sich 
von selbst, dass die Mondschein-Sonate 1 immer sentimental, 
die Eroica immer majestätisch bleiben wird; aber schon 
bei einer Sonate wie „Les adieux, Tabsence et le retour" 
wird jeder Vortragende individuell empfinden, jeder Hörer 
sich ein verschiedenes Bild machen. »„Und so sollte es 
sein"", pflegte Mendelssohn zu sagen. „„Kann der Com- 
ponist nur die Einbildungskraft des Hörers hinlänglich 
anregen, um ein Bild, einen Gedanken, gleichviel welchen, 
hervorzurufen, so ist sein Zweck erreicht."" Und dieser 
Ansicht sind auch wir. Die Musik muss dem Menschen 
durch alle Poren in's Herz dringen und dort ihren Wider- 
hall finden; deshalb, meinen wir, können auch Compo- 
sitionen nicht beschrieben werden, und die Leser werden 
"uns daher gern Analysen der Moscheles'schen Compositio- 
nen, Erörterungen über ihre Verdienste und Mängel er- 
lassen. So viel steht aber wohl fest,' dass Werke, die 
nicht nur zur Zeit ihres Erscheinens einen nicht gewöhn- 
lichen Eindruck gemacht, sondern auch nach dreissig, vier- 
zig und fünfzig Jahren noch eifrig gespielt und mit In- 
teresse gehört werden, einen mehr als vorübergehenden 
Werth haben müssen, und zu diesen rechnen wir unter den 
Arbeiten Moscheles' das G-moll-Concert (1820), die vierund- 
zwanzig Etüden (1825 und 1826), das Hommage ä Händel, 
das Rondo in A, die Es-dur-Sonate , die Sonate melanco- 
lique, die „Erinnerungen an Irland"; die drei Allegri di 
Bravura: „La force, la legeret 6 et le Caprice" u. a. m. 

Von der Zeit an, wo Moscheles nicht mehr so yiel Öffent- 
lich spielte (etwa von 1840 an), wurde seinen neueren 



Concerten (C-dur, fantastique, path£tique und pastoral) we- 
niger Aufmerksamkeit geschenkt, als den früheren, die er 
selbst dem Publicum mit seiner Autor-Auffassung vor- 
führte. Er pflegte oft darüber zu klagen, dass man immer 
nur das G-moll-Concert spiele, da er die anderen sieben 
für ebenbürtig hielt; ebenso hätte er es gern gesehen, 
wenn seine zwölf grossen Etudes caract£ristiques von 
Künstlern, die allein ihre Schwierigkeiten überwinden 
könnten, gespielt und nicht immer wieder dem darin ent- 
haltenen „Kindermärchen" der Vorzug gegeben worden 
wäre; er hielt den sentimentalen „Traum", die brillante 
„ Terpsichore " ebenso sehr für den Concertsaal ge- 
eignet. 

In Betreff der bereits früher erwähnten ephemeren 
Stücke, die er sich dann und wann von den Verlegern ab- 
nöthigen Hess, finden wir im Januar dieses Jahres 1829 folgende 
Notiz: „Sie sind meine Armencasse; ich kann manchen 
armen Teufel in Deutschland, der gut schreibt und 
schlecht bezahlt wird, damit unterstützen, habe auch den 
Preis auf dreissig Guineen pro Stück erhöht, damit ich 
sie mir etwas vom Halse halte." 

Aus derselben Zeit finden wir nach einer musikali- 
schen Soiree im Hause Rothschild folgende Abrechnung, . 
die von dem Preise, in dem die Kunst damals in London 
stand, einen Begriff gibt. „Ich zahlte als Arrangeur fol- 
gende von Fr. v. Rothschild empfangene Summen: 



Mrae. Stockhausen . 




35 


für 


2 Soirfien 


Mr. de Beriot .... 


IJ 


5 


if 




11 


Mr. Mori (Violinsp.) 


I» 


7 


11 




11 


Mme. Pisaroni . . . 


H 


ab 


11 




11 


Donzelli 


jj 


10 


ii 




1* 






10 


1» 




i> 


Schütz und Frau . , 


n 


15 






jj 






25 


i» 


2 


)i 




ff 


40 




4 




^167 



Ein hübsches Sümmchen für unsere deutschen Be- 
griffe! Im Januar spielte Moscheies wie gewöhnlich in 



Bath, worüber er sagt: „Wirklich hätte ich mir keinen 
Erfolg erwartet, ich finde mich nicht genug eingespielt, 
aber das Publicum war anderer Meinung." 

Nach London zurückgekehrt, musste er sich, um dem 
Uebermaass der Berufsarbeiten, das ihn dort wieder em- 
pfing, besser beikommen zu können, zur Anschaffung eines 
Wagens entschliessen. Die Rauhheit der Jahreszeit ver- 
setzte aber bald das Haus in grosse Sorge. Die Kleinen 
wurden von einem heftigen Keuchhusten ergriffen, der 
am 23. März den dreijährigen kräftigen erstgeborenen 
Knaben wegraffte und ihnen das kleine zarte sechsmonat- 
liche Mädchen als einziges Kind zurückliess. Auch sie 
war den ganzen Winter im schwankendsten Gesundheits- 
zustande. „Die arme Mutter", klagt Moscheies im Tage- 
buch, „kennt nur Angst, Trauer und durchwachte Nächte, 
da sie den einen Liebling bis in's Grab hinein pflegte, 
den andern nächst Gott einem ähnlichen Schicksal zu ent- 
reissen sucht. Ich als Mann und Künstler gehöre trotz tiefer 
Betrübniss dem Publicum an." Er empfand es aber bitterlich, 
alle Concerte und Gesellschaften jetzt wieder allein besuchen 
zu müssen und misslaunig, wie das Tagebuch berichtet, „ein 
Dilettantengeheul, ein paar von Herz und Czerny auf dem 
Ciavier getrommelte Stücke mit Gelee und Kuchen ver- 
schlingen zu müssen, um zum Schluss noch an's Ciavier 
und zu einer Improvisation genöthigt zu werden/' 

Mitte Mai entschlossen sie sich, dem Kinde zu Liebe, 
zu einer getheilten Wirthschaft, indem die Frau mit der 
Kleinen auf's Land zog, während er selbst in der Stadt 
zurückbleiben musste, aber dennoch oft, den halbstündigen 
Weg nicht scheuend, zu ihnen hinauseilte. Der kleine 
Liebling erholte sich in der reinen Luft so sehr, dass sie 
schon im Juni ausser aller Sorge waren und die Berühmt- 
heiten, die London in diesem Jahre aufsuchten, oft in 
ihrer ländlichen sonntäglichen Ruhe miteinander gemessen 
konnten. Nur so waren sie erfreulich. Sie hörten aus der 
Ferne von dem Wiederauftreten der Malibran nach vier- 
jähriger Abwesenheit und von ihren Erfolgen, von der 
berühmten, aber grundhässlichen Pisaroni, ebenfalls an 



1 



— 20Ö — 

der italienischen Oper engagirt; Max Bohrer kam wieder, 
ebenso die Tyroler Rainer; de Beriot und Artot wett- 
eiferten miteinander als Geiger. Auch die Sonntag er- 
schien wieder und erntete neue Lorbern. 

Noch grösseres und freudigeres Interesse aber erregte 
der Besuch eines jungen Freundes aus Berlin. Es war 
kein Geringerer als der damals neunzehnjährige Felix 
Mendelssohn-Bar tholdy. „Felix* Vater", sagt Moscheies, 
„hatte mir im Laufe des Winters geschrieben, ob ich 
wohl meine, glaube, rathe, dass sein Sohn mit einigen 
Compositionen, worunter die Sommernachtstraum-Ouverture 
London besuche? Wohl meinte und glaubte ich, dass der 
junge Mann ein Genie sei, wohl rieth ich ihm, zu Ostern 
zu uns zu kommen und versprach von ganzem Herzen, 
ihn in die fremde Welt einzuführen." 

Später heisst es: „Ich miethete ihm die Wohnung 
203 Portland Street, und seitdem er hier ist, bieten mir 
sein Umgang und sein künstlerisches Wirken die reinsten 
Genüsse. Als Mensch ist er uns unendlich viel. Heiter 
und doch theilnehmend für den Schmerz um unser ver- 
lorenes, und die Sorge um unser noch erhaltenes aber 
schwächliches Kind, stets bereit, unsere ländliche Einsam- 
keit mit den anziehenden Genüssen London's zu vertau- 
schen, weiss er heilsam auf unsere wunden Gemüther zu 
wirken, und scheint es sich zur Aufgabe gestellt zu haben, 
uns einigen Ersatz für unsere Leiden zu bringen." Und 
wie herrlich war es, wenn er seine neuen Compositionen 
mitbrachte, spielte, und in kindlicher Bescheidenheit er- 
wartungsvoll an Moscheies' Lippen hing, um sein Urtheil 
zu vernehmen. „Jeder Andere", sagt Moscheies, „hätte es 
mir damals schon angemerkt, dass ich meinen Meister in 
ihm erkannte und da nur hingerissen war, wo er sich 
eine scharfe Kritik erwartete; er aber ist und bleibt der 
sich mir unterordnende Schüler, wie ich es auch versuche 
ihm eine andere, richtigere Stellung mir gegenüber zu 
geben. Der Enthusiasmus, den seine Sommernachtstraum- 
Ouvertüre im Publicum hervorrief, machte ihn auch nicht 
schwindlig. Es muss Alles noch besser werden, meinte 



er; und meinem persönlichen Lob entgegnete er nur kind- 
lich: „Gefallt es Ihnen? Ach, das freut mich." 

Er zeigte bei seinen ländlichen Besuchen die Manu- 
Scripte seiner geistlichen Cantate über einen Choral in 
A-moll, einen sechszehnstimmigen Chor „Hora est", der 
nicht publicirt war, und ein Violin-Quartett in A-moll. 
Auch war er stets zu kleinen, musikalischen Liebenswür- 
digkeiten aufgelegt; in Moscheles* Album schrieb er ein 
reizendes Stück unter dem Namen: „Perpetuum mobile" 
(C-dur), er brachte der hübschen Miss M. C. eine für 
sie componirte englische Ballade u. s. w. 

Mit ihm zugleich erschien Neukomm, der Schüler 
Haydn's, ein eben so edler Character, ein ebenso fein ge- 
bildeter Mann, ein Freund, der sich später eben so treu 
bewähren sollte, leider aber kein Genie, sondern nur ein 
solider, wohldenkender, gutschreibender Componist, „dem 
das attische Salz oft störend fehlt", sagt Moscheies. Er 
Hess damals seine Oratorien „Die zehn Gebote" und „Christus" 
aufführen; für die beliebten Sänger Braham und Phillips 
hatte er einige Effectstücke in Bereitschaft, wie die „Mid- 
night Review" nach der „nächtlichen Heerschau" von 
Zedlitz. Zuerst rissen diese Stücke die Hörer zu lodern- 
dem Enthusiasmus Irin ; dennoch aber konnten sie dem Com- 
ponisten nicht die dauernde Anerkennung des sonst eben 
nicht launenhaften englischen Publicums erringen. 

Mendelssohn und Neukomm, die sich oft in der stillen 
Moscheles'schen Häuslichkeit trafen, liebten einander herz- 
lich, d. h. der vortreffliche Mensch den vortrefflichen Men- 
schen; denn als Musiker fand der gelinde Neukomm den 
brausenden Mendelssohn zu heftig, zu kräftig, zu ver- 
schwenderisch im Gebrauch der Blechinstrumente, zu über- 
trieben in seinen Tempo's, zu unruhig in seinem Spiel, 
während dieser, sich in jugendlicher Ungeduld auf einem 
Absatz herumdrehend, zuweilen ausrief: „„Wenn nur der 
prächtige Neukomm bessere Musik machen wollte! Er 
spricht so gescheut und gewählt in Worten und Briefen, 
und mit Noten schreibt er solche Gemeinplätze!"" 



F6tis und seine Vorlesungen über Musik waren eben 
auch nicht nach Mendelssohn's Geschmack. .,Wozu soviel 
darüber reden?" sagt er, „lieber gut schreiben; das ist die 
Hauptsache. Aber wozu die verkörperte „musique mise ä 
la portee de tout le monde", französisch docirt vor Englän- 
dern, die wohl nur die Hälfte der technischen Ausdrücke 
verstehen, vielleicht auch nur halb so viel in des Docenten 
Casse fliessen lassen, als dieser hofft?" Mit Moscheies 
entwarf Fetis damals den Plan zu der „Methode des me- 
thodes", die sie zusammen herausgaben und wobei Fetis' 
sprachliche Gewandtheit Moscheles' sehr zu Statten kam, 
da er mit Leichtigkeit dessen musikalische Grundsätze 
über Studium und höhere Ausbildung in gutes Französisch 
zu kleiden wusste. 

In der Gesangs weit gab es, wie Moscheles sagte, „ein 
wahres Cinquecento *' ; denn da waren die Malibran, die 
Sonntag, Mme. Stockhausen, die nicht mehr junge, aber 
noch vortreffliche Camporese, die Pisaroni, Velluti, Don- 
zelli u. a. Sänger, dazu eine deutsche Operngesellschaft 
unter Schütz, der sowohl wie seine Frau sehr brav sang. 
Die Sonntag, immer gut und mildthätig, gab am 13. Juli 
ein Monstre-Concert für die überschwemmten Schlesier, 
worin Alles mitwirkte. Das Tagebuch nennt die Damen 
Malibran, Camporese, Pisaroni, die Sänger Velluti, Pelle- 
grini, Zuchelli, Curioni, Donzelli, De Begnis, Torri, Gra- 
ham, Bordogni. Puzzi spielte Horn, Drouet Flöte, Max Bohrer 
und Lindley Violoncell. Mendelssohn^ Ouvertüre zum Som- 
mernachtstraum wurde zum zweiten Male und mit gesteiger- 
tem Beifall gegeben. Auch sein Doppelconcert in E-dur (Ma- 
nuscript), das Moscheles mit ihm spielte, ging gut und ge- 
fiel sehr. Die Einnahme betrug an £ 500. 

Der beliebteste Geiger in dieser Saison war unstreitig 
de Beriot, der damals auf dem Höhepunkt seiner Virtuosität 
stand. Auch seine neueste Compositum, sein H-moll-Concert, 
hatte durch die musikalische Nähe (vielleicht auch Mithülfe) 
seiner Frau, der genialen Malibran, eine interessantere Fär- 
bung bekommen, als seine früheren Virtuosenstücke. Pixis, 
der Begleiter der Sonntag, wollte auch Concerte geben, auch 



öffentlich gehört sein, Brod den Ruhm seiner Oboe in 
Guineen verwerthen, die Familie Rainer wieder ihre Tiroler 
Lieder singen und ihre Shillinge einstreichen. Die clavier- 
spielende und -lernende "Welt bekam eine werth volle Zu- 
gabe an Frau Dulcken, der sehr begabten und ausge- 
zeichneten Schwester des Concert-Meisters Ferd. David, 
die von Hamburg nach London übersiedelte und von allen 
echten Künstlern und lernbegierigen Dilettanten nur mit 
offenen Armen empfangen werden konnte. 

In den unteren Schichten der Musikwelt gährte es gewal- 
tig, wie die Rivalität gewisser Troubadours und sogenannter 
„Bohemian Brothers" beweist; erstere drei ganz gewöhnliche 
französische, letztere ebenso gewöhnliche böhmische Dorf- 
musikanten. Im Grunde waren diese beiden Parteien aber 
nur die schlechtbezahlten Werkzeuge der Speculationen, 
welche der schlaue Bochsa mit den Franzosen in Egyptian 
Hall, Mr. Logan mit den Deutschen in den Argyll-rooms 
unternahm. Die „wonderful performers", auf *nirabolanten 
Zetteln abgebildet, im buntesten Druck, von buntgekleide- 
ten Männern in den Strassen umhergetragen, zogen täg- 
lich Hörer an, und hielten eine reiche Shillings-Ernte, 
deren Hauptertrag in die Taschen ihrer Unternehmer 
floss. 

„Uns Künstlern ergeht es schlimmer", fügt Moscheies 
diesen Mittheilungen hinzu, „wir suchen nicht blos schnö- 
den Gewinn, wir betrachten unsre Concerte als das Mittel, 
vor einer grossen musikliebenden Versammlung, in der es 
auch nicht an Kunstrichtern fehlt, mit unseren neuesten 
Werken und deren Ausübung zu alljährlicher Beurtheilung 
aufzutreten, und die leidige Speculation des Opern-Direo 
tors Laporte legt uns ein grosses Hemmniss in den 
Weg." f 

Die Sache verhielt sich nämlich so. Es waren ihrer 
Viele, die alljährlich Concert gaben, und da Jeder seinem 
Publicum beweisen wollte, wie gern er es mit dem Neuesten 
und Schönsten erfreuen möchte, so pflegten diejenigen, 
die auf gute Einnahme zählen konnten, häufig die beliebte- 
sten italienischen Opernsänger gegen nicht geringes Honorar 

Moscheles* Leben. 14 



für ihre Abende zu gewinnen, die dadurch für das grosse 
Publicum mehr Anziehungskraft erhielten. 

Dem war jedoch Laporte, der 1828 die Leitung von 
Her Majesty's Theatre übernommen, sofort hindernd in den 
Weg getreten und hielt, den Künstlern gegenüber, die 
ihn um seine Opernkräfte angingen, hartnäckig an der 
Alternative fest: „Miethet meinen Opern-Concertsaal oder 
ihr bekommt meine Sänger nicht!" Es hiess also mit La- 
fontaine in der Fabel: pour moi la bonne aubaine. Diese 
Pille ward freilich durch viele süssliche, französische 
Sprachwendungen überzuckert; doch wusste Bochsa, der 
Chordirector der Oper, sie auf Geheiss seines Chefs in 
gutes Englisch zu übertragen. Moscheies, dessen Concert 
am 7. Mai stattfinden sollte, opferte vergebens seine Abende, 
um mit Laporte und Bochsa während der Opern Vorstellungen 
zu parlament iren , (denn nur da erhaschte man diese Her- 
ren); sie blieben bei ihrer Bedingung. Moscheies hatte 
zwar für sein, Concert mehrere Novitäten bereit, eine neue 
Symphonie, seine neue Phantasie „Strains of the Scotch 
Bards", die schon durch den Umstand, dass sie Sir Walter 
Scott dedicirt war, grosses Interesse erregen musste; — 
„doch musste ich auch italienische Sänger haben und er- 
griff daher endlich das unangenehme und kostspielige 

p 

Mittel, sie zu erlangen; ich miethete Laporte's Saal für 

theures Geld und bot dem Besitzer der Argyll-rooms, 

die ich schon gemiethet hatte, £ 10 als Reukauf, die dieser 

schnöde zurückwies, mich mit einem Process bedrohend. 

Vor Processen habe ich eine heilige Scheu und so eonsul- 

tirte ich einen Rechtsfreund , der mir durch seine Dazwi- 

schenkunft endlich die Annahme meiner £ 10 verschaffte." 

Laporte wusste nur zu gut, in welchem Grade seine 

Oper die musikalische Welt beherrschte, und wirklich 

waren die Genüsse, welche eine Malibran und Sonntag 

vereint boten, zu edler und reiner Natur, als dass das 

Publicum sie nicht hatte mit heissem Dank aufnehmen 
sollen. 

Keine Vorstellung auf den Nationaltheatern konnte 
mit der italienischen Oper rivalisiren, ja man beachtete 



• 



211 — 

sie kaum. An einem der besseren unter ihnen horte Mo- 
scheies die Oper von Ries „Die Räuberbraut", weiss je- 
doch von der Aufführung" nicht viel Gutes zu sagen: „Wie 
kühl war Miss Betts, die übrige Besetzung, die Musik, 
die Hörer und ich selbst obenan." 

Am 22. Juni berichtet das Tagebuch über Bochsa's 
Concert in der grossen Oper wie folgt: „Einer der seltensten 
Genüsse dieser Saison war die dramatisirte Vorstellung 
von Händers „Acis und Galatea", die Titelrollen vor- 
trefflich gesungen von Miss Paton und Braham, der Po- 
lyphem von Zuchelli durch Auf setzung eines Kopfes mit 
dem Riesenauge in der Stirn vortrefflich dargestellt." 
Zuchelli war nämlich trotz seines italienischen Namens ein 
Engländer reinster Abkunft, der seinen Händel getreu der 
Tradition, classisch in Wort und Ton wiedergab. Was 
brachte aber dasselbe Bochsa'sche Concert noch? Die 
Grabesscene aus „Romeo und Giulietta", von der Sonntag 
und Malibran hinreissend schön gegeben; denn die war 
ja italienisch und musste neben dem englischen Orato- 
rium ziehen; zum Schluss aber gab's auch eine deutsche 
Kleinigkeit, die Pastoral-Symphonie, die ich aber im Stich 
Hess; denn allzuviel ist ungesund." 

An der Königlichen Akademie der Musik, an der er 
als Professor thätig war, fand er nur bei sehr wenigen 
Schülern eine mehr als gewöhnliche Begabung und war 
mit ihren Leistungen selten zufrieden. Auch an den von 
ihnen veranstalteten Aufführungen hatte er viel auszu- 
setzen. „Sie singen italienisches Zeug und das mit eng- 
lischer Manier. In „Cosi fan tutte" konnten sie sich gar nicht 
hineinfinden, und ich noch weniger in ihre Aufführung." 

Als sie sich am 31. Juli mit ihrem kleinen TÖchter- 
chen einschiffen konnten, um die Ihrigen in ihrem länd- 
lichen Aufenthalt bei Hamburg zu besuchen, sägt das 
Tagebuch: „Wer ist froher als wir, das chronische Uebel 
des Concerts und die ganze Saison hinter uns zu haben? 
Bei den Verwandten muss unser Schmerz um das verlo- 
rene Gut ausgeweint, dort aber auch Linderung für den 
Verlust gefunden werden." 

14* 



212 



Moscheies blieb bis zum 24. September mit Frau und 
Kind bei den lieben Geschwistern. Wieder entstanden in 
diesen Wochen gemüthlicher Erholung manche Skizzen zu 
späteren Compositionen. Das geliebte Kind gedieh in der 
reinen Landluft, und sie hatten das Glück, seinen zweijährigen 
Geburtstag am 10. September zugleich mit dem hundert- 
jährigen Moses Mendelssohn's zu feiern. „Für diesen war 
lauter Jubel in der israelitischen Gemeinde; bei uns ist 
stilles dankbares Glück für den uns erhaltenen Schatz." 
Es ergingen an Moscheies dringende Aufforderungen zum 
Concertgeben , die er aber, als nicht zum Zweck seines 
damaligen Aufenthaltes passend, consequent ausschlug. 
Das Theater bot ihnen, den halben Engländern, gar 
manche Novität. „Die Stumme von Portici" mit Cornet 
und der jüngeren Fräulein Schröder, der Schwester der 
Devrient, als „Fenella", entzückte sie. 

Der Hamburger Aufenthalt sollte ihm auch als Etappe 
zu einer Reise nach Kopenhagen dienen, die er jedoch 
allein antrat, da das zarte Kindchen weder mitreisen, noch 
verlassen werden durfte. 

Einige Auszüge aus den Briefen, die er während dieser 
zwei Monate der Trennung an seine Frau schrieb, werden 
uns Auskunft darüber geben, wie seine Reise und seine 
Unternehmungen sich gestalteten. 

„Schleswig 27. Sept. 1829. Der ganze Weg hieher ist 
nahe verwandt mit der Lüneburger Heide, zuweilen fiel der 
Wagen beinahe um, er hätte mich aber nur sanft in den 
Sand gelegt. Jetzt habe ich schon meine Schritte in der 
meilenlangen Wurst Schleswig gemessen. Der Kammer- 
herr Ahlefeld war sehr freundlich, aber hier für etwa 
60 — 70 Thlr. Einnahme und bedeutenden Zeitverlust Con- 
cert zu geben, wäre lächerlich, so sind die Pferde ange- 
spannt und ich fahre nach Flensburg." 

Am 29. September fährt er über den kleinen Belt, 
muss den 30., weil kein Dampfboot abgeht, in Nyborg 
langweilig verbringen, geht am 2. October über den 
grossen Belt und kommt nach einer durchreisten Nacht 
endlich in Kopenhagen an. Natürlich werden die Schön- 



— 213 — 

heiten der Stadt und ihrer Kunstwerke eingehend be- 
schrieben. Dann heisst es: „Erst horte ich Weyse, den 
hier vergötterten Theoretiker, eine Fuge auf der Orgel in 
der Frauenkirche improvisiren ; dann ging ich mit ihm 
nach Hause und las viele seiner sehr interessanten Werke 
durch. Auch Kuhlau, den überaus gewandten Räthsel- 
kanonbauer lernte ich kennen; er schmiedet musikalische 
Kunstschlösser, die unendlich schwer zu erschliessen sind, 
aber zu meiner Uebung beredete ich sie Beide, mir die 
Räthselkanons zu zeigen, in denen sie* von Haus zu Haus 
miteinander correspondiren. Ich habe Beide bei einem 
Herrn W. getroffen, in dessen Soiree sämmtliche fremde 
und einheimische *Künstler vor einem Publicum von Lieb- 
habern und Kunstrichtern Musik machten. Oehlenschlager 
war auch da. Kuhlau eröffnete den Abend mit seinem 
Quartett in G-moll. Es ist in grossem Style und vortreff- 
lich gearbeitet, aber nicht frei von Reminiscenzen. Er 
konnte im Spiel nicht immer der Schwierigkeiten Meister 
werden. Dann spielten Funcke und ich mein Caprice mit 
Cello, das er sehr brav accompagnirte , die Gebrüder An- 
derson ein Caprice für drei Horner. Nun sollte ich Solo 
spielen, wollte aber, dass auch Weyse sich hören liesse, 
drang in ihn, ward von der Gesellschaft unterstützt, aber 
umsonst, er wollte durchaus nicht. So musste ich an's 
Clavier, gleich war es wie von einem Walle umschlossen; 
Todesstille herrschte, während ich mich ein paar Minuten 
besann! Ich wollte versuchen, gelehrt wie Kuhlau und 
Weyse zu sein, dabei harmonisch interessant, zuletzt 
schmachtend, um endlich mit einem Virtuosensturm zu 
schliessen; es scheint mir Alles gelungen zu sein. Von 
dem Jubelgeschrei im Unisono, dem ein starres Einander- 
ansehen folgte, kannst Du Dir keinen Begriff machen, 
weil Du etwas Aehnliches mit mir noch nicht erlebt hast. 
Der alte Professor Schall fiel über mich her und küsste 
mich (for shame, würden die Engländer sagen), Kuhlau 
und Weyse bestürmten mich — ich kam nicht zu 
Athem, — for, shame sag' ich mir selbst, so eine Relation 
von sich selbst zu schreiben ; aber wem schreib* ich sie ? . » 



Dieser Abend sichert mir die brillanteste Aufnahme in 
meinem Concert. Apropos, Concert wirst Du sagen, 
wann endlich kommt es heran? Aber wegen des Geburts- 
tages der Königin, der Vermählung des Prinzen Friedrich, 
der vorgemerkten Concerte von Guillou und der Milder 
muss ich ganze vierzehn Tage warten, somit gebe ich 
kein zweites oder drittes, da dürfte es bis 1830 dauern — 
na das thut's holt nitl" — 

Kurz nach seiner Ankunft wird er an den Hof gela- 
den. Das Concert" beginnt um sieben Uhr in einem schö- 
nen, antik aussehenden Saal. Der Hofzirkel ist äusserst 
brillant, die Majestäten gleich beim Eintritt liebenswürdig. 
Der vortreffliche Flötist Guillou spielt, und die Sängerin 
des Abends ist Frau Milder-Hauptmann, aber sie entzückt 
ihn nicht. „Eine Arie von Meyerbeer, so vereinfacht, dass 
aus Simplicität simpel wurde. Sehade, dass die herrliche 
Stimme dieser Frau so spröde, ja monoton ist! Als sie 
gar „Dies Bildniss ist bezaubernd schön" sang und das 
im kläglichen Ton einer Alceste, nach D transponirt, das 
Unterste zu Oberst gekehrt, dachte ich bei den Worten 
„„Soll dies Liebe sein?"" Soll das Mozart sein? und dann 
kam noch, um meinem Degout die Krone aufzusetzen, der 
läppische „„Gruss an die Schweiz" Dazu gehört ein 
musikalischer Magen, der Felsen verdauen kann. Ich 
hatte schon abwechselnd und zusammen mit Guillou ge- 
spielt, als es zu meiner Improvisation kam. Die bejahrte 
Königin setzte sich unter tausend Entschuldigungen, ob 
sie mir auch nicht lästig falle, zu mir; König und Hof- 
staat folgten. Ich Hess mich los wie ein racer (Rennpferd); alle 
Kraft, alles Feuer, ja sogar ein bischen Koketterie wen- 
dete ich an, um auf die königlichen Nerven zu wirken. 
Erst rossinirte ich ein bischen, weil ich weiss, dass dies 
Fieber auch hier bei Hofe grassirt, dann wurde ich gar 
ein Däne, und bearbeitete Volkslieder, endlich schloss ich r 
durch die lauten Bravo's übermüthig gemacht, mit dem' 
dänischen „God save the King": „Kong Christian". Als 
ich geschlossen hatte — nun Du kannst Dir Alles denken 
— nur das war neu, dass der König bei den anwesenden 



Musik Veteranen herumlief, um sein Erstaunen auszudrücken 
und sich bei ihnen Bestätigung zu holen.'* 

Der nächste Brief ist aus Heisingborg auf dem Wege 
nach Gothenburg, wo er, statt in Kopenhagen zu warten, 
indess Concert geben will. „Ich legte die Fahrt von 
Kopenhagen • nach Elsinör in 6 % Stunden zurück und 
Nachmittags die Fahrt über den Sund in dreiviertel 
Stunde. Hier miethete ich auf Anrathen einen Wagen 
und einen sogenannten Husaren, der zugleich Kutscher 
und Bedienter ist, für die Reise nach Gothenburg. Glück- 
licher Prinz, kann ich mir diesmal auch wieder zurufen, 
denn ich habe das schönste klarste Wetter." 

Aus Gothenburg schreibt er: „Seitdem ich vorgestern 
meine Zeilen aus Helsinborg expedirte, habe ich die Reise 
hierher glücklich, wenn auch mit einigen Strapazen zu- 
rückgelegt. Der sogenannte Wagen, den ich miethete, 
war eine kleine Chaise, auf einen vierräderigen Karren 
gebunden; Koffer und Nachtsack hatte ich zwischen den 
Beinen. Da gab's tüchtige Püffe. Meinen sehr gesprächi- 
gen Husaren verstand ich nicht, desto besser aber die 
Natur, die in jedem Klima, unter jeder Zone zur Bewun- 
derung hinreis st und die hier an den Ufern des Kattegat 
in romantischen Felspartien und herrlichen Waldungen 
einen stets interessanten Wechsel bietet. Die Wege 
waren meist gut und ein zwölf Stunden vor uns abge- 
schickter Bote hatte überall frische Pferde bestellt, bis 
wir ihn leider vor Kungsbacka drei Stunden vor Gothen- 
burg einholten und es nun hiess : zwei Stunden warten ! — Das 
Wirthshaus bot Nichts als eine Art grauen Zwieback und 
eine Talgkerze, zu der sich der Dampf meiner Cigarre ge- 
sellte. Endlich weiter in die dunkle Nacht hinein, die 
noch dazu Regen brachte. Um n Uhr ein Halt, aber 
nicht in Gothenburg, sondern nur um einen neuen Vor- 
spann zu holen, da wir einen schweren Gebirgspass vor 
uns hatten, aber um i Uhr das willkommene Licht in 
der Laterne des Gothenburger Zollhauses. — Das Licht 
war willkommener als die Visitation, zu der ich aussteigen 
musste. Ein gehöriges Pochen an Blone's Hus weckte ein 



— 2l6 — 

Mädchen aus tiefem Schlaf, aber trotz eines vorher be- 
stellten Quartiers, bekam ich nur eine Kammer im Him- 
melreich, wo ich mit dem Kopf an die Decke stiess. 
Meine Frage, ob ich nicht eines der leeren Zimmer im 
ersten Stock haben könnte, an denen wir vorbeigekommen 
waren, wurde nur durch ein schwedisches Achselzucken 
beantwortet, welches für mich einem böhmischen Dorfe 
glich. So Hess ich die Dachkammer heizen, den Rauch 
in's Zimmer schlagen und legte mich in meinen Pelz ge- 
wickelt in's Bett. Mein schlechter Humor ward durch den 
Gedanken an Dich überwunden ; Th. Heils Gedicht „Macht 
der Frauen", das mir durch Zufall in die Hand kam, 
drückte meine eigenen Gefühle sympathisch aus." 

„Heute Morgen bekam ich die hübschen Zimmer, die 
ich in der Nacht sah; gerade die waren für mich bestellt. 
Mein Concert ist angezeigt und arrangirt für den 27., also 
in drei Tagen, und gleich darauf geht's wieder nach 
Kopenhagen. Ich bin stets mit Calculationen über das 
dänische und schwedische Postwesen beschäftigt, damit 
unsere Correspondenz nie zerrissen werde. . . In so einer 
fremden Stadt pflege ich immer gleich auf den Wall zu 
gehen, um einen Ueberblick zu bekommen. Wie roman- 
tisch schauerlich diese Klippen und abgerissenen Fels- 
stücke um und selbst im Hafen! Der sich schlängelnde 
Fluss Göta-Elf (Gothen-Elbe) erinnerte mich an unsere 
Elbe und ich war nicht mehr allein. . . . Die Stadt hat 
geräumige Strassen und Plätze und sogar eine, die an die 
Linden erinnert. Das Wetter ist klar und schön." 

Nun erzählt er von zwei grossen Familien, welche den 
Ort musikalisch beherrschen, natürlich nicht ohne Rivali- 
tät, die eine hat ein Clementi'sches , die andere ein Graf- 
sches Instrument. Welches wird Moscheies zum Concert 
wählen ? Das ist für die streitenden Häuser eine brennende 
Frage. Er hilft sich, indem er beide nimmt und abwech- 
selnd darauf spielt. Vor dem Concert aber macht er ein 
echt schwedisches Diner mit. „Der Wirth, ein Original, 
aas an seiner Tafel von fünfundzwanzig Personen phan- 
tastisch, hogarthisch, ja abderitlich präsidirte. Ehe man 



sich an dieser niederliess, wurde von den Herren Schnaps 
und Hering - stehend an einem Seitentische genossen, 
wozu nur drei Gläser für Alle dienten; dann gab's Kalb- 
fleischragout, Hecht und endlich Suppe, hierauf Gänse- 
braten, plum-pudding und herrliche Früchte zum Dessert- 
Mein Original ist ein untersetzter Sechsziger, dessen fun- 
kelnde Augen unter einer graubraunen Perrücke hervor- 
sehen, die Oberzähne fehlen, vier Unterzähne beschützen 
als Palisaden die sehr grosse, hängende, stets Feuchtig- 
keit sprudelnde Unterlippe. Er weiss immer das Wort zu 
führen und that es, trotz der . Anwesenheit aller Honora- 
tioren; seine Frau hingegen muss eine Schweigsamkeits- 
klauset in ihrem Heiraths contract unterzeichnet haben. 
Herr S. war so voll von dem grossen Ereignisse, den 
Professor Moscheies in Gothenburg und in seinem Hause 
zu sehen, dass er beständig die Backen vollnahm und den 
Professor mit Lob übergoss. Er ist auch in seinen Flegel- 
oder Lehr-, nein Leer- Jahren ä la Wilhelm Meister und 
Yorik empfindsam gereist, war auch in England, und 
fühlte sich gedrungen, auf den Professor zu toasten. Hier 
gebe ich Dir ein wahrheitsgetreues Pröbchen seiner ver- 
wickelt unsinnigen Rede, bis ich Dir mündlich mehr geben 
kann: * 

„Meine Herren! Sollte es kühn sein, wenn ich mit 
einiger Zuversicht das Hausrecht ergreife und das Wort 
führe? Bewahre mich Gott, dass ich die Ehre geniesse 
und auch der Zufall — denn diese wert he Gesellschaft, 
die mich als schlichten Mann kennt, zu sprechen. Der 
Zufall sage ich, denn was ist Zufall? Gothenburg geniesst 
die Ehre etc. etc." — kommen die albernsten Lobpreisungen 
und dann geht es weiter: „bewahre mich Gott, ohne der 
Bescheidenheit dieses Mannes zu nahe zu treten — 
der Zufall sag' ich, der uns diesen Mann — die Be- 
wunderung bei Seite gesetzt — gewiss einen bleiben- 
den Eindruck verschafft — Er lebe hoch, der Meister 
der Töne im Reiche des Schönen." Du kannst Dir den- 

4 

ken, wie mir zu Muthe war; ich musste mir in die Zunge 
beissen, um nicht zu lachen. Der Gouverneur, die Räthe, 



— 2l8 — 

der Platzcommandant und die anderen Gäste schienen 
gar nicht erstaunt, sie müssen ihn kennen. Als er seine 
Rede geendet, wurde von einem Dilettanten ein ein- 
stimmiger „G-lee" gesungen, und die Gelegenheitsworte ende- 
ten immer mit dem Refrain: „Es lebe der Meister!" Die 
Gläser klirrten, ich stand auf, um mich zu bedanken; 
kaum aber hatte ich gesagt, dass es nicht Zufall sei, son- 
dern der Wunsch, mich auch vor einem kunstliebenden 
Publicum in Gothenburg hören zu lassen, der mich her- 
geführt, als Herr S. mir das Ende ersparte, indem er mich 
bescheiden unterbrach, mit: „Bewahre mich Gott, dass der 
Professor meint, dass ich meine, der Zufall (denn Zufall 
ist Alles in der Welt) habe uns, nicht ihm das Glück zu- 
gedacht, einen Mann in unseren Mauern zu sehen, dessen 
Bescheidenheit — bewahre mich Gott — ich nicht zu nahe 
treten mochte." Hierauf wieder Gesundheiten, dann stan- 
den die Damen auf, und die Herren blieben bei einem un- 
geheueren Napf kalten Bischofs sitzen, wobei das närri- 
sche Räderwerk unsres Wirthes nicht stille stand; auch 
Lieder wurden gesungen, ich hielt mich bei der ganzen 
Sache neutral. Nun ging es aus dem geräumigen Esssaal 
zurück, durch mehrere elegante Salons in einen, wo der 
Clementi stand und ich musste improvisiren; ich that es, 
meine Umgebung berechnend, und Du berechnest leicht 
das Resultat. — Der Cla vierlehr er Schwarz und der Or- 
ganist der Kathedrale, Bärnroth, schlugen vor, ich solle 
Orgel spielen, und das geschah am nächsten Mittag im 
Beisein derselben Gesellschaft. Ich Hess mich da einmal 
wieder recht los und arbeitete im Pedalwerk, als hätte ich 
Vestris' Füsse. . . . 

In meinem Concert war Alles, was geschmeidige 
Ohren für Musik hat oder sich einbildet, welche zu haben, 
also der Saal überfüllt und brillante Toiletten. Der Zettel 
zeigt Dir das Programm. Laut Aufforderung bekam ich die 
Themen zur Phantasie im Publicum — es waren schwedische 
Lieder, die man mir aufgeschrieben gab und die ich dem 
Beifall nach zu urtheilen, nicht schlecht verarbeitete. 
Dann ward ich noch viel umringt. Alle Einladungen nach 



— 210 

dem Concert hatte ich standhaft ausgeschlagen, weil ich 
zurückeile. . . . Heute Nacht muss ich trotz aller Eile 
hier in Helsinborg, wo ich Dir schreibe, übernachten; ich 
habe Dir einen kurzen Auszug meines letzten Briefes auf 
einem anderen, vielleicht schnelleren Wege geschickt, da- 
mit Du nicht ohne Nachrichten bleibst." 

Er hat einer Aufforderung, nach Stockholm zu gehen r 
nicht Folge geleistet, obgleich er am Anfang dieser Reise 
einige Schritte gethan hatte, um sich dort ein Concert 
vorbereiten zu lassen. Das Alleinreisen ward ihm gar zu 
unbehaglich. Aus Kopenhagen meldet er dann: „An ein 
zweites Concert hier kann ich nicht denken, weil es mich 
neue vierzehn Tage kosten würde. Der Andrang zu den 
Bestellungen für das einzige ist daher sehr gross. Die 
Milder giebt Sonntag das ihrige und reist Montag nach 
Berlin zurück. Sie will nach London — ich konnte ihr 
nur höflich abrathen; aber sie sagte: „Ich will's denn doch 
wagen; wenn die Tiroler so viel Glück gemacht haben, 
so wird auch noch Etwas für mich übrig sein!" „Aber 
Sie werden doch nicht für 3 sh. singen wollen?" sagte ich* 
Nein, (im tragischen Ton) ich werde nur in den höchste» 
Cirkeln singen!" — Ich suchte das Gespräch auf anstän- 
dige Weise abzukürzen." 

„Ich habe das beliebte Liederspiel „El verhoy" im Thea- 
ter gesehen ; es ist auf eine alt dänische Sage gegrün det, 
die charakteristischen Lieder und Chöre von Kuhlau ge- 
schmackvoll dazu arrangirt. Die Ouvertüre, die ein Com- 
pendium des- Ganzen enthält, gefiel mir sehr. Bei Weyse 
habe ich wieder einen zweistündigen Besuch gemacht, da. 
er mir hier der Interessanteste ist. Er unterhielt mich 
mit gelehrten Abhandlungen über Kunst im technischen 
und ästhetischen Sinn; seine Fugen und besonders seine 
Räthselkanons sind meisterlich. Morgen kommt er zu 
mir und wir werden uns noch öfters besuchen. 

Guillou bekam am Tage seines Concerts (das der Kö- 
nig nicht besuchte), 150 dänische Thaler von ihm und 
20 Louisd'ors vom Prinzen Christian; ein Gleiches ist, wie 
ich höre, mir und der Milder „zur Vermeidung des Neides" 



i 

Km 4 

— 220 

bestimmt; also würde sich meine Nase vergebens nach 
einer Dose rümpfen, vergebens meine Finger nach einem 
Ring, meine Brust sich nach einer Nadel recken, nicht 
-einmal die ersehnte Stunde meiner Abreise kann ich nach 
«iner Ho fuhr stellen — einerlei sie wird doch heran- 
kommen." 

Es wurde viel in Künstlerkreisen, bei ausgezeichneten 
Dilettanten wie Herr Gerson und Mme. Tutein (der Toch- 
ter des Sängers Siboni), in der kaufmännischen und diplo- 
matischen Welt dinirt und musicirt. Trotz der vorge- 
schrittenen Jahreszeit wurden bei klarem Frostwetter einige 
Landpartien gemacht. Unter den vielen Einladungen zu 
•Concerten, die ihm aus der Nachbarschaft zugingen, er- 
schien ihm nur das eine in Helsinör annehmbar« Herr 
Consul Löbel hatte sich erboten, es auf Subscription zu 
organisiren. Die Aufnahme in seinem Hause war sehr 
angenehm, das Concert, .das nur die zwei Tage der Hin- 
und Herreise in Anspruch nahm, verlief so günstig, als er 
nur wünschen konnte. 

Am 10. November schreibt er von Kopenhagen aus: 
„ Welch' ein merkwürdiger Tag war mir der gestrige! 
Belagert, bestürmt war ich von acht Uhr früh bis Abends 
sechs Uhr; gerissen haben sich die Leute um die theuersten 
Logen, quasi gebettelt um einzelne Billette und Viele 
mussten ihr Geld wieder zu sich stecken, weil sie keine 
bekamen, so dass ich heute schon ankündigte, es gebe keine 
Casse. Dabei ist Alles zu doppelten Preisen verkauft, das 
Resultat 1500 Thlr. rein. Wollte ich aber nach diesem 
Erfolge ein zweites Concert geben, so würde es mich we- 
nigstens drei Wochen kosten; denn die Milder ist nicht 
abgereist und sie und Guillou liegen sich um die wenigen 
freien Tage in den Haaren. Beide gaben ihre ersten 
Concerte zu den gewöhnlichen Preisen und hatten guten 
Zuspruch. Was soll ich Dir nun über meinen Empfang 
berichten? Nichts — weil Du es schon voraussetzest 
Nur soviel, dass sich der Beifall immer steigerte. Trotz 
meiner Treulosigkeit gegen die Alexander-Variationen 
musste ich sie spielen, wie Du aus beiliegendem Programm 



— 221 — 

siehst, und die Phantasie — nun darüber lässt sich gar 
nicht schreiben. Guillou, der sein zweites Concert zu ge- 
wöhnlichen Preisen angekündigt hat, bot mir an, es nun 
mit ihm zu doppelten Preisen zu geben. Das kostet mich 
nur drei Tage Zeit, weshalb ich es annahm. Nicht wahr, 
die drei Tage lassen sich verschmerzen? Das Concert 
wird in G's. Namen, unter meiner Mitwirkung, angekündigt." 

Spater schreibt er: „Dieselbe Scene wie bei meinem 
Concert hat sich, nun nach der ersten Ankündigung wie- 
derholt. Wieder Alles zu doppelten Preisen ausverkauft. 
Auf meinen Theil kamen 641 Thlr. Uebrigens werde ich 
nun doch ein Schnupf er, denn Seine Majestät beehrte mich 
mit einer goldenen emaillirten Dose, Prinz Christian 
schickte einen Brillantring, Frau — eine goldene Uhrkette ; 
ausserdem war der Hof durch den Hofmarschall sehr 

complimentos." 

Die Rückreise wurde ohne Störung mit einem Halt 
in Flensburg und Schleswig zurückgelegt, wo einige vor- 
her arrangirte Concerte stattfanden, und Ende November 
war die Familie wieder in Hamburg vereinigt. 

Die Tage bis Mitte December verflogen pfeilschnell 
in befreundeten Kreisen. Dann wurde das Ränzchen ge- 
schnürt, und beim Jahresschluss war man glücklich in 
Paris angekommen. 



1830. 

Dies Jahr begann herrlich und in Freuden mit einem 
sechswöchentlichen Aufenthalt in Paris und erfolgreichen 
Soireen. Auch in London finden wir nach der Rückkehr 
das thätig musikalische Leben früherer Jahre. Leider blieben 
jedoch die Schatten nicht aus, die das Lichtbild, wenn 
auch nur vorübergehend, trübten. Ein Sturz aus dem 
Wagen, in welchem Moscheies von Lection zu Lection zu 
fahren pflegte, schien anfangs bedenkliche Folgen nach 
sich ziehen zu wollen. Man befürchtete ein Gehirnfieber. 
Zum Glück aber wurde das Uebel rasch überwunden; 



«ine äussere leichte Stirn wunde war das Schlimmste, was 
ihm von diesem Fall zurückblieb. Bald darauf wird die 
Frau nach der Geburt eines zweiten Töchterchens von 

■ 

1 

einer heftigen Krankheit erfasst, die sie neun Wochen 
an's Krankenlager fesselt und in verschiedenen Phasen 
fast an den Rand des Grabes bringt. Zu der Sorge um 
ihre nur langsam zurückkehrende Gesundheit kommt noch 
der Schmerz um den Verlust einer geliebten Schwester. 
Alles dies stürmt tief erregend auf sein Gemüth ein und 
findet sein Echo im Tagebuche. Dagegen ist die musi- 
kalische Ausbeute aus jener Zeit natürlich nicht sehr reich. 
Hier das Wenige, was sich aus dieser Saison an musi- 
kalischen Notizen findet. 

„Hummel ist hier, er will Concert geben, und ich bin 
.so glücklich, ihm bei meinen Schülerinnen viel Karten 
unterbringen zu können. Ich mochte, er hätte sich von 
mir bereden lassen, die sonderbare Anzeige nicht auf sei- 
nen Zettel zu setzen." Er hatte nämlich darauf bemerkt: 
„man möge nicht etwa voraussetzen, er werde im Philhar- 
monischen Concert spielen. Nur falls ihm ein sehr an- 
nehmbares Engagement angeboten würde, könne man ihn 
■auch anderen Ortes, als in seinen eigenen Concerten hören." 
Auf diese Weise wollte er den Besuchern der Philharmo- 
nischen Concerte die Illusion benehmen, als konnten sie 
sich das Extra-Concert ersparen. Einige Tage später be- 
geht er im Concert der Malibran den Missgriff über „God 
save the King" zu phantasiren, „während Georg IV. todt 
und noch unbegraben daliegt und man an William IV. 
noch kaum denkt". Publicum und Presse sprachen sich 
rügend darüber aus, und überhaupt wollte an HummeFs 
in Wien so wohlverdienten Lorbern in diesem londoner 
Aufenthalt sich kein neuer Zweig ansetzen. Einestheils war 
er schon etwas bequem geworden, er besass nicht mehr 
die Spannkraft, die dazu gehörte, sich mit Erfolg in diese 
londoner Sturmfluth zu stürzen; anderntheils fand der 
Nationalstolz der Engländer, dass ihr Cramer ebenso ge- 
perlt, ebenso legato spiele, ihm daher in nichts nachstehe; 
warum da nicht lieber dem native talent {dem eingebornen 



— 223 — 

Talent) den Vorzug geben? Hummel, vielleicht durch 
diese Ansicht mancher Blätter übel gelaunt, schlug es 
Cramer ab, in dessen Concert ein Duo mit ihm zu spielen 
„und auch das wird dem alten Wiener Freunde übel ge- 
nommen." 

Dagegen rief damals die Malibran durch ihr Talent nicht 
minder wie durch ihre traurigen Schicksale begeisterte Theil- 
nahme wach. Erst an den ihr aufgedrungenen Malibran ge- 
kettet, dann durch besondere Gunst des Papstes von ihm be- 
freit, hatte sich ihr liebebedürftiges Herz mit echter Hinge- 
bung zu de Beriot gewendet, als dessen Grattin sie nun in Lon- 
don auftrat. Auch in dieser Ehe war sie der selbstlosere, 
opferfähigere Theil; denn ihm zu Liebe sang sie nicht nur 
in der Oper, nein, nach so mancher anstrengenden Vor- 
stellung auch noch in Privat-Soireen oder öffentlichen 
Concerten. „Und immer singt sie schön," sagt Moscheies, 
„immer mit der höchsten Begeisterung; immer ist sie nicht 
nur Sängerin, sondern auch musikalisches Genie. Muss 
sie eine Cavatine wiederholen, was ihr meist geschieht, so 
.improvisirt sie neue Coloraturen, schöner und origineller 
als die ersten, die schon Alles zu übertreffen schienen; 
dabei beherrscht sie lächelnd das Orchester und seinen 
Dirigenten und zündet auch in dem kältesten der mitwir- 
kenden Musiker ein Geist esfünkchen an; hat sie doch 
deren so viele, dass sie unbeschadet damit herumwerfen 
kann. Auch in de Beriot's glattes vollendetes, aber nicht 
immer erwärmendes Spiel, hat sie hineingeblitzt, und „be- 
sonders in seinem H-mpll-Concert erkenne ich sie deutlich." 

Natürlich war in dieser „von häuslichen Sorgen be- 
ängsteten Zeit", an kein ernstes Schaffen zu denken, doch 
mussten einige der kleineren Modesachen laut Contract 
fertig gebracht werden; u. A. die „Gems a la Malibran", 
eine möglichst leichte Zusammenstellung ihrer beliebtesten 
Stücke mit einer möglichst genauen Nachahmung ihrer 
originellen Coloratur, die Moscheies ihr abgelauscht hatte. 
Für sein eigenes Concert, das einmal angekündigt, gleich- 
falls gegeben werden musste, hatte er, um doch eine No- 
vität zu bringen, innerhalb weniger Tage seine „Recollec- 



— 224 — 

tions of Denmark", als Nachklang der dänischen Reise, 
zusammengestellt und die hübschen nordischen Motive 
verfehlten ihre Wirkung nicht. 

Wir finden in diesem Jahr auch manche Klagen über 
Musikzustände. „Es ist ein Missbrauch, in jedem Philhar- 
monischen Concert zwei Symphonien und zwei Ouvertüren 
zu geben, dazu noch zwei grosse Instrumental- und vier 
Gesangstücke, ich kann immer nur die eine Hälfte ge- 
messen." Ein andermal heisst es: „Beethoven's neunte 
Symphonie durchgefallen! Was soll ich davon denken? 
Liegt die Schuld am Dirigenten, an den Ausführenden 
oder am Publicum? Ich weiss es nicht, aber so darf es 
nicht bleiben." Und wirklich blieb es nicht so; denn 
nachdem die Herren Directoren beschlossen hatten, sie 
nach diesem und einem im Jahre 1824 missglückten Ver- 
such nie wieder zu geben, nachdem sie sich eingeredet, 
„der taube Componist habe das tolle Zeug geschrieben, weil 
er es nicht gehört", schlug die deutsche Presse so gewaltig 
Lärm und ging mit den Verächtern dieses Riesenwerkes 
so streng in's Gericht, dass es Ehrensache wurde, es auch 
in England zu würdigen und vorzuführen. Freilich dauerte 
es einige Jahre, bis die richtige- Erkenntniss zum Durch- 
bruch kam. Wie wir spater sehen werden, wandte sich 
die Philharmonische Gesellschaft an Moscheies, der die 
Symphonie mit Erfolg einstudirte und dem Publicum zu- 
gänglich machte. Von da an behauptete sie ihren Platz 
auf den Programmen der Gesellschaft. 

Weiter im Tagebuche blätternd, finden wir folgende 
Notiz: „Was es alles für musikalische Thorheiten täglich 
für ein Entree von 1 sh. in EgyptianHall giebt: 1) Michael Boai, 
ein Deutscher, der mit Fäusten an sein Kinn schlägt und 
eine Melodie, ja sogar allerlei Variatiönchen daraus her- 
vorbringt, und 2) ein Engländer, der vorgiebt, zwei Töne 
auf Einmal zu produciren, indem er, einen Clarinettenton 
summend, zugleich einen Basston brummt. Eine effectlose 
Geschichte!" Ebenso • wenig Effect erzielte die russische 
Hornmusikcapelle durch das Staunens werth präcise Ein- 
fallen des einen Tones, den jedes ihrer Hörner hergab. 



— 225 — 

Wichtiger für die Geschichte der Kunst und nament- 
lich für die des Clavierspiels ist es, dass die Erard'schen 
Flügel sich in diesem Jahr zu einer grossen Vollkommen- 
heit erhoben und sehr viel gespielt werden. „Sie haben 
sich namentlich im Anschlag sehr vervollkommnet und 
ich fange an, mich viel und gern darauf zu ergehen." 

Der Aufenthalt der Familie in Ryde auf der Insel 
Wight, wohin man nach beendeter Saison reiste, brachte 
bei zunehmender Gesundheit der Frau einen interessanten 
Abstecher nach Portsmouth, wo man die im Hafen liegende 
königliche Yacht, sowie das abgetakelte Schiff besichtigte, 
auf dem Nelson fiel. Eine Metallplatte bezeichnet genau 
die Stelle, und trägt die Inschrift der letzten Worte des 
grossen Seehelden: „England expects every man to do 
his duty> 

Eine fernere Notiz besagt: „Unsere Absicht nach 
Frankreich zu gehen, war durch die dortige grosse Staats- 
umwälzung vereitelt worden. Charles X. durch Louis 
Philippe ersetzt, und als Flüchtling mit seiner Familie in 
Castle Lulworth. Welcher Wechsel!" 

In Ryde componirte Moscheies u. a. die „Recollections 
of England", die er der Königin Adelaide dedicirte. Die 
befreundete Familie Fleming, die auch in Ryde eine 
reizende Besitzung hatte, 'lud zu täglichen Excursionen 
im Southampton- Water in ihrer eigenen Yacht ein, in der 
es an nichts, ja nicht einmal an einem Ciavier fehlte. 
Hieran schloss sich ein kurzer Aufenthalt in Stoneham 
Park, „dessen geschäftige Nichtsthuerei wir jedoch bald 
aufgaben, um in einem nahe bei Southampton gelegenen 
Häuschen still, aber fleissiger und unabhängiger zu leben." 
Dort spielte er sich tüchtig auf dem nachgeschickten 
Erard ein und componirte dann in ländlicher Ruhe sein 
Cherubini dedicirtes C-moll-Trio. 

Die Volksbewegungen unter den unzufriedenen Ar- 
beitern, welche Maschinen zerstörten und Sägemühlen ab- 
brannten, trieben Moscheies endlich nach London zurück. 
Dort wurde das neue Trio von Laien und Künstlern mit 
Wärme aufgenommen. 

Moscheles* Leben. 15 



— 226 — 

Im Spätherbst bezog die Familie das neue Wohnhaus 
(3 Chester place Regents Park), das sie über sechszehn 
Jahre, bis zu ihrer Uebersiedelung nach Leipzig- bewohnte. 
Das Häus erhielt bald seine musikalische Weihe, indem das 
neue Trio mit Lindley und Cramer probirt ward. Seitdem 
blieb es ununterbrochen der Schauplatz musikalischer 
Thätigkeit und Unterhaltung und ein neutraler Boden im 
künstlerisch geselligen Leben London's. 

■ 

1831. 

Das Jahr beginnt mit einer kleinen Kunstreise in die 
Provinz (nach York, Leeds, Derby). Moscheies erhielt 
einen Einblick in die mangelhaften Musikverhältnisse in 
der Provinz und trug manches zu deren Verbesserung 
bei. Nach der Rückkehr in die Hauptstadt wurde wieder 
fleissig studirt und unterrichtet und das Familienleben in 
gewohnter Herzlichkeit und Heiterkeit wieder aufge- 
nommen. 

Um diese Zeit wird eine grössere Vertiefung in Mo- 
scheles* künstlerischem Streben, in Compositum und Spiel 
bemerkbar. Als Hummel, der damals noch in London 
war, Moscheies das Trio spielen hörte, meinte er: so ein 
Adagio könne keiner der modernen Clavierspieler . schrei- 
ben. Eben damals trat in Moscheles' Spiel die bis dahin 
fast ausschliesslich gepflegte Bravour in den Hintergrund, 
und ein tieferes Gefühl wurde vorherrschend im Anschlag 
und Vortrag ebensosehr wie in der Composition. In letz- 
terer Beziehimg mag das in jener Zeit entstandene Adagio 
des C-dur-Concerts als Beleg dienen, und namhafte Ohren- 
zeugen der damaligen Zeit haben dasselbe in Bezug 
auf das Spiel bestätigt. Ohne hier den inneren Gründen 
dieser Wandelung nachzuspüren, sei nur hervorgehoben, 
dass sie äusserlich durch den Fortschritt der Erard'schen 
Flügel sehr begünstigt wurde. Ihr Orgelton, ihr langaus- 
haltender Klang waren stets ein Gegenstand so hoher 
Bewunderung für Moscheies, dass er sich ohne Zweifel 



angeregt fühlte, diese Vorzüge in seinen Adagio's geltend 
zu machen. „Ein wahres Cello", pflegte er zu sagen, und 
stets lobte er den Ton, den er ohne die Dämpfung aus- 
halten konnte, während ihm das viele Pedalnehmen, sei 
es die Dämpfung, sei es das einseitige Pedal, bis an sein 
Lebensende widerwärtig blieb. Ein guter Spieler, hiess es, 
tnuss solche Hülfsmittel nur selten gebrauchen, sonst miss- 
braucht er sie leicht. Oft auch, wenn er einen braven 
Ciavierspieler hörte, pflegte er ihn in vielen Stücken zu 
loben, aber hinzuzusetzen: „Wenn er nur nicht beständig 
die Füsse auf den Pedalen hätte; alle Effecte sollen jetzt 
durch die Füsse hervorgebracht werden, wozu hat man 
denn Hände? Es ist, als wollte sich ein guter Reiter immer 
der Sporen bedienen!" 

Unter seinen damaligen Schülern befand sich auch 
der zehnjährige Henry Litolff, der ihm als armer talent- 
voller, aber ziemlich verwahrloster Knabe von seinem 
Freunde Collard übergeben wurde, und dessen Talent er 
sofort erkannte. Sein Vater, ein Elsässer, der seine zahl- 
reichen Kinder nur spärlich durch seine Tanzmusik er- 
nährte, konnte kein Ciavier für seinen Henry beschaffen; 
dieser übte aber in der Collard'schen Fabrik und war bei 
jeder Lection so vorbereitet, dass er Moscheies durch das 
Spielen seiner Etüden und Concerte erfreute und er- 
staunen machte. 

Der erste musikalische Stern am diesjährigen nebeligen 
Winterhimmel Londons war Neukomm; Von diesem war 
für die bevorstehenden Philharmonischen Concerte eine 
neue Symphonie in Es-dur ausgearbeitet worden, der „das 
attische Salz fehlte". Dennoch sollte er sich im Laufe 
dieses Jahres die gross te Popularität erwerben, wozu 
einige von ihm componirte zündende Texte des Dichters 
Barry Cornwall wohl den Grundstein legten. „David's 
Schmerz um Absalon", von Braham hochtragisch vor- 
getragen; „The Sea" von Phillips, ganz im Geiste des 
nationalstolzen Textes gesungen, mussten beständig auf 
dem Programm stehen. Namentlich aber machte die schon 
besprochene „Nächtliche Heerschau" (nach Zedlitz) einen 

*5* 



— 228 — 

so gewaltigen Eindruck, dass Moscheies eine Phan- 
tasie darüber schreiben musste, die, wenn auch von ihm 
selbst nur als Stiefkind betrachtet, doch von den Schüle- 
rinnen „charming" and „delightful" genannt wurde, so dass 
gar manche zarte Hand „Nachts um die zwölfte Stunde" 
den grossen Kaiser die Trommel wirbeln liess. Aber 
auch die grösseren und ernsteren Werke Neukomm's 
wurden gegeben, und sein Oratorium „Die zehn Gebote" 
für das Musikfest in Derby im September angenommen, 
nachdem es zuvor in der Classical Harmonie Society in 
London mit dem grössten Beifall gegeben worden war. 
Auch im Moscheles'schen Hause veranstaltete man eine 
Aufführung im Kleinen mit Quartett und Contrabass- 
begleitung und einem zweiundzwanzig Sänger starken 
Chor (unter den Solosängerinnen Frau Stockhausen und 
Clara Novello)., Moscheies, der die vortreffliche musika- 
lische Bildung und Richtung des Freundes schätzte, sagt 
über ihn: „Es thut mir leid, dass er so unendlich viel 
schreibt und beständig den Grundsatz im Munde führt, 
dem er auch nachlebt: man müsse täglich etwas machen» 
Wo bleibt da die Inspiration, die allein vor Banalität 
schützt?" Alb Mensch war Neukomm im Hause Moscheles' 
überaus geschätzt und man nannte ihn dort die Ency- 
klopädie; wollte man über irgend etwas belehrt sein, 
gleich fragte man ihn; er wusste Alles. 

Die Philharmonischen Concerte kommen heran, und 
Moscheies findet wiederum manchen Missbrauch zu rügen. 
Noch immer sitzt der Conductor am Ciavier, seine Par- 
titur umblätternd, ohne Taktirstab, also ganz ohne die Auf- 
führung zu beeinflussen, die der Vorgeiger allein leiten 
muss; daher das öftere Schwanken bei der Aufführung 
grösserer Orchester werke. Auf den Programmen sind die 
verschiedenartigsten Dinge oft zu einem seltsamen Aller- 
lei zusammengerüttelt. Zwischen die Orchesterwerke ist 
Kammermusik eingeklemmt. Dann wieder der erste Theil 
von Spohr's „Jüngstem Gericht" und ein gemischter zweiter 
Theil. Das ist nichts für ein deutsches Ohr, was würde 
Spohr dazu sagen? s 




— 22Q — 

Im Februar hat Moscheies Engagements im Norden 
Englands zu erfüllen. Er klagt über die schlechten Or- 
chester, ist aber mit dem Erfolge seiner Unternehmungen 
zufrieden. Diese Reise war zugleich seine erste Eisen- 
hahnfahrt, über die wir ihn selbst sprechen lassen wollen: 
„Am 18. früh um 6 Uhr fort, um t j 2 i Uhr in Manchester, 
um den berühmten Railroad zu sehen und die Tour von 
sechsunddreis sig englischen Meilen nach Liverpool in andert- 
halb bis zwei Stunden zurückzulegen. Der Platz kostete 
5 Shilling. Um 1 j 2 2 Uhr stieg ich in einen der Omnibusse, 
die alle Reisenden gratis bis zum Abgang der Dampf- 
wagen in die Vorstadt brachten.* Dort führt der Weg 
durch ein grosses Gebäude, in welchem 'die Bureaux sind. 
Acht bis zehn Wagen von der Länge der Omnibusse sind 
eng miteinander verbunden, und zwölf Plätze in bequemen 
Lehnstühlen in jedem Wagen. Auf ein gegebenes Signal 
nimmt jeder Reisende den Platz ein, der die Nummer 
seines Billets trägt. Die Wagen werden von den Guards 
verschlossen; dann erst wird die Dampfmaschine an den 
vordersten Wagen gehängt. Die Bewegung, obwohl pfeil- 
schnell, ist kaum fühlbar und nur dann überraschend, 
wenn man zum Fenster heraussieht und bemerkt, wie man 
sich dem entferntesten Gegenstande mit unglaublicher 
Schnelle nähert und plötzlich daran vorüberfliegt. Welch 
einen Eindruck diese Dampffahrt auf der ersten Eisenbahn 
Englands auf mich machte, in welche Extase ich durch 
diese an Zauberei grenzende Erfindung versetzt wurde, 
können Worte nicht schildern. Ihr berühmter Ingenieur, 
Sir John Stephenson, hat sie unter unsäglichen Kämpfen 
und Schwierigkeiten in's Leben gerufen." 

Nach London zurückgekehrt, berichtet er über die 
Theater: „Eine neue Oper von Pacini, aber nur die herr- 
liche Scenerie beachtenswerth. Sie heisst „Pompeji" und 
die Schrecken der Untergangsnacht sind meisterhaft dar- 
gestellt." 

Dann wieder: „Kean als „Richard theThird" gesehen, 
Mark und Bein erschütternd! Er überschreit sich, vielleicht 
weil er zu alt ist und doch Effect machen will." 



i 

— 230 — 

Mit Enthusiasmus gedenkt er der Pasta und ihres 
grandiosen Spieles. „Die Stimme, zuerst bedeckt, tritt 
später siegreich hervor, wie die Sonne hinter einer Nebel- 
wolke." 

„Lablache mit seinem mächtigsten aller Organe, dem 
Voce sul labbro und seiner Komik, besonders im „Barbiere" 
und dem tauben Alten in „Matrimonio segreto" ist 
immer unübertrefflich, . Rubini in der Oper ausgezeichnete 
Das Ballet „Kenilwortlf", das den ganzen Scott'schen Ro- 
man in vortreff licher Inscenirung darstellt, ist höchst in- 
teressant, die Taglioni in jedem Ballet eine Verkörperung 
von Grazie und Anstand, eine Tänzerin, die ganz allein 
dasteht und Alles entzückt." 

T leb er Field, der nach fünfundzwanzigjährigem Aus- 
bleiben in London erscheint, sagt Moscheies: „Sein Legato 
entzückt mich, aber seine Compositionen können mir nicht 
zusagen. Nichts kann übrigens in grellerem Contrast 
stehen, als ein Field'sches Notturno und die Field'schen 
Manieren, die oft cynisch sind. War das eine Aufregung 
unter den Damen, als er gestern in einer Gesellschaft das 
.Miniaturbild seiner Frau aus der Tasche seines Beinkleides 
zog, und laut mittheilte, wie sie seine Schülerin gewesen, 
und er sie nur geheirathet, weil sie nie bezahlte und er 
wohl wusste, es wäre doch kein Geld von ihr zu be- 
kommen." 

Am z. September schreibt Moscheies: „Gestern speiste 
Field mit Collard bei uns. Field ist ein gutmüthiger, aber 
nicht gebildeter Mensch, vielmehr ist er possirlich. Mit 
einer gewissen Nonchalance erzählt er, wie er sein Leben 
dahingeschlendert und durch zweideutige Abenteuer ge- 
würzt habe, wie er in Petersburg, den Damen Lection 
gebend, eingeschlafen und sie ihn mit der Frage geweckt, 
ob sie ihm zwanzig Rubel zahlen sollten, damit er. bei 
ihrer Musik einschlafe? Er spielte uns Abends recht viel 
vor, wobei ich wieder seine Zartheit und Eleganz, sowie 
seinen vortrefflichen Anschlag bewunderte; doch fehlt es 
ihm an Geist und Accent, sowie an Schatten und Licht, 
und man vermisst das innige Gefühl." 



— 231 — 

Hummel kehrte zurück, obgleich seine Geschäfte in 
letzter Saison nicht sehr brillant gewesen waren. Auch 
in dieser Saison war er nicht sehr gut auf England und 
die Engländer zu sprechen, da seine beiden ersten Con- 
certe, in denen er nur sich und einige uninteressante Num- 
mern gab, mangelhaft besucht waren. Er machte in der ■ 
Folge die Concession, die Truppe der italienischen Oper 
mit in sein Interesse zu ziehen, eine Massregel, die sich 
vollkommen wirksam erwies. 

In den Soireen gab es manche Kreisleriana an Lieb- 
habergesang auszustehen, und Moscheies spielte oft zu 
eigener Erlösung, wo er 's sonst nicht gethan hätte. Da- 
gegen war ihm zeitlebens das Musikmachen mit Kunst- 
brüdern eine Herzensfreude. 

Das eigene jährliche Concert führte dem dichtgedräng- 
ten Publikum zu grosser Befriedigung die „Recollections 
of Denmark" mit ihren schönen nordischen Volksweisen 
vor, und das Ganze verlief mit gewohntem Glück, In 
diesem Concert bediente sich Moscheies zum ersten Male 
eines Erard'schen, nicht wie bisher eines Clementi'schen 
Flügels. Der Entschluss hierzu war ihm schwer geworden, 
da Collard, der Associe des Hauses Clementi, einer seiner 
intimsten Freunde, ja oft sein Rathgeber war. Die Kunst 
aber verlangte ihre Rechte und die in diesem Jahr von 
Erard gebauten Flügel waren allen anderen an Ton, Kraft 
und biegsamem Anschlag so weit überlegen, dass Mosche- 
les ihnen ebenso offen die Ehre geben wollte, wie er sie 
bis daher oft als zäh im Anschlag und dumpf irn Ton ge- 
tadelt und gemieden hatte. Auch stellte er seinen eigenen 
Erard'schen Flügel in den Salon, den Clementi'schen in 
sein Studirzimmer. Wie gesagt, des Freundes Collard 
halber that ihm dies leid; aber dieser, so gescheidt als 
treu ergeben, änderte in keiner Weise das gute Verhält- 
niss, das ihn an die Familie Moscheies knüpfte, und sie 
, blieben Freunde bis an ihr Lebensende. 

Paganini war in London erschienen und Alles auf ihn 
gespannt. Eine Masse von Anekdötchen über ihn hatten 
schon in England wie auf dem Continent circulirt; er war 



4 



muthm asslich der Mörder seines Weibes, und hatte in den 
Jahren seiner Gefangenschaft auf der einzigen G-Saite, die 
seiner Violine blieb, alle die Kunststückchen gelernt, mit 
denen er erst den Continent, jetzt auch England in Er- 
staunen setzte. Dabei sollte sein Geiz an's Fabelhafte 
' grenzen und sein Aussehen an eine Figur der Märchen- 
welt erinnern. So war er dem englischen Publikum an- 
gekündigt, Moscheies speciell noch durch den Schwieger- 
vater, der ihm in Hamburg ein vortheilhaftes Engagement 
mit dem befreundeten Theaterdirector zu Stande gebracht 
hatte. Der italienischen Sprache mächtig, konnte er eine 
Verständigung zwischen dem Künstler und den Unter- 
nehmern herbeiführen, als diese eben ihre bis dahin frucht- 
los geführten Unterhandlungen abzubrechen dachten. „Die 
grossen Einnahmen und der noch grössere Beifall, den 
Paganini erntete (sagt Moscheies), brachten meinem 
Schwiegervater eine Superlative Dankbarkeit ein, wie sie 
nur der Italiener auszudrücken weiss, und mit dieser über- 
schüttete er auch uns, die Kinder des Onoratissimo , bei 
seinem ersten Besuch; er nahm das Miniaturbild des guten 
Vaters, das über dem Kamin hing, herab, bedeckte es mit 
Küssen und gab ihm die überschwenglichsten Epitheta. 
Wir hatten indess Zeit, diese olivenfarbenen, scharf aus- 
geprägten Züge, die*se glühenden Augen, das spärlich 
dünne, aber lang herabhängende schwarze Haar und die 
ganze hagere Figur, auf der die Kleider schlotterten, diese 
tiefeingefallenen Wangen und diese langen, aber schein- 
bar nur mit Haut bedeckten Finger zu betrachtert. Wäh- 
rend dieser Beschauung hatte die unwürdige Lobhudelei 
ernsteren Gesprächen über Paganini's Unternehmungen 
Platz gemacht. Die erste derselben (noch ehe wir uns 
kannten), zu doppelten Preisen in der italienischen Oper 
zu spielen, war gescheitert. Der Herzog von Devonshire 
soll Propaganda dagegen gemacht haben; genug, nur zwei 
Logen waren verkauft, und das Concert musste abgesagt 
AVerden. Jetzt theilte er uns seinen Entschluss mit, zu den 
gewöhnlichen Preisen in der Oper zu spielen." Später 
sagt Moscheies: „Meine Hülfe, die ihm hier und da nütz- 



lieh ist, verschafft mir ebenso viel zuckersüsse Epitheta, 
wie sie mein Schwiegervater bekam; ich werde auch in 
natura ebenso viel geküsst, wie er in effigie." 

Er kam beständig in's Haus und wurde stets gut em- 
pfangen. Aber sie trauten ihm nicht recht, er war gar 
zu süsslich. 

Nun kam sein erstes Concert heran. Der erste Ein- 
druck war ein überwältigender, ja geradezu berückender. 
„Das Opernhaus war in einem Aufruhr, er musste fast 
Alles zwei Mal spielen, und wurde nicht allein wüthend 
beklatscht, sondern alle Damen lehnten aus den Logen 
hervor, um mit ihren Schnupftüchern zu wehen, und das 
ganze Parterre stieg auf die Bänke und schrie „Hurrah!" 
und „Bravo!" aus Leibeskräften. Einen solchen Eindruck 
haben nicht einmal die Sonntag und die Pasta hier ge- 
macht, geschweige denn andere Künstler." 

Moscheies beklagt sich in seinem Tagebuch über den 
Mangel an Ausdrücken , ' die ihm eine Schilderung seiner 
Leistungen, wie er sie in Paganini's Concert bewunderte, 
möglich machen würden. „Dieser lang gezogene Ton, der 
bis in die innerste Seele dringt, wäre bei Ueberschreitung 
einer Linie in den unangenehmen Grad des Miauens ver- 
fallen, überschritt diese Linie aber eben nicht, sondern 
blieb der Ton des Paganini, einzig in seiner Art. Die 
dünnen Saiten, auf denen allein es möglich war, diese 
Millionen Noten und Nötchen seiner Passagen und Ca- 
denzen hervorzuzaubern, wären mir bei jedem anderen 
Geiger fatal gewesen, bei ihm waren sie eine unent- 
behrliche Zugabe, Und endlich waren seine Compo- 
sitionen so ultraoriginell und eben dadurch mit der gan- 
zen phantastischen Erscheinung so im Einklang und so 
hinreissend durch seinen Vortrag, dass sie weder den 
Mangel an Tiefe noch an ernster Arbeit, noch irgend 
einen anderen Mangel an's Licht treten Ii essen," 

Die Zeit des Enthusiasmus dauert fort ; um dem ihrigen 
Luft zu machen, übersetzt ihm die Frau die Lobpreisun- 
gen der Zeitungen, die, hochtrabend, wie sie sind, von 
seinen Dankbilleten überflügelt werden. Moscheies hört 



_ 234 — 

ihn in befreundeten Häusern, wo er in seinen eigenen 
Quartetten abwechselnd Bratsche und Violine spielt, Alles 
hinreissend schön, und schreibt für Mori sein erstes Buch 
„Gems ä la Paganini", aber nicht, ohne den Verleger ge- 
nöthigt zu haben, sich die Erlaubniss dazu von dem als 
geizig verschrieenen Italiener zu verschaffen. Moscheies 
und Mori gehen zusammen zu ihm. Moscheies spielt ihm 
sein in anderthalb Tagen gemachtes „musikalisches Por- 
trait" vor. Paganini umhalst ihn, überschüttet ihn mit 
Lob. „Diese Auffassung seiner Manier, diese Wiedergabe 
seiner Cadenzen fand er stupend* Es gab in diesem Augen- 
blicke natürlich nur einen Moscheies. Was war Hummel 
dagegen? Hummel und Andere hätten auch Phantasien 
ä la Paganini geschrieben, aber sie hätten ihm missfallen, 
er habe dagegen protestirt; diese Bearbeitung sei die ein- 
zige richtige, ihm eine Ehre", — und wie die Lobpreisun- 
gen alle hiessen, die sich später so wenig wahr erwiesen. 

Natürlich hörte Moscheies ihn Öfter, um ganz sicher in 
seiner Bearbeitung zu gehen. Nach dem sechsten Concert 
spricht er jedoch bereits folgendes Urtheil aus: „Es geht 
mir ganz sonderbar mit ihm; zuerst fühlte ich die höchste 
Ueberraschung und Bewunderung. Sein Reichthum an 
den kühnsten Passagen, seine neu entdeckte Quelle von 
„sons harmoniques", die Genialität, mit der er das Hetero- 
genste zu verbinden und effectvoll wiederzugeben versteht, 
überwältigte meinen musikalischen Sinn so sehr, dass mein 
Kopf noch mehrere Tage nachher, gleich einer eben ge- 
löschten Brandstatt zu dampfen schien. Auch das innige 
Gefühl, das er seiner Geige schmelzend wie ein italienischer 
Sänger zu entlocken wusste, hatte einen unendlichen Reiz 
für mich, und ich nahm es ihm in meiner Verblendung 
gar nicht übel, dass er sich dabei jener maniera del gatto 
bediente, welche, wie der Spottname bezeichnet, bei den 
Italienern verpönt ist, und der ich stets so abhold war, 
dass ich sie nur einmal in jedem Schaltjahr hören möchte. 
Genug, meine Bewunderung für dies Phänomen, bei dem 
Natur und Kunst gleichen Schritt gehalten haben, kannte 
keine Grenzen. Jetzt, nach öfterem Hören, ist das Alles 



anders geworden. In allen seinen Compositionen sind 
dieselben Effecte, welches Mangel an Erfindung beweist, 
in seinem Styl und seiner Spielweise entdeckte ich Mono- 
tonie. Seine Concerte sind schön, haben auch grossartige 
Momente, aber sie erinnern mich an einen Sommerabend, 
wo auf grüner Wiese ein brillantes Feuerwerk abgebrannt 
wird: die Schwärmer und sonstigen Stücke immer effect- 
voll und bewunderungs werth, aber immer dieselben. Seine 
„Sonate militaire", und wie die anderen Stücke noch heissen, 
haben südlichen Schmelz, aber in allen commandirt dieser 
Violinheld durch den unerlässlichen Trommelwirbel, und 
ist er auch jetzt der Todtschlägef seiner Collegen, ich 
wünsche mir doch ein bischen Spohr'schen Ernst, Bail- 
lot'sche Kraft, ja sogar Mayseder'sche Pikanterie. Möglich 
auch, dass der mir immer mehr zuwider werdende Mensch 
dem Künstler in meiner Anschauung Eintrag thut. Er ist 
gar zu schmutzig geizig. Ob es wahr ist, dass et seinem 
Diener, der ihn um ein Galleriebillet bat, nur unter der 
Bedingung den Einlass gestattete, dass er ihn einen Tag 
umsonst bediene, weiss ich nicht, aber das steht fest, dass 
Lablache ihm £ 100 anbot, damit er in seinem Benefiz 
spiele, dass Paganini sie jedoch ausschlug, und dass der 
grosse Sänger ihm ein Drittel der Einnahme bewilligen 
musste. Als die Concerte in der Oper aufhörten, sich zu 
füllen — er hatte deren dreizehn gegeben — , begann er 
eine Serie in London Tavern in der City, was auch eines 
so grossen Künstlers unwürdig erklärt wird, — ihm einer- 
lei; denn er macht dort Geld." 

Der Brief, dem wir diese Worte entnehmen, war 
im Juli geschrieben. Einige Wochen später erscheint das 
zweite, dann das dritte Buch der j,Gems", und kaum sind 
sie heraus, so thut Paganini gerichtlichen Einspruch, nennt 
das Werk einen musikalischen Diebstahl. Natürlich be- 
trifft dies meistens den Verleger, aber Moscheies geht zu 
ihm und fragt : „Hatten Sie mir's nicht erlaubt?'* Ant- 
wort: „Ja, das erste Buch, aber das zweite und dritte 
nicht." Die Unterhandlung führt zu keinem Resultat; 
Paganini reist nach Schottland, der Process geht weiter. 



— 236 — 

Nach seiner Rückkehr endlich sucht er Moscheies aut. 
Mit grossem Umschweif bietet er ihm den ferneren freien 
Verkauf der drei Bücher „Gems" an, wenn er ihm zu 
seinen zwölf soeben componirten kleinen Stücken eine 
Clavierbegleitung machen wolle. Moscheies willigt, wenn 
auch ungern, ein, weigert sich aber, seinen Namen zu 
dieser Bearbeitung herzugeben, was Paganini verlangt. 
Endlich muss dieser nachgeben, dann wird um die Process- 
kosten debattirt; endlich ist Mori froh, ein verhältniss- 
massig kleines Opfer zu bringen, während Paganini früher 
von ^'500 Entschädigung gesprochen hatte, und Mosche- 
les ist „ganz glücklich, die fatale, eines Künstlerlebens un- 
würdige Episode und die abscheulichen Advocaten los 
zu sein." 

Nun konnte er wieder mit doppeltem Eifer studiren 
und sich in seine Kunst vertiefen. Wie oft aber diese 
Studien und die ruhigen Abende mit den Hausfreunden 
gestört wurden, beweist folgende Notiz : „Alle seinsollenden 
Kunstgenies des Continents suchen mich heim, und es 
sind deren kürzlich so viele angekommen, dass ich beinahe 
ein Orchester mit ihnen zusammenstellen könnte. Heute 
Morgen kam ein Violinist, der an Schönheit und Anstand 
dem Flötenspieler S. nichts nachgibt, und beide, zu einer 
Mixtur verbraucht, wären bitter wie Rhabarber. Dabei 
schreibt mir ein Herr Steinmüller aus Frankfurt, dass sein 
siebzehnjähriger Sohn, ein ausserordentlicher Pianist, sich 
in London wolle hören lassen. Er ist sechs Fuss gross, 
heisst es, hat ein Muttermal mit auf die Welt gebracht, 
welches aussieht wie ein Schnurrbart, aber nur auf der 
rechten Seite, also nur ein halber. Auch heisst er hier 
allgemein „der musikalische Schnurrbart", und unter diesem 
Namen wird er sein Concert in London ankündigen". 

Zu den Hausfreunden gehörten in diesem Jahre noch 
Paul Mendelssohn, Felix* Bruder; der Professor Fritz 
Rosen, des letzteren und Klingemanns intimer Freund — 
«ine nicht zu trennende Trias; dann der Prof. Grahl, der 
das Portrait der Königin Adelheid malte, und sich Abends 
während der häuslichen Musik gern damit beschäftigte, 



I 

— 237 — 

die Portraits des Moscheles'schen Ehepaars zu zeichnen; 
ferner der junge Phrenologe Holm, der die Charaktere 
und Geistesanlagen in der Schädelformation 'der Anwesen- 
den entdecken wollte. Neukomm hatte ihn eingeführt, 
und war gläubiger als das Moscheles'sche Ehepaar, das 
sich aber doch gern von dem jungen Arzt die Schädel- 
lehre erklären, Thier äugen und Hirn als Beleg seciren Hess* 

Der böse Gast aus Asien, die Cholera, hatte ihnen 
wegen der wiener Freunde und der Hamburger und 
prager Verwandten bange Sorgen gemacht, und Moscheies 
schreibt • den Letzteren: „Ja, wir haben manche trübe 
Stunde; aber die Kunst und das Gottvertrauen müssen 
darüber hinweg helfen." Und wirklich blieben Alle ge- 
sund und die Wolke, die plötzlich den heiteren Himmel 
beschattete, war bald dem hellsten Sonnenschein gewichen. 

Die grosse politische Reform, die in dieser Zeit Eng- 
land bewegte, Hess auch das Moscheles'sche Ehepaar nicht 
unberührt, und es wird viel darüber hin- und hergeschrie- 
ben. Als die Reformbill verworfen und infolge dessen 
das Parlament aufgelöst war, finden wir folgende Notiz 
bei Gelegenheit eines Balles in Camberwell: „Das In- 
teressanteste daran war das Hin- und Herfahren. Ihr wisst 
aus den Zeitungen, dass Viele der „dissolution* halber illu- 
minirten; Viele aber wollten es nicht, und die kamen übel 
weg; denn man zerbrach ihnen die Fensterscheiben. Auf 
dem ganzen Wege nach Camberwell, sieben englische 
Meilen weit, war doch fast Alles illuminirt, und viele 
Transparents mit den lächerlichsten Inschriften zu sehen, 
z. B. „The bill, the whole bill and nothing but the bill!" 
Ein patriotischer Fleischer stolzirte in Flammenschrift mit 
„The enemies of reforme tobe sentto the dominions ofDon 
Miguel"; „William the Restorer" und „William the patriot 
king" war wohl hundert Mal zu lesen, während wiedör 
einige Häuser ganz dunkel und verschlossen dazwischen 
standen. Eine Menschenmasse, so gross wie ich sie nie 
gesehen, belagerte die Hauptstrassen und hemmte den 
Verkehr". 

* Ausser den stets fortlaufenden musikalischen Genüssen 



— 2 3 8 — 

bot London, boten die Freunde noch manche andere. Die 
Eröffnung der New London Bridge ist Veranlassung zu 
einer grossartigen Procession auf der Themse. König und 
Königin, Lord Mayor und Aldermen fahren in mittelalter- 
licher Pracht über den Strom, und bilden mit dem Hof- 
staat und der Dienerschaft ein Costümbild, wie man es 
zur Zeit Heinrichs vm. und der Königin Elisabeth auf 
der Themse gesehen haben mag. Auch Schloss Windsor 
und die königlichen Privatzimmer wurden dem Ehepaar 
gezeigt und von dort aus ein reizender Ausflug über das 
alte Runnymede, wo King John die Magna Charta gab, 
nach Eton unternommen, auch das College besehen, wo 
ein Byron seine Studien machte. Museen und Bilder- 
gallerien stehen ihnen an Privattagen offen, und als die 
Frau mit den Kindern im September auf einige Wochen 
nach Richmond Hill zieht, wird ihnen sogleich durch 
Lord Sidmouth, den Vater zweier Schülerinnen, der sonst 
für Wagen verschlossene Park zu Spazierfahrten freige- 
geben. 

Wir erwähnen dies als Beleg für die Pietät der Eng- 
länder. In Erinnerung der Freuden, die der Künstler 
bereitet, wollte man sich dankbar gegen ihn und die 
Seinen erweisen, und war es nicht nur während ihres 
mehr als zwanzigjährigen Aufenthalts in England, sondern 
auch später bei jedem noch so kurzen Besuch. 

Während des Aufenthalts in Richmond geht Moscheies 
auf einige Tage zum Musikfest nach Derby und schreibt 
seiner Frau hierüber: „Im Abendconcert gab man die Mo- 
zart'sche Symphonie in C mit der Fuge (in England „The 
Jupiter" genannt). Draussen war ein heftiges Gewitter, 
so dass der Saal durch die leuchtenden Blitze doppelt er- 
hellt ward und die Composition durch den krachenden 
Donner eine mächtige Zuthat bekam. Das übrige Con- 
cert war ein Mischmasch, in dem jedoch viel Gutes war. 
„King Death" gefiel sehr, und „The Sea" musste wieder- 
holt werden (beides Lieder von Neukomm). Gestern war 
Neukomm's „Prophecy of Babylon" sehr effectvoll, er 
steht in dieser Gegend hoch in Ansehen. Mme. Stock- 



hausen sang ein „Magnificat" mit Oboe-Begleitung, sehi 
schön, nur etwas schwächlich, weil sie leidend war. Miss 
* Masaon war ausgezeichnet, die Chöre sind es auch. . . 
30. September 12 Uhr Nachts. 

Man ist mit dem Zuspruch zum Festival noch nicht 
recht zufrieden, und hofft, * es werde morgen besser werden. 
200 Guineen-Plätze, 200 ä 12, und 200 ä 7 sh. — das ist Alles, 
was abgesetzt wurde. — Das Concert, was ich eben ver- 
schluckt habe, sollte das Motto tragen: Allzuviel ist un- 
gesund! 

Erster Theil: Neukomm's Symphonie — massiger 
Beifall. . Glee »von Horsley, den wir in London horten. 
Drei englische sentimentale, etwas schleppende Songs und 
das schöne Violinconcert von Spohr, sehr unvollkommen 
von Mawkes gespielt, dazwischen der gewöhnliche ita- 
lienische Schlendrian aus dem „Barbiere" , „Turco in Ita- 
lia" etc. Neukomm's „Midnight Review", mit ungeheurem 
Pathos gesungen, machte grossen Effect. 

Zweiter Theil: Wieder allerlei Songs — worauf die 
Engländer wie besessen sind; ebenso das Trio „ Papataci* 1 
aus der „Italiana in Algieri"; aber Miss Masson sang 
ihre Aufgabe schön, die Ouvertüre zu „Euryanthe" ging 
"sehr gut, Mme. Stockhausen musste ihren Jodler wieder- 
holen , und dann o weh ! kam das versauerte Trio von 
Corelli (Lindley, Dragonetti, Lucas). Zu meinem grossen 
Genuss sang Phillips einen „langhingsong" mit Chor aus 
Händers „Allegro" und musste ihn wiederholen. Du siehst, 
ich muss hier viel unnützes Zeug verschlucken, um mir 
einige wahre Genüsse zu verschaffen. Unter diesen steht 
natürlich der einzige Messias oben an." 

Zum Weihnachtsfest wird nach guter deutscher Sitte 
«in Baum angeputzt und als die Thür sich der überraschten 
Jugend Öffnet, spielt der Hausherr einen Tusch, ein Mirli- 
ton-Marsch von Neukomm wird von drei Freunden ge- 
blasen, der kleine Litolff setzt die Gäste durch sein vor- 
treffliches Spiel der Moscheles'schen Variationen „Clair de 
la lune", in Erstaunen. Dann folgt ein Lied, „Nonsense" 
betitelt, Text von Barry Cornwall, Musik von Neukomm: 



1 



+ 



— HO — 

der Text, ganz heiter, ist gleich der Musik zu Anfang 
tragisch gehalten, und wird von einem Seufzerchor unter- 
brochen, bei welchem Mirlitons einfallen, ein Mirliton-Solo 
und ein lustiges Lied folgen! Das Ganze wird unter 
mühsam unterdrücktem Lachen, auf Verlangen viermal 

i 

wiederholt; dann phantasirt Moscheies über die Nonsense- 
Themen so humoristisch, dass ein neuer Beifallssturm 
folgt; es wird getanzt, soupirt, und man trinkt nicht nur 
auf die Gesundheit der Wirthe, sondern einige Gäste neh- 
men ihnen das Wort ab, sie stets bei ähnlichen Abenden 
einzuladen. Beim Punsch muss der Nonsense wiederholt 
werden. 

Der Jahresschluss, der eben so heiter sein sollte, ward 
durch Mosch eles' Unwohlsein ein stiller, aber darum nicht 
minder glücklicher. ' 



1832. 

Dass der Geist, der damals in der Philharmonischen 
Gesellschaft und im londoner Musikleben überhaupt 
herrschte, nicht der beste war, zeigen die Notizen, denen 
wir an der Schwelle dieses Jahres begegnen. Moscheies 
schreibt: „Man hat mich zum Mitdirector der Philharmo- 
nischen Gesellschaft gemacht, und wie ich höre, ohne eine 
einzige schwarze KugeL Aber wir sind im Directorium 
unser sieben, sechs unter diesen begegnen sich in ihren 
Ansichten, sie sind conservativ, für alles Althergebrachte; 
ich allein trachte nach musikalischer Reform und dringe 
nicht durch. Symphonische Werke und Quartette werden 
in einem und demselben Concert gegeben; mittelmässige 
Sänger werden zum Gesang zugelassen. Das veraltete 
Trio von Corelli, das nun schon seit einer Reihe von Jahren 
nicht fehlen darf, wird von den alten Matadoren Cramer, 
Lindley und Dragonetti siegesgewiss mit selbstgefälligem 
Lächeln vorgetragen. Unser Einem reisst die Geduld da- 



bei. Bei Lindley's unvermeidlicher Cadenz steht man zehn- 
mal am Schluss und wird zehnmal zu dem Einerlei von 
Arpeggien und Flageolettönen zurückgeführt; er erinnert 
mich an eine Fliege, die den mit Zucker bestreuten Teller 
nicht verlassen will, ist mir auch so lästig wie diese. Und 
doch hat das Trio für gewisse alte Subscribenten seinen 
Reiz (?), hat grössere Berechtigung, in dies „classische" 
Institut einzudringen, als Mayseder's neues Sextett und 
Neukomm's Septett für Blasinstrumente, die sich jedoch 
des grossen Beifalls halber einer zweiten Aufführung er- ' 
freuten. An Beethovens letzte Quartette wagt man sich 
nicht" 

Moscheies gab seine neue Symphonie, spielte sein 
neues C-dur-Concert , sagt aber im Tagebuch: „Auf den 
Beifall, den meine neuen Sachen erlangten, bilde ich mir 
nicht viel ein, da auch das Mittelmässige diesem Publi- 
cum gefällt." Die Symphonie ward später einige Male 
wiederholt, aber Moscheies, der immer streng über sich 
und seine Compositionen zu Gericht sass, sah bald ein, 
dass gar manche seiner Zeitgenossen ihn in Orchester- 
werken übertreffen würden, sein geliebter Mendelssohn 
ihn längst darin überflügelt hatte. Die Instrumentation 
von Moscheles' G-moll-Concert , die sich noch heute so 
wirksam erweist, hatte wohl der Vermuthung Raum ge- 
geben, dass der damals noch sehr junge Componist Grösse- 
res für Orchester schaffen würde; auch sein in der frühesten 
Zeit in Wien componirtes Ballet „Les deux portraits" 
hatte die Kunstrichter in dieser Voraussetzung bestärkt. 
Er selbst aber sah, trotz einiger späteren Versuche, ein, 
dass das Ciavier sein eigentliches Feld bleibe, dass er auf 
diesem zu Nutzen und Freude Anderer schaffen könne, 
und, objectiv wie er sich und sein Thun beobachtete, hat 
er sich auch meist auf sein Instrument beschränkt, auf 
dem er oft gelungene Orchestereffecte hervorzubringen 
wusste. 

Meister Clementi war in einem Alter von 84 Jahren 
gestorben, sein Leichnam, von Kunstgenossen getragen, 
in der Westminster- Abtei beigesetzt; natürlich wollte ihn 

Moscheles* Leben. 16 



auch die Philharmonische Gesellschaft ehren und führte zu 
seinem Gedächtniss das „Recordare" von Mozart auf. Wie 
schlecht aber nahm sich dies in einem Rahmen weltlicher 
Musik aus! Und während die Cinti unmittelbar hinterher 
mit der Cavatine aus dem Barbier" Furore machte, ward 
Mendelssohn's Hebriden - Ouvertüre augenscheinlich nicht 
verstanden und kühl aufgenommen. Eine Gedächtniss- 
feier, die weder Clementi noch die Nachlebenden ehrte! 

Neukomm's wenig andauernde Triumphe hatten in 
dieser Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Seine Lieder, seine 
Oratorien, Alles gefiel, Alles ward vortrefflich honorirt. 

Die Theater brachten auch in diesem Jahre die üb- 
liche Pantomime. Diese gab aber nicht blos die vielbe- 
wegte Geschichte des Däumlings mit ihren sehr drastisch 
dargestellten Wald- und Menschenfresserscenen , sondern 
wusste auch geschickt die Tagesfragen und Tagesthor- 
heiten in ihre Harlekinaden einzuflechten. So z. B. er- 
schien eine Legion kolossaler Ochsenzungen, deren eine 
sich bewegte und unverständliche Laute ausstiess, als Pa- 
rodie auf den berüchtigten Methodisten Irving, der damals 
in unbekannten Sprachen zu predigen vorgab, und da- 
durch von dem lustwandelnden Publicum, das er in den Parks 
andonnerte, viel kleine Münze erpresste. Auch ein ultrahage- 
rer Paganini in ultraschlotternder Kleidung erschien mit 
der Geige, und führte eine Masse kleiner und immer 
kleinerer, ihm genau nachgebildeter Paganini's vor, und 
dgl. mehr. Das Singspiel „Rob Roy", dem Walter 
Scott'schen Roman nachgebildet, hatte Erfolg, während 
der arme Dichter todtkrank in einem Hotel London's lag. 
Braham gab trotz seiner vorgerückten Jahre noch immer 
einen vortrefflichen Fra Diavolo, wie die unverwüstliche 
Mars noch immer als Valerie excellirte. 

Herrlich war die deutsche Oper mit der Schröder- 
Devrient, Haizinger, Hauser und anderen ausgezeichneten 
Kräften, die in ihren Vorstellungen von Erfolg zu Erfolg 
schritten. Der Fidelio der Schröder ist zu bekannt, als 
dass sein Lob nicht ausser aller Frage stünde, aber ein 
Echo alles schon Gerühmten dürfen diese Blätter wohl 



1 

I 

— 243 — 

hinaustragen in die musikalische Welt. Die liebenswüiv 
<Lige Künstlerin sang oft im Moscheles'schen Hause zum 
Entzücken des Ehepaars, und dankte man ihr, so hiess es: 
„Ach, Kinder, für Euch singe ich ja gerne, aber denkt 
Euch eine steife englische Soiree, wo ich stockstill stehen 
muss und die Ladies mich darauf ansehen, wie ich mich 
benehme; das quetscht mir die Kehle zu, die Gonductors 
accompagniren auch nicht immer, wie ich will; genug, 
ich fühle mich nicht frei, wie bei Euch." 

Die italienische Oper hatte einen neuen Director, Monk 
Mason, der sich über den nie geahnten Glanz seiner Un^ 
ternehmung in grosssprecherischen Reden erging. Seine 
erste mittelmässige Truppe ward freilich später . durch * die 
Cintiund den unübertrefflichen Lablache abgelöst; dennoch 
•endete die ganze Prahlerei in einem Bankerott. Der 
Mann war Irländer; die englischen Theater spielten ihm 
übel mit. Er hatte die Partitur von „Robert le Diable" 
für England gekauft; doch kaum war der Ciavierauszug 
erschienen, als englische Theater-Directoren darüber her-^ 
fielen, ihn von englischen Arrangeurs instrumentiren, mal- 
traitiren und von englischen Sängern singen Hessen. „Ich 
wohnte einer solchen Aftervorstellung bei", sagt Moscheies, 
„und fand in dem Machwerk „The Demon" betitelt, Meyer- 
beer's beste Intentionen gründlich zerstört Nur die schone 
Scenerie und die Unkenntniss des Publicums konnten 
■diese Vorstellungen vor einem gänzlichen Untergang 
schützen. In Coventgarden wollten sie nun wieder mit 
Drurylane rivalisiren und brachten eine bessere Nach- 
ahmung mit besseren Sängern zu Stande, aber Meyerbeer 
war es immer nicht." 

Am 31. März wurde Haydn's hundertjähriger Ge- 
burtstag durch ein grosses Festessen gefeiert, worü- 
ber das Tagebuch berichtet: „Zweiundneunzig Männer, 
grösstenteils Musikprofessoren wohnten dem Feste bei; 
die Damen nahmen von der Gallerie aus theil. Barry 
Cornwall hatte eine ' Arie zum Preise des Verewigten 
gedichtet, Neukomm in seine Festcomposition eine Aus- 
wahl der schönsten Motive seines Meisters eingefloch- 

16 • 



I 



— 244 — 

ten; J. B. Cramer, Field, Bohrer und ich spielten, man 
gab Chöre aus der „Schöpfung" und die Feier war musi- 
kalisch eine würdige. Die Toaste aber verdarben Alles. 
Man trank nicht nur auf den unsterblichen Haydn, nein,, 
auch auf alle anderen heimgegangenen und lebendigen, 
an- und abwesenden musikalischen Berühmtheiten, und so 
erschienen einige der ausübenden Finger schon etwas 
schwer, als es zum zweiten Theil kam; wir Deutschen 
waren bei dieser Gelegenheit entschieden im Vortheil." 

In diesem Jahre nahm Lord B., der Componist von 
viel adliger Musik, den Präsidentenstuhl beim Festmahl 
der Royal Society ein, und man musste mit dem Dessert 
auch ein Terzett von ihm hinunterschlucken. In seinem 
Hause gab es grosse Soireen mit Hinzuziehung von Künst- 
lern; die Musik, grösstenteils aus den Opern Seiner 
Lordschaft, die wenig begeisterten, die Steifheit des Tons 
und die entsetzlich späte Nachtstunde machten diese Soireen 
zu einer der unangenehmsten Geschäftsangelegenheiten 
der londoner Musikergilde. 

Dagegen führt; Moscheies Männer auf, in deren Häu- 
sern man nach guter ernster Musik auch für andere Un- 
terhaltung Sinn hatte und manchmal herzlich lachen 
durfte. Er erwähnt hierbei des berühmten Komikers 
Matthews, der in einem Privathause über die Eröffnung 
der neuen London-Brücke mit gewandtem Tonwechsel und 
unter Einmischung von allerlei witzigen Ausfallen und 
Wortspielen improvisirte. 

Ein besonderes Interesse hatte für Moscheies das 
Haus des ihm befreundeten torystischen Parlamentsmit- 
gliedes Fleming. Am 14. April sagt das Tagebuch 
„Gestern war die Reformbill durchgegangen; heute dinir- 
ten wir bei F's. mit mehreren members und hörten die 
Herren gern ihre politischen Ansichten auskramen. Aber 
leider folgte eine grosse musikalische Soiree, in der die 
ganze Partei vertreten war, der Herzog von Wellington 
an der Spitze. Vor diesen Herren ist aber schlecht mu- 
siciren, denn sie schenken höchstens einer italienischen 
Sängerin einige Aufmerksamkeit. Ciavier, ob von mir 



— 245 — 

oder einem anderen Künstler gespielt, interessirt sie nicht. 
Werde ich in solchen Soireen applaudirt, so denke ich, 
es geschieht aus Freude über mein Wiederabtreten, sie 
haben mich überstanden. Wir opfern solchen Soireen 
möglichst kurze Zeit und eilen heim, sobald es der An- 
stand erlaubt." 

Ja, die Häuslichkeit, sie war ihr eigentliches Ele- 
ment; immer mehr liebe und manche ausgezeichnete 
Freunde verschönerten sie, und jetzt, wo so manches 
Band gelöst ist, bewahren die Ueberlebenden das warme 
Gefühl, das sie damals aneinander fesselte. Wir nennen 
die Namen der Privatpersonen nicht, um ihnen nicht die 
Oeffentlichkeit eines solches Verhältnisses aufzudringen, 
«doch werden Manche, welche diese Skizze lesen, sich da- 
rin wiederfinden. Sie werden sich an gute Trio's und 
Quartette erinnern, die sie den Hausherrn spielen hörten, 
•der nie ermüdete, wenn es galt, vor echten Musiklieb- 
habern gute Musik zu machen. Zuweilen auch werden 
sie seiner gedenken, wie er, an der belebten Unterhaltung 
theilnehmend , zugleich für den Notenstecher arbeitete, 
umgeben von einem Wust von Correcturen, nicht nur 
seiner eigenen Arbeiten, sondern auch der Probedrucke 
mancher in London publicirenden Freunde. 

Chorley, der bekannte Kunstkritiker des Athenäum, 
kam in diesem Winter nach London, wurde bald Haus- 
freund und blieb der vieljährige hochgeachtete und slyets 
dienstfertige, ja unentbehrliche Anhänger der Familie. 
Auch der geschätzten Schriftstellerin, Mrs. Bowdich Lee, 
müssen wir gedenken. Von Cuvier eine der grossten Na- 
turforscherinnen genannt, war sie im Moscheles'schen 
Hause ganz Freundin, oft belehrend, stets liebenswürdig, 
und überaus empfänglich für musikalische Genüsse. Auch 
dies Verhältniss konnte nur der Tod lösen. 

Das Tagebuch erwähnt der Ankunft Meyerbeer's 
und mancher interessanten Zusammenkünfte mit dem lie- 
benswürdigen, geistreichen Gesellschafter, der, ein alter 
Freund, sich bald heimisch im Hause fühlte. 

Die herzlichsten Sympathien schlagen wieder Mendels- 



— 246 — 

söhn entgegen, der zur grossen Freude des Hauses Mo- 
Scheies am 23. April in London erscheint. „Wir hatten 
ihn längst erwartet, aber ein leichter Cholera- Anfall hielt, 
ihn in Paris fest. Jetzt ist er zu uns Insulanern mit sei- 
nem Schatz neuer Compositionen herüber geschwommen,, 
nun kommen wieder herrliche Tage/* 

- Wollen wir diese näher beleuchten und uns die grosse 
Intimität der Beziehungen vergegenwärtigen, so dürfen 
-wir nur das Tagebuch reden lassen, welches das fast täg- 
liche Zusammenkommen mit ihm bezeugt. Gleich am 
24. April speist er mit Klingemann bei Moscheies. „Er 
spielte zum erstenmal seine sogenannten Instrumental- 
Lieder für Ciavier, später „Lieder ohne Worte", und das 
Capriccio in H-moll; Alles athmet Geist und Leben, die- 
Lieder eben so tief gemüthlich und innerlich, wie das Or- 
chesterstück dem Concertsaal angepasst. In meinem neuen 
C-dur-Concert, das er zum erstenmal hörte, gefiel ihm be- 
sonders das Adagio." 

25. April: „Zu Tische Mendelssohn und Klingemann 
mit Meyerbeer und der so eben zur deutschen Oper an- 
gekommenen Schröder-Devrient. Felix und ich spielten 
seine vierhändige Symphonie, ich mein C-dur-Concert. 
Die Schröder sang die Scene aus dem „Freischütz" ganz- 
vortrefflich." 

28. April: „Probe des Philharmonischen Concertes und 
Künstler congress. Mendelssohn, Meyerbeer, Lablache 
Field und J. B. Cramer dort; Abends mit Meyerbeer in 
seiner Loge den „Barbiere" von der Cinti und Lablache 
gesehen; ausgezeichnet." 

30. April: Heute spielte Mendelssohn uns seine Can- 
tate „Die erste Walpurgisnacht" vor, die ich früher in 
Berlin gehört und bewundert, die mir nun aber in ihrer 
Ueberarbeitung und mit ihren bedeutenden in Italien ge- 
machten Veränderungen als ein prägnanteres Ganze er- 
schien. Auch das zu der silbernen Hochzeit seiner Eltern 
componirte Liederspiel „Die Heimkehr aus der Fremde",, 
diesen reizenden musikalischen Scherz, spielte er, endlich 
die Ouvertüre zu den „Hebriden". Auch ich musste ihm 



4 



— 247 



viel vorspielen. Die Einladung zu diesem Abend beant- 
wortete er der Frau in folgenden Zeilen: „Ich danke 
Herrn Moscheies sehr, dass er von meinen neuen Sachen 
etwas sehen will und wenn er mir verspricht, zu sagen, 
sobald es ihm zu viel wird, so schleppe ich einen Cab voll 
Manuscripte herbei und spiele Sie sämmtlich in Schlaf." 

i. Mai (Sonntag). Mendelssohn und Klingemann schon 
um ein Uhr. Ersterer schenkte mir die Partitur seiner 
Ouvertüre zu den „Hebriden", die er in Rom am 16. De- 
cember 1830 beendet, später aber für die Herausgabe ver- 
änderte. Oft schienen mir seine Sachen schon in der 
ersten Anlage so schön und abgerundet, dass ich mir 
keine Veränderung denken konnte und diesen Punkt dis- 
cutirten wir auch heute wieder. Er blieb aber bei seinem 
Princip des Aenderns. Ein herrlicher Spaziergang im 
Park mit Mendelssohn und Klingemann brachte Früh- 
lingsahnungen." 

Weiter heisst es in einem Briefe der Frau: „Unsere 
interessanten Tischgäste waren Haizinger's: er, der herr- 
liche Tenorist, auf den die hiesige deutsche Oper stolz sein 
kann, sie, schön und liebenswürdig wie immer, ferner un- 
sere grosse Schröder und unser noch grösserer Mendels- 
sohn. Natürlich war die Unterhaltung lebendig und die 
beiden Damen so heiter, dass sie viele Anekdoten zum 
Besten gaben, und durch charakteristische Geberden illu- 
strirten. Als nun eben die Schröder erzählte „wie er sein 
Schwert zückte" und dabei ihr Tischmesser drohend ge- 
gen Haizinger erhob, flüsterte mir Mendelssohn zu: „„Was 
wohl John (der Diener) bei solcher unenglischen Lebhaftig- 
keit denkt? Einer, der so etwas ansieht und nicht ver- 
steht, was es bedeutet, bedenken Sie nur"" Der 

Abend brachte die schönste Musik, Einer übertraf den 
Andern." 

7. Mai: „Heute mit Mendelssohn bei einem Diner, wo 
er nicht spielen wollte und Field es recht ungenügend that." 

8. Mai: „Gemüthlicher Abend mit Mendelssohn und 
Klingemann, das Programm für unsere Soiree am io. Mai 
unter tausend Scherzen zusammengestellt." 



— 248 — 

Mai: „In Meyerbeer's Loge der ersten deutschen 
Vorstellung im italienischen Opernhause beigewohnt; es 
war der „Freischütz": Mme. Meric, Frl. Maschinka Schnei- 
der, Haizinger und Hauser die Hauptsänger, Chelard Ka- 

-1 

pellmeister. Alles ging gut, das Publicum rief enthusia- 
stisch die Sänger wiederholt hervor. Uns machte die 
deutsche Vorstellung grosse Freude." 

10. Mai: „Unsere eigene grosse Soiree, bei der deutsche 
und englische Musik sich glücklich vermählt hatte." 

Zwischen dem 11. und 16. Mai finden wir allabendlich 
Zusammenkünfte, die der Freundschaft und den Musen 
geweiht sind. 

18. Mai: „Erste Vorstellung des „Fidelio", als Debüt 
der Schröder-Devrient, sie und Haizinger unübertrefflich 
und das Publicum den ganzen Abend so enthusiasmirt, 
dass es die Ouvertüre, den Canon, den Chor der Gefan- 
genen und zuletzt sogar, als die Sänger gerufen und 
schon wieder abgetreten waren, noch das ganze Finale 
wiederholen Hess". 

+ 

Nicht allen unseren Lesern wird folgende komische 
Episode bekannt sein: „Die Schröder-Fidelio reicht ihrem 
Florestan-Haizinger in der tragischen Kerkerscene das 
Stückchen Brod „das sie schon seit drei Tagen" für ihn 
im Busen verbirgt, er macht nicht Miene, es zu nehmen; 
da, mit einem derben Zusätze, wahrend das Publicum in 
Rührung zerfliesst, flüstert sie ihm wüthend zu: „Nehmen 
Sie's doch, wollen Sie Butter drauf?" 

20. Mai (Sonntag): „Mendelssohn zum Frühstück, und 
gleich den Tag mit Musik begonnen, sodann ergingen 
wir uns gemeinsam im Park. Abends kamen Haizinger's, 
ich probirte mit ihm die neue Variation, welche ich ihm 
zum „Abschied der Troubadours" für mein Concert schreibe, 
und hörte dazwischen die reizenden Anekdoten in den 
verschiedensten Mundarten, die .seine Frau der meinigen 
erzählte!" 

J. B. Cramer's langweiliges Concert am 21. Mai ward 
nur dadurch geniessbar, dass auch Mendelssohn es mit- 
machte. In den folgenden Tagen finden wir Moscheies 



'S 



— 249 — 

mit Vorbereitungen für das auf den ersten Juni anbe- 
raumte Concert beschäftigt. 

24. Mai: „Zweite Vorstellung des „Fidelio", womöglich 
noch schöner, als die erste. Begreift man es aber, dass 
die Directum den braven Cellisten Lee aus Hamburg 
nach dieser Oper Variationen spielen, dass sie auch noch 
einen Act aus „Othello" geben liess? Wir konnten einer 
solchen Geschmacklosigkeit nicht beiwohnen." 

25. Mai: „Nachdem ich die während der Saison un- 
vermeidlichen neun Lectionen hinter mir hatte, durfte ich 
mich endlich an Mendelssohn's Gegenwart bei Tische er- 
quicken; Abends war ich mit ihm, Klingemann und Hauser 
in Mori's Concert, wo er sein reizendes phantasiereiches 
Capriccio in H-moll spielte. Das Publicum, das sich im 
vorjährigen Mori'schen Concert an den Thüren um Einlass 
geschlagen, weil der Beneficiant mehr Karten verkauft, 
als der Saal fassen konnte, kam, hierdurch zurückge- 
schreckt, diesmal nur spärlich." 

28. Mai: „Vormittags Probe für mein Concert (des 
Mozart'schen Concerts für zwei Claviere) mit Mendelssohn 
in Erard's Fabrik. Er zu Tische bei uns und Abends zu- 
sammen in's Philharmonische Concert. Der Triumph, den 
er beim Spielen seines neuen G-moll-Concerts feierte, war 
ein vollständiger. Erfindung, Form, Instrumentation und 
Spiel, Alles befriedigte mich vollkommen, das Stück spru- 
delt von Genie." 

29. Mai: „Mendelssohn zu Tische, und die deutschen 
Künstler mir überraschend zu einer von meiner Frau 
langst vorbereiteten Feier versammelt. Erst ein Prolog f 
von Klingemann gedichtet, von Mme. Haizinger wunder- 
schön gesprochen; er erklärte, dass mein morgender Ge- 
burtstag schon heute gefeiert werde, weil man für morgen 
den allseitigen Pflichten in der Vorstellung des „Fidelio" 
obliegen müsse. Ein Postpacket, das man mir brachte, 
enthielt ein Blatt, auf dem Mendelssohn einen themati- 
schen Katalog meiner Werke mit humoristischen Rand- 
zeichnungen angebracht hatte. Man liess mir aber keine 
Zeit, dies interessante Geschenk zu studiren; denn es er- 



— 250 — 

scholl vierstimmiger Gesang. Neue Ueberräschung. Die 
Schröder, Haizinger's und Hauser sangen einen Canon von 
Mendelssohn über vier von Klingemann für diese Gelegen- 
heit gedichtete Zeilen, die Motive meines C-dur-Concerts 
immer darin vorherrschend; es war eine reizende Feier 
für den Künstler und Menschen." 

30. Mai: „Eine Nachfeier mit erster Handarbeit meines 
fünfjährigen Töchterchens. Das Lectionenjoch blieb nicht 
aus; Field's Morning-Concert als Intermezzo. Zu Tische 
aber Mendelssohn, Klingemann und ihr beiderseitiger 
Freund, Dr. Fritz Rosen." (Dieser, ein an der Universität 
von London habilitirter Orientalist, der leider frühzeitig 
verstarb, war der Bruder des nachherigen Schwiegersohn'^ 
von Moscheies, Dr. G. Rosen. Letzterer, von Alexander 
v. Humboldt schon früh zu wissenschaftlichen Reisen und 
Zwecken verwendet, wurde später preussischer General- 
consul in Jerusalem, dann in Belgrad.) Auch im Juni 
brachte die Anwesenheit Mendelssohn's noch mannigfache 
künstlerische Genüsse, Er spielt mit Moscheies in dessen 
eigenem Concert, dann Orgelfugen in der Paulskirche ganz 
meisterlich und muss sein G-moll-Concert unter erneutem 
Beifallssturm zum zweitenmal im Philharmonischen Concert 
vortragen. „Die ruhigen Abende (bemerkt Moscheies), 
wo wir zusammen plaudern und musiciren, sind und blei- 
ben unvergleichlich; heute gingen wir sein vierhändiges 
Arrangement des „Sommernachtstraums" sehr aufmerksam 
durch; es soll eben im Druck erscheinen. Die Diners, 
die wir mit ihm besuchen, sind nicht immer so interessant, 
wie das heutige bei Sir George Smart. Der gute Freund 
hat sich trotz seiner sechszig Jahre mit einer viel jüngeren 
vortrefflichen Frau verheirathet , die die Einweihung der 
neuen Häuslichkeit wohl verdiente; die Musik war der 
Gelegenheit würdig." 

Weiter notirt Moscheies: „Mendelssohn ist, wie ich, 
ein Verehrer von Horsleys' glee (vierstimmiger Gesang) 
„Cold is Cadwallo's tongue". Besser und der Situation 
gemässer hätte der celtische Held nicht besungen, sein 
Tod nicht tragischer betrauert werden können, als in die- 




— 251 — 

sem Gesang . . , Wieder sind wir einer Meinung über 
Paganini; er ist eben nach. London zurückgekehrt, und 
spielte, übte aber nicht den früheren Zauber auf uns aus. 
Endlich wird Einem die ewige Süsslichkeit doch zu viel." 

Am 22. Juni kommt der Freund zum Abschied. „Wir 
waren sehr lustig, sprachen in Räthseln, mussten dann 
aber doch traurig Lebewohl sagen." 

In diesem Monat wirkte Moscheies auch in einem der 
fashionablen Privatconcerte mit. Beliebte Sänger oder 
Instrumentalisten erhalten mitunter von einer Dame der 
höchsten Gesellschaft die Vergünstigung, in ihrem Hause 
Concert geben zu dürfen. Sie selbst sucht ihre Bekannten 
hineinzuziehen, der Concertgeber verzichtet auf das kost- 
spielige Orchester und begnügt sich mit einer Clavierbe- 
gleitung und den Guineen, deren eine für jedes Billet er- 
legt werden muss. Unter dem Einfluss der hohen Wirthin 
sind solche Concerte stets von der eleganten Welt über- 
füllt und der Ton dem einer Gesellschaft ähnlich. Oft 
hört man da die grössten Künstler, oft aber haben sie 
auch einem armen Schlucker aufgeholfen oder einen Wohl- 
thätigkeitszweck gefördert; man sah daher gern über ihr 
mitunter abgedroschenes Programm, oder über die unter 
ihnen verborgene Eitelkeit der Modenwelt hinweg. 

Um einen Einblick in das geschäftige Leben Mosch eles* 
zu gewähren, greifen wir folgende Tagebuchnotiz vom 
24. Juni heraus: „Als Sonntagsfreude einmal bis acht Uhr 
geschlafen; dafür aber schon während des Anziehens den 
kleinen Litolff üben hören, der gekommen war, um seine 
versprochene Lection zu nehmen. Also schnell gefrüh- 
stückt; aber schon bei der ersten Tasse Caffee erschienen 
die Damen B., die so lange blieben, dass ich mich ent- 
schliessen musste, dem Litolff seine Lection in ihrer Ge- 
genwart zu geben. Zum Ueberfluss kam noch der Pianist 
L. aus Wien mit dem Beinamen „der Hässliche" hinzu, 
in Gesellschaft seines vierhändigen Rondo, das denselben 
Beinamen verdient. Es zeichnet sich durch ein Rossini'- 
sches crescendo aus. Die Familie Eichhorn, die sich eben 
meldete, erbot sich, zu warten, während ich mich einer 



— 252 

längst anberaumten zahnärztlichen Operation unterzog. 
Gleich nach dieser genoss ich die Freude, mir von den 
beiden Knaben Eichhorn vormusiciren zu lassen, und zum 
Schluss trat ein musikalischer Freund ein, dem ich bis in 
die Nacht hinein vorspielen musste." 

Der Juli gleicht einigermassen dem Juni, nur dass ein 
„poco a poco decrescendo* 1 eintritt. 

Vom 14. August an verlebte man bei Hamburg mit 
lieben Verwandten eine glückliche Zeit in ländlicher Ruhe. 
Glücklich leben hiess aber für Moscheies componiren und 
musiciren und dies geschah privatim mit den besten Kräf- 
ten der Stadt, öffentlich zum Besten des Pensionsfonds 
verarmter Musiker. 

Am 4. October ging es weiter nach Berlin, um dort 
ein Wiedersehen mit Moscheles* Mutter zu feiern, die dort- 
hin gereist war, um die Familie zu treffen. Die vortreff- 
liche Frau, die mit ganzer Seele an dem Sohn und seiner 
Frau hing, hatte hier zum erstenmal das Glück, sich ihrer 
Enkel zu freuen und genoss es in vollen Zügen. 

Der grösste Anziehungspunkt war natürlich für Mo- 
scheies Felix Mendelssohn und sein elterliches Haus. Dort 
waren sie täglich zu irgend einer Zeit, dort wurde Musik 
für das Herz gemacht, dort vertraulich über Geschäfte 
mit Felix* Vater berathen. Moscheies sagt: „Jch übe mich 
täglich auf Felix' prächtigem Erard, den er mir auch 
zum Concert leihen will; wir phantasiren oft zusammen 
darauf, und Jeder von uns sucht die von dem Andern 
untergelegten Harmonien blitzschnell aufzufangen und da- 
rauf weiter zu bauen. Dabei hat Felix die Sucht, jedes 
Motiv aus einer seiner Compositionen, das ich bringe, so 
schnell als möglich durch eins der meinigen zu unter- 
brechen und abzuschneiden, was uns Stoff zu herzlichem 
Lachen gibt. Es ist oft wie ein musikalisches Blindekuh- 
spiel, bei welchem die Tappenden zuweilen mit den Köpfen 
gegen einander rennen!" 

Am ii. October wohnte Moscheies einer genussreichen 
Aufführung der Walpurgisnacht in Felix' elterlichem Hause 
bei; die Soli wurden von Mantius, den Devrients und 



— 253 — 

Frau Thürschmidt ausgeführt. Auch die vierhändige 
Beethoven-Polonaise und Moscheles' Sonate in Es durften 
nicht fehlen; Mantius und Devrient sangen aus dem Lie- 
derspiel: „Die Heimkehr aus der Fremde". „Es war ein 
reizender Abend." Am 14. October gedenkt das Tagebuch 
einer ähnlichen Soiree im Mendelssohn'schen Hause. 

Zu allseitiger Freude war auch Neukomm in Berlin 
angekommen, und man horte mit Felix eine Aufführung 
seiner „Zehn Gebote" in der Singakademie, so wie die 
erste Vorstellung des Crociato, am Geburtstage des Kron- 
prinzen. Leider war der Crociato ganz heiser, Frau 
Kraus -Wranitzky aber eine vortreffliche Palmyra, die 
. Männer nicht ausgezeichnet, Chore und Decorationen 
prächtig. In der so eben eröffneten Gemäldeausstellung 
bewunderte man das Meisterwerk des einundzwanzig- 
jährigen Eduard Bendemann „Die trauernden Juden"; das 
Interesse an dem Kunstwerk wurde noch durch die per- 
sönliche Bekanntschaft des liebenswürdigen bescheidenen 
jungen Künstlers erhöht. 

Später sagt Moscheies: „Ich zähle es auch zu den 
Genüssen dieses kurzen berliner Aufenthalts, dass ich 
Schleiermacher predigen hörte, aber leider nur einmal." 

Am 17. d. M. fand Moscheles* Concert in der Oper 
bei überfülltem Hause statt, worüber er berichtet: „Mein 
Drittel der Einnahme beträgt 301 Thlr. netto. Graf 
Redern, Intendant der königlichen Oper, kam mir dabei 
sehr freundlich entgegen, und das Publicum beehrte mein 
C-dur-Concert , die dänische Phantasie und eine Improvi- 
sation über „che farö, voi che sapete" und „namenlose 
Freude", mit einem Enthusiasmus, der mich rückwirkend 
begeisterte ... Es war mir auch ein wonniges Gefühl, 
Mutter und Frau in einer Parketloge zu sehen. Felix 
soupirte mit uns bei Jagor sehr heiter." 

Am folgenden Tage, dem letzten in Berlin, war noch 
eine Morgenmusik bei Mendelssohn's. Felix spielte die 
C-moll-Sonate von Beethoven mit dem Geiger Ries, Mo- 
scheies sein Trio, dessen Scherzo er wiederholen musste. 
Bei Tische redete die ganze Familie ihm zu: noch einmal 



— 254 — 

in der Oper zu spielen, so dass Felix aufsprang und zu 
Redern lief, um ihn zu fragen, ob sich bis Sonntag etwas 
arrangiren Hesse? Der Bescheid aber, es ginge erst nach 
Mittwoch, befestigte Moscheles' Entschluss, sogleich abzu- 
reisen; doch nahmen sie Felix* Versprechen mit, er wolle 
im Frühjahr in London bei ihnen zu Gevatter stehn, und 
schenkte der Himmel einen Knaben als Ersatz für den 
verlorenen Liebling, so sollte er Felix heissen. 

Nun ging's die Nacht durch nach Leipzig, wo im Hotel 
de Baviere abgestiegen wurde. Die Subscription für das 
dortige Concert trug bereits 200 Unterschriften, so dass 
Moscheies sogleich bei Wieck ein gutes englisches Instru- 
ment probirte, welches er ihm zum Concert zu leihen ver- 
sprach. 

Das Tagebuch erzählt hierauf von gastfreundschaft- 
lichen Zusammenkünften; dann heisst es: „Bei Wieck ge- 
übt und mir von seiner kleinen überaus begabten Clara 
vorspielen lassen." 

Am 22. Oc tober fand das Concert unter grossem Zu- 
drang und enthusiastischem Beifall statt, und bereits am 
folgenden Tage wurde um 9 Uhr Vormittags davon 
gerollt. Das reizende Wetter machte die Reise nach 
Weimar zur wahren Lustfahrt. Am 24. October verzeich- 
net das Tagebuch Besuche bei J. N. Hummel, Frau 
v. Goethe und Anderen. 

Am 25. wurden sie zum Dejeuner bei Frau v. Goethe 
geladen. „Da gab es viel besternte und betitelte Personen, 
die viel aus mir und meinem Spiel machten, während 
meine Frau und ich es beklagten, dass der grosse Genius 
des Orts, Goethe, vor einigen Monaten gestorben war. 
Zwar befanden wir uns in seinem Hause, doch nicht ein- 
mal seine eigenen Zimmer konnten wir sehen, da Alles 
darin noch ungeordnet und desshalb Niemandem zugäng- 
lich war. So konnten wir zum Andenken an den grossen 
Mann nur einige Facsimile's, die letztgeprägte Medaille 
und eine Haarlocke, die Frau v. Goethe uns schenkte, er- 
halten. Die Damen des Hofes in der Goethe'schen Ge- 
sellschaft meinten: „Die Hoheit werde mir den Sonntag 



* 

— 255 — 

zu einem Conoert frei machen, sie sei mir sehr huldvoll ge- 
sinnt." Der Grossherzog aber wollte zwei fremde Gesandten 
empfangen, was hinderlich dazwischen trat. Es blieb da- 
her bei dem einzigen Hofconcert, zu dem ich mich vor 
meiner Ankunft engagirt hatte; die Herrschaften waren 
äusserst gnädig und überreichten mir einen mit Brillanten 
besetzten Amethystring." 

26. October: „Zu Tische bei Hummers; mit ihm vier- 
händig phantasirt; die Zuhörer entzückt. Aber mir war's 
kein Felix. Schnell in unsere Reisekleider geworfen und 
nach Erfurt gefahren." 

Am 28. October Abends langten sie in Frankfurt an, 
wo sich neue Schwierigkeiten wegen eines rasch zu ver- 
anstaltenden Concerts fanden. „Meine Kunstbrüder Schelble, 
Schnyder v. Wartensee, Rosenhain, Wolff, Guhr und 
Andere wussten mich aber zu bereden, bis zum 7. Novem- 
ber zu warten, was ich ungern that." 

Mittlerweile geniesst er, was sich ihm bietet und besucht 
unter Anderen auch Hofrath A. in Offenbach, über den 
•er sagt: „Er drang mir seine Gelehrsamkeit schefFelweise 
auf und wollte mir aus jeder Zeile seines soeben erschei- 
nenden Lehrbuchs beweisen, dass noch Niemand vor ihm 
-die musikalische Setzkunst verstanden, viel weniger darü- 
ber zu schreiben gewusst habe. Noch zeigte er mir eine 
von Mozart unbeendigt gebliebene Oper Bettulia Liberata. 
Das gedruckte Textbuch ergiebt, dass Gassmann 1786 
Musik dazu geschrieben hat. A. hat es unternommen, 
das Werk zu ergänzen und zeigte mir die Partitur seiner 
Ouvertüre, die ich spielte und die Werth hat." 

Am 7. November ging endlich Mosch eles' Concert 
glücklich von statten; er hatte ihm mit Ungeduld ent- 
gegen gesehen, weil ein in London gut gestellter Künstler 
für Continentalunternehmungen gar zu grosse Geldopfer 
bringen muss, selbst wenn sie so vollkommen gelingen, 
wie die seinigen auf dieser Reise. 

Von Frankfurt aus hatte er noch ein Concert in Köln 
2M geben, lehnte dann aber alle ferneren Anträge ab und 



— 256 — 

eilte nach London zurück. Das Tagebuch ergeht sich in 
Dank für die glückliche Heimkehr der Familie, in Freude 
über den musikalischen Besuch, den er den Kunstbrüdern 
in Deutschland abgestattet, und in Befriedigung über ihre 
Anerkennung und schliesst mit den Worten: „Sollte man 
es glauben? heute am ersten Tage nach meiner Rückkehr 
schon einer der längstharrenden Schülerinnen eine Lection 
gegeben !" 

Klingemann, F. Rosen und andere Freunde fanden 
sich rasch ein. Der kleine Litolff spielte viel bei Moscheies 
und machte bedeutende Fortschritte. Moscheies schreibt: 
„Meiner Gewohnheit getreu, am Geburtstage meiner Frau 
etwas neues zu componiren, begann ich auch dies Jahr — 
aber nicht, wie früher, eine Kleinigkeit, sondern mein 
Septett, welches ich im Auftrage der Philharmonischen 
Gesellschaft componire. Zwei Jahre lang soll es ihr 
ausschliessliches Eigenthum bleiben, dann kann ich es 
einem Verleger überlassen." 

Da er allabendlich viel arbeitete, so war es ihm keine 
angenehme Unterbrechung, als man ihn aufforderte, nach 
Brighton zu reisen: Der Hof sei anwesend, ein dortiger 
Freund habe Alles vorbereitet, er werde sogleich bei seiner 
Ankunft vor den Majestäten spielen, die ihn zu hören 
wünschten. Um das Gegentheil dieser Aussage zu be- 
kräftigen, geben wir das Tagebuch, wie Moscheies es da- 
mals schrieb: 

„ii. December 8 Uhr Abends nach Brighton — 
mit Goethe's Götz allein inside. — Um zwei Uhr ange- 
kommen, Brief abgegeben, Niemanden getroffen. Grosses 
Leben in den Strassen wegen bevorstehender Wahlen. 
Die Parteien durchzogen die Strassen mit Musikbanden 
und Hurrahgeschrei. Einsam ins Theater, leer und kalt, 
es wurde die Farce „Harvest Home" gegeben; das Tanz- 
Divertissement war einschläfernd, aber Mr. und Mrs. Keeley 
in Master Rival ausgezeichnet. 

12. December. Trotz eines Rendezvous, welches mir 
der Oberkapellmeister Sir Andrew Barnard um zehn Uhr 
im Pavillon (dem königlichen Schlosse) gegeben hatte,. 



traf ich ihn zu keiner Stunde. Auch Dr. Davis, der mich 
durch eine Karte auf zwei Uhr zu sich bescheiden liess, 
war nicht zu sehen. Meine grosse Anhängerin, Lady C, 
der ich dies klagte, musste, wie ich, befürchten, Sir An- 
drew sei mir feindlich und nur Italienern freundlich ge- 
sinnt. Sie schrieb ihm, und verlangte Aufklärung. Dies 
verschaffte mir die Ehre seines Anblicks. Ich wüsste 
längst, sagte er, dass ich heute Abend bei Hofe spielen 
sollte. — „Wieso?" fragte ich. — „„Hat Ihnen Dr. Davis 
Nichts gesagt?"" — „Nein!" — Hierauf einige höfliche 
Phrasen seinerseits, und der Antrag, den Erard im Pa- 
villon zu probiren; ich fand ihn angequollen und steif, 
weil er lange in einem kalten Salon gestanden, musste 
mich aber doch über Hals und Kopf zu seiner Benutzung 
vorbereiten und fand nicht einmal Zeit mit der königlichen 
Kapelle zu probiren. Mit dieser traf ich nun Abends bei 
magischer Beleuchtung in dem phantastisch decorirten 
Musiksaal des Pavillons zusammen. Das Ganze machte 
einen feenartigen Eindruck. König William IV. und Kö- 
nigin Adelaide erschienen mit der königlichen Familie 
und setzten sich ans entfernteste Ende des Saales, der 
Hofstaat auch weit vom Ciavier weg, und ich wurde nicht 
vorgestellt. Ich spielte meine neue Phantasie über eng- 
lische Nationallieder, die der Königin dedicirt waren. Der 
König allein näherte sich während dieser dem Ciavier und 
schien zuzuhören, nickte sogar herablassend, als ich auf- 
stand; sein Mund blieb aber stumm. Die Gesellschaft un- 
terhielt sich laut. Sir Andrew fprderte mich auf, Orgel 
zu spielen, und später musste ich die Kapelle (ein ziem- 
lich ungeschultes Doppelquartett), in einigen Vorträgen aus 
der „Schöpfung" begleiten. An meinen Alex ander- Varia- 
tionen und der Improvisation nahmen nur die Princess 
Augusta und die Marchioness of Cornwallis, trotz grossen 
Geräusches im Saal, Antheil. Noch wurden Stücke aus 
»Robert le Diable" von der Kapelle ausgeführt und end- 
lich mit „God save the King" geschlossen. Der Hof zog 
sich zurück", nachdem Sir Andrew der Königin das Exem- 
plar meiner englischen Phantasie überreicht, eine Ehre, 

Mosch eles' Leben. 17 



- 2 5 8 - 

um die ich für mich angehalten, die er mir aber ver- 
weigert hatte. Er fertigte mich wieder mit einigen höf- 
lichen, höfischen Phrasen über die Zufriedenheit Ihrer 
Majestäten ab, und die Gesellschaft wechselte kein Wort 
mit mir." 

Kein Wunder, dass Moscheies Brighton ärgerlich ver- 
liess, aber die Freude, wieder bei den Seinigen zu sein, 
verwischte bald diese unangenehmen Eindrücke. Mr. Gri- 
mal, ein grosser Musikenthusiast brachte ihm Beethoven's 
Messe (op. 123), die er noch nicht kannte, und die auch in 
London noch nicht gehört war, mit der Bitte, sie bei 
einem Mr. Alsager zu dirigiren. Dieser, ein Mitarbeiter 
an der „Times", schrieb nicht nur seinen City-Artikel sehr 
gut, sondern trieb auch die Beethoven- Verehrung bis zum 
Fanatismus. In seinem grossen Musiksaal wurden Beet- 
hoven'sche Werke mit ganzem Orchester gegeben. Am 
23. December schwang Moscheies zum ersten Mal bei einer 
Aufführung den Dirigentenstab über dieses freilich zum 
Theil aus Dilettanten bestehende, aber doch sehr gut 
eingespielte Orchester. Von da an musste er es öfters 
dirigiren. „Ich hatte mich", schreibt Moscheies, „in das 
kolossale Werk (die Missa solemnis) durch Studium ganz 
versenkt. Zuweilen „erschienen mir einzelne Phrasen nicht 
auf dem Höhepunkt kirchlicher Musik; doch diese fielen 
gegen den Geist, der das Ganze belebt, wie Arabesken 
einer Zeichnung weg. Der Enthusiasmus meiner eng- 
lischen Freunde fachte auch meinen Eifer an, die Compo- 
situm in gehöriger Auffassung zu geben. Miss Novello 
sang ganz vortrefflich, auch Miss H. Cawes that ihr 
Bestes. Das „Benedictus" mit dem himmlischen Violin- 
Solo (Mori) entzückte Alles." 

Nachdem sie am 24. December wieder das schone 
Weihnachtsfest gefeiert, beendete Moscheies am 25. in der 
Festtagsruhe die Skizze des Septett- Adagio's , instrumen- 
tirte, copirte die Stimmen in den nächsten Tagen und 
hatte die Freude, es am 31. December vor einigen musi- 
kalischen Freunden mit grossem Erfolg probiren zu 
können. 



4 




— 259 — 

Das alte Jahr wird musicirend beschlossen und das 
beginnende neue mit dem Punschglase in der Hand und 
tausend guten Wünschen begrüsst. 



1833. 

Der Jahresanfang ward der Fortsetzung des Septett 
.gewidmet, von dem Moscheies bis dahin nur zwei Sätze 
beendet hatte ; dann besorgte er die Copirung der Stimmen 
mit der ihm eigenen Genauigkeit. Später ward ihm das 
Stück besonders lieb, weil Mendelssohn, dem es gefiel, in 
seiner kindlich bescheidenen Art fragte: „Erlaubst du, 
dass ich es zu vier Händen arrangire?" Und dann wieder, 
während der Arbeit: „Gefällt es dir auch? Hättest du es 
doch selbst besser gemacht " . . . . Wir pflegten solche Reden 
wohl lächelnd seine „frevelhafte Bescheidenheit'' zu nen- 
nen, waren aber doch überzeugt, dass der grosse Künstler, 
den eigenen Werth verkennend, aufrichtig meinte, was er 
sagte. 

Ein Engagement zu Concerten im Norden Englands 
bringt uns folgende Auszüge aus Briefen an die Frau: 

„York, 4. Februar Nachts halb zwölf Uhr nach dem 
Concert. Ohne unbescheiden zu sein, darf ich behaupten, 
dass ich heute der Einzige war, der mit Beifall beehrt 
wurde; denn es war nichts da, als ein Sänger W. W., 
■einige glees, nebst einigen miserablen Ouvertüren, in wel- 
chen die Flöte allein Trägerin der Harmonien war. O 
Jammer!! Eine andere Haut, als ich, ginge drauf — aber 
ich konnte sie anhören, ohne in Ohnmacht zu fallen. Ich 
versichere Dich, dass ich meine Nerven so zusammen- 
halten musste, wie ich es etwa zu thun hätte, wenn ich 
•einer Hinrichtung beiwohnte. Ich ward nicht nur mit 
Beifall aufgenommen, sondern musste zweimal phantasiren. 
Der Sänger Mr. W. wollte die Midnight Review mit 

Orchester singen, und ich gab mir bei der Probe alle 

17* 



— 2Ö0 — 

mögliche Mühe, sie in Gang zu bringen — aber da war 
so wenig Lebensgeist herauszubringen, wie aus Kiesel- 
steinen. Ich rieth ihm, das Orchester aufzugeben und 
erbot mich die Composition vom Tode zu retten, indem 
ich sie accompagnirte. Früh um sechs fahre ich mit der 
mail nach Sheffield, und da ich noch meinen Concertanzug 
packen muss, so muss ich schliessen .... , 

Sheffield, 5. Februar Nachts elf Uhr nach dem Con- 
cert. Heute hatte ich einen bewegten Tag, und während 
ich Dir schreibe, fühle ich mich wie ein Stagecoach - Pferd, 
dem nach vollbrachter Arbeit bei der Ankunft an der 
Station alle Muskeln dampfen. Also um fünf Uhr stand 
ich auf, um sechs Uhr fort, halb zwei Uhr hier, schon an 
der Kutsche empfangen, gleich in die Probe, dann zu 
Tische zu Barker (ein Freund, Besitzer eines Marmor- 
bruches), Grosser Enthusiasmus im Concert. Den „Fall 
of Paris" sollte ich wiederholen, spielte aber nur das Fi- 
nale zweimal und liess mich durch das gewaltige Klat- 
schen doch nicht zu zweimaligem Phantasiren verlocken , 
sondern verbeugte mich nur pflichtschuldigst. 

Mittwoch Nachmittag. Ich komme eben aus der Kirche, 
wo Neukomm's „Zehn Gebote" zum erstenmal aufgeführt 
■wurden. Ich sage Dir nichts Ausführliches darüber — 
nur dass es allgemein angesprochen hat — weil ich mir 
in meinem Textbuch viele Notanda gemacht habe, um 
Dir Alles mündlich mitzutheilen. Der Brief muss fort". - 

Er selbst eilte ihm bald nach, und kaum war er ,nach 
London zurückgekehrt, so ward ihm ein Sohn geboren. 
Unendliche Freude in der Familie l Moscheies schreibt: 
„Ich blieb die halbe Nacht auf, um den Verwandten und 
dem zukünftigen Pathen Felix die frohe Nachricht zu 
melden und letzterem unsere Hoffnung auszusprechen, dass 
er kommen und das Kind selbst über die Taufe halten 
werde.' ' 

Der hier folgende Brief Mendelssohn's, mit der beige- 
gebenen Federzeichnung geschmückt, beantwortete um- 
gehend die Meldung des Freundes: 




Da sind die Blasinstrumente zu den Geigen; denn so 
lange darf der Stammhalter nicht warten bis ich hinkomme, 
sondern er muss ein Wiegenlied mit Pauken und Trom- 
peten und Janitscharenmusik haben, die blossen Geigen 
sind lange nicht lustig genug. Viel Glück und Freude 
und Segen für den neuen Menschen; es soll ihm sehr gut 
gehen, und er soll gut werden, was er wird, und es möge 
ihm wohl in der Welt zu Muthe sein. Also Felix soll er 
heissen? Das ist sehr lieb und schön von Euch, dass er 
nun mein ordentlicher Pathe in forma wird, und mein 
•erstes Pathengeschenk ist obiges ganze Orchester, das soll 
ihn sein Leben durch begleiten: die Trompeten, wenn er 
berühmt werden will, die Flöten, wenn er sich mal ver- 
lieben wird, die Becken, wenn er einen Bart bekommt, 
das Ciavier erklärt sich selbst, und wenn ihm die Leute 
einmal übel mitspielen, wie sie das jedem wohl einmal 
thun, so stehn die Pauken und die grosse Trommel im 
Hintergrund. Ach Gott verzeih das dumme Zeug; aber 
mir ist gar sehr lustig, wenn ich an Euere Lustigkeit 
denke, und an die Zeit, wo ich viel davon abbekommen 



■i 



— 2Ö2 — 

j-i. 

■ 

will. Ende April spätestens will ich in London sein und 
dann wollen wir dem Jungen einen ordentlichen Namen und 
Eintritt in die Welt geben, eine Lust soirs werden. 

Auf Dein Septett freue ich mich aber nicht wenig ; 
Klingemann hat mir elf Noten daraus geschrieben, nämlich t 

4L 

m— t-£ fcfi — m f^T X ' — unc * ^ e 8" e ^ a ^ en m * r g ar sehr 

gut; ich kann mir denken, wie das ein lebendiges, heiteres, 
letztes Stück geben muss. Auch hat er mir das B-dur*- 
Andante gut beschrieben und erzählt, aber wenn ich's 
selbst höre, ist es doch noch besser. Erwarte nicht zu 
viel von meinen Sachen, die ich mitbringen werde. Du 
wirst die Spuren des Missmuths, aus dem ich mich erst 
langsam und schwer herausarbeiten kann, gewiss oft fin- 
den; es ist mir oft gewesen, als hätte ich noch gar nicht 
componirt und müsste erst wieder anfangen, alles zu lernen ; 
doch bin ich jetzt schon mehr darin und die letzten Sachen 
werden besser klingen. So war es auch hübsch, dass- 
Dein Brief mich wirklich so recht im Componiren und 
allein und ruhig auf meiner Stube traf, wie Du sagtest 
und so wünsche ich, dass Dich meine Antwort hier froh 
und heiter Abends in Deinem Hause, im Kreise der ge- 
sunden Deinigen antreffen möge; nun wollen wir sehen, 
ob ich so viel Glück mit Wünschen haben werde, als Du.. 
Ich bin in Eil und werde schli essen, ich hatte nur eine 
halbe Stunde Zeit, Dir zu schreiben, und die schone Malerei 
hat mich fast die ganze Zeit aufgehalten. Aber ich weiss- 
auch weiter nichts Neues zu sagen, als: Glück und Fort- 
dauer, und auf Wiedersehen. Die Meinigen sind sämmt- 
lieh wohl und grüssen Dich und freuen sich über Dein* 
Glück. Nur mein Vater leidet fortwährend sehr an den. 
Augen, und wir sind darüber sehr betrübt, da es auch 
ihn oft verstimmt; wenn er nur bald Besserung spürte. 
Meine Schwester und ich machen jetzt viel Musik, und 
alle Sonntage Morgen mit Begleitung, und eben habe ich 
vom Buchbinder einen ganzen grasgrünen Band Moscheies 



bekommen, weil nächstes Mal Dein Trio gespielt wird. 
Aber lebewohl, lebewohl und bleibe glücklich. Dein 
Berlin, 27. Februar 1833. 

Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

* 

Der Frau schreibt er: 

Berlin, 27. Februar 1833. 
Liebe Madame Moscheies! 
Wenn ich Ihnen heute auch nur wenige Zeilen schreiben 
kann, so muss ich doch meinen Glückwunsch und meine 
Freude Ihnen bringen und Ihnen sagen, wie ich mich in Ihre 
Seele hinein über das frohe Ereigniss freue» Wie schön 
ist es, dass ich nun den neuen Ankömmling bald persön- 
lich kennen lerne, und dass er meinen Namen bekommt; 
bitte, warten Sie nur ja, bis ich da bin, damit ich Ihre 
damalige Einladung zur Taufe auch wirklich annahmen 
kann; ich eile mich gewiss so viel ich kann, und komme 
so früh es geht. Auch das ist gut, dass es ein Knabe 
ist; der muss ein Musiker werden, und was wir Alle 
machen möchten und nicht können, das möge ihm vorbe- 
halten bleiben, oder auch nicht. Es ist einerlei, denn ein 
guter Mensch wird er werden, und das ist die Hauptsache. 
Ich sehe freilich schon jetzt, wie ihn die beiden älteren 
Schwestern, die erwachsenen Misses Emily und Serena 
tyrannisiren ; wenn er erst vierzehn Jahre alt ist, da wird 
er manchen 'Seitenblick zu leiden haben über seine langen 
Arme und seinen zu kurzen Rock und seine schlechte 
Stimme, aber nachher wird er ein Mann werden; dann 
protegirt er die beiden wieder und erweist ihnen mancher- 
lei, und muss sich auf manchen Soireen ihretwegen als 
Begleiter ennuyiren. — Sie haben auf mich wohl ein we- 
nig oder gar sehr gezürnt wegen meiner Schreibträgheit, 
aber verzeihen Sie mir nur, ich will mich auch gewiss bessern. 
Zumal freilich, wenn ich erst in London bin und meine 
Antworten und Fragen immer selbst hintragen und im- 
provisiren kann; aber auch sonst. Meine Schwestern 
lassen Ihnen tausend Wünsche und Grüsse sagen, ebenso 
meine Eltern, und wir Alle freuen uns herzlich und gratuliren 



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sehr zum ersten Sohn. Ich. muss jetzt das letzte Stück 
von meiner Symphonie anfangen, und das liegt mir in den 
Fingern und verdirbt mir meinen Styl, und * nimmt mir 
die Zeit. Entschuldigen Sie die eiligen Worte, wie Sie 
gemeint sind, wissen Sie. 

Ihr ergebener 
Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

Die Philharmonische Gesellschaft erging sich in die- 
sem Winter in den heftigsten pebatten über eine Local- 
veränderung. In den Argyllrooms waren Logen für den 
bessern Theil des Publicums, im Hanover square Saal nur 
die eine grosse (königliche Loge genannt, weil man sie 
für den Hof reservirte). Ein heftiger Streit entbrannte 
für und gegen die Einrichtung von Sperrsitzen und wurde 
endlich mit Nein entschieden. „Das Orchester, das in dem 
neuen Saal neu aufgestellt worden war, indem wir die 
Bässe mehr vertheilt Und in den Hintergrund gebracht 
hatten als früher, probirte die Ouvertüre zur „Zauberflöte", 
und es ergab sich eine gute Wirkung.*' Das Tagebuch 
giebt einige der Programme wie folgt: 

25. Februar: Symphonie von Mozart und Haydn} Wilkmann, Clarinett- 
Concert von Spohr; Mori, Quintett von Beethoven (nicht grossartig genuf ) 
Ouvertüre zu „Oberon", und „Demophon" von Vogel u. s. w. 

11. März: Symphonieen von Spohr und Beethoven (in A) f Miss Masson 
und Mr. Homcastle sangen. 

25. März: Symphonien, Mozart (D), Beethoven (Pastorale). 

Chelard's Ouvertüre zur „Mitternacht", von ihm selbst dirigirt, war 
eine mässig anziehende Novität; moderne Knall-Effecte und ein vierstim- 
miger Choral mit Orgelbegleitung wechseln darin ab. Spagnoletti geigte 
ein Quartett von Beethoven; Nicholson, Flötist, eigenes Concert (massiger 
Nordostwind). 

Am 15. April spielte ich mein, für die Gesellschaft geschriebenes 
Septett mit Dragonetti, Lindley, Mori — genug, mit den ersten Kräften 
und herzlicher Anerkennung, die ihr Echo in der Presse fand. 

Am 13. Mai war Mendelssohn der Juwel des Concerts, indem er 
seine herrliche A-dur-Symphonie zum ersten Mal mit dem rauschendsten 
Beifall gab, und Mozart's Concert in D einfach schön und edel vortrug. 
De Beriot's Violinconcert war aber mindestens eine Perle zu nennen und 



1 



— 265 — 

•die Cinti und Rubini sangen so schön, dass dies Concert das interessan- 
teste der Saison genannt zu werden verdient. 

27. Mai: Symphonie von Potter, und Neukomm's Orchesterphantasie 
über einige Stellen von Milton's Paradise lost, waren die Orchester-Novi- 
täten, wurden gut ausgeführt und gefielen. Auch Hummers F-dur- Concert 
von ihm selbst gespielt, war neu und ward gut aufgenommen. Die Pasta 
und Tamburini sangen herrlich. 

Der Gesang der Malibran und eine erste Auffüh- 
rung von Mendelssohn's Ouvertüre zu „Ruy Blas" wur- 
den noch zum Schluss der diesjährigen Concerte gehört 
und Moscheies für das nächstfolgende wieder zum Mit- 
director erwählt. 

Ein zweites Institut „Societä Armonica" genannt, fand 
in dieser Saison seinen Untergang. Von einem braven 
Schüler Mosch eles', Mr. Forbes, gegründet, konnte es sich 
trotz der Tüchtigkeit des jungen Mannes doch nicht halten. 

Auch in Privatunternehmungen wirkte Moscheies 
wieder vielfach mit. So spielte er bei den Aufführungen 
des Mr. Alsager die Beethoven'schen Sonaten Op. 109 und 
in vor einem Kreise von Verehrern des grossen Compo- 
nisten. „Ich fand andächtige Zuhörer, während ich in 
meinem eigenen Hause bei den Musikern kein rechtes 
Glück damit mache. Theilweise ist man freilich ergriffen, 
theilweise aber auch erstaunt über die Extravaganzen des 
Meisters, und herzlich erfreut erst dann, wenn ich etwa 
die fassliche D-moll-Sonate zum Besten gebe." In der 
„Royal Society of musicians" gab es eine originelle 
Leistung. Der alte Parry sang, die Bardenharfe im Arm, 
seine Nationalmelodien (Welsh songs) mit einem Pathos, 
das sie mir interessant machte; wir Musiker gaben dem 
braven Alten ein musikalisches Diner mit Ueberreichung 
«ines Silbergeschirres in Anerkennung seiner vieljährigen 
Verdienste und Leistungen in unserer Zunft und seiner 
Bemühungen um verarmte Musiker. Seine Dankbarkeit 
und Rührung war ergreifend." 

Die Grippe, welche in diesem Frühjahr ihren ersten 
verheerenden Einzug in London hielt, befiel das Mosche- 
les'sche Haus mit grosser Heftigkeit, ihn selbst am an- 
dauerndsten. Dabei war man schon in der Mitte des April, 



i 



sein jährliches Concert für den i. Mai war angekündigt und 
noch fehlte die gewisse unerlässliche Novität, die er hätte 
componiren müssen, um mit gutem Gewissen vor sein 
Publicum hintreten zu können. „Wer weiss", schreibt er 
in sein Tagebuch, „ob mir die Finger nicht den Dienst 
versagen werden, ob ich nicht besser thäte, das Concert 
aufzugeben." Da kam Mendelssohn nach London. Der 
erste Besuch im Krankenzimmer heilte den Patienten frei- 
lich nicht, doch mag die Freude, den „Felix" wiederzu- 
sehen wohl mit zur Genesung beigetragen haben; denn 
einige Tage später reift der Entschluss, das Concert zu 
wagen, weil die Freunde verabreden, zusammen ein Stück 
für zwei Claviere zu schreiben und zu spielen. Es sollte 
sehr brillant werden — am besten Variationen über ein 
beliebtes Thema — aber welches? Viele wurden vorge- 
schlagen, endlich der Zigeunermarsch aus Weber*s „Pre- 
ciosa" gewählt. „Ich mache mir eine Variation in Moll, 
die unten im Bass brummt", rief Felix aus, „Du oben eine 
brillante in Dur, nicht wahr?" und so wurde denn verab- 
redet, dass die Introduction, die erste und zweite Variation 
Mendelssohn, die dritte und vierte mit verbindendem Tutti 
Moscheies zufallen sollten. „In das Finale wollten wir uns 
theilen; er begann also mit dem Allegro-Satz , den ich 
durch ein piu lento unterbrach." 

In zwei Tagen waren sie fertig und gingen vom 
Philharmonischen Concert aus in später Stunde nach der 

<■ 

Erard'schen Ciavierfabrik, um dort eine erste Probe zu 
machen. „Wir fanden zwei Flügel bereit und unser eiliges 
Machwerk gefiel unserer einzigen Zuhörerin, meiner Frau, 
ausnehmend gut." War diese nächtliche Cla vierprobe aber 
eine eilige gewesen, so ward es die Orchesterprobe am 
Morgen des 30. April noch mehr ; denn eine lange Opernprobe 
hielt die Bläser fest, bis endlich wenige übermüdete Leute das 
neue Stück flüchtig probirten. „Dennoch ging es am 
1. Mai im Concert vortrefflich und Niemand merkte, dass 
das Ganze nur andeutungsweise skizzirt und dass Jeder 
von uns in seinen Solo's improvisiren durfte, bis er an 
gewissen verabredeten Stellen seinem Mitspieler harmo- 



■ 

nisch wiederbegegnete. Die ganze so unsicher scheinende 
Unternehmung ward eine höchst gelungene, vielfaltig ge- 
priesene." 

Mendelssohn, der die Leitung des Düsseldorfer Musik- 
festes übernommen hatte, ward den Freunden in London 
auf kurze Zeit entrissen, doch kehrte er bald zurück und 
diesmal mit seinem herrlichen Vater. Nun fing wieder 
das reiche musikalische Leben mit dem Freunde an, und 
bei der Taufe des kleinen Felix überreichte ihm der grosse 
ein Album, das er trotz des bewegten londoner Lebens 
mit einer Zeichnung und Compositum geschmückt hatte. 
„Es ist eine Ansicht unseres eigenen Hauses und eine 
reizende Baumpartie des Regent's Park; die Composition 
ist ein Wiegenlied mit Text von Klingemann. (Es ist das 
seither so bekannt gewordene „Schlumm're und träume'*,) 
Eine glücklichere Tauffeier, als die heutige, ist wohl nie 
begangen worden. Die Freunde Neukomm und Barry 
Cornwall verherrlichten sie auch durch Composition und 
Dichtung." 

Es sch Hessen sich nun weitere Notizen über das Zu- 
sammenleben mit Mendelssohn an. Einmal beantwortet 
er eine Einladung folgendermassen : „Ach Gott! Wir kön- 
nen ja leider nicht! Denn wir geben selbst ein dinner 
heut, ich habe eben für fünf Personen Fisch mit lobster 
bestellt (nämlich salmon), und so muss ich Ihnen unsre 
regrets präsentiren. Im Ernst aber haben Rosen und 
Stenzler und Klingemann versprochen, heut den Abend 
bei uns zuzubringen, und darum können wir ja leider 
nicht! tylein Vater hofft Sie heut Vormittag noch selbst 
zu sehn und zu danken." Ein Billet von Mendelssohn an 
die Frau lautet: „Liebe Frau Moscheies! Es ist zwei 
Uhr, ich komme eben vom Lande zurück, erhalte Ihre 
Zeilen, und ich sollte um zehn Uhr in Grosvenor place ge- 
wesen sein. Das hätte ich gern gethan; aber Sie müssen 
gestehen, dass das Schicksal eben nicht will, dass ich 
fashionable sein oder scheinen soll. Sie waren so gütig 
neulich zu sagen, wir mochten alle drei heut Mittag kom- 
men (denn Dr. Franck ist wirklich eingetroffen), aber nun 



möchte ich wissen, ob Sie es auch im Ernst meinen, oder 
ob es Ihnen nicht recht ist, oder ob wir doch kommen 
sollen? Bitte — sagen Sie dem Ueberbringer Ihre münd- 
liche Entscheidung." 

Dass diese ihm eine Bejahung brachte, ist selbstver- 
ständlich. 

Am 6. Mai klagt das Tagebuch: „Wie narkotisch 
langsam und eintönig H. bei uns phantasirte und Men- 
delssohn obligat dazu gähnte! Der eben angekommene 
Peter Pixis führte uns seine Pflegetochter Francilla und 
viel italienische Musik vor." Der Tagesbericht schliesst 
jedoch mit den Worten: „Als Alle fort waren, wurden wir 
lustig — Felix und ich phantasirten tüchtig zusammen." 

Pixis gab auch im Namen seiner Pflegetochter Fran 
cilla ein Concert, worin sie ihre schone Altstimme in ita- 
lienischer Musik hören Hess und bei welcher Gelegenheit 
er nicht nur sein Glocken -Rondo spielte, sondern auch 
den Zusammenfluss verschiedener Clavierspieler zum Vor- 
trag zwei- und vierhändiger Ciavierarrangements benutzte. 

Während in dieser Saison Pixis 1 Stern in Albion zu 
erlöschen schien, tauchte gleichzeitig der Clavierspieler 
H. Herz am musikalischen Firmament auf. Seine Finger- 
schnelligkeit in laufenden und überschlagenden Passagen, 
seine grelle Accentuirung und seine an Gehalt so leichte, 
süssliche, aber Jedem verständliche Musik machten allge- 
meinen Effect. Das Tagebuch klagt: „Mich übertönte 
Herz ganz mit seinem schlagenden Bass in dem Duett von 
ihm über Themen aus Auber's „Philtre", das ich aus Ge- 
fälligkeit in seinem Concert mit ihm spielte." Dennoch 
muss es in Privathäusern wiederholt werden. 

Sehr komisch war der Contrast, als J. B, Cramer, der 
Alles beherrschenden Attraction zu Liebe in seinem Con- 
cert vierhändig mit Herz spielte und zwar die brillante 
Polonaise von Beethoven. Moscheies vergleicht letzteren 
mit einem „jungen, ausgelassenen Mutterpf erdchen", erste- 
ren mit einem „wohlgehaltenen, wenig an Arbeit gewöhn- 
ten Isabellenpferd der königlichen" Staatscarosse". Dass 
in demselben Concert Cramer mit Hummel die Mozart'sche 



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Phantasie in F-moll spielte, war weit mehr im Einklang- 
lind machte besseren Effect." 

Die Concerte folgen nun Schlag" auf Schlag, In dem 
des jungen Schulz müss Moscheies die zwölfhändig arran- 
girte ZaubernÖten-Ouvertüre mitmachen. In Mori's üb er- 
fülltem Saal spielt er mit Mendelssohn das neue Stück 
über den Preciosa-Marsch. Am 10. Juli geben die Künst- 
ler alle ein grosses Concert für eine verunglückte Familie. 
Mendelssohn und Moscheies wirken in einem Stück für 
vier Ciavier e von Czerny mit. 

Am 12. Juli leiht Mr. Hope, der Besitzer der herrlichen 
Gemäldegallerie sein Local und die vortrefflichsten Er- 
frischungen zu einem Concert zum Besten des Kinderhos- 
pitals her. „Die Musik, zu der auch ich mein Scherflein 
beitrug, ward im Saal der italienischen Schule gemacht, 
und wollte man etwa fern von dieser bleiben, so konnte 
man sich in dem Saal der niederländischen Schule bewun- 
dernd ergehen, da aber unter Andern auch die Malibran 
und Paganini mitwirkten, so drängte sich Alles zum 
Hören hin." ' 

In einer anderen Privatsoiree Hessen sich H. und Pa- 
ganini in der Kreutzer-Sonate von Beethoven zusammen 
hören und Moscheies kann nicht umhin, „diese Leistung 
als einen Frevel zu bezeichnen". Paganini ward in dieser 
Saison nicht weiter gehört, da der Unglückliche nur nach 
London gekommen war, um sich einer Operation seiner 
Kinnlade zu unterziehen, wobei er den grössten Muth 
zeigte; er wurde auch vollkommen hergestellt 

Gelegentlich einer Aufführung des HändeVschen 
„Messias" heisst es: „Ich hatte mein Mittagbrod über- 
stürzt um keine Note des Meisterwerks zu versäumen; 
nachdem ich aber eine Zeitlang angespannt zugehört, 
stellte es sich mir mit Wehmuth heraus, dass das bischen 
Geistesfrische, welches mir im Strudel der Saison noch 
geblieben war, nicht ausreichte, um ein solches Riesen- 
werk künstlerisch in mich aufzunehmen. Solche Betrach- 
tungen aber waren es, die mich immer wieder auf den 
Gedanken zurückführten, meine durch Thatigkeit in Eng- 



— 270 — 

land errungene Independenz dereinst in Deutschland zu 
gemessen." 

Einstweilen aber war er noch in London inmitten 
einer brillanten Saison und er sollte deren noch dreizehn 
mitmachen, ehe sein Plan zur Ausführung kam. Immer 
wieder musste ein Stückchen Nachtruhe geopfert werden, 
um durch die bezahlten Soireen der Lady Mary Bentinck, 
der Rothschilds und Anderer wieder ein Stückchen Inde- 
pendenz zu erwerben. Oft aber opferte er auch gezwun- 
gen Tag- und Nachtruhe, „um sich langweiliges Zeug vor- 
spielen und vorsingen zu lassen", das er Mühe hatte 
wieder zu vergessen. So spricht er unter andern von 
dem Goethe'schen Liede eines Herrn E. in zwölf Versen, 
„die er ausstehen musste". „Und wie ärgert es mich" 
sagt er, „dass mein lieber genialer Freund D., den ich seit 
der wiener Jugendzeit nicht gesehen, jetzt complet italieni- 
sirt in London erscheint. Er setzt Weber's „Euryanthe" 
den italienischen Modeopern nach, componirt Lieder „en 
amateur", der er auch ist und bleibt, und legt selbst einen 
zu hohen Werth auf diese Productionen. Seine spätem 
Opernversuche sind auch missglückt, und so ist aus einem 
frischen geistreichen Jüngling ein kränkelnder, melancho- 
lischer Mann geworden." 

Die Mutter der Sonntag machte vergebliche Versuche, 
ihre jüngere Tochter Nina in London zu poussiren! Sie 
war keine Henriette, und ist endlich Nonne geworden. 

„Einen traurigen Abend machte mir heute die Pasta 1 *, 
schreibt er später, „ich hörte sie im „Romeo" und sie sang 
erbärmlich falsch. Die grosse Frau ist zu alt geworden, 
um ihre Stimme zu erhalten, will aber gern ihren Ruhm 
gegen einen Haufen Gruineen eintauschen; das entsetzt 
mich. 4t 

Die erste Aufführung der „Euryanthe v< am 29. Juni im 
Coventgarden - Theater und der herrliche Gesang der 
Schröder und der Haitzinger wussten ihn für solche Un- 
bill zu entschädigen; übrigens gab es sehr grosse Mängel 
in dieser Vorstellung. 

In Drurylane machte die sprudelnde, merkwürdig, ja, 



v- 



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einzig singende und spielende Malibran Furore in „The 
Devil's bridge" und der in's Englische übersetzten „Somnam- 
bula". Sie war durchaus realistisch und verachtete alles 
Conventionelle in Bewegungen und Costümen. So trug 
sie in der nachtwandelnden Scene nicht das gewisse Mull- 
negligee grosser Darstellerinnen, das an Form und Stoff 
in jedem Salon figuriren könnte; nein, es war das richtige 
Nachtmützchen des Bauernmädchens, das formlose Gewand 
einer Schlafenden, und das Tricot der Strümpfe war so 
.unsichtbar, dass man unbekleidete Füsse zu sehen wähnte, 
Ihr Spiel in dieser Oper war herzzerreissend und ihr in 
Thränen ausbrechender Schmerz so natürlich, dass der 
Beschauer all ihr Leid mit ihr durchkämpfen musste. 

Die Beschäftigung mit Chopin regt Moscheies zu fol- 
gender Bemerkung an: „Ich benutze gern einige freie . 
Abendstunden, um mich mit Chopin's Etüden und seinen 
-anderen Compositionen zu befreunden, finde auch viel 
Reiz in ihrer Originalität und der nationalen Färbung 
ihrer Motive; immer aber stolpern meine Gedanken und 
durch sie die Finger, bei gewissen harten unkünstlerischen 
mir unbegreiflichen Modulationen, so wie mir das Ganze 
oft zu süsslich, zu wenig des Mannes und studirten Mu- 
sikers würdig erscheint." 

Dazwischen finden wir weitere Notizen über den Um- 
gang mit Mendelssohn. In einem Briefe von Moscheies 
heisst es: „Was haben wir nicht Alles zusammen musicirt! 
Er musste mir wieder und immer wieder seine Sachen 
vorspielen, die ich in der Partitur nachlas, wobei er dann 
stets irgend ein Blasinstrument nachahmte, auch wohl mit 
seiner hübschen hellen Tenor stimme einen Chor einsät z an- 
gab. Und hat er eine seiner Ouvertüren vierhändig arran- 
girt, so probiren wir sie, bis sie uns ganz spielbar vor- 
kommt." 

Oft spielen sie sich gegenseitig Beethoven'sche So- 
naten vor, denen sich aber häufig gemeinschaftliche Im- 
provisationen der tollsten Art, musikalische Caricaturen 
anschliessen. Einmal muss sogar das . Ammenliedchen 
^,Polly, put the kettle on, we'll all have tea", den Stoff 



hergeben und dies den beiden kleinen Mädchen zu Liebe,, 
mit denen Felix gern lachte, spielte, in den zoologischen 
Garten ging und allerhand Possen trieb. Auch sie moch- 
ten es schon fühlen, dass in dem Schwärm von Menschen, 
die das Künstlerhaus aufsuchten, viele herzlich gute 
Freunde waren, aber Mendelssohn unter diesen der beste. 
Dass beide, er und Moscheies, gute, treue und gemüth- 
volle Menschen waren, das hat sie wohl ebenso sehr zu 
einander gezogen als die Musik. Moscheies kannte ihm 
gegenüber nur Bewunderung, nie regte sich in ihm ein 
Anflug von Neid über des jungen Componisten, des früheren 
Schülers, wachsende Grosse; nie beneidete er ihn um die 
glücklichen Lebensverhältnisse, die ihm erlaubten, ganz 
und ohne jenen Broderwerb, den Moscheies mühsam suchen 
musste, seiner Kunst zu leben. Mendelssohn wiederumwar 
ganz Pietät, ganz Dankbarkeit für den reichen Schatz von 
Erfahrungen, den der ältere Meister in seinen Ciavier- 
werken niedergelegt, hatte. Sie liebten und achteten ein- 
ander, und diese Gefühle übertrugen sich auf die beider- 
seitigen Familien. 

Bis jetzt haben wir sie meist heitere, sonnenhelle Tage 
miteinander verleben sehen; es gab deren auch trübe und 
in diesen bewährte sich die Freundschaft. Als Mendels- 
sohn's alter Lehrer Zelter stirbt, eilt er am frühen Morgen 
zu Moscheies und tritt mit der Bitte ein: „Ich kann nicht 
arbeiten, ich mochte den Tag hier zubringen." Ist Frau 
Moscheies unwohl und darf ihren Mann, der ausgehen 
muss, nicht begleiten, — Felix leistet ihr den Abend Gesell- 
schaft, wie sie entzückt ihrem Vater schreibt. War Felix 
ermüdet und kam er es ihr zu klagen, so hiess sie ihn 
sich ruhig in die dunkle Sopha-Ecke setzen. Er pflegte 
dann ein paar Minuten zu ruhen, während welcher sogar 
die lebhaften Kinder mäuschenstill blieben; dann musste 
er eine kleine Stärkung nehmen und gleich war er wieder 
frisch, so dass er mit seiner gewöhnlichen Lebendigkeit 
über irgend eine anstrengende musikalische Probe oder 
ein Morning-Concert oder ein politisches Meeting berich- 
tete, deren er viele besuchte. Sie durfte sich auch er- 



lauben, ihm vorzuwerfen, dass er gestern als ein störender 
Besuch zu ihnen gekommen, sich recht ungeduldig auf 
dem Absatz herumgedreht, dass er recht unliebenswürdig 
gewesen, — worauf er dann zu sagen pflegte: „Ja, aber 
warum kommt auch der gerade, wenn ich mich so darauf 
gefreut hatte, mit Moscheies Musik zu machen?" Er bittet 
sich bei jedem Abschied Briefe von ihr aus; sie soll ihm 
über dies und jenes berichten, wozu Mosch eles keine Zeit 
hat. Sie verspricht es, indem sie sagt: „Aber keine Ant- 
wort; Sie sind ein berühmter Mann; Sie haben Besseres 
zu thun!" was er nie zugeben wollte. Die rothe Nelke 
spielte zwischen ihm und der zweiten Tochter eine grosse 
Rolle; sie ist seine Lieblingsblume, also muss sie ihm 
stets eine bringen. Mitten in den Mühen eines Musik- 
festes oder auf den Reisen, die Moscheies und er zusam- 
men machen, sqhreibt und zeichnet er an den Briefen, die 
der Gatte und Vater nach Hause schickt. Manche seiner 
spater publicirten Lieder sendet er, zierlich in den Brief 
hinein geschrieben, gleich nach ihrem Entstehen an Frau 
Moscheies. „Es ist mir wieder ein Liedchen gekommen", 
oder „hier ist ein Lied — es passt leider gar nicht in 
Ihre Stimme (es war das Tenorlied „Leucht' heller als die 
Sonne"), aber ich schicke es doch, Moscheies brummt es 
vielleicht". . . Man pflegte solche Blätter den Familien- 
schatz zu nennen. 

Leider hatte Felix' Vater während dieses Londoner 
Aufenthalts ein wochenlanges Beinleiden auszuhalten und 
man war sehr besorgt um ihn. Sein schwaches Gesicht 
machte ihm anhaltendes Lesen unmöglich, und so brachten 
Freunde, besonders Frau Moscheies, alle ihre freie Zeit 
bei ihm zu. Sie schreibt ihrem Vater: „Ich lese ihm die 
Times vor, wie früher Dir, und er theilt mir seine gedie- 
genen Ansichten über Kindererziehung mit, — hoffentlich zu 
Nutz und Frommen der meinigen. Wie viel ich aber auch bei 
ihm bin, die Stunden verfliegen mir in seiner Unterhaltung." 

Auf die Anfrage der Frau Moscheies, ob Felix' Vater 
heute wieder Moscheles' Einspänner [zu einer Fahrt be- 
nutzen möchte, erwidert Felix: 

Moscheies' Leben. 18 



„Mein Vater bittet, ihm heute nicht den Wagen auf- 
zusparen, die Miss Alexanders leihen ihm den ihrigen, 
wenn Sie aber- Zeit hätten, ihm diese zu schenken und sie 
zu Fuss bei ihm zuzubringen — dies ist sehr schlecht styli- 
sirt; aber es ist wenigstens nicht plattdeutsch oder viel- 
mehr berlinisch — ohne Anzüglichkeiten ' 

Ihr 

Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

P. S. Gestern waren die Aerzte sehr erbaut, Brodic 
will nicht wiederkommen. 

Zweites P. S. (die Hauptsache) Wie geht es Ihnen? 

Erst als der Vater vollkommen genesen war, kehrte 
Felix' Arbeitsfähigkeit und seine heitere Stimmung zurück. 
Wie schwer dem Hause die Trennung wurde, als die beiden 
lieben Freunde endlich am 4. August abreisten, lässt sich 
leicht denken. 

Unter den vielen, meist gleichgültigen, ja langweiligen 
Soireen hebt das Tagebuch eine höchst interessante bei 
dem Schriftsteller Lockhart hervor. „Seine Frau, Walter 
Scott's älteste Tochter, hat ganz die Liebenswürdigkeit 
ihres Vaters, während ihr Mann — ich weiss nicht, ob 
schwärmerisch absorbirt, ob stolz erscheint, genug, er 
that wenig für die Gäste, denen die Wirthin auf's Ange- 
nehmste entgegen kam. Wir sahen dort zum erstenmal 
den Dichter Thomas Moore, einen kleinen, lebendig spru- 
delnden Irländ,er, der auf Grund seiner Musikliebe sogleich 
Bekanntschaft mit mir machte. Er sang seine eigenen 
■Texte, hatte diesen gewisse Lrish melodies untergelegt, sie 
harmonisirt, und begleitete sich dazu auf der Guitarre. 
„Le genre est petit", dachte ich, die Neuheit machte uns 
die Sache aber doch interessant. Auch der achtzigjährige 
aber noch frische und heitere Dichter Coleridge war dort, 
und die Ladies Stepney und Charlotte Bury repräsentirten 
die weibliche Autorschaft. Als Mr. Moore's lrish melodies 
verklungen waren, musste ich an's Ciavier und mit dem 



Dichter die überschwenglichen Lobeserhebungen der Ge- 
sellschaft theilen." 

Im August ging die Familie Moscheies, in Begleitung 
eines Clementi'schen Claviers nach Hastings. „Schade", 
schreibt Moscheies, „dass mir die im Hause wohnende 
Mädchenschar mit ihrem Gestümper jeden musikalischen 
Genuss — geschweige denn Gedanken, verdirbt. Sie 
spielen auf Ciavier und Guitarre „la ci darem" als Presto, 
und Reissiger's Walzer als sentimentales Andante." Das 
war nicht lange zu ertragen, und da sie in Hastings keine 
passende Wohnung" fanden, so zogen sie nach dem nahe- 
gelegenen St. Leonard's, wo die Wochen ihnen ruhig und 
behaglich verflossen undLecture und Musik mit erfrischen- 
den Ausflügen abwechselten. 

Um das staatliche Leben der Engländer etwas näher 
kennen zu lernen, besuchen sie bei ihrer Rückkehr nach 
London das House of Commons. Moscheies hatte sich 
einen guten Platz auf der Stranger 's Gallery verschafft, 
während die Frau unter den Damen aus dem Luftloch 
des Lustre herabsehen musste, vorn die ganze Hitze, die 
die Versammlung und das Gas ausströmten, hinter sich 
die äussere Luft, die durch Lattenwerk Eingang in das 
Haus fand. Bessere Plätze gab es damals nicht für Da- 
men, die das Parlament besuchen wollten. Die Debatten 
waren nicht ohne Interesse. Mr. Wallace brachte Klagen 
gegen die Postoffice-Einrichtungen, es würden Briefe im 
office erbrochen und gelesen, wollte er beweisen; Mr. 
Stanley, Lord Althorpe und Andere nahmen sich aber des 
Postmaster General kräftig an und brachten die Kläger 
und ihre Klage zum Schweigen. Dann wurde von Stanley, 
Cobbett, Sir E. Codrington und O'Connell viel zu Gunsten 
eines von Murray gebrachten Antrags gesprochen „for 
the abolition of the foreign enlistment act". Capitain 
Napier sollte nämlich wegen eines für Don Pedro erfoch- 
tenen Sieges von der navylist gestrichen werden. Ueber 
diesen Antrag wurde vier Stunden hin und her debattirt. 
Weit ungünstiger trafen sie es im House of Lords, wo 
gerade eine ganz gleichgültige Sitzung abgehalten wurde, 

i8* 



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Am 11. November schreibt Moscheies in sein Tage- 
buch: „Bei der gestrigen Aufführung des „Hamlet" in 
Drury Lane fühlte ich mich bei einer Stelle lebhaft an das 
erinnert, was ich meinen Schülern so oft predige: das 
Sich-Bewusstbleiben inmitten einer schwierigen Leistung, 
die Ruhe und Beherrschung seiner selbst. Der grosse 
Dichter lässt seinen Hamlet sagen: „Nor do not saw the 
air too much with your hand thus, but use all gently, 
for in the very torrent, tempest and as I may say, whirl- 
wind of ycur passion, you must acquire and beget a tem- 
perance, th it may give it smoothness." 

Ueber die erste Aufführung des „Maskenballes" 
von Auber, schreibt Moscheies: „Die Musik oft sinnbe- 
täubend, oft aber auch pikant, der Ball über alle Massen 
brillant." 

Die Hauptbeschäftigung in diesem Winter blieb für 
Moscheies an häuslichen Abenden die Composition des 
B-dur - Concerts (fantastique). Nebenher machte er das 
Impromptu in Es-dur und die leichte Waare, Operatic 
Reminiscences, für die Herausgabe fertig. 

Dazwischen kamen aber auch manche unliebsame Un- 
terbrechungen. Als er einem alten Freunde zu Liebe sein 
„Swiss divertimento" revidiren soll, schreibt er: „Ich ver- 
fuhr damit, wie Kotzebue's Briefschreiber in „Sorgen ohne 
Noth". Der Hess nur die Worte „Mein lieber Freund !" 
oben am Blatte stehen und setzte das Uebrige hinzu. Das 
Zusetzen kostete mich zwei ruhige Abende; einen dritten 
musste ich dem ungarischen Baron Rathen opfern, der 
mir durchaus seine „musikalische Liebes-Scene, durch einen 
Sturm unterbrochen", vorspielen wollte. Auf seiner eng- 
lischen Karte nennt er sich „Lehrer der Orgel, des Cla- 
viers, des Gesangs und des Doro-Bass (Thorobass)." — 
Auch den Flügel, den Herr R. in der Welt herumführt, 
musste ich sehen, sollte ich bewundern, konnte es aber 
nicht. Es ist ein Wiener Flügel mit doppelter Tastatur; 
die untere gewöhnliches Ciavier, die obere soll wie Quar- 
tett und Blasinstrumente klingen, ist aber schwach; sie 
wird mit Hülfe eines Pedals gespielt. Mir war die Ehre 



zugedacht, das Instrument zu taufen; doch wusste ich be- 
scheiden abzulehnen und mich vom titelfreigebigen, süd- 
deutschen Original, das ich „Staberl als Instrumentenmacher' 4 
nenne, möglichst ferne zu halten." 

Eine dem deutschen Geschmack wenig zusagende 
musikalische Erscheinung war der italienische Geiger Ma- 
soni. Er hatte lange in Südamerika gelebt, und war mit 
seiner zarten Frau und zehn Kindern zur Winterszeit über 
die Cordilleras nach England gezogen, wo er als zweiter 
Paganini das grösste Aufsehen zu machen gedachte. Es 
gelang ihm aber nur theil weise; denn er spielte Beethoven 
italienisirt und Paganini eben nicht schmelzend italienisch 
genug. Er hatte übrigens eine grosse Technik und be- 
deutende Kenntniss der klassischen, für sein Instrument 
geschriebenen Werke. 

Am 31. December schreibt Moscheies in's Tagebuch: 
„Laut angestellter Berechnung gab ich in diesem Jahre 
1457 Lectionen, das ist 1328 bezahlte, 129 gratis. Unter 
letzteren waren mir die des stets fortschreitenden Litolff 
die interessantesten." 



1834. 

Mpscheles schreibt zu Anfang des Jahres: „Wir sind 
im Januar und schon spricht man hauptsächlich von dem 
grossen Musikfest, das im Juni in der Westminster- Abtei 
stattfinden soll; es ist das musikalische Ereigniss des 
Jahres." 

Wieviel aber hatte man bis dahin noch zu durchleben! 
Die Sterne der italienischen Oper, Grisi, Rubini und Tam- 
burini, machten mit Recht Aufsehen. Zwar spielte die 
Grisi nicht, wie die hochtragische Pasta, sie war kein 
musikalisches Genie wie die Malibran, hatte auch weder 
ihr Feuer, noch die Anmuth und Leichtigkeit der Sonn- 
tag, doch übte die jugendliche Kraft und Frische der 
Stimme und die schöne Erscheinung einen mächtigen 



— 278 — 

Zauber auf das Publicum. Rubini behauptete seine schon 
anerkannte Meisterschaft, und Tamburini's weicher, klang- 
voller Baryton, gehoben durch sein schönes, echt römi- 
sches Profil trugen nicht wenig zu den Triumphen dieses 
weltberühmten Ensemble's bei. 

Die Malibran kam in diesem Jahr nicht; sie war in 
Mailand auf fünf Jahre engagirt, bekam 14,000 £ , freien 
Tisch und Equipagen. Sie war nur auf drei Tage nach 
London gekommen, um in dem Concert ihres Bruders 
Garcia zu singen. Iwanoff, ein italienisirter Russe, zog 
das grosse Publicum durch seine Kehlfertigkeit an, ge- 
brauchte aber die Kopf töne zu häufig und konnte deut- 
schen Ohren nur missfallen, wenn er Schuberts „Leise 
flehen meine Lieder" mit seiner Auffassung vortrug. Er 
sang so ermüdend süsslich, dass es einem Witzbold ge- 
lang, das Wörtspiel: „I've enough, is his proper name" in 
Umlauf zu setzen. 

Moscheies spielte in' der Philharmonischen Gesell- 
schaft sein neues Concert pathetique und dirigirte an 
demselben Abend Mendelssohn's noch unbekannte Ouver- 
türe zur „Schönen Melusine". Beides wurde kühl aufge- 
nommen. Die Frau berichtet dies dem fernen Freunde, 
und seine Antwort mag hier als charakteristisch einge- 
schaltet werden: 

.»Haben die Leute im Philharmonie meine „Melusine" 
nicht gemocht? Ei was, ich sterbe daran nicht. Zwar that 
mir es doch leid, als Sie mir's schrieben, und ich spielte 
mir geschwind die ganze Ouvertüre einmal durch, um zu 
sehen, ob sie mir nun auch nicht gefiele — aber sie macht 
mir doch Vergnügen, und somit thut es mir nicht sehr 
viel zu Leide. Oder meinen Sie, dass Sie mich deshalb 
weniger freundlich bei meinem nächsten Besuch aufneh^ 
men würden? Das wäre schade und sollte mir sehr — 
leid thun; aber ich hoffe es doch nicht. Und vielleicht ge- 
fällt sie anderswo, oder wo nicht, so mache ich wieder 
was anderes, und das gefällt besser. Ueberhaupt aber ist 
meine Hauptfreude bei alledem , wenn solch ein Ding ge- 
schrieben dasteht, und wird mir's nachher noch so gutV 



TT*: t 



— 279 — 

dass mir so freundliche Worte darüber zu Theil werden, 
wie von Ihnen und Moscheies, so ist es auch gut aufge- 
nommen worden, und ich kann ruhig weiterarbeiten. Dass 
Sie mir aber dasselbe von Moscheies' neuem Concert 
schreiben, ist mir unbegreiflich; ich dächte, das müsste 
sonnenklar sein, dass ihnen das gefiele, und noch dazu, 
wenn er's ihnen spielt. Aber wann kommt es heraus? 
Von wegen darüber herfallen". 

Wie sehr es auch im Interesse der Künstler lag, die 
Berühmtheiten der italienischen Oper in ihren Concerten 
mitwirken zu lassen, immer widerstrebte es Moscheies, 
und eben aus dieser Zeit haben wir einen Brief an die 
Verwandten, der seine Ansichten darüber enthält: 

„Ich will doch sehen, ob ich nicht im Stande bin, ohne 
die Hülfe der italienischen Sänger und der Prellerei eines 
Impresario meinen Saal zu füllen. Gelänge das nicht, es 
wäre eine Schande für mich, und ich müsste mein Ciavier- 
spiel sammt meinen Compositionen an den Nagel hängen." 
Aber es gelang; einige Kunstbrüder unterstützten ihn, 
auch der neuangekommene und bald 'anerkannte holländi- 
sche Tenorist de Vrugt sang, er engagirte Frau Stock- 
hausen, der Saal war voll, das Publikum, enthusiastisch. 

Mit Beginn der Saison stellte sich eine Künstlerschaar 
ein, in der namentlich der Wunderknabe Vieuxtemps 
auf seiner Geige Grosses leistete und sehr anerkannt 
wurde. Aber auch zwei Damen, die Geigerinnen Filiepo- 
wicz und Paravicini, machten viel von sich reden. Mrs. 
Anderson, die beliebteste unter den englischen Pianistinnen, 
war von der Herzogin von Kent zur Lehrerin der Prin- 
zessin Victoria erwählt und gab ihr diesjähriges Concert 
„in the presence and under the patronage" der hohen 
Damen, was es zu einem der brillantesten dieser Saison 
machte. 

Die Presse ■ beschäftigte sich aber in diesem Jahr fast 
ausschliesslich mit dem bevorstehenden Musikfeste und wir 
verdanken es der musterhaften Ordnung, mit welcher Mosche- 
les solche Notizen sammelte und autbewahrte, dass wir sie 
unsern Lesern nach achtun ddreissig Jahren noch wahrheits- 



— 280 — 

getreu überliefern können. „Händel", hiess es, „hat das Ora- 
torium in England eingeführt. Was Wunder, dass man dies 
Fest nach ihm benennt, es in die Westrainster-Abtey ver- 
legt, wo seine irdischen Ueberregte beigesetzt sind, und 
seine Manen dem Feste die rechte Weihe geben werden?" 
Ferner ward der früheren londoner Musikfeste unter dem 
König Georg IH. in den acht Jahren 1784 bis 91 gedacht, 
alle zu wohlthatigen Zwecken und mit einer Totalein- 
nahme von £ 50,000 abgehalten ; es ward auch des Erb- 
theils erwähnt, das Händel der „Society of decayed musi- 
cians and their families" hinterlassen, und nun der jetzige 
König William IV. und seine Gemahlin Queen Adelaide 
rühmend genannt, da sie zuerst nach fünfzig Jahren dies 
neue Fest zu ähnlichen wohlthatigen Zwecken unter Zeich- 
nung reicher Gaben in Anregung gebracht und dadurch 
den Adel des ganzen Landes zu ähnlicher Betheiligung 
veranlasst hatten. 

Ueber das Fest selbst schreibt Moscheies an die Ver- v 
wandten: „Das Fest fand im Schiff der Kirche statt, das 
mit starken Holzdielen überdeckt war. An einem Ende 
der Abtei erhob sich die königliche Loge, mit dem Wap- 
pen, der Rose und andern Emblemen und Orden, kunst- 
voll geschnitzt auf azurblauen Feldern. Die Loge war 
mit ihren schweren, kirschrothen Atlasvorhängen, reichen 
Verzierungen und üppigen Sammetteppichen und Kissen 
von oben erhellt. Gleich unter der königlichen Loge 
sassen unter einem Thronhimmel die Directoren des Festes. 
Das Publikum hatte diesmal, wie 1784, die amphitheatra- 
lischen Sitze inne, welche bis an die Capitäle der Pfeiler 
reichten. 2700 Personen fanden dort Platz; es gab Sitze 
zu 2 Guineen, der Rest zu 1 Guinee. Diese Sitze, roth 
beschlagen, mit goldgelber Ausschmückung, ferner die 
weiss-goldenen Leiern auf rothen Draperieen rings an den 
Wänden waren geschmackvoll und malerisch. Der könig- 
lichen Loge gegenüber war diesmal, wie früher, das Or- 
chester aufgebaut und zwar in folgender Weise: Vorn 
die Solosänger, dann der kleine Chor, vierzig Personen 
stark, unmittelbar neben ihm ein Flügel für den Dirigen- 



ten der Musik, Sir George Smart; hinter ihm das Or- 
chester, amphitheatralisch aufgestellt, die Cellos zu beiden 
Seiten, die Geigen in der Mitte, dann die Blasinstrumente 
und endlich das herrliche Orgelwerk, das Gray für diese 
Gelegenheit erbaut und mit einer reichgeschnitzten gothi- 
schen Facade geschmückt hatte, während eine sinnreiche 
Vorrichtung des weiter unten befindlichen Manuale den 
Spieler desselben so stellte, dass er dem Dirigenten, nicht 
der Orgel gegenüber sass. Durch die Stellung des 
grossen Chors hatte man das Publicum sehr beeinträch- 
tigt, indem man ihn in gewisse Seiten und Nischen der 
Abtei steckte, wo er nur für einen Theil der Hörer zur 
Geltung kam und von den Instrumenten verdeckt wurde; 
auf anderen Sitzen war der Effect ein umgekehrter; und 
nur in einem kleinen Theil des mächtigen Baues konnte 
man Alles gemessen." Wir lassen hier eine Liste der 
Kräfte folgen, die an' den zwei Musikfesten 1784 und 1834 
mitgewirkt (die Notizen über ersteres nach Aufzeichnungen 
des Musikschriftstellers Dr. Barney): 



Instru mental. 


1834! 1784 1 


Vocal. 


|i834! 1784 


Violinen 


80 


95 


Sopranstimmen 


"3 


11 


Bratschen 


32 


26 


Sopran, Knaben 


32 


47: 


Violoncelli 


18 


21 


Altisten 


74 


48] 


Contrabässe 


18 


15 


Tenöre 


70 


83 


Flöten 


10 


6 


Bässe 


103 


84 


Oboen 


12 


26 


Opernsänger 


5 


2 


Clarinetten 


8 




Die obigen Instrumente 


223 


250 


Fagotte 


12 










Horn er 


10 


12 


! 






Trompeten 


8 


12 








Posaunen 


8 


! 6 


1 






Ophicleiden 


2 






1 


Serpenten 


2 








1 

■ 


Pauken 


3 


1 4 










223 


: 250 


Totale 


625 


5*5j 



Das Tagebuch berichtet weiter: „Am 20. Juni, um 
12 Uhr Mittags, schwang Sir George Smart zum ersten 
Mal meinen Directorstab und der Effect des „Coronation 
Anthem" von Händel in diesen Räumen, mit diesen 
Massen war ein herzergreifender, nie zu vergessender. 



F 



— 282 — 

Von der Damenwelt sagen die Blätter, Vielen seien die 
Thränen über die Wangen gerollt, Andere gar in Ohn- 
macht gesunken. Für mich waren diese Klänge tief er- 
schütternd; ich musste mir gestehen, etwas Aehnliches 
noch nicht gehört zu haben. Man gab die ganze 
„Schöpfung" und einen Theil des „Simson"; als Solosänger 
wirkten der alte Bellamy, der 1784 schon gesungen, ein 
junger Schüler der Royal Academy of Music, E. Se- 
guin, und der vortreffliche Phillips.; der Tenor war durch 
Hobbs und den unübertrefflichen Braham vertreten; Miss 
Stephens und Mme. Caradori-Allan , beide ausgezeichnet, 
sangen die Sopran-Partieen ; Chöre und Orchester thaten 
das Ihrige und so war schon dieser erste Tag ein voll- 
kommen gelungener zu nennen. 

Den zweiten Tag eröffnete wieder ein Krönungspsalm 
(Coronation Anthem) von Händel, dessen Hallelujah elek- 
trisirend wirkte. Ausserdem hatte man, weniger auf ein 
gross artiges Ganze als auf gewisse Effecte bedacht, eine 
Auswahl von Arien aus geistlichen Musikstücken getroffen 
in denen sich die Sänger, sowie die Blasinstrumente zeigen 
konnten. Alles sollte mitwirken, Alles glänzen. Rubini, 
Zuchelli mit obligater Cellobegleitung von Lindley, Bra- 
ham, durch Harper's Trompete unterstützt, Phillips mit 
obligatem Fagott, Miss Stephens, Mlle. G-risi füllten diese 
gemischte Abtheilung aus. Dann folgte das vielleicht 
schönste Händersche Oratorium „Israel in Egypten", vor- 
trefflich und effectvoll ausgeführt. Die Blätter schwelgten 
in Entzücken. Ueber die letzten durch Chorgesang unter- 
brochenen recitativischen Sätze sagte das Athenäum : „Man 
fühle sich durch sie so gehoben, als lebe man in jenen 
grossen Tagen, wo der Herr den Seinigen als Wolke oder 
als Feuersäule voranging, seien aber die himmlischen 
Weisen beendet, so erwache man zu der blassen Wirk- 
lichkeit unseres schattenähnlichen Alltagslebens." Mein 
eigener Eindruck (fügt Moscheies hinzu), war ein gross- 
artiger, fast ungeahnter und ich glaube ihn wohl mit fast 
aUen Anwesenden getheilt zu haben." 

Der dritte Tag brachte leider wiederum Gemisch von 



F 



- 283 — 

Arien, Chören und Ensembles mit Sprüngen von der an- 
tiken Welt in die moderne, und umgekehrt. 

Für den vierten Tag hatte die Königin die Auffüh- 
rung des „Messias" angeordnet (wie dieselbe schon 1784 
von der Königin Charlotte angeordnet worden war). Einem 

deutschen Musiker konnte es nur natürlich erscheinen, 

1 

dass sich das Hauptinteresse auf dieses grossartige Werk 
concentrirte ; die Karten zur Aufführung, sowie zu den 
Proben waren 1 bald vergriffen und das Publicum suchte 
sich deren wieder durch hohe und höhere Preise zu be- 
mächtigen. Auch war kein leeres Fleckchen in der Abtei 
und die Aufmerksamkeit eine wahrhaft religiöse zu nen- 
nen. Die Times, die nie die Geschmacklosigkeit der zer- 
stückelten Werke in den vorhergehenden Tagen dieses 
Musikfestes gerügt, fand es doch am Platze, eben jetzt, 
am Schlüsse des Festes den Rath zu ertheilen: „man 
würde den Effect solcher Aufführungen noch erhöhen, in- 
dem man die Oratorien ganz im Geiste des Componisten, 
d. h. unzerstückelt wiedergäbe." Moscheies schreibt 
darüber: „Der Rath kam für diesmal freilich zu spät, es 
versteht sich, dass dem deutschen Musiker gar Manches 
in diesen Programmen anstössig war, doch blieb der To- 
taleffect ein so grossartiger, dass es undankbar gewesen 
wäre, Einzelheiten zu grell zu beleuchten. Di§ im eng- 
lischen Nationalcharakter liegende Pietät fand in diesen, 
geheiligten Räumen in diesen für sie geschriebenen Wer- 
ken neue Nahrung und drückte sich in der gehobenen 
Stimmung der Menge aus. Die Abtei hatte ihr Festge- 
wand, die Damenwelt ihren Schmuck angelegt, aber fest- 
licher noch war es in den Gemüthern; ein Zug von Ehr- 
furcht ging durch diese heterogenen Massen, beredter 
als Bravoruf oder Händeklatschen. Auch sah man in 
dem täglich anwesenden Königspaar die Träger eines 
grossen Wohlthätigkeitswerks , das von der Nation ge- 
bührend unterstützt wurde. Ich weiss nicht wieso, aber 
das Alles habe ich in dem Verhalten der anwesenden 
Menge gelesen; nennen Sie es meine Einbildung, wenn Sie 
wollen." 



— 284 



Kaum war Moscheies von einem Aufenthalt an der 
Seeküste neu gestärkt nach London zurückgekehrt, als er 
sich wiederum zu einem grossen Musikfeste rüsten musste, 
das in Birmingham begangen wurde. Man hörte Werke von 
Händel, Haydn, Beethoven, Neukomm und Spohr, aber, 
wie der Spectator rügte, unbegreiflicherweise nur die all- 
bekanntesten, „abgedroschensten". Das neue Neukomm'- 
sche Oratorium „David", nennt das Tagebuch verdienst- 
lich in Behandlung der Singstimmen, jedoch in Form und 
Entwicklung verbraucht und. veraltet und fügt hinzu: 
„Neukomm hat von dem Zeitgeiste nur die starke Be- 
nutzung von Hörnern und Posaunen angenommen, zwei 
Ophicleiden und sogar einen Tamtam hinzugezogen. Letz- 
teres Effectmittel hätte er lieber verschmähen sollen, die 
Aufführung, unter Leitung des Componisten, war befrie- 
digend und Hess bei den massenhaft herzugeströmten 
Hörern ein gutes Andenken zurück. Diese wurden dann 
hinter dem Oratorium her noch an demselben Morgen 
mit einer Auswahl HändeVscher Musik regalirt. Dass 
Neukomm in einem dieser Festconcerte, wo er Orgel spielte, 
ein Gewitter durch herabfallende Balken und ähnliche 
Mittel vorstellte, that ihm grossen Schaden; denn das ge- 
hörte unstreitig in ein Vorstadttheater. Der dritte Mor- 
gen brachte den ganzen „Messias", jedoch mit Hinweg- 
ä lassung der Mozart'schen Blasinstrumente, was scharf 
getadelt ward. Am vierten Morgen folgte „Israel in 
Aegypten", leider aber nicht rein und ganz, sondern durch 
Hinweglassungen und Einschiebungen arg verstümmelt. 
Dass man diesem herrlichsten Oratorium erst eine Aus- 
wahl verschiedener Stücke aus geistlichen Tonwerken 
vorangehen Hess, konnte ich in meinem Sinn nur mit der 
nordischen Sitte vergleichen, dem Magen der Gäste, die 
man zu einem splendiden Mahl ladet, erst verschiedene 
stimulirende Genüsse zu bieten, ehe man sich zur Suppe 

und der Phalanx der darauf folgenden Gänge nieder- 
setzt." 

Ausser diesen allmorgendlichen, geistlichen Aufführun- 
gen ward auch an den Abenden concertirt und zwar sehr 



- 2§5 - 

weltlich. Zu einem dieser Abende war Moscheies mit 
seinen „Recollections of Ireland" und dem „Alexander- 
marsch" engagirt. Der mächtige Ton des Erard über- 
wand die kolossale, nicht auf Soloinstrumente, sondern 
auf Massen berechnete Grösse der Halle. Ja, der Specta- 
tor meinte: nicht nur die grosse Halle hätte er genügend 
gefüllt, nein auch auf dem äusseren Platz eine dankbare 
Zuhörerschaar aus dem Volke gehabt. Das Concert ergab 
eine Einnahme von £ 14,000. 

Während des ruhigen Aufenthalts an der Seeküste in 
Broadstairs hatte Moscheies sich viele Skizzen zu seiner 
Ouvertüre zur „Jungfrau von Orleans" gesammelt und 
machte sich bei seiner Rückkunft nach London an ihre 
Verarbeitung. Das Tagebuch gedenkt mehrerer Unter- 
brechungen, unter denen diese Arbeit vor sich ging, darun- 
ter einer von allgemeinerem Interesse. „Am 16. October 
Abends war ich ganz in die Arbeit vertieft, als plötzlich 
die erschreckende Nachricht erscholl, das House of Lords 
brenne. Nur zu bald bestätigte die Feuermasse, die sich 
am Horizont unserer von den Parlamentshäusern sehr ent- 
legenen Wohnung zeigte, die traurige Nachricht. Das 
Haus wurde ein Raub der Flammen; es war nicht so 
dauerhaft und widerstandsfähig angelegt, wie das jetzige." 

Die Ouvertüre wurde trotz, dieser und anderer Störun- 
gen bald fertig, und von ihm selbst für Ciavier (zu vier 
Händen) arrangirt. Sie bekam statt des brillanten lärmen- 
den Schlusses, einen sanft verschmelzenden, den er der 
Todesart der Johanna angemessener fand. Moscheies 
schreibt darüber in einem Briefe: „Ich habe in dieser 
Ouvertüre nach Schwung, Haltung und Einheit der Ge- 
danken gestrebt; bekomme ^ich die richtigen Hörer, so 
könnte das Werk befriedigen; aber freilich, wer italieni- 
sche, leicht fassliche Tändelei sucht, der wird Nichts da- 
rin finden; wer eine engere Verarbeitung einzelner Theile, 
das Eintreten einer wenig vorbereiteten Modulation schon 
zu gelehrt findet, den kann sie nicht ansprechen. Für 
den in den Contrapunkt Eingeweihten sind das Lecker- 
bissen. Ich halte Gesangführung und Klarheit, so wie 



— 28Ö — 

J 

Einheit und geniale yerwicklung der Hauptgedanken für 
die wichtigsten Ingredienzien einer Composition, und nach 
diesen will ich immer streben, . . Mendelssohn's Octett, 
in dem Sie Abwesenheit von „Melodie" finden, neigt mehr 
zum Künstlichen hin, jedoch lohnt es sich der Mühe, das 
herrliche Werk wiederholt und mit forschendem Sinn zu 
hören — zu hören, bis man dessen Originalität, die nie in 

Bizarrerien ausartet, verstehen und würdigen lernt 

Für Spohr's „Weihe der Töne'* ist hier nicht viel Sym- 
pathie. Haslinger trug das Eigenthumsrecht derselben 
auf i oder 2 Jahre durch mich der Philharmonischen Ge- 
sellschaft an, diese aber dankte!" , 

In diesem Winter wurde als Novität Byron's „Man- 
fred*'* mit Chören von Bishop im Coventgarden Theater 
gegeben. „Der Aufwand an Scenerie und Decorationen 
war gross artig, die Musik nicht viel geniessbarer als die 
zum „Bravo" von Marliani, ein Mischmasch von Rossini's, 
Pacini's und Mercadante's abgedroschensten Gedanken. 
Besser hätte sich die schone Ausstattung ohne den Ohren- 
zwang angesehen. 1 * 

Nicht ohne Interesse dürften ferner noch folgende 
Notizen sein: „Meine Frau", schreibt Moscheies, „die mir 
vorliest, während ich Correcturen mache, bekam in diesen 4 
Tagen Uhland's Gedichte in die Hand, wodurch mir Ver- 
anlassung ward, die Gedichte „Der Schmidt", „das Reh" 
und „Des Gärtner's Lied" für eine Singstimme zu com- 
poniren." 

Gegen Ende des Jahres war man mit den Vorberei- 
tungen zu einer häuslichen Aufführung von „Israel in 
Aegypten" beschäftigt. Man hatte einige Chorknaben 
aus der Westminster Abtei und einige gut geschulte Lieb- 
haber hinzugezogen. Die Hauptstützen aber waren: Mme. 
Caradori -Allan, Rockel und Taylor. Die Proben gewähr- 
ten grossen Genuss und leiteten zu einem tiefern Ein- 
dringen in die Schönheiten dieses Riesenwerks an. Die Auf- 
führung selbst war gelungen und schloss das Jahr würdig ab. 



r 



4 



- 2 8 7 - 

1835. 

Das Jahr beginnt mit der alljährlichen Reise nach 
Bath, Der Erfolg des dreitägigen Aufenthalts ist der ge- 
wöhnliche; eine reiche Erndte von Lob und Guineen. 
Wiederum finden ferner die alljährlichen Probeabende neuer 
Compositionen in der Philharmonischen Gesellschaft statt. 
Spohr's „Weihe der Töne" wurde von Sir G. Smart diri- 
girt. „Dieser meinte", erzählt Moscheies, „er könne das 
chronische Uebel englischer Orchester, den Mangel an 
genügenden Proben, durch eine Anrede an seine musika- 
lische Armee, den Commandostab in der Hand, beseitigen. 
„„Die Deutschen"", sagte er, „„haben unzählige Proben 
gebraucht, um dies schöne neue Werk aufführen zu kön- 
nen; sehen wir, was wir schon in dieser einen Vorprobe 
werden leisten* können."" Hierauf brach der englische 
Nationalstolz in das hergebrachte „Hear! hear!" aus, und 
die Musik begann; das Werk wurde auch richtig her- 
untergespielt, nur von Nuancen war keine Rede. Ich 
folgte in der Partitur, erfreute mich an der Gediegenheit 
des Ganzen, sowie an seinen einzelnen Schönheiten; fand 
jedoch die bekannte Form und Farbe Spohr'scher Musik 
zu vorherrschend, um mich zu begeistern. Zünden kann 
nur erfindungsreiche Genialität. Das Andante mit seinen 
gemischten Taktarten — 3 /s und 9 j X 6 — blieb auch in der 
Probe des ersten Concerts ein Stein des Anstosses; die 
eine Vorprobe und der britische Nationalstolz hatten nicht 
ausreichend gewirkt, und bei der Aufführung ging's, wenn 
auch besser, doch gewaltig steif und holprig. Die Mo- 
zart'sche Symphonie in D war schön in ihrer classischen 
Einheit. Mendelssohn's Hebriden-Ouverture litt leider an 
schleppendem Tempo; der vierundsechszigjährige J. B. Cra- 
mer/aber machte mir Freude durch seinen zarten Anschlag 
und seine geperlten taufe, wenn ich auch das markige Ele- 
ment in seinem Spiel vermisste. Leider war es wieder 
eine Geschmacklosigkeit, dass er das erste Stück und An- 
dante seines eigenen C-moll-Concerts mit dem letzten des 
Mozart'schen gleicher Tonart vortrug. Die Stockhausen 



— 288 — 

sang in ihrer reizendsten Weise, Braham aber überschrie 
sich in Neukomm's „Midnight review" so sehr, dass er 
viel detonirte. Ich selbst spielte mein G-moll-Concert, 
aber auf einem zähen Erard mit- stockenden Tasten, der 
mir viel zu schaffen machte." 

Im dritten Concert, das Moscheies dirigirte, brachte 
er auch seine Ouvertüre zur „Jungfrau von Orleans" mit 
Beifall zum Vortrag. Von der Beethoven 'sehen Sympho- 
nie in B-dur wollten die Blätter einstimmig behaupten, 
sie habe unter seiner Leitung nie geahnte Schönheiten 
entwickelt. Rubini und Lablache sangen herrlich; doch 
rügte man die Wahl Rossini'scher Stücke, als nicht clas- 
sisch genug für dies Publicum. Endlich trat der junge 
Bennett, ein Schüler von Potter, in einem Clavierconcert 
eigener Composition auf, das Moscheies den besten deut- 
schen Meistern nachgearbeitet, tüchtig und bedeutend 
fand, wenn er ihm auch wünschen musste, er möchte sich 
bei künftigen Arbeiten weniger an seine Meister anlehnen, 
und an Energie zunehmen. H. Herz, der Pianist, spielte 
auch -ein Concert, von dem Gramer bissig bemerkt hatte: 
„c'est Paris tout crache"; auch musste er sich gefallen 
lassen, dass die Morning-Post es „music fit for a panto- 
mime" nannte. 

Wie Bath im Süden, so verlangte auch Manchester im 
Norden nach seinem Lieblingspianisten. Ueber den Aufenfr 
halt in letzterer Stadt mögen einige Auszüge aus Briefen, 
die er von dort aus an die Frau richtete, Auskunft geben. 
Während fünftägiger Abwesenheit geschrieben, enthalten 
sie nicht viel künstlerisch Interessantes; doch mögen sie 
hier ihren Platz finden, um den Familienvater ins richtige 
Licht zu stellen. 

■ 

Schon unterwegs, aus Leicester, schreibt er einige 
Zeilen in liebender Besorgniss um Frau und Kinder. Dann 
heisst es: „Drei stillschweigende, dünne, in sich gekehrte 
Engländer waren meine Reisegesellschaft. Ich schlier 
vortrefflich, so oft ich aufwachte, dachte ich an Dich und 
das war Einmal, aber ich dachte auch im Traum an Dich. 
Küsse mir die Kinder und sei ruhig und vergnügt." 



— 2&g — 

Aus Manchester schreibt er: „In Gesellschaft von 
Beale's, die mich mit Aufmerksamkeiten überhäufen, be- 
ginne ich diese Zeilen. Wenn sie kurz und wascjizettel- 
mässig werden, so hat das drei Ursachen: das Geschwätz 
im Zimmer, meine Müdigkeit und Deine Ermahnung Dir 
nicht spät in der Nacht zu schreiben und nur zu sagen, 
dass ich wohl bin. Das bin ich vollkommen. Du hast 
hoffentlich meinen Brief aus Leicester erhalten. Wir ka- 
men hier bei gutem Frostwetter um 5 Uhr an und gingen 
nach Tische Alle zur Probe, wo ich auf einem Broadwood 
„Recollections of Ireland" spielte. Willer t, einer der Di- 
rectoren war dort. Holm, müde, wie er gewöhnlich wird, 
wenn ich Chopin spiele, blieb zu Hause und ging um acht 
zu Bette. Mit meinen Lustfahrten nach Liverpool oder 
zu Grundy's wird's wohl nicht viel werden, da sich schon 
mehrere Schülerinnen bei Beale auf meine Anwesenheit 
pränumerirt haben, also wird lectionisirt werden, comme 
chez nous. Vor der Hand aber siegt Morpheus über 
mich. Gott bewahre Dich und die Kinder." 

Und am folgenden Abend: „Das erste Concert ist eben 
vorüber — vortrefflich, ganz zu meiner Satisfaction. Der 
Brief muss morgen früh 7 Uhr auf der Post sein, deshalb 
schreibe ich wieder Nachts bei Beale's, während im selben 
Zimmer das supper auf den Tisch gesetzt wird, und Jeder 
etwas über's Concert zu sagen hat, wobei Holm's helle 
Stimme oft über Alle hervortönt. Denke Dir, ich habe 
heute fünf Lectionen geben müssen, aber der alte Beale 
hat es sehr gut für mich eingerichtet, indem er Allen im 
Voraus sagte, dass es mir nicht möglich sein würde, aus- 
zugehen, und so hat er mir ein comfortables Zimmer über- 
lassen, wo Eine nach der Andern kam, um sich ein wenig 
Fingersatz zu holen und sich ein bischen Tact schlagen 
zu lassen. Dazwischen sah ich nur einmal nach dem Saal 
um das Instrument zu probiren, welches Beale sehr vor- 
. theilhaft regulirt hat. Verschiedene Visiten raubten mir 
bis zur Tischzeit (4 Uhr) jeden Moment. Um diese Zeit 
ward ich ungeduldig nach Deinem Antwortschreiben und 
dadurch mein Gaumen sehr gleichgültig gegen Braten, 

Moscheles' Leben. 10 



290 



Gemüse etc. Ich fragte wohl zehnmal, ob noch Briefe zu 
erwarten waren ? Mr. Beale sagte : Nun ist es zu spät; 
Ich verschluckte diese Pille, und 5 Minuten nachher ward 
ich durch Deinen herrlichen Brief erlöst. Ich las ihn 
noch über Tische und freute mich von Herzen. Gleich 
nach Tische in's Concert — der Saal, übervoll, machte 
einen glänzenden Effect. Die „Recollections" wurden gut 
aufgenommen. Gern hätte ich den Plan der Phantasie, 
den Du mir vorschlägst, genau befolgt, wenn nicht einer 
der Directoren mir Rubini's eben gesungenes vivi tu, ein 
anderer Beethoven's Andante in A-moll als Themen ge- 
geben hätte, wozu ich endlich: 




— J— gesellte. 



Es war anfangs eine der ruhigen, überlegten Phanta- 
sien, die sich bis zu einem Feuerwerk steigerte. Rauschen- 
der Beifall. Da ich morgen und übermorgen eben so viel 
Lectionen geben muss, lasse ich Holm allein nach Liver- 
pool gehen." 11 

Am folgenden Tage schreibt er: „Das angenehmste 
Finale meines Tagewerks ist heute wieder der Brief an 
Dich. Ich konnte ihn nicht eher als jetzt beginnen, weil 
ich einen londoner Geschäftstag verbrachte. Denke Dir, 
ich habe sieben Lectionen gegeben und morgen hab' ich 
dieselben Schüler. Ich komme eben von Leo's nach Hause, 
zu denen ich nach der Probe ging, weil ich das Diner bei 
ihnen wegen des bei Beale nicht annehmen konnte. (Hier 
folgen Einzelheiten über die Liebenswürdigkeit und Gast- 
freundschaft dieser und anderer Freunde in Manchester.) 
Die Hauptfreude des Tages war wieder Dein Brief. Er 
kam bei Tische und die Art, wie ich danach griff, machte 
wohl, dass mir gleich von den Gästen eine Erlaubniss — 
sogar eine dringende Aufforderung — votirt wurde, ihn 
sofort beim Diner zu lesen, so dass ich keinen Anstand 
nahm, es zu thun, und mich vortrefflich dabei amüsirte. 
Dein Bulletin, Zeiteintheilung, Bericht über die Kinder, 



Alles befriedigt mich. Ich befinde mich wohl, wie ein 
Fisch im Wasser, obgleich das Wetter schauerlich ist. 
Mögest Du's besser haben. Es wird spät und ich höre 
Dich sagen: „Willst Du denn die halbe Nacht aufbleiben?" 
Darauf antworte ich: „Nein, aber ich möchte gern ein 
wenig mit Dir plaudern; denn ich schreibe dies in meinem 
comfortabeln Schlafzimmer, vor einem prächtigen Kamin- 
feuer, welches auch Du loben würdest!" Aber die Ver- 
nunft siegt, und Dein Ruf erklingt mir wieder, daher: 
gute Nacht! und guten Tag! während Du dies liesest." 

Vor der Abreise endlich schreibt er: „Nachmittag 
4 Uhr. Ich fange diesen Brief jetzt an, weil ich nach 
dem Concert wenig Zeit haben werde. Dies ist der letzte 
Brief, den Du vor meiner Nachhausekunft empfangen 
kannst; aber trotz aller Erkundigungen kann ich Dir noch 
nicht sagen, wie und mit welcher Kutsche ich reise. Ich 
habe heute wieder die Lectionen gegeben und eben das 
Instrument im Saale probirt. 

ii Uhr Nachts. Das Concert ist für mich glänzend 
abgelaufen, ich wurde stürmisch applaudirt und musste 
zweimal phantasiren; ich habe auch einmal Schnurren 
ä la Paganini gemacht, die sehr wirkten. Anhaltendes 
Regenwetter und die Spärlichkeit der Kutscher in dieser 
Stadt war der Grund von allerlei ernst-komischen Aven- 
turen nach dem Concert; doch davon mündlich. Auch den 
Dank für Deinen köstlichen Brief von gestern bringe ich 
Dir selbst. Wüsste ich nur, mit welcher Kutsche ich nach 
London reise! Du glaubst mir, wie gerne ich mir ein 
Rendezvous mit Dir in Islington gegeben hätte, aber bei 
der Unsicherheit müssen wir es mit Resignation aufgeben. 
Schade uach, dass ich Dir morgen von Sheffield nicht 
mehr schreiben kann, weil der Brief erst Montag in Lon- 
don ausgegeben würde, aber auf den Deinigen freue ich 
mich, den bekomme: ich dort. Wenn Du dies liesest, bin 
ich hoffentlich schon auf der Reise zu Dir begriffen. Auf 
baldiges Wiedersehen ! " 

In London angelangt, konnte er sich nur wenige 

Stunden der Erholung widmen. Die Geschäfte dräng- 

i 9 * 



— 2Q2 — 

ten sich sofort wieder heran. Giebt es doch in London, 
wo man keine mündliche Bestellung' kennt, stets Billets 
zu schreiben, und haben diese sich 5 Tage lang* angehäuft, 
so sind sie nicht mehr leicht zu bewältigen. Da Moscheies 
nun berechtigt war, mit dem Figaro im „Barbiere di Seviglia" 
auszurufen: „Tutti mi chiedono, tutti mi voglino", so war 
bald hier eine Lection zu bestimmen, bald dort eine Ein- 
ladung, eine Artigkeit, ein Geschenk dankend anzunehmen. 
Den so Verwöhnten mochte irgend eine Hintansetzung dop- 
pelt unangenehm berühren; kein Wunder also dass er 
brieflich in Klagen darüber ausbricht. Es ist ein Stückchen 
Culturgeschichte, das wir unsern Lesern ohne Commentar 
mittheilen wollen. „Ich hatte", sagt er „in der letzten Saison 
zwei heranwachsende Ladies, Tochter des Lord L. unterrich- 
tet und mich weder mit ihnen, noch mit der Frau Mama oder 
den gepuderten betressten Dienern behaglich gefühlt. Die 
Mädchen hatten nicht einmal guten Willen zum Lernen, 
und waren, so wie die Mutter, hochmüthig, die Diener 
machten's ihnen bei meinem Ein- und Ausgang nach, und 
ich musste in und ausser dem Salon fest auftreten, um 
meine Rechte als Gentleman zu wahren. Nach beinah 
9 Monaten schicke ich meine Rechnung von 35 £ ein, 
worauf nach geraumer Zeit ein Stewart bei mir erscheint, 
meine Frau in meiner Abwesenheit spricht und die Rück- 
seite meiner Rechnung producirt, worauf der edle Lord 
geschrieben hatte: „Pay this man £ 15, on account of 
bill," („Zahlt diesem Manne £ 15 ä Conto der Rechnung"). 
Sie, in gerechter Entrüstung weigert sich, diese anzunehmen, 
worauf der Stewart theilnehmend erwidert: „Well ma' am, 
I advise you to take them, while you can get them." 
(„Ich rathe Ihnen, das Geld anzunehmen, solange Sie es 
noch bekommen können"). Nun fällt ihr ein, dass die 
Familie als schlecht zahlend verschrieen ist, und sie nimmt 
das Geld an. Bald darauf sendet Lady mit der Bitte zu 
mir: ich möchte die Lectionen an ihre Töchter wieder auf- 
nehmen. Ich lehne es ab. Darauf kommt eine äusserst 
höfliche Anfrage des Lord nach den Gründen meiner 
Weigerung, ob ich über etwas zu klagen habe? Ich gehe 



1 



— 293 — 

hin und klage mündlich, Lord und Lady L. überhäufen 
mich mit Artigkeit, ich bestimme wieder meine vier Stunden 
wöchentlich. (Er wurde von da an durch eine Reihe von 
Jahren rücksichtsvoll behandelt und pünktlich bezahlt). So 
muss man diese Leute erziehen. Das arme Frl. A. verliess 
das Haus, weil die jungen Damen sie, die feingebildete 
Erzieherin, wegwerfend behandelten. Sie hatte sich hin- 
einzufinden gesucht, klagte aber zuletzt meiner Frau, die 
Stellung sei unaushaltbar." 

Am 21 . März musste Moscheies dem Director der italie- 
nischen Oper, Laporte helfen, sein Haus zu eröffnen. 
Nicht, dass er plötzlich italienischer Sänger geworden wäre. 
Die Primadonna, Madame Trinklohr, hatte in der elften 
Stunde die Masern bekommen; so setzte man mit dem 
Rest, der um diese Jahreszeit immer noch beschränkten 
Truppe ein Concert zusammen, und erhöhte seinen Reiz 
durch ein hinterher gegebenes Ballet. Moscheies bekam 
für seine Gefälligkeit, die „Recollections of Ireland" zu 
spielen, den Opernsaal für den i: Mai gratis und gab an 
diesem Tage ein sehr erfolgreiches Morning- Concert. Die 
Ouvertüre zur „Jungfrau" und der erste Satz des Concert 
pathetique waren die Novitäten, die er dem zahlreichen 
Auditorium bot. Komisch war es, dass die Times nichts 
weiter an dem neuen Concertsatz zu tadeln fand, als dass 
sie keine Pauken und Trompeten in einem Concert pathe- 
tique wünsche. Mit Mori und Lindley spielte er Beethoven's 
Tripleconcert ; und schliesslich noch eine freie Phantasie, 
die nie fehlen durfte. 

Als die Saison weiter vorgerückt war, gab Laporte 
seinen Abonnenten das unnachahmlich grosse Quartett, 
die Grisi, Rubini, Lablache, Tamburini, die besonders in 
den „Puritani" entzückend sangen. Der liebliche, jugend- 
liche Sopran der hübschen Grisi und die Contrabasstöne 
des Lablache contrastirten auf die interessanteste Weise, 
wie das Tagebuch lobend schreibt, wogegen die abgeleierten 
LiebHngsstücke der süsslichen Oper Moscheies schon nach 
wenigen Monaten wieder gründlich zuwider waren. 

„L'Estocq" von Auber war eine neue Oper des Covent- 



— 294 — 

garden Theaters; sie erhob sich aber als Composition zu 
wenig über die Alltäglichkeit, um sich, trotz des Aufwan- 
des an Costümen und Decorationen, lange auf dem Repertoire 
halten zu können. Im französischen Theater hatte man 
durch Jenny Vertpre, Lemaistre und später durch das Ehe- 
paar Volnys (Frau Volnys war die frühere Leontine Fey) 
grosse Genüsse. An den Stücken war freilich viel auszusetzen. 

1 

Ueber sich selbst schreibt Moscheies in einem Briefe: 
„Der Drang zum Componiren ist immer da; aber wo 
die Zeit hernehmen? So ein paar Liedchen wie Byron's: 
„There be none of beauty 's daughters" und „Im Herbste" 
von Uhland habe ich zwar in die Welt gesetzt; aber ich 
komme nicht dazu, ganz ungestört mein Concert pathetique 
zu beenden. Ausserdem möchte ich dem im Jahre 1822 
componirten „Hommage ä Händel" eine neue Introduction 
geben." Die letztere entstand denn auch um diese Zeit 
und ist seitdem dem Publikum häufig vorgeführt worden. 

Später sagt das Tagebuch: „Heute brachte Klinge- 
mann uns zwei vierhändige Orgelfugen von Mendelssohn, 
über die ich sogleich mit meiner Frau herfiel. Herrlich^ wie 
alles, womit er die musikalische Welt beschenkt. " 

Eben damals liess Kalkbrenner seine „Etudes prepa- 
ratoires" erscheinen, die eben nicht viel Eindruck machten. 
LitolfF brachte gar manche vielversprechende, wenn auch 
noch jugendliche Compositions versuche zur Beurtheilung. 
Gleichzeitig erschienen Chopin's graziöses Scherzo und seine 
grossen Etüden. „Ich bin ein aufrichtiger Bewunderer 
seiner Originalität", sagt Moscheies „er hat den Clavier- 
spielern das Neueste, Anziehendste gegeben. Mir persön- 
lich widersteht die gemachte, oft gezwungene Modulation, 
meine Finger straucheln und fallen über solche Stellen, 
ich kann sie üben, wie ich will, ich bringe sie nicht ohne 
Anstoss heraus." 

Über die „Symphonie fantastique" von Berlioz, die ihm 
der Verleger im Ciavierauszug schickte, schreibt das Tage- 
buch: „Ich möchte kaum darüber urtheilen, ehe ich die 
Partitur kenne, aber ich kann mich nicht mit den ewigen 
Unisono's, Octavengängen und Tremulando's aussöhnen. 




Ich finde nicht die Basis einer gesunden Harmoniefolge; 
vielmehr scheint mir das „Dies irae" und der Hexensabbath 
von einer krankhaften Phantasie zu zeugen; auch schürzt 
sich die Entwickelung der aufeinander gehäuften Figuren 
oft zu einem gordischen Knoten; wer zerhaut ihn? Aber 
Wärme und Poesie hat der junge Mann, und einzelne 
Stellen erinnern mich in ihrer Grossartigkeit an einen 
antiken Torso." 

Zur Kennzeichnung des damaligen Musik- und Musiker- 
lebens in London theilen wir einige Stellen aus Briefen 
Moscheles* mit: „Will ich unsere musikalischen Leiden so 
gut wie die Freuden aufzählen, so muss ich gestehen, dass 
der fremde Musikantenschwarm zuweilen den Horizont 
verfinstert, wie die Heuschrecken den Himmel Aegyptens. 
Der Eine treibt die deutsche Einfachheit so weit, dass er 
keine andere Sprache, als die seinige spricht, doch aber 
hierher gereist ist, um von den Engländern anerkannt zu 
werden; er gleicht dem Dominie Sampson auf ein Haar, 
spricht auch mit seiner Pedanterie. Dazu bringt er immer 
seinen Schüler, einen langweiligen jungen Holländer, mit. 
Treffen die Beiden wie gestern mit dem deutsch französir- 
ten, parfümirten H. zusammen und finden Beide den 
Urengländer H., der eben nur seine Sprache spricht 
und componirt, so giebt das keinen guten Klang. Bei 
Tische lässt sich der Deutsche zwar Alles schmecken, 
sagt meine Frau, aber der Französirte rümpft jdie Nase 
bei jedem Körnchen Pfeffer, während der Engländer ehe 
er gekostet hat, den Rand seines Tellers mit Senf, Cayenne 
u. a. Schärfen belegt, einer Malerpalette gleich. Wir selbst 
kamen vor lauter Dolmetschen kaum zum Essen, zuletzt 
aber auch vor innerem Lachkrampf nicht; denn endlich 
glaubten der Deutsche und der Engländer, ihrem Drang 
nach gegenseitiger Mittheilung Genüge zu leisten, indem 
sie lateinisch sprachen; aber auch da hatten sie sich ver- 
rechnet, die verschiedene Aussprache verwickelte sie in 
ein Labyrinth, das ihre Ideengänge zu lauter Irrwegen 
^machte." 

In einem andern Brief heisst es: „Ich soll Ihnen den 



eigentlichen Zweck, der von Sudre erfundenen langue 
musicale nennen? Aber ich fürchte, sie hat gar keinen, 
und der Unglückliche verrechnet sich nur. Er meinte» 
alle Nationen sollten miteinander durch das musikalische 
Scalen -Alphabet verkehren, ein Clairon durch diese 
Töne auf weiten Land- und Seestrecken, durch den dichtesten 
Nebel hin, Befehle verkünden, ein Taubstummer mit einem 
Blinden verkehren können, u. s. w. Er hat mit seinem 
Schüler viel bei mir vor musikalischen Freunden experi- 
mentirt, ohne Jemanden von der Tüchtigkeit der Erfindung 
zu überzeugen. Einen ganzen Berg von hochtönenden 
Ankündigungen hat er um theures Geld drucken lassen 
aber der Berg gebar nicht einmal eine Maus; denn als 
der Drucker bezahlt werden sollte, musste ich ihm mit 
etwas Kleingeld unter die Arme greifen, um ihn vor dem 
Schuldthurm zu bewahren. Dem Ciavierspieler S . . . . y, 
'dessen nicht all zugrosses Talent ihm wohl auch keine 
goldne Ernte gebracht hätte, erging es besser* weil er 
Pole ist und als solcher die Sympathien der Lady Dudley 
Stuart für sich hat. Sie räumte- ihm ihre Salons für ein 
Privatconcert ein und füllte sie durch ihre Freunde." Dort 
sowie bei Mori und vielen Andern wirkte Moscheies mit. 
Ein Epoche machendes Concert war das von de Beriot 
und der Malibran; denn dies vielbegabte Ehepaar schien 
sich selbst zu übertreffen und leistete das Unglaubliche. 

In diesem Jahr trat Julius Benedict als ein neues werth- 
volles Mitglied in die grosse Londoner Musikergilde ein 
und zeigte sich sogleich als tüchtiger Musiker und Clavier- 
spieler. Er war durch seinen längeren Aufenthalt in Italien 
ganz besonders befähigt, die italienischen Sänger zu be- 
gleiten. Im Moscheles'schen Hause ward er als ausge- 
zeichneter Landsmann mit aller Herzlichkeit empfangen. 

Der gute altgewordene J. B. Cramer wollte sich nach 
München zurückziehen, gab ein Abschieds-Concert , und 
ward von seinen Freunden zu einem musikalischen. Fest- 
essen geladen. „Wir Clavierspieler", sagt Moscheies, „hatten 
zu unsern Leistungen C.'sche Compositionen gewählt; er 
selbst trug Mozarts Concert in D zart und graziös vor; 



— 297 — 

als ich zum Schluss noch improvisiren musste, that ich es 
• über Themen aus seinen Werken, was ihn zugleich er- 
freute und rührte." Cramer blieb nicht lange in München, 
sondern zog es vor , seine Tage in England . in grosser 
Zurückgezogenheit zu beschliessen. 

Braham, vielleicht der Reichste in der Musical profes- 
sion, machte ein grosses Haus, das vom Adel besucht 
wurde, ob vom untadelhaf testen, das wurde oft in Zweifel 

+ 

gezogen. Es war auch allbekannt, dass die Frau gern er- 
zählte, ihr Mann habe £ 60,000 zur Disposition gehabt, 
nicht recht gewusst, wie er sie anlegen solle und deshalb 
das Colosseum gekauft. Dieses wurde nun durch ihn zu 
-einem Ort vielseitiger Belustigung umgewandelt. Seine 
Haupt-Attraction blieb das Riesenpanorama von London, 
früh Morgens, ehe die Essen dampften, auf der Höhe der 
Paulskirche gemalt. Dazu gab es Bauchrednerei, Fantas- 
magorie, Schweizerhäuschen, von Alpen umgeben, die 
Adlersgrotte mit ihren Stalactiten, den Abguss eines An- 
tikencabinets, Orgelspiel, Beleuchtung des G-artens, und 
sonst dergleichen. Diese Mischung schien zuerst viel 
Publikum anzuziehen; schliesslich aber machte Braham so 
schlechte Geschäfte damit, dass ihn die Verwendung seiner 
£ 60,000 wohl nicht weiter behelligte. 

Ein erster Ball beim neuen Lord Mayor wird in „einem 
Brief als besonders brillant beschrieben. „Die Guildhall 
mit ihren herrlichen Räumen, Spiegeln und Bannern er- 
glänzte in sonnenheller Beleuchtung, die ganze Noblesse 
war dort und die Damenkleider mit Diamanten besäet.*' 

Im Juli schreibt Moscheies : „Die Saison geht zu Ende, und 
bald brauche ich nicht mehr Damenfinger zu curiren; die 
Ohren meiner Schülerinnen curire ich doch nicht". Die ganze 
Familie reist nach Hamburg und geniesst die Freude des Bei- 
sammenlebens mit den lieben Verwandten. Moscheles' Mutter 
und seines Bruders Frau treffen ihn später in Leipzig, wo Men- 
delssohn eben seinen ersten Winter verlebt. Es sind wieder 
herrliche 14 Tage mit der Mutter, mit dem Freunde, und 
andern musikalischen Berühmtheiten, und wir lassen Mo- 
scheies selbst, in seinen Briefen an die Frau darüber reden. 



1 



298 



Leipzig, i. October 1835, 
Um 10 Uhr Abends. 

.Mein theures Weib! 
Ich habe heute Morgen halb 5 Uhr mein Tagewerk 
begonnen, indem ich Dir einige Zeilen schrieb; so will ich 
es damit enden, Dir noch vor dem Schlafengehen Rechen- 
schaft von meinem Thun und Lassen zu geben. Um 8 Uhr 
Morgens sah ich meine Mutter und die liebe Schwägerin 
in ihrer Wohnung; heisse Thränen flössen allerseits. Die 
Unmöglichkeit Deines Mitkommens wurde viel besprochen; 
sie sind betrübt darüber. Kistner, der schon sehr thätig 
für mich war, begleitete mich zu Mendelssohn, der recht 
angenehm und angemessen vor der Stadt in Reichels 
Garten wohnt. Er empfing mich so kindlich freundlich, 
wie immer, und fragte nach Dir mit Herzlichkeit, Respect, 
und Liebe, mochte ich sagen. Dein Geschenk versetzte 
ihn in Entzücken Ich fand ihn nicht schöner ge- 
worden (halb Jüngling, halb Mann) und auch nicht blühend 
aussehend, jedoch muntrer, geistreicher und gescheidter 
als je. Er spielte mir drei neue Lieder ohne Worte vor, die 
sich den andern würdig anreihen; von meinen Sachen hat 
er noch nichts gehört. — Ich kehrte zu der Mutter zurück, 
um mich etwas um ihre hiesige Einrichtung zu kümmern 
und empfing Geschenke für uns Alle, u. A. eine famose 
Torte, von der ich Dir noch mitzubringen hoffe. Die 
Mutter sieht gut aus, und obschon man sie allenthalben 
hier eine schöne alte Frau nennt, kommt sie mir noch 
viel jünger vor, als sie wirklich ist. Bei Wieck war ich 
auch und habe mir von Clara recht viel vorspielen lassen, 
u. a. eine Manuscript-Sonate von Schumann, die sehr 
gesucht, schwer, und etwas verworren, jedoch interes- 
sant ist. Ihr Spiel war vortrefflich und gediegen. Sie hat 
scheinbar nicht soviel Feuer, wie die Pleyel, weil sie ganz 
ohne Affectation spielt; ihr kindlich bescheidenes Wesen 
ist der Gegensatz zu der stürmisch bewegten Jugend dieser 
Künstlerin, von der mir Felix um 1 Uhr an der Table 
d* höte! bei Kistner viele Details erzählte. Die arme Frau 



— 299 — 

hat jetzt die Gelbsucht, sagte Chopin, der hier vor Kurzem, 
aus irgend einem Bade kommend, wenige Tage auf der 
Durchreise nach Paris zugebracht hat. Nach Tische wieder 
zur" Mutter, dann mit Felix zu Hauser zum Caffetrinken 
Wir unterhielten uns ernst und spasshaf t an seinem Streicher, 
den ich mir vermuthlich zum Concert ausbitten werde, 
obschon mir Felix sein Ciavier anbot. Dieser führte mich 
zu Dr. Härtel in sein neues Landhaus, nahe am Wall 
gelegen, — für Leipzig eine Merkwüi digkeit, da der Be- 
sitzer, der für Italien schwärmt, es ganz im italienischen 
Styl erbauen liess. Wie wunderschön, reich und doch ein- 
fach diese Villa ist, werde ich Dir besser mündlich, als 
schriftlich klar machen. Abends bis 9 Uhr war ich wieder 
bei Wieck, um Schumann zu treffen, der ein stiller und 
doch interessanter junger Mann ist. Wieder liess ich mir 
von Clara viel vorspielen, vortrefflich, wie ich schon sagte. 
Ich gab ihnen auch ein Pröbchen meines Phantasirens". 
Am 2. October schreibt er: 

„8 Uhr Morgens. Ich erwarte Felix und will indessen 
den Tag gut beginnen, indem ich Dich frage: Wie hast 
Du geschlafen, liebes Weib; was machen die Kinder? 
Componirt Emily, lernt Serena ein Epos auswendig und 
erstürmt Felix irgend eine Festung? Ueber alle diese 
Punkte ist hoffentlich schon Nachricht für mich unterwegs/ 1 

9 Uhr. „Felix ist da, und jetzt gehe ich mit ihm in 
seine Wohnung, um mir sein Oratorium vorspielen zu 
lassen". „Und nun (schreibt Mendelssohn dazu) klemme ich 
zwischen das Couvert und die Oblate noch geschwind 
meinen herzlichen Gruss und Dank; ich hoffe Ihnen Beides 
ausführlich in diesen Tagen zu sagen, heut ist noch alle 
Eile des ersten Tages da und ich muss heute Vormittag 
viel Neues hören — da können Sie denken, wie ich mich 
darauf spitze. Sie verderben mich aber wirklich, dass Sie 
mir schon wieder ein so wunderhübsches Geschenk gesandt 
haben. — Aber wir wollen gehen! — Leben Sie denn wohl 
für heut und grüssen Sie mir die Ihrigen Kleinen, womit 
Emily schon nicht mehr gemeint sein kann". 

Am folgenden Tage (3! Oct.) berichtet Moscheies: 



— 3QO — 



„Kistner begleitete mich zu dem lieben ehrwürdigen Greise, 
Hofrath Rochlitz; dieser empfing mich äusserst freundlich, 
und war sehr mittheilend; nachdem er sein Interesse ah 
meinem jetzigen Besuch, an meinem Spiel, und meiner 
Compositionen ausgedrückt, recapitulirte er die verschiedenen 
Eindrücke, die ich ihm, seit meinem ersten Erscheinen 

4 

mit dem Alexandermarsch im Jahr 1815 hinterlassen, und 
sagte mir viel Schmeichelhaftes über meine Entwickelung 
in der Kunst; er war mir ebenso interessant wie seine 
Aufsätze für Freunde der Tonkunst, die wir so gerne 
lasen. Gegen Abend ging ich wieder zu meiner Mutter, 
die eben ihre Gebete aus dem mir wohlbekannten Fami- 
lienbuch beendet hatte. Ich leistete ihr ein Stündchen 
Gesellschaft, und machte sie sehr heiter durch Erzählungen 
aus unserm Leben. Dann ging ich zu Felix (Mendelssohn), 
der mich für heute und jeden Abend zum Thee gebeten 
hat; es ist recht gemüthlich bei ihm, und rief mir meine 
Junggesellenwirth schaft zurück. 'In der Mitte des Zimmers 
steht sein Erard, in einem Bücherkasten sein schön einge- 
bundener Händel und sein Partituren-Reichthum, auf 
einem Tische sein silbernes Tintenfass, Geschenk der 
Philharmonischen Gesellschaft, an der Wand zwei reizende 
Kupferstiche, Titian's Tochter und das Portrait der Schätzel, 
auf dem Ciavier eine liebliche Unordnung von Partituren 
und Novitäten — aber übrigens Alles nett und rein. Wir 
tranken Thee und plauderten, bis der Advokat Schrey 
(einer der Concertdirectoren) sich zu uns gesellte. Dieser 
ist Musikenthusiast, hat eine herrliche Tenorstimme und 
sang ein paar neue Lieder von Felix, die vortrefflich sind. 
Ich hoffe sie Dir abgeschrieben mitzubringen. Ich spielte 
mein Concert fantastique und das pathetique, und hörte 
viel Angenehmes darüber, dann Felix' mir dedicirtes Rondo. 
Mit ihm spielte ich vierhändig meine Ouvertüre und sein 
Octett; das ging wieder wie geschmiert — Du kannst Dir 
das am Besten denken. — So wurde es 11 Uhr und er 
lieh mir seinen Mantel, damit ich im Nachhausegehen — 
nach den vielen heissen Noten — mir keine Erkältung 
zuzöge. Er ist ein herrlicher Mensch. Apropos, Felix 



hat sich mit aller Leichtigkeit dazu verstanden in meinem 
Concert mein neuestes Duett mit mir zu spielen, doch hat 
es das Concertdirectorium davon in Kenntniss zu setzen. 
Gestern wünschte er die Mutter und Regina zu besuchen. 
Wir gingen hin, und sie freuten sich sehr darüber, gaben 
ihm auch von dem Prager Kuchen zu naschen. Es steht 
ein Wiener Flügel in ihrem Zimmer, und auf den Wunsch 
der Mutter musste ich Etwas spielen; Regina hätte gern 
auch Felix gehört, aber er wollte nicht — seine gewohnte 
ultra capriciös demüthige Bescheidenheit. Er versprach 
nächstens wiederzukommen und zu spielen." 

„Jetzt sollst Du Alles erfahren was mir heute begegnet 
ist Früh die Mutter verfehlt. Felix holte mich früh zur 
Probe. Mendelssohn's vortreffliche Leitung, seine Reden, 
seine Bemerkungen, kurz sein ganzes Betragen gegen das 
Orchester flösst Liebe und Achtung ein. Seine Ouvertüre 
zu „Meeresstille und glückliche Fahrt", von der man sich 
im Ciavierauszug keine Idee machen kann, sowie Beetho- 
ven's B-dur Symphonie gingen ausgezeichnet brav. Die 
Probe dauerte bis T / 2 1 Uhr. Dann ging ich verabredeter- 
massen zur Mutter , und fand sie sehr munter. Felix ass 
wieder mit mir an der Table d'höte. Dann waren wir 
bei Wieck eingeladen, mit Schumann, Banck, Hofrath 
Wendt u. A. Clara Wieck spielte Beethoven's grosses Trio 
sehr brav, dann ich das meinige, welches sehr gefiel und 
gut accompagnirt wurde (von Gerke und Knecht). Dann 
überraschte mich Dein Brief; ich lief gleich damit zur 
Mutter." . . . 

„Ich ging uVs Theater um „Das eherne Pferd" von 
Auber zu hören, aber o Jammer! welche schlechte 
Musik, Sänger und Sujet! Schade um meinen Abend! Ich 
musste meine Neugierde theuer bezahlen" . . . 

n Uhr Nachts. „Es ist mir Bedürfniss, Dir täglich zu 
berichten; daher wähle ich diese Stunde, die einzig freie. 
Früh zur Mutter und brachte ihr feine Bäckerei, weil ich 
bemerkte, dass die Wirthsleute ihr keine zum Frühstück 
boten; mit Kistner machte ich Concertanstalten, dann zu 
Felix, mit dem ich das „Hommage ä Händel" aus dem 



— 302 — 

m 

Probedruck probirte, aber auf eine komische Art. Er hat 
ja nur den Erard; da fiel ihm ein, dass er durch die Thüre, 
die * sein Zimmer von dem seiner Nachbarin , einer ält- 
lichen Frau trennt, zuweilen ein Ciavier gehört habe; ein 
nicht leicht zu versetzender Schrank steht vor dieser Thür. 
Er ging* zu ihr, erbat sich die Erlaubniss, in ihrem Zimmer 
zu spielen, während ich es in dem seinigen thäte ; sie wurde 
ihm gern ertheilt. Die Thüren wurden geöffnet, aber der 
Schrank blieb stehen, die Instrumente stimmten zufällig, 
und das Ding ging prächtig. Kistner und ein Organist 
Reichard waren dabei und schienen sehr erfreut. Wir 
haben uns nun fest entschlossen, dieses Stück bei meinem 
Concert zu spielen. Unter den neuen Sachen, die ich 
wieder von Felix hörte, sind zwei Clavier-Capricen und eine 
Fuge in schnellem Tempo in F-moll, die alle vortrefflich 
in ihrer Art sind. Bei Hauser (dem Basssänger am Thea- 
ter und Felix* intimer Freund) assen wir zu Mittag und 
unterhielten uns wieder nach Tische ernst und launig an 
seinem Streicher, den er mir zum Concert leiht. Felix 
spielte mir ein Concert von J. S. Bach aus Hauser's schöner 
Sammlung vor ; dann sang dieser ein gar drolliges Lied 
von dem alten Componisten Hiller, worin das Wort Nase 
eine Hauptrolle spielt; ich will's Dir abschreiben und mit- 
bringen (Hauser wünschte es selbst zu thun, und sandte 
es der Frau, die es noch besitzt). Ich führte die 
Mutter und Regina in's Abonnementconcert und blieb den 
ganzen Abend bei ihnen. Felix wurde sehr gut empfangen. 
Seine Meeresstille war köstlich und ward mit grossem Bei- 
fall aufgenommen. Vom Uebrigen mündlich. Nach dem 
Concert brachte ich meine Damen vergnügt nach Hause, 
traf Felix und Hauser beim Souper im Hotel, begleitete 
dann Beide bei klarem Mondschein über den Wall nach 
Hause, und jetzt sage ich Dir gute Nacht." 



5. October T / 2 n Uhr Nachts: „Ich betrete eben mein 
Zimmer, welches ich seit heute früh nicht gesehen habe. 



i 

i- ■ 

— 303 — 

Ich konnte nicht einmal ein Ciavier darin haben, so eine 
Noth an guten Instrumenten ist in Leipzig! Dein Brief 
kam mir früh zu Händen. Ueber Dein Spielen des Men- 
delssohrt 'sehen Octett's haben sich Felix und ich sehr ge- 
freut. Er spricht mir von seiner Verlegenheit, dass er 
noch nicht dazu gekommen, Dir schriftlich zu danken, und 
sich Dir schwarz auf weiss zu Füssen zu legen; kurz er 
spricht ebenso wie seine Briefe über diesen Gegenstand. 
Mein erster Morgenbesuch war heute wieder bei der Mutter, 
die vollkommen wohlgemuth, heiter und zufrieden ist. 
Dein Brief erregte auch bei ihr wahre Freude. In einigen 
Privathäusern probirte ich Instrumente, um ein zweites 
zum Duett zu haben, konnte meine Wahl aber noch nicht 
fixiren. Felix begleitete mich zu Fink, dessen Tochter 
ein bedeutendes Talent hat und uns vorspielte. Felix 
speiste mit mir an der Table d'höte, mit Schumann, dem 
Sänger Naumburg, Banck, Knecht und Wild. Dieser, so- 
eben angekommen erzählte mir, dass er nur einmal in 
Teplitz zum Auftreten kam und zwar in der Norma — 
so drängten sich dort die Festlichkeiten. Thalberg, der 
ein Ciavier hingeschickt hatte, kam gar nicht zum Spielen, 
weil kein Hofconcert stattfand." 

Eine Mlle V. wünschte in meinem Concert zu singen; 
aber wie erstaunte ich trotz des italienischen Namens eine 
klotzige, derbe Deutsche mit gellender Stimme zu finden; 
sie blökte die Variationen derCatalani über „nel cor" herausi 
und ich gab ihr einen diplomatisch ausweichenden Bescheid. 
So halte ich mich blos an die Grabau und Hauser. Den 
Abend verbrachte ich wieder bei Felix mit Thee und 
Musik, in Gesellschaft von Hauser und Kistner. Da wurde 
ein Concertzettel gebacken. Ich hatte der Mutter zwei Sperr- 
sitze fiir's Theater gebracht ; sie sah mit Regina den 
Freischütz. Um 10 Uhr war ich wieder bei ihr, um über 
den verbrachten Abend zu plaudern. Gute Nacht. 

6. October. „In der bedeutungsvollen Stunde von 12 — 1 
Uhr Mittags, wo aller gesellschaftlicher Verkehr in Leipzig 
stockt, um dem Magen zu fröhnen, setzte ich diese Zeilen 
fort. Ich wollte einen so eben erhaltenen Ciavierpart vom 



■ 



~ 304 



S. Bach'schen Concert für drei Claviere auf heute Nachmittag" 
durchgehen, fand aber alle Clavierniederlagen verschlossen. 
Zu Felix zu gehen, blieb mir vor dem Essen um i Uhr 
nicht Zeit : mein Magen wird für dies empfanglich "sein, so 
wie ich mich überhaupt hier vortrefflich befinde. Heute, 
als ich die Mutter besuchte, unterhielt ich sie mit meinem 
Album. Ich habe hier ein Bändchen gesehen, welches 
unter dem Namen „Bettina's Tagebuch" ihrer Correspon- 
denz mit Göthe vorangeht. Wenn Du neugierig darauf 
bist, so kannst Du es Dir gewiss leicht verschaffen." 

Nachmittags 5 Uhr. „Ich komme eben von Wieck, 
wohin mich Regina begleitete. Die Clara spielte ein Trio 
von Schubert, sehr brav. Das Concert von Bach für drei 
Claviere, von ihr, Felix und mir gespielt, folgte, und war 
sehr interessant. Ich lasse mir es für London abschreiben. 
Die V. sang wieder, und Felix begleitete sie zu einer 
Arie aus „Macbeth" und den Variationen über „nercor". 
Aber es war ein jämmerliches Geheul! Den armen Felix 
hättest Du sehen müssen, wie er in einem Cirkel von 30 
Personen dasass, wie auf einem Armsünderstuhl. Seine 
Augen funkelten, wie die eines gereizten Tigers, und an 
seinen Wangen hätte man Licht anzünden können, so 
brannten sie. Eben soll ich meine neugedruckten Concert- 
billete zeichnen. Deine hülfreiche Hand geht mir dabei 
ab ; aber ich kann bei jeder Zeichnung ruhig an Dich denken, 
und das ist mir ein angenehmes Gefühl. Felix theilte 
mir heute den Wunsch des Directoriums mit, dass ich 
Sonntag im zweiten Abonnement-Concert spielen möge; 
er räth mir, statt des gewöhnlichen Honorars von 5 — 6 Ldr. 
lieber die Bedingung zu machen, dass ich für Saal, Be- 
leuchtung etc. bei meinem Concert dem Directorium nichts 
zu zahlen brauche, und ich finde, er hat recht. Ein Ge- 
danke quält mich wegen meiner Abreise. Die Eilwagen 
gehen nur Montag früh um 5 Uhr Morgens und Dienstag 
um g Uhr Abends: Der erste zu nah am Concert, der 
zweite zu spät für meine Ungeduld." 

9. October : „Eine Stunde vor meinem Concert schreibe 
ich Dir. Die Geschäfte drängten sich so sehr, dass ich 



— 3°5 — 

meinem Vorsatz, Dir täglich zu berichten, nicht treu bleiben 
konnte. Gestern hatte ich einen Tag der Ungeduld, weil 
ich Deinen Brief von Montag schon erwartete. Die ge- 
lungene Probe meines Concerts musste mich zerstreuen; 
aber heute kam er und beglückte mich. Ich wollte, ich 
hätte Zeit, Alles gehörig zu beantworten; aber das muss 
bis aufs Mündliche bleiben. Das Wann ist noch ein 
Gedanke, der mich zupft. Ich spiele Sonntag im Abonne- 
mentconcert mein G-moll Concert und werde hoffentlich 
zwischen den Eilwagen eine Gelegenheit finden. Mein 
Goncert wird heute Abend glänzend. Der Andrang zum 
Billetverkauf ist gross; 750 sind schon abgesetzt, und man 
wird wahrscheinlich so Manchen bei der Kasse zurück- 
weisen müssen." 

„Die Mutter und Regina sind noch immer ebenso ver- 
gnügt und haben sich über den heutigen Brief sehr gefreut, 
schicken Dir auch alle möglichen Küsse und Liebkosungen. 
Wenn ich heute nicht schlecht spielen soll, muss ich 
schliessen und mich nur durch den Gedanken an Dich 
begeistern. " 



10. October: „Ich wollte, ich könnte der Post Flügel 
verleihen, um Dir die Nachricht mitzutheilen , dass ich 
gestern das brillanteste Concert in Leipzig gegeben habe. 
Der Andrang war ungeheuer und der Saal überfüllt Meine 
Mutter verjüngte sich dabei. Meine Ouvertüre wurde 
vortrefflich aufgeführt, die Concert's pathätique und fan- 
tastique mit steigendem Beifall aufgenommen. Mein Duett 
mit Felix aber machte ungeheures Furore; der Beifall 
dauerte lange, man wollte es wiederholt haben; aber die 
grosse Hitze hielt uns ab, und wir traten blos noch ein- 
mal vor, um uns zu verbeugen. Auch meine Phantasie 
über das Thema der Arie aus „Titus", welche Frl. Grabau sang, 
und einen Chor in D aus „Euryanthe" hatte, glaub' ich, 
viel Gelungenes und Glückliches; denn viel Beifall belohnte 
mich. Die Brutto-Einnahme war 497 Thlr. Die Kosten 
betragen 70 Thlr., bleiben also 427 Thlr. Die übrigen Aus- 

Moscheies' Leben. 20 

* 



— 306 — 

+ 

gaben bezahle ich durch mein Spielen im Abonnement- 
Concert." 

„Ausser dem G-moll-Concert, das heute in der Probe 
vortrefflich ging, wird meine Ouvertüre wieder gegeben, 
so wie das Duett mit Felix, um welches wir ersucht worden 
sind, Felix benimmt sich gegen mich immer gleich liebens- 
würdig und mit einer seltenen Bescheidenheit. Er sagte 
mir u. A., ehe ich gekommen, hatte er sich schon mit dem 
Gedanken und Wunsch herumgetragen , ob ich wohl ein 
Duett mit ihm spielen möchte? Er hätte mir bald des- 
wegen geschrieben. Er wird hier vergöttert und ist auch 
mit mehreren Musikern und Honoratioren auf freundlich- 
stem Fusse, jedoch intim mit Wenigen und zurückgezogen 
gegen Viele. Meine Mutter behandelt er mit besonderer 
Aufmerksamkeit. Du hast Recht, das Zusammenkommen 
mit ihm giebt mir neuen Aufschwung und viel Genuss" . . . : , 

Sonntag früh 7 Uhr : „Ich war mit Felix und Hauser gestern 
bei — zu Tische geladen ; es speisten da Baurath Limburger 
und Hofrath Keil (zwei Directoren), auch Geh.-Rth. Lehmann, 
Die Eigentümlichkeiten der , Familie sind: Das Super- 
gelehrtthun des Herrn, die altkluge Geschwätzigkeit der 
Frau, die blöde Verschmitztheit der Tochter. Die Auf- 
wartung war von einem Mädchen besorgt, welches an der - 
Zubereitung der Speisen grossen Antheil gehabt haben 
muss, wie der ihr anklebende Schmutz bewies. Dazu ein 
alter Aufwärter, der bei meinem Concert Kassirer gewesen 
war und nur mit der Brille auf der Nase seinen Dienst 
versehen konnte. Alles dies gab uns nachher viel Stoff 
zum Bekritteln , dazu kam dass Herr — bei Tische sehr 
indiscret über einen Aufsatz des Hofrath Rochlitz in der 
Musikalischen Zeitung sprach, was Felix in eine auffallend 
mürrische Stimmung versetzte, der er wie eine losgehende 
Luftbüchse im Weggehen Luft machte." 

„Einen Theil des Abends verbrachte ich mit den 
Meinigen, den andern bei Felix t£te ä t£te. Wir tranken 
Thee, plauderten recht vertraulich, und dann spielte er 
mir mehrere seiner vortrefflichen Fugen und Lieder ohne 
Worte (Manuscript) vor. Morgen früh geht meine Mutter 



— 3°7 ~ 

fort, das wird mir den Tag schwer machen! aber ich will 
mich ermannen." 

Nachmittags : „Ich komme eben von einem sehr freund- 
lichen Diner bei Kistner mit Felix, Hauser, Dr. Schleinitz, 
Weisge, Fink u. A. und schreibe Dir diese Zeilen, ehe 
ich mich zum Concert ankleide. Eben erhielt Felix die 
Nachricht, dass seine Schwester angekommen ist. Die 
Eltern schreiben, ich möchte sie doch nach Berlin begleiten 
und bei ihnen wohnen, Felix wünscht es sehr, aber ich 
weiss noch nicht, ob ich mir den Rasttag gönne, Vor- 
mittags war Felix mit mir bei meiner Mutter, um ihr wie 
versprochen vorzuspielen. Er liess sie viele meiner Etü- 
den hören , spielte auch seine „Hebriden-Ouvertüre", 
und machte sie ganz glücklich. Hatte ich Dich, hätte ich 
Euch Alle, nur hier. Es soll, es muss aber doch Alles gut 
gehen — nur Courage! Adieu! Auf glückliches Wieder- 
sehen!" 



Der nächste Brief ist aus Berlin vom 14. October da- 
tirt. Er lautet : „Deine Zeilen erhielt ich Montag in Leipzig, 
und sie machten mich wieder glücklich. Sie waren mir 
Balsam nach den Stunden der Scheidung von der Mutter, 
die Montag früh abreiste. Durch Deinen so herzlich aus- 
gesprochenen Wunsch, ich mochte mir den Abstecher über 
Berlin gönnen, hast Du meinen Schwankungen ein Ende 
"gemacht — Felix und ich haben seine Schwester hieher 
begleitet, Montag waren wir noch bis Mitternacht auf einer 
Soiree bei Härters, wo ich allein und mit Felix gespielt 
habe. Dann packte ich (ohne John) bis %2 Uhr, und schon 
um 6 Uhr Morgens sassen wir im Wagen. Unsere Unterhal- 
tung war belebt und köstlich, und Du sehr oft ihr 
Gegenstand. Felix* Schwester ist ein gar nettes liebens- 
würdiges Weibchen. — Felix hatte einen Brief an seine 
Eltern expedirt, um sie von allseitiger Ankunft zu benach- 
richtigen ; als wir aber um % 2 nach Mitternacht anlangten, 
merkten wir an der Todtenstille im Hause, dass jener 
Brief nicht angekommen war. Es wurde Niemand von 



20* 



j 



— 3 o8 — 

der Familie aufgeweckt und Nachtlager eilig durch die 
Dienstboten bereitet. Da sich nichts fand, um den allge- 
meinen Heisshunger zu stillen, so musste ein grosser ^Theil 
meiner Prager Torte, die ich im Nachtsack hatte, herhalten, 
und that vortreffliche Dienste. Das Wiedersehen der Alten 
mit den Kindern diesen Morgen war ein Familienfest, eine 
Seligkeit, die mir als Zeugen einen unbeschreiblichen 
Genuss gewährte, und dass ich nicht bloss Zuschauer war, 
sondern wie ein Sohn mit herzlichem Willkomm empfangen 
wurde, erhöhte meinen Genuss vielfach. Ich sehe mich 
von allen Seiten bestürmt, meinen Entschluss aufzugeben, 
schon heute Abend- weiter zu reisen. Ich soll erst morgen 
Abend Berlin verlassen. Die halb vergeudeten Nächte, 
der schöne Aufenthalt hier und endlich Deine ermunternde 
Zuspräche werden mich wohl für morgen bestimmen." 

Felix Mendelssohn fügt hinzu: 
„Wenn Sie zürnen wollen, dass Moscheies Ihnen einen Tag 
langer entzogen ist, so zürnen Sie auf die ganze Leipziger 
Strasse No. 3; denn die ist dran Schuld; er wollte weiter, ob- 
wohl er gestern (oder vielmehr heut) Nacht um f /a 2 Uhr erst 
hier angekommen war; wir aber thaten einen geistigen Fuss- 
fall, und die Polizei wollte den Pass nicht geben, und dann 
haben Sie ihn denn auch wieder in Hamburg und Holland 
und London, während wir doch morgen auseinanderreisen 
müssen, und uns wohl lange nicht wieder sprechen können. 
Kurz, ich quälte aus Herzenslust mit, und hoffe, Sie setzen 
sich an meine Stelle; da hätten Sie es auch gethan. Wenn 
Sie sich wiedersehn, wird Moscheies Ihnen alle meine und 
unsre Grüsse bringen. Die Post geht, also leben Sie wohl 
und zürnen Sie nicht 

Ihrem ergebenen 
Felix Mendelssohn-Bar tholdy." 
Dazu hatte Felix* Vater diesem folgende Zeilen in 
die Feder dictirt: 

■1 

„Ich darf wohl meinen besten Gruss hinzufügen, und 
indem ich Ihnen meine Freude darüber bezeuge, so g*anz 
unerwartet unsern vortrefflichen Freund mit Felix, leider 
auf so sehr kurze Zeit nur hier zu sehen, Ihnen dafür 




— 309 — 

danken, dass Sie uns diese Freude durch Ihr Zureden ver- 
schafft. Hoffentlich danken Sie es mir auch, dass ich 
Moscheies bewogen, nach einer durchreisten Nacht nicht 
schon heut Abend in einem Beiwagen weiter gereist zu 
sein, sondern erst morgen Abend im Postwagen selbst, 
seinen Platz zu nehmen. Leben Sie wohl und bleiben Sie 
mir freundlich gewogen." 

Während dieses kurzen Aufenthalts ward Moscheies 
Zeuge von Felix* kindlich heiterem Uebermuth, von seiner 
Glückseligkeit im Zusammensein mit der Familie, Ein 
Brief, den Moscheies, seiner Gewohnheit getreu, Abends 
vor dem Schlafengehn seiner Frau schreibt, sagt: „Wir 
haben uns musikalisch herumgetummelt. Erst spielte ich 
mit Felix Mozart's Duett in D für zwei Claviere und mein 
Hommage ä - Händel. Dann überliessen wir uns allen mög- 
lichen musikalischen Extravaganzen, phantasirten zugleich 
und abwechselnd auf zwei Ciavieren — eine geistige Erstür- 
mung. Ich spielte noch Felix* Rondo brillant in Es und mein 
Concert fantastique, er die Orchesterbegleitung dazu. Seine 
„Lieder ohne Worte" spielten wir abwechselnd und dann 
kamen allerlei musikalische Scherze an die Reihe. Fanny 
Hensel machte mir grosse Freude durch das Vorspielen 
ihrer Compositionen. Felix und ich blätterten viel in 
seiner Sammlung alter Musik. Genug, diese Stunden werden 
mir unvergesslich bleiben und ich trenne mich nur, ungern 
von meinen liebenswürdigen Wirthen, um hie und da Be- 
suche zu machen." 



Der Diebstahl, der im Jahre 1823 an Moscheies verübt 
worden war (s. S. 77) sollte bei diesem Berliner Aufenthalt 
wieder zur Sprache kommen. Zwar hatte der Thäter, der 
junge Literat G. schon im Jahre 1825 eingestanden, dass 
er den Koffer, den Moscheies beim Verleger Schlesinger 
zurückliess, als er zum ersten Mal nach London ging, er- 
brochen, die Werth Sachen entwendet hatte. Das schriftliche 
Bekenntniss, das er damals ablegte, sprach von tiefer 
Reue und Beschämung, und wie Moscheles* Edelmuth, der 



1 



von seiner Verfolgung abgestanden, ihn jetzt zu der Selbst- 
anklage treibe; er* wolle zahlen, habe Bücher übersetzt, 
werde bald im Stande sein, seine Schuld zu sühnen. Ein 
ähnlicher Erguss erfolgt 1827. Es sind dieselben Versprech- 
ungen, ohne vorhergegangene Schritte von Moscheles* Seite. 

Am 15. October 1835 wird ihm bei Mendelssohns* am 
Vorabend seiner Abreise folgender Brief eingehändigt, 

Verehrtester Herr Moscheies! 

Berlin 73 Friedrich-Strasse 2 Treppen. , 

Heute früh sah ich Sie auf der Strasse, ich erkannte 
Sie auf der Stelle. Vergeblich ging ich von Gasthof zu 
Gasthof, um Ihre Wohnung zu erfahren, bis mir das 
Fremdenbureau einfiel, woselbst mir Ihre Wohnung, zu- 
gleich aber auch zu meinem Schmerz bekannt ward, dass 
Sie bereits Ihren Pass nach Hamburg hätten visiren lassen. 
Den einzigen Augenblick, in welchem ich mich Ihnen 
nähern kann, ergreif ich rasch: Ich bin hier! Dies Ihnen 
anzuzeigen, ist Pflicht. Nie habe ich einen Augenblick 
gezweifelt, dass ich früher oder später im Stande sein 
würde, Ihnen meine Geldschuld abzutragen, wenn auch nie 
die Schuld meiner Dankbarkeit. Wäre es mir blos darum 
zu thun die Geldschuld abzutragen, so hätte ich Sie ab- 
reisen lassen, da es mir zur Zeit, in welcher ich das Geld 
in Händen haben werde, nicht schwer fallen kann, einen 
Mann zu erreichen, welchen ein europäischer Name ziert. 
Es ist mir aber um etwas viel Wichtigeres zu thun: um 
die gute Meinung des edelsten Mannes. 

Dies aus meinem Mund an Sie ist wahrlich keine 
Schmeichelei. Obgleich ich für den Moment keine Mittel 
besitze, so haben sich doch meine Angelegenheiten so 
gestellt, dass ich, freilich später, als ich hoffte, Gelder 
empfangen werde, und ich werde den Augenblick als 
den frohesten meines Lebens betrachten, in welchem ich 
Ihnen das schuldige Capital nebst Zinsen zurückzahlen 
werde. Denn nur auf diese Weise werde ich bezahlen, 
und das ist der einzige Punkt, worauf ich gegen Sie be- 
stehen würde" . . . Nun bittet der Schreiber um eine Zu- 
sammenkunft; er will Moscheies ein Papier ausstellen über 



das, was er ihm schuldig ist; er erzählt wie er einem 
H. Lowe Jägerstrasse 38 ein Darlehn von 25 £ mit den 
Zinsen zurück gezahlt, so wird er auch Moscheies bezahlen, 
und endet: „Gott segne Sie. Er vergelte Ihnen in eignem 
und Familienglück was Sie um mich verdient. 

Ihr Sie bis an sein Ende aus vollster Dankbarkeit 
liebender und wahrhaft verehrender 

J. Gr". 

Moscheies antwortet ihm am ig. October yon Hamburg 
aus. „Ich habe Ihre Zeilen v. 15. in Berlin erhalten. Als 
Antwort darauf beziehe ich mich auf eine Aeusserung, die 
ich Ihnen vor mehreren Jahren schriftlich auf einen ähn- 
lichen Brief gegeben habe. Sind Ihre Vorsätze, die Bahn 
der Rechtlichkeit zu gehen, echt, so wünsche ich Ihnen 
Glück dazu, und wenn auch der Segen von oben sich nur 
spärlich einstellen sollte, so werden Sie doch reicher an 
gutem Gewissen. Ich wollte Ihnen bisher nicht durch 
Vorwürfe oder Verfolgung vergelten, was Sie gegen mich 
verschuldet haben, weil ich Sie für zu unvermögend an 
Mitteln und zu belastet von Ihrem Gewissen hielt, und 
Menschlichkeit mich leitete. Wenn Sie mir durch die- 
That, durch theilweise Abzahlung Ihrer Schuld gegen 
mich beweisen werden, dass Sie mir nicht blos schriftliche 
Versprechungen zu geben gesonnen sind, so sollen Sie 
von mir gehörige Empfangs-Scheine erhalten. Anderer 
schriftlicher Verträge (wie Sie vorschlagen) bedarf es 
zwischen uns nicht. Wenn ich sterbe, sind Ihre Briefe an 
mich hinreichende Documente Ihrer Schuld; wollen Sie 
für Ihr früheres mögliches Ableben Ihren Verwandten 
ein gleichlautendes Papier hinterlassen, so steht das bei 
Ihnen. Die Zeit wird offenbaren, ob Ihre ausgesprochenen 
Vorsätze nicht blosser Schall sind. Wo ich mich aufhalte, er- 
fahren Sie immer leicht durch Musikhändler oder Liebhaber- 

■ 

J. Moscheies". 
Eine Anfrage an Mendels sohn's Vater über J. G„ 
bringt Moscheies am 17. October folgende Antwort nach 
Hamburg zurück. . . . 



— 312 — 

„L'homme en question, den ich selbst durchaus nicht 
kenne, soll ein unstätes Leben geführt haben, war in 
Italien, Portugal, Frankreich, England, meist als Erzieher 
in bedeutenden Häusern, und mit bedeutenden Männern 
in Berührung, soll viel lebende Sprachen fertig sprechen 
und schreiben, und ein, feines gewandtes Aeussere besitzen ; 
aber er soll unsicheren Charakters, und dadurch in zerrüt- 
teten Vermögensumständen sein, wird daher in den haupt- 
sächlichsten Beziehungen nicht als zuverlässig betrachtet, 
in einiger Zeit mehr darüber. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 

Schon am* 24. October schreibt derselbe: „Sie werden 
hoffentlich, mein verehrter Freund, meine Auskunft über 
J. G. erhalten haben. Da ich nicht wissen kann, in welchen 
Beziehungen Sie zu diesem Manne gestanden, so halte ich 
es für meine Pflicht, Ihnen zu berichten, dass derselbe 
gestern Abend, nach kurzer Krankheit gestorben ist. Ich 
hoffe, dass diese Nachricht kein näheres Interesse für Sie 
haben wird, als dasjenige, welches ein so nahe gerücktes 
Beispiel menschlicher Vergänglichkeit in uns erregt. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 

Moscheies theilt nun diesem väterlichen Freunde die 
ganze Angelegenheit mit und erhält folgende Antwort: 

* 

Berlin, 29. October 1835. 

Sehr werther Freund! 

Ich säume nicht, Ihren höchst merkwürdigen Brief 
zu beantworten, J. G. ist eben so abenteuerlich gestorben, 
wie er * gelebt — an den schwarzen Blättern. Er war 
hierher gekommen, um den auf ihn fallenden Theil am 
Ertrage eines Processes zu heben, welchen die Masse seines 
Onkels gegen ein hiesiges Handlungshaus gewonnen hatte. 
Gewiss wird die Familie sich zur Zahlung des Ihnen Schuldi- 
gen verstehen, falls Sie gesonnen sind, die Sache zu urgiren, 
und ich wüsste nicht, warum Sie das nicht thun wollten". 

Und nun kommen Anerbietungen, Moscheies dabei 
zu vertreten, Bitten um Einsendung der nöthigen Docu- 
mente, und endlich heisst es: „Der ganze Vorfall, wie 



Sie ihn einfach berichten, ist wirklich wunderbar, und 
wenn er zunächst Sie wieder in Ihrer discreten besonnenen 
Gutmüthigkeit zeigt, so erinnert er nicht minder an SchÜler's 
goldene Worte : „Und die Tugend, sie ist kein leeret 
Schall!" Leider blieb dem Verstorbenen nicht Zeit, sie 
im Leben zu üben; nachdem er überall gestrauchelt, sollte 
man glauben, dass er eben jetzt angefangen, sich zum 
Guten zu entschliessen und das erinnert an den noch golde- 
neren Spruch der Rabbinen: „Bessere Dich eine Stunde 
vor Deinem Tode!" Es zeigt ferner, wie Talent und auch 
die grosste Bildung nur Irrwische sind, die den, welchen 
sie führen, unfehlbar in's Verderben leiten, wenn ihn das 
wahre, innere Licht, Charakter und Gewissen nicht auf 
dem rechten Wege erhält, und es zeigt, dass alle Schuld 
sich auf Erden rächt. Nun wollen wir seine Seele in 
Frieden ruhen lassen. Ganz der Ihrige. 

A. Mendelssohn-Bartholdy." 
Und wie schloss diese Angelegenheit? Leider auf 
die traurigste, unvorhergesehenste Weise. Der herrliche 
Mann, der von Felix so innig verehrte Vater, Moscheies' 
treuer Freund, starb schon am 19. November desselben 
Jahres, und dieser erschütternde Schlag benahm Moscheies 
die Spannkraft die Sache weiter zu verfolgen. Es wider- 
stand ihm, sie einem Rechtsanwalt zu übergeben! So ist 
ihm sein bedeutender Verlust nie ersetzt worden; die 
Familie des J. G. hat es nie der Mühe werth erachtet, 
das Andenken eines nahen Verwandten von schwerer 
Schuld zu reinigen, obwohl sie sich in vortrefflichen Ver- 
mögensumständen befinden soll. 

Ein kurzer, heitrer Aufenthalt im hamburger Familien- 
kreise folgte diesem Ausflug nach Berlin, und die letzten 
zwei Monate des scheidenden Jahres wurden in unermüdlicher 
Thätigkeit einer Kunstreise durch Holland, und Belgien 
gewidmet. „Ich kann über das Phlegma der Holländer 
nicht klagen", schreibt Moscheies aus Amsterdam; „sie 
haben mich vom Jahre 1820 an, wo ich die Gastfreundschaft 



— 314 — 

der Familie KÖnigswarter genoss, mit offenen Armen, 
meine Kunstleistungen mit offenen Öhren aufgenommen. 
Damals schrieb ich dort mein G-moll-Concert, jetzt sehe 
ich meine neueren Compositionen mit nicht geringerer Wärme 
aufgenommen, muss in Felix Meritis u. a. musikalischen 
Gesellschaften spielen und überall ein zweites Mal impro- 
visiren. Auch das pecuniäre Resultat ist ein vortreffliches." 
„Komisch aber", fügt die Frau hinzu, „bleiben doch, trotz 
aller musikalischen Ehren, die mein Mann geniesst, einige 
althergebrachte Sitten der Holländer, ich nenne Euch nur 
die des Abonnement-Concerts, da sie uns zunächst be- 
rühren. Der erste Theil ist kaum zu Ende, so verschwinden 
sämmtliche Herren; wo sind sie? Die Geruchsnerven ver- 
künden es bald; sie rauchen in einem angrenzenden Saale. 
Aber die Damen haben nicht Zeit , die Nase darüber zu 
rümpfen; denn ihnen wird alsbald Chocolade und Limonade 
gereicht; indem sie sie geniessen, unterhalten sie sich mit- 
einander. Ich sass, wie gewöhnlich, wenn Moscheies öffent- 
lich »spielt, allein in einem Winkel, und hatte Zeit, mir 
die nüchterne Einfachheit der vier weissen Saalwände an- 
zusehen, die ich nicht bewundern konnte. Dann aber 
dachte ich wieder, wje ich es seit fünfzehn Jahren mit 
Nutzen in England thue: Ländlich, sittlich. Die Chocolade 
mundete, und der Rauch genirte mich nicht mehr." 

Ehe sie Holland verlassen, ertönt ein Klagelied von 
Moscheies über die schlechten Orchester, mit denen er in ver- 

■ ■ 

schiedenen Städten zu kämpfen hat. „Die Dirigenten geben 
sich alle Mühe, ich selbst sitze, wenn ich ein Concert spiele, 
wenig am Ciavier, sondern laufe zwischen dem Vorgeiger und 
Pauker auf und nieder, und flüstre Jedem seinen Ton in's 
Ohr, aber auch das hilft nicht immer, und geht's gar nicht, 
so lasse ich wohl ein zu schwieriges Adagio weg und spiele 
nur ein erstes und letztes Stück. In Rotterdam, wo es mir 
sogar mit dem Instrument schlecht erging, phantasirte ich 
über Mozart's/ „Ich kann nichts thun, als Dich beklagen", 
womit ich diesmal -mich meinte, und Hess mich nicht zu 
einem zweiten Kampf mit diesen stockenden Tasten heraus- 
klatscheh, wie sehr das Publikum es auch darauf anlegte." 



~ 3i5 * — 

In den grossen belgischen Städten giebt's auch „der 
Plagen und der Franken viele", und auf der ganzen Reise 
lassen Mann und Frau die Wünderleistungen der Schwester- 
kunst (Malerei), Jan denen Kirchen, Museen und Privat- 
häuser so reich sind, entzückt an sich vorüberziehen. 
Auch finden sie in den letzteren die herzlichste Aufnahme 
und wiederholen es sich nach der Rückkehr am häuslichen 
Herd oft mit inniger Dankbarkeit, dass die ganze Reise 
wieder eine gelungene war, Genuss verbreitend, Genüsse 
aller Art empfangend, eine wohlthuende Erinnerung für 
spätere Jahre. 



NAMENSVERZEICHNISS. 



Albrechtsberger 10. 
Alsager 265. 
Althorpe 275. 
Ambrogetti 56. . 
Anderson 213. 
Andr6 79. 
Artaria 9. 
Artot 206. 
Bader 92. 
Baillot 40. 
Banck 301. 303. 
Barker 260. 
Barkrw 71. 
Barnard 256. 
Bärnroth 2 18. 
Batthyanyi 24. 
Bauer, Carol. 92. 96. 
Beale 289. t ^ 
Beethoven 17/04. 139 — 41. 145. 
Pegasse 44. r l 
Bellamy 282. 
Bendemann, E. 253. 
Benedict 296. 
Benelli 35. 
Bennett 288. 

Beriot 137. 183. 199. 206. 208. 
Berlioz 294, 
Betts 211, 

Blahetka 129. 
Blangini 42. 
Blum, C. 44. 92. 133. 
Bochsa 67, 209, 210. 
Bohrer 205. 244. 
Bombelles 36. 



I50- 



\ 



223, 



Bordogni 43. 62. 208. 

Bowdich Lee 245. 

Braham 56. 60. 108. 119. 120. 211. 

227. 242. 288. 297. 
Bury, Charlotte 274. 
Büsch 90. 

Cambridge, Herzog v., 96. 
Camporese 56. 208. 
Caradori-Allan 282. 286. 
Carpani 19. 129. 
Castelli 19. 24. 83. 
Catalani 55, 
Cawes 258. 
Chelard 248. 
Cherubini 42. 44. 45. 
Chopin 271. 294. 
Choirley 245. 
Ciceri 44. 

Cinti 43. 64. 242. 246. 

Clementi 51. 52. 74. 106. 177. 199. 

241. 
Cobbett 275. 
Codrington 275. 
Coleridge 274. 
Collard 52. 227. 230.' 231. 
Cornet 212. 
Costa 105. 
Cramer, F. 66r 

Cramer, J. B. 51. 52. 58. 65. 66. 69. 

75.(226.. 240. 248. 268. 287.288. 

296. 
Crotch 72. 
Czerny 25. 129. 
David, Louise, s. Dulcken. 



317 



Davis 257. 

Devrient, E. 91. 
Dietrichstein, Fürst 126. 

Dizi 54. 75. 
Donzelli 208. 
Dorn 131. 
Dotzauer 35. 
Dragonetti 55. 240. 
Dugazon 44. 45. 
Dulcken 97. 209. 
Eichhorn 252. 53. 
Embden, Charlotte 97. 
Erard 40. 104. 202. 
Eskeles 9. 28. 
Esterhäzy 16. 60. 196. 
Fetis 207. 208. 
Field 230. 244. 247. 
Fink 307. 

Fleming 107. 225. 244. 
Forbes 265. 
Forti 83. 
Franck 267. 
Funcke 213. 

Fürstenau 119. 122. 128. 

Galizin, Fürstin 27. 
Gall 41. 

Garcia 40. 62. 
Genast 91. 
Gerhard 91, 
Gericault 57. 
Gerke 301, 
Gerson 220. 
Giuliani 19, 23. 
Goethe, Frau v., 254. 
Grabau .303. 305. 
Grahl 236. 

Grillparzer 83. 128. 189, 
Grimal 258. 
Grisi 277. 293. 
Grünbaum 83. 
Guhr 255. 

Guillon 214. 219. 221. 
Habeneck 42. 

Haitzinger 83. 242, 248. 250. 270. 
Hardegg, Gräfin 20, 28. 



Härtel 91. 299. 307. 
Haslinger 286. 
Haugwitz, Gräfin 16. 
Hauser 242. 248, 250. 302. 307. 
Haydn 36. 

Heine, H. 179. 80« 81. 

Hensel, Fanny, s.: Mendelssohn, 

Fanny, 
Herz, H. 268. 269. 288. 
Hüler, Ferd. 76. 
Hobbs 282. 
Hofmeister 91. 
Holm 237. 
Hope 269. 
Horschelt 82. 
Horzelsky 7, 
Hotschebar 173. 
Huerta 199. 

Hummel 16. 17. 21. 23. 25. 222. 226. 

231. 254. 255. 
Iwanoff 278. 

Kalkbrenner 51. 54. 61. 75. 294. 
Kean 229. 
Keeley 256. 
Keil 91, 306. 

Kiesewetter 55. 60. 69. 70. 74. 75. 

118. 122. 
Kind, Friedr. 89. 119. 
Kistner 91. 298. 300. 301. 307. 
Klengel 36. 89. 

Klingemann, C, 182. 246. 247. 256. 

267. 294. 
Knecht 301. 303. 
Köckert 91. 
Königswarter 315» 
Kramer 69. 179. 

Kraus-Wraniteky *53* 
Kreutzer 42. 
Kuhlau 213» 
Küstner 90. 

Lablache 230. 246. 288. 293. 
Lafont 42. 43. 45. 61. 63. 64. 68. 70. 
Laporte 209. 210. 293. 
Lecerf 63. 
Lee 249, 



p 



Leidesdorf" 129. 
Lemaistre 294. 
Leo, A., 41. 62, 65* 
Levasseur 42. 44. 
Lewinger 9. 17. 
Lewy 129. 
Liraburger 90. 306. 

Lindley 208. 226. 240. 293. 
Liszt 138. 

Litolff 227. 239. 251. 256. 
Löbel 220. 
Lockhart 274. 
Logan 209. 
Logier 55. 
Ludwig 34. 
Lunin, Baronesse 27. 
Lüttichau, v. 88. 
Mainvielle-Fodor 39. 62. 
Malibran, Maria 76. 205. 21 1. 223. 

269. 271. 278. 
Mälzl 63. 
Mantius 252. 
Mara 55. 
Marliani 286. 
Mars 45. 200, 242, 
Marx, A. B, 131, 
Masoni 277. 
Masson 239. 
Mawkes 239. 
Matthäi 33. 34. 90. 
Matthews 244. 
Mayer, J. A. 78. 
Mayseder 23. 86. 129. 
Mendelssohn, A. 312. 313. 
Mendelssohn, Fanny 93. 132. 309. 
Mendelssohn, Felix 93. 94. 132. 206. 

245—47- 2 5 2 —54« 266. 271. 272. 

298—300. 
Mendelssohn, Paul 236. 
Merck 19. 23. 129. 
Meric 248. 

Meyerbeer 15. 19, 
Milder-Hauptmann 92, 214. 219, 
Mock, DUe., s.: Pleyel, 
Monk Mason 242. 



Moore, Th. 274.- 

Morgan, Lady 114. 

Mori 103. 110. 249. 258. 293, 296. 

Morlacchi 35. 88. 

Moser 132. 133. 

Müller, Ivan 64, 

Nägeli 117. 

Napier 275. 

Naumburg 303. 

Neukomm 207. 227, 239, 242, 267. 
284, 

Northland, Lady 78. 
Nourrit 64. 

Novello, Clara 228. 258. 
O'Connell 275. 
Oehlenschläger 213. 
Pacini 229. 
Paer 40. 42. 

Paganini 231 — 236, 269. 
Palazzesi 130. 
Palffy 16. 23. 
Palmers ton 107. 
Pankouke 41. 
Pape 40. 644 
Paravicini 279. 
Parry 265. 
Pasta 230. 277. 
Paton, Miss 121. 211. 
Perlet 45. 
Peters 91. 
Phillips 227. 282. 
Piatti 36. 37. 
Pisarom. 205. 
Pistrucci 76. 

Pixis, P. 80. 195. 208. 268. 
Plantade 42. ' 
Pleyel 64. 298. 
Polledro 35. 37. 
Potier 45. 
Rahel 95. 
Rainer 137. 206, 
Rathen 276. 

Rau 148—150. 155. 165. 173. 
Redern, Graf 253. 
Reichard 302. 




Reichard t 25. 
Reichenbach 91. 
Ries 51, 53. 
Rigel 42. 
Rochard 57. 
Rochlitz 91. 300. 
Rockel 286. 
Rolla 88. 

Romberg, A. 16. 81. 

Romberg, B. 91. 

Rosen, F., 236. 250. 256. 26?. 

Rosen, G, 250. 

Rosenhain 255. 

Rothschild 204. 

Rubini 277. 278. 282. 288. 293. 

Salieri Ii. '17, 2i t 84. 

Salmon 45. 

Sandrini 3$. 

Saphir 133. 

Sassaroli 35. 89. 130. 

Schall 213. 

Schelble 255. 

Schicht 32. 

Schindler 129. 141 — 144. 146. 152 — 

*55- 159- 161— 165. 167. 
Schleiermacher 253. 
Schleinitz 307. 
Schlesinger 42, 44. 309. 
Schmitt, Aloys 80. 
Schneider, Friedr. 92. 
Schneider, Maschinka 248. 
Schnyder v. Wartensee 255. 
Schrey 300. 
Schröder 212. 

Schröder-D evrient 242. 247. 248. 250. 

270. 
Schubert 37. 
Schulze 32. 

Schumann, Clara, s.: Wieck,- 
Schumann, Rob. 27. 299. 301. 
Schuppanzigh 18. 129. 
Schütz 198. 
Schwarz 24. 

Scott, Walter 185. 186. 198. 201. 
Sessi 31. 



319 

Seyfferth 91. 128. 
Seyfried 129. 
Siddons, Mrs. 69. 
Sinclair 193. 
Sivori 183. 

Smart, G. 69. 77. 281. 287. 
Sonntag, Henriette, 83. 131. 195. 

206. 211. 
Sonntag, Nina 270. 
Speier, W. 80. 
Spohr 16. 38. 39. 134. 
Spontini 132. 
Spurzheim 193. 
Stadler 129. 
Stanley 275, 
Steinxnüller 236. 
Stenzler 267. 
Stephens 282* 
Stepney, Lady 274. 
Stockhausen 176. 177. 200. 208. 228. 

239. 
Streicher 10. 

Strunz 42. 

Stumpff 119. 138. 145. 
Sudre 296. 
Taglioni 230. 
Talma 45. 

Tamburini 277. 278. 293. 

Taylor 286. 

Tebaldi 89. 

Thalberg 303. 

Tieck 128. 

Tomaschek 8. 26. 

Tutein 220. 

Valentin 41. 

Velluti 198. 

Vernet, Horace 45. 

Vertpr6 294, 

Vestris 120. 

Vieuxtemps 279. 

Vitzthum 36, 

Voss, J. 31. 

Vrugt, de 279. 

"Wallace 27$. 

Wallis, Graf 27. 



320 



Weber, C. M. v. 83. 88. 118.' 119. 

120. 122. 123. 124. 
"Weber, Dionys 7. 26.J88. 

Weitte 91. 

Wendt 90. 128. 301. 

Weyse 213. 219. 

, Wieck 33. 91. 254. 298. 299. 301. 

304. 
Wild 303. 



Willert 289. 
Wilson 56. 
Wolfram 128. 
Wranitzky-Seidler 91 

Young 69. 
Zadrakha 6. 
Zelter 32. 95. 
Zenner 36. 
Zuchelli 211. 282. 



Druck von Bär Ä Hermann in Leipzig 



1 I 



AUS 



MOSCHELES' LEBEN. 



NACH BRIEFEN UND TAGEBÜCHERN 



I 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



SEINER FRAU. 



ZWEITER BAND 




LEIPZIG 

VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT 

1873. 



Das Recht der Uebersetzung sowie alle andern Rechte vorbehalten, 

Die Verlagshandlung. 



SECHSTER ABSCHNITT. 

LONDON. 

1836— 1845. 



1836. 

Ein Brief von Moscheies am Anfang- dieses Jahres 
geschrieben, sagt: „Noch immer bleibt unser Felix (Men- 
delssohn) stumm; er hat den Schmerz um seinen Vater 
nicht überwunden, sonst würde er schreiben. Was man 
über ihn hört, ist eben auch nicht tröstlich. Er soll seinen 
besten Halt verloren haben, soll eine unbeschreibliche 
Leere fühlen und nicht arbeiten können; das muss anders 
werden. — Aber sein Schmerz ist mir nur zu erklärlich, 
wenn ich an die Tage zurückdenke, die ich im Herbst 
mit ihm in seinem elterlichen Hause verlebte. Der schwache, 
fast erblindete Greis hatte einen so regen Geist, ein so 
klares Urtheil, dass mir die Verehrung des Freundes für 
diesen Vater nicht nur begreiflich ward, nein, dass ich sie 
auch theilte . . . Wie hart sein plötzlicher Verlust auch 
die andern Familienglieder traf, beweisen die hier folgen- 
den Briefe. Der erste ist von der Gattin: 

Berlin, 12. Januar 1836. 

Bei dem schrecklichen, so ganz unerwarteten Schlage, 
der mich getroffen, wird es Ihrem theilnehmenden Herzen* 
geliebte Madame Moscheies, gewiss eine Besänftigung des 
Schmerzes sein, wenn ich Sie in Wahrheit versichere, dass 
die zwei Tage, die der vortreffliche Herr Moscheies im 
October mit uns zubrachte, zu den heitersten, erfreulich- 
sten gehörten, die Sein Lebensende verschönerten, ja dass 
der Nachgenuss noch Ihn eben so tief als angenehm be- 
rührte. Ueberhaupt schien sich noch Alles zu vereinigen, 
dass seine Wünsche befriedigt waren, und die Verhält- 

Moscbeles* Leben. II, I 



2 



nisse sich so gestalteten, wie Er sich's zu seinem Glück 
ausgedacht. Er hat dies Alles auch eingesehen, anerkannt, 
innerlichst empfunden ! Und wie edel und sanft wohl- 
thuend, liebenswürdig, vergeistigt, wurde sein Gemüth; 
täglich vollkommener , bedeutender , aufstrebender ! Mit 
welchen Bemerkungen begleitete er den Abend vor dem 
Scheiden noch die Vorlesung (die „profession de foi du 
vicaire savoyard" aus Rousseau's Emile). Wie freundlich, 
mild das heitere Beisammensein vor dem Schlafengehn — 
dem ewigen ! Ich hatte mir den Tod nie in dieser schmerz- 
los-ätherischen Gestalt möglich gedacht, darum konnte 
ich den Gedanken an das furchtbare Unabweisliche auch 
nicht fassen. Ohne Ahnung des Unglücks war ich schon 
unwiderbringlich verwaist und elend! 

Meine Kinder — alle — betragen sich wie die Engel, 
und ich wäre undankbar gegen das Schicksal , sähe ich 
nicht bei dem herbsten Schmerz ein, wieviel ich noch 
behalten. Felixens Art, den Schmerz zu tragen, hat mich 
anfangs sehr erschüttert und beängstigt. Unter uns Frauen 
fand er Thränen und Muth zum Weiterleben. Die Nähe, 
in der er jetzt wohnt, wirkt wohlthatig, er hat uns seit- - 
dem schon zweimal besucht Nehmen Sie, liebens- 
würdigste Frau, meinen wärmsten Dank für alles Gute, 
was Sie dem Verstorbenen in London erzeigten. Mit wah- 
rer Rührung und Erkenntlichkeit sprach er stets davon. 
Wenn zuletzt mitunter Stunden kamen, wo er seiner 
Augen wegen unbeschäftigt war, sagte er oft : „Ich habe 
•keine Langeweile, ich habe gar viel Schönes, Interessan- 
tes erlebt!" Dazu zählte er London ganz, besonders und 
Ihre Bekanntschaft stand obenan. Aber auch der Freund- 
lichkeit der vortrefflichen Freunde gedachte er mit Liebe 
und Erkenntlichkeit. Sagen Sie Allen, wie gerührt und 
dankbar ich bin. 

L. Mendels sohn-Bartholdy. 
Es folgt ein Brief von Mendelssohn 's ältester, ihm 
musikalisch ebenbürtiger Schwester Fanny Hensel an das 
Moscheles'sche Ehepaar. Ihr Dank, für die dem Vater 
in London geleistete Pflege ist eine Wiederholung des 



obigen, und des Vaters Anerkennung auch hier aufs 
Wärmste ausgesprochen; dann fahrt sie fort: 

„Erinnern Sie sich noch, lieber Herr Moscheies, wie 
Felix an einem der Abende, die Sie im Herbst bei uns 
zubrachten, das wunderschone Adagio in Fis-dur aus 
einem Haydn'schen Quartett spielte? Vater liebte Haydn 
vorzugsweise, jenes Stück war ihm neu und ergriff ihn 
ganz wunderbar. Er weinte, während er es hörte und 
sagte nachher, er fände 'es so unendlich traurig. Dieser 
Ausdruck fiel Felix sehr auf, weil mesto darüber stand 
und es doch uns Andern eher den Ausdruck der Heiter- 
keit gemacht hatte. Sein Urtheil über Musik war oft 
zum Erstaunen scharf und -richtig für Jemand, dem doch 
das Technische eigentlich fremd war* Sie, lieber Herr 
Mosch eles, schätzte er sehr hoch und hatte Sie herzlich 
lieb. Ueber Felix habe ich keine Sorge mehr, er hat sich 
sehr gesammelt und wenn auch ein tiefer Schmerz in ihm 
zurückgeblieben ist, so ist doch dies Gefühl sehr natür- 
lich und nicht in der peinlichen Art, wie sein Anblick in 
der ersten Zeit war, wo er uns Alle mit Sorge und dop- 
peltem Leid erfüllte. Die bessere Jahreszeit und das Reisen 
werden ihn hoffentlich in die Stimmung ganz 'zurückfuhren, 
die er suchen muss, wenn er fortfahren will, in Vaters 
Sinn zu leben, wie er es stets bei seinem Leben gethan. 
Es war ein Verhältniss zwischen den Beiden, wie man es 

wohl selten hier auf Erden findet Und nun wünsche 

ich Ihnen Beiden ein herzliches Lebewohl. 

Fanny Hensel. 

Wie nun auch die Gedanken und Gefühle bei den 
fernen, leidenden Freunden weilten, London und Mosche- 
ies' Stellung darin behaupten ihr Recht über ihn, er kann 
sich dem Strudel nicht entziehen. So giebt es stets neue 
theatralische Genüsse, über die das Tagebuch berichtet: 
„Braham hat das kleine Haus St. James Theatre ge- 
pachtet und mit seltnem Geschmack in Louis* XIV. Styl 
ausschmücken lassen. Die Truppe, mit Jenny Vertpr6 und 

anderen Grössen der französischen Bühne, ist ausgezeichnet 

i* 



und zieht die Aristokratie Londons an, wenn sie mit äus- 
serster Feinheit ihre in Paris berühmt gewordenen Dramen 
spielt." Später gab man auch französische Opern in die- 
sem Hause, in denen die liebliche Cinti und der berühmte 
Tenorist Nourrit glänzten, letzterer ganz besonders in der 
„reine de, 16 ans" und „la jeunesse de Charles II." Einmal 
musste auch Moscheies dort in einem Concert im Verein 
mit der Malibran und anderen Grössen auftreten. Das 
Concert, nach der Oper begonnen, zog sich bis Mitternacht 
hinaus. — Balfe producirt seine Erstlingsoper „the siege 
of Rochelle" mit grossem Beifall. „Die Musik ist leicht, 
wie das Wesen des Componisten, aber auch heiter und 
ansprechend wie er". Für .die Malibran schreibt er „the 
maid of Artois". Sie, im Englischen wie im Italienischen,, 
im Französischen wie im Spanischen zu Hause, war dies- 
mal als englische Primadonna im Drurylane-Theater en- 
gagirt. „Hatte Balfe ihr die unglaublichsten Passagen an 
Umfang und Schwierigkeiten zugemuthet, hatte sie selbst 
sie improvisirt? Ich weiss es nicht", steht im Tagebuch; 
„genug, sie zauberte sie aus ihrer Kehle hervor." — „Im 
Fidelio", heisst es später, „befriedigt sie mich weniger und 
ich ziehe unsere unübertroffene Schröder - De vrient darin 
vor. Die Leidenschaftlichkeit der Malibran steht im Wider- 
spruch zu dieser ausdauernden Gattenliebe und warum 
sie zwei Pistolen mit in den Kerker bringt, das weiss 
auch Niemand." 

Der verlängerte Aufenthalt der Malibran inJLondon 
brachte sie zuletzt in die intimsten Beziehungen zu dem 
Moscheles'schen Hause, das sie oft besuchte. 

Mit dem kühlen, um nicht zu sagen kalten de Be- 
riot verheirathet und gewöhnlich mit ihm zusammen 
gesehen und gehört , ,trat ihr sprudelndes Genie , ihre nie 

■ 

ermüdende Lebendigkeit, ihr heiterer Sinn mit seinen 
Possierlichkeiten, ganz besonders hervor; sie fesselte 
nicht wie andere grosse Sängerinnen durch ihre Kunst, 
wie andere geistreiche oder liebenswürdige Frauen durch 
ihr Wesen oder ihre Unterhaltung: nein, sie nahm alle 
Sinne auf Einmal, [dazu das Herz und den Verstand ge- 



fangen. War sie im Moscheles'schen Hause, so widmeten 
sich Alle ganz ihr. Die Kinder betrachteten sie ohne 
Scheu als zu ihrer Gesellschaft gehörend, denn Niemand 
wusste so reizend mit dem Puppenhause zu spielen als 
sie, und welcher andere Besuch hatte noch den gewissen, 
für die Kleinen so anziehenden schwarzseidenen Beutel 
wie Mme. Malibran ? Der Beutel enthielt aber nicht die 
gewöhnlichen Spiele oder Näschereien, die man Kindern 
mitzubringen pflegt, sondern einen Malkasten, Papier und 
Pinsel. Gleich beim Eintreten setzte sie sich mit den 
Kindern auf den Teppich nieder, wo sie Alles auskram- 
ten und besahen, dann wurde gemalt, und das Alles mit 
Lust und Liebe, ja mit Energie. Das Tagebuch sagt am 
12. Juni: „Sonntag begann ich meinen Tag, indem ich 
Goethe's „Meeresstille und glückliche Fahrt" für die Mali- 
bran als Lied componirte." 

„Um 3 Uhr kam sie selbst; auch Thalberg, Benedict 
und Klingemann. Wir assen früh, und gleich nach Tische 
setzte sich die Malibran an's Ciavier und sang „für die Kin- 
der", wie sie es nannte, den Rataplan und spanische Lieder 
ihres Vaters, wobei sie die fehlende Guitarrenbegleitung 
durch rhythmisches Klopfen an das vordere Ciavierbrett 
ersetzte; dann folgten viele französische und italienische 
Romanzen ihrer eigenen Composition — alle wunder- 
hübsch, alle mit Grazie], Lieblichkeit und Virtuosität vor- 
getragen. Thalberg löste sie ab , um allerlei Spässe am 
Ciavier zu machen, Wiener Lieder und Walzer mit obli- 
gaten Schnippchen, und dann kam ich mit meiner verdreh- 
ten Hand und meinen Faust Schlägen, wobei Niemand herz- 
licher lachte, als die Malibran. Um 5 Uhr fuhren wir in 
den Zoologischen Garten und drängten uns eine Stunde 
lang mit den fashionables , deren Sonntags-Promenade er 
ist. Als wir uns an Menschen und Thieren satt gesehen,, 
machten wir noch eine Runde im Park; kaum aber wie- 
der zu Hause angelangt, so sass die Malibran auch am 
Ciavier und sang eine Stunde lang. Dann endlich rief sie 
Thalberg und sagte : „venez jouer quelque chose, j'ai besoin 
de me reposer." Ihr repos aber bestand darin, dass sie 



eine allerliebste Landschaft aquarellirte , was sie nie ge- 
lernt hat. Thalberg spielte indess viele seiner Etüden, 
Bruchstücke eines soeben componirten Rondo's, dann meine 
Etüden, Allegri di Bravura, G-moll Concert, alles aus- 
wendig, mit der grössten Meisterschaft. Hierauf folgte 
eine Mahlzeit, aber selbst während dieser war sie es, 
die uns unterhielt. Sie gab uns treffend wahr Sir George 
Smart, die Sänger Knyvett, Braham, Phillips und Vaug- 
hah, Alle mit ihr in einer Soiree der Duchess of C, zuletzt 
die dicke Duchess selbst, wie sie herablassend mit ihren 
Künstlern spricht , und endlich Lady * * , die mit der zer- 
brochensten, nasalsten Stimme von der Welt „hörne, sweet 
home" singt. Mit einem Mal war die komische Ader ver- 
siegt, und nun sang sie mit echt deutscher Auffassung 
die Scene aus dem Freischütz mit deutschem Text, und 
eine Masse deutscher Lieder von Mendelssohn, Schubert,. 
Weber und meiner Wenigkeit. Zuletzt kam Don Juan an 
die Reihe; sie weiss nicht nur ihre Vocalpartie der Zer- 
line, sondern jede andere Partie der Oper und jede Note 
der ganzen Begleitung auswendig, und so spielte und 
sang sie fort bis u Uhr, immer bei Stimme, immer geistig 
und körperlich frisch. Als sie uns verlassen hatte, konn- 
ten wir nicht aufhören, uns für sie, ihre musikalische, 
sprachliche und malerische Begabung zu begeistern, am 
meisten aber wurde ihre Anspruchslosigkeit und Liebens- 
würdigkeit gerühmt. 

Ein andermal, als sie und de Beriot, auch am Sonn- 
tag ein „early dinner" mit Moscheies und den Kindern nah- 
men, „hatten wir grossen Spass. Es war die Rede von 
dem komischen Duett von Gnecco, das sie so oft und 
stets so bezaubernd mit Lablache sang. Mann und Frau 
verspotten einander darin und heben einer des andern 
Körperfehler hervor, und so sagt er einmal: „la tua bocca 
e fatto aposta pel servizio della posta" (dein Mund ist 
gross und breit, er könnte als Briefkasten dienen). „Grade 
wie mein Mund", behauptete die Malibran, „breitgeschlitzt; 
und jetzt will ich diese ganze Orange hinein stecken, um 
es zu beweisen." Wer de Beriot kennt, mag sich sein 



Entsetzen in Gestalt und Wort denken als sie, ihre schö- 
nen Zahnreihen zeigend, den Mund weit öffnete, auch 
wirklich in ihrem Uebermuth die nicht kleine Orange 
hineinsteckte, und sich hinterher vor Lachen ausschüt- 
tete." — 

Moscheies componirte ihr ein Lied von Klingemann: 
„Steigt der Mond auf", und stets musste er ihr vorspielen. 
Sie wusste mehrere seiner Etüden auswendig, und erzählte, 
wie ihr Vater sie dieselben habe üben lassen. 

Ueber eine Soiree bei Moscheies berichtet ein Brief 
von ihm, wie folgt : „Die Malibran erschien mit de Beriot 
um ii Uhr , nachdem unsere 80 Gäste schon einigen eng- 
lischen Gesang, Solo's von Lipinsky und Servais und 
mein Concerto fantastique verschluckt hatten. Man sah ihr 
die Ermüdung an, und erkannte ihren Gesang kaum wie- 
der, so stimmlos schien sie. Später erst erfuhr man, dass 
sie wenige Stunden zuvor bei einem Spazierritt im Park 
mit dem Pferde gestürzt sei, dass sie zwar unverletzt ge- 
blieben, aber die heftige Erschütterung noch nicht über- 
wunden habe. Dennoch ward sie bald wieder ganz sie 
selbst, sang die Freischütz-Scene deutsch, ein komisches 
Duett mit JohnParry englisch, dann spanische, italienische 
und französische Lieder und endlich trugen sie und De 
Beriot uns die „Cadence du Diable" vor, in welcher sie mit 
den Worten: „voyez comme le diable prelude" seine 
übermüthigen, oft haarsträubenden Violin-Passagen bevor- 
wortet. Das Stück heist eigentlich „le songe de Tartini," 
und da es vorgiebt, der Meister habe im Traum den 
Teufel gesehen und dieser ihm die ganze Musik vorge- 
spielt, so hatte es Raum für jegliche Excentricität. Als 
meine Frau sie theilnehmend fragte, ob sie sich nicht zu 
sehr anstrenge, sagte sie: „Ma chere je chanterais pour vous 
jusqu'ä extinction de voix." Ihre Seligkeit beim Anhören 
eines Duetts von Benedict und de Beriot componirt und 
gespielt, war interessant zu beobachten, und mir fielen 
Stellen in der Composition auf, die vielleicht von ihr her- 
rührten. Zum Schluss musste ich noch improvisiren , und 
damit auch das komische Element gehörig vertreten werde, 



amüsirte uns der junge John Parry durch seine geniale 
Imitation der Wolfsschluchtscene aus dem Freischütz. Ein 
aufgerolltes Notenblatt, zwischen seinem Munde und dem 
Clavierpult eingeklemmt, brachte die tiefsten Horn- oder 
Posaunen-Töne hervor, mit den Händen bearbeitete er die 
Tasten, mit den Füssen ein Theebrett; so gab es eine 
wilde Jagd. Thalberg konnte eines schlimmen Fingers 
wegen nicht spielen ; doch blieben er und de Beriot noch 
bis 3 Uhr bei uns und wir commentirten mit ihnen sehr 
lustig die ganze, schon eine Stunde früher heimgekehrte 
Gesellschaft." — Am 11. Mai wird Moscheies von dem 
Künstlerpaar de Beriot in seinem Concert in der italieni- 
schen Oper unterstützt. „Zum Ueberfluss", sagte er, „hatte 
ich neben dem grossen Stern Malibran noch Lablache, 
die Grisi und Clara Novello, und spielte ein Bach'sches 
nie gehörtes, und mein neues C - moll - Concert. Es war 
ein brillanter Erfolg für Alle und Alles." „Nach einer 
Aufführung der „Maid of Artois" , in der die Malibran 
wieder Wunder geleistet", sagt Moscheies, „suchten wir 
sie noch in ihrem Toilette - Zimmer auf. Sie sass da, um- 
geben von Kränzen, einen ungeheuren Blumenstrauss in 
der Hand, sprach und lachte mit uns, und sagte endlich 
zu mir : „Si vous vouliez nie debarrasser de cette machine, 
c'est cet abominable Duc de Brunswick, qui Vient de me 
rapporter", und somit warf sie mir ein colossales Bouquet 
zu, welches ich auffing. Was mag aber nun der abomi- 
nable Herzog gedacht haben, als er mich einige Minuten 
später mit seinem Böuquet in meinen Wagen steigen 
sah? — Denn dies ereignete sich am Eingang des Drury- 
lane-Theaters." — Die gefeierte Sängerin musste täglich 
ja fast stündlich ihre Kräfte anspannen, denn es gab, 
ausser dem wöchentlich dreimaligen Auftreten in der Oper, 
noch unzählige Engagements in Morgen- und Abend - 
Concerten, fashionablen breakfasts, fetes champ£tres und 
Privatsoireen , deren oft drei an einem Abend statt- 
fanden. 

„Am 16, Juli, vor ihrer Abreise", schreibt Moscheies, 
„brachten wir verabredeter Massen noch ein Stündchen bei 



ihr zu; sie war am Ciavier, Costa neben ihr; sie. sang uns ein 
komisches Lied vor, das sie eben componirt hatte. „Ein le- 
benssatter Kranker ruft den Tod herbei; als er aber in Per- 
son eines Arztes bei ihm anklopft, weist er ihn schnöde ab." 
Diesen Text hatte sie so genial componirt und sang ihn 
mit solchem Humor, dass wir unser Lachen kaum be- 
meistern konnten, und doch wollten wir keine Note ver- 
lieren. Dann schrieb sie eine reizende französische Romanze 
in mein Album, sang uns auch diese und schenkte meiner 
Frau eine ebenfalls von ihr componirte und aquarellirte 
Landschaft. Endlich schieden wir. Sie gingen damals auf 
einige Tage nach Brüssel, dann zum Musikfest nach Man- 
chester, wo sie noch am 20. September so hinreissend 
schön sang, dass das Publicum stürmisch eine Wieder- 
holung verlangte. Sie, schon zum Tode matt, uud in einer 
Lage, in der sie der Ruhe und Schonung bedurft hätte, 
spannte ihre letzten Kräfte an, wiederholte, machte noch 
einen unnachahmlichen Triller auf dem dreigestrichenen C, 
und sank bewusstlos zusammen. In ihr Hotel getragen, 
ward ihr zur Ader gelassen und sie erwachte scheinbar 
zum Leben , doch nur um am 23. September auf ewig 
daraus zu scheiden. Moscheies schreibt: „Es ist unnütz, bei 
einem Verlust, der die grosse musikalische Welt durch- 
zuckt, und der kleinen Welt ihrer Freunde die herbste 
Entbehrung auferlegt, einige ungenügende Schmerzens- 
worte auszustossen. Ich fühlte mich gedrungen, mein Wehe 
in Töne zu kleiden, indem ich eine Fantasie über ihren 
Tod componirte." 

Thalberg, der im Jahr 1826 als Schüler von Mosche- 
les geschieden war, erschien jetzt als Meister. „Ich finde 
es originell", schreibt Moscheies, „dass er HarfenefFecte 
aufs Ciavier überträgt. Ein Thema liegt in der Mittel- 
stimme, er hebt es klar hervor und begleitet es mit com- 
plicirten Arpeggien; diese eben sind es, die mich an eine 
Harfe erinnern. Das Publicum ist erstaunt, er selbst un- 
erschütterlich ruhig; die Lippen fest geschlossen, den 
Rock militärisch zugeknöpft, sitzt er mit militärischer 
Haltung da; er erlernte diese, wie er mir sagt, indem er 



— IO — 

bei seinen Ciavierstudien eine türkische Pfeife rauchte, 
deren Längenmass ihm das Aufrechtsitzen als Nothwen- 
digkeit auferlegte?" 
Ein Brief sagt: 

„Am 2. Mai Abends um 10 Uhr klopfte es an unsere 
Hausthür. Ole Bull, der norwegische Violinspieler trat 
ein; — sein erster Besuch bei uns. In weniger als fünf 
Minuten hatte er schon - den ganzen Vulcan seiner Leb- 
haftigkeit und Excentricität , seine hohe Meinung von 
sich selbst hervorgesprudelt und uns durch seine Kraft- 
ausdrücke erstaunen gemacht. Ob da das echte Künst- 
lerfeuer lodert? Seine Lebensbeschreibung (im Druck er- 
schienen) ist so abenteuerlich, dass sie Paganini zum 
Alltagsmenschen macht; sollte sein Violinspiel das auch 
vermögen, fragten wir uns, als er fort war? In seinem 
Concert erregte sein Spiel Aufsehen, sein Wesen auch. 
Ich möchte den Namen Spohr nicht in Verbindung mit 
ihm nennen, auch andere nicht, die weniger Technik 
haben als er, denn sie werden als tüchtige Musiker da- 
stehn, während der tobende Norweger überwunden in deir 
Kunst -Arena daliegt." „Ich muss hinzufügen", schreibt 
die Frau, „dass Ole Bull kurz vor der Ankündigung 
seines Concerts in unsre 1 j 2 8- Uhr -Suppe fiel, als Mo- 
scheies von einem mühsamen Lectionentag heimgekehrt 
war. Ich kann nicht sagen, dass er uns willkommen gewe- 
sen wäre — seine Bitte , Moscheies solle für ihn spielen, 
. noch weniger, Moscheies suchte abzulehnen , hielt das 
Qualen lange aus, ohne nachzugeben und gab doch endlich 
nach. Solche Angelegenheiten sind zeitraubend." „Heute", 
schreibt sie ein andermal, „will ich Euch einige Contraste 
aufzählen, denen wir hier unterthan sind. Wir haben 
eine kleine Soiree, besonders für Lockharts; dazu kommt 
unerwartet der geschätzte Freund und College meines 
Mannes, der berühmte Schnyder v. Wartensee; es kommt 
aber auch der polnische Jude Sanklow im Kaftan, nicht 
angenehm parfümirt , bringt seine Strohfiedel und kann 
es kaum erwarten, dass Moscheies, Lipinsky und Ser- 
vais des Ersteren Trio ausgespielt haben, um uns seine 



4 



Stroh- und Holztrjllerchen und Passagen hören zu lassen,, 
erreicht dabei aber nicht seinen Landsmann Gusikow, den 
Aeltervater des ärmlichen Instruments. — Und wie gefällt 
Euch erst die grossartige Aufführung des Händel'schen 
Oratoriums Salomon in Exeter-HaU und gleich hinterher 
die Tanzmusik eines Ballsaals, auf dem wir uns aber trotz 
des fatalen Contrastes mussten ein Stündchen sehen lassen, 
um nicht unartig zu erscheinen. In London ist ein Fest,, 
sei es Ball oder Soiree, nur dann gelungen, wenn das 
Local überfüllt ist; man muss sich drängen, muss im Ge- 
dränge auf Menschen stossen, who have a handle to their 
name (die einen Namen haben), sei es ein Titel, den Ge- 
burt oder Rang giebt, sei es die Berühmtheit eines Staats- 
mannes, Redners oder Künstlers — they had every 
body (sie hatten Jedermann) heisst es dann und so sollte 
es sein. Schönheiten giebt es immer, denn dies ist wohl 
das Land der schönen Frauen. Aber hört nur weiter* 
Unsere Freunde H/s, wie Ihr wisst, sehr mit Indien ver- 
knüpft, bringen uns neulich Abend His Excellency Prince 
Jam-hod-deen, den rothlichen Sohn von Tippo-Saib, wahr- 
scheinlich, damit auch wir every body hätten. Wir woll- 
ten aber an diesem Abend nur einige auserlesene Zuhörer 
bei uns sehen, um die Kreutzer-Sonate mit Lipinsky und 
das Bach'sche Concert mit Quartett - Begleitung zu ge- 
messen. Wie mag der Rothhäutige sich da als Contrast 
nach seinem Tamtam gesehnt haben? 

Die angenehmsten Soireen sind uns die der Lady * *. 
Sie, Moscheles' eifrige Schülerin und Verehrerin, engagirt 
sämmtliche Italiener um theures Geld und füllt ihre drei 
prachtvollen Salons with the rank, fashion and beauty of 
the day. Auch wir werden oft geladen, aber mit dem Be- 
deuten, dass es nicht auf das Spielen meines Mannes ab- 
gesehen sei. 

H. Herz brachte einen siebenöctavigen Flügel auf den 
Concertmarkt , erntete atJer keinen besondern Beifall mit 
seinem dünnen Ton ein. Broadwood hingegen machte zu- 
erst den Versuch seiner Bichorda-Stutzflügel, und bewies* 
dass man auch mit so einem zwei saitigen Instrument einen 



— 12 — 

kräftigen Ton erzielen kann. Sie kamen bald und mit 
grossem Recht in Aufnahme und Moscheies spielte stets 
mit Lust darauf. — Ein Cref eider, Herr Scheibler, wollte 
vermittelst* verschiedener Stimmgabeln und Berechnung" 
von Vibrationen Claviere leicht und sicher stimmen kön- 
nen, die Sache klang scharfsinnig, bewährte sich aber 
nicht als praktisch. — Von Ramsgate an der Ostküste 
Englands schreibt Moscheies entzückt, wie er den Lec- 
tionenstaub von seinen Fingerspitzen schüttelt und fügt 
hinzu: 

„Fragt mich aber meine Frau, wie es kommt, dass 
ich die grosse Ruhe nicht zum Componiren gebrauche, so 
kann ich nur sagen, mein Gewissen erlaubt es mir nicht. 
Geist und Finger sind nach so einem Londoner Treibjagen 
gelähmt und der erstere kann nur durch die letzteren 
geheilt werden, d. h. ich muss viel gute und die beste 
Musik spielen, ehe ich mir erlaube, eigene Gedanken zu 
bekommen oder gar aufzuschreiben, sonst dürfte es nur 
seichtes abgedroschenes Zeug werden. Nimmt doch der 
erschöpfte Körper nach überstandener Krankheit erst 
stärkende Medizin, ehe er wieder in seinen Beruf eintritt." 
Doch schreibt er zu Ende dieses See - Aufenthalts einen 
Greek war-song für Phillips, der auf dessen Einsendung 
«rwiedert: „I shall sing it at the Philharmonie and every- 
where eise and will ans wer for its success.* Auch den 
schönen Text von Uhland „Schäfers Sonntagslied" com- 
ponirt er und nennt in einem Brief das Leben in dieser 
Ferienzeit ein „himmlisches". 

Kaum nach London heimgekehrt, überrascht sie die 
freudige Nachricht von Mendelssohn's Verlobung. 

Vier Jahre zuvor, am 3. September 1832 hatte er noch 
-der Frau geschrieben : „Klingemann bleibt ein Ritter vom 
Junggesellenorden und das bleibe ich mit ihm, und wir 
beide werden uns einmal in 30 Jahren gern verheirathen 
wollen, dann mag uns aber kein Mädchen mehr. Diese 
Prophezeiung schneiden Sie aus dem Brief, wenn Sie ihn 
verbrennen und heben Sie sie sorgfältig auf; in 30 Jahren 
wird sich's zeigen, ob sie glaubwürdig war". Am 6. Oc- 



tober bekommt die Frau den folgenden, ganz anders 
lautenden Brief seiner Mutter. 

Berlin, 6. October 1836. 
Die gewisse Fama, die jetzt eben so viel schneller 
als andere Leute, auf Eisenbahn und Dampfschiffen reist, 
hat Ihnen zwar Felixens Verlobung wahrscheinlich bereits 
verkündet, liebste Madame Moscheies! Ich kann mir aber 
dennoch das Vergnügen nicht versagen, Ihnen und Ihrem 
Gemahl, seinem vortrefflichen Freunde, diese für uns so fröh- 
liche Botschaft ganz eigentlich mitzutheilen. Sie, eine zärt- 
liche Mutter, können sich vorstellen, wie wunderlich mir 
zu Muthe ist, weder seine Braut noch irgend Jemand von 
ihrer zahlreichen Familie zu kennen, ja früher nicht ein- 
mal den Namen derselben gehört zu haben. Auch werde 
ich zur Strafe der, für mein Alter viel zu grossen Leb- 
haftigkeit, noch lange warten müssen, ehe ich die mir 
schon so werthe Unbekannte sehen kann. Aber Sie wis- 
sen auch, wie uneigennützig die Empfindungen einer Mut- 
ter sind und so werden Sie einen richtigen Massstab von 
unser aller Freude haben, da Felix selbst so überaus glück- 
lich scheint. Die einzige, aber auch gar zu herbe Bitter- 
keit liegt in dem stets sich mir erneuernden, nicht abzu- 
weisenden Gedanken: wenn sein lieber Vater diese Be- 
friedigung erlebt hatte! Er wünschte es sehnlich und 
hoffte es nie. — Freilich war dieser Unglücksfall auch 
vielleicht die dringendste Veranlassung zu seinem Ent- 
schluss. Wir sahen Felix bei seinem Aufenthalt hier am 
letzten Weihnachten so unaussprechlich traurig, so inner- 
lichst zerrissen, so still und darum nur tiefer betrübt, selbst 
in seinen Vorsätzen für die Kunst so gehemmt und dea 
Zwecks entbehrend, dass seine Schwestern besonders ihm 
zuredeten, er müsse ein neues Leben für das Gemüth be- 
ginnen. 

Die Bekanntschaft eines Mädchens Jin Frankfurt riss 
ihn bald aus seiner trüben Stimmung und nun ist er der 
glückliche Verlobte seiner Cecile; die Mutter Mme. Jean- 
renaud, deren Eltern Souchäys, verwandt mit Beneke's,, 



i 



Schunck's Der Tod der Malibran hat mich unge- 
mein erschreckt und betrübt; Felix zählte stets ihr Talent 
unter die grössten unserer Zeit. Schade, sehr schade! Sie 
können denken, dass der mütterliche Egoismus mit im Spiel 
ist, da sie am 3. in Liverpool im Paulus mitsingen sollte. . . . 
Möchten Sie. Ihr lieber Mann und die Londoner Freunde 

* 

es entschuldigen, wenn er Ihnen vielleicht lange nicht 
schrieb; auch ich muss, wie erklärlich, jetzt seine Briefe 
missen, Rebekka, die eben jetzt auf ihrer Rückreise von . 
Eger 14 Tage beim Bruder weilt, schreibt mir zu sei- 
ner Rechtfertigung, ein Taubenschlag sei eine Wochen- 
stube dagegen, wie es bei ihm zugehe. Bitte, verzeihen 
Sie ihm und häufen Sie Grossmuth auf Grossmuth, in- 
dem Sie in seinem und meinem Namen den Londoner 
Freunden seine Verlobung anzeigen. 

Ewig unverändert Ihre Ihnen treu ergebene 

L. Mendelssohn-Bartholdy. 

■k 

4 

Die Freude der Freunde bei diesem Ereigniss war 
selbstverständlich, denn man erfuhr bald, dass er in C£- 
cilie Jeanrenaud ein reiches Gemüth, dem seinigen eben* 
bürtig gefunden hatte, das ihn so verstand und ihn so 
zu schätzen wusste, wie er es verdiente. Auch einen gros- 
sen musikalischen Triumph sollte England ihm , wenn 
gleich in seiner Abwesenheit, feiern helfen. Sein Paulus 
ward zum ersten Mal in Liverpool .gegeben und mit dem 
grössten Enthusiasmus aufgenommen. Moscheies, der die 
Correctur des Werkes für England übernommen hatte, 
schreibt in sein Tagebuch: „Zu meiner Freude habe ich 
den herrlichen Paulus jetzt viel unter Händen und kann 
mich oft darin vertiefen. Seine Haupt-Eigenschaften sind 
für mich: Erhabenheit, edle Einfachheit, tiefes Gemüth 
und antike Form. Er hat darin seine schon anerkannte 
Meisterschaft auf das Glänzendste bewährt." 

Moscheies hatte in der Herbstruhe begonnen, an sei- 
nen characteristischen Etüden zu arbeiten; auch einigen 
musikalischen Zeitschriften die erbetenen Beilagen zu sen- 
den. Der song „Whatever sweets we hope to find", das 



t 



t 

. — I 5 — 

Terzett „An argument" u. A. gehören zu diesen. „Die Finger- 
Gymnastik", schreibt er ins Tagebuch., „findet in Thal- 
bergs neuen Sachen, die ich sämratlich durchspiele, ihren 
richtigen Boden; für den Geist habe ich Schumann. Der 
Romantismus tritt mir so neu bei ihm entgegen, seine Ge- 
nialität ist so gross, dass ich mich immer mehr in seine 
Sachen versenken muss, um mit gerechter Waage die 
Eigenschaften und Schwächen dieser neuen Schule abzu- 
wägen; dabei schickt er mir seine eben publicirte Sonate 
Florestan und Eusebius mit der schmeichelhaften Aeusse- 
rung, nur ich könne sie gehörig recensiren, ich möge es 
doch für die neue Zeitschrift der Musik in Leipzig thun." 

Es geschah mit Ernst und Gewissenhaftigkeit und 
Schumann nahm die Recension in seine ,Gesammelten 
Schriften" auf; auch dedicirte er Moscheies sein „Concert 
ohne Orchester", was nun auch tüchtig studirt wurde. An 
dem Titel fand er auszusetzen; es lag für ihn ein Wider- 
spruch darin, auch war er mit der immer mehr zunehmenden 
Mode, „die musikalischen Bezeichnungen wie piano, forte etc. 
ins Deutsche zu übersetzen, nicht einverstanden, weil man 
es nicht durchführen könne" und jedesmal, wenn er deutsche 
und italienische Anweisungen in ein und demselben Stück 
fand, hatte er das . zu rügen. 

Die seit vier Jahren aufgeschobene Abrechnung mit 
dem Hause Cramer & Co. zeigte auf verdriessliche Weise, 
dass man zwar für die unbedeutenden Opern - Arrange- 
ments 30 Guineen, . für Septett und Concerte hingegen all- 
zuwenig zahlen wollte, ja, dass die mühevolle und gewis- 
senhafte Edition Beethoven'scher Ciaviersachen nicht ein- 
mal den Ersatz für die darauf verwendete Zeit bot. Nach 
manchen unangenehmen Verhandlungen kam es endlich 
zum Vergleich. Moscheies, wollte er seinen Preis für die 
grösseren Sachen haben, worauf er bestand, musste ausser ■ 
dem schon gemachten Arrangement über Balfe's Opern, 
noch eins über Belisario liefern. Darüber seufzt das Tage- 
buch. Die Hauptarbeit aber blieb die an den 12 grossen 
characteristischen Etüden. „Sie sollen nicht für Schüler 
werden", schreibt er, „es sind Schwierigkeiten darin, die 



— 16 — * 

nur ein Meister bewältigen kann. Thalberg, Liszt, Alle 
werden daran zu thun haben*" Juno, der Traum, das Bac- 
chanale waren beendet, als das liebliche Kinder-Märchen 
entstand, — ein Vorbote des kommenden Ereignisses — 
der Geburt eines dritten Töchterchens, welche kurz dar- 
auf unter glücklichen Auspizien erfolgte. 



1837. 

Man hatte im verflossenen Winter viel Streichquartett- 
Abende genossen, die sich in diesem Jahre wiederholten; 
aber Soireen für Ciaviermusik gab es bis dahin nicht, und 
diese führte Moscheies eben jetzt ein. Viele seiner Colle- 
gen wollten das Unternehmen ein Wagniss nennen, doch 
Hess er sich nicht beirren, gebrauchte aber die Vorsicht, 
ein wenig Vocalmusik mit in diese Vorträge zu verflech- 
ten, um der Monotonie, vor der man ihn warnte, abzuhel- 
fen; schliesslich ging es ihm damit, wie dem Pächter in 
der Fabel, dem Einige rathen, selbst zu reiten, während 
Andere meinen, er solle seinen Sohn aufsitzen lassen. Die 
Presse, welche sich über die Errungenschaft dieser Ciavier- 
Soireen lobend ergoss, rügte die Einführung von Vocal- 
musik: „Sie sei störend und das einzig Mangelhafte in 
diesen übrigens vollkommenen Abenden". Er spielte in 
den drei rasch aufeinander folgenden Soireen einige Stücke 
von Scarlatti und seinen Zeitgenossen auf einem im Jahre 
1771 erbauten Harpsichord, das sich noch bei Broadwood 
vorfand* Das Instrument hatte äusserlich die Form eines 
alten "Wiener Flügels; hob man beim Spielen seinen 
ganzen Deckel, so sah man, wie sich durch die Berührung 
des Pedals eine Art Lattenwerk öffnete (ähnlich einer 
Jalousie), wodurch der dünne nicht angenehme Ton mehr 
Fülle und Rundung, d. h. stärkere Dämpfung bekam; ein 
Effect, den Möscheles ernstlich studirte und mit Glück 
zur Geltung brachte. Die zwei Claviaturen des Instru- 
ments waren unstreitig dazu da, jene Stellen in Scarlatti 
und anderen Meistern, die auf den modernen Flügeln durch 



I 

— 17 — 

Ueberschlagen der Hände hervorgebracht werden, ab- 
wechselnd auf der oberen und unteren Tastatur zu spie- 
len und gewisse Nuancen in der Klangfarbe hervorzu- 
bringen, da die eine zweifach, die andere dreifach besaitet 
war. Auch S. Bach's D-moll- Concert mit Quartettbeglei- 
tung Hess er zum erstenmal hören. Alles stimmte darin 
überein, dass der echte Musiksinn durch die Bekannt- 

m 

schaft mit solchen Meistern nur gefördert werden könne, 
die Blätter sprachen die Hoffnung aus, dass die „crowded 
rooms" dieser drei Soireen Moscheies veranlassen würden, 
sie im nächsten Winter zu wiederholen, und noch andere, 
ältere Componisten mit in seine Programme aufzunehmen. 

Eine Novität englischerseits waren die British Con- 
certs, und ihre Basis eine richtige. Die fashionable 
Welt zeigte nämlich so viel mehr Sinn für die leichte, 
oft seichte italienische Musik , dass das junge eingeborne 
Talent sich beeinträchtigt fühlte, und dem wälschen Tän- 
deln das Gegengewicht zu halten glaubte, wenn in einer 
Reihenfolge von Aufführungen mir die englischen Künst- 
ler des Tages und ihre Compositionen zu Gehör kämen. 
„Die Exclusivität ist immer der Kunst-Entwickelung hin- 
derlich", sagt das Tagebuch, „hier stiess sie noch dazu 
oft auf Mittelmässigkeit in der Aufführung, und Mangel 
an Originalität in der Composition, und so blieb die fash- 
ionable Welt ihren Italienern treu und nur das Klein- 
bürgerthum ergötzte sich an seinem „native talent". Der 
Stolz, mit dem man diesem zuhorchte, bekam gerechte 
Nahrung, als Litolff mit seinem ersten Concert eigener 
Composition auftrat. „Hier ist doch Originalität", sagt 
Moscheies, „wenn auch wenig abgeklärte, und das Spiel 
zeigt Virtuosität; der Beifallssturm und Enthusiasmus 
waren diesmal gerechtfertigt. 1 * 

Das Tagebuch, so wie Briefe aus diesem Winter zei- 
gen, wie eifrig Moscheies als Mitdirector der Philharmo- 
nischen Concerte bemüht war, Beethovens 9. Symphonie, 
die im Jahre 1824 unmöglich erklärt und durchgefallen 
war, zu einer Aufführung zu bringen. Wie gross auch 
die Hindernisse waren, auf die er bei seinen Collegen 

Moscheies' Leben. IL 2 



1 ■ 

I 



— 18 — 

stiess, es kam doch endlich zu dem Beschluss, „ih:n die 
Leitung des Wagnisses" zu übertragen; an ein Ge- 
lingen dachte Niemand. Nun begannen mühevolle Wochen 
für ihn.J Statt der einen Orchesterp r °be wurden ihm zwei 
bewilligt; das war aber auch Alles, und so ergriff er das 
Mittel, jede Einzelheit mit jedem Einzelnen zu probiren-. 
Sänger und Instrumentalisten, jeder wusste seinen Part, 
jeder hatte durch Moscheies ' Begleitung und seine Erklä- 
rung schon einige Kenntniss des Riesenwerks, als es zur 
ersten Orchesterprobe kam; die zweite benutzte er, um 
einige Nuancen und Feinheiten zu erzielen und fehlte auch 
noch viel, waren die Solosänger der Aufgabe auch nicht 
vollkommen gewachsen, es wurde doch ein glänzender Er- 

■ 

folg hervorgebracht. Moscheies schreibt den Verwandten 
entzückt. darüber und sagt: „Ihr könnt Euch meine Auf- 
regung vor und während des Concerts am 17. April den- 
ken — von der Arbeit spreche ich nicht — denn seht 
nur in dem beiliegenden Artikel aus dem „Atlas", wie sie 
mir gelohnt ist. Ich schicke Euch gerade diesen , weil er 
kurz und concis geschrieben, die Hauptsachen berührt; 
wer der Kritiker ist, weiss ich nicht; übrigens sind alle 
Blätter gebührend entzückt von diesem Riesenwerk und 
verlangen einsstimmig, es möge auf dem Repertoire blei- 
ben, solle aber auch in grösseren Localen wie Exeter- 
Hall oder in Birmingham beim Musikfest gegeben wer- 
den. Genug, das reiche England hat sich um einen Schatz 
bereichert und wie froh bin ich, dass ich ihn ausgraben 
durfte." Das Prägnanteste in dem eingesandten Artikel, 
der vor uns liegt, ist wohl die Bemerkung, wie Directoren, 
die selbst ein Werk nicht gründlich verstehen, es unmög- 
lich zur Geltung bringen können und wie Ausführende, 
wenn sie nicht genügend von seinen Schönheiten durch- 
drungen sind , dem Hörer eine unüberwindliche Lange- 
weile aufbürden. Die Aufzählung von Moscheles* Fähig- 
keiten und Bemühungen reiht sich selbstverständlich als 
Contrast hier an, und Sänger wie Instrumentalisten gehen 
auch nicht beifallsleer aus. 

Thalberg feierte in dieser zweiten Londoner Saison 



wieder die grössten Erfolge, seine God-save-Fantasie_ war 
zugleich eine politisch anregende Demonstration, da sie in 
King William IV. letzte Krankheitstage fiel. 

In Moscheles' eigenem Concert am 30. Mai spielte 
Thalberg mit .ihm und Benedict das Bach'sche Triple- 
Concert mit stürmischem Beifall, weniger gefiel diesem 
grösseren Publicum die Scarlatti'sche Katzenfuge auf dem 
Harpsichord von Moscheies vorgetragen, während die 
characteristischen Etüden und das Concert pathetique, bei- 
des Novitäten, sehr anerkannt wurden. 

i 

In einem Brief von Moscheies an die Verwandten 
heisst es : „Ihr denkt wohl , ich wäre nach dem Concert 
ermüdet gewesen: aber wie konnte ich? Es erwartete 
mich beim Nachhausekommen die schönste Aufführung 
zu Ehren meines Geburtstages; nicht weniger und nicht 
mehr als „der Abt und Kaiser" dramatisirt, worin Felix* 
hoch zu Ross, nein, zu Schaukelpferd, als Kaiser erschien. 
Alles Uebrige analog und für den Vater unübertrefflich." 
Ein Brief der Frau aus diesem Monat Mai sagt: - 
„Wirklich, die Frau Musica ist mehr als je die Schutz- 
patronin des Hauses und Ihr werdet es glauben, wenn 
Ihr hört, was sich Alles darin zuträgt. Czerny aus Wien, 
Jacques Rosenhain, die Gebrüder Ganz und Franchomme, 
Mühlenfeld aus Rotterdam, Gerke aus Petersburg, der 
Concertmeister Moser aus Berlin mit seiner Frau und sei- 
nem talentvollen Sohn, Alle sind uns liebe Gäste', die die 
Fremde uns zuführt. Thalberg und Benedict gesellen sich 
■oft als Hausfreunde dazu. Alle wollen mit Moscheies 
Musik austauschen, d. h. die Clavierspieler ihre 
neuen Sachen produciren, die seinigen hören und die In- 
strumentalisten sich ihre Solo's accompagniren lassen, oder 
sich mit ihm in Sonaten und Trio 's ergehn. Dabei hat 
Ries eine neue Partitur , Saul und David, ein Oratorium ; 
Neukomm das Unglaubliche an weltlicher und geistlicher 
Musik; das Alles liest Moscheies mit ihnen am Ciavier 
4urch, und sagt mir oft: „Gottlob, dass ich so gute Augen 
habe; denn Neukomm's feingeschriebene kleine Partituren 
sind wahres Augenpulver, und der Musik kann ich kein 



Zukunftsleben prophezeien," Unsern besten Hahn im Korbe* 
Felix Mendelssohn, müssen wir leider in diesem Jahr 
wieder entbehren. Wir haben statt seiner wenigstens ein, 
3. Heft Lieder ohne Worte und ein neues Liederheft,. 
Fräulein Julie Jeanrenaud gewidmet, und ergötzen uns an 
Beidem, Denkt Euch, mit * * hatte ich neulich einen or- 
dentlichen Strauss und ich kann sagen, aus Achtung vor 
seinem Künstlerthum. Er und die Seinigen sprechen näm- 
lich kein Wort englisch und da der Sohn Concert geben 
sollte, so hatte ich mich als Uebersetzer der Ankündigun- 
gen, Zettel etc. erboten. Bringt mir aber der gute Con- 
certmeister einen deutschen Aufsatz, der mehr an ein Cafe 
chantant, als einen * * erinnert und ich weigere mich,, 
ihn treu zu übersetzen, indem ich alle lobenden, auf den 
zehnjährigen Sohn bezüglichen Epitheta weglassen will. 
"Es dauerte lange, bis er einwilligte; aber ich musste sei- 
ner Stellung zu Liebe fest bleiben. Nun muss ich Euch 
aber einen Hauptspass erzählen. Neulich Abend, als das 
halbe Dutzend Ciavierspieler bei uns war und wir einige 
Gäste hatten, entstand eine fatale Pause; Niemand wollte 
zuerst spielen und jeder Aufgeforderte behauptete, der 
oder jener müsse anfangen. Nun hätte freilich mein Mann 
durch sein eigenes Spiel die Zeit ausfüllen können, doch 
galt es ja, die fremden Künstler und einheimischen Kunst- 
freunde miteinander bekannt zu machen. Was war also- 
zu thun? In meiner Verlegenheit schlug ich vor, diesämmt- 
lichen Namen der Herren auf Zettel zu schreiben und in 
einen Hut zu werfen, wenn sie versprechen wollten, je 
nachdem sie herausgezogen würden, zu spielen. Das fand 
Beifall, und so hatten wir einen wahren „ Assault de Piano." 
Gut, dass wir durch die schöne Altstimme von Mrs. Shaw 
und Miss Masson, sowie durch Balfe's Tenor auch einige 
Vocalmusik produciren konnten." 

„Chopin, der kurze Tage in London zubrachte, war der 
Einzige unter den fremden Künstlern, der Niemanden be- 
suchte und auch nicht besucht sein wollte, da jede Unter- 
haltung sein Brustleiden verschlimmerte. Er hörte einige 
Concert e und verschwand." 



21 — < 



| „Habe ich Euch neulich von Ciavier Spielern er- 

zählt", sagt ein anderer Brief, „so sollt Ihr heute ein Kapi- 
tel Clavierm a c h e r bekommen ; ich will sie nur Zugvög el 
dieser Saison nennen, da Raubvögel wohl ein zu starker 
Ausdruck wäre. Und doch sehe ich P/s essigsaures Ge- 
sicht, wenn er bei seinen Besuchen oder in Concerten Mo- 
scheies auf einem Erard oder Clementi hört, und male 
mir aus, wie er bei dem Erard 'denkt, „anch' io sono pit- 
tore", beim Clementi , „das ist ein überwundener Stand- 

r ■ 

punkt", bei den Broadwood's, auf denen Moscheies auch 
mitunter spielt: „wie kann man die einem P. vorziehen?" 
Und G. , der mit Czerny hierher kam, möchte auch alle 
r Instrumente hören, alle Fabriken besuchen, findet aber 
jeden Anschlag zu schwer, jeden Ton zu dumpf, und nur 
seine Flügel brillant. Auch einen Erfinder für die Um- 
und Reinstimmung von Ciavieren giebt es wieder. War 
der vorjährige ein Cr ef eider, so ist dieser ein Pariser, Msr. 
le Pere. Aber trotz seiner Versicherung, es sei so leicht, 
■einen Flügel um 1 j 2 Ton hoher oder tiefer zustimmen, „que 
vous le feriez faire par votre domestique, ou votre femme 
de chambre" wollte sich die Sache doch nicht als prak- 
tisch erweisen. Ich könnte noch Manche nennen, aber es 
möchte Euch langweilen. Jeder hat seine eigenen Interes- 
sen, aber Alle stimmen darin überein, von meinem armen 
Mann mündliche Empfehlungen und schriftliche Atteste 
zu verlangen, versteht sich lauter Lobpreisungen. „Und 
man hat doch zuerst sein Gewissen", sagt er sehr richtig: 
„man möchte nicht solch zweideutiges Lob austheilen, wie 
der grosse M r es mitunter gethan hat; die Empfoh- 
lenen entzückt es, aber der Empfänger, wenn er gescheit 
ist, legt sich. <Jie au f Schrauben gestellten Phrasen rich- 
tiger aus." 

Die Schröder-Devrient war wieder da; ihr Fidelio un- 
vergleichlich wie immer, ihre Norma nicht einer Pasta 
-ebenbürtig; auch konnte sich die deutsche Oper schlech- 
ter Geschäfte halber night halten. In der englischen ent- 
stand, um alsbald wieder zu verschwinden, „Loye in the 
city" von W. — Puzzi, der fashionable Hornbläser brachte 



eine Opera buffa nach London , in der freilich der später 
so berühmte Ronconi auftrat, die aber an einem schlech- 
ten Damenpersonal litt. 

Das Royal Operahouse Haymarket hatte seine schon 
genannten grossen Sänger; da sie aber beständig diesel- 
ben Puritani und Aehnliches wiederholten, so brachte 
der Atlas einen komischen Artikel „on operatic affairs",. 
behandelt die Direction und Sänger als Uebelthäter, lässt 
sie auch durch ein juridisches Verhör gehn. So wird z. B. 
die Grisi gefragt : Wie oft hat sie in diesem Jahr son 
vergin vezzosa (ihre Cavatina aus I Puritani) gesungen? 
Hat sie es Morgens, Mittags und Abends, schlafend und 
wachend gethan? Und als sie mit Ja antwortet, geht der 
Inquirent weiter: Liebt sie die Musik? Nicht besonders. 
Warum singt sie sie? Weil sie schon 3 Jahre lang das 
Publicum überrascht und erstaunt und heute noch eben- 
so wie früher. Ist es ihr nicht lieber zu gefallen als zu 
erstaunen ? O ja, aber dies Publikum ist nur des Erstau- 
nens fähig, weil es nicht intelligent ist. Lablache lässt 
man in seinem Verhör aussagen: John Bull liebe ihn nur 
wegen seiner starken Stimme, John Bull wolle nur lau- 
tes Gebrüll, wolle auch nur alte bekannte Sachen hören, 
die seinem Ohr tüchtig eingepaukt seien, das mache jeden 
guten Sänger todt. Rubini hingegen behauptet: er singe 
gern wieder und wieder dasselbe. Der Componist , wenn 
er dem Sänger eine Note gebe, bekomme 50 von ihm 
wieder; Bellini, Donizetti und Mercadante seien durch 
seine und seines Collegen David „broderie" unsterblich 
geworden, durch sie seien Felsenherzen geschmolzen. Und 
Mozart, wird er weiter gefragt? Er kennt ihn, muss ihn 
auch zuweilen singen, aber man macht mehr Glück mit 
andern Opern. 

Und das blieb die endgültige betrübende Wahrheit 
dieses scherzhaften Artikels: Mozart von den Italienern 
gesungen, hatte nichts Erwärmendes ; Darsteller und Pub- 
licum blieben lau und nicht einmal die herrlichen Stim- 
men kamen zur Geltung. 

Die Ancient-, damals Antient-Concerts waren im Jahre 



■ r • * 



— 23 — 

l 

1776* von einem Earl of Sandwich in's Leben gerufen und 
während Moscheles* Aufenthalt in England, also von 1820 — 46 
alternirten sie mit den vierzehntägigen Philharmonischen 
Concerten, je 8 an der Zahl. Ihr Zweck war, die alte und 
älteste Musik, sei sie englisch, italienisch, deutsch oder 
französisch zu Gehör zu bringen , sich auch dabei ganz 
alter Instrumente zu bedienen, die längst in Antiquitäten- - 
Cabineten ruhten; ihr Gebrauch ein deutlicher Beleg für 
die Fortschritte der Neuzeit. So hörte man dort eine Viol 
di gamba, Viol d'amore u, A. m. Man hörte aber auch 
zuweilen die lauten Bemerkungen des Herzogs von * *. 
„Trotz seiner Liebhaberei für Musik", sagt Moscheies, 
„legt er sich doch in dieser Beziehung keinen Zwang auf. 
Die Abonnenten kennen das unabänderliche Uebel. Wird * 
aber jemals einer derselben von einem Fremden gefragt: 
„what noise is that?" so heisst es einfach: „Oh, it*s only the 
Duke", und damit basta. Seine abgerissenen Sentenzen 
machen den Effect von -Paukenschlägen, die nicht zur 
Musik stimmen." In diesem Jahre brachte Moscheies den* 
Ancient-Concert die Novität des D-moll-Concerts v. Bach,- 
das- wohl nicht anders als mit grossem Enthusiasmus auf- 
genommen werden konnte. Einer der Directoren dieser 
Ancient - Concerts , Lord B. rief die Künstler zu einer 
Berathung zusammen, die sich auf das Beethoven-Monu- 
ment in Bonn bezog. Er wollte, dass England einen grossen 
Beitrag dazu liefere, der seinen Fonds aus einer splendi- 
den Aufführung Beethoven'scher Compositionen ziehen 
sollte. Die ganze Welt aber war gegen den noblen Lord. 
Ein Theil der Presse, „weil ja die Deutschen nie etwas 
zu den Monumenten berühmter Engländer beigetragen", 
ein anderer, weil man es gerne dem Lord vorwarf, „wie 
er sich gar nicht um deutsche Musik kümmere und nur 
die seichteste italienische liebe." Moscheies erhob in einer 
der Versammlungen seine Stimme „ganz decidirt dagegen", 
wie das Tagebuch sagt, „weil wir schon im Juli sind, und 
durch den Tod des Königs ohnehin schon manches Unter- 
nehmen gescheitert ist." Aber er und der ganze ihm bei- 
stimmende Künstlerchor ward nicht beachtet und am 20. Juli 



ein Concert vor leeren Banken gegeben. Zum Glück waren 
von einigen Beethoven - Verehrern Ueberzahlungen einge- 
gangen, welche die Kosten deckten. Die hochfahrenden 
Versprechungen aber, die Lord B. dem Bonner Comit£ 
gemacht, mussten in einem Entschuldigungsbrief an den 
Baron Schlegel verdampfen. 

Die neunwöchentlichen Ferien wurden wieder sehr 
glücklich mit den Hamburger Verwandten verlebt und 
zwar in Flottbeck, einem der schönsten Punkte an der 
Elbe. Dort wurden zwei Etüden componirt, dort im Park 
lustwandelnd, entstanden die Vorrede und die charakte- 
ristischen Bezeichnungen dieser 12 grossen Etüden, die im 
Laufe des Winters herauskamen. Moscheies schickte die 
in diesen Etüden enthaltene Fuge in Es an Schumann, mit 
dem er vielr correspondirte. Zum Leidwesen der Gatten 
war Mendelssohn in ihrer Abwesenheit erst in London, 

r 

dann in Birmingham, wo er beim Musikfest seinen Paulus 
zur Aufführung brachte; man weiss mit welchem Erfolg. 
— Das Haus Cramer unterhandelte neuerdings wegen der 
Edition der Beethoven'schen Werke und bewilligte Mo- 
scheies */ s Antheil an seinen neuen Compositionen , was 
dieser einem Honorar verzog. 

Bei der Rückkehr nach London waren Neukomm, 
Benedict und Thalberg in der herbstlich leeren Stadt und 
diesen, so wie dem Freunde Klingemann stand das Mo- 
scheles'sche Haus stets offen ; es war wie immer ein musi- 
kalisch belebtes, da der Hausherr fast jede Woche einen 
genussreichen Quartett-Abend gab. Eine Haupt-Beschäfti- 
gung blieb aber das Durchspielen aller alten und der älte- 
sten, aller neuen und der neuesten Musik, denn bei Be- 
ginn des Jahres 1838 sollten historische Soireen für Ciavier- 
Musik von Moscheies gegeben werden, und bei dem Reich- 
thum von Sachen hiess es, Vieles durchgehen, um Einiges 
zu wählen. 



I 



— 25 



1838. 

„Meine Finger sind in gehöriger Ordnung", erwähnt 
das Tagebuch am i. Januar, „und die Programme für die 
bevorstehenden Soireen gemacht. Ich habe wieder in den 
eingeäscherten Schätzen des musikalischen Pompeji ge- 
graben und manches Grossartige an's Licht der Welt ge- 
bracht. Beethoven ist gross und wen möchte ich grosser 
nennen? Da aber das Publicum immer nur ihn, und da- 
zwischen die modernen Effectstücke hört, so will ich ihm 
zuerst die Componisten vorführen, auf deren Schultern 
Beethoven sich zu seinem Adlerfluge emporschwingen 
musste. Darf man doch die Vergangenheit seiner Kunst 
nicht vergessen, wenn man ihr in der Gegenwart huldi- 
gen will; habe ich aber mit den Altmeistern begonnen, so 
will ich meine Hörer allmählich bis auf unsere Tage fuh- 
ren, dann mögen sie ihre eigenen, vergleichenden Schlüsse 
ziehen". Nach der zweiten Soiree sagt er: „Der Erfolg 
dieser Soireen beweist doch, dass das Publicum empfäng- 
lich für das Schöne ist, dass man nicht ihm zu Liebe dem 
Modegeschmack zu huldigen braucht, um es zu fesseln; 
es erfreute sich mit mir an den alten Sachen ganz und 
unzerstückelt , wie ich sie gab, als Dessert die beliebten 
Beethoven'schen Variationen über ein Händersches Thema, 
mit Lindley". Vor uns liegen die Berichte der Öffentlichen 
Blätter über diese Soireen. Sie enthalten endloses Lob 
für das Unternehmen, und benutzen es um ihre Anathema 
gegen „den italienischen Schwindel" zu schleudern und 
Mosoheles als den Repräsentanten einer höhern Richtung 
hinzustellen. Auch über die neuen charakteristischen Etü- 
den, deren er einige spielte, ergehen sie sich in Lobprei- 
sungen. 

„Warum spielte er sie nicht alle zwölf", heisst es? Man 
wünscht sie sämmtlich zu hören, wiederholt zu hören, Mo- 
scheies sollte die Bescheidenheit nicht zu weit treiben. 

„Der Tonangeber in diesen Soireen war der Herzog 
von Cambridge, er verlangte manches zweimal zu hören 
und das Publicum stimmte ihm trotz der schon langen 



Programme bei", schreibt die Frau. „Gegen Moscheies ist 
er unendlich liebenswürdig und fragte nach jeder Soiree: 
Pray, when is the next? J must make a Memorandum 
not to forget. Es giebt in diesem Winter auch Classical- 
Quartett-Concerts, Wind-Instrument-Concerts, British-Con- 
certs, genug Musik ohne Ende". Im Februar muss Mosche- 
les als Mitdirector der Philharmonie den zwei Probeaben- 
den für neue Com Positionen beiwohnen, und nennt sie 
„recht unerquicklich. Einige deutsche und einige englische 
Symphonien und Ouvertüren nicht lebensfähig; eine Or- 
chester-Fantasie mit gedrucktem Programm, enthaltend 
Verschwörung Empörung und Befreiung, passt als Melo- 
dram in ein Vorstadt-Theater; eine Symphonie und ein 
paar Ouvertüren besser, und doch nicht ausgezeichnet, 
keine derselben kam in die Programme der diesjährigen 
8 Concerte, denn man hielt sich lieber an die classischen 
Meister, um kein Fiasco zu erleben". Dem soeben ver- 
storbenen Ferdinand Ries zu Ehren, der ein „member of 
the Philharmonie Society" war, eröffnete man die diesjäh- 
rigen Concerte mit einem Trauermarsch. 

Es gab manche Novität an Claviercompositionen. Mrs.. 
Anderson spielte Mendelssohn's Concert in D-moll und es 
ward, wie sich's gebührte, enthusiastisch begrüsst; Mme. 
Dulcken das posthume in F-dur von Hummel, das auch 
gefiel, Moscheies sein pathetique, das ihm trotz grosser 
Theilnahme in Publicum und Presse eine- derbe Philippica 
zuzog. Es hatte einem Feuilletonisten missfallen! Und auch 
das rügte er, dass Moscheies in dieser Saison wieder die 
neunte Symphonie dirigirte;- denn er parodirte die kleine 
Ansprache, die Moscheies bei dieser Gelegenheit an das 
Orchester hielt. Es ist dieser Vorfall nur insofern einer 
Erwähnung werth, als er Moscheies Gelegenheit gab, die 
unerschütterliche Ruhe seines Charakters bei dieser und 
ähnlichen kleinen .Unannehmlichkeiten in's Licht zu stellen. 
Uebrigens ging das feindliche Blatt bald unter und die 
neunte Symphonie brachte ihrem Dirigenten erneuten 
Dank und herzliche Anerkennung; mehr als diese belohnte 
ihn das Streben selbst, „im Gegensatz zum Lectionenjoch 



und der Modetändelei" , zu der er obenan die unvermeid- 
lichen Arrangements für Schüler zählte; wollte ihm aber 
ein Verleger einen Mode t i t e 1 aufdringen , so finden wir 
im Tagebuch Bemerkungen, wie diese: „Er machte mir 
mit seinen Vorschlägen den Kopf lichterloh brennen". 
„Er will mir Gesetze über Titel vorschreiben, Aenderungen 
machen ohne mich zu fragen, das erlaube ich nicht , dazu 
hat er kein Recht". 

Wer nun mit uns einen Blick auf Moscheles* Kunst- 
streben in diesen und den letztverflossenen Jahren werfen 
will, der wird ihn bemüht finden, das alte Virtuosen- 
thum mehr und mehr abzustreifen, solche Stücke, wie die 
Alexander - Variationen als „verschollen zu erklären" und 
eine classische Richtung" anzustreben ; bei den Londoner Ver- 
hältnissen doppelt mühsam. Didse legten ihm so schwere 
Fesseln an, dass die Frau im Mai schreibt: „Mein Mann 
sagt, es ist weit besser, Ihr gewöhnt Euch daran, mit 
meinen Briefen, selbst über musikalische Dinge vorlieb zu 
- nehmen , denn wir hören ja zusammen und er sagt mir 
genau, wie er fiter Alles denkt, so bekommt Ihr seine 
Meinung unverfälscht, wenn auch aus zweiter Hand, aber 
dafür mit mehr Ausführlichkeit. Er kommt nicht zum 
Schreiben, so lange er ausser seinen eigenen Geschäften 
auch noch der Deus ex Machina sein muss, der für die 
fremden Künstler Ehre und Verdienst zurecht zaubern 
soll. Und wo den Verdienst hernehmen, wenn das Ver- 
dienst mangelt? wie bei H.'s Sohn z. B. ! Der Himmel 
behüte unsern Jungen vor so einer Nullität und so einem 
Zehren an seines Vaters Namen! darauf hin gato er Con- 
cert und konnte Einem nur Mitleid einflössen. Wir sind 
wieder reich an Fremden, die gewesene Frl. Belleville, 
jetzt Mme. Oury, ist mit ihrem Mann, dem Geiger hier, 
der Kapellmeister Bott aus Oldenburg, ein tüchtiger Mu- 
siker mit seiner Pianistin-Tochter, dann .zwei Polen, einer 
Pianist, der andere Geiger, mit sehr viel weisser Weste 
und Uhrkette und noch mehr Anmassung ; zwei brave - 
Hannoveraner , der Flötist Heinemeyer ■ und der Cellist 
Hausmann, der Contrabassist Müller, der leider auf seinem 



Riesen-Brummbass Variationen auf das liebliche „An Ale- 
xis" spielt, der Oboist Braum und eine ganze Trompeter- 
Familie Distin; denkt Euch , ein Vater und vier Söhne, 
die concertirend trompeten, das ist doch zu viel des Guten. 
Diese Künstler sind Alle mehr oder minder tüchtig* und 
werden sich bei wiederholten Besuchen unserer Insel ge- 
wiss manches von deren Gold-Staub aneignen, da aber 
die Concurrenz sehr gross ist, so scheint das schnelle 
Gelingen ihrer Unternehmungen, wie sie sich es erwarten, 
eine Unmöglichkeit, und wir sind ihnen gegenüber oft in 
der unangenehmen Lage, ihnen weniger zu leisten, als sie 
erwarten. Da alle freundschaftlich bei uns ein- und aus- 
gehen, so nenne ich unser Haus das Künstler-Kaleidoskop, 
das uns täglich neue Combinationen bringt , bald in grel- 
len, schillernden Farben,* bald in sanften, wohlthuenden. 
Es versteht sich, dass Thalberg wieder in der Welt der 
Pianisten oben ansteht. Herz, Rosenhain und Döhler haben 
auch ihr Publicum, und gehören zu den brillanten Sternen 
meines Kaleidoskops; als dies aber kürzlich bei einem 
neuen Umschwung Johann Strauss auftauchen liess, da 
war es kein Kaleidoskop mehr, sondern ein Oberon- 
Horn, denn Alles tanzt, muss tanzen, wenn er geigt. 
In den Concerten , . die er mit seinem kleinen Orchester 
giebt, thut man es sitzend, in Almacks, diesen fashionable- 
sten aller Subscriptionsbälle , hüpfen die aristokratischen 
Füsschen nach seinen Weisen, und auch wir hatten neu- 

in einer Soiree danach zu tanzen, wobei 
wir alten Eheleute uns decidirt verjüngten. Er selbst tanzt 
übrigens )( corps et ätne" während des Spielens; nicht mit 
den Füssen , aber mit der ;Geige , die beständig auf und 
nieder geht, während der ganze Mensch jeden guten 
Tacttheil markirt; dabei ist er so ein gemüthlicher Wiener, 
nicht raffinirt gebildet wie ein Weltmann, aber amüsant 
und immer 'heiter; hat man doch der betrübten Exem- 
plare genug Uns erfreut es immer, wenn wir 

* auch einmal eine literarische Berühmtheit kennen lernen, 
wie z. B. neulich Alfred de Vigny, den Erzfeind von 
George Sand." 



— 2 9 — 

Sir Charles und Lady Morgan waren in Irland sehr 
freundlich gegen Moscheies gewesen. Er hatte mir schon 
viel von ihnen erzählt, und führte mich neulich bei der 
berühmten Schriftstellerin ein. Ihre Freundlichkeit und 
Liebenswürdigkeit gegen mich muss ich wohl auf Rech- 
nung meines Mannes schreiben, da sie ihn und sein Talent 
aufrichtig verehrt. Ihre Augen sprühen noch Feuer trotz 
ihrer 60 Jahre, sie muss sehr schön gewesen sein und 
ihre Lebendigkeit ist eqht irländisch". . . . 

Balfe hatte wieder eine neue Oper componirt, „the 
mountain sylph" , war und blieb auch populär. Benedict 
brachte seine Oper „the Gipsies warning", Lord Burg- 

r _ 

hersh, „II Torneo", daneben aber florirte „Lucia di Lam- 
mermoor", florirte Rubini in seinem „sulla tomba", wie 
oft man auch sie und es gehört hatte. Die liebliche Cinti 
mit ihrer Nachtigallenkehle konnte nicht anders als ge- 
fallen, Fanny Elsler, dieser Inbegriff aller Grazie, musste 
Furore machen. Das grosse Ereigniss der Saison aber war 
die Krönung der Königin Victoria. 

Der Freund Sir George Smart hatte Moscheies in ein 
Chorhemd gesteckt, um in seinem Chor der Westminster 
Abtei als Basssänger zu fungiren und so das prachtvolle 
Fest mit anzusehen, denn die Billete waren unerschwing- 
lich theuer. 

Das Tagebuch sagt: „Welch ein imposanter Anblick, 
dieser festlich geschmückte Tempel mit seinen festlich 
geschmückten Frauen! Und nun erst welch' ein Eindruck, 
als die achtzehnjährige Königin im Ornat, umgeben von 
den Grossen ihres Reichs, eintrat: Alles imposant. Alles 
ergreifend , aber am imposantesten der Händersche Chor : 
„Zadok the Priest" und sein „Hallelujah" , ergreifend bis 
zur Rührung; so auch der Moment, als der ehrwürdige 
Erzbischof von York die Krone auf das jungfräuliche 
Haupt setzte. Dann aber wie aus einem poetischen Traum 
aufgerüttelt und unsanft in die Alltagswelt zurückge- 
führt, durch W. K.'s „Coronation Anthem", neu und doch 
a lt — für diesen Actus componirt, aber aus geborgtem 
Material, schulgerecht, doch ganz uninteressant". Die Frau 



30 



schreibt den Verwandten diese Stelle aus dem Tagebuch 
und setzt hinzu: „Ehe Mosch eles in die Abtei fuhr, brachte 
er mich mit Tochter und Nichte zu Lady A. Wir waren 
auf nicht später als neun Uhr Morgens eingeladen, um 
nicht in's Gedränge zu kommen, und dort waren wir herr- 
lich aufgehoben. Ihr wisst, das Haus liegt in Piccadilly, 
beinahe Constitution-Hill gegenüber. A/s hatten ein am- 
phitheatralisches Gerüst von den drawing-room-Fenstern 
an, bis auf den kleinen Raum vor ihrem Hause bauen 
lassen, der, von einem Eisengitter umgeben, ihn von der 
Strasse trennt. Die Bänke dieses Gerüstes waren schary 
lachroth überzogen und dort sitzend, sah man links die 
ganze Piccadilly herunter, durch die der Krönungszug 
hin- und zurückfuhr, rechts in den Park hinein. Natürlich 
war eine grosse elegante Gesellschaft da, so dass Einem 
die Zeit nicht lang wurde, und für das Leibliche hatte' 
Lady A. durch eine kalte Collation gesorgt, deren Vor- 
trefflichkeit Ihr nicht bezweifelt. Kurz nach neun Uhr fing 
es an. in den Strassen zu wogen, das ganze Volk war auf 
den Beinen, gute Mütter mit Babies auf dem Arm, Väter, 
die kleine Jungen emporhielten, schon grössere, die Later- 
nen, Gitter und Pfosten erkletterten, um gut zu sehn, ein 
Durcheinander, wie Ihr es Euch kaum vorstellen könnt. 
Als aber endlich die Zeit herannahte, wo der KrÖnungs- 
zug St. James' Palace verlassen, also Piccadilly herauf- 
fahren sollte, ward Spalier gebildet; wisst Ihr aber wie? 
Zwei, Horseguards ritten Schritt durch die Menschenmasse, 
der sie Zeit Hessen , zurückzuweichen , dann wieder und 
immer wieder, bis sie endlich eine weite Strasse für den 
Zug eröffnet hatten. Natürlich beschreiben Euch die Zei- 
tungen diesen am besten; nur das muss ich sagen, dass 
die goldne Staatskutsche mit den 8 Isabellen bespannt, 
mittelalterlich prachtvoll ist, dass die Königin als acht- 
zehnjähriges junges Mädchen hübsch aussah, dass aber 
die ihr gegenübersitzende Oberhofmeisterin, die Herzogin 

von Sutherland, eine wahrhaft edle imposante Schönheit 
ist" 

Der August und halbe September waren wieder er- 



holend und genussreich. Erst ein Besuch mit Frau und 
Kindern bei lieben Freunden in Sussex, der Hausherr, 
Geistlicher , „er und die ganze Familie Heb , gut und ge- 
bildet". „Da die Musik doch immer die Hauptsache bleibt", 
schreibt die Frau, „so sucht mein Mann durch Orgelspiel 
Ersatz für das unbedeutende Ciavier, spielt die Leute zur 
Kirche hinaus und geleitet einen Todten mit Handels 
Trauermarsch zu Grabe". „Was wohl die Pächter, Bauern 
und Todtengräber von meinem Spiel denken, das beküm- 
mert mich'*, fügt Moscheies hinzu; „jedenfalls diene ich 
den Damen zur Erheiterung, denn sie kleideten mich 
gestern in Mrs. G/s Staatskleider und das war ein Haupt- 
spass. Ich endete den Abend mit einer improvisirten Arie, 
die ich im höchsten Sopran vortrug und deren Text eine 
Lobrede auf das Lieblingshündchen war". Ein Monat wird 
in Hastings verlebt und Mitte September schreibt Mosch e- 
les : fi Unsere schönen Feiertage sind zu Ende und das „sweet 
home" wieder behaglich. Aber heute hat der Himmel einen 
Schnupfen und ladet die Menschen zum Ersäufen ein; 
damit ich der Einladung nicht folge, bleibe ich wie Haydn 
„an meinem Spinettl". Ich spiele alle neuen Werke der 
vier modernen Heroen Thalberg, Chopin, Henselt, Liszt, 
und finde, dass ihre Haupt-Effecte in den weitgriffigen 
Passagen liegen, welche ihnen durch den Bau ihrer Hände 

W j 

erleichtert werden; ich spanne weniger, bin auch aus einer 
weniger geschraubten Schule hervorgegangen. Ich kann 

r _ 

Mozart, Cramer und Hummel bei aller Beethoven -Vereh- 
rung nicht vergessen. Haben sie nicht manches Edle ge- 
schrieben, womit ich aufgewachsen bin? Jetzt findet die 
neue Manier mehr Anklang, und ich versuche den Mittel- 
weg zwischen beiden Schulen zu schaffen, indem ich mich 
vor keiner Schwierigkeit fürchte, auch die neuen Effecte 
nicht verschmähe, und doch das beste Althergebrachte 
beizubehalten suche. Das Pastoral - Concert , das ich eben 

■ 

schreibe, hat die kürzere, moderne Form der drei zusam- 
menhängenden Stücke, und' mehr Lebendigkeit, ja Leich- 
tigkeit wie meine letzten Concerte ; ich möchte mich nicht 
in meiner eigenen Manier abschreiben. — Die Lectionen, 



— 32 — 

nach denen Ihr fragt, sind in dieser Herbstzeit grade aus- 
reichend, um Bäcker und Schuhmacher zu bezahlen". 

Eine Notiz aus einem anderen Brief gehört hieher: 
„Ich empfehle Ihnen eine kleine Brochüre von Ries und 
Wegeier über Beethoven, so eben bei Bädeker in Coblenz 
erschienen. Sie lässt ganz in das wunderbare Leben und 
Wirken Beethoven 's blicken und ich halte Alles darin für 
authentisch. Nur schade, dass seine letzten Briefe nicht com- 
pletirt sind, indem sie mit denen an Ries schliessen, nach 
welchen seine Correspondenz mit mir anfing. Auch muss ich 
Sie auf die 50. Seite aufmerksam machen, wo Beethoven 
sagt, dass er seine letzte Symphonie mit Chören dem König 
von Preussen gewidmet und ihm sein Manuscript geschickt 
habe. Trotzdem habe ich bei allen drei Aufführungen der 
neunten Symphonie, welche ich in diesem Jahre dirigirte, 
eine von Beethoven's Hand corrigirte Partitur gehabt, 
und der Titel ist auch von ihm selbst hineingeschrieben. 
Er lautet „Neunte Symphonie, componirt für die Philhar- 
monische Gesellschaft in London von Beethoven*'. 

In einem andern Brief schreibt er: „Wir wollen jeden 
Sonnabend Kammermusik machen, wobei auch E. mit- 
wirken soll. Der fleissige Cellist Hausmann wird uns eine 
Stütze dabei sein. Gleich am ersten Abend spielt E. das 
erste und zweite Stück des Mözart'schen Es-dur Quin- 
tetts". „Sie hat es in drei Tagen einstudirt", schreibt der 
glückliche Vater, „und hat viel natürliche Begabung". 

Er selbst spielt Beethoven's grosse Sonate Op, 19z und 
sagt: „Mit dieser sehr gelehrten Fuge bin ich nicht ganz 
einverstanden ; mir ist Beethoven's Genialität mehr werth, 
als seine Gelehrsamkeit". Später spielt er Schubert's neue 
Trio's in E und B „mit vortrefflicher Factur und schönen 
Gedanken, nur mitunter ein bischen zu gedehnt". 

Einmal sagt das Tagebuch: „Gestern brachte unser 
Sonnabend einige wenig interessante Ensembles, aber 
einerlei, wir müssen alle Novitäten durchgehen; spielen ■ 
wir doch immer die classischen Werke mit dabei". Es 
gab atfch zwei herrliche Mendelssohn - Sonnabende , einen 
für den ganzen Paulus, den andern für Ciaviermusik. „Ich 



habe am Sonnabend mein Pastoral - Concert probirt", 
schreibt Moscheies; „es gefiel den Freunden, aber es stei- 
gen- doch bisweilen Zweifel in mir auf, ob mein jetziges 
Arbeiten nach bestimmten Grundsätzen nicht der Leich- 
tigkeit und Frische schadet, durch die ich mir in meiner 
ersten Jugend so viel Eingang für meine Compositionen 
verschaffte. Und doch bin ich froh, der musikalischen 
Welt mein ernsteres und tieferes Streben zu zeigen, wie 
auch mein jetziges Gelingen hinter dem Wollen zurück- 
bleibe". 

Moscheies schrieb in diesem Winter die Etüden in A, 
6 /8-Tact und das Lied „Liebesfrühling". Die Beethoven- 
Edition ging fort und von Mendelssohn^ Andante und- 
Presto H-dur und -moll, sowie von Liszts neuen Etüden 
wurden Correcturen gemacht. 

Das Tagebuch sagt : „Ich lehnte die Ehre ab , näch- 
stes Jahr wieder Mitdirector der Philharmonie zu sein, 
denn was kann ein Director unter sieben ausrichten? Ich 

■ 

stehe immer vereinzelt mit meinen Neuerungsgelüsten da, 
und am Ende werde ich noch für die Missgriffe der An- 
dern verantwortlich gemacht". 

Hummel war gestorben, und Moscheies wurde der 
ehrenvolle Antrag, seine Stelle in Weimar zu bekleiden. 
Er schwankte einen Augenblick, zog aber doch die Frei- 
heit seiner Londoner Stellung den Fesseln eines Hofes 
und Theaters vor, obwohl er den Herrschaften sehr er- 
geben, und auch von ihrer Güte für ihn überzeugt war. 

Ein Brief der Frau sagt: „Ich habe Euch wieder 
wunderliche Dinge zu erzählen. Eine Weihnachtsvorstel- 
lung, worin der Nordwind in einem Ballet vorkommt, 
hinterher Braham als Masaniello und endlich v. Amburgh 
mit seinen Thieren. Dann von einem Besuch in Hertford- 
shire bei A.'s, die uns einluden, um einer Fuchsjagd bei- 
zuwohnen. Wir folgten in einer offenen Kalesche den 
reitenden Herren, die hier und dort hinsprengten, doch 
konnten wir uns nicht für die Sache begeistern. Haus 
und Einrichtung sind splendid, ihre Autographen-Samm- 
lung interessant, und die rothberockten Herren bei Tische 

Moscheies' Leben. IL ? 



— 34 — 

hätten uns ganz gut gefallen, wenn sie nicht so viel von 
„hounds and horses" erzählt hätten. Nach Weihnachten rei- 
sen wir mit den Kindern zu Flemings, wo in's neue Jahr 
hinein getanzt werden soll". . . . 



1839. 

Die Familie Moscheies brachte den fröhlichsten Jah- 
resanfang bei den Freunden Fleming auf ihrem Landsitz 
in Hampshire zu. Bei schönem Wetter wurde ausgefah- 
ren und geritten, bei schlechtem getanzt, Charaden auf- 
geführt; immer aber, und bei jedem Wetter Musik ge- 
macht. Zu den Gästen, die stets ab- und zugingen, gesellte 
sich auch Lord Palmerston. Die Politik hatte ihn und F. 
getrennt, seitdem Letzterer sich zur Wellin gton'schen Par- 
tei geschlagen, das Unglück, das den Lord einiger werther 
Familienglieder beraubte , sie wieder zu einander geführt. 
— Bei der Rückkehr nach Hause gab es bei Moscheies 
kranke Kinder und vielerlei häusliches Ungemach. Die. 
ganze unerquickliche Zeit wurde aber bald von der unr 
gewöhnlich früh beginnenden Saison überfluthet, denn 
Moscheies schreibt schon im März. „Es ist alles ganz so, 
wie die andern Jahre und wir müssen mit dem Strom 
schwimmen." 

Der Besuch des Freundes Ferdinand David aus Leip- 
zig- war eine herrliche Freude für das Moscheles'sche 
Ehepaar. Dieser würdige Schüler Spohr's spielte seinen 
Meister gross und edel, seine eignen Bravoursachen mit 
untadelhafter Technik und sein Quartettspiel in den Mori'- 
schen und Blagrove'schen Soireen begeisterte Alles, was 
echten Kunstsinn besass, denn das war vor ihm in Eng- 
land nicht annähernd erreicht worden. David und Mosche- 
les traten im zweiten Philharmonischen Concert zugleich 
auf, David zum ersten Mal mit einem eignen, Moscheies mit 
seinem neuen Pastoral-Concert. David hatte sich bei die- 
sem ersten Erscheinen schon die ihm gebührende hohe 
Stellung errungen , die er später durch jedes neue Auf- 



treten befestigte, Moscheies sich der günstigsten Aufnahme 
seines neuen Concertes zu erfreuen. Von da an wirkten 
beide Künstler oft zusammen. Bei Sir W. Curtis, dem 
grossen Amateur- Cellisten für Mad. Dulcken, die in sei- 
nem Salon eine Soiree gab , bei * * * , wo „noch ehe 
unsre Kreutzer-Sonate verhallt war, schon eine Quadrille 
erscholl und endlich am liebsten im eigenen Hause, vor 
und mit andern Künstlern, denn nur da erquickt und be- 
geistert die Musik". Die Frau schreibt: „Heute soll ich 
Euch berichten, dass Moscheies sein Concert mit David 
zusammen geben will; dieser hätte ihn zwar auch so un- 
terstützt, doch zog Moscheies es vor, ihn als Mit -Unter- 
nehmer zu haben, weil er ihm dadurch seine hohe Achtung 
als Künstler kund geben wollte. Manche Concertgeber 
lassen ihren Saal durch die italienischen Sänger füllen, 
sie selbst sind nur Nebenpersonen in ihrem kostspieligen 
Concertdrama; Moscheies wollte weder so eine untergeord- 
nete Rolle spielen, noch so ganz seinem eigenen Kunst- 
streben zuwiderhandeln; nun hat er an David einen mäch- 
tigen Bundesgenossen in deutscher Schule gefunden und 
das freut ihn doppelt, weil er dadurch seinem Publicum 
.zeigt, dass auch er darauf bedacht ist, ihm eine Novität 
zu bringen, nur eine von gediegenem Werthe". Später 
schreibt sie: „Dieser Brief ist eine Concert-Depesche. Es 
ist glorreich vorüber, der Saal auch ohne italienische 
Sänger vortrefflich gefüllt, der russische Grossfürst hatte 
sich zwei Billete holen lassen, Prinz Napoleon war in den 
stalls". Moscheies spielte als neue Composition sein Pasto- 
ral-Concert, Mendelssohn dedicirt, das sehr beifällig auf- 
genommen wurde. 

„Deutsche und französische Künstler" , schreibt Mo- 
scheies, „letztere mit untadelhaften Handschuhen, treffen 
bei uns mit englischen Freunden zusammen und die Mu- 
sik bildet eine Verbindungsbrücke zwischen den verschie- 
denen Nationalitäten. Könnte ich nur immer Componisten 
und Verleger verbinden ! Eben jetzt z. B. ist mir 's betrübt, 
dass ich die Publication von Bernhard Romberg's Vxolon- 
cell-Schule nicht vermitteln konnte. Die Modewaaren sei- 



- 36 - 

4 

ner Rivalen sind an der Tagesordnung, doch hat das 
Werk des tüchtigen Mannes gewiss grossen Werth für 
das Studium des schwierigen Instruments I Was Schwie- 
rigkeiten betrifft, so erstaunte mich Thalberg wieder in 
seinen Concerten, er ist ein Jupiter an Kraft und Bravour 
und hat in seinen neuen Etüden alle Herkules- Arbeiten 
der Technik durchgemacht. Mendelssohn, mit dem ich 
über alle musikalischen Erscheinungen der Neuzeit corre- 
spondire, theilt meine Ansicht darüber. Ihn, wie mich, 
hat Bennett's Ouvertüre zur Waldnymphe wahrhaft er- 
freut, und das Publicum begrüsste sie enthusiastisch". 

Dieser Ouvertüre wurde auch in Deutschland so grosser 
Beifall gezollt, dass sie sich bis heute auf den Programmen 
der Gewandhaus- und anderer Concerte erhalten hat. 

In dieser Zeit starb der Geiger Mori, der speculativste 
aller Künstler und Musikhändler, der Erfinder der Monstre- 
Concerte, die man ihm nur zu bald nachahmte, ausserdem 
aber ein so tüchtiger als beliebter Solo- und Quartettspieler. 

Wir kommen nun an keine geringere Persönlichkeit 
als die des Prinzen Louis Napoleon, den man früher wohl 
in Soireen gesehn, dem man aber erst jetzt in kleineren 
Kreisen begegnete. Die Frau schreibt: „Natürlich fanden 
wir es interessant, mit diesem lion der Season in Berüh- 
rung zu kommen; doch war in seiner ganzen Erscheinung, 
nichts AussergewÖhnliches zu entdecken, es sei denn die 
Kleinheit der Füsse oder die Grosse des Schnurrbarts. 
Gegen Moscheies erwähnte er verbindlich, wie die Köni- 
gin Hortense, seine Mutter, sich in früheren Jahren an 
seinem Spiel erfreut, wie er, der ihn als Knabe gehört, 
den Eindruck nie vergessen konnte; auch mir sagte er 
manches Artige und sagte es hübsch, ohne dass mir etwas 
Ausgezeichnetes dabei aufgefallen wäre; im Ganzen macht 
er in Soireen, wenn er so in einer stillen Ecke dasteht, 
den Eindruck, als wolle er mehr beobachten wie verrathen. 
Das liebe ich nicht." Später finden wir wieder eine Be- 
gegnung: „Freund Löwenstern hat von seiner Reise um 
die Welt viel Merkwürdiges mitgebracht und als ich dies 
neugebackene Museum mit den Kindern in Augenschein 



4 



— 37 — 

nehmen wollte, trafen wir Prinz Louis Napoleon dort; 
ausser ihm Niemanden. Er bewunderte wieder recht still, 
prüfte die schönen Waffen mit einer Kennermiene und 
war auch wieder sehr verbindlich ; zu einer eigentlichen 
Conversation gab er keinen Anlass". 

In diesem Sommer ist viel die Rede davon, dass 
Moscheies aufhöre, öffentlich* zu spielen. Noch hat ihm 
das Publicum keinen finstern Blick zugeworfen, es ist 
ihm keine seiner Leistungen misslungen. „Wie schön sich 
im Sonnenschein der Gunst zurückzuziehn , im vollen 
Bewusstsein der Kraft, Andern das Feld zu überlassen, 
dazu solchen Bemerkungen zu entgehn, wie man sie oft 
hört: „Dajss Dieser oder Jener noch wunderschön spielt, 
wenn er auch das nicht mehr ist, was er vor zehn Jahren 
war, dass er etwas bequem geworden ist, dass die Phan- 
tasie bei der Improvisation nicht mehr so reich blieb etc« 
Es geht damit, wie- mit einer gefeierten Schönheit. Warum 
will sie es immer noch bleiben. Sie ist nicht mehr so schon, 
wie sie war, sie sollte nun der heranwachsenden Jugend 
das Feld räumen. Ich denke an Clement! , welcher der 
Kunst und ihren Jüngern einen unvergänglichen Schatz 
hinterlassen hat , und der doch nicht mehr spielte, wäh- 
rend eine heranwachsende Jugend in der Kunst gedieh, 
weil sie seine Mittel, nur etwas verändert, anwendete, um 
eine neue Schule damit aufzubauen. Die Jünger derselben, 
während sie sich ihrer als Grundlage bedienen, verachten 
sie prinzipiell, und suchen ihre Stärke nur in der Rie- 
sengewalt der eignen Hände; sie schwärmen phantastisch 
süsslich und suchen ihre pikanten Effekte in dem schnell- 
sten Wechsel vom einsaitigen zum rauschenden Pedal, 
oder in Rhythmen und Modulationen, die, wenn nicht ganz 
verpönt, doch nur in den seltensten Fällen erlaubt waren. 
Dass ich mich diesen Neuerern nicht anschliesse, ist natür- 
lich, vieles möchte ich nicht, die Kraft könnte ich nicht 
nachahmen, wenn ich mich auch in meiner Schule noch 
im vollsten Schwünge und nicht alt und entnervt fühle; in 
meiner Schule kannte man diesen Grad von Kraftauf- 
wand nicht. Je weniger die Welt an meinen executiven 



- 38 - 

Leistungen künftig Antheil » nehmen wird, desto mehr stei- 
gen in mir Lust und Verlangen nach eignem Geschmack 
und, eigner Ueberzeugung Musik zu pflegen. Wie und was 
ich componiren soll, liegt auch noch unter dem Schleier 
der Zukunft verborgen. Bis jetzt habe ich meine Werke 
durch eignen Vortrag beim Publicum eingeführt. Wird 
die musikalische Welt jetzt auch noch Interesse an ihnen 
nehmen? Nous verrons". 

Im Sommer kommen manche Pläne väterlicherseits 
in Briefen vor. Einmal wird gefragt, ob Moscheies bei 
der Ueberhäufung von Lectionen seinen Preis nicht er- 
höhen wolle. Er antwortet auf diese kaufmännische Idee: 
„Ich kann mich zu einem solchen Schritt nicht entschlies- 
sen, denn mit Recht könnte ich der Eigensucht beschul- 
digt werden in einem Lande , dem ich meine jetzige Stel- 
lung grösstentheils verdanke." Auch auf einen andern 
Plan, die Familie Moscheies solle sich theilen, Frau und 
Kinder in Hamburg wohnen, der Mann seine Saison in 
London durchmachen und dann wieder zu ihnen kommen, 
geschieht Einspruch, „denn getrennt können wir nichts 
gemessen". Desto mehr geniesst man zusammen das See- 
bad Boulogne und einen zweimonatlichen Aufenthalt in 
Paris, zum erstenmal ohne die Last öffentlicher Concerte 
und der damit verbundenen Verpflichtungen. Die Jahres- 
zeit erlaubte eben so genussreiche Ausflüge in die Um- 
gegend, als sie zu Concert - Unternehmungen ungünstig 
war; man hatte sie also grade recht gewählt. 

Wie aber auch die Denkwürdigkeiten und Kunstschätze 
der Weltstadt die Moscheles'sche Familie in Anspruch neh- 
men, immer sehen wir ihn sich zu den Musikern wenden; 
ein Brief von ihm zeigt uns, wie ihm sein längstgehegter 
Wunsch Chopin kennen zu lernen, erfüllt werden sollte. 
„Wir . leben hier im vollsten Genuss unsrer Freiheit und 
Unabhängigkeit, wozu ich die fast gänzliche Einstellung 
des Lectionisirens obenan rechne. Fräulein Beer, der Nichte 
von Meyerbeer, konnte ich es natürlich nicht abschlagen, 
ebenso wenig der Gräfin A. , die ich vor 28 Jahren in 
Wien kannte. Bei Leo's mache ich am liebsten' Musik 



und dort wurde ich zuerst mit Chopin bekannt, der eben 
vom Lande zurückgekehrt war; ich konnte es kaum er- 
warten. Sein Aussehen ist ganz mit seiner Musik identi- 
iicirt, beide zart und schwärmerisch. Er spielte mir auf 
mein Bitten vor, und jetzt erst verstehe ich seine Musik, 
erkläre mir auch die Schwärmerei der Damenwelt. Sein 
ad libitum-Spielen , das bei den Interpreten seiner Musik 
in Tactlosigkeit ausartet, ist bei ihm nur die liebenswür- 
digste Originalität des Vortrags; die dilettantisch harten 
Modulationen, über die ich nicht hinwegkomme, wenn ich 
seine Sachen spiele, *choquiren mich nicht mehr, weil er 
mit seinen zarten Fingern elfenartig leicht darüber hin- 
gleitet; sein Piano ist so hingehaucht, dass er keines 
kräftigen Forte bedarf, um die gewünschten Contraste 
hervorzubringen; so vermisst man nicht die orchesterarti- 
gen Effecte, welche die deutsche Schule von einem Cla- 
vierspieler verlangt, sondern lässt sich hinreissen, wie von 
einem Sänger, der wenig bekümmert um die Begleitung 
ganz seinem Gefühl folgt ; genug, er ist ein Unicum in 
der Ciavierspielerwelt. Er behauptet , meine Musik sehr 
zu lieben und jedenfalls kennt er sie genau. Er spielte 
mir Etüden und sein neuestes Werk „Präludien", ich ihm 
viele meiner Sachen vor." Wer hätte aber geglaubt, dass 
Chopin bei seiner Sentimentalität auch eine komische Ader 
besässe? Und doch finden wir in den wiederholten Tage- 
buchsnotizen über das Spielen und Wiederspielen in Künst- 
ler- und Dilettantenkreisen auch folgende Notiz: „Chopin 
war lebendig , lustig , ja überaus komisch in seinen Nach- 
ahmungen von Pixis, Liszt und einem bucklichten Clavier- 
liebhaber". Einige Tage später sagt das Tagebuch: „Heute 
war er wieder ein ganz andrer Chopin, als das letzte Mal. 
Ich besuchte ihn Verabredetermassen mit Ch. und E., die 
auch ganz in Schwärmerei für ihn aufgehn und die das 
Präludium As-dur in 6 /e - Tact mit dem stets wiederkehren- 
den Pedal- as ganz besonders ergriff. Nur die Gräfin O. 
aus Petersburg, die uns Künstler en bloc anbetet, war 
dort und noch einige Herren. Chopins vortrefflicher Schü- 
ler Gutmann spielte dessen Manuscript-Scherzo in Cis-moll, 



Chopin selbst seine Manuscript-Sonate in B-moll mit dem 
Trauermarsch." Am selben Abend findet wieder eine musi- 
kalische Soiree statt, so wie auch am Vorabend eine war 
und am folgenden Abend eine sein wird, und Mosche- 
les spielt sein eignes Trio und Mendelssohn's D-moll-Con- 
cert, das zu seinem Aerger „schlecht verstanden wird", 
Beethoven, Weber, eigne Etüden, seine irländische Fan- 
tasie und Mozarts Fuge in F-moll mit Cramer, der zur 
Zeit in Paris lebt: nie aber darf bei diesen musikalischen 
Zusammenkünften die vierhändige Es-dur-Sonate von Mo- 
scheies fehlen. Stephen Heller nennt das Tagebuch „einen 
interessanten jungen Künstler und lieben Menschen", „Ber- 
tini's Etüden ausgezeichnet in der Technik, aber gedehnt 
in der Form." — „Thalberg ist hier und wird nach über- 
vollen Concerten ebenso gelobt wie getadelt. Wenn aber 
einer der weisen Recensenten so weit geht, ihn mit Van 
Amburgh dem Thierbändiger zu vergleichen, so kann er 
wohl dazü lachen". — Ein Brief von Moscheies sagt: „Ich 
habe nun meine grosse Künstler-Tournee beendet, und da- 
bei die verschiedenartigsten Eindrücke gehabt. Berlioz, 
auf den ich sehr begierig war, zeigte sich kalt und theil- 
nahmlos. Auf dem Tisch lag seine kalligraphisch elegante 
Partitur von Romeo und Julie. Ich blätterte darin, aber 
sie ist so complicirt und der Lärm, den ich schon beim 
Ansehn horte, so überwältigend, dass ich mir noch kein 
Urtheil darüber zutraue. Nur so viel steht fest, dass neue 
Effecte darin sein müssen. Bei Auber, der mich äusserst 
freundlich empfing, sah ich mit grossem Interesse das 
piano quarre, an dem er seine Opern componirt hat. Aber 
auch seinen Erard'schen Flügel nmsste ich probiren, ihm 
und dem hinzugekommenen Zimmermann, professeur du 
conservatoire sogar viel vorspielen. Cherubini, sonst eben 
nicht leutselig, war äusserst freundlich. Wir blieben eine 
ganze Stunde in Kunstgesprächen vertieft. Er sagte, dass 
er ausser der Direction des Conservatoire gar nichts mehr 
mit Musik zu thun habe; er schreibe keine Note mehr, 
sei nicht stark genug, um musikalische Eindrücke zu ertra- 
gen und zu gemessen. Ich glaube, ich durfte ihm ohne 



»I 



Schmeichelei versichern, dass er zu den Wenigen gehöre, 
die noch lebend schon Unsterblichkeit gefunden hätten. 
Bei Herz musste ich den neuen Concertsaal und die In- 
strumente seiner Fabrik bewundern» Peter Pixis war wie 
immer der alte treue Freund, Franck der gediegene 
Deutsche, Heine das genie par excellence. Meinen armen 
Lafont sah* ich nur im Sarge , als man in der Kirche St. 
Roch das Todtenamt für ihn hielt. Die Musik war von 
Cherubini, aber ohne Orgelbegleitung, was mir eine Lücke 
zurückliess. So wie Lafont früher mit mir gereist war, 
um Concerte zu geben, so hatte er es jetzt mit Herz 
thun wollen. Leider brach die Diligence zusammen und 
der Unglückliche, der hoch oben auf dem Dache sass, 
ward durch den jähen Fall getödtet. Herz entkam 
glücklich". 

Die Bekanntschaft . des Schriftstellers Aimemartin ge- 
währt uns besondere Freude. Sein Werk „sur l'educa- 
tion du genre humain par les meres de famille" war uns 
längst bekannt und wir fanden es ebenso angenehm be- 
lehrend, wie den Autor selbst in seiner Unterhaltung. 
Cremieux ist es auch, aber in andrer Weise. Als Advo- 
kat spricht er leicht und schön, als Mensch ist er geist- 
reich, Kunst und Künstler liebend und sieht diese hier 
wie in Lyon, wo er früher lebte in seinem Hause, das 
durch seine liebenswürdige Frau doppelten Reiz hat. Die 
Rachel nennt er seine Adoptivtochter, obgleich ihre Eltern 
noch leben. Die Arme erholt sich eben von einer schwe- 
ren Krankheit und wir Armen werden sie daher nicht zu 
sehn bekommen. Mein gestriges garcon-diner bei Meyer- 
beer war sehr interessant. Halevy, Duponchel, Duprez, 
Habeneck und der Münchener Intendant Hofrath Küstner 
waren dort. Habeneck und ich unterhielten uns bei Tische 
über die Concerts du Conservatoire und unsre Philharmo- 
nischen, wie sich zwei Minister verschiedener Staaten zu 
unterhalten pflegen. Von mir wollte er etwas für Orche- 
ster haben, um es im Januar zu probiren; ich hatte nichts 
mit, musste ihm aber versprechen, ihm meine Ouvertüre 
zur Jungfrau von Orleans zu schicken. Auf morgen hat 



er sich bei mir eingeladen, um mich spielen zu hören. 
Meyerbeer tritt bei jeder Gelegenheit als mein Freund 
auf. Er sagte laut bei Tische: „Der Einzige, der Beethoven 
vollkommen spiele, sei ich". 

Natürlich bringt dieser Pariser Aufenthalt viele Theater- 
berichte und Novitäten, welche mehrfach das Bedenken 
der Frau erregen. „Arnal's Komik'*, sagt sie, „ist sehr 
amüsant, aber das Stück passe minuit so realistisch dar- 
gestellt, dass es an's Unaesthetische streift. Die neue Oper 
la Jacquerie soll von Auber „un opera en re" genannt 
worden sein, weil das D-dur darin vorherrscht." Guido und 
Ginevra von HaleVy wird von Moscheies „tüchtige, gut ge- 
schriebene Musik" genannt, aber begeistern kann er sich 
nicht dafür. Als sie dann noch Robert le Diable gesehn 
und Moscheies vieles darin gelobt und bewundert hatte, 
heisst es in einem Brief der Frau: „Begreift Ihr, dass man 
so Entsetzliches in Musik setzt? — Der Eine die Pest, der 
Andere den Teufel. Ich bin keine Pietistin, aber Orgel- 
spiel und Kirche passen mir nicht für's Theater und wenn 
sich die Gräber aufthun und die todten Nonnen aufer- 
stehn, bekomme ich eine Gänsehaut", — „Und ich", fügt 
Moscheies dem Brief hinzu, „wenn so viel Posaunen, Hör- 
ner und Ophicleiden das übrige Orchester übertäuben 
und mir im Ohr schwirren, wie ich auch immer Meyer- 
beer's grosses Talent achte und ehre. Der Chor war viel 
zu schwach gegen diese Orchestermasaen, die Ausstattung 
bis auf die Nonnenscene nicht meiner Erwartung gemäss. 
Mario und die Dorus Gras vortrefflich, die Andern mittel- 
massig. Halevy's SherifF ist eine geistreiche Ideen-Mosaik, 
die jedoch einen Eindruck von Zerstückelung macht". Spä- 
ter heisst es: „Was sieht und hört man nicht alles in Paris? 
Wir die Hugenotten zum ersten Mal. Ja, das ist doch ein 
grosses, gewiss sein grösstes Werk und es hat mir impo- 
nirt. Rossini's Barbier von Sevilla mit Pauline Garcia, 
Rubini und Tamburini ist auch nicht zu verachten, denn 
die Meisterschaft der drei Kehlen kann Einem nur Be- 
wunderung entlocken. Duprez ist ein vortrefflicher Teil, 
BoufFe im Gymnase, die Dejazet im Palais Royal, und 



erst Sanson und die Mars im Theatre francais bieten Ge- 
nüsse, die wir mit Euch theilen möchten!" — „Heute be- . 
komme ich ein Billet von Graf Perthuis, dem Adjutanten 
des Königs Louis Philippe, der meine Es-dur-Sonate wieder- 
holt von Chopin und mir gehört hat; er mag bei Hof 
viel darüber geredet haben, „denn man wünscht sich auch 
dort", schreibt er, „den hohen Genuss, den er kürzlich 
gehabt". Somit wurden Chopin und Moscheies beide nach 
St. Cloud beschieden. Moscheies schreibt am 30, Oct.: „Ge- 
stern war ein merkwürdiger Tag; Kalkbrenner kam, um 
mir die Hand zum Frieden zu reichen , nachdem er mich 
hatte durch eine Mittelsperson fragen lassen, ob ich sie 
annehmen würde, was ich bejahte. Er embrassirte (eniba- 
rassirte) mich durch ein Capitel Liebe und Verehrung, mit 
grossem Ernst vorgebracht. Als ich ihm sagte: Heute 
werde ich noch auf einem Instrument aus Ihrer Fabrik 
spielen, ich bin nach St. Cloud befohlen, sprang er über- 
rascht von seinem Sitz auf und behauptete, es sei kein 
Moment zu verlieren, er müsse nachsehn, ob das Instru- 
ment in bester Ordnung sei, erzählte mir auch, dass die 
Herzogin von Orleans durch seinen Unterricht in Spiel 
und Composition herangebildet, gute Musik zu würdigen 
verstehe. Um 9 Uhr fuhren Chopin und ich,, von P. und 
seiner liebenswürdigen Frau abgeholt, bei den stärksten 
Regengüssen hinaus und fühlten uns um so behaglicher, 
als wir das schimmernde, wohlerleuchtete Schloss betra- 
ten. Es ging durch viele Prunkgemächer in einen Salon 
quarrt, wo die königliche Familie en petit comit£ ver- 
sammelt war. An einem runden Tisch sass die Königin 
mit einem eleganten Arbeitskorb vor sich (etwa um mir 
eine Börse zu sticken?), neben ihr Madame Adelaide, die 
Herzogin von Orleans und Hofdamen. Die hohen Frauen 
waren affables, wie gegen alte Bekannte; die Königin, 
sowie Madame Adelaide behauptete, sich der Genüsse, 
die ich ihnen in den Tuilerien bereitet, noch dankbar zu 
erinnern; der König kam auf mich zu, um dasselbe zu 
wiederholen und meinte, es müssten wohl 15 bis 16 Jahre 
dazwischen liegen, was ich bestätigte. Dabei fiel mir der 



■ — 44 — 

arme Comte cl'Artois ein, der auch zugegen war. Dann 
fragte die Königin, ob das "Instrument , ein Pleyel, nach 
unsern Wünschen placirt sei, ob wir besondere Beleuch- 
tung gebrauchten, ob die Sitze die richtige Höhe hät- 
ten, und viel Vorsorgliches, wie es sich sonst für die 
Bürgerkönigin passte. Chopin spielte zuerst eine Zusam- 
menstellung von Notturn o's und Etüden und wurde wie 
ein Liebling bewundert und gehätschelt. Nachdem auch 
ich alte und neue Etüden gespielt und mit demselben Bei- 
fall beehrt worden, setzten wir uns zusammen an's Instru- 
ment — er wieder unten , worauf er immer besteht. Die 
gespannte Aufmerksamkeit des kleinen Kreises bei mei- 
ner Es-dur-Sonate ward nur durch die Ausrufe „divin, de- 
licieux," unterbrochen. Nach dem Andante flüsterte die 
Königin einer Hotdame zu: „Ne serait-il pas indiscret de le 
leur redemander ?** was natürlich einem "Wiederholungsbe- 
fehl gleich kam und so spielten wir es noch einmal mit 
gesteigertem abandon. Im Finale üb erli essen wir uns einem 

4 

musikalischen Delirium. 

Chopins Begeisterung durch das ganze Stück hin 
muss, glaub* ich, zündend für die Hörer gewesen sein, 
die sich nun in Zwillingslobsprüchen über uns ergossen. 
Chopin spielte wieder allein mit gleichem Reiz und glei- 
cher Theilnahme wie früher, dann ich eine Improvisation 
über Mozart'sche Süssigkeiten , die in vollem Kraftauf- 
wande mit der Ouvertüre zur Zauberflöte schloss. Bes- 
ser als alle Worte des Lobes , die gekrönten Häuptern 
unsereinem gegenüber so geläufig sind, war wohl das 
aufmerksame Zuhören des Königs * während des ganzen 
Abends. Chopin und ich waren brüderlich erfreut über 
die gegenseitigen Triumphe, die das individuelle Talent 
eines Jeden von uns feierte, von einem ä qui mieux mieux, 
kein Anflug. Endlich durften wir häuslich an den gereich- 
ten Erfrischungen Theil nehmen und um n z / 2 Uhr ver- 
liessen wir das Schloss, diesmal nur unter einem Regen 
von Complimenten , denn es war nach dem Unwetter eine 
schone Nacht geworden". Es versteht sich, dass Chopin 
und Moscheies von da an die Doppelsonate fast täglich 



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j 

— 45 — 

■ 

in musikalischen Kreisen wiederholen mussten, so dass 
man sie zuletzt nur „la sonate" nannte. Kurz darauf wird 
Moscheies unter der Hand die Frage gestellt, ob ihn der 
König durch die 16gion d'honneur oder ein anderes Zei- 
chen seiner Huld für das Spielen in St Cloud belohnen 
sojle? Er zieht irgend Etwas dem oft vergebenen Orden 
vor, und bekommt eine kostbare Reise - Chatulle , worin 
„donn£ par le Roi Louis Philippe" gravirt ist. 

Nach dem interessanten Pariser Aufenthalt, der sich 
bis spät in den November hinein ausspinnt, giebt es für 
die Familie eine gemüthliche und freudebringende Zeit 
in London, weil man sich selbst und einigen Hausfreunden 
lebt. Sonnabends wird wieder Kammermusik gemacht. Er 
arbeitet an der „Methode des methodes", die er mit Fetis 
herausgeben will; die Lieder „Mit Gott" und „Liebeslau- 
schen" entstehen : „Es müssen leider auch ein paar Mode- 
artikel geliefert werden", seufzt das Tagebuch. Als Ant- 
wort auf die Frage, ob fortgesetzte Ciavierstudien unter 
einem Lehrer heilsam seien, wenn ein gewisser Grad von 
Ausbildung erreicht ist, sagt Moscheies: „Wer viel Gutes 
gehört und studirt hat,, der sollte keines Lehrers bedürfen, 
' um seinen Fleiss anzustacheln. Er sollte eingedenk der 
grossen Vorbilder muthig fort arbeiten , um das Grösste 
zu erreichen, viel mit Begleitung spielen, immer mehr und 
mehr Meisterwerke kennen lernen und mit Ernst in ihre 
Schönheiten eindringen; so wird die schon erlangte Tech- 
nik sich über den gewöhnlichen Dilettantismus erheben". 

Die Leiter der Philharmonischen Concerte beschliessen 
in einer Versammlung, dem Unfug ein grosses Auditorium 
zu den Proben einzulassen, endlich zu steuern; „doch 
gab es eine heftige Debatte* \ sagt Moscheies im Tage- 
buch, „ehe wir es durchsetzten." 

Ueber den Salomon von Händel heisst es: „Das herr- 
liche "Werk konnte durch die zu tief stehende Orgel nicht 
verdorben werden , obwohl jeder neue Einsatz des Orche- 
sters peinlich war. Clara Novello, Philipps und die andern 
Sänger waren vortrefflich". — Immer finden wir Mendels- 
sohn als Schöpfer . neuer Freuden, Die Frau hat einmal 



- 4 6 - 

zu schreiben: ,. Mendelssohn hat nicht nur einen Brief, 
nein er hat mir darin auch ein neues, natürlich reizendes 
Lied geschickt, der Text altdeutsch: „Es ist in den Wald 
gesungen". So freundlich und gut wie er, ist doch keiner. 
Nun wird es. viel, zwar nicht in den Wald, aber in's Zim- 
mer gesungen, und jedesmal scheint es hübscher als zu- 
vor. Wir haben letzte- Woche auch zwei neugebaute Or- 
geln von Gray, die eine für Belfast, die andere für Exe- 
terhall gehört und Moscheies bewundert die Fertigkeit, 
sowie die schöne Improvisationsgabe des Organisten Adams 
gar sehr, der sie ihn hören liess." 

Der Jahresschluss war nicht arm an Scherzen, Chara- 
den u. s. w.; die befreundeten Musiker waren die Trager 
der Hauptrollen: Thalberg am Ciavier ist ernst und feier- 
lich, Thalberg in diesem kleinen Kreise zu jeder Thorheit 
bereit. Benedict, der Vielbeschäftigte findet hier Zeit zu 
Verkleidungen. Andre Freunde gesellen sich zu ihnen und 
um die 12. Stunde haben sich das alte und neue Jahr in 
einem Scherzgewande die Hände gereicht, stille dankbare 
Rührung und heitere Laune sich in den Gemüthern der 
Gatten vermählt, um zutrauensvoll den neuen Zeitabschnitt 
mit einander anzutreten. 



1840. 

Der erste Brief, der uns in diesem neuen Jahr vor- 
liegt, ist an die mütterliche Freundin Frau v. Lewinger 
in Wien gerichtet und wir schalten ihn theil weise ein, als 
einen Beweis der Pietät, die Moscheies den Wohlthätern 
seiner Jugend durch sein ganzes Leben bewahrte. 

London, 8. Januar 1840. 

• Liebste Frau v. Lewinger! 
Erlauben Sie, dass Ihr alter Freund Moscheies ein 
wenig mit Ihnen plaudert, dass er Sie fragt, was Sie 
machen und ob Sie ihn noch lieb haben. Ich fürchte, dass 



-wenn Sie mich nach meinem seltenen Schreiben beurthei- 
len, ich in der "Wagschale Ihrer guten Meinung sehr ge- 
sunken bin und hoffe nur die gewohnte Nachsicht bei 
Ihnen zu finden, die immer meine Partei nahm, wenn 
meine Schwächen zu streng beurtheilt und gerichtet wur- 
den. Jetzt stehe ich vor Ihnen als. Mann, dessen Jugend- 
fehler Sie vielleicht längst vergessen haben; aber eben 
weil ich als solcher in häusliche Pflichten, in Vaterfreu- 
den und Sorgen verwickelt bin, während ich meine Kunst 
noch immer liebe und pflege, bin ich ein schlechter Corre- 
spondent geworden, bleibe aber trotzdem eingedenk der 
Hiebe und Freundschaft, die Sie mir stets geschenkt 
haben. 

Während Sie sich in "Wien mit den modernsten Künst- 
lern — Sängern und Clavierspielern — unterhalten, fehlt 
-es uns auch hier nicht an Wundern aller Art. Thalberg 
benutzt seine Jugendkraft und sein Talent, um in Gross- 
britannien Lörbern und Guineen zu sammeln. Ich sehe 
ihn viel, wenn er nach London kommt, jetzt aber hat er 
schon sein Abschieds-Concert gegeben und ist nach Schott- 
land gereist. Es ist mir interessant, die jüngeren Künst- 
ler ihre Carriere machen zu sehen, während ich nun an- 
fange, den ruhigeren Zuschauer zu spielen und die Kunst 
.zwar mit immer grösserer Liebe, doch mehr privatim zu 
treiben. So habe ich wöchentlich einen musikalischen Zir- 
kel von Freunden und Künstlern in meinem Hause, wo 
nur gewählte Musik gemacht wird. Meine älteste Tochter, 
12 Jahre alt, trägt auch ihr Scherflein dazu bei und ent- 
wickelt einen soliden Vortrag auf dem Pianoforte. Es 
freut mich, meinen Kindern eine vielseitige Bildung zu 
geben ohne die Ambition zu haben, dass sie als Wun- 
der-Erscheinungen gelten. Ohnehin wünsche ich nicht, 
dass sie von der Kunst öffentlichen Gebrauch machen." 

Später heisst es: „Thalberg ist wieder in London, 
will nach Paris und dann nach Amerika. Die Concurrenz 
mit Liszt wird ihm wohl zu lästig und desshalb scheint 
•er London künftig meiden zu wollen " 

In einem andern Brief wird das Erfreuliche der neuen 




_ 4« - 

Portotaxe besprochen: „Während wir früher i sh. 8 d. 
für ein Blättchen , gross oder klein , zahlen mussten t be- 
schränkt man jetzt die Zahl der Einlagen nicht, und nur 
das Gewicht bestimmt die Brieftaxe. Die x /z Unze kostet 
i sh. 8 d.; i Unze 3 sh. 4 d. Eine grosse Erleichterung." 

Die häuslichen Musikabende dieses Winters , die den 
früheren gleichen, wären kaum der Erwähnung werth, 
berichtete nicht die Frau mit besonderer Freude, dass eine 
Sonate mit Horn oder Cello, ihrer Mutter von Ries im 
Jahr 1815 dedicirt, von Moscheies gespielt ward. Auch eines 
neuen interessanten Zuhörers wird erwähnt; es ist Sir 
Gardner Wilkinson, der egyptische Reisende, dessen drei- 
bändiges Werk über das Land und seine Dynastien als 
belehrend gelesen wird. Im britischen Museum bewundert 
man seine mitgebrachten Antiquitäten. 

In diese Zeit fällt Moscheles' Ernennung zum Piani- 
sten S. K. H. des Prinzen Albert ; doch ward er, dem es 
Freude gemacht hätte, diesem musikliebenden Fürsten 
künstlerisch näher zu treten, nie von ihm zu irgend einer 
Leistung berufen. Der Prinz spielte und componirte, das 
wusste man, aber Moscheles ward weder sein Lehrer noch 
Rathgeber dabei. Wie wir erwähnten, wollte er kaum 
mehr Öffentlich auftreten, konnte jedoch nicht umhin, einer 
wiederholten Einladung der Philharmonischen Directoren 
Folge zu leisten, „und feierte einen Triumph in Anwesen- 
heit unsres lieben Vaters", schreibt die Frau. Moscheles 
fügt hinzu: „Der Antheil, den auch Ihr an dem gestrigen 
Abend nehmt, und die Liebe, mit der Ihr mir alles Gute 
gönnt, macht mich überglücklich, nur kann ich mich sol- 
chen Feiertagsgedanken nicht ununterbrochen widmen, 
weil das Heer meiner Schülerinnen ruft." 

Später heisst es in einem Brief der Frau: „Wieder 
eine neue Mode, seitdem Liszt in London ist. Die clavier- 
spielenden Concertgeber lassen ihre eigenen Namen auf 
ihren diesjährigen Concertzetteln in mässig grossen schwar- 
zen Lettern drucken , während der of the celebrated pia- 
nist Liszt ellenlang und Samielroth daneben prangt. Be- 
nedict hat ihn in seinem Concert, Mrs. Anderson und 



— 49 — 

Döhler ebenfalls und die ihn nicht haben, setzen auch 
den grossen rothen Namen hin, darunter ganz winzig klein 
die Worte: „with whom an engagement is pending." „Li- 
tolff, Moscheles' früherer Schüler, hat in Paris Furore ge- 
macht, und ist jetzt wahrscheinlich zu 'gleichem Zwecke 
hierhergekommen. Fräulein Löwe gastirt mit gleichem Er- 
folg, Jarret ist ein vortrefflicher, neu importirter Hornist, 
wir sind eben im April, die Saison beginnt, also Musik 
ohne Ende." Ein Brief des Vaters, wenige Tage später 
in London geschrieben, bewahrheitet am besten diese 
Aussage : 

„Unser hiesiges Thun und Treiben ist so, dass ich 
keine Einladung bei den Geschäftsfreunden annehmen, 
keine Parlamentssitzung mit anhören kann; ich schwelge 
in Musik. Einen Theil des Philharmonie Concert und eine 
deutsche Oper an einem Abend, die Puritani mit deV 
Grisi, Lablache und Rubini am nächstfolgenden; darauf 
Ancient-Concert im Beisein der Königin, des Prinzen und 
sonstiger Granden und Tags darauf Macready und Helen 
Fawcett im Haymarket, dazwischen Molique und A. bei 
uns, zu classischen Trio's und Sonaten, die Kreutzer-So- 
nate obenan; von den Diners und Soireen sei nur das bei 
Grote (dem Geschichtschreiber) erwähnt, weil es nicht 
nur durch den Hausherrn, sondern auch durch die An- 
wesenheit der Schriftstellerinnen Jameson und Austin be- 
sonders interessant war. Unsere Tour nach Windsor be- 
günstigte das herrlichste Wetter, so dass sich Kunst und 
Natur vereinigten, um unsere Genüsse zu vervielfältigen. 
Liszt kommt oft und freundschaftlich in's Haus und wir 
Alle staunen sein transcendentes Spiel an. Ihr kennt es 
schon an unserm Moscheles , dass er Jedem Gerechtigkeit 
widerfahren lässt, also auch Liszt, in dem gar Mancher 
einen zu fürchtenden Rivalen sehen würde; nicht er; sie 
sind und bleiben Kunstbrüder, wenn auch nach verschie- 
denen Richtungen hin. Für Litolff ist es fatal, dass er 
mit Liszt zusammentrifft und muss ihm Schaden thun; ein 
Kutter, der von einem Dreimaster in den Grund gebohrt' 
wird ! — Ihr müsst mit dem schattenhaften Umriss meiner 

Moscheles' Leben. II. „ 



Erlebnisse vorlieb nehmen; mündlich hoffe ich, ihm durch 
Ausfüllung eine interessantere Färbung zu geben." 

In einem der nächsten Philharmonischen Cöncerte 
spielt Liszt drei Etüden von Moscheies „ganz vortrefflich, 
untadelhaft in der Technik", schreibt Moscheies, ,,aber 
seine Genialität hat die Stücke gänzlich umgewandelt; sie 
sind mehr seine, als meine Etüden geworden, doch gefal- 
len sie mir, und von ihm möchte ich sie nicht anders 
hören. Auch seine Paganini-Etüden, die ich in seiner Sonn- 
tags-Matinee hörte, waren mir ungemein interessant; eine 
Alles schlagende Technik; er macht was .er will und 
macht es vortrefflich und die hoch in die Luft geworfe- 
nen Hände kommen nur selten, nur erst aunens würdig sel- 
ten — auf eine falsche Taste herunter." „Und auch" seine 
hochfliegenden Ideen", fügt die Frau hinzu, „werden durch 
die ausgebildetste Dialektik stets interessant, wenn auch 
mitunter satyrisch gegeben. Die Satyre ist mir oft eine 
verstimmte Taste in unserer Conversation , der Zucker- 
schaum des vortrefflichsten Französisch kann mir manche 
Grundsätze nicht annehmbar machen, sie munden meinem 
deutschen Gaumen nicht. Dennoch kommen wir gut zu- 
sammen aus, ich höre ihm gern zu, lasse mich aber nicht 
zu seinen Ansichten bekehren. Wir waren mit ihm in der 
Hope'schen Gemälde-Galerie und hatten Gelegenheit, seine 
Kenntnisse in der Schwester -Kunst zu bewundern. Sein 
eigenes Concert musste Mosch eles leider allein besuchen, 
da ich erkältet war, und nun, sagt er, sollt Ihr sein Ent- 
zücken über Liszt's Spiel aus zweiter Hand von mir ent- 
gegennehmen — ganz so wie ich es aus seinem Munde em- 
pfing — * denn zum Schreiben kommt er nicht. Als Liszt 
mich kurz nachher besuchte, brachte er mir sein Portrait 
mit, seine schriftlichen hommages respectueux darunter; 
für Moscheies ein Kistchen Cigarren; was aber das beste 
war, er spielte mir den Erlkönig, das Ave Maria und ein 
reizendes ungarisches Stück. Jetzt will er einen Abstecher 
nach Baden-Baden machen, dann drei Monate mit Cramer die 
englischen Provinzen bereisen (ä 500 £. pr. Monat), und sich 
hinterher auf einer Reise nach Petersburg erholen." 



Moscheies schreibt: „Nun haben wir auch von einer 
russischen Episode in unserm tollen Saison -Leben zu be- 
richten; nur soviel darüber, dass LwofF, mir von Mendels- 
sohn empfohlen, ausgezeichnet als Violinspieler, und durch 
und durch musikalisch ist. Ich mache gern Musik mit 
ihm." „Die Zuhörer dabei", schreibt die Frau, „sind ausser 
den Hausfreunden die russische Hofdame Fürstin L., ihre 
schöne junge Nichte, eine D. und Catherine O., alle drei 
angenehm und liebenswürdig. Lwoff gefallt mir doppelt, 
weil er die Gräfin Rossi (Sonntag) verehrt; sie singt all- 
wöchentlich mit vollem Orchester in seinem Hause, sagt 
er." Diese russischen Gäste werden auch in die deutsche 
Oper geführt, die in diesem Jahr vortreffliche Geschäfte 
macht. Man sieht Iphigenie und Titus, die Musik stel- 
lenweise bezaubernd. „Unsre Russen sind solche Enthu- 
siasten, dass sie Moscheies gern immerfort am Ciavier er- 
halten möchten; sie können nicht genug hören." 

Ende Juli schreibt Moscheies: „Schon ist der grösste 
Theil meiner Schülerinnen in alle Gegenden zerstreut und 
ich fange an, mich zu räuspern; hierauf grüsse ich Sie 
und danke für alle Berichte. Gestern kam leider ein Brief 
von Mendelssohn an Charlotte, in welchem er sich als an- 
gegriffen und geschwächt schildert, und vielleicht, auf 
Anrathen des Arztes das Birminghamer Musikfest aufge- 
ben muss. Es soll sich erst entscheiden, wenn er von 
Schwerin zurückkommt und wir hoffen noch, eine Hiobs- 
post bleibt aber sein Brief." — Da Mendelssohn keines- 
falls vor dem September erwartet werden kann, so macht 
man einen Abstecher zu einer befreundeten Famjlie nahe 

■ 

bei Tunbridge, aber auch dort, in ländlicher Ruhe wird 
Arbeit vorgenommen. Der Verleger Murray hat Mosche- 
les aufgefordert, seine Beethoven - Erinnerungen zusam- 
menzustellen und bei ihm herauszugeben; so benutzt 
Moscheies diese lectionenfreie Zeit, um die grosse Wie- 
ner Zeit und die Beziehungen mit dem grossen Genius 
zu Papier zu, bringen. An seine Schwester schreibt er: 

„Rotherfield, 12. August 40. Heute spreche ich Dir 
von meinem Ich, denn mein zweites Ich und die kleinen 

4* 




— 52 — 

Iche reden für sich selbst. Also ich geniesse den Anfang* 
meiner Feiertage in vollstem Maasse; die reizende Gegend, 
die wir in aller Ungezwungenheit durchwandern, die Lie- 
benswürdigkeit unsrer Wirthe, das Glück der Kinder, 
Alles ist herrlich im Gegensatz zu London und dem Ar- 
beitsjoch und meine einzige Unterbrechung im Nichtsthun 
die Beethoven-Skizze " 

Mendelssohn^ Unwohlsein bleibt eine Sorge, doch 
wird sie endlich durch einen Brief von ihm gehoben. Er 
darf kommen, er kommt im September, das ist eine 
grosse Freude. Vor seiner Ankunft wird in den Hano- 
ver Square-Rooms bei verschlossenen Thüren eine Probe 
seines „Lobgesangs" gehalten. Moscheies schreibt dar- 
über: „Die Composition hatte grossen Reiz für mich, 
aber ich will sie, wie genau ich sie auch kenne, noch ein- 
mal mit Orchester * hören , ehe ich Ihnen ausführlich dar- 
über schreibe. Obschon Knyvett als Conductor und F. 
Cramer als Vorgeiger engagirt sind, ersuchten sie mich 
doch einstimmig, mich in die Mitte des Orchesters neben 
den Organisten zu setzen und von da aus consultirten sie 
mich über alle Tempo's; ich gab also eigentlich, wie ein 
General in seinem Zelte die Operationsbefehle, hütete mich 
jedoch vor dem Ansehen, als wollte ich in das Amt des 
bestellten Conductors greifen. Dennoch sagt die redselige 
Morning - Post , die Probe sei unter meiner und Kny- 
vett's Leitung gehalten worden." Ein anderer Brief von 
Moscheies aus London, 17, September an die Schwäge- 
rin sagt: v 

„Ich möchte Dir gern viel Interessantes und Hübsches 
sagen, und da ist gleich das Interessanteste Prinz Louis 
Napoleon; ich bedauere ihn um so mehr, als ich ihn per- 
sönlich nur als den höflichen, feinen, jungen Mann kenne. 
Dass er dergleichen politische Unternehmungen vor hatte, 
sah man ihm freilich nicht an; nun sind sie gescheitert. 
Es stehen noch dunkle Wolken am politischen Horizont^ 
aber mir kommen sie jetzt nicht so drohend vor. Ich habe 
mehr als gewöhnlich den Zankapfel der Staaten unter- 
sucht j gegen Mohammed Ali finde ich sie, unter uns ge- 



— 53 — 

sagt, ungerecht. Ich glaube nicht, dass die Verbündeten 
es wegen des blossen Ausschliessens Frankreichs vorn 
Tractat zu einem Kriege zwischen diesem und England 
kommen lassen. Der Continent wird im schlimmsten Falle 
nicht so von Albion abgeschlossen werden, dass der Pia- 
nist S. K, ' H. des Prinzen Albert , den Louis Philippe 
kürzlich beschenkt, nicht ruhig zwischen beiden Ländern 
hin und her reisen konnte; daher denken wir noch immer 
an unsre Boulogner Tour. Heute erwarteten wir Mendels- 
sohn, und mit nicht geringer Ungeduld; Sonnabend soll 
er schon in Birmingham Probe halten." 

Am 20. September geht Moscheies mit dem glücklich 
angekommenen Freunde nach Birmingham; die Frau soll 
ihnen Tags darauf folgen. .Moscheies schreibt ihr um 4 Uhr 
Nachmittags: 

„Wenn Du diese Zeilen liesest, fasse neuen Muth, die 
Reise nach Birmingham anzutreten, denn meine so ange- 
nehm vollbrachte Fahrt ist mir ein sicherer Vorbote, dass 
auch Du sie glücklich zurücklegen wirst. Wir sind unge- 
heuer schnell gefahren und schon in 472 Stunden ange- 
kommen. Meine Unterhaltung mit Mendelssohn war un- 
ausgesetzt lebhaft und interessant, Du oft ihr Gegenstand, 
auch die Gedanken viel bei Dir. Ich installirte mich gleich 
in dem netten Stork-Hotel und ass mit Mendelssohn und 
Ayrton bei Moore (vom Fest - Comite) , dort wohnt Men- 
delssohn. Das Vorhergehende schrieb ich in seinem Schlaf- 
zimmer, von dort wurden wir zusammen zum Essen ge- 
rufen, und jetzt statt meine Siesta zu halten, fahre ich 
fort, um Dir zu sagen, dass heute Abend Chorprobe sein 
soll. Vorher gehe ich mit Mendelssohn in. die Musikhalle, 
wo er Orgel spielen will. Ich werde Dich an der hiesigen 
Station empfangen " 

Mendelssohn schreibt: 

„Darf ich meinen Gruss hier einschwärzen und Ihnen 
in Moscheies* Brief sagen , wie lieb , freundlich und gütig 
er auf der Herreise mit mir war,, wie mir die Stunden 
verflogen sind , . als wären es Minuten , und wie ich nur 
immer denke, wie macht man's, um für solche wirkliche 



— 54 — 

Wohlthaten seinen Dank wenigstens auszusprechen? Es 
geht aber ein für allemal nicht, auch nicht schriftlich, 
aber herzlich desto mehr. — Auf frohes Wiedersehen 
schon morgen! Und an die Kinder alle meinen besten 
Gruss. 

Stets Ihr 
Felix Mendelssohn-Bartholdy." 
Gleichzeitig schreibt die Frau ihren Verwandten: 
„Unser lieber Mendelssohn, anders kann ich ihn nicht 
nennen, am 18. , um 4 Uhr- Nachmittags in London ange- 
kommen, war jim 7 Uhr bei uns, brachte seine alte Freund- 
schaft und Herzlichkeit mit, war genial, heiter, gesund, 
genug ein Muster von einem Menschen. Bei Tische und 
den ganzen Abend wurden alle Reminiscenzen früherer 
glücklicher Stunden hervorgesucht, dann zog er Mosche- 
les zum Ciavier und liess sich alle seine Lieblings-Etüden 
vorspielen, und da jede sein Liebling ist und er sich bei 
jeder neu enthusiasmirte , so gehorchte er erst um Mit- 
ternacht meinem dritten Aufruf, doch nun endlich zu 
Bette zu gehen und zu ruhen. Sonnabend zwischen 4 und 
5 Uhr war er wieder da, und da Moscheies zu einem Schü- 
ler gerufen ward, blieben er und ich eine Stunde allein; 
dann, spielte er zu seiner grossen Zufriedenheit mit E. 
seine Ouvertüre zur „Fihgals Höhle" und liess sich ihre 
Composition vorspielen. Chorley und Klingemann kamen 
zu Tische und Abends genoss Felix der Kleine eine solche 
Balgerei mit seinem grossen Herrn Gevatter, dass das 
ganze Haus davon erzitterte. Wer hätte es geglaubt, dass 
derselbe Mensch, der so mit einem Jungen herumtollte, 
auch so phantasiren könne? Die beiden M. fantasiren näm- 

■ 

lieh zusammen über gegenseitige Themen und wenn ich 
sage, es war herrlich, schön, merkwürdig, so habe ich es 
doch nicht beschrieben; sieben Jahre lang hatte ich sie 
nicht zusammen spielen gehört, mein Eindruck war: es ist 
so schön, dass es der Mühe werth ist, sieben Jahre darauf 
zu warten. Sonntag um 9 Uhr war Mendelssohn wieder 
bei uns und die ganze liebe Familie begleitete ihn und 
Papa an die Eisenbahn. Ich blieb. den ganzen Sonntag 

\ 



— 55 — 

bei den Kindern und reiste Montag nach Birmingham 
in's Stork -Hotel. Dienstag früh wanderten wir nach der 
Music Hall und Mendelssohn sass bis zu seinem Orgel- 
spiel bei uns. Er spielte nämlich eine Fuge von Bach ganz 
meisterlich , ausserdem ward „Israel in Egypten" und die 
unvermeidliche miscellaneous selection (vermischte Aus- 
wahl) gegeben, denn Alles musste mitwirken, u. A. aber 
auch Madame Doms Gras mit ihrer unübertrefflichen Co- 
loratur und der einzige Lablache, Dieser und die Orgel 
standen einander als Giganten gegenüber, viele der an- 

* 

dern als Pygmäen. Phillips stand als vortrefflicher Bassist, 
Braham als Wunder da, denn nachdem er uns oft durch 
sein Detoniren und die Unzulänglichkeit seiner Stimme 
missfallen hatte, singt er auf Einmal ganz rein, prachtvoll, 
mit Portamento, genug zum Erstaunen schön. Wie das 
herrliche Werk „Israel in Egypten" in der Music Hall 
mit diesen Massen und dieser Orgel klang, das muss Eure 
Phantasie Euch besser ausmalen, als ich es beschreiben 
kann. Weder Mendelssohn noch wir gingen in's Abend- 
Concert, sondern sassen die Stunden plaudernd beisam- 
men. Er musste viel von seiner Frau erzählen , die wir ja 
leider noch nicht kennen, und zeigte ihr Bild, das wun- 
derhübsch ist; wie er sie beschreibt, muss sie ein Engel 
sein." — 

Am 23. September schreibt Moscheies aus Birmingham : 
„Ich habe durch Mendelssohn's Erscheinen einen neuen 
Lebensgenuss erhalten und er nimmt neben den theuer- 
sten Familienbanden mein ganzes Ich in Anspruch. Er 
erscheint mir abwechselnd als Bruder, Sohn, Liebhaber, 
am meisten aber als lodernder Musik - Enthusiast , der es 
kaum zu ahnen scheint, wie hoch er schon gestiegen ist. 
Während ihn sein Genie so weit über die Alltagswelt 
erhebt, weiss er doch so gut mit ihr zu leben. Während 
Birmingham sich brüstete, den Hochbegabten zu besitzen 
und sein neuestes Werk in seinen Hallen aufzuführen, 
fand er noch Zeit und Lust, unsern Kindern eine Zeich- 
nung von Birmingham zu machen (mit Stahlfeder und 
Dinte). Die Ansicht der Stadt mit ihren . Schornsteinen, 



I 



- 5 6 - 

Fabriken, ihrer Townhall und dem Dampfwagen, worin 
er und ich sitzen — Alles ist architektonisch merkwürdig 
und mit erklärenden Witzen ausgestattet; ein Andenken 
glücklicher Stunden, das die Grossen gewiss sorgfaltig 
aufbewahren werden. Als ich ihn an demselben Plauder- 
abend, dessen Charlotte erwähnt, im traulichsten Gespräch 
nach Hause begleitete, wollte er, an seiner Wohnung an- 
gelangt, mich durchaus die zwei engl. Meilen wieder zu- 
rückführen, doch erlaubte ich es ihm nur theilweise. Die 
Nacht war nicht warm und seine eben überstandene Krank- 
heit , sowie sein bevorstehendes Dirigiren und Spielen er- 
heischten Ruhe, ermahnte ich. — Gestern früh bot die 
Townhall wieder einen imposanten Anblick durch Fülle, 
Eleganz und die Massen der Chor- und Orchester-Mitglie- 
der; Händel, Fasch, Palestrina, Mozart wurden durch- und 
hintereinander aufgetischt, Lablache wie immer grossartig. 
Der 2. Theil war Mendelssohn gewidmet; er wurde laut 
und herzlich empfangen, hatte jedoch in seiner Art sich 
zu bedanken, etwas jungenhaft eiliges, als wolle er die 
Sache bescheidenerweise möglichst schnell abmachen. Seine 
Direction des Orchesters erwirkte eine seltene Einheit und 
Präcision. Das Werk „Lobgesang" ist eigentlich eine Sym- 
phonie, verbunden mit einer geistlichen Cantate, erstere 
meisterlich gearbeitet, ob streng, feurig, geraüthlich oder 
erhebend. Die darauf folgende Hymne mit Chor ist ganz 
im strengen Styl. Braham sang hierauf sein Recitativ 
mit grossem Pathos, seine Stimme kraftvoll verjüngt. Ein 
herrliches Duett für zwei Soprane folgt und dann erst brechen 
grosse Massen jubelnd hervor. Die Gewalt der Fuge tritt 
triumphirend auf, die Orgel dröhnt königlich, die Pauken, 
doppelt besetzt, markiren den Rhythmus wie die Pulsschläge 
den aufgeregten Blutlauf. Ein Choral von solcher Würde 
folgt , dass sich unwillkürlich die grosse Versammlung — 
wie sonst nur beim . Hallelujah , von ihren Sitzen erho"b. 
Die Fuge des Schlusschors ist pompös; ihr Hauptgedanke 
auf die Worte „Lobet den Herrn" derselbe, der sich durch 
das ganze Werk hindurchzieht. Der lauteste Beifall be- 
lohnte den herrlichen Künstler. 



i 



Um 3 Uhr Nachmittags, als der Saal geleert war, 
spielte er noch vor einigen Auserwählten 3 / 4 Stunden lang 
die Orgel, nicht als hätte er heute schon Musik gehört 
oder dirigirt, sondern als finge sein Tag eben an. — Den- 
selben Abend hörten wir im Theater erst einen Act der 
gazza ladra von der Caradori und Lablache, dann Men- 
delssohn's G-moll-Concert, von ihm mit sprudelnder Leben- 
digkeit und zarten Intentionen gespielt, endlich in seiner 
Gesellschaft, da er sich zu uns gesetzt hatte, Lablache mit 
seiner unwiderstehlichen Komik in der prova d'un Opera 
seria. Was .doch der musikalische Magen in England an 
einem Tage verdauen kann und muss! 

Heute früh verlassen wir Birmingham, dort aber hat 
mir Charlotte einen Plan ausgeheckt, über den Ihr stau- 
nen werdet. Sie beredete mich, Mendelssohn nach Deutsch- 
land zu begleiten, um als guter Sohn meine seit längerer 
Zeit leidende Mutter zu besuchen. Sie hat grosse Sehn- 
sucht nach uns und den Kindern, doch liesse sich die 
weite Reise mit der ganzen Caravane nicht leicht machen, 
sie wird für mich allein schon kostspielig sein und ich 
denke bei meiner Rückkehr durch verdoppelte Thätigkeit 
mein flottes Leben wieder einzubringen. Die Kinder könn- 
ten wir nur Euch, sonst Niemandem überlassen, und so 
bringen wir Eheleute der guten Mutter dies Trennungs- 
opfer. Mendelssohn will in London bleiben, bis ich die 
Meinigen in irgend einer Landwohnung installirt habe und 
zur Abreise bereit bin. Ich schreibe Euch vom Conti- 
nent aus." 

Dem Aufenthalt in Birmingham folgen noch glück- 
liche Stunden mit Mendelssohn in London, und zuletzt 
vereinigen sich die gegenseitigen Freunde zu einem Musik- 
abend im Moscheles'schen Hause. Mendelssohn spielt die 
Partitur des „Lobgesangs' 1 am Ciavier durch und nach 
andern Stücken wird wieder vierhändig phantasirt, mit 
einem wunderbaren „Gemisch von Themen und doch so, 
als sei Alles harmonisch im Einklang gedacht.* ! 

Es wird beschlossen, dass, als Dritter im Bunde, Chor- 
ley mit den beiden Freunden nach Deutschland reist. 



- 58 - 

Beim Abschied zeichnet Mendelssohn noch mit der Feder 
ein ganzes Blatt voll Anspielungen auf die Erlebnisse der 
letzten Wochen in 's Album der Frau, Chorley schreibt 
eine Erklärung in Knittelversen darunter, Moscheies einige 
tiefbewegte Abschiedsworte, und um Mitternacht entführt 
eine Dover-Mailcoach die drei Reisenden. Leider hat aber 
der Wagen vier Plätze und ein Ungebetener stört das .. 
Freundes-Trio. „Er schläft gut", sagt Einer, „überlegen 
wir, was wir mit ihm thun, wenn er aufwacht!" „Ihn 
umbringen, ist das einzige Mittel", sagt ein Anderer. — 
Der Schläfer regt sich in diesem Augenblicke; natürlich 
erschraken die Sprecher ob ihres schlechten Witzes und 
Moscheies fallt mit der ihm eigenen Geistesgegenwart 
(auf englisch) mit den Worten ein: „Und dann sagte sie, 
nie würde sie diesen Mann heirathen." Ein S f atz, der sich 
von da als Sprichwort unter ihnen erhielt. Mendelssohn 
bricht in ein homerisches Lachen aus, das die beiden An- 
dem ansteckt. Was mag der noch halb Verschlafene von 
seinen Cumpanen gedacht haben? — 

Als die drei Freunde nach einer fatalen, achtstündi- 
gen Seefahrt in Osten de in Moscheies ' erwärmtem Schlaf- 
zimmer sitzen, ist es dessen erstes Geschäft, seiner Frau 
zu schreiben ; Chorley fügt freundliche Worte hinzu, Men- 
delssohn macht wieder eine Federzeichnung — ein schwan- 
kendes Darapfboot auf hochbewegter See und darunter 
die Worte: Heiss mich nicht redfcn, heiss mich schweigen. 

Schiller. 

Es giebt Augenblicke im Menschenleben. 

Goethe. 

Here the ship gave a lurch and he grew seasick. 

Byron. 

Wir sitzen aber alle drei sehr comfortabel um das 
Feuer in Moscheies' Zimmer und gedenken Ihrer. 

+ 

Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

Die Weiterreise wird in Mendelssohn's Wagen mit 
Postpferden gemacht und Moscheles* nächster Brief an 
die Frau ist aus 



„Lüttich, Sonntag Abend 4. October 1840, 

Hotel du Pavillon anglais. 
Heute früh 7 Uhr, ehe wir Ostende verliessen, über- 
gab ich dem Wirthe meinen ersten Brief für Dich; die 
Post war noch geschlossen, als ich ihn selbst hintragen 
wollte. Unsre Reise ging vortrefflich bei Sonnenschein 
von Statten; ich hatte viele vertrauliche Gespräche mit 
Mendelssohn; wir haben uns gegenseitig manche Details 
über unsere Freier - Zustände mitgetheilt, wo und wie es 
zu unsern Heiraths - Anträgen kam und endlich, wie wir 
Keiner unsere Frau vertauschen möchten. Er rechnet 
sicher darauf, dass ich acht Tage bei ihnen in Leipzig 
bleibe, vielleicht ein eigenes Concert gebe oder nur im 
Abonnements-Concert spiele — ich fasse keinen Entschluss, 
bis ich angekommen bin." 

„Sonntag Abends 8 Uhr, 
Wir wollten heute Nacht in Aachen schlafen und 
müssen statt dessen hier ausharren; An Mendelssohn'» 
Wagen ist die Achse gebrochen und er untröstlich, be- 
sonders unsertwegen, obgleich wir ihm Muth zusprachen. 
Er erwartete hier Briefe von seiner Frau und da ich lei- 
der keinen für mich von der meinigen zu holen hatte, er- 
bot ich mich für ihn an die Post zu laufen, bildete mir 
auch ein — bis ich dorthin kam — es sei für mich selbst. 
Ich brachte ihm richtig einen Brief, der ihn wieder in 
seine natürlich gute Laune versetzte; der Schmidt hatte 
den Wagen fortgenommen, mit dem Versprechen, ihn bald- 
möglichst wiederzubringen; man servirte uns ein vortreff- 
liches Diner, Chorley schlug vor, einer Champagnerflasche 
den Hals zu brechen, die Gesundheiten der Frau Doctorin 
und Frau Professorin wurden getrunken und nach Tische 
ging ich mit Mendelssohn in's Caffeehaus, Dort lasen wir 
die Abdication des Königs von Holland zu Gunsten des 
Prinzen von Oranien, Napiers Einnahme von Beyrut, 
wobei es, wie ich fürchte, schlecht mit dem 71jährigen 
Mehemet Ali steht; auch Louis Napoleon's Vertheidi- 
gung von Berryer las ich und jetzt fallen mir die Augen 
zu. . . 



— 6o — 

■ 

„Aachen, Montag* 5. October 1840. 
Hotel zum grossen Monarchen, Abends 11 Uhr. 

Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesprochen, 
sage ich mir selbst, so muss es doch vor dem Schlafen- 
gehen sein! So geschieht es ja nur zu oft in London. 
Heute Morgen in Lüttich habe ich Dir in meinem zwei- 
ten Brief Adieu gesagt und nun schreibe ich Dir meinen 
dritten. . . . Mendelssohns Wagen wurde erst um 12 Uhr 
fertig, so konnten wir vorher noch einige Kirchen besehen. 
Die Reise ging ganz vergnügt von Statten und obgleich 
uns einige Regenschauer begleiteten, genossen wir doch 
die üppig schöne Gegend und sassen traulich und bequem 
beisammen. Um 7 Uhr an der preussischen Grenze ging's 
uns unerwartet gut. „Die Herren haben wohl nichts 
Steuerbares bei sich?" Und auf unser nein: „Fahr' zu 
Postillon." Wir müssen also gentlemanlike ausgesehen 
haben. Um 8 Uhr kamen wir in diesem vortrefflichen 
Gasthof an, ich lief gleich zu Mayer's, wo mich die Frau 
in ihrem neuen schönen Hause mit offnen Armen empfing, 
sie hat sich gut erhalten und spricht so herzlich und ver- 
gnügt wie immer. Im Gasthot beim Souper mit Mendels- 
sohn und Chorley kamen Wiedersehens- Scenen und Her- 
zensergiessungen verschiedener Art. Erst Ole Bull, der 
gestern mit dem Sänger Eicke hier Concert gegeben hat, 
beide gesellten sich zu uns; dann Mayer, der mich bei- 
nahe in seinen Armen erdrückte. Mendelssohn erfreute 
sich an seiner Herzlichkeit und fand in ihm einen guten 
Bekannten seiner Familie; auch er soupirte mit uns. Dann 
kommt eine lange hagere Gestalt im Don Quixote-Genre, 
die mich umarmt — es war Schindler. Er grüsst Mendels- 
sohn, der ihn auch freundlich: ich sah, was er dabei un- 
terdrückte. Nun setzt auch der sich zu uns. 

An Chorley stellte ich Schindler absichtlich nicht vor, 
gab ihm nur einen geheimen Wink, dass er den grossen 
Biographen vor sich habe; diesem sagte ich, der Englän- 
der sei unser gemeinschaftlicher Freund. Nun entstand ein 
Wirbel von Fragen, Erinnerungen an alte Zeiten, leiden- 
schaftliche Ergiessungen über die jetzigen Musik zustände 



1 



und das ganze Musikantentreiben. Ole Bull dröhnte dem 
armen Mendelssohn die Ohren voll über Gr. Schilling, der 
ihn in den Jahrbüchern der Musikzeitung heftig angegriffen 
hat — kurz eine Rede verdrängte die andere, als sie kaum 
in's Leben getreten war — wie die Wellen der aufgereg- 
ten See sich jagen und verschlingen — und dabei sass 
Chorley, sein Schnupftuch beissend — und ich sah schon das 
Athenäum diese Scene in drastischen Bildern illustrirend. 
Mendelssohn, Schindler und ich gingen auf Mayer's Bit- 
ten noch mit zu ihm, wo mit dem geistreichen Schriftstel- 
ler Louis Lax dann noch das musikalische Gespräch fort- 
gesetzt ward. 

Unser Plan, die heutige Nacht zu durchreisen, wurde 
besprochen und aufgegeben^ wir gehen erst morgen früh 
nach Cöln. Gott mit Dir und den Kindern und ich mit 
Dir in Gedanken. . . 

■ 

„Dienstag Abend 6. October 1840. 

An Bord des Dampfers zwischen Cöln und Coblenz. 

Um *l 2 & Uhr heute früh, als ich meinen Brief für Dich 
auf die Post getragen, fuhren wir ab, und nicht wie ge- 
wöhnlich über Jülich, sondern über Düren. Die Gegend 
nicht romantisch, viele der schönen Punkte entstellt durch 
die Eisenbahn ,' die üppigsten Wiesen durchschnitten, die 
Felsen zernagt und durchbohrt. Chorley war etwas unwohl 
und desshalb stiller, die Unterhaltung zwischen Mendels- 
sohn und mir immer lebendig und abwechselnd. 

In Cöln (um 3 Uhr) wählten wir das Hotel Rhein- 
berg, weil Ole Bull und Eicke, wie wir wussten, im kaiser- 
lichen Hof absteigen würden; wir wollten gern uns selbst 
überlassen bleiben. ..." 

„Frankfurt, Mittwoch Nachts n Uhr. 
Wir haben heute die schönste, lieblichste Rheinfahrt 
bis Mainz gemacht, wo wir um 3 Uhr Nachmittags an- 
kamen. Ich wollte noch Manches auf dem Dampfboot 
an diesem Brief schreiben, aber meine Schrift wäre zittrig 
und undeutlich geworden, welches ich, wie Du weisst, 
nicht ausstehen kann. Jetzt zittert meine Hand vielleicht 



auch, dann ist es aber der viele Champagner, den mir 
Freund Löwenstern aufdrang; er gab mir und Chorley ein 
toll-splendides Diner. . . . Jetzt schlägt es 12 Uhr, also 
gute Nacht Dir und den Kindern." 

Zwischen Frankfurt und Leipzig schreibt Moscheies 
nur eilige Zeilen. Der nächste längere Brief an seine Frau 
ist aus 

„Leipzig, Sonnabend 10. October 1840. 

Nachmittags 4 Uhr. 

Seit gestern Nacht um 11 Uhr hier, konnte ich kei- 
nen Moment finden, Dir zu schreiben, und jetzt brennt 
mir der Kopf, wenn ich denke, wie voll mein Herz ist 
und wie wenig Zeit vor Abgang der Post (dabei lässt 
Felix im Nebenzimmer seinen Jungen am Ciavier singen). 
An die Mutter will ich auch noch schreiben, ebenso Dei- 
nem Vater antworten, aber Alles eilig. In Mendelssohn's 
nettem Hause bin ich sehr herzlich empfangen worden; 
seine Frau ist voll von Liebreiz, Anspruchslosigkeit und 
kindlichem Sinn, aber für mich keine vollkommene Schön- 
heit, weil sie Blondine ist. In Mund und Nase gleicht sie 
der Sonntag. Ihre Art zu sprechen hat eine angenehme 
Schlichtheit, ihr Deutsch ist Frankfurtisch, also nicht rein. 
Sie sagte bei Tische naiv: „Ich spreche für meinen Felix 
zu langsam und er so schnell, dass ich ihn nicht immer 
verstehe. Heute war Chorley Gast bei Tische; sie ist aber 
so einfach im Wesen, dass sie öfters aufstand, um Schüs- 
seln zu reichen. Ich habe ihr gesagt, wie ich hoffte, dass 
sich zwischen Dir und ihr einst ein freundliches Verhält- 
niss anknüpfen würde, und sie freut sich darauf; einst- 
weilen bist Du oft der Gegenstand unseres Gesprächs. 

Heute Morgen bei der Probe bin ich von Limburger, 
Kistner, David, Härtel, Schumann und Frau mit offenen 
Armen empfangen. Alle wollen wissen, ob ich bleiben 
und spielen will, Mendelssohn sagt: „nur bleiben, hier blei- 
ben, ein eigenes Concert geben und im Abonnements- 
Concert spielen;" doch bin ich noch ganz unentschieden.... 
Wenn Du nur gesund und vergnügt bist! ich nehme mir 
vor, frisch und lebendig zu sein, wie Mendelssohn, der mit 



seinen Kindern herumspringt. Ich kann Euch nur in Ge- 
danken küssen, liebe Kinder, aber wenn ich zurückkomme, 
will ich Dir, liebe Clara, eine schöne Geschichte erzählen. 

Mendelssohn's grüssen herzlich. Abends wollen wir 
viel abwechselnd und zusammen spielen, und nun Adieu 
für heute! . . 

„Leipzig, Montag, 12. October 1840, n Uhr Nachts, 
(gestärkt durch Deinen Brief vom 6. d. M.) 

.... Nun ein wenig von mir. Gestern Nachmittag 
war ich mit Mendelssohn allein, viel am Ciavier; er spielte 
mir einige Nummern vor, die für seinen Paulus bestimmt 
waren, die er aber weder auffuhren, noch drucken Hess, 
Sie sind vortrefflich, nur etwas dramatischer gehalten und 
desshalb vielleicht passender als einzelne Stücke im Con- 
certsaal, wie in Verbindung mit dem Oratorium gehört 
zu werden. Auch einige „Lieder ohne Worte" im Manuscr. 
spielte er mir, die reizend sind. Um */ 22 Uhr gingen wir 
zum Diner zu David's, wo auch die Schwester der Cecile, 
Mme. Schunck, mit ihrem Mann war, eine geistreich leben- 
dige Frau. Auch Mme. David war mir eine neue, sehr 
freundliche Bekanntschaft; sie hat sehr feine angenehme 
Manieren. D, spielte uns nach Tische sein neues Violin- 
Concert in D-dur, welches gewiss überall Aufsehen erre- 
gen wird; Mendelssohn accompagnirte ; dann musste ich 
phantasiren und machte, hoff ich, manches Gute. Um s / 2 6 
Uhr eilten wir in den Gewandhaussaal , der schon über- k 
füllt war. Mendelssohn hatte mich mit aufs Orchester ge- 
nommen, die Directoren nöthigten mich hierauf in ihre 
Loge. Der rauschende Beifall, mit dem Mendelssohn era-' 
pfangen wurde, war durch die Ausführung der Ouvertüre 
zu Euryanthe und Beethovens B-dur-Symphonie mehr als 
gerechtfertigt. Sein Einfluss aufs Orchester gab diesem 
Feuer, Schmelz und Nuancirung, so dass ich in Genuss 
schwelgte. Eine hübsche neue Sängerin, Dlle. List, gefiel; 
— uns Musikern aber nicht ganz, weil sie als Schülerin 
von Bordogni, nur Donizetti und Bellini sang. Der Po- 
saunist Müller ist der grösste Virtuose, den ich auf sei- 



6 4 



nem Instrument gehört habe. Um 8 Uhr!! war das Con- 
cert aus, doch leerte sich der Saal langsam, weil es reg- 
nete und in Leipzig kein Fiaker zu haben ist! So plau- 
derten Mendelssohn's und ich noch eine Weile mit Schuncks 
und endlich gingen wir im Regen nach Hause. Die 
warme Stube und der Thee waren gemüthlich, ebenso 
unsere Unterhaltung am Ciavier, wo mir Mendelssohn 
einige seiner letztgedruckten Lieder vorsang, die ich mit- 
bringen werde. Dann sagte er: „Cecile, Du musst es auch 
wagen, Moscheies ein Liedchen vorzusingen und Dir von 
ihm accompagniren zu lassen." Sie machte dieselben Ent- 
schuldigungen, wie gewisse Leute, doch sang sie das alt- 
deutsche Lied 




und ein paar andere mit kleiner Stimme, jedoch rein in- 
tonirt, auch ein hübsches Lied von Hensel " 

„Montag. . . . Unter den Besuchen, die ich heute machte, 
war mir der bei Schumann's der interessanteste, weil mir 
die Frau eine Bach'sche Fuge vorspielte; auch der bei 
Hofrath Rochlitz wurde lang, weil er viel Liebenswürdi- 
ges und Interessantes sprach. — 

Ich hatte eine grosse Abrechnung mit Kistner; dann 
kamen er und Baurath Limburger als Deputirte der Con- 
cert-Direction; aber ich konnte ihren Antrag Donnerstag 
über 8 Tage im Abonnements -Concert zu spielen, wegen 
Zeitmangels nicht annehmen. Ein eigenes Concert gebe ich 
* auch nicht und seitdem diese Beschlüsse feststehen, berei- 
tet Mendelssohn eine ähnliche F£te im Gewandhaus vor, 
wie er sie Liszt gab." 

„Dienstag Nachts 12 Uhr. Mendelssohn's gaben 
eine Soiree, wo David vortrefflich Quartett spielte, ich mein 
E-dur-Concert und Etüden. Endlich verlangte Felix meine 
Spässe am Ciavier und am Ende phantasirten wir -zusam- 
men; ein würdiges Seitenstück zu unserer letzten Londo- 
ner. Production. Endlich G-u-t-e-Nacht, ich werde schlafen 



1 



- 65 - 

trotz der Wassermühle (Lurgensteins Garten), die die ganze 
Nacht arbeitet." 

Am ii. October giebt Chorley einen langen Bericht 
über alle Gastmähler und Soireen der Leipziger Freunde, 
und Mendelssohn fügt hinzu: „Liebe Mine. Moscheies,, noch 
tausend, tausend Dank für den Plan, den Sie doch eigent- 
lich ausgeheckt haben und dem wir jetzt so schone, präch- 
tige Tage zu verdanken haben. Wären Sie nur selbst da- 
bei! Denn das ist ein Radicalfehler , den er hat und der 
uns Allen gar zu sehr einleuchtet; ich wollte, ich wäre 
darauf bestanden, die Damenkleider selbst mitzunehmen, 
denn wir sind hier sehr froh und heiter zusammen ; aber 
ich meine doch, ich sähe es dem Moscheies oft an, wie 
er sich ganz anders wohin sehnt. Wie herrlich hat er 
gestern wieder gespielt und alle Menschen entzückt. Wä-» 
ren Sie dagewesen , das ist das alte Lied mit dem da 
Capo. Cecile will Ihnen selbst schreiben. Tausend Grüsse 
den Kindern und Ihnen von Ihrem 

Felix Mendelssohn-Bartholdy." 

Moscheies schreibt dazu »Wir haben hier seit 

zwei Tagen das herrlichste Sommerwetter, heissen Son- 
nenschein , wogegen die gelben Herbstblätter sehr abste- 
chen. Wein und Weinlese sollen aber schlecht werden, 
wie ich höre. Auf meinem Zimmer ist eben Mendelssohn^ 
Carl — meine tägliche Gesellschaft — während ich mich 
anziehe. Er ist ein herrlicher, lebendiger, gescheuter Junge^ 
der mir meine abwesende jüngste Jugend, „Felix und 
Clara" ersetzen hilft Sein musikalisches Ohr ist das feinste, 
welches ich bei einem Kinde je bemerkt habe. Das preus- 
sische Posthorn-Signal singt er, wie folgt, als Duett mit 
seinem Vater: 




Text: da da da da da, 




Karl, 



Fe-Iix 




Karl, Fe-Jix, Karl. 

Moscheies' Leben, II, 



„Leipzig, 18. October 1840. 
(Tag merkwürdiger Erinnerung.) 

Die Woche meiner Leipziger Feiertage ist zu Ende; 
ehe ich meine Berichte darüber fortsetze, muss ich über 
das Ausbleiben Deines Briefes klagen .... aber ich sage 
mit C. M. v* Weber „wie Gott will" und hoffe, da ich 
Verwohnt bin, dass „Er thut wie ich will". Chorley war 
unwohl, musste im Hotel bleiben und Mendelssohn hatte 
die herrliche Idee (aus gutem Herzen entsprungen) , ein 
HärteFsches Ciavier hinzuschicken, worauf wir ihm Schu- 
berts Symphonie und meine grosse Sonate vorspielten. 
Nun ist Chorley besser und nach Berlin gereist. Mendels- 
sohn und ich hatten wieder herrliche Stunden am Ciavier. 
Gestern waren wir zusammen bei Schumann's, die ihre 
Soiree im eigenen Hausstand gaben. Sie spielte mein 
Trio und das von Mendelssohn meisterlich schön und 
.kräftig; David accompagnirte , zum Schluss musste ich 
noch Etüden spielen. Fräulein List sang einige Lieder 
niedlich. 

Am Freitag ein Riesen - Diner bei Kistners 

Abends mit Schleinitz bei Mendelssohn's, meistens am 
Ciavier und unter alten und neuen Manuscripten herum- 
gewühlt. Schleinitz singt noch recht schön. Sonnabend 
früh gab ich dem Maler Schramm eine Sitzung, wäh- 
rend Mendelssohn die gedruckten Einladungen für Mon- 
tag adressirte. Natürlich habe . ich Album - Blätter zu 
schreiben und für Mendelssohn's Frau ein Lied, das 
ich zu einem von Chorley für sie gedichteten Text com- 
ponirte. 

Die Directoren sind wiederholt zu mir gekommen* 
um, mich zum Spielen am 1 22. zu bereden, Mendelssohn 
that dasselbe, ich blieb standhaft; „möglich", sägte ich, 
„dass ich zum Concert am 29. wieder hier bin, wenn ich 
über Leipzig komme." Ich versprach, von Prag aus dar- 
über zu schreiben. Auch Dir möchte ich gern meine 
Reiseroute vorlegen: doch muss ich erst meinen Haupt- 
zweck in Prag erreicht haben. Ich will Dich kuch nicht 

■ * 1 

1 

1 

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- 6 7 

mit Fragen bestürmen, denn ich weiss , Du schreibst mir 
Alles, was ich zu wissen wünsche und was Dir Ange- 
nehmes begegnet; schone mich aber nicht, wenn Du mir 
was Unangenehmes zu schreiben hast; ich will es stand- 
haft ertragen 

Gestern Abend wurde in Gesellschaft bei David, Men- 
delssohn's Octett vortrefflich gegeben und machte mir 
viele Freude. Ich spielte oder vielmehr probirte mein 
Septett, es ging aber nicht gut, auch hatte ich ein schlech- 
tes Instrument." 1 

Diese Zeilen begleitete folgendes Einladungsbillet : 



Mrs. Moscheies 

werden zu einer musikalischen Privat - Gesellschaft , Montag, 
den ig. d. M., präcis 6 Uhr im Saale des Gewandhauses er- 
geh enst eingeladen von 

Felix Mendelssohn-Bartholdy 

um dort seinen 42. Psalm mit Orchester und grossem Chor 
zu hören , sowie die Hebriden - Ouvertüre und die zur Jung- 
frau von Orleans. Der Altvater der Cla vier Spieler (wie ihn 
Fink in der Musikzeitung nennt), Moscheies, wird sein G-moll- 
Concert und das Bach'sche Tripel - Concert mit Madame 
Schumann und Dr. F. Mendelssohn spielen, auch sollen einige 
characteristische Etüden gehört werden. ' 

Um gefällige Vorzeigung dieses Blattes am Eingang des 
Saales wird gebeten. 

Wenn dies Blatt nicht vorgezeigt wird, soll der Prof. 
Moscheies nach London geschickt werden, um sich den Bei- 
fall zu holen, der hier nur unvollständig sein kann. 

U. A. w. g. mit umgehender Post. 



Vor seinem Abschied aus Leipzig schreibt Mosch eles 
nur wenige Zeilen. Dann langt folgender Brief an: 

„Prag, 21. October 1840. Morgens 10 Uhr. 
(eine Stunde nach der Ankunft.) 

Sonnenschein!! Der Himmel voller Geigen! ich habe 
die Mutter umarmt, ich habe Brüder, Schwestern, Schwa- 
ger, Schwägerin, Cousinen umarmt. Das Alles wäre nicht 



vollständig gewesen, wäre mir nicht Dein Brief vom icu 
zugleich übergeben worden. Meine gute Mutter habe ich 
beim Empfang und der Umarmung viel stärker und ge- 
fasster gefunden, als ich erwartet hatte — es kommt mir 
vor, als werde sie nur älter, um seelenstärker und liebens- 
würdiger zu werden. Sie ist wohl bis auf ein wenig Husten, 
den sie in dieser Jahreszeit gewöhnlich hat. So ~wie ihre 
Blicke auf mir ruhen und mir ihr Lächeln, ihre Lebendig- 
keit Balsam sind, so gewährt mir Alles doppelten Genuss, 
wenn ich ihr von Dir erzählen muss, wenn sie mir ihre 
Liebe und Verehrung für Dich zu erkennen giebt. Sie 
läuft durch vier aneinander stossende Zimmer, um Alles 
für meinen Comfort zu bereiten Nun noch nach- 
träglich über Leipzig und die Reise hieher. Bei der F£te_ 
im Gewandhaus , die mir Mendelssohn gab , waren 300- 
von ihm geladene Zuhörer, die zu den beiden Seiten der 
drei Härterschen Claviere sassen, der Saal herrlich be- 
leuchtet , das Orchester voll, der Chor 140 stark. Es war 
schön zu sehen, wie Mendelssohn und seine anmuthige 
Frau vor Anfang der Musik den Gästen die Honneurs 
machten, wie sie bei den in der Pause gereichten Er- 
frischungen, für Alle sorgten. Hier das Programm: 

1- 

Erster TheiL 

Die zw^i Leonoren-Ouvertüren, mit Eifer und Begeisterung vorgetragen. 
Mendelssohn^ 42. Psalm. Ein herrliches Werk, die Soli von Mme. Ftege 

vortrefflich gesungen. 
Hommage h Händel, von Felix und mir, brüderlich begeistert. 

Zweiter Theih 

Hebriden-Ouvertüre. 
Mein G-moll-Concert 

Mit Felix* Direction des Orchesters ging Alles vor- 
trefflich, es misslang Nichts, ich spielte begeistert, Chor- 
ley behauptet, besser als jemals zuvor. Der Beifall rau- 
schend. S. Bach's Triple - Concert von Mme. Schumann, 
Felix und mir — wie, kannst Du denken. Zum Schluss 
noch Etüden von mir, 

Ic)i werde dringend gebeten , über Leipzig zurückzu- 



^ 69 -= 

■ I 

kommen und im Abonnemente - Cöncert zu spielen; doch 
überlege ich noch und habe nichts versprochen. Die gute 
Mme. Mendelssohn wollte, dass wir schon um *Li Uhr 

b - - ' 

ussen, da ich um 2 Uhr abfuhr; aber vor lauter Visiten 
und Reise - Vorbereitungen musste ich immer vom Tisch 
aufstehen und zuletzt die Mehlspeise im Stich .lassen; da 
bekam ich meine Portion mit in die Eisenbahn, an die 
tnich Felix und Chorley begleiteten. Wirklich, ihre Gast- 
freundschaft hatte keine Grenzen. 

In Dresden besuchte ich die Schröder - De vrient und 
-sie empfing mich mit einem Kusse. Erschrick aber nicht; 
sei nicht eifersüchtig , es war ein jünger Garde - Officier 
dabei und sie stellte mich vor, als ihren alten Freund 
Moscheies. Sie fragte mit aller Herzlichkeit nach Dir und 
den Kindern , wollte , ich solle Concert geben und sie 
werde darin singen , lobte mich viel auf Kosten Anderer, 
wollte eine Oper ansetzen an dem Abend , wo ich von 
Prag wieder durchkäme — genug 1 , sie war ganz sie selbst. 
Ich verliess sie in Gesellschaft des genannten Offiziers, 
machte noch einige Visiten , und fuhr hinaus in Regen 

1 

und Sturm. Nun kurz Adieu, die Blicke der Mutter schmach- 
ten nach mir u 

„Prag, 24. October 1840, Abends. 
.... Heute hatte ich auch den Herzensgenuss, meine 

* 

-gute Mutter, die mehrere Wochen nicht aus war, am Arm 
spazieren zu fuhren. Deinen Brief hatte sie mir bei Tische 
unter die Serviette gelegt. . . . Der gemachten und em- 

■1 

pfangenen Visiten ist kein Ende; aber ausser der Familie 
nahm ich nur bei Lemers eine Einladung zum Speisen an 

■ 

und fand wie immer die herzlichste Aufnahme. Sogar die 
Mutter gab eine Soiree — nur Verwandte. Natürlich 
musste ich spielen, zuletzt mit verkehrter Hand, mit der 
Faust, dann Strauss'sche Walzer, weil die Jugend tanzen 
wollte — und unter der Jugend tanzte auch — die Mutter! 
Eine mir unvergessliche Freude; ich möchte lachen und 
weinen darüber. Ich glaube, ich habe sie durch mei- 
nen Besuch verjüngt; Du fühlst mir nach, was das sagen 



r 

— 70 — 

h 

will. Nun über die andern hiesigen Familien-Verhältnisse; 
es ist ein langes Kapitel. . * 

Ein Brief aus Prag vom 28. October 1840 enthält nur 
Persönliches und die Versicherung, dass er allen Concert- 
gebenden Gelüsten widerstehe, um zurück zu eilen; aber 
am 31. schreibt er ihr: 

„11 Uhr Nachts, eine Stunde nach meinem Concert 
für Wohl thätigkeits- Anstalten, in welchem ich fünfmal ge- 
rufen ward. 

Wie sonderbar, wunderbar, lenkt Gott unsere Pläne,, 
oft ganz anders, als wir sie uns erdenken!, Nachdem ich 
Dir am 21. über mein NichtSpielen geschrieben, den Auf- 
forderungen der Verwandten und Kunstverwandten, ja so- 
gar des Stadthauptmanns Hofrath von Muth widerstan- 
den hatte, entschloss ich mich doch, nicht aus meiner 
Vaterstadt zu scheiden, ohne für „eine Wohlthätigkeit" 
gespielt zu haben und der Entschluss des 28. ward, wie 
Du siehst, am 31, ausgeführt, der Ertrag für zwei Spitäler. 
Wie mein Herz hoch schlug, als ich die Mutter in eine 
Loge brachte, kann ich nicht beschreiben* Viele Augen 

des brechend vollen Hauses waren auf sie gerichtet 

Dass Du für mein Wohl wachtest, war mir der begeisternde 
Gedanke; denn wie sich Alles hier vereinigt, um mich 
eine glückselige Zeit erleben zu lassen, so musste auch 
Dein Brief gerade heute ankommen. 

Die Beschreibung des Concerts mündlich: ich hatte 
einen neuen Graf'schen Flügel von Fr. v. Lemel geliehen 
bekommen, der mir sehr zusagt. Ich habe heute, 1. Nov.* 
der Gratulationsbesuche für meine gestrigen Erfolge zu 
viele, um ruhig schreiben zu können. Dionys Weber 
mit seiner Freude und seinem Lobe steht obenan (natür- 
lich von seinem Standpunkt aus zum Naghtheil aller an- 
dern Claviergrössen). Er hat mir eine Orchester - Auf- 
führung- der Schüler des Conservatoriuras gegeben und 
mich in die Bibliothek geführt , ' in der auf seine Veran- 
lassung eine Marmorbüste von Mozart aufgestellt, des- 
sen Werke gesammelt werden. Du siehst, er ist seit 
meiner Kindheit seiner Ueberzeugung treu geblieben...."- 



— 71 — 

Am 2i. Nov. verliess er Prag, am 4* schreibt er ans 

Hof, n Uhr Vormittags. 

„Ueberall auf der Reise, wo ich gezwungen bin, Halt 
zu machen, ist es mein Vorsatz, mich mit E>ir zu unter- 
halten. Der wichtige Moment des Scheidens aus Prag 
ward vorgestern überstanden; er war so gut, so künstlich 
vorbereitet, dass er scheinbar leicht vorüberging. Ich 
wusste mehrere Stunden vor der Abfahrt die Mutter so 
zu zerstreuen, dass sie keinem Trennungsgedanken Raum 
geben konnte. Ich liess sie mir packen helfen, machte 
dann allerlei Possen und Spässe, sie musste lachen und 
ich unterdrückte die Thränen! Endlich hiess es: ichmuss 
fort, eine minutenlange Umarmung Öffnete die Schleusen 
der Thränen: Auf Wiedersehen! waren meine letzten 
Worte und schon war ich die Treppe hinunter. Mir war 
leichter als den Zurückbleibenden: ich dachte an Dich und 
unser Wiedersehen." 

„Karlsbad durchwanderte ich eine Stunde bei köst- 
lichem Wetter, in Eger sah ich mir Wallenstein's Be- 
hausung an, während ich auf den Eilwagen wartete." 

Würzburg, 5. Nov. „Hier muss ich bis 3 Uhr Nach- 
mittags bleiben und will mir indess Stadt und Kirchen 
ansehen. Das Wetter ist noch köstlich. Meine Reise- 
gesellschaft war gleichgültig; selbst Walter Scott hätte 
aus einem Bierbrauer, einem Handlungsdiener und einem 
Zollinspector nicht mehr herausbringen können als ich, um 
so ungestörter reichten meine Gedanken zu Dir. Ich lese 
eifrig die Zeitungen; trotz der kriegerischen Wolken, die 
am Horizont stehen, hoffe ich ungestört nach England ge- 

+ 

lassen zu werden." 

Frankfurt, Freitag Morgens 4 Uhr. Pariser Hof. 
„Meine Reisegesellschaft hierher wieder sehr gleichgültig, 
Wagen vortrefflich, Schlaf ditto. Nun wieder vier Stun- 
den in dem öden Saal des Posthofes auf den Mainzer Eil- 
wagen warten. Deiner Nase gefiele der kalte Tabaks- 
rauch auch nicht; ich habe aber keine, wie Du weisst, und 
rauche selbst. — Gestern gab man die Puritani — auch kein 



— 72 — 

Verlust — morgen geben Lidel und Regondi Concert. Ich 
weiss nicht, ob ein neuer deutscher politischer Witz in. 
Bezug auf Thiers schon nach England gekommen ist. In 
Magdeburg war Illumination zu Ehren des Königs von 
Preussen, da stellte Einer ein Transparent aus: die eine 
Seite stellt einen Adler in kühnem Fluge vor, die andere 
einen krähenden Hahn und darunter geschrieben: „Ehret 
den Adler und achtet nicht auf des kleinen Thiers Ge- 
schwätz." 

„Im Wagen las ich Deine Briefe wieder durch" .... 

Moscheies schreibt noch einmal von dem Dampfboot 
aus, das ihn von Mainz nach Cöln führte. Dann eilt er 
über Belgien nach Calais und erreicht am n. November 
London glücklich und beglückend; die fatale zehnstündige 
Seereise mit zerbrochener Dampfmaschine ist bald ver- 
schmerzt; schon am ersten Tage harren seiner drei un- 
geduldige Schülerinnen, den zweiten schon sieben u. s. f. 
An den Brief, den die Frau im Gefühl ihrer Freude über 
den glücklich Heimgekehrten an die Ihrigen schreibt, 
fügt Moscheies die Worte: „Ich geniesse das Glück meiner 
Heimkehr doppelt, wenn ich mir Eure liebende Theilnahme 
daran denke. Charlotte berichtet Alles für mich. Es freut 
mich, dass Euch die seltene Kunst-Erscheinung — Liszt 
— nun auch zu Theil geworden; er ist ein verbindender 
Ring in der Kette der Kunst-Eiitwickelung und findet 
gewiss bei Euch die Würdigung seiner ausserordent- 
lichen Eigenschaften ; ich habe immer gut mit ihm ge- 
standen Die Kinder finde ich geistig und körper- 
lich sehr entwickelt, jedes Einzelne macht mir in seiner 
Art die grösste Freude." 

Wir übergehen mancherlei briefliche Schilderungen, 
■die sich fast ausschliesslich auf das heitere Familienleben 
beziehen, wenn auch hin und wieder ernste Angelegen- 
heiten den Gegenstand eingehender Correspondenzen bilden. 
Aus einem Briefe Moscheles' citiren wir indessen folgende 
Stelle, die über seine damalige Thätigkeit Auskunft giebt: 
»,Gar viele Eisen sind im Feuer. Es soll ein Heft deut- 
scher Lieder bei Kistner herauskommen, die Methode des 



i 

— 73 — 

■ ► ► i 

methodes' mit F&äs^ müss in vierzehn Tagen erscheinen 
nnd nntten ih ihre Gorrecturen hinein drängen sich die 
-der Beethoven-iBiögraphie, auf deren Herausgabe der Ver- 
leget ' dringt ; dabei ; werdet Ihr f wohl keinen vernünftigen 
Brief erwarten." 

Dazwischen schreibt Mendelssohn noch Reise-Reminii 
Weenzen: ■ . ' - - 

t . ■ - " 

■ ■ ■. _ 

Liebe Madame Möscheles! 
Jetzt denke ich mir Moscheies wieder bei Ihnen, com- 
fortable an der fireside (deutsch ist das ja gar nicht zu 
sagen) und nun muss ich schreiben und grüssen und 
•sagen, wie oft und ' viel ich mir die jüngst Vergangene 
Zeit zurückrufe, Und mit welcher herzlichen Dankbarkeit. . 
Nachdem wir uns am Londoner Postoffrce trennten, kamen 
noch vergnügte Tage, die haben Ihnen M.'s und Chorley*s 
Briefe längst beschrieben, mm aber die ruhige stille Zeit, 
seit Moscheies auf der Eisenbahn, Chor ley auf der Schnell- 
post fort sind, die hat nichts Beschreibbares an sich; hat es 

I 4 

doch das Glück selbst auch nicht, und wahrlich, ach sollte 

j ~ i 

keinen Wunsch aussprechen und haben; wenn ich", wie es 
jetzt geschieht, so mit Frau und Kindern gesund und 
heiter, und fleissig beschäftigt . bin. Doch that es uns 
Allen sehr leid, den Brief _y.on_JMoscheles zu erhalten, wo- 
rin er uns sein definitives Ausbleiben meldet. Er war in 
den wenigen Tagen eigentlich ganz wie ein Mitglied der 
Familie geworden, und so empfanden wir Alle sein Scheiden. 
Meine Frau scheint er auch lieb gewonnen zu. haben, 
wenigstens ist das meistens wechselseitig . und von ihr 

* ■ 

wusste ich's gleich den ersten Tag. Wann wird nur meine 
alte Prophezeiung endlich eintreffen, dass auch Sie meine 
Cecile lieb haben, mit ihr gleich vertraut und heimisch 
sein werden? Nächstes Frühjahr fürchte ich nun doch noch 
nicht, und ob Deutschland auf Moscheies einen so günsti- 
gen Eindruck gemacht hat, dass er sich bald einen neuen 
verschaffen will, ist noch die Frage; doch hoffe ich, er hat 
durchgefühlt, was uns Allen sehr am Herzen lag, was 
Jeder wohl gern gezeigt und ausgesprochen hätte (wäre 



t 



— 74 — 

nur das Zeigen und Aussprechen nicht gerade hier zu 
Lande die schwache Seite) und was er nirgends stärker 
als bei uns finden kann: die innigste Verehrung un4 
Liebe zu seiner Person und setner Kunst, die aufrich- 
tigste Dankbarkeit für die grossen herrlichen Genüsse, 
die er uns bereitet hat. Das ist noch unser tägliches Ge- 
spräch, und sogar der kleine Carl lässt keinen Tag hin^ 
gehen, ohne zu fragen: Papa, wie spielt der Onkel Mo- 
scheies? Und dann suche ich's mit den Fäusten in Es-dur 
6 lt - Tact nachzuahmen, so gut ich kann; es kommt aber 

erbärmlich heraus. Nun kommt ein Lied*) 

„Nun will ich aber meiner Frau die Feder überlassen 
und blos noch meine besten, schönsten Grüsse für Emily, 
t Serena und für Felix und Clara hersetzen; rufen Sie mich 
dem Gedächtniss der lieben Kinder ja zuweilen zurück» 
An Moscheies ist der Brief mit. Wie ich mich seiner Er- 
folge in Prag gefreut habe, brauche ich nicht erst zu 
sagen; möge er auch an uns zuweilen mit Freundlichkeit 
zurückdenken und uns auf die Nachricht seiner glück- 
lichen Ankunft bei ihnen nicht zu lang warten lassen.» 
Leben Sie wohl, liebe Mme. Moscheies. Stets 

Ihr ergebener 
Felix Mendelssohn-Bartholdy. 

*■ 

1841. 

Die musikalische Welt war in diesem Winter vielfach 
durch die Vorgänge in der Philharmonischen Gesellschaft 
beunruhigt. Die althergebrachte Sitte hatte manchen in 
die Verwaltung eingeschlichenen Missbrauch geheiligte 
weshalb sich die Subscription vielleicht weniger ergiebig 
als in früheren Jahren erwies. Die Directoren hatten sich 
gegenseitig wieder erwählt, und Moscheies, der stets auf 
Neuerungen antrug, übergangen. Doch schon während 

*) Es ist des Hirten Winterlied: „O Winter, schlimmer Winter*«, 
alle drei Verse auf selbstgezogenem Notensystem zierlich in den Brief 
hinein geschrieben. 



der ersten Hälfte der Concerte müssen sie dies bereut 
haben, denn er bekam öffentlich und privatim viele An- 
träge, eine Nachwahl, die ihn zum Mitdirector machte, 
verspätet anzunehmen , weigerte sich jedoch standhaft». 
Nach jedem der Concerte, denen er regelmässig beiwohnte,, 
finden wir Seufzer über „das Herunterspielen unserer deut- 
schen Klassiker" ; das Orchester nannte er ein „seelenloses 4 V 
die Clavierconcerte nicht im „richtigen Geist begleitet", 
und. als Mendelssohn's Lobgesang aufgeführt wird , meint 
er, „so eine Aufführung könne er den Philharmonischen 
nie verzeihen." Die öffentlichen Blätter und mit ihnen das 
Publikum schreien nach Novitäten; warum nicht Etwas 
von Berlioz? Auf dem Continent spiele man ihn, weshalb- 
nicht in England? So gab man die Ouvertüre zu den 
„francs juges", die jedoch aufs Ungünstigste aufgenommen 
wurde. „War das Chaos, das ich horte", sagt das Tage- 
buch, „in der Composition ode* in der schlechten Auffuh- 
rung zu suchen? Das kann ich nach einmaligem Hören 
nicht bestimmen." 

Ein andermal heisst es: „Miss Birch und Phillips 
sangen brav wie immer, die Ouvertüre zum Beherrscher 
der Geister stürmte daher und wurde brillant aufgenom- 
men. Die Melusine hingegen Hess kalt, blieb unverstan- 
den, zündete vielleicht nicht, weil ihr der brillante Schluss 
fehlte. Genug, die Unverständigen und Neider wollen schon 
von Failure sprechen, während wir ihnen zürnen, ja 
grollen." 

Im vierten Concert erschien Vieuxtemps zum ersten 
Mal als Spieler und Componist und erntete gerechten 
Beifall für seine Virtuosität; es traten auch viele Andere 
mit Erfolg auf, dazwischen aber erhoben sich Stimmen , 
welche die neunte Symphonie wiederverlangten und als 
nun Moscheies angetragen ward, diese zu dirigiren, da 
war sein Widerstandsgeist gegen die Directoren über- 
wunden , denn er konnte , er wollte es nicht abschlagen, 
dies Riesenwerk aufs Neue zu Gehör zu bringen. „Kann 
ich sie dem Publikum zugänglich machen, so muss ich es 
auch", sagt das Tagebuch, Und die Frau schreibt: „Ihr 



könnt denken, wie uns der Antrag nach allen vorher- 
gegangenen abschlägigen Antworten befremdete; aber 
bald trat alle Persönlichkeit in den Hintergrund und auch 
alle Bescheidenheit, muss ich Euch gegenüber hinzufügen; 
denn das haben wir ja gesehen, dass es hier Niemandem 
als Moscheies gelungen ist, die neunte Symphonie zur 
Geltung zu bringen." .... Wie erfolgreich aber Möschen 
les' Bemühungen für die gute Auffuhrung des Meister- 
werks wären, beweist ein Bericht in der Times vom 4. Mai 
1841 , der uns vorliegt und aus dem wir folgendes aus- 
ziehen. „Künstler und Liebhaber gestehen es jetzt gern 
zu, dass Beethoven's neunte Symphonie eben so sehr 
durch Grösse und Erhabenheit wie durch Einfachheit aus- 
gezeichnet ist. Diese Anerkennung verdanken wir zum 
grossen Theil Moscheies, der sie mit aller Sorgfalt diri- 
girte. Er übertrifft fast alle unsere Musiker in diesem 
Talent, da er, wenn er den Tactstock schwingt, das Or- 
chester führt, während Andere sich von ihm leiten lassen. 
Nichts könnte diese Concerte so sehr heben, als Mosche- 

* F 

les' permanente Anstellung als Dirigent; 1 er, der stets dem 
Orchester die gehörige Achtung einflösst, würde es auch 
stets zu neuen Erfolgen führen." 

Im achten Concert war die ganze Aufmerksamkeit 
auf Liszt gerichtet. Wohl entlockte die gleichgültig ge- 
spielte Symphonie von Beethoven Moscheies einige Seuf- 
zer, doch das Publikum schien nur auf den Vielbesproche- 
nen zu harren und als er endlich hervortrat, um das Sep- 
tett von Hummel zu spielen, war man auf Ungeheuerliches 
vorbereitet, hörte aber nur, wie das Tagebuch sagt, „das 
bekannte Stück, mit der vollendetsten Technik, mitunter 
etwas himmelanstürmend , im Grunde aber ohne Extra- 
vaganz und mit vortrefflichem Vortrag; denn darin liegt 
ja das Gepräge von Liszts Geist und Genie, dass er voll- 
kommen weiss, wo, vor wem und was er zu Gehör bringt 
und seine Alles leistenden Fähigkeiten als Mittel zu dert 
Verschiedensten Effecten benutzt." 

Während Liszt mit dem Plan umging, eine Professur 
am Conservatorium in Brüssel anzunehmen, verbrachte 



er die Saison in London , spielte viel und errang sich 
grossen Beifall, ohne dass es ihm gelungen wäre, die 
englische Nation ebenso stürmisch mit sich fortzureissen; 
wie ihm dies der französischen und deutschen gegenüber 
geglückt war. Die Rundreise durch die Provinzen, welche 
der Musikhändler Lavenu mit Liszt unternahm, und auf 
welcher der grosse Pianist allein täglich die Concerte fül- 
len sollte, gelang nicht. So kam Lavenu mit leerer Casse 
nach London zurück und Liszt war so grossmüthig, ihm 
sein ganzes Honorar zu erlassen, „und erzählte mir dies 
scherzend", sagt Moscheies, „indem er ihn einen pauvre 
diable nannte," Liszt spielte in dieser Saison viele seiner 
ultra brillantesten, unerhört schwierigen Stücke. Ein 
paar Mal Hessen er und Moscheies sich zusammen in den 
Preciosa- Variationen hören, wobei das Tagebuch bemerkt: 
„Es war mir, als sässen wir zusammen auf dem Pegasus." 
Und als Moscheies ihm seine soeben beendeten F-dur- und 
D - moll - Etüden zeigte, die er für Mechetti's Beethoven- 
Album geschrieben hatte, spielte Liszt sie, trotz ihrer colos- 
salen Schwierigkeiten vortrefflich vom Blatt. Er kam viel, 
oft unaufgefordert in's Mosch eles'sche Haus und es waren 
interessante Stunden, die man seiner Kunst und seiner 
geistreichen, oft sprudelnden Unterhaltung verdankte. Er- 
zählte er: „j'ai jou£ un duo avec Cramer, j'etais le Cham- 
pignon empoisonne et j'avais ä cöte de moi mon antidote 
le lait", so lachte man: doch gab es auch ernste Gespräche 
und in Folge eines derselben über weibliche Erziehung 
überreichte er der Frau das Werk der Mme. Necker de 
Saussure mit dem Bedeuten: das sei ein herrliches Buch, 
es werde alle ihre Zweifel lösen. — 

Die Frau schreibt demnächst: „Liszt hat Moscheies 
den schönsten Stock mit Goldknopf von herrlich getrie- 
bener Arbeit geschenkt. Jetzt ist. er auf kurze Zeit nach 
Brüssel und desto besser für ihn, denn wem kann es bei 
dieser Kälte gut gehen? Zugwind und Schnupfen giebts 
umsonst, schliessende Thüren um keinen Preis " 

Ein andermal heisst es: 

„Wie interessant, wie vielbegabt ist die Familie Kemble ; 



- 78 - 

t 

der Vater, der berühmte Charles Kemble, so viele Jahre 
hindurch Englands Stolz im tragischen Fach; die älteste 
Tochter, Mrs. Butler, als Fanny Kemble nicht minder be- 
rühmt und die jüngste , Adelaide , mit einer herrlichen 
Stimme begabt, die sie mit gleichem Erfolg zum Vortrag 
italienischer Coloratur oder zur Wiedergabe deutscher, 
inniger Lieder oder altklassischer Musik verwendet. In 
-allen Sprachen ist sie bewandert, so dass man bei den 
respectiven Texten die Italienerin, Französin oder Deutsche 
zu hören glaubt, und ihr musikalisches Gedächtniss ist 
ausgezeichnet. Sie pflegt ein kleines Blättchen mit einigen 
Liedertexten in eine Soiree mitzubringen, die Musik weiss 
sie auswendig. Kemble und Mrs. Butler lesen in dem 
häuslichen Kreise Scenen aus Shakespeare'schen Stücken 
vor. Kein Wunder, dass solche Genüsse die gewähltesten, 
gebildetsten Zuhörer anziehen, und dass es uns erfreut, 
auch Moscheles' Leistungen dort anerkannt zu sehen. Neu- 
lich machte sich Kemble den Spass, als er aus „As you 
like it" vorgelesen hatte, mit den Worten zu schliessen: 
„Come let us sing, cousin", worauf Mme. Viardot und Miss 
Kemble den musikalischen Theil der Soiree eröffneten, und 
die anderen Musiker sich anschlössen." 

Ein Concert, das Miss Kemble in der Saison gab, 
war brillant und ihr „Erlkönig" mit Liszt's Begleitung 
wahrhaft ergreifend. Noch im folgenden Winter sollte sie 
sich durch ihr Auftreten in der Norma, sowie durch spä- 
tere Darstellungen den Ruf der grössten Dramatikerin in 
Spiel und Gesang erwerben. Eine würdige Kemble! Ihre 
Heirath mit Mr. Sartoris unterbrach allzufrüh ihre Büh- 
nenlaufbahn , aber ihre Kunst pflegte sie fort und fort. 
Das Moscheles'sche Ehepaar genoss das unschätzbare Vor- 
recht, sie im eigenen Hause und in dem ganzen Freundes- 
kreise, in dem sie mit Vorliebe sang, zu hören. Das Haus 
des jungen Paars Sartoris ward bald dem Kemble'schen 
gleich, der Sammelplatz der höchsten Gesellschaft, mit 
der sich die Aristokratie des Wissens und der Kunst 
gern verbrüderte. 

Im Mai schreibt die Frau: „Bis jetzt habe ich Euch 



1 



— 79 — 

viel von Liszt erzählt, aber im Grunde genommen gehö- 
ren noch viele in mein Saisonbild hinein. David und Vieux- 
temps z. B., die beiden Künstler auf der Geige und neben 
ihnen eine nicht unbedeutende Phalanx von Instrumenta- 
listen, welche die Staffage meines Bildes machen. Ein 
Wunderknabe, Michelangelo Russo erstaunt Moscheies 
durch sein Cla vier spiel und mehr noch durch seine Auf- 
fassung; er macht Furore, wenn er in Concerten auftritt. 
Leider ist er ganz ohne Schulbildung; wer weiss, ob nicht 
eben deshalb ohne Zukunft"*). 

Unter den Sängerinnen nahm Mme. Viardot mit ihrer 
unendlichen Kunstfertigkeit einen ersten Platz ein. „Sie 
ist Musiker durch und durch", sagt Moscheies, „kennt 
und versteht die Klassiker, überwindet jede Schwierigkeit 
moderner Coloratur; man kann mit Recht das französische 
„eile cree son röle" auf sie anwenden. Ist es doch oft, als 
empfinge sie des Componisten Arbeit als Roh -Material 
und verarbeitete es erst; — als verstände man den Cha- 
rakter, den sie personificiren will, erst durch ihre Dar- 
stellung. Auch Linguistin und Componistin ist sie, und mit 
einem Wort eine der grossen Erscheinungen unserer Zeit." 
Die Persiani macht zwar das Unglaubliche, aber Moscheies 
sagt mit Recht, „ihre hohe dünne Stimme ist wie der all- 
zudünne Saitenbezug einer Violine; so erwärmte sie uns 
nicht in ihrer Beatrice di Tenda. Ebensowenig Dlle. L. 
in der Straniera, da sie oft zu hoch intonirte. Mme. Dorus 
Gras ist im Grunde eine zweite Persiani an Organ und 
Kehlfertigkeit, Dlle. Meerti eine tüchtige und sympathische 
Concertsängerin , dabei anspruchslos und liebenswürdig. 
Unsere Deutschen, Frau StÖckl-Heinefetter , Staudigl und 
Haizinger in Jessonda und der Zauberflöte waren ent- 
zückend." Die Frau schreibt: „Als ich Staudigl, ehe ich 
ihn noch kannte, in einem Morgenconcerte auftreten sah, 
dachte ich: „Ein deutscher Schulmeister!" so wenig poe- 
tisch, künstlerisch war die Erscheinung; als ich ihn den 
„Wanderer" singen hörte, liefen mir die hellen Thränen 



*) Man horte seitdem nicht wieder von ihm. 



— 80 — 

w 

I 

Über die Backen, das war die rein deutsche gesunde Em r 
pfindung ohne süsslich italienische Sentimentalität. Jetzt, 
tipre ich ihn oft, denn zu unserer grossen Freude kommt 
er viel m's Haus und bereitet uns und unseren Freunden 
die angenehmsten Stunden. Aber Gutes oder Schlechtes, 
Mittelmässiges oder Ausgezeichnetes, immer bleibt die 
Musik das Element, in dem wir leben und immer bewahr- 
heitet sich das Kinderlied: „And he shall have music 
wherever he goes." t 
Wir ziehen als Beleg dieser Aeusserung so manche, 
Notiz aus dem Tagebuche und finden die gewöhnlichen 
rausical dinners, bei denen Moscheies ftmgirte oder zu? 
hörte, die erste Aufführung von Haydn's Jahreszeiten, von 
Ed. Taylor in's Englische übersetzt, „zu profan", wie M07 
Scheies sagt, „und auch die Ausführung nicht edel genug." 
Dahingegen der Judas Maccabaeus und Jephtha in Exe- 
ter - Hall „ein Trost und eine Starkupg y für den armen 
Musiker, der sogar einen Psalm mitanhören, musste; einen- 
Psalm, den Niemand loben konnte und doch nicht tadeln 
durfte," Wir finden auch eine grosse Anzahl von Soir6en 
verzeichnet: beim Herzog von Cambridge, dem Marquis 
von Lansdowne und andern Fashionables , wo Musik ge^ 
macht , aber wenig verstanden wird. Desto ernster 
studirte der von Benedict und Moscheies neugegründete 
Sing verein. Er hielt allwöchentlich Zusammenkünfte ab, 
um gute alte und neue Musik zu üben ; die Damen des> 
Vereins zeigten Eifer und Ausdauer darin, indem sie gern, 
die alten klösterlichen Psalmen der. italienischen Schule,, 
und Mendelssohn's Motetten für das Kloster Trinita del 
Monte übten ; der männliche Theil des Vereins war schwach 
vertreten und belegte wieder die unbestreitbare Wahrheit, 
dass die Männer Englands der Musik eher abhold als er- 
geben sind. . • . : 
„ Mendelssohn fehlte all' überall , aber der Verkehr, 
zwischen ihm und Moscheies blieb ein reger und Mosche« 
les schreibt in einem Briefe:; „Es ist eine Erquickung. für 
Geist und Herz, dass ich die Correctur des vierten Hef- 
tes „Lieder ohne Worte" zu machen habe. Ich spiele 



1 



sie und die Variätions serieuses wieder und immer wieder, 
jedesmal geniesse ich ihre Schönheiten aufs Neue." 1 Als 
dankbare Erwiderung dieser Sendung schreibt Moscheies 
ihm seine beiden neuen Etüden F - dur und D-moll ab 
und sagt: „Er wird sie eben so gut vom Blatt lesen wie 
Liszt." 

Die Freunde verlangten gegenseitige, aufrichtige Be- 
urtheilung solcher zugesandten Werke und erhielten sie 
ungeschminkt. Auch wurden Mendelssohn von Mann oder 
Frau die musikalischen Vorgärige Englands mitgetheilt, 
besonders die auf ihn bezüglichen. Unter Anderm hatte 
die Frau ihm von fatalen Vergleichen geschrieben, welche 
eine stets geschäftige Presse zwischen ihm und Spohr 
angestellt hatte, und er erwidert am 14. Marz 1841: 

„Das Einzige, was mir in Ihrem einzig lieben Brief 
leid thut, ist,, dass Sie an der sonderbaren Vergleichung 
und an den Hahnenkämpfen Antheil genommen haben, 
die, mir unbegreiflicher und sehr bedauerlicher Weise, in 
England zwischen Spohr und mir angefangen worden sind, 
während mir wirklich nicht die geringste Idee zu einer 
solchen Concurrenz und Vergleichung in den Sinn gekom- 
men ist. Sie werden lachen oder zürnen, dass ich auf 
einen so scherzhaften Streit, so ernsthaft antworte, aber es 
liegt etwas Ernsthaftes da zum Grunde, und durch diese 
fortgesetzte Concttrrenz, die, Gott weiss wer aufgebracht 
hat, geschieht nicht Einem von Beiden ein Gefallen, sondern 
jedem ein Schaden , wie ich glaube; abgesehen , dass ich 
bei einem Meister aus Spohr's Zeit, von Spohr's Bewährt- 
heit, niemals als Gegenmann auftreten kann und magj 
dazu hab* ich vor seinem Wesen und seiner Person von 
jeher und schon als Knabe viel zu viel Respect gehabt, 
der sich mit reiferer Einsicht um nichts vermindert hat. 
— Verzeihen Sie mir wie gesagt, den langweiligen Ton 
auf einen so liebenswürdigen Brief, aber mir fällt alles 
das unwillkürlich ein, wenn ich an den widerwärtigen T. 
denke, und an das ganze Wesen, das er treibt. . . . 

Die sö eben erschienene biographische Skizze „Das 
Leben Beethoven's" fand Beifall; die erste Auflage war 

Moscheies' Leben. II. ß 



_ & ^ 

i 

bald vergriffet! und dem Vater wird geschrieben , „dass 
die Presse viel Lob spendet", „ja", sagt die Frau, „es wird 
Moscheies ernstlich gerathen , doch baldmöglichst noch 
etwas Musikalisches zu schreiben." Der Rath musste aber 
wegen Mangels an Zeit — vielleicht auch an Lust — un- 
beachtet bleiben 

Unter den vielen Schülern der letzten Jahre erscheint 
unausgesetzt ein Original Mr. B.: „Die Riesengestalt 
wollte Riesenwerke schaffen und Ideen sollten unter der 
Lockenperücke hervorsprudeln,. Er bringt mir einen neu- 
gebackenen Psalm , eine Motette , ein Lied in die Lection 
und ich corrigire, indem ich ein weisses Blatt nehme, 
seinen oft eigenen Text in Musik setze und ihn dann 
frage: „Is not that what you meant to express?" (Ist das 
nicht, was Sie sagen wollen?), worauf er stets mit: „Oh 
yes and just so" antwortet. Kürzlich kam er mit einet 
ganz neuen Marotte. Spohr, Mendelssohn und ich sollen 
ihm Jeder einen Psalm mit Orchester schreiben und er 
zahlt £ 20 per Stück." Mendelssohn wählte den dreizehn- 
ten, Moscheies den dreiundneunzigsten, und Mr. B. 
lässt sie mit äusserster Sorgfalt ausstatten. „Kein Papier 
ist ihm fein, kein Stecher gut genug" , klagt die Frau in 
einem Brief; „und so plagt er meinen armen Mann be- 
ständig mit dieser Auflage, während dieser gerade mit 
der zweiten Auflage seiner „Anticipations of Scotland" 
beschäftigt, schon genug mit seinem Stecher zu con- 
feriren hat. Gestern entliefen wir aber unserem B. und 
vergassen ihn und seine Kleinlichkeiten bald, denn wir 
sahen die Rachel in den „Horaces". Wie edel, wie gross 
ist sie in Sprache, Erscheinung und Bewegung; sie flösst 
mir Ehrfurcht ein, und indem ich über sie schreibe, fühle 
ich die Geringfügigkeit meines Lobes diesem Genie gegen- 
über. Besonders merkwürdig blieb mir. ihr Steigerungs^ 
talent, gewiss eines der wichtigsten Momente in jeder 
Kunstleistung Und doch oft darin vermisst. Erst steht sie 
einer Bildsäule gleich , an einen Pfeiler gelehnt und man 
hat Zeit, ihr Profil — seine classische Ruhe und den Fal- 
tenwurf des Costüms zu bewundern; dann als sie die 



1 
1 



Erzählung- des Kampfes mit anhört, begleitet sie diese 
mit ihrem unübertrefflichen Mienenspiel in allen seinen 
Phasen; nun ist sie nicht mehr Bildsäule, sondern ein 
lebendes Wesen, dessen Wünsche und Leidenschaften sich 
-in seinen Zügen malen; aber noch fehlt die Sprache; als 
diese wohltönend von ihren Lippen fliesst, ist sie gemes- 
sen wie ein feierlich getragenes Lied. Im Lauf der Rede 
erwärmt sie sich .,. aus dem gemessenen Tempo wird ein 
bewegtes , zuletzt, ein rasches , endlich- ein tempo rubata 
Aber .immer bleibt die Stimme klangvoll , die Articula- 
tion deutlich; man verliert keine Sylbe und erst, wenn 
sie aufgehört fühlt man, dass man ihr athemlos ge- 
folgt ist....*.' 

Ende Juli schreibt Moscheies aus Boulogne: „Gestern 
sind wir hier angekommen, und ich sage es mit Stolz 
und Wohlbehagen — ich bin ein freier Mann! Indem ich 
dies schreibe, lärmt es unten am Hafen. Ueberall wehen 
Tricolore, Flaggen, man will den Jahrestag von Louis 
Napoleon' s fehlgeschlagener Landung feiern; aber dem 
ersten Napoleon alle Ehre, sein Geburtstag am 15. August 
soll mit grossen Feierlichkeiten begangen werden." . . . . 
Später schreibt die Frau: „Es wird hier trotz alles See- 
badens und Spazierengehens doch sehr viel musicirt. Ich 
habe mich E. zu Liebe pensionirt, damit nur sie mit 
ihrem Vater spiele." Moscheies fügt hinzu: „Indem ich 
dies schreibe, höre ich, wie E. mein „Kindermärchen und 
Versöhnung" spielt und kann mich nur darüber freuen, 
4a sie meinen leisesten Wink über Vortrag schnell auf- 
fasst und sich beim Lesen nichts Falsches einstudiren wird*" 
Als die sechsjährige Tochter am Ende dieses Jahres die 
E-dur-Scala gelernt hat v und den Vater damit überrascht, 
improvistrt dieser Bässe in verschiedenen Rhythmen da- 
zu, was sie keineswegs ausser Fassung bringt. „So freue 
ich mkh an der . Entwickeiung der Kinder" „ schreibt Mo- 
scheies, „weil an mir selbst nicht mehr viel m entwickeln 
ist. Eben drücken mich Vorwürfe über meine väterliche 
Selbstliebe ., aber Ihr werdet mir diese Schwachheit ver- 
zeihen, da ich nicht weniger empfänglich für das Gedeihen 



Eurer Kinder bin." Ein Brief an die Schwägerin sagt: 
„Du fragst, ob Deine Töchter Generalbass lernen sollen? 
Und ich sage ja. Freilich findet sich keine . practische An- 
wendung für das Studium, wenn es nicht unermüdlich 
und Jahre lang verfolgt wird; doch hilft es, selbst dilet- 
tantisch betrieben, zum besseren Verständniss guter Com- 
positionen, indem es ihre Structur begreifen lehrt; ist es 
doch die Grammatik der Tonkunst, also eine unerläss- 
liche Hülfe zum tieferen Eindringen in ihr Wesen. Das 
Lesen eines bezifferten Basses ist nothwendig, wenn man 
alte Musik begleiten will und endlich auch eine Stufe 
zum Partiturlesen. Wähle Dir als Lehrer einen guten 
Theoretiker oder Organisten, vielleicht Schwenke; denn 
was ich von ihm gesehen habe, lässt mich auf seine 
Gründlichkeit schliessen . . . Fast gleichzeitig schreibt 
er Folgendes an die Wiener Freundin, Frau von Lieben, 
eine geborene Lewinger; „Auf Ihre Anfrage wegen des 
Unterrichts Ihrer Kinder sage ich: Sie müssen beim 
Clavierspiel Ihrer Kleinen nur insofern auf die Kräftaus- 
bildung bedacht sein, als die von "Natur schwächeren vier- 
ten und fünften Finger den anderen gleich • werden sollen* 
Den Handleiter halte ich für überflüssig. Der Schüler 
muss anfänglich dazu angehalten werden, die Arme und 
Hände auf eine natürliche Weise zu halten — Ellenbogen 
und Handgelenk weder zu hochtragend, noch herabhän- 
gend zu gebrauchen. Ein aufmerksamer Lehrer und gute 
"Vorbilder müssen das Beste hinzu thun. Gutes Tacthalten 
und Ausdruck müssen zugleich, doch um weniges später, 
entwickelt werden. Variationen und Phantasien über Opern- 
thema's passen weniger zur Entwickelung eines eigenthüm- 
lichen Styl's, weil darin das Ohr zu sehr an den bekannten 
Formen hängt Original-Werke von guten Meistern sind 
nützlicher. — Aber wenn das Alles mit dem Handleiter geübt 
werden sollte (wie Kalkbrenner empfiehlt, der sich noch täg- 
lich dessen bedient), so muss das Gefühl schlafen, während 
die Hand sich bewunderungswürdig — steif bewegt. 
Was wäre aus uns älteren Ciavier Spielern und aus den 
Thalberg und Liszt geworden, wenn sie sich des Hand- 



leiters bedient hätten! Die Kunst, stände sie höher? Und 
K/s Speculation , spickte sie seinen Beutel bis zum 
Platzen ? Basta 

Ihr Freund 
I. Moscheies. 

P. S. Alle, Gross und Klein, sind gar zu glücklich 
hier, und wäre die Jetee nicht mit einer schlechten Musik- 
bande behaftet, um uns an die Unvollkotnmenheit mensch- 
licher Zustände zu erinnern, wir würden allzu sentimental 
im Anschauen dieses grossen, ewig wechselnden Natur- 
schauspiels. ... . 

Moscheies schrieb in diesen Boulogner Wochen seine 
Tarantella (Emily , dedicirt) , die Serenade- (beide Werke 
mit ihren Arrangements gegen ein Honorar von £ 80 bei 
Chappell verlegt); ferner die Romanesca , auch zwei sehr 
schwere Etüden, eine kleine Barcarole in Des-dur, „da- 
mit ich doch 1 weiss, warum ich an der See lebe". Auch 
arrangirte er jBeethoven's Septett zu vier Händen. — 

Das Häuschen in Chester Place wieder erreicht, 
finden wir die Ausrufungen des innigsten Dankes gegen 
Gott für eine so glücklich vollbrachte, genussreiche Reise. 
Der Besuch bei einem jungen Ehepaar ruft bei Mosche- 
les die Bemerkung hervor: „Sie schwelgen in ihrem Glück; 
aber bei ihnen sind es noch Füttern; bei uns schon eine 
härtere im Feuer erprobte Substanz, denn wir sind ein 
glückliches altes Ehepaar, können auch noch jung thun, 
wenn's darauf ankommt, tanzen wie die Rehlein, hüpfen 
wie die Böcklein , um zwei schlafen gehen , um sieben 
wieder aufstehen und doch den ganzen Tag unsere Ge- 
schäfte frisch und kräftig betreiben. Ueber die fortschrei- 
tende Erziehung der Kinder wollen wir aber stets mit 
Ernst wachen und Alles aufbieten, um sie zu einem glück- 
lichen Resultate zu bringen. Sie müssen auch vor Leuten 
spielen; man kann sie nicht früh genug über die Dilettan- 
ten-Blödigkeit hinwegbringen, die so sehr an Ziererei 
grenzt; man muss sie lehren, nicht an ihr eigenes kleines 
Ich, sondern an die Grösse des vorzutragenden Kunst- 
werks zu denken." 



86 — 

Gleich, im Herbst 'wurden die Singvereins - Uelmngen 
mit gewohntem Eifer wieder aufgenommen und durch den 
Winter hin fortgesetzt. Auch die musikalischen Sonn- 
abende beginnen von Neuem, diesmal abwechselnd im 
Benedicfschen und Moscheles/schen Hause. Die Frau 
schreibt darüber: „Ich kann Euch diese Abende nicht ge- 
nug rühmen, sie bieten die echtesten Kunstgenüsse bei gros- 
ser Einfachheit; kein Wunder, dass Alles heiter und auf- 
geräumt ist und gern zum Beschluss ein Tänzchen macht,, 
wozu Moscheies meist spielt und Benedict die Figuren iii 
Quadrille und Cotillon angiebt," 

Und hier, wo wir, wie so oft schön, von seiner Hei- 
terkeit , semer Zufriedenheit hören , drängt sich wohl mit 
Recht die Frage auf: War denn dies Leben ein durch- 
aus glückliches, ungetrübtes? — Hatte diese Familie vor 
allen andern [das Vorrecht in ihren Unternehmungen, in 

ihren Gliedern gesegnet zu sein? O nein, der Wer- 

muthstropfen , der bei allen Sterblichen in den Lebens- 
becher träufelt, hatte auch hier seine Bitterkeit; aber 
Moscheies' glückliches Naturell überwand diese rasch, 
und hielt sich an die Süssigkeiten , welche Kunst . und 
Beruf ihm boten. Es drängte sich wohl eine Thräne in 
sein Auge, er loderte wohl in Zorn gegen Ungerechtig- 
keit auf, — aber bald trat Erschöpfung ein , er konnte- 
ruhen, wenn auch nicht schlafen, und stand nach schwe- 
ren Momenten gestärkt und stille geworden von seinem 
Sopha auf, kannte keine durchwachten Nächte, kein Grii- 

T 

beln über Unvermeidliches. Seine Frau pflegte er in schwe- 
ren Momenten durch die Allgewalt seiner Liebe, durch: 
sein Motto: „Wie Gott will"! zu beruhigen. 



1842. 

Am i. Januar schreibt Moscheies in sein Tagebuch: 
„Glücklich und zufrieden beginne ich dies Jahr im Kreise 
meiner Frau und unserer vier Kinder und sehe mit' Zu* 



- 87 — 

versieht der Ausbildung- der letzteren entgegen. Indem 
ich dies hierher schreibe, komme ich mir vor wie ein 
Monarch, der bei Eröffnung seiner Kammern feierlich 
ausruft: In unserm Innern gedeihen Industrie und Wohl- 
stand etc. etc." 

Es wird zu Anfang des Jahres die Bekanntschaft der 
Familie Bunsen erwähnt und später „das einfach ein- 
nehmende- Wesen beider Ehegatten bei so grosser Be- 
gabung" wiederholt gerühmt . . . „der gegenseitige Freund 
Neukomm das verbindende Element zwischen beiden Fa- 
milien" . . . „die interessanten im Bunsen'schen Hause ver- 
lebten Stunden" vielfach besprochen. Schon Ende Januar 
spielt Moscheies dort vor dem Könige von Preussen auf 
einem für Se. Maj. gewählten Erard; Neukomm lässt sich 
auf dem orgue expressif hören; „Alexander v. Humboldt 
und andere berühmte Landsleute sind in des Königs Suite, 
Alle an meinen Leistungen freundlich theilnehmend." 

Mit dem Februar beginnt eine .Prüfungszeit für die 
Familie Moscheies: — der Scharlach bricht aus. Wir 
denken an Dickens* Worte: they sat together and talked 
of their illnesses (sie sassen zusammen und sprachen von 
ihren Krankheiten), und möchten dem Leser keine solche 
Langeweile aufbürden, nur muss es hier gesagt sein, dass 
der Arzt es Moscheies als Pflicht auferlegte, sein Haus 
zu verlassöh, um nicht etwa die Ansteckung zu seinen 
Schülern zu tragen, dass er sich Moscheles* Weigerung 
mit Hinweis auf sein Gewissen widersetzte, dass auch 
ihm das Gewissen nicht erlaube, Arzt im Hause zu bleiben 
und dass Moscheies der zärtliche Gatte und Vater von 
den Seinigen getrennt blieb, während er so gern geholfen, 
getröstet hätte. Lassen wir ihn selbst in einigen der 107 
Billette sprechen, die vor uns liegen und die er seiner 
Frau — gewöhnlich drei an einem Tage — sandte. 

„Von Gottes Güte, von Deiner Seelenstärke erwarte 
ich Alles" oder „ein neuer Sonnenschein verkündet mir, 
dass er auch Euch segnend bescheinen wird" . , . „Wenn 
Deine Kraft zunimmt, unsere Trennung zu ertragen, will 
ich mir denken, ich sei auf einer Reise, aber auf dem 



Rückweg begriffen, der Weg holriricht, die Diligence 
schleppend , sie bleibt auch im Morast stecken , was 
die Nachhausekunft noch verspätet, bis endlich der Con* 
ducteur sagt: „Sie sind auf der letzten Station" und der 
Zollbeamte: „Sie sind expedirt" ... Mitunter vergisst er 
auch sein Trösteramt und fallt aus der Rolle : ..Eine Zelle 
in Newgate könnte nicht so viel Abstossendes für mich 
haben, als eine Wohnung getrennt von Dir".., Ein .bes- 
seres Bulletin veranlasst die Worte: „Es wurde mir in den 
Singverein nachgeschickt und in der Freude meines 
Herzens liess ich gleich ein Gloria singen; sage Felix, 
ich werde ein ganzes Fass Wein auf seine Gesundheit 
austrinken. Das Rossini'sche Stabat Mater, auf das - wir 
so gespannt waren, ist mir seit unserer Trennimg bekannt 
geworden, und jetzt lassen Benedict und ich es im Verein 
studiren. Es ist, wie Du denken kannst, ein Muster von 
Singbarkeit (wenn Du mir den Ausdruck erlaubst), mir 
aber nicht kirchlich m genug im Styl, seine einzige Fuge 
unbeholfen. Die Urtheile über das Werk klingen sehr 
verschieden; einige stimmen mir bei, aber die Masse er- 
götzt sich an den einschmeichelnden italienischen Phrasen, 
die auch ich bewundere, ohne sie am rechten Ort zu finden. 
Nun, die Zeit ist ja hoffentlich nicht allzu fern, wo Du 
wieder im Verein mitsingen und das Werk kennen lernen 
wirst — Lass uns genau verabreden, wann ich Dich am 
Fenster sehen kann; es ist zwar eine Tantalusqual, aber 
wenn ich hinüberschaue und Du nicht da bist, so fühle 
ich mich, als hätte ich ein richtiges Tempo verfehlt." 1 . . . 

Oft sucht er sie auch durch Erzählungen aus dem 
Bekannten - Kreise zu unterhalten... „Ich hörte B. M< 
h eigener Composition spielen, aber es war 

eine Umschreibung von Thalberg und Döhler, also ein 
Abguss vom Abguss"... In einer Soiree mussten seine 
» Ohren leiden! Rode's Variationen und Weber's Concert- 
stück dilettantisch vorgetragen. Endlich entschloss ich 
mich, durQh mein eigenes Spiel alle diese Misstöne zu ver«* 
scheuchen." . . . Von einem sehr kleinen überluxuriösen Hause 

' ■ ■ ■ l ■ 

erzählt er: „Es kommt mir vor wie ein Kind, .das sich 



- 89 - 

den Gala-Rock seines Grossvaters angezogen hat."... „Bei 
einem Mittagessen commandirt die Frau vom Hause und 
der Herr giebt Contreordre, die Söhne wieder andere 
und zwei arme unerfahrene Dienstmädchen liefen umher 
wie Schaafe, die sich von ihrer Heerde getrennt und von 
Hunden zusammengetrieben sehen" ... 

„Mit Neukomm hatte, ich ein sonderbares Gespräch. 
Ich spielte ihm meinen Psalm (93.) vor; er sagte oft: schön, 
schön 1 gut, gut! und erklärte den Chor Nr. 2 für sein 
liebstes Stück; so voll Melodie. Ich bat um Kritik und 
er zeigte mir einige Harmoniegänge, die er für zu gewagt 
erklärte (ich dachte, wie nützlich die seinen so gut ge- 
schriebenen, aber oft so monotonen Compositionen sein 
könnten), sagte aber nur: „der unerreichte Beethoven hat 
noch mehr gewagt." Und er: „da folgen Sie einem schlech- 
ten Beispiele" — worauf ich nur bescheiden evasive Ant- 
wort geben wollte, als uns der junge Bunsen eben zur 
rechten Zeit unterbrach." . . . „Letzten Sonnabend sangen 
wir iöstimmig im Bunsen'schen Familienkreise eine Musik 
von Neukomm, zu der Bunsen einen selbstgeschriebenen 
Commentar hat drucken lassen. Neukomm hat Choräle, 
Miserere von Palestriha und die Liturgie der stillen Woche 
in dieser Musik harmonisirt zusammengestellt (mit Ciavier 
oder Orgelbegleitung). Ich sang meinen Bass nur um 
weniges schwächer als Lablache".... 

Wir übergehen die Aeusserungen des Schmerzes über 
die lebensgefährliche Krankheit des Sohnes, über das 
Darniederliegen der Frau und Tochter, über eine Reise 
Beider nach Brighton, die statt der erwünschten Stärkung 
neues Leid bringt; das Maass der Bitterkeit scheint voll 
zu sein, als der härteste Schlag, der Tod von Moscheles* 
Mutter, den Becher überlaufen macht. 

Moscheies schreibt: „das Unglück hat mich tief er- 
schüttert. Nie wurde ein Sohn inniger geliebt, nie hat 
Einer solche Liebe herzlicher erwidert, als ich. Diese 
Lücke muss unausgefullt bleiben. Aber Gott hat mir Frau 
und Kinder wunderbar behütet. Ihm sei; Dank dafür!" 

Das Versprechen, in York zu spielen, musste noch 



— ge- 
während der Krankheitszeit eingelöst werden. „Ich hatte 
in den drei Tagen viel mit meinem Seelenzustand zu 
kämpfen," schreibt er, „aber das Publikum merkte es 
nicht. Das Orchester machte mir auch zu schaffen. 
Denke Dir, wie besonders wehmüthig es klang, wo alle 
Secundo-Parten der Blasinstrumente fehlten ! . . . Ich spielte 
auch im York-Münster auf der prachtvollen Orgel (fugirt) 
und erging mich in der Umgegend, um die Ungeduld 
todtzuschlagen, die immer nach Hause wollte. Eine alte, 
halb zerfallene Statue soll eine old Mother Shipton vor- 
stellen, die gewahr sagt haben soll: London is Lincoln was 
York will be; den Yorkern natürlich sehr schmeichelhaft. 
Auch die Assisen mit dem zweistündigen Verhör dreier 
Mörder fesselten mich, denn es war ein interessanter Fall." 

* 

Nach London zurückgekehrt, gab es viel mit der 
Spohr'schen Symphonie für Doppel-Orchester zu thun; Mo- 
scheies sollte sie auf Spohr's ausdrücklichen Wunsch di- 
rigiren und plagte sich viel dabei, da die Philharmonischen 
Directoren ihm nicht in der Aufstellung des Orchesters 
und ähnlichen Dingen beipflichten wollten. 

„Das Werk", sagt Moscheies, „hat all' die grossen 
Eigenschaften, die man an Spohr kennt und liebt: Schöne 
thematische Behandlung, geniale Modulationen und vor- 
treffliche Instrumentation; aber den Hauptgedanken fehlt 
es an Neuheit und ich wünschte mir mehr Episoden und 
Contraste, da die Einheit so gross ist, dass sie beinahe 
zur Monotonie führt. Den Harmoniker mag das befriedi- 
gen, aber das Ohr bekommt zu viel gleichbedeutende Ein- 
drücke. Das Orchester spielte mit Liebe und Eifer, er- 
zielte aber doch nur mässigen Beifall". ... 

Nun fingen auch die Continentalkünstler an, das Ei- 
land musikalisch zu bevölkern, und unter diesen tritt * 
Anton Rubinstein als Rival von Thalberg auf. „Dieser 
russische Knabe", sagt Moscheies, „hat federleichte Finger 
und dabei die Kraft eines Mannes." Aber auch die Ein- 
heimischen regen sich. Blagrove gab Quartett-Soireen, 
Bennett trat mit seinem Sextett in Fis-moll hervor, die 
Royal Academy of music führte Spohr's „Letztes Gericht" 



t - 



— 91 — 

auf; öffentliche Diners und Privat-Soireen wechselten mit- 
einander ab. Noch während der bösen Krankheitszeit 
hatte Moscheies durch die Vermittlung von Bunsen die 
Erlaubniss bekommen, dem Prinzen Albert seine grosse 
Klavierschule zu dediciren und an einem von ihm selbst 
zur Empfangnahme des Dedications-Exemplares anberaum- 
ten Tage fand Moscheies sich im Palast ein. Von dort 
aus schreibt er seiner Frau: 

„Antichambre Buckingham Palace. Es ist 74 nach 1 Uhr, 
ich sitze seit 12 Uhr ganz allein in einem Vorzimmer des Pa- 
lastes und gebe meinen Gedanken Audienz, ohne sie so 
lange warten zu lassen, wie der Prinz mich oder ich meine 
harrenden Schülerinnen, Die Sonne dringt durch die 
Spiegelscherben und wärmt mich von der einen, ein grosses 
Kaminfeuer von der anderen Seite. Ist das nicht ein 
Gaudium? Aber Freiheit! Goldene Freiheit!! hätte ich 
dich wieder und sässe zu Hause und sähe Dich statt dieser 
kahlen Wände! Zum Glück fand ich Schreibzeug und 
kann Dir schwarz auf weiss beweisen, dass ich bei allen 
Gelegenheiten an Dich denke. ... 2 Uhr. Endlich erschien 
Dr. Schenck in meinem ' Gefängniss und zeigte mir in 
grösster Verlegenheit an, dass ich dem Prinzen, der bei 
meiner Ankunft anderweitig beschäftigt war» durch die 
Vergesslichkeit eines Pagen nicht zum zweiten Mal ge- 
. meldet worden sei. Der Prinz werde diese Vernachlässi- 
gung sicher nicht ungerügt vorübergehen lassen. 5 Uhr, 
Jetzt bin ich wieder in meiner Exil - Wohnung und muss 
Dir das Ende meiner Hof - Geschichte berichten. Der 
Prinz folgte dem Dr. Schenck auf dem Fuss, machte Ent- 
schuldigungen und sagte, wie leid es ihm thäte, mir so 
viel Zeit geraubt zu haben. Er war sehr liebenswürdig 
und meine Ungeduld verschwunden. Ich überreichte ihm 
die Ciavier schule , in der er viel blätterte; er meinte, er 
werde sich wohl an die leichtesten der Etüden halten 
müssen, worauf ich natürlich erwiderte, er habe nur zu 
befehlen , wann ich ihm die schweren vorspielen solle. 
Seine Antwort war freundlich, aber ohne Zeitbestimmung; 
so hat er keinen Wunsch, sie oder mich zu hören. Ein 

L 



1 



■ 



Page tritt ein: „H. M. the Queen is ready" und der Prinz 
empfiehlt sich eiligst mir und Dr. Schenck, der zugegen 
war; auch ich eilte fort zu meinen Lectionen". . . . 

Leider trat mitten in den Wonnemond, in die wechseln- 
den Genüsse der Saison wieder das Unglück mit ehernem, 
unerbittlichen Schritt hinein. Hamburg brennt und dort 
wohnen die geliebten Nächsten ! — Als man über ihre 
Sicherheit beruhigt war, trat das Elend der obdachlosen 
•Bevölkerung so grell hervor, schien das Scherflein einer 
Privatgabe so gering, dass Moscheies die Idee fasste, ein 
grosses Concert für die Nothleidenden zu geben; doch wo 
einen freien Tag hernehmen, wo ein Local ohne allzu 
grosse Kosten? Der Ball für die Spitalfields-weavers, die 
Masse der Concerte traten feindlich entgegen, der italie- 
nische Operndirector noch feindlicher durch den Preis, 
den er auf seinen Saal setzte. Aber Lablache hilft, nicht 
nur er selbst, alle seine Landsleute wollen, von ihm auf- 
gefordert, mitwirken; alle Deutschen und Engländer sind 
bereitwillig. Nun aber zweifelt das Hamburger Comite: 
Wird Moscheies allein den Saal füllen? Will er sich 
Theilhaber an der Unternehmung zugesellen? Er verneint 
es, um freie Hand zu behalten. Die Eintrittskarten gehen 
reissend ab, in der elften Stunde kommt Mendelssohn an; 
das ist ein gutes Omen, denn auch er wird mitwirken; 
nun sind die Billette schon so begehrt, dass man den 
Orchester-Raum zu Sperrsitzen benutzt; die Logen hat der 
Hof inne, zuletzt baut sich ein Gerüst von Tischen vor 
der Eingangsthür des Saales auf für. den Ueberfluss der Zu- 
hörer. Es giebt sehr viel Musik, darunter eine Etüde in 
F-dur 2 /4 Takt, welche Moscheies für diese Gelegenheit 
schrieb, — aber auch sehr viele Güineen. Hier die Zu- 
sammenstellung von Einnahme und Ausgabe; 

Theaterdirector Luraley . . . £ 50. 

Erfrischungen für die Künstler „ 2. 10. 9. 

Extra-Sitze , 2. 3. 6. ■ 

Polizei. . „ 1. 8. 6. 

Anschlagbretter und Träger . „ 4. 7, — 

1 



Tischler und Tapezierer . . . £ 8. 8. — 

Ankündigungen „ 23, 

120. 14. 9« 

Brutto-Einnahme . . . 764. 

Ueberschuss 643. 5. 3. 

764. 764. 

1 

# 

„Ich erbat mir", sagt Moscheies, „vom Senat 1000 
Mark von dieser Summe, welche ich privatim vertheilte* 
Später schickte mir die Stadt eine Medaille aus dem ge- 
schmolzenen Erz der Glockentürme geprägt, mit den 
darin eingefügten Worten: Hamburg dankt."... 

Bis zum 10. Juli gab es herrliche Tage mit Mendels- 
sohn und seiner Frau, denn man sah sich oft. Die Frau 
schreibt einmal: „Endlich ist mein sehnlicher Wunsch er- 
füllt, ich habe die engelschöne, rliebliche Cecile kennen 
gelernt. Mendelssohn hatte ganz Recht, wenn er voraus- 
setzte, wir würden uns verstehen und lieben lernen; ich 
meinerseits hatte es gar nicht erst zu lernen, denn sie 
sehen und mich zu ihr hingezogen fühlen war eins." Es 
wurden schöne Sonntage mit ihnen bei ihrer Tante Frau 
B. zugebracht,» „bei himmlischem Wetter Laufspiele im 
Garten arrangirt, wobei Mendelssohn^ Füsse sich eben 
so gewandt erwiesen, wie auf dem Orgel-Pedal", schreibt 
die Frau, „Charaden aufgeführt, wobei er den Regisseur, 
Moscheies das Orchester repräsentirte. Hiess es dann aber 
„ernst sein und tüchtig Musik machen", dann waren beide 
M's. erst recht in ihrem Element, dann hörten wir 
viel Schönes und die gewagte Improvisation, die nie 
fehlen darf, pflegt bei solchen Gelegenheiten am Besten 
zu gelingen. Hinterher heisst es wohl: das war aber toll, 
wie Du mir da mitten in das Thema Deiner ernsten 
As-dur-Etüde, das ich recht sentimental vortragen wollte, 
mein lustiges Scherzo brachtest. Oder: Wie konnte es- 
nur gut gehen? Wir sind doch heute wieder gar zu über- 
müthig gewesen!" — Als Mendelssohn' s einige Tage bei 
Moscheies zubringen, sagt ein Brief: „Man kann ihm, dem 
Erregten, U ebersprudelnden nur Glück wünschen, dass er 



. diese sanfte, echt weibliche Natur als Lebensgefährtin be- 
sitzt; sie ergänzen einander vollkommen." Moscheies sagt: 
„Er spielte mir seine Antigone - Chore vor , sang oder 
brummte dazu und genug, es wurde mir daraus klar, wie 
gross und edel das Werk ist; der Bacchus-Chor im echten 
Geist." 

Man begegnet einander gesellig und musikalisch bei 
Grote's, Kemble's, Benedictas und in anderen Häusern, 
und haben die beiden M's. gespielt, so vertritt Miss 
Kemble die Vocalmüsik und Mrs. Butler liest Shakespeare, 
„Aber Duprez' französische Romanzen wollten da nicht 
hineinpassen."... „BeiAlsager spielten wir Beethoven'sche 
Sonaten und ich glaube, wir spielten heute noch, wenn's 
nach dem Hausher-rn ginge." . . . „Die neue A-moll-Sinfonie 
ist wieder eine Perle; die Subscribenten des Philharmonie 
aber auch ganz bereit, sie als solche anzuerkennen und 
erst wir von der Musikergilde!"... „Anton Bohrer brachte 
seine talentvolle Tochter, die schon viel leistet." . . . „Ganz 
ist ein ausgezeichneter Cellist."... 

In der Julihitze nennt das Tagebuch „die lästige Arbeit 
noch lastiger" und meldet kurz darauf mit Behagen den 
Landaufenthalt bei den Lieben in der Nähe Hamburgs, 
fern von der eingeäscherten Stadt, den thurmlosen Kirchen, 
den öden Brandmauern statt der wohlbekannten Häuser.".. * 
„Aber Gottlob, die Noth ist gestillt, die Qbdachlosen 
untergebracht." 

Als die Familie im September schied, war es in Be- 
gleitung einer Nichte, „ein musikalisches Pflegekind für 
mich", sagt Moscheies, „das aber auch gern tanzt, so dass 
wir unsern Sonnabend, nachdem wir viel musicirt, ge- 
wöhnlich mit einem Tänzchen laeschliessen." 

Die deutsche Oper mit Frau Stöckl-Heinefetter, Hai- 
zinger und Staudigl bietet grosse Genüsse, doch rügt 
Moscheies es, dass sie ihre Vorstellungen mit Robert der 
Teufel und einem gemischten Concert schlössen. „Das ist 
kein würdiges Ende." Im Mätrimonio segreto gab's zu 
lachen. „Chorley hatte ihn geschickt in's Englische über- 
tragen; Miss Kemble im Gesang sie selbst, im Spiel die 



würdige Tochter ihres Vaters , war von Mrs. Shaw au£s 
Beste unterstützt; eine Fidalma, die mit ihrer volltönenden 
Tiefe nie ihren Effect verfehlt, wenn sie als strafende 
Tante den zankenden Nichten nachspottet." 

Die Händelgesellschaft, welcher Moscheies beitrat, 
gab viel ernste Arbeit; sie hatte sich constituirt, um eine 
verbesserte Auflage der Händerschen Werke zu veran- 

- . -w j 

stalten; dazu bedurfte es vieler Zusammenkünfte und Be- 
rathungen. Für die Jugend gab es in der Weihnachts- 
zeit ausser dem strahlenden Weihnachtsbaum auch noch 
Jullien's neue Promenade-Concerts, „das ganze Drurylaner 
Theater", schreibt die Frau, „in einen Salon umgestaltet, 
drapirt und mit Blumen geschmückt, ein bewegliches Pu- 
blikum im Hut und Mantel unten, während oben in den 
Logen Abendtoiletten glänzen; unten i sh. Entree, oben 
höhere Preise. Nun aber die Hauptsache, die Musik.' Sie 
wird auf einer Erhöhung von einem guten Orchester ge- 
macht, das Jullien meist mit dem baton dirigirt, zuweilen 
spielt er ein flauto piccolo, das scharf durchdringt und die 
guten Tacttheile markirt; immer wirft er sich nach Be- 
endigung der Stücke wie erschöpft in einen rothsammetnen 
Sessel, der inmitten der Estrade aufgestellt ist, immer 
zeigt sein Frack eine halbe Meile weisser Weste, aber 
immer auch sind seine Tanzweisen mit ihrer starken 
Würze von Trommel, Pauke und Trompete, ein An- 
ziehungsmittel für das grosse Publikum, ja es giebt 
keinen Schuljungen, der nicht Jullien's Promenade-Concerts 
in seinen Ferien besuchen müsste." Auch Moscheies muss 
diese Tanzweisen mit anhören; aber eine ganz andere Art 
von Musik beschäftigt seine Gedanken am Schluss des 
Jahres. „Seitdem ich meiner fünfjährigen Tochter die 
C-dnr-Scala in verschiedenen Tactarten begleitete, trage 
ich mich mit der Idee zu einem harmonisirtenv Scalenwerk. 
JLs soll dem Schüler das mechanisch trockene Ueben der 
Tonleitern angenehm machen, seinen Geschmack bilden, 
indem er eine Melodie hört und ihm die unentbehrliche 
Festigkeit im Tact #eben. Dies könnte vielleicht der 
vclavierspielenden Welt nützlich werden. Je früher das 



rein Mechanische in den Hintergrund tritt , desto mehr 
wird das wahrhaft künstlerische Element ausgebildet." 



1843. 

Das Scalenwerk war in diesem Winter Moscheies' 
Hauptarbeit; sein Zweck, „dass der Schüler mit beiden 
Händen die Tonleiter übe, und dies mit Lust und Liebe" 
ward vollkommen erreicht. Das Tagebuch sagt: „Ich will 
auch, dass der Lehrer, der das schwere Amt hat, den 
Anfänger die Scalen zu lehren und sie ihn üben zu hören, 
sich nicht dabei langweile, wie das so oft geschieht; beide 
sollen angenehm beschäftigt sein; der Lehrer, indem er 
seinen eigenen Part liest und auf den des Schülers achtet, — 
dieser indem er statt der blossen Scala ein rhythmisches 
Stück, eine Melodie hört, und sich dabei an's Zählen 
gewöhnt." „Ihr glaubt nicht", schreibt die Frau, „mit wel- 
chem Enthusiasmus die Kinder über jedes neübeendigte 
Scalen-Stück herfallen, E. natürlich als Lehrer; sie müs- 
sen Alles spielen, noch ehe die Dinte getrocknet ist, und 
„la danse des fees" bleibt der Liebling." ' 

Moscheies muss auch wieder zwei Hefte Arrange- 
ments — diesmal über Don Pasquale — machen; das ist 
leidige Geschäftssache; aber für Cramer revidift er drei 
nach Beethoven's Tode herausgegebene Stücke zu Fidelioj: 
daran hat er grosse Freude. 

„Wir hätten einen langen musikalischen Abend in 
Exeter-Hall", schreibt die Frau. „Zuviel für den deutschen 
Geschmack; nicht mehr Und nicht weniger als: Anthem 
von D. Grotch, Beethoven's Messe in C und den Lobge- 
sang. Wie ist es möglich , dass wir hinterher noch zu 
Mrs. Sartons gingen , dass Moscheies spielte und Beifell 
erntete, ja, dass wir noch herzlich über John Parry lach- 
ten, ohne den es in diesem Winter nun einmal keine Soiree 

H r 

giebt Ich erzählte Euch schon, wie er allein ein Trio singtr 
jetzt lacht schon Alles , wenn er sich an's Ciavier setzt, 
das er vollkommen beherrscht ; er singt oft parlando- zir 



seinem vortrefflichen Accompagnement irgend eine Ge- 
schichte — meistens in Versen, die irgend eine Modenarr- 
heit beleuchtet, um sie unbarmherzig zu geissein. Man 
könnte ihn den musikalischen Moliere unserer Zeit nen- 



nen", 



Das nächste Mal: „Ich habe Euch wieder über einige 
Aufführungen in Exeter - Hall zu berichten, wo wir 
Christus am Oelberge in englischer Bearbeitung hörten; 
dann aber auch an einem Abend den Messias, unter ganz 
besondern Umständen. Clara Novello und Mrs. Shaw, die 
vortrefflichen Sängerinnen, rissen das Publikum zu gros- 
sem Enthusiasmus hin; es wollte Alles zweimal hören. 
Mrs. Shaw zeigte sich willig, Miss Novello nicht; sie wi- 
derstand allem Klatschen, Rufen und sonstigen Beifalls- 
bezeugungen und der Chor „why do the Heathen rage", 
welcher eben folgte, .passte vortrefflich zu dem ungebühr- 
lichen Lärm, der den grossen Raum erschütterte. „Miss 
Novello, encore", ertönte es von allen Seiten. Leute stiegen 
auf die Bänke, aber Alles umsonst, sie wiederholte nicht. 
Phillips, der Bassist , auch ein grosser Liebling des Pub- 
likums, hatte nun eine Arie zu singen und da auch er 
nicht angehört wurde, stand Miss Novello auf und ging 
hinaus, worauf sich Alles beruhigte und Phillips sein 
Stück endete. Mehrere Nummern folgten ohne Störung, 
bis es endlich an die himmlische Arie kam „Ich weiss, 
dass mein Erlöser lebt". Miss Novello trat wieder ein, 
diesmal in Begleitung eines Comite-Mitgliedes; das Publi- 
kum sollte angeredet, Miss Novello entschuldigt werden, 
doch gleich - erhob sich eine Stimme im Saal mit dem 
Ausruf: bad temper, und nun begann der Sabbath von 
Neuem. Sie sang also den erhabenen Text und die gross- 
artige Com position unter dem Zischen, Klatschen und 
Schreien der Menge, bis endlich ihr herrlicher Vortrag 
siegte und man schwieg." .... 

In diese Zeit fallt ein Brief von Moscheies an seinen 
Schwiegervater, als Antwort -auf die Frage, — wie ihm 
Berlioz' grosse Symphonie gefallen, die man soeben in 
Hamburg gehört? Er schreibt: „Ich kenne dieses Werk 

Moscheies 1 Leben. II. n 



nur im Ciavierauszug, könnte daher kein competentes 
Urtheil darüber abgeben , doch werde ich schwerlich da- 
für gewonnen werden, weil ich seinen Mangel an Melodie, 
Rhythmus, Phraseologie und contrapunctischen ' Proportio- 
nen zu sehr fühle. Seine Ouvertüren: francs juges und 
Benvenuto Cellini habe ich mit ganzem Orchester gehört; 
doch konnte mich seine efFectreiche Instrumentation nicht 
für die soeben genannten Mängel entschädigen, besonders 
an Stellen, wo er melodisch neues Poetisches bringen 
möchte und grade in das Verbrauchteste und Prosaischste 
fällt. Uebrigens beweise ich der "Welt und meinen Freun- 
den gern, dass ich nicht zopfig am Althergebrachten hange, 
und die neuen Componisten zu schätzen weiss. So spiele 
ich jetzt viel Chopin, ja ich suche mich darin einzuspielen, 
" obgleich es nicht mein Genre ist. Der Ciavierspieler Halle 
seit Kurzem in London, spielt Chopin viel und gut. Er 
kommt eben aus Paris und bringt gewiss die richtige 
Tradition dieser Notturnos und Mazurken mit, trägt aber 
auch andere Compositionen mit Beifall vor." .... 

Während des Winters und selbst in das Frühjahr 
hinein giebt es viel Musik und manchmal gesellt sich 
ein Tänzchen hinzu. Moscheies schreibt einmal; „Es geht 
noch recht gut mit dem Tanzen, aber die späten Stunden 
könnten es uns verleiden, wenn wir uns nicht an dem 
Vergnügen unserer jungen Mädchen weideten." Die Frau 
meint: „Zur Abwechslung von Tanz und Musik herrscht 
hier jetzt die Tableau-Manie;" bei Benedicts, bei Sartoris 
bei uns werden sie ganz vortrefflich, gestellt, da die Maler 
Landseer und Horsley, der Bildhauer Westmacott und 
Andere hülfreiche Hand leisten. Dabei sind unsere Sub- 
jecte ausgezeichnet: Mrs. Sartoris als Sybille, z. B. war 
am letzten Sonnabend bei uns wirklich classisch. Sie selbst 
empfangt ausser an ihren Tableaux - Abenden auch noch 
Sonntags und. das sind sehr genussreich-musikalische Stun- 
den, obgleich es uns leid thut, dass unsere ruhigen Sonn- 
tag-Abende durch diese unwiderstehlich anziehende Ein- 
ladung nun auch mit in den Saison-Strudel hineingezogen 
werden." Aber auch Klagen sind zuweilen zu verzeich- 



— 99 • — 

nen. So notirt Moscheies: „Mit der Händel- Gesellschaft, 
von der ich mir grosse Dinge erwartet hatte, geht 
«s schlecht. In den Conferenzen erzeugen persönliche 
Eitelkeiten heftigen Streit statt vernünftiger Debatte, und 
so sind die Zustände unergiebig und unerquicklich." 
Nach einiger Zeit erst sagt das Tagebuch: „Endlich ist 
■die Sache zweckentsprechend constituirt und wir beginnen 
mit der Herausgabe von drei Coronation - Anthems. In 
■einer spateren Lieferung werde ich die Edition des Alle- 
gro e Pensieroso übernehmen " 

Auch in dieser Saison hat er in der Philharmonischen 
-Gesellschaft wieder die neunte Symphonie zu dirigiren 
und es heisst: „Grosse Mühe, aber ein Hochgenuss." 

Bunsen's veranstalteten ausser so manchen genuss- 
reichen Zusammenkünften im engeren Kreise und dem 
diplomatischen „Empfang" drei grosse musikalische Soireen 
-unter Moscheles' Leitung und Mitwirkung , wobei sich 
jedesmal zwischen sieben- bis achthundert Personen in 
ihren prachtvollen Salons drängten. 

Um diese Zeit findet ein grosses musikalisches Ereig- 
niss statt: „Das Leipziger Conservatorium ist am 10. April 
4urch die erste Schüler - Aufnahme eingeweiht worden. 
Mendelssohn an der Spitze, kann man Grosses von dem 
jungen Institut erwarten. Und dabei spricht er immer da- 
von, mich hinzuzuziehen. Es wäre ein schöner Beruf, im 
Verein mit ihm zu wirken, das Londoner Lectionenjoch 
und den ganzen Dilettantismus abzuschütteln, um junge 
Künstler zu bilden! . , . 

Die Frau aber hat über andere, nicht musikalische 
Vorgänge zu berichten: „Der Themse-Tunnel, dessen Ge- 
und Misslingen die Welt so lange beschäftigt hat, ist nun 
glücklich eingeweiht und wir wohnten der Feier um so 
lieber bei," als uns freundschaftliche Beziehungen an die 
Familie des Erbauers knüpfen. Es war etwas unheimlich, 
•als man unter dem beständigen Rauschen der Wasser- 
pumpe in die feuchte Tiefe hinabstieg. Es Hess Einem 
keine Illusion, die Themse rollte ihre mächtigen Fluthen 
über diese schon oft von ihr durchbrochenen Wölbungen 

7* 



♦ 



IOO 



und wie nah oder wie -fern mochte der Moment sein , wo» 
diese tageshelle Beleuchtung, diese frohen Menschenschaa- 
ren von dem zischenden Element auseinandergesprengt 
würden, fragte sich meine Einbildungskraft? Der Jubel- 
ruf, mit dem Sir Isambard Brunei und seine Arbeiter be- 

+ 

grüsst wurden , als sie von einer Musikbande begleitet, 
durch den Tunnel schritten, war Gottlob die einzige Ant- 
wort auf meine Frage, denn Alles lief glücklich ab. Nur 
der Herzog von "Wellington , der den Tunnel hätte eröff- 
nen sollen, blieb in der Oberwelt. Seine Aerzte erklärten,, 
die feuchte Luft sei schädlich für ihn, und so war die 
versammelte Menge um ihren Helden betrogen*)". . . . 

Wollen wir hier andere, wenn auch nicht zur musikali- 
schen Welt gehörigen Berühmtheiten aufzählen, die Mo- 
scheies näher traten, so finden wir den schon genannten: 
Sir Gardner Wilkinson, den egyptischen Reisenden, 
der ein grosses Werk über dies ferne Land und seine 
Dynastien herausgab, und das brittische Museum mit. 
seinen von dort heimgebrachten Schätzen beschenkte^ 
Samuel Rogers, den beinahe achtzigjährigen und doch 
noch so jugendlich lebendigen Dichter, die schon genannten 
Edwin Landseer und Westmacott, letzterer durch 
lange Jahre hin der treue Freund der Familie; Grote, 
durch seine Geschichte Griechenlands berühmt, er und. 
seine Frau kunstliebend und beschützend; unsern Lands- 
mann Kohl, unsere deutschen Maler Hensel und Win- 
terhalter, die oft Abends im Moscheles'schen Hause- 
Familienportraits zeichneten, während musicirt wurden 
Doyle, den unter den Initialen H. B. berühmt geworde- 

*) Es sei erwähnt , dass nicht lange nachher die Familie Brunei eine 
harte Prüfung zu ertragen hatte. Der älteste Sohn, der berühmte Ingenieur, 
Erbauer der westlichen Eisenbahn und später auch des RiesenschifFs, hatte- 
im Spiel mit seinem Knaben einen halben Sovereign verschluckt, was- 
lebensgefährliche Entzündung herbeiführte. Eine gewagte Operation am 
Kehlkopf brachte das Geldstück nicht zu Tage; wohl aber that dies eine 
von ihm selbst vorgeschriebene Manipulation ; er Hess sich auf ein Brett 
schnallen und auf den Kopf stellen. Ein dadurch herbeigeführter Husten- 
anfall befreite ihn endlich nach qualvollen Wochen von seinem „Busen- 
freund" wie er scherzend diesen halben Sovereign zu nennen pflegte. 



— IOI — 

nen Caricaturen-Zeichner. Auch Rowland Hill, dem die 
Welt die Einführung des Penny-Porto's verdankt, begeg- 
net man öfter. „Immer", sagt Moscheies, „betrachte ich 
den interessanten häuslichen Kreis als das beste Bildungs- 
mittel für unsere Jugend, wesshalb er von mir sehr hoch 
gehalten wird." 

Unter den Musikern war Alex. Dreyschock, der Pianist, 
-eine neue Erscheinung. Moscheies schreibt: „Er ist noch 
jung in der Kunst, obgleich er die bewundernswertheste 
Technik hat, federleichte Finger und eine linke Hand, die 
-erstaunliche Sachen macht. Neue Kunstgenüsse stehen mir 
aber nicht durch ihn bevor, denn er kann zwölf Stücke 
mit berechneten KnallefFecten spielen, hat aber keinen 
Styl, keine Eigentümlichkeit, kann nichts lesen und auch 
keine fremden Compositionen im richtigen Geist vortragen. 
Nennen wir ihn den Octavenhelden ! Hier wird er strenger 
beurtheilt, als in Paris, obwohl der Beifall bei seinen tours 
■de force laut ist. Wir stehn im besten Verhältniss zu ein- 
ander." Gleichzeitig finden wir m die Notiz im Tagebuch: 
„D.'s Etüde für die linke Hand viel geübt und überwun- 
den." Eine spätere Notiz sagt: „Kleine Soiree bei uns. 
D. griff das Instrument zu sehr an und. verdrehte dabei 
<iie Augen." „Ich muss", schreibt die Frau, „hier noch 
■eine wahre Anecdote beifügen. D. probirte neulich einige 
der Scalenstücke mit Moscheies: er spielte zwar die „Schü- 
ler-Partie", irrte sich aber dennoch oft im Tact, worauf 
C. mir ganz laut sagte (zum Glück englisch, was er 
vielleicht nicht verstand): „Mama, hat Herr D. nicht die 
Scalen gelernt?" Ihr könnt Euch mein Entsetzen über das 
-enfant terrible denken. Uebrigens hatte ich genug zu 
thun, um auch die ältere Jugend im Schach zu halten, 
$ da D. mitunter das Ciavier schlägt und entweder bei 
sentimentalen Stellen eine Grimasse wie zum Weinen 
macht, oder nach einem glücklich ausgeführten Octaven- 

sturm triumphirende Blicke um sich wirft Sivori 

ist uns viel sympathischer und als Geiger bewunderungs- 

werth, ja mitunter staunenerregend " 

Sivori gab vier überfüllte Concerte und erntete be- 



sonders für seinen Carneval de Venise goldene Lorbern.. 
Dann erschien der Geiger Ernst mit seinem grossen Ton 
und der deutschen Wiedergabe Beethoven'scher Sonaten, 
Diese wird im Tagebuch stets als „grossartig" , als „ein 
wahrer Genuss" besprochen, während Moscheies die „Ele- 
gie zu süsslich sentimental, ja weinerlich, obwohl vortreff- 
lich gespielt" nennt. „Am achtzehnten Juli", sagt das 
Tagebuch, „sollte Ernst einen eclatanten Triumph feiern,^ 
Bunsen und Viele durch und mit ihm hatten eifrig für 
Gründung eines deutschen Hospitals, in London gewirkt,, 
und als man auch von einem für den Zweck zu gebenden 
Concert sprach, waren die deutschen Künstler Alle be- 
reit, sich dabei zu betheiligen. „Dort nun", sagt das Tage- 
buch, „zeigte sich Ernst zum ersten Mal in seiner ganzen 
Grösse vor einem englischen Publicum. Er spielte Spohr's- 
Gesangs-Scene, seine Othello- Variationen, etwas von May- 
seder und den Carneval de Venise, und riss durch seine- 
hohe Meisterschaft das Publicum zu stürmischem Bei- 
fall hin," 

Indessen war aber auch der grösste der Geiger, Spohr^ 
nach London gekommen, und fand als Gomponist, Diri- 
gent und als ausübender Künstler die höchste Anerken- 
nung. Seine „Weihe der Töne" wurde unter seiner Leitung 
im Philharmonischen Concert gegeben, wo er auch sein 
Concertino spielte, später veranstaltete die Gesellschaft 
ihm zu Ehren eine Extra-Aufführung, welche auch die 
Königin besuchte. Man gab seinen Macbeth, Mendelssohn's- 
Hebriden und die Freischütz- Ouvertüre , Mozart's D-dur- 
Symphonie ganz und die neunte zur Hälfte, Alles unter 
Sporn-' s Leitung, der auch sein Andante und die Polonaise 
in B-dur spielte. Das Publicum lohnte ihm durch rauschen- 
den Beifall, die Directoren durch ein Geschenk. — Auch , 
die Sacred harmonic society wollte den Meister durch, 
eine Aufführung seines „fall of Babylon" in Exeter - Hall 
ehren. „Das Allzutheatralische dieses Werks kam ihtn 
vor dem gemischten Publikum dieses grossen Locals gut 
zu Statten", sagt das Tagebuch. „Es ergötzte sich an den 
militärischen Trommeln und „den verschiedenen Tanzrhyth- 



— 103 — 

men, die darin vorkommen." Die musikalischen Vereine 
wollten nicht nachstehen, und um Spohr ihre Achtung zu 
beweisen, gab ihm die British Society eine Matinee, worin 
Compositionen ihrer Mitglieder aufgeführt wurden, „dar- 
unter ein Violin - Quartett voll von Reminiscenzen aus 
Spohr 's eigenen Werken. Wir Künstler bereiteten ihm ein 
grosses Festmahl in Greenwich; wir waren wohl neunzig 
an der Zahl, assen, tranken, toasteten, und machten Musik. 
Mich setzte man als Dolmetscher an Spohr's Seite und 
ich verdeutschte ihm alle zu seiner Ehre gehaltenen Reden. 
Auch musste ich ihm drei seiner Manuscript-Duette accom- 
pagniren, die er zum Besten gab. Später in meiner Im- 
provisation versuchte ich ganz„Spohrisch"zü sein und ver- 
arbeitete Themen aus der „Weihe der Töne", Natürlich 
besprach man dies Festessen in allen Zeitungen, und da- 
bei erwähnte die Morningpost Moscheles' Mitwirkung: it 
was one of those Fantasias, for which he Stands unrival- 
led. — D. spielte auch ein Stück aus seiner Sonate „mit 
gewohnter tobender Execution". 

Bei Moscheles und in anderen befreundeten Häusern 
ward Spohr auch durch musikalische Aufführungen ge- 
feiert. „Wir haben 117 Personen geladen", schreibt die 
Frau, „denn wen möchte man bei so einer Gelegenheit 
weglassen?" Von einer Matinee bei Mr. Alsager schreibt 
sie: „Es waren fast nur Künstler dort und die Musik be- 
gann mit einem Spohr'schen Doppelquartett. Es ging brav, 
aber Spohr stand oft auf, um die Tempi berichtigend zu 
dirigiren. Dann spielte Moscheles Spohr's Quintett mit 
Blasinstrumenten, ohne Tempo- Veränderung; ja Spohr, der 
doch eben nicht demonstrativ ist , ging nach dem ersten ■ 
Stück an's Ciavier und schüttelte ihm kunstbrüderlich die 
Hand. Halle blätterte um, während alle einheimischen und 
fremden Clavierspieler und Spielerinnen London's zuhör- 
ten, Spohr's Nonett war ein grosser Genussl Zu neunund- 
fünfzig Jahren noch so zu spielen wie er es thut, ist ein 
seltenes Geschenk des Himmels und ich wünsche es mir 
seiner Zeit für meinen Mann " 

„Der Hullah'sche Singverein gab wieder eine grosse 



1 



■ 



— 104 — 

Aufführung in Exeter-Hall", meldet die Frau, „diesmal in 
Gegenwart des Prinzen Albert und anderer Grossen des 
Reichs und wir hörten Moscheles' vierstimmiges Lied 
„Day break" von diesen tausend Kehlen sehr brav, wenn 
auch, wie er sagt, etwas schleppend vorgetragen. Es ward 

stürmisch wieder verlangt " 

Das Tagebuch sagt: „Man erzählt mir, mein Lied sei 
bei dieser Gelegenheit in einer Zeitung arg mitgenommen 
worden und ich kann nicht umhin, mich dabei an die 
Anekdote von Fontenelle zu erinnern, der durch sein gan- 
zes langes Leben hin der König des Witzes blieb, und 
den Tausende als den feinsten elegantesten Schriftsteller 
verehrten. Es" gab" in seinem Hause ein Zimmerchen, das 
nur er betrat, das stets fest verschlossen blieb. Als man 

T 

es nach seinem Tode öffnete, fand man es bis zur Decke 
mit allen Zeitungen und Schriften angefüllt, die gegen 
ihn gesprochen hatten und dabei die Notiz: „Ich habe 
nie eine Zeile derselben gelesen, habe sie auch nie beant- 
wortet." Das war mir aus der Seele gesprochen." 

Das französische Theater mit den Damen Albert und 
Dejazet, mit BoufFe und Levassor bot manchen Genuss, 
während das Ballet der italienischen Oper in dieser Saison 
durch Fanny Eisler oft anziehender war, als die Oper 
selbst , „obgleich das Orchester unter Costa's Leitung so 
vortrefflich und dabei so discret war , wie man es sich 
nur wünschen kann." Die ausgezeichnete Sängerin Mme. 
Cinti - Damoreau wurde auch mit Bewunderung gehört; 
Frln. H. Nissen errang sich manche Palme; einheimische 
und fremde Instrumentalisten geben klassische und un- 
• klassische Concerte, Soireen und Matineen, und wir finden 
in einem Brief die Notiz von Moscheles: „Bei blendendem 
Sonnenschein und harrenden Schülerinnen brachte ich das 
Opfer einer Stunde, um den Wunderknaben Filtsh in 
seinem Concert zu hören. Er behandelte das Ciavier wun- 
derniedlich in einigen Chopin'schen Sachen und meiner 
Serenade, und kann es noch weit bringen." Leider musste 
die vielleicht überreizte Constitution einem frühzeitigen 
Tode unterliegen. 



— 105 — 

Ein höchst eleganter Ball für die Polen in Willis' 
rooms wird noch mitgemacht, die in Exeter-Hall aufge- 
stellten Cartons von Raphael bewundert — dann tritt der 
glückliche Moment ein, wo die Saison beendet, die Familie 
sich zur Abreise nach Boulogne anschicken kann. Von 
dort schreibt Moscheies kurz nach der Ankunft: „Heute 
Taefriedige ich meine Ambition, auch einmal den Brief 
anzufangen, denn so gut wird's mir in London nicht. Un- 
ser Schiff Harlequin machte zwar Sprünge wie sein 
Namensvetter bei der Ueberfahrt, doch ist das längst ver- 
gessen. Wir sind hier sehr freundlich empfangen. . . . 

Es wäre Wiederholung, wollten wir das Glück der 
Eamilie in dieser Ferienzeit schildern, ein Jahr gleicht 
darin dem andern, nur dass der Mitgenuss^ der heran- 
wachsenden Kinder die Freude der Eltern erhöht. „Hier 
kann ich mich ihren Studien, ihren Belustigungen wid- 
men", schreibt Moscheies, „sie zeichnen eben so gern wie 
sie Musik machen; eben so war es mit mir in meiner 
Jugend, aber mich fesselte der Beruf, ich musste mich 
ganz der Musik widmen, sollte ihr meine Existenz ver- 
danken , da hatte es bald ein Ende mit dem Zeichnen 
und jetzt kann ich nur die Kleinen mit meinen Bleistift- 
schnurren unterhalten Eine Tochter schreibt: „Wir 

haben hier köstlichen Unterricht vom Vater, aber er selbst 
spielt recht viel, gewöhnlich vor und mit anderen Künst- 
lern, während sich unter den Fenstern eine Zuhörerschaar 
sammelt. Das Etablissement des bains ladet zum Tanz, 
manche der befreundeten Künstler zu Concerten — aber 
das Wetter ist so schön, die Continentalsonne so anziehend, 
dass wir lieber die Abende im Freien zubringen '* 

Ein neues Zerwürfniss mit dem Verleger S. in Paris 
macht dem idyllischen Leben ein Ende. Die Notwendig- 
keit eines Abstechers in die französische Hauptstadt stellt 
sich heraus. Dort wird Alles ausgeglichen, die verweigerte 
Zahlung geleistet und dann verlebt man noch einige 
Wochen mit Freunden und Verwandten. 

Ein Brief sagt: „Der Vetter Heinrich Lehmann ist 
ein berühmter Maler geworden. Seine Fresken in der 



— io6 — 

Eglise St. Mery, seine Ausschmückung der Chapelle des 
aveugles sind sehr grossartig." Seit dem Beginn seiner 
Laufbahn hatte dieser Künstler fast ununterbrochen für 
die Kirchen und Sammlungen des JStaates zu arbeiten; 
sein Bruder Rudolf geniesst gleichfalls den Ruf eines 
ausgezeichneten Malers, er lebte lange Jahre in Rom. 
Mosch eles hatte von dem Vater der Künstler bei einer 
seiner ersten Kunstreisen . in Hamburg gastfreie Auf- 
nahme gefunden und verdankte ihm manche künstlerische 
Anregung. „Als wir die Fresken besahen, fahrt Moscheies 
foit, bat man mich, Etwas für die Blinden zu spielen; 
sie umstanden mich mit einem Enthusiasmus, der mich an- 
regte; sie dankten mir, meine Hände küssend, mit; einer 
Rührung, die mir eine Thräne in's Auge brachte. Wir 
haben hier in Paris wieder viel gesehen und bewundert, 
mit Meyerbeer, St. Heller, Benedict, Ernst und Halle's 
gemüthliche Stunden verlebt, aber auch den jungen Kalk- 
brenner eine seiner eigenen Compositionen spielen hören (?), 
die Arme auf den Handleiter gestützt, wie ein Gicht- 
brüchiger.'* 

Acht Tage später heisst es: „Man hat mir zugesetzt, 
doch nicht ungehört aus Paris fortzugehen und ich habe 
mich zu einer Matinee bei Erard entschlossen." Es 
werden vierhundert Personen dazu geladen. Moscheies 
spielt viel, den Hörern nicht genug. Immer wieder muss 
er an's Ciavier, mit stets erneutem Beifall. Dennoch lässt 
er sich nicht bereden, eine zweite zu geben. 

•Am dritten October heisst es: „Grossen Spass machte 
es mir, Halevy im Gefängniss zu besuchen. Er hatte sich 
irgend Etwas in seinem Dienste als garde national zu 
Schulden kommen lassen und musste achtundvierzig Stun- 
den sitzen. Viele berühmte Maler müssen schon vor ihm 
dasselbe Schicksal in demselben Local gehabt haben, denn 
phantasiereiche, mitunter excentrische Gruppen- waren an 
die Wände gezeichnet und gemalt. Wir unterhielten uns 
eben so gut „aux haricots" (dies der Spottname des Ge- . 
f angnisses) , wie wir es in seinem eigenen Hause gethan 
hätten, um so mehr , als seine junge Frau dabei war." 



Balzac's Drama „Pamela Rigault" und eine Vorstellung 
der noch immer schönen, und doch bis in die Kaiserzeit 
hinein reichenden D1le. Georges werden als besonders in- 
teressant genannt. Mitte October sind die Reisenden glück- 
lich in London angelangt und gleich begrüsst uns der 
Ausruf im Tagebuch: „Welche Freude mir mein Erard 
und meinCollard machen! Sie sind nicht einmal verstimmt; 
meine soeben componirte Etüde in Cis - moll , 6 /s - Tact, 
machte sich gut darauf." 

Der siebenzigjährige Tenorist Braham giebt noch ein 
Concert und singt über Erwartung gut, freilich mit viel 
abgeschmackter Coloratur; sein Sohn Charles singt auch, 
der andere, Hamilton Brahanr hat eine Kraftstimme. Der 
Clavierspieler Buddaeus wird wegen seiner Bravour bei 
Nettigkeit und Selbstruhe gelobt, Mme. Dulcken in den 
Soireen, die sie im eigenen Hause giebt, von Moscheies 
als Accompagneur und Spieler unterstützt, ihre eigenen 
Leistungen sehr von ihm gewürdigt. Sein Amt als Be- 
gleiter von Vocalsachen nennt er oft „Ungeduld erregend 
durch schleppende Tempo's." 

~ Als ein sonst eben nicht freundlich gesinnter Bericht^ 
erstatter seinen Tadel (man wusste nicht warum) plötzlich 
in hochfahrende Lobsprüche umwandelte, sitzt Moscheies, 
wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, ruhig schmun- 
zelnd da, während Frau und Kinder mit grosser Lebhaf- 
tigkeit die Sache commentiren, und am Schluss sagt er: 
„Ja, Ihr seht, ich bin immer der glückliche Prinz, meine 
Neider können mir Nichts anhaben, müssen also zuletzt 
doch wieder Freunde werden.'* 

Auch in diesem Winter muss er sich die „langweilig- 
sten Compositionen vorreiten lassen", eine Soiree mit- 
machen, in der obenan „der erste der Haubenstöcke sass,. 
unausstehliche Dilettanten -Musik war, und ich selbst spielte, 
— aber schlecht." 

Die Frau schreibt, wie man im Hullah'schen Hause 
Mendelssohn's Athalia brav aufführt, von Moscheies be- 
gleitet* Ueber Balfe's neue Oper „the Bohemian girl", die 
zum ersten Mal gegeben wird, sagt Moscheies: „Die über- 



— 108 — 

raschend schöne Ausstattung , die leicht fliessende Musik 
verschaffen ihr eine günstige Aufnahme. Etwas Originelles 
hat Balfe nicht producirt, obgleich man fühlt, wie er da- 
nach gesucht hat." t)och was hilfts, ob er sie bewundert 
oder nicht? Er muss doch ein Arrangement der Haupt- 
Themen machen, und der Verleger bittet sogar, es möch- 
ten „two books" werden. 

Von Jullien's Promenade-Concerts kann man nur sagen, 
dass sich in diesem Jahre noch mehr Publikum zusammen- 
drängt, um eine Beethoven'sche Symphonie zwischen Qua- 
drillen, einen Walzer mit obligatem' Kettengerassel, Polka's 
und Galopp's mit Cornet ä Piston, Janitscharen- Musik, 
kleine, grosse und grösste Trommeln zu hören. Das flauto 
piccolo spielt er noch immer in siegesgewisser Stellung, 
ganz vorn am Orchester, und in dem musikalischen Ton- 
gemälde „Die Zerstörung von Pompeji" von Roch Albert 
giebt es Tonlärm, Krachen, Gebet, Bacchanten tanze, Orakel, 
Finsterniss und feuerspeienden Lustre; also grosse Effecte 
für grosse und kleine Kinder. Jullien weiss seinen Qua- 
drillen-Ohrenkitzel auch mit Witz zu mischen; so will er 
an irgend einem Irish lake ein Echo entdeckt haben, das 
Alles verkehrt wiedergiebt und bringt es bei seinen 
Irish Quadrilles folgende™ assen an: 



\ — J 

Es folgen ähnliche Effecte, über deren Unglaublich 
keit und Verschiedenartigkeit der Musiker staunt. 




1844. 

-I 

Am i. Januar sagt das Tagebuch: „Heute fiel mir 
■wieder der Contrast zwischen der Feier dieses Tages in 
Oesterreich und der Geschäftsthätigkeit Englands auf. 
Hier merkt man keine Auszeichnung, und um auch Eng- 
länder zu sein, arbeitete ich an dem Ciavierauszug von 
Händel's Allegro e Pensieroso für die Händel-Gesellschaft. " 
„Später sollte Mendelssohn den Messias übernehmen, hatte 
aber Bedenken wegen der vermehrten Instrumentation 
von Mozart", sagt das Tagebuch, „und so ward ihm 
„Israel in Egypten" vorgeschlagen." 

In diesen Monat Januar drängen sich schon einige 
fremde Künstler, wie der Cellist H, aus Cassel, „ein auf 
Mord und Todtschlag ausgehender Spieler, dessen Bra- 
vouren zwar durch Kühnheit frappiren, aber sonst keine 
Wirkung hervorbringen." Auch eine Harfenspielerin ist 
da „und spielt Bravouren von Parish Alvars." „DerClavier- 
spieler B. bringt eine ultra-schwierige Fantasie eigener 
Composition, spielt sie nicht nur, sondern will sie mir auch 
dediciren. Ich spreche von fehlendem Schatten und Licht, 
womit ich eigentlich den Mangel an wahrer Musik meine, 

4 

und genug, ich suchte geschickt auszuweichen." Beschlossen 
wird der Januar durch eine Vorlesung des Professor T. 
über alte Kirchenmusik. „Unbescheidener und unrichtiger- 
weise setzte er der englischen die Krone auf, schimpfte 
auf die italienische und hielt die deutsche nicht einmal 
einer Erwähnung werth. Das nennt man Einbildung." 

Im Gegensatz zu all' dieser Unbill bot die Schwester- 
kunst grosse Genüsse 'durch den Besuch von Bildhauer- 
und Malerateliers ; auch die wissenschaftlichen Vorlesungen 
in der British Institution wurden, wenn möglich, besucht, 
und die deutschen Klassiker der Jugend durch Lesen mit 
vertheilten Rollen zugänglich gemacht. 

Aber während wir diesen Dingen einen flüchtigen 
Moment widmen, hat sich schon wieder ein musikalisches 
Ereigniss zugetragen. „Der dreizehnjährige Joachim ist 
nach London gekommen, er bringt einen Empfehlungs- 



IIO — 



brief von Mendelssohn, aber sein Talent ist die beste- Em- 
pfehlung - ." Gleich wird „eine kleine Musik" für ihn ver- 
anstaltet. „Erst", sagt das Tagebuch, „freute ich mich über 
ihn und E. zugleich, wie sie Mendelssohn's schönes D-moll- 
Trio machten, dann überraschte mich Joachim's männliches 
und brillantes Spiel in Variationen von David und Rondo 
von De Beriot. Das ist wieder einmal ein echtes Talent." 

Moscheies fuhrt ihn in's erste Philharmonische Con- 
cert, „damit er doch auch höre, wie's in London her- 
geht", aber es geht nicht besonders gut. Die Musiker 
standen kampflustig in Reihe und Glied, griffen auch gut 
an, zur Verfeinerung des Geschmackes im Vortrag von 
Beethoven, Spohr und Weber geschah nichts. Buddäus 
auf dem Klavier, Parish Alvars auf der Harfe Hessen ihre 
Bravouren hören, der Gesang war gleichgültig." 

Die Frau schreibt: „Moscheies hat schon lange dar- 
über nachgedacht, wie er unseren Mädchen etwas „Theorie" 
beibringen könnte, ohne sich und sie zu langweilen und 
hat endlich den Beschluss gefasst, ihnen noch einige 
Damen zuzugesellen, mit denen er sie gemeinschaftlich 
unterrichtet. Er will die Sache nach Art der französischen 
Klassen von Mr. Roche einrichten und hofft durch An- 
stachelung des Ehrgeizes im raschen Antworten der an 
sich trockenen Sache, Leben und Interesse zu verleihen." 
Die eingeborenen Musiker benutzen die Winterszeit zu 
öffentlichen Matineen, ehe der Continentalstrom der Saison 
das Eiland musikalisch überfluthet; es fehlt auch nicht an 
öffentlichen Diners und sonstigen mit Musik verwebten 
Productionen , bei denen Moscheies bethätigt ist; aber 
auch Sivori und Ernst sind schon -da, und mit Letzterem 
zugleich tritt er im zweiten Philharmonischen Concert auf. 
Das Tagebuch sagt: „Ich spielte mein G-moll* Concert mit 
dem Kraftaufwand der Mannesreife und ward sehr gut 
aufgenommen; ebenso Ernst mit Spohr's Gesangsscene. 
Seine gigantischen Variationen über den „Pirata" riefen 
einen Beifallssturm hervor." 

In der Italienischen Oper hört man die reizend jugend- 
liche Grisi mit Mario, Fornasari und Lablache in den Pu- 



Titanern. „So gesungen", sagt das Tagebuch, „gefallt jede 
Musik, mag sie noch so leicht, ja seicht sein; und die 
Cerito im Ballet war auch unwiderstehlich anziehend, so 
dass wir die späte Stunde vergassen und bis zu Ende 
blieben," Im Drurylane-Theater gab man Benedicts Oper, 
„the Brides of Venice." „Sie hat das Verdienst einer guten 
Behandlung der Singstimmen und schöne Orchester-Eff ecte ; 
sie ward gut aufgenommen und der Componist gerufen; 
die Sänger Hessen viel zu wünschen übrig." Später heisst 
es: „Unglaublich und doch wahr! In dem Morgen-Concert 
von Madame Caradori~ Allan begleitete ich zweiundzwanzig 
— sage zweiundzwanzig Gesangsstücke, welche die Concert- 
geberin, die Grisi, Persiani, Lablache Vater und Sohn mit 
Frau, Mrs. Shaw, Mario, Fornasari, CorelH und Staudigl 
sangen. Und dazu ein Heer von Instrumentalisten. 
Joachim spielte Ernst's Othello-Phantasie und überwand sie 
meisterlich. Die neueste Klavier-Importation L. v. Meyer 
donnerte eine eigene Fantasie über Lucrezia Borgia her- 
unter, rund, schnell und kräftig, aber wo war die Seele?" 

Die Frau meldet: „Nachdem ich Obiges für Euch aus 
dem Tagebuche copirt, seht Ihr Moscheies im Geiste mu- 
sikalisch brach liegen, aber Ihr irrt Der Abend brachte 
noch Unglaubliches, denn Moscheies und ich trieben die 
Musik noch fort. Erst in SivoriV Concert, wo wir ihn 
sein Concerto dramatique spielen horten, dann ging's in 
die Quartett- Soiree von Macfarren und Davison, wo Beet- 
hoven's posthumes Cis-moll-Quartett von Ernst gespielt, 
Lieder von Mendelssohn gesungen, aber grösstentheils 
vergriffen wurden. Zum Beschluss zu Mrs. Sartoris. Kein 
Wunder, dass wir diesmal ihre Musik gleichgültig fanden; 
auch zum Anhören gebraucht man Kraft und die unsrige 
war schon in einem Tonmeer untergegangen." 

Die eine grosse, unvergleichliche Freude dieser Saison 
blieb Mendelssohn's Anwesenheit, Er dirigirte fünf Phil- 
harmonische Concerte, hielt aber erst eine Vorprobe neuer 
Orchester-Compositionen , u. A. der Schubert 'sehen und 
einer neuen Gade'schen Symphonie. „Als Mendelssohn im 
Orchester erschien", sagt das Tagebuch, „wurde er mit 



112 



Liebe und Enthusiasmus aufgenommen, wie sich's gehört. 
Unter seiner permanenten Leitung müssen sich die Con- 
certe heben. Mich drückten oft die mittelmässigen Auf- 
führungen und doch wollte man keinen permanenten Di- 
rector zu ihrer Verbesserung anstellen; jetzt fühle ich 
mich befreit. Im ersten Theil hatten wir Mozart's Es-dur- 
Symphonie, C-moll-Concert von Sterndale Bennett, eine sehr 
interessante Composition im Mozart-Styl, sein Spiel be- 
deutend. Gesang zwei Mal Madame Castellan, sehr gut, 
und die Leonoren-Ouvertüre, Zweiter Theil: Mendels- 
sohn's A-moll-Symphonie. Sie erregte allgemeine Freude; 
mir bot sie eine interessante Reihenfolge von Genüssen. 
Die Instrumentation ist vortrefflich, pikant, neu." Die 
Musik zum Sommernachtstraum erregte so grosse Be- 
geisterung, dass sie nicht nur im fünften, sondern auch 
im sechsten Philharmonischen Concert — diesmal im Bei- 
sein des Hofes aufgeführt werden musste, und im achten 
ergötzte man sich an der genialen Walpurgisnacht, Nie- 
mand mehr als Moscheies, der das neue Werk schon „im 
Hochgenuss" von Mendelssohn am Ciavier gehört hatte. 
Einmal spielt Joachim Beethove n's Violin- Concert meister- 
lich, einmal lässt Mendelssohn das G-dur- Concert- des 
Meisters mit seinen eigenen improvisirten Cadenzen hören, 
und ausser den Beethoven'schen Symphonien giebt man noch 
zum ersten Mal eine Suite von Bach. „Welche Genüsse 
haben wir wieder dem herrlichen Freunde zü danken* 
Aber auch das Publikum ist dankbar und die Direction 
mit ihm." Zwischen diesen Philharmonischen Concerten 
gab es die genussreichsten Abende mit ihm und Klinge- 
mann im Mosch eles'schen Hause; Alsager giebt Mendels- 
sohn zu Ehren eine Musik, wo sein Quartett und Quintett 
von Joachim vortrefflich gespielt werden; „bei Chorley", 
sagt das Tagebuch, „setzte Mendelssohn der Musik die 
Krone auf, indem er erst einige Lieder ohne Worte, dann 
eine fantasiereiche Improvisation spielte. Zu meiner grossen 
Ueberraschung wählte er erst das Thema meines G-moll- 
Concerts, dann einen Takt aus den Pensees fugitives, die 
ich eben mit Ernst gespielt hatte und endlich die Ballade- 



— H3 — 

aus Benedict 's Oper „the brides of Venice," Es wechselten 
geistreiche Verwickelungen, contrapunktische Sätze, don- 
nernde Octaven mit melodischen, Herz und Gemüth an- 
greifenden Phrasen." Natürlich verherrlicht Mendelssohn 
den Geburtstag am 30. Mai, bringt auch einen zweiten 
„rothen Bogen" mit Randzeichnungen» ähnlich dem in 
1832 beschriebenen, und setzt unter diesen die leider un- 
erfüllt gebliebenen Worte : „So Gott will, to be continued," 
Zwei Tage später heisst es: „Nach Ayrton's Diner 
mussten Mendelssohn und ich zusammen improvisiren ; er 
zwang mich, oben zu sitzen; ich folgte mit dem höchsten 
Interesse seinen Inspirationen, erst über eine Melodie im 
englischen Balladenstyl , dann über „see the concjuering 
hero"; in Alles hinein mischte ich das Scherzo seiner 
A-moll-Symphonie." Hullah lässt seine besten Schülerinnen 
Mendelssohn's Motetten singen und zum Schluss phantasirt 
der Meister, später singt der befreundete Kreis, durch die 
Schüler unterstützt, die Walpurgisnacht im Hullah'schen 
Hause, Mendelssohn accompagnirt ; „aber die Zuhörer ver- 
langen stürmisch eine Wiederholung des Ganzen, und so 
setzte ich mich an's Ciavier, um dem sehr erschöpften 
Freunde die Mühe abzunehmen." Es ist unmöglich, alle 
Familien zu nennen, die sich um ihn bemühten, in deren 
Häusern er spielte, alle Künstler herzuzählen, die er in 
ihren Concerten unterstützte; er spielte wiederholt das 
Bach'sche Tripelconcert, immer mit Moscheies, zuweilen 
mit Madame Dulcken oder Benedict. Mitunter mussten 
die Freunde auch Kreisleriana zusammen ausstehen. „In 

. Dulcken 's Matinee sassen wir nebeneinander und waren 
über die Gehaltlosigkeit der modernen Ciavierphantasien 
ganz einverstanden", führt das Tagebuch an,, „Mendelssohn 
lachte, als ich behauptete, die Wasserströme der Noten 
schwemmten alle musikalischen Gedanken weg." „In 
Ayrton's Soiree spielte L. v. M. wieder rollend; das Stück 
der schönen Pianistin Miss W., die Charles Dickens ein- 
geführt hatte, klang wie ein Blumensalat mit Rosenöl und 

. Spitzbuben - Essig angemacht. Weber's Einladung zum 
Tanz, das „Duett" aus Mendelssohn's Liedern ohne Worte 

Moscheies' Leben. II. 8 



* 



— H4 — • 

und die Coda aus Thalberg's Mos6 waren darin ruckweise 
ineinandergemengt. Zum Schluss spielte ich mit Mendels- 
sohn seine Musik zum Sommernachtstraum, dann phanta- 
sirten wir zusammen recht begeistert." 

„ Paulus " wird in Exeter - Hall gegeben , und die 
beiden letzten Tage von Mendelssohn's Anwesenheit in 
London noch sehr genossen: „Früh hatten wir eine trau- 
liche Unterhaltung, bei der ich ihm seinen Standpunkt 
den Verlegern gegenüber, recht klar machte; er muss 
ordentliche Honorare verlangen." Ein Brief der Frau er- 
zählt: „Mendelssohn bleibt der liebenswürdige Freund bis 
zum Augenblick der Trennung. Er gab vor, er reise 
gleich nach dem 8. Juli, wo er das letzte Philharmonische 
Concert zu dirigiren hatte, verabredete aber mit uns eine 
Zusammenkunft aller gegenseitigen Freunde in unserem 
Hause für eben den Nachmittag, so wie eine Soiree bei 
Klingemann für den 9. Juli. Wie gern Alle herbeikamen, 
könnt Ihr denken und auch das glaubt Ihr mir, dass die 
Musik ausgezeichnet war. Moscheles' Es-dur-Sohate von 
ihm und Mendelssohn, die Preziosa- Variationen von Beiden, 
die Variations se>ieuses und der herrliche Gesang der 
Sartoris, das Alles kann ich nicht beschreiben und noch 
weniger das Zusammen-Phantasiren, das im Vorgefühl der 
Trennung gewiss einzig in seiner Art war. Alle, denen 
dieser Genuss zu Theil wurde, sind dankbar, am dank- 
barsten ich selbst, denn das sind goldene Stunden!..." 

Das Zusammenfassen von Mendelssohn's Anwesenheit 
hat uns bis in den Juli geführt; doch* müssen wir zum 
Mai und zu Moscheies' Angelegenheiten zurückkehren. 
Er unternahm ein Concert zusammen mit Ernst, der im 
Concertsaal selbst, von einem, bei ihm chronisch geworde- 
nen Uebel befallen wurde, dann aber doch noch, obwohl 
mit unsäglicher Anstrengung spielte. Hinterher Hess ihn 
die Krankheit noch Manches schwärzer sehen, als recht 
war, so dass Moscheies in sein Tagebuch schreibt: „Ich 
ziehe mir aus allen diesen Vorfällen die Lehre, mich nie 
wieder auf eine Concert-Association einzulassen." Einige, 
Tage später schreibt die Frau: „Ernst's Zorn Jiat sich 



ebenso schnell gelegt, als er entstanden war; der Arme 
ist sehr kränklich und wohl oft übel berathen. So er- 
zählte er mir nach einem Hof-Concert, er habe sein Ho- 
norar von zehn Guineen als zu gering zurückgeschickt, 
und ich konnte nicht umhin, zu antworten: „Wie schade, 
alle Künstler bekommen dieselbe Summe und die Königin 
wird wohl nie erfahren, dass Sie sie ausgeschlagen haben." 
Er gab am 5. Juli noch ein Concert, worin Moscheies mit 
ihm die Kreutzer-Sonate von Beethoven spielte, Mendels- 
sohn das Bach'sche Concert. Das Tagebuch sagt: „Als 
Mendelssohn der Miss Dolby den Erlkönig accompagnirt 
hatte, spielte Ernst dasselbe Lied auf seiner Geige — 
wahrhaft ergreifend. Sein Spielen eines Mendelssohn'schen 
Quartetts, seine dramatische Scene, alles war gediegen 
künstlerisch." 

Der Sohn des zu früh heim gegangenen CM, v. Weber 
kam nach London, um die irdischen Reste seines Vaters 
heimzuholen, die in Moorfields Chapel beigesetzt waren. 
Die Maler Magnus und Jacob aus Berlin waren auch ge- 
kommen und ebenso wie die geistreiche Schriftstellerin 
Mrs. Jameson eine angenehme Zugabe des sich stets er- 
weiternden häuslichen Kreises. Ganz unerwartet wünschte 
auch der in London anwesende Nesselrode bei Moscheies 
eingeführt zu werden, was der russische Gesandte Baron 
Brunnow übernahm. Die Frau schreibt: „Als beide Herren, 
die uns gemeldet waren, eintraten, meinte ich, der Grosse 
mit dem Crachat müsse auch die berühmte Grösse sein, 
aber umgekehrt; es war der Kleine in dem unscheinbaren 
Anzug ohne Orden, aber mit sehr stechenden Augen. 
Höflich und liebenswürdig war er, wie nur ein russischer 
Staatsminister es sein kann und Moscheies spielte, ich 
weiss, nicht wie viel und wie lange. Auch E. musste 
sich produciren und erntete viel Lob und der Refrain 
zwischen den Musikstücken war immer und wieder der 
ausgesprochene Wunsch, uns Alle in Russland zu sehen. 
Auch der Graf Michael Vielhoursky beredet Moscheies 
zu dieser Reise, und alle versprechen goldene Berge und 
Felsen, aus denen eitel Lorbeer spriesst." 

8* 



— n6 — 

„Vielhoursky", fugt Moscheies hinzu, „ist einer der 
ersten Amateurs in Petersburg. Er singt russische Lieder 
mit Gefühl und Lebendigkeit und begleitet sich nicht nur 
diese, sondern auch Stücke aus einer selbstcomponirten,. 
nationeil interessanten Oper, ganz vortrefflich. Er und 
Nesselrode sind mir freundlich gesinnt und wollen mir 
den Aufenthalt so nützlich als angenehm machen, falls 
die Grossfürstin Alexandra sich erholt; denn wenn sie 
stürbe, so wäre für dies Jahr wenigstens nicht viel in 

Petersburg zu unternehmen." — Sie starb und so 

ward dieser Reiseplan im Entstehen aufgegeben. Spater- 
schreibt die Frau: ...„Es ist komisch, dass so ein Mann 
wie Nesselrode sich nicht räuspern darf, ohne dass es in 
die Zeitung kommt. Sogar über seinen Besuch bei uns 
wird geschrieben und erzählt, wie es Moscheies erstaunt 
und überrascht hätte, des grossen Mannes musikalisches 
Verständniss kennen zu lernen; dieser, dem Moscheies'' 
Ruf bekannt, wäre seinerseits nicht astonished aber highly 
delighted gewesen u. s. w. Gewiss hatte die Morning 
Post ein leeres Fleckchen, das sie ausfüllen musste und 
„gossipte" dies."... 

Moscheies hatte sich an den Verleger Buxton mit 
Schumann's „Paradies und Peri" gewendet, musste aber 
zu seinem nicht geringen Aerger hören, dass dieser das 
herrliche Werk nicht verlegen wollte. 

Da die Reise nach Petersburg aufgegeben worden 
war, so trat der frühere Wunsch, „das liebe alte Wien 
noch Einmal wiederzusehen", mit doppelter Kraft hervor, 
und es ward nach mancher Berathung beschlossen, sich- 
in diesem Herbst mit der älteren Tochter dorthin ?u 
wenden. Es ging über Boulogne, das ein Brief „die Vor- 
stadt Londons" nennt, und wo man viele bekannte englische 
Familien und die berühmtesten Künstler wieder fand, sich 
aber vor Concerten hütete, nach Aachen. Dort wird Halt 
gemacht, weil es so viele alte Freunde giebt, die Mosche- 
les wieder hören möchten und die ihn zu einem Concert 
bereden, und mit Recht, da der glänzende Erfolg nur be- 
glückend sein konnte. Eine Woche wird den Schönheiten 



i 



des Rheins mit seinen Seitenthälern gewidmet, aber die 
Frau bemerkt: „Alle Beschreibungen der herrlichen 
Scenerie unterbleiben; wir lassen Byron's Childe Harold 
für uns reden. Jetzt sind wir in Frankfurt, Mendelssohn 
in Soden; was kann schöner sein?" Es wurden Besuche 
hinüber und herüber gemacht und viel musicirt. „Der 
soeben in Frankfurt versammelte Pianisten-Congress ist 
nicht gering", schreibt Moscheies. „Döhler und Leopold 
von Meyer geben Concerte. Die älteren Freunde Aloys 
Schmitt, Wilhelm Speyer, Rosenhain und Hiller begegnen 
mir musikalisch, die liebenswürdige Frau des verstorbenen 
Freundes Ferdinand Ries sah ich gern wieder, Frl. Grau- 
mann singt hübsch, Dr. Reiss brachte mir seinen begabten 
jungen Sohn, Gutzkow gesellt sich gern zu uns Musikern 
und ist selbstverständlich eine angenehme Zugabe zu 
unseren Abenden. Die anderen hiesigen Musiker habe 
ich Euch schon genannt und ich kann sagen, sie nehmen 
mich mit offenen Armen auf, behaupten auch, ich müsse 
Concert geben."... Wirklich kam es den 25. September 
-dazu, und da der Messe halber alle Locale vergriffen 
waren, so gab es keinen anderen Saal, als den eigentlich 
zu kleinen Mühlens'schen. Mendelssohn spielte das Hom- 
mage ä Händel mit Moscheies, dieser .viele Solo's, das 
Publicum bezeigte sich dankbar, und Alles verlief ganz 
nach Wunsch. Lassen wir uns aber durch einen Brief 
•der Tochter, am nächsten Tage geschrieben, hinter die 
Coulissen führen. Sie erzählt]: „Ich bin die einzige Schreib- 
rfähige. Mutter muss leider eine ihrer bösen Migränen 
aushalten, Vater fertigt mit einem halb unterdrückten 
.„dass dich das Mäuserle", einen Diener der Frau *** ab. 
Diese Dame, die sich nur für Döhler und sein Spiel zu 
interessiren scheint, sagte Vater ganz von Oben herab: 
Wollen Sie uns Karten für Ihr Concert schicken? Er: 
«Gern, aber wie viele? — Nun für alle ***. Er: Ich habe 
nicht die Ehre, die Zahl der Familienglieder zu kennen 
und bitte daher zu bestimmen. — Nun, schicken Sie zwei 
Dutzend. —Diese Art war schon sehr unangenehm, eben- 
so ihr Nichterscheinen gestern Abend, wahrend sie in 



r 

H 8 — 

Döhler's Concert den Ton mit Applaus angegeben hatten, 
doch aber mit ansehen mussten, dass sein Saal halb leer 
blieb. Nach alledem kommt heute ein Diener, zu fragen, 
was Frau *** schuldig sei? — Das war ein bischen zu 
viel für meinen geduldigen Vater, er nimmt in einiger 
Aufregung einen Concertzettel vom Tisch und giebt ihn 
dem Diener mit den Worten: „Eine Empfehlung an Frau 
*** und die Preise der Plätze wären Uüten bemerkt", 
worauf der etwas verwundert abzog. Im Zimmer geht's 
ein und aus wie in einem Taubenschlag. Künstler kommen 
und gehen, um Vater zu seinen gestrigen Erfolgen zu * 
gratuliren, darunter ist auch der Violinspieler Boucher, 
der Napoleon I. ähnlich sieht und sehr viel (auf franzosisch} 
spricht, nein schwatzt. Ich versuche taub zu sein. . . . Jetzt 
musste ich aber eine Pause machen, denn Mendelssohn 
kam, und für den unterbricht man sich gern. Nun, da 
er fort ist, muss ich Euch eine wundervolle Geschichte 
von gestern erzählen, in welcher er eine Hauptrolle spielt. 
Der Saal war lange vor Anfang des Concerts gedrängt 
voll, und immer kamen noch Menschen; ein kleiner Neben- 
saal ohne Bänke stand offen. „Was werden die Frank- 
furter sagen, wenn sie keine Sitze finden", sagt Mendels- 
sohn zu Rosenhain? „Wissen Sie was, wir Beiden wollen 
hingehen und Stühle miethen, Moscheies darf man so 
kurz vor Anfang des Concerts nichts sagen." Der gute 
Freund Rosenhain ist gleich bereit, die Stühle sind aber 
nicht so leicht zu bekommen. Endlich in einer kleinen 
Wirthschaft finden sich vier Dutzend. „Sie sollen gleich 
geschickt werden", sagt Mendelssohn. Aber wer bezahlt? 
fragt der Wirth. „Es ist ja ein grosser Künstler, — Mo- 
scheies — der ein Concert giebt, und es wird so voll, es 
fehlt an Stühlen — das Geld ist Ihnen sicher." — Die 
Herren Künstler, sagt der vorsichtige Wirth, geben 
manchmal Concert und gehen mit dem Gelde durch, Sie 
müssen mir etwas dran zahlen. Beide leeren ihre Taschen, 
die nicht sehr gefüllt waren, befriedigen aber den Wirth, 
und nun steigen sie in eine Droschke, Mendelssohn setzt 
zwei der Stühle mit hinein, zwei vorn zum Kutscher und 



ruft: „Nach dem Mühlens'schen Saal, aber fahren Sie 
recht schnell." So kommen sie an, die andern vierund- 
vierzig- Stühle hinterher, und das Publicum hat Platz. 
Dennoch sassen Madame Mendelssohn, Mutter und ich 
den ganzen Abend auf zwei Stühlen. Was Mendelssohn 
aber weit mehr als die Stuhlgeschichte aufregte , war, 
dass Vater- An seiner As-dur-Etüde unten das tiefe Bass-C 
zugesetzt hatte. „Damit hast Du mich überrascht", sagte 
er, „das ist ein prächtiger Effect, der darf nicht vergessen 
werden, ich will ihn in Madame Moscheies ihr Album 
schreiben." Schnell holte ich es und dann zeichnete er 
noch -die Droschke, sich, Rosenhain und die Stühle hinein, 
aber nur ein halbes Pferd — „das kann ich nicht aus- 
wendig machen", behauptete er." . . . 

Von Frankfurt ging es nach Darmstadt, wo Mosche- 
les bei Hof spielte und Goncert gab; dann nach Heidel- 
berg, dessen Schönheiten die Eltern mit der Tochter 
durchliefen, nach Carlsruhe, wo sich die alten Freunde 
Haizinger's zu ihnen gesellten, und die Grossherzogin (eine 
Wasa), höchst liebenswürdig war. „Sie empfing meine 
Frau und Tochter mit Küssen", sagt das Tagebuch, „ich 
musste ihr viel vorspielen, E. auch und zuletzt spielte sie 
selbst mit dieser aus dem vierhändigen Arrangement des 
Paulus.'* Moscheies giebt ein Concert im Theater, „der 
höchst interessante Schriftsteller Auerbach" wird in einem 
befreundeten Hause angetroffen, wo er „das Habermus" 
und andere Gedichte in alemannischer Mundart vorliest. 
Man macht einen Abstecher nach Baden-Baden und dann 
geht's fort nach Stuttgart. Dort sind die Aufforderungen 
zu einem zweiten Concert nach dem ersten sehr dringend, 
aber in Augsburg ist Moscheies schon angekündigt. Von 
dort her schreibt er seiner Frau nach Stuttgart: 

„Nachts 10 Uhr. Nachdem mein Programm gemacht 
war, ging ich in 's Theater, um mich meinen Sängern vor- 
zustellen. Der Director Legier empfing mich mit offenen 
Armen, das * schon costümirte Personal nicht minder. 
Titus war „demente", Vitellia lächelte herablassend, Sex- 
tus im Tricot (also günstiger für die Entfernung berech- 



net) näherte sich mir demungeachtet und erinnerte mich 
daran, dass wir uns schon aus Wien kennen. Wer aber 
fällt mir als Chordirector in die Arme? , Hummel's Sohn, 
der mir gleich seine Dienste als Accompagnateur anbot. 
Ueber hiesige Familien und meine gute Aufnahme bei 
ihnen übermorgen mündlicn. wie schön! . . .'* 

In Stuttgart sind Lindpaintner, Max Bohrer, Pischek, 
Molique, mit denen viel privatim musicirt wird, und die den 
Concerten doppelten Glanz verleihen; es sind vortreffliche 
Dilettanten dort, und die Aufnahme bei ihnen so herzlich, 

■ 

dass man sich am 27. October ungern trennt, um nach 
München zu gehen. — Von dort aus schreibt die Frau : 
„Hier scheint ein längerer Aufenthalt unvermeidlich, denn 
die Füsse einer Ballet-Tänzerin , der Elsler, stehen Mo- 
scheies' Händen störend entgegen; sie tanzt bis zum 
6. November noch sechs Mal, und absorbirt Orchester 
und Publikum. Spricht aber Moscheles von Abreise ohne 
Concert zu geben, so widersetzt sich Alles; Kapellmeister 
Lachner, Graf Pocci, Graf Seinsheim, Baron Poissl, Gräfin 
Mejean, alle diese und noch Andere wollen für ihn laufen, 
sprechen oder schreiben, um einen früheren Concerttag, 
, als den 9. November zu erlangen." Dennoch musste es 
trotz aller Bemühungen bei diesem bleiben, aber die 
Zwischenzeit verfliegt blitzschnell im Ansehen der Kunst- 
schätze, im Verkehr mit echten Kunstliebhabern und 
Künstlern. Die Bekanntschaft mit Kaulbach, die 
sein Schüler Asher vermittelt, bietet grosse Genüsse, 
man ist viel in seinem Atelier und Moscheles sitzt ihm 
für eine Zeichnung ,Er kommt wiederholt im Dämmer- 

j 

Stündchen, wenn ich meine Finger exercire, in's Hotel", 
schreibt Moscheles, „sitzt, die Hand vor den Augen, neben 
mir und hört zu." Die Frau beschreibt eine komische 
Aventüre im Kaulbach'schen Atelier: „Es besteht aus ver- 
schiedenen Räumen. In dem einen, gross ten, malt er eben 
sein Jerusalem; es ist beinahe fertig und wir sehen so 
gern zu, wie er, in seinem Pelz dastehend, die letzte Hand 
an das Meisterwerk legt. In einem daranstos senden 
Zimmer steht ein Ciavier; gestern, als wir da waren, bat 



•er Moscheies Etwas zu spielen; als dieser aber eben recht 
im Zuge ist, wird Kaulbach leise abgerufen; wir hören 
lautes Reden, Moscheies nicht, und erst als Kaulbach und 
König Ludwig neben ihm am Klavier stehen, wird er sie 
gewahr. Nun findet die Majestät gleich das rechte Wort: 
„Freut mich/ wollte zu einem Künstler, finde zwei. Und 
die Damen?" "Wir werden vorgestellt und müssen auf 
Befragen des königlichen Inquirenten frei bekennen, dass 
ich die Mutter, E. die Tochter, dass ich aus Hamburg, 
sie aus London stamme, und was der interessanten Um- 
stände mehr sind. Natürlich muss Moscheies spielen und 
sich loben lassen und dann verabschiedet sich die Majestät. 
Hinterher erzählt Kaulbach, wie der König es ungern 
sehe, dass er „für den Preussen arbeite" und ihn deshalb 
heute im Atelier einigermassen zur Rede gestellt habe. 
E. will die Scene gleich von Asher illustrirt haben 
und besitzt nun diese Zeichnung, treffend und wahr." 
Auch Graf Pocci bereichert die Albums der Familie mit 
seinen unnachahmlich schönen Federzeichnungen, und 
Kaulbach schenkt der Frau eine seiner Original-Hand- 
ieichnungen zu Schiller's Räubern, „ein Meisterwerk". 
Man muss die feine Ausführung dieser Zeichnung gesehen 
haben, um zu begreifen, dass die Familie Moscheies sie 
anfanglich für einen Stahlstich hielt und erst bei genauer 
Besichtigung den Schatz gehörig würdigen lernte. Der 
alte, schon sehr erschöpfte Moor ruht in einem Lehnstuhl, 
die neben ihm sitzende Amalie, ihre Hand liebreich auf 
des Greises Arm gelegt, liest ihm aus der heiligen Schrift 
vor — Franz, getreu nach Schiller's Beschreibung in 
seiner ganzen Widerwärtigkeit dargestellt, drückt die 
Hand auf die Thürklinke, als er sie die Worte aus- 
sprechen hört: Und Jacob trug Leid um seinen Sohn lange 
Zeit. — Seine Cainssünde ist in seinen Zügen zu lesen. — 
Zur näheren Erklärung aber ist der Brudermord noch in 
einem an der Zimmerwand hängenden Bilde dargestellt. 
Ja, Kaulbach hat es verstanden, in dieser Miniatur- 
zeichnung das ganze Elend der unglücklichen Familie 
Moor bildlich zu verwirklichen und seine Phantasie ver- 



» — 122 — 

leiht der des jugendlichen Schiller neuen Reiz und Aus- 
druck." .... 

Tags nach dem Concert ist das Zimmer überfüllt von 
Gratulanten und an „ordentliches Schreiben nicht zu 
denken", berichtet die Frau; „nur so viel in aller Kürze, 
dass der Abend wunderschön war — so schön, dass ich 
ihn um keinen Preis hergeben möchte. Der ganze Hof* 
war dort, der König circulirte (wie gewöhnlich sagt man) 
im Zwischenact im Saal, und die jungen Mädchen behaup- 
ten, er frage dann oft: wie alt? 4 ' und bei seiner Taubheit 
müssten sie laut antworten, worauf es gewöhnlich heisst: 
„Und noch keinen Mann!" Aber mehr und ausfuhrlicher 
aus . Wien. . . . Doch ehe sie dahin abreisen, schreibt Mo- 
scheies an Frau von Lieben: „Das Herz pocht mir, liebe 
Freundin, wenn ich in der nahen Zukunft ein fortgesetztes 
Wiener Leben sich spiegeln sehe. Mit Gottes Hülfe 
wollen wir in der Erinnerung an die Blüthenzeit vergan- 
gener Jahre schwelgen. Bis dahin, wie immer, Ihr alter 
Freund I, Moscheies." 

Von Wien aus wird uns eine Beschreibung der Reise 
gemacht, die über Salzburg ging, und dann heisst es in 
einem Briefe der Frau: „Wir sind glücklich hier am 
Stefansplatz gelandet, und der ehrwürdige alte Thurm 
sieht uns gerade in unsern zweiten Stock hinein. Mosche- 
les ist aus, um Künstlervisiten zu erwidern, denn viele 
seiner alten Freunde waren schon bei ihm und die Herzen, 
scheint es, fliegen ihm wie früher entgegen. Diese Reise, 
die eigentlich keine Kunstreise sein sollte, und es doch — 
man weiss selbst nicht wie — geworden ist, hat ihm 
grosse Freude gemacht. Ueberall als Liebling aufgenommen, 
umringt von alten Freunden und neuen Bekannten, erfolg- 
reich in jeder öffentlichen Unternehmung, ist es eine Er- 
quickung für Geist und Körper, sich in der Arena des. 
Ciavierspieles siegreich herumzutummeln, anstatt ewig in 
London zu schulmeistern; er geniesst das sehr, E. und 
ich vielleicht in erhöhtem Grade für ihn, denn Wenigen 
wird wohl das Glück zu Theil, so zu reisen, wie wir es 
thun; das empfinden wir dankbar... Umringt, wie Moscheies 



— 123 — 

in Wien lebt, bleibt ihm keine Zeit zum Brief schreiben , 
und wir möchten daher seine kurzen Tagebuchnotizen 
hintereinander folgen lassen, um seine Ansichten über das 
Musik wesen Wiens als ein Ganzes aufzustellen. 

„Haydn's Jahreszeiten in der Reitschule gehört. , Die 
Hasselt-Barth vortrefflich." „Statt Beethoven ist jetzt Doni- 
zetti die Sonne der Musikwelt. Mich erwärmt sie nicht, 
leuchtet mir auch nicht voran auf neuer Bahn."... „Bei 
Hof war gestern eine Soiree, wo der Professor Wolff aus 
Jena eine Improvisation sprach; aber Musik hatten sie 
auch, nämlich Klatke, Künstler auf der Mundharmonika, 
und Moreau, Künstler auf der Guitarre." . . , „Frau von 
Cibbini ist noch aus der guten alten Zeit übrig geblieben 
— und erst die Baronin Erdmann, geb. Erdödy! Ich Hess 
ihr keine Ruhe, sie musste mir Beethoven's Cis-moll-Sonate 
vorspielen und es ging noch vortrefflich. Das ist eine 
interessante Reliquie des guten Clavierspiels." . . . „Dass 
Frau von Beer, für die ich als Fräulein Silny mein vier- 
händiges Rondo in A schrieb, es heute mit mir probirte 
und Vortreffliches leistete, war eine schöne Jugenderinne- 
rung." . . . „ Aloys Fuchs besuchte mich, um mir Händel's 
M. S. Cantate con stromenti „Hero und Leander" zu zeigen, 
1707 in Rom für den Cardinal Ottoboni componirt und im 
Jahre 1834 in Fuchs' Besitz gekommen. Sie fängt an: 



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1 



Qual ti ri - veg - go oh Dio. 



„Jaell brachte mir seinen zehnjährigen Wunderknaben 
Alfred, der schon Ausserordentliches leistet. Er will mein 
Kindermärchen öffentlich spielen und ich gab ihm einige 
Anweisung dazu." . . . „Nicolai's Oper „Die Heimkehr der 
Verbannten" gehört. Gut dramatisch, aber zu sehr ita- 
lienisch abgenützt." . . . „Saphir's Concert im Josefstädter 
Theater. Heindl begann es mit Flöten- Variationen über 
ein Schweizerlied — Furore — Ich spielte Serenade ohne 
Beifall — Kindermärchen ohne Beifall — Ungarischen 



— 124 — 

Marsch, Beifall und zwei Mal hervorgerufen, Demoiselle 
Neumann und Frau Rettich declamirten. Prume spielte 
Bravouren auf seiner Geige mit Beifall und Wiederholung. 
Saphir gab zum Schluss eine Vorlesung mit Humor und 
Wortspielen — das Beste, wie er sagt, von der Censur ge- 
strichen — ein Capital, das er sich für seine alten Tage 
aufspart." . . . 

„Prume's Oper gehört. Langweiliges Sujet, Musik aus 
verbrauchten italienischen Formen zusammengesetzt; die 
Häuptrolle spielte die abgedroschene Tiroler Cadenz for- 
tissimo vom Chor, den Solosängern und den cornets ä piston 
unisono herausgeschrien. Freunde des Componisten Hessen 
diese Stellen wiederholen und suchten die Oper vor ihrem 
zweideutigen Schicksal zu retten." . . . „Musikalische Soiree 
bei H. v. V. — Wolff improvisirte in gebundener Rede; 
ich spielte ein paar Etüden und auf Verlangen das ewige 
Kindermärchen auf einem „Streicher", den der Herr vom 
Hause durch sein Schlagen schon verstimmt hatte. Frau 
Hasselt sang Lieder seiner Composition, ein Flötenspieler 
säuselte und meckerte allerlei Variationen." . . . „Don Juan 
mit Frau Hasselt und Draxler war ein grosser G-enuss." 
„Von allen Diners, die wir hier mitmachen, war das gestrige 
in Hietzing im Domeyer'schen Local das Interessanteste; 
für den Gaumenkitzel ist überall gesorgt, aber hier war 
statt der gewöhnlichen Unterhaltung die vortreffliche 
Tanzmusik des jungen Strauss, Walzer, Polka's und Ga- 
lopp's, bei denen Einem das Essen im Leibe tanzte."... 

„Randhartinger's Österreichische Lieder mit Zither- 
Begleitung sind riationell pikant." 

„Wohlthätigkeits-Concert im Kärnthner Thor-Theater. 
Ueber füllt, kaiserliche Familie dort. Publicum warm, em- 
pfänglich für Alles. Ouvertüre zu Cortez; sehr gut aus- 
geführt." „Der liebe alte Freund Dessauer Hess mich 
schöne Lieder seiner Composition hören; ich musste ihm 
vorspielen." . . . „In der Concordia finde ich viele der alten 
Ludlamisten zu meiner Freude wieder. Castelli, der mir 
erzählt, dass er jetzt 1300 Tabaksdosen in seiner Samm- 
lung besitzt, von Vesque, Proch, Marsano, Stern (Geiger), 



Grillparzer, Deinhardstein , Kuffner, Lannoy, Fischhof, 
Prume, Hauser, Randhartinger. Anschütz declamirte, ich 
phantasirte auf einem „Streicher", Prume spielte. Schöne 
Kupferstiche von StÖber waren ausgestellt." „Fischhofs 
Besuch bereitete mir einen höchst interessanten Abend, 
denn er brachte Bach'sche M. S. Concerte, die wir pro- 
birten. Er will mir auch einige von seinen derartigen 
Schätzen mit nach London geben." „Der Cellist ** aus 
München hat viel Bravour, ist aber unpoetisch wie 
Bairisch Bier." „Der gewisse schreiende S. brachte sein, 
Wundertöchterchen und folterte meine Ohren durch sein 
Peroriren und das Geklimper des Kindes. Endlich durch 
den Briefträger erlöst." „Wir wollten E. das Local des 
Redoutensaales zeigen, wo ich Walzer und Menuett zu- 
gleich zu hören pflegte, da ich den Effect oft scherz- 
weise am Klavier nachahmte; jetzt giebt es kein solches 
Durcheinander mehr, da man nur im grossen Saal zu 
Strauss' vortrefflicher Musik tanzt." . . . 

Möscheles giebt in Wien drei Concerte, am 23. No- 
vember, 3. und 17. December, spielt als Novität sein Pa- 
storal-Concert, die Erinnerungen an Irland, mehrere der 
charakteristischen Etüden, und auch Beethoven's Es-dur- 
Concert und As-dur-Sonate, aber auch die alten Alexander- 
Variationen werden wieder verlangt, wie gern er sie auch 
ignorirt hätte. Zu dem Hommage ä Händel wirbt er den 
jungen Pauer, „der sie vortrefflich spielt" und ihm grosse 
Freude durch das Eingehen in seine Intentionen macht. 
Der Dr. Bacher ist bei allen Einrichtungen seine rechte 
Hand, bei allen Schwierigkeiten sein Helfer. Die Frau 
schreibt : „Man . lacht, wenn wir von einem dreiwöchent- 
lichen Aufenthalt sprechen und nennt die Idee unmöglich. 
Ein Moscheies, der seit 18 Jahren nicht in Wien war, 
könnte wohl wie Liszt den Winter hier zubringen. Es ist 
nämlich eine Hetzjagd von Concerten — morgen an dem 
einen Tage giebt's deren fünf, und der erste ganz freie 
Tag, sagt man, sei der 26. December; heute haben wir 
den 16. November. Der Adel hält noch ä Tanglaise seine 
Jagden, und eine hier anwesende Pester musikalische 



— i*6 — 

Notabilität räth Moscheies, dessen Rückkunft abzuwarten, 
indem er einstweilen nach Pest geht und dort spielt. 
Graf M. D., der den Schlüssel zu den Hofconcerten führt, 
behauptet, jetzt im Advent gäbe es deren keine, und vor 
Mai fände schwerlich eins statt. Wie Ihr Moscheies kennt, 
nimmt er diese Sachen sehr ruhig", freut sich des überaus 
herzlichen Empfanges, den uns der grosse Kreis seiner 
Freunde und Anhänger bereitet, und hat, wie er sagt, 
für diese, schon den 23. d. M. zu seiner Matinee fest- 
. gesetzt." ... 

E. schreibt Tags nach derselben: „Es war prächtig, 
Vater von dem vollen Saal als alten Liebling empfangen 
zu sehen, immer drei Mal gerufen, das Kinder märchen 
wieder verlangt, als er es aber zum zweiten Mal anfangen 
wollte, so heftiger Applaus, dass er seinen armen Rücken 
erst zu einer Menge Complimenten beugen musste, ehe er 
es spielen durfte. Zum Schluss der Improvisation über 
Beethoven's A-dur-Symphonie brachte Vater das Liedchen : 
S'giebt nur a Kaiserstadt etc., das war ein Jubel! Die 
gewissen murmelnden Bravo's, die durch den Saal gingen, 
kamen von Herzen und hätten Euch ebenso erfreut, wie 
Mutter und mich. Schon im Saal wurde der 28. für das 
zweite Concert festgesetzt, es geht also Schlag auf 
Schlag." . . . 

Es wurde nothwendig, dies zweite Concert auf den 
3. December zu verlegen, an dem es, mit womöglich noch 
gesteigertem Beifall stattfand. Auch das dritte Concert 
erlitt einen achttägigen Aufschub, weil der Hof trotz des 
Advents ein Concert für Moscheies ansetzte. „Dies ist 
ganz ehrenvoll", schreibt die Frau, „doch durchkreuzt all' 
der Aufschub unsere Pläne unangenehm, und wie ungern 
wir uns von dem neugebackenen Kammer - Virtuosen 
Seiner K. K. Majestät trennen, wir eilen zu Euch und 
den Kindern. Die Theater sind herrlich, von der Burg 
an bis herunter zum Elysium, und' Alle stehen uns durch 
die Güte der Abonnenten offen. Das Haus von Eskeles 
kann ich nicht genug rühmen, denn es ist wie unser 
eigenes; früher war ich dort Tochter, weil sie Moscheies 



— 127 — 

in, seiner Jugend als Sohn behandelt hatten, nun geht die 
Liebe auch auf E. über. . . . Wir haben einem pracht- 
vollen Toison-Fest beigewohnt, wo zwei ganz junge Erz- 
herzöge, die in blau und weissem Atlas reizend aussahen, 
zu Rittern des goldenen Vliesses geschlagen wurden. Der 
arme kleine schwächliche Kaiser Ferdinand konnte nur 
mit Hülfe seines Kollowrat das grosse alterthümliche 
Schwert heben und den Jünglingen die Akkolade geben. 
Die Kaiserliche Familie in ihrer Loge, die Ungarische 
JNobelgarde mit Edelsteinen übersäet, der antike Ritter- 
anzug mit Turban und Mantel merkwürdig, und das Ganze 
höchst imposant." . . . 

Am 12. December Tags nach der Abreise von Frau 
und Tochter schreibt Moscheies über seine traurige Stim- 
mung. „Ich fesselte mich an mein Ciavier, um die 
Grillen dieser plötzlichen Trennung zu verscheuchen," 
Ein zweiter Brief desselben Datums um n Uhr Nachts 

■ 

sagt: „Du fährst jetzt in die kalte Nacht hinein, ich komme 
eben aus dem Hof-Concert und will mit Dir wachen, um 
Dir darüber zu berichten. Es fand in dem von Kaiser 
Leopold mit den schönsten floren tinischen Mosaikbildern 
geschmückten Saal statt, auf die der Kerzenglanz magische 
Reflexe warf. Die Gesellschaft war etwa 200 Personen stark, 
vorn auf der ersten Reihe die ganze k. Familie. Alle 
unterhielten sich gemüthlich mit mir, sagten mir auch 
viel Schönes, und die Kaiserin- Wittwe fragte, ob es nicht 
im Jahre 1824 gewesen, wo sie mich in Prag nach einer 
Krankheit gehört. Sie hatte Recht. Die Erzherzogin 
Sophie erinnerte sich meiner am Münchener Hof. Beide 
hatten auch von meiner Frau und Tochter gehört, und 
wie Letztere ein so schönes Talent habe. Erzherzog Carl 
gedachte der ihm unter meiner Mitwirkung gebrachten 
Serenaden in Baden, Erzherzog Franz Carl hatte mich oft 
bei und mit seinem Bruder, dem Erzherzog Rudolf ge- 
hört. Mit der Improvisation wäre es beinahe schlecht ge- 
gangen. Ich« bat die Majestäten um ein Thema und sie 
wählten etwas aus „Linda di Chamounix" von Donizetti. 
Natürlich war ich gezwungen, mir das Armuthszeugniss 



1 



— 128 — 

zu geben, dass ich diese „herrlichste aller Opern" nicht 
kenne, worauf man mir unbelesenem alten Zopf denn 
Themen aus Mozart'schen Opern vorschlug. Ich nahm 
„batti, batti" und das Champagnerlied, dann im Hinblick auf 
den Helden Erzherzog Carl, zum Schluss noch „See the 
conquering hero." Der Kaiser sagte: „War das letzte nicht 
der Marsch aus der Vestalin?" worauf ich: „Etwas Aehn- 
liches", und die Kaiserin schnell mit der Frage einfiel r 
„ob ich in Wien oder Prag meine Schule gemacht?" Um 
1072 Uhr entfernte sich der Hof, es wurde Eis gereicht, 
und das Confect, das ich dazu nahm, steckte ich für die 
Kinder ein. — Gute Nacht, denn ich habe viel für's Con- 
cert zu thun; wie schön, wenn ich erst einen Brief von. 
Dir bekomme" .... 

Am 13. December schreibt Moscheies: „Gut, dass wir 
uns zu der temporären Trennung entschlossen haben,, 
denn mein hiesiger Aufenthalt spinnt sich neuerdings aus. 
Graf Szechenyi war eben bei mir, um mich für den 19. 
zur Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Carl zu be- 
fehlen, bei welchen ich spielen soll. Die Art und Weise, 
wie ich über das Handersche Thema phantasirt, hatte 
in ihnen den Wunsch erregt, mich über Gluck'sche Motive 
improvisiren zu hören. Ausserdem verlangte der Graf 
eine Speisekarte meiner Compositionen als Auswahl für 
den Abend, das Kindermärchen als Confect, und schliess- 
lich wurde bestimmt, ich solle Mittwoch Abend zu ihm 
kommen, wo wir eine Probe aller bei Hof zu spielenden 
Stücke halten würden. — Ein komisches Zwiegespräch 
hatte ich mit Graf Moritz D;, die Feder eines Hoff mann 
würde es Dir besser beschreiben; ich erzähle Dir's nur 
schlichtweg. Er kam, räusperte sich und sagte: „Für Ihr 
schönes Spiel bei Hofe habe ich Ihnen dieses (ein Röll- 
chen Dukaten) zu übergeben," Ich nahm es, sagte aber, 
wie mir irgend ein Andenken der hohen. Herrschaften 
mehr werth sein würde als Geld, worauf er: „Aber was 
thun's mit so a klan's Nipperl? schau'ns der, Prume kriegt 
auch Geld, aber nit so viel wie Sie — es sein 60 Duk." 
Ich wiederholte, er wiederholte, endlich sagte ich, wie ich. 



129 



auf seine gütige Vermhtelung für die Erfüllung meines 
Wunsches rechne, Die Excellenz wurde weich, verlegen 
und sagte: „Na, geben Sie mir das Geld, ich will* sehen 
was zu thun ist, morgen sollen Sie Bescheid haben." — 
Eben, wie ich diesen Brief abschicken will, bringt mir 
schon der Graf drei Diamant-Hemdknöpfe und sagt: „Ich 
hoffe, die treffen Ihren Geschmack, sind auch gerade von 
dem Werth des Geldes,*' Ich bedankte mich höflichst 
für seine Mühe und die Sache war äbgethan." 

„Wieviel ich seit Deiner Abreise wieder mitmachen 
musste, davon mündlich; Du kennst es ja, nur dass jetzt 
überall von Euch die Rede ist Ein grosses musi- 

kalisches Leid hatte ich auszustehen. Mendelssohn's Lob- 
gesang von der Gesellschaft der österreichischen Musik- 
freunde aufgeführt; für mich ein Hochgenuss, aber ich 
sass wie auf grünem Rasen von Eisschollen umgeben; 
ich durfte dem Irdischen entrückt, mit dem Tondichter 
in höheren Sphären schweben, durch nichts gestört, durch 
kein Händeklatschen abgezogen, denn das Publikum sass 
da in starrem Gleich muth. Der Choral, das „Hüter, ist 
die Nacht bald hin", rührte mich bis zu Thränen. Tritt 
Herr Hoschek, Musiklehrer, zu mir und sagt: „Ist das 
nicht kunstvoll zusammengestoppelte Musik?" Ich war 
wie aus einem Luftballon heruntergestürzt, verbiss den 
Ingrimm und, sagte: „Wie man 's nehmen will." Beim 
Schlusschor räumte das Wiener Völkchen schon den Saal; 
die Schöberlsuppe rief. Die Wenigen, die blieben, gaben 
so matte Zeichen des Beifalls, dass ich an das Knistern 
eines erlöschenden Kaminfeuers erinnert ward." .... 

Ein Brief vom 17. December sagt: „Vom Concert nach 
Hause kommend, in welchem der Enthusiasmus für mich 
aufs höchste stieg, gönne ich mir keinen Moment Ruhe 
und berichte Dir. Das vielmalige Rufen kennst Du, den 
stürmenden Beifall auch, Beides ist hier so gang und gebe, 
dass es keinen Eindruck macht; aber ich weiss nicht, 
warum mich die Demonstrationen des Publikums während 
meines G-moll-Concertes weich stimmten, so dass ich mir 
selbst Gewalt anthun musste, um kampffähig zu bleiben. 

Moscheles* Leben. H. o 



— 130 — 

Im „Hommage ä Händel" wurden wie in Leipzig- schon die 
letzten 20 Tacte durch Beifall übertönt, was mich beson- 
ders für meinen jungen Compagnon Ernst Pauer freute, 
der eben so bescheiden als tüchtig ist Die Alexander- 
Variationen kannst Du Dir denken. Nun habe ich noch 
das Hof-Concert, dann kommt die Abreise". . . . 

Aus Prag schreibt Moscheies: „Ich habe gestern in 
Begleitung der Geschwister das Grab meiner Eltern be- 
sucht und mich mehr beruhigt als erschüttert dadurch 
gefühlt. Ueberhaupt thun mir die ruhigen Tage fern von 
hoffartigen oder faden Besuchen und wissbegierigen Col- 
legen gut. Bei Lemel's bin ich immer gern, da sie mich 
wahrhaft herzlich aufnehmen; sonst vermeiden wir es, 
Jemandem von meiner Anwesenheit zu sagen. Ein Con- 
cert würde mich zu viel Zeit kosten, so will ich nur 
meinen armen leidenden Bruder trösten und unterhalten, 
indem ich ihm von meinen letzten Erlebnissen in "Wien 

erzähle Nun den Kindern noch ein Wort: Liebe 

älteste Tochter! Du hast gewiss von Deinem zerstreut 
tollen Weltleben den Hamburger Verwandten schon ge- 
nug erzählt und bist eben zu Athem gekommen. Jetzt 
sehe ich der Zeit entgegen, wo ? Du Dich mehr mit Dir 
■selbst beschäftigen und Deinen Geschwistern als Weg- 
weiser auf dem Gebiete der Bildung dienen wirst! .... 
Du liebe S., wirst das Wiedersehen mit Deiner geliebten 
Mutter gewiss als einen glücklichen Wendepunkt nach 
der Prüfungszeit der Entfernung ansehen und es durch 
■diese doppelt gemessen. — Lieber F., wenn das optime, 
das der Lehrer unter Deine Arbeit setzte, sich auf Dein 
ganzes Betragen bezieht, wirst Du stets meiner Zufrieden- 
heit, meiner Liebe gewiss sein. Nimm Dir vor, das optime 
durch's Leben als Wahlspruch zu behalten. — Dich, mein 
Kleinchen, hoffe ich als grosses Mamsellchen wiederzu- 
sehen. Nimm Dich nur in Acht, wenn Du mir bei'm 
Wiedersehen um den Hals springst, dass Du mich nicht 
umwirfst. Adieu" 

In Dresden findet Moscheies viele concertgebende 
Künstler, wie Döhler, Piatti, Mortier de Fontaine u. A., 



kündigt daher das seinige für den 7. Januar an und geht 
nach Leipzig, wo er am 1. Januar im Gewandhaus-Concert 
spielen soll. Das Wiedersehen mit Hauptmann, David, 
Gade, Joachim, Frau Frege, dem ganzen musikalischen 
Kreis übt den gewohnten Zauber auf ihn aus. „Das ist 
eine echt künstlerische Atmosphäre, in der sich's gut 
Musik macht"; schreibt er seiner Frau. „Meine Probe ist 
sehr gut ausgefallen, David dirigirte mit dem baton und 
wir hatten nicht ein einziges Mal anzuhalten. Ein Violin- 
spieler, Bazzini, soll hier in der Maurer'schen Concertante 
mit David, Ernst und Joachim grossen Effect gemacht 
haben und eine von Ersterem dazu geschriebene Cadenz 
electrisch gewirkt haben. Gestern übte ich mich mehrere 
Stunden auf dem Härtel'schen Instrument ein. Abends 
war ich bei David's und zwar allein, da alle von ihm da- 
zu Geladenen an diesem Sylvester-Abend schon versagt 
waren; darunter der jetzige Concert-Director, der junge Gade, 
der einen Mozartähnlichen Kopf hat. David spielte mir 
seine M, S. Variationen in G-dur über ein eigenes Thema, 
Variationen über ein schottisches Lied, Alles pikant; auch 
begleitete ich ihm aus der Partitur Mendelssohn's neues 
Violin-Concert, für ihn geschrieben. Es ist sehr schön, das 
letzte Stück Mendelssohnisch feenartig hüpfend; der ganze 
Abend war genussreich. Um 11 Uhr ging ich nach Hause, 
gab meinen Gedanken Audienz und begrüsste das neue 
Jahr mit dem Gedanken an Dich und die Unsrigen! — 
Es bedarf aller meiner Thätigkeit, um mir unsere lange 
Trennung erträglich zu machen, — aber wie gross, wie 
ungetrübt stelle ich mir das Wiederfinden vor! . . . 



1845. 

Moscheies schreibt an seine Frau: 

„Leipzig, 1.' Januar 1845, Morgens 7 Uhr. 
Glück und Segen zum neuen Jahr! Gestern Nacht 
schrieb ich Dir, heute will ich noch Einiges nachtragen. 



— 132 — 

Schleinitz sprach mit mir wegen der Annahme einer Stelle 
am Conservatorhira , gab mir auch zu gleichem Zweck 
einen Brief an den Minister von Falkenstein in Dresden; 
ich konnte natürlich, unvorbereitet wie mir die Idee Team,, 
nur antworten, wir würden seiner Zeit darüber sprechen. 
— Ein Herr Preusser, der statt des kürzlich verstorbenen 
F. Kistner Concertdirector ist, hat als Vormund von K.*s 
Tochter bestimmt, dass die Musikhandlung nicht verkauft 
werde, und hat alle dabei betheiligten Künstler — auch 
mich — ersucht, unsere Beziehungen aufrecht zu erhalten. 
Es soll ein sehr blühendes Geschäft sein. 

Abends nach dem Concert. Erst jetzt kann ich fort- 
fahren. Erst kamen Leute zu mir, dann machte ich musi- 
kalische Besuche, probirte mein Trio mit David und Witt- 
mann bei Härtel, hörte Bach's herrliche Motette (G-moll 3/ 4 ), 
ass bei David mit Gade, Hauptmann und Joachim und 
machte Toilette für 's Gewandhaus -Concert. Saal übervoll. 

Mendelssohn's fünfundneunzigster Psalm herrlich. 

Ouvertüre zu Gluck's Iphigenie. 

C-moll-Symphonie Beethoven, vortrefflich mit Piano 's. 
Miss Lincoln, die Verwandte von Dilke's, sang zwei 
Mal brav. 

Mein G - moll - Concert sehr gut begleitet und aufge- 
nommen. 

Nach dem Concert bei David mit Gade , Schleinitz 
u, A " 

Das Tagebuch sagt am 2. Januar: „Besuche der Musi- 
ker empfangen und ihnen vorgespielt. Um 2 Uhr nach 
Dresden, Abends in Döhler's Concert. Er spielte alte 
Sachen mit Ausnahme einer hübschen Ballade in H-dur. 
Piatti vortrefflich, Wieck, Reissiger, Fürstenau u. A. ge- 
troffen. Thee bei Kaskels, später zu Hiller." 

3. Januar. „Interessante Besuche gemacht und em- 
pfangen, u. A. Mme. Schröder-Devrient, Wagner, R. Schu- 
mann. Um 2 Uhr zurück nach Leipzig. Concert- Anstalten 
für den 7. d. M. In der Kammermusik mein Trio gespielt 
mit Wittmann und David. Alle andern Stücke mit An- 
dacht angehört und aufgefasst" 



~ 133 — 

Am 4. Januar. „Zurück nach Dresden. Gutzkow's 
Urbild des Tartuffe" gesehen, und mich köstlich unter- 
halten. Emil Devrient als Moliere ausgezeichnet." 

Am 5, Januar. „Mein Zimmer wurde so voll von 
Besuchenden, wie Du es in Wien kanntest, und da viele 
Kunstjünger und manche Wunderkinder darunter waren, 
so ist es gut, dass ich kein Ciavier habe. Hiller gab mir 
eine grosse Matinee, bei der alle Künstler und Kunstlieb- 
haber zugegen waren; wir spielten meine Es-dur-Sonate, 
ich allein viele Stücke, Alles enthusiastisch aufgenommen. 
Abends mit Hiller's in die neue Marschner'sche Oper „Adolf 
von Nassau". Sie hat viel Schönes in dramatischer Be- 
ziehung, die Instrumentation ist ausgezeichnet, nur in zwei 
Stücken fand ich unverkennbare Plagiate von Spohr und 
Donizetti. Der Componist wurde zwei Mal gerufen, ob- 
wohl das Publicum gegen Ende zu erkalten schien. Nach 
tiem Theater fand ich bei den Freunden G/s eine grosse 
Oesellschaft, in welcher Hofrath Carus eine Vorlesung 
über seine Reise nach England als Begleiter des Königs 
von Sachsen hielt." 

Am 6. Januar. „Lipinsky und Reissiger „steckten" 
es mir noch zur rechten Zeit, dass sicn einige Kapellisten 
wegen Mangels an persönlicher Einladung zu meinem 
Concert beleidigt fühlten und schnell machte ich es gut. 
— Eine traurige Stunde verlebte ich bei Frau von Weber. 
Ich fand sie neuerdings in Thränen um einen erwachse- 
nen Sohn, der vor Kurzem in ihren Armen starb. Die 
arme Frau! Ich konnte ihr meine tiefste Theilnahme 
nicht versagen — aber mein Besuch war ihr auch tröst- 
lich Jetzt ist es x j 2 2 Uhr Nachts und die Fort- 
setzung folgt, wenn ich ausgeschlafen habe " 

Am 7. Januar, wieder 11 Uhr Nachts. „Mein heu- 
tiges Concert fiel über alle Maassen brillant aus; der 
schöne Saal des Hotel de Saxe übervoll, der Hof in 
einer Loge, Alles was ich spielte, mit Enthusiasmus von 
Publicum und Kapelle applaudirt, ich jedesmal hervorge- 
rufen (gleichbedeutend mit sechs Mal in Wien), Ich spielte 
heute mein G - moll - Concert mit doppelter Leidenschaft, 



das Kindermärchen wurde stürmisch wieder verlangt. Ich 
improvisirte (dem Ort angemessen) über Tenorarie und 
Lach-Chor aus dem Freischütz und man sagt, es sei mir 
Alles besonders gut gelungen. Die Kapellisten umringten 
und ertränkten mich in Lob. Viel Aufsehn erregte das 
Bach'sche Triple-Concert , dessen Cadenz sich vortrefflich 
steigerte. Mme. Schumann spielte die von mir componirte,. 
darauf improvisirte Hiller die seinige ausgezeichnet schön r 
und ich führte auch improvisirend den Schluss herbei, der 
effectvoll wurde. Die Schröder sang auch ganz begeistert, 
so dass man mir allgemein sagt, es sei eins der schönsten 
Concerte in Wahl und Ausführung gewesen. Bei dem 
Freunde Hiller zum Thee, Und nun auf baldiges glück- 
liches Wiedersehen " „Morgen habe ich hier noch 

vollauf zu thun, dann einen kurzen Aufenthalt in Leipzig 
und Berlin; darüber aber morgen aus Leipzig Näheres, 
damit ich mir die Freude Deines Entgegenkommens be- 
reiten kann " „Noch vergass ich zu berichten, dass 

mich Minister von Falkenstein auf den Brief von Schlei- 
nitz hin äusserst freundlich empfing und mir Alles be- 
stätigte, was dieser mir schon über das Leipziger Conser- 
vatorium gesagt hatte: dass man Nichts sehnlicher wünsche, 
als Mendelssohn's Aeusserung zu bewahrheiten; er selbst 
würde gern Director des Instituts, und möchte, dass ich 
die Leitung des Ciavierspiels übernähme. Bis jetzt, sagte 
die Excellenz, fehle es noch an Mitteln, um Mendelssohn 
und mir einen genügenden Gehalt anzubieten. Doch wür- 
den Beide, Falkenstein und Schleinitz, mich stets im 
Auge behalten, auch den König von ihrem Wunsch in 
Kenntniss setzen, mich auf diesem Posten zu sehen. Ich 
glaube, Beide sind mir wohlgesinnt und so habe ich Aus- 
sicht, wieder ein deutscher Künstler zu werden und das 

modische Schulmeistern abzustreifen " 

Der nächste Brief von Moscheies an seine Frau ist 
aus Berlin, 10. Januar 1845, 2 -Uhr Nachmittags. 
„Ehe ich Dir über die hiesigen Zustände berichte, sollst 
Du hören, wie ich meine Zeit zubrachte, seitdem ich Dir 
aus Dresden schrieb. Ich hörte ein schönes Gewandhaus- 



* 



— 135 — 

Concert in Leipzig in der Loge der Directoren, die mir 
sämmtlich ihr Bedauern ausdrücken, mich nur im Fluge 
hier zu sehen. Freitag früh spielte ich bei Härtel vor 
einigen Künstlern und Freunden die Manuscript - Etüden, 
die ich bei Kistner zur Herausgabe für die Mozart-Stif- 
tung lasse. . . . Zur Theaterzeit in Berlin im Hotel du 
Nord und gleich in die Oper um Meyerbeer 's „Feldlager 
in Schlesien" zu hören. Aus dem Brief von ihm, den ich 
Dir schickte, weisst Du, dass ich mich vorher gemeldet 

— 

hatte; auch fand ich ein Balkonbillet im Hotel vor. Meine 
Ueberraschung über das magnifike Opernhaus lässt sich 
nicht beschreiben. Dieses und die pikante Musik, Costüme, 
Ballete, Decorationen Hessen mich nicht zu Athem kom- 
men. Wahrhaft entzückt hat mich Jenny Lind. Sie ist 
einzig in ihrer Art, und eine Arie mit zwei concertanten 
Flöten vielleicht das Unglaublichste, was man an Bravour 
hören kann; ich muss Dir noch viel darüber erzählen. 
Der arme Meyerbeer musste vom Dirigentenpult an's Bett 
seiner Tochter Bianca eilen, deren kranker Zustand sich 
gerade während der Oper bis zur Gefahr gesteigert hatte; 
so konnte ich ihn nicht* mehr sehen. Alle Freunde haben 
mich mit offenen Armen empfangen und Niemand begreift 
mein Davoneilen. Aber der Zeitaufwand für ein Concert 
oder das Spielen bei Hof wäre enorm, wie ich aus Meyer- 
beer 's und Graf Redern's Berichten sehe. Der König ist 
nach Strelitz gereist (NB. Rossi's auch), Prinz und Prin- 
zessin von Preussen durch eine achttägige Reihenfolge 
von Bällen und Gesellschaften in Anspruch genommen, 
der Concertsaal für's französische Theater eingerichtet, ist 

_ # 

nicht zu haben, der Saal der Singakademie nur nach acht- 
tägigen Vorbereitungen zu benutzen, der Director des 
Königsstädter Theaters verreist (vielleicht zu meinem 
Glück, denn es soll schwer sein, mit ihm fertig zu wer- 
den). Lord Westmoreland und Witzleben verreist, nur Jenny 
Lind, die herrliche und doch so bescheidene Sängerin hatte 
ich das Glück, zu Hause zu treffen. Morgen muss ich 
noch, um nicht unhöflich zu sein, ein grosser Diner bei 
Graf Redern mitmachen und dieselbe Nacht geht's fort...." 



„Meyerbeer's Tochter ist in der Besserung; er war liebens- 
würdig* eingehend in meine Absichten, kann aber an den 
Verhältnissen und meiner Eile nichts ändern. Er unter- 
hielt sich auch mit mir über Mendelssohn^ schönes Ver- 

* 

hältniss zum König " „Wenn Eisenbahn und Eil- 
wagen ineinander passen, so habe ich das Glück, Dich 
Dienstag Abend zu umarmen, doch wer kann darauf rech- 
nen? Dein Entgegenkommen wäre also unthunlich. . . 

Nach einem kurzen Aufenthalt in Hamburg kehrt die 
Familie Moscheies 'nach London zurück. Von dort aus 
schreibt er: „Die Aufführungen in Exeter-Hall sind wie- 
der geisterfrischend und erhebend; das französische Theater 
durch Mlle. Plessy, Lemaistre und Mlle. Ciarisse stets un- 
terhaltend; Mendelssohn's Antigone in Coventgarden trotz- 
der Un Vollkommenheit der Chöre doch genussreich.* 4 Auch 
im eigenen Hause wird Mendelssohn gesungen, der Freund 
Hullatv hilft mit seinem Chor, Frl. Schloss und Mrs. Shaw 
sind mächtige Stützen; man wagt sich sogar an einige 
Stücke der Matthäus-Passion. 

Sir Henry Bishop wird zum permanenten Conductor 
der Philharmonischen Concerte erwählt. Moscheies schreibt : 
„Wie ist es möglich, ihn Bennett vorzuziehen, der doch 
thurmhoch über ihm steht? Solche Erlebnisse befestigen 
in mir den Gedanken, mich dereinst nach dem musikali- 
schen Deutschland zurückzuziehen. Bis es aber dazu kommt, 
halte ich mich in Dankbarkeit an old England. Habe ich 
doch auch in Deutschland meine Widerwärtigkeiten 1 Ich 
darf den inliegenden Artikel*) wohl dazu rechnen, weil 

*) Der bet reifende Artikel lautet: 

„Moscheies hat bei seinem letzten Aufenthalte in Deutschland gerade 
so viel verloren, als er bei seinem ersten gewonnen, nämlich 800 st Sterl, 
(9600 fl, Conv.-M.), Diese Summe hat er theils auf der Reise verausgabt, 
theils bei schlecht besuchten Concerten zugesetzt Er selbst schreibt an 
einen Freund in Prag: „Liszt kostet mich viel. Ich glaubte es nicht, dass 
man jetzt ein anderes Urtheil über Pianofortespiel gefasst, als mir meiner 
Zeit zu Ohren kam. Es ist leider wahr! Ich war in Deutschland, um zu 
erfahren , dass ich seit Liszt rococo geworden. Zum Gluck besitze ich so 
viel Geld , dass mich der Verlust nicht genirt , und so viel Talent f dass 
es für England noch immer genug ist. Dass ich in Wien nicht durchge- 



— 137 — 

ich weiss, dass er Sie ärger t. Ich selbst fühle mich meinen 
Neidern gegenüber wie ein General, der kleine Wunden nicht 
scheut, wenn er nur das Schlachtfeld behauptet. Auch hätte 
ich nicht geantwortet, wenn der Hamburger Correspondent 
das Gewäsch nicht aufgenommen hätte; nun bitte ich Sie, 

ihm Artikel und Entgegnung*) zu schicken " 

Eine tiefe Betrübniss war es, den , lieben Freund Neu- 
komm erblinden zu sehen; doch erlöste ihn später eine 
Operation von seiner Unthätigkeit Gegen Moscheles* 
Bruder erwies sich das Geschick unerbittlicher; er erlag 
seinem chronischen Leiden und geliebt wie er war, schlug 
sein Tod den Seinigen- eine tiefe Wunde* Moscheies schreibt : 
„Alles was jetzt meinen Geist und meine Zeit notwendiger- 
weise in Anspruch nimmt, ist von dem Trauergedanken 
an meinen Bruder durchkreuzt und doch fühlte ich mich 
gestern bei Alsager durch die Gewalt der Kunst über 
das Irdische erhöben. Ich musste vier Beethoven'sche So- 
naten und eine Improvisation spielen und war froh, dass 

drangen, schmerzt mich am Meisten. Dort, wo ich so schon gelebt, hätte 
ich nicht zu sterben gedacht" 

*) Hier die Erwiderung: 

London, März 1845. 
Als mir umstehender Artikel von einem Freunde in Deutschland zu- 
gesandt wurde , hatte ich die Absicht , ihn mit dem Stillschweigen zu 
übergehen , das ich für die würdigste Entgegnung auf eine solche Fabri- 
kation halte; da ich* jedoch finde, dass er seit seiner Entstehung in einem 
obscuren Blatte auch den Weg in andere Fublicationen gefunden hat, so 
* betrachte ich es als meine Schuldigkeit^ gegen alle die Höfe Deutschlands, 
4ie mich im vorigen Herbst und Winter mit so viel Auszeichnung auf- 
genommen, sowie gegen das Publicum der verschiedenen Städte, in denen 
mir so reichlicher Beifall gespendet wurde, den Inhalt des ganzen Artikels 
hiermit für unwahr zu erklären. Ich habe im letzten September, October, 
November und December Concerte in Aachen, Frankfurt, Darmstadt, Carls- 
ruhe, Stuttgart, Augsburg } München, Wien t Dresden und Leipzig gegeben 
und dabei eben so wenig Gelegenheit gehabt, mich über den Eintrag zu' 
beklagen, den mir mein Freund Liszt gethan haben soll, wie dies vor eini- 
gen Jahren der Fall war, als wir gleichzeitig in London unsere Concerte 
gaben! — Was den Ausfall gegen England betrifft, so wäre ich einer solch 
undankbaren Aeusserung gegen das Land, in dem ich seit 22 Jahren An- 
erkennung und Erwerb gefunden, als Mann von Ehre nie fähig, und wieder- 
hole daher meine gänzliche Ableugnung des Umstehenden, L Moscheies* 



— 138 — 

meine Kraft in der B-dur-Sonate nicht unterlag. Beim 
Adagio in Fis-moll war mein Gefühl am stärksten ange- 
regt, aber in der Fuge bedauerte ich so viel extravagante 
Misstöne unter den Fingern hervorbringen zu müssen. 
Sie enthält mehr Dissonanzen als Consonanzen und mir 
scheint Beethoven darin zu sagen: „Ich will ein Thema 
gelehrt verarbeiten, t es mag wohlklingen oder nicht." 

Der Freund, Professor Fischhof in Wien, schickt 
Moscheies das Bach'sche G-moll-Concert, in London gänz- 
lich unbekannt, und er spielt es, sowie das in D-dur in 
einer seiner Matineen für classische Ciaviermusik, die wie- 
der grossen Anklang finden. Auch lässt er es den Herzog 
von Cambridge auf dessen ausdrücklichen Wunsch im eige- 
nen Hause hören. „Dieser kommt, nur von einem Groom 
begleitet, bei uns angeritten", schreibt die Frau, „hört mit 
Enthusiasmus dem Spiel zu, ist äusserst liebenswürdig 

gegen die Kinder Man kann nicht freundlicher für 

eine musikalische Stunde danken, wie der Herzog es that; 
er nannte sie eine der genussreichsten, die er seit lange 
verlebt." , 

Moscheies wird in dieser Zeit auch zu einem Concert 
nach Buckingham-Palace befohlen und theilt die Ehre mit 
andern Künstlern. „Es giebt deren eine Masse in dieser 
Saison", schreibt die Frau, „und wer bekommt die Palme? 
Vieuxtemps ist brav und Sivori ist es auch, aber freilich 
Teresa Milanollo ist erstaunlich. Pischek, Staudigl und 
Oberhoffer streiten auch um den Vorrang, Frl. Schloss # 
und Mlle. Meerti müssen einander Concurrenz machen, und 
auf dem Ciavier gab's erst einen Todtschläger ; nun sind's 
aber auch schon zwei. Das singende Frankreich ist durch 
die Damen Garcia, Dorus Gras, Bertucat, Hennelle und 
Bochkoltz-Falconi vertreten. Alle sind uns empfohlen ; 
denkt Euch das Uebrige. ..." 

Moscheies schreibt: „Ich hörte in der Oper Musik 
von Felicien David, darunter die Wüste. Sie giebt das 
fremdartig nationeile des Orients pikant wieder. Der 
Marsch der Caravane mit der obligaten Clarinette und 1 
dem Sonnenaufgang gefielen mir, obgleich alle seine 



i 



— 139 ~ 

Compositionen in der französisch leichten Manier gehal- 
ten sind. Auch eine Quadrillen- und Polka-Öper von Verdi 
für Singstimmen, Klappentrompeten, Posaunen und grosse 
Trommel habe ich gehört; sie heisst Ernani. Am nächsten 
Abend als Contrast im Ancient-Concert, ein Concert von 
Emilio del Cavaliere, 1600 componirt für Violino francese, 
Chitarra, Teorbo, Arpa, Organo, Violino etc. Die bekannte 
Romanesca aus dem 15. Jahrhundert erinnerte mich an 
Reif rocke und Puder." 

Sir Henry Bishop hatte die drei ersten Philharmoni- 
schen Concerte dirigirt, die übrigen fünf wurden Mosche- 
les übertragen. Er redete in der Probe das Orchester 
ungefähr so an: 

. „Meine Herren! Indem wir hier zusammen auftreten, 
mochte ich Ihre Leistungen mit den Fingern einer vor- 
trefflich ausgebildeten Ciavierspielerhand vergleichen . Wol- 
len Sie mir nun erlauben, die Hand zu sein, welche diese 
Finger in Bewegung setzt, darf ich diese durch alle In- 
spirationen zu beleben suchen, welche mir die Meister 
stets einflössen, und können wir uns in diesen Inspiratio- 
nen begegnen, so werden wir Grosses leisten." — • Ein 
andermal bei Gelegenheit einer Beethoven'schen Sym- 
phonie theilt er dem Orchester mit, „wie er in Wien 
diese und des Meisters andere grosse Werke als Novi- 
täten gehört und wie er die Traditionen der Tempo's 
bewahre, die Beethoven damals in seiner Direction an- 
gab." Endlich erregt er noch grosse Heiterkeit, indem er 
Beethoven's Action beim Dirigiren nachahmt: das sich 
mehr und mehr Herabneigen bis zum Verschwinden bei 
Piano-Stellen, das allmähliche Erstehen beim Crescendo 
und das sich auf die Zehen Erheben und Aufhüpfen beim 
Fortissimo. 

Doch vergisst Moscheies nicht hinzuzufügen: „So wie 
ich aber den grossen Mann in seinen Werken nicht er- 
reichen kann, so will ich mich hüten, seine Action nach- 
zuahmen; bei ihm war es Originalität, bei mir wäre es 
Caricatur." Bei solchen Gelegenheiten drückten die Fidel- 
bögen und die Klappen der Blasinstrumente ihre Zustim- 



mung aus und in den Concerten herrschte Zufriedenheit 
und Anerkennung. Im. letzten derselben spielt er das 
Bach'sche D-dur-Concert und freut sich über die im Or- 
chester erzielten Piano's. „Mit der Zeit wollte ich mir die 
braven geschickten Leute schon zu mehr Schatten und 
Licht heranbilden." 

Dann reist Moscheies zum Musikfest nach Bonn und 
schreibt seiner Frau von Cöln aus: 

„Das Wetter mürrisch, glich meiner Stimmung, denn 
die Trennung hat - mich aus dem Gleichgewicht gebracht. 
Meine Philosophie muss helfen. . . . Meyerbeer habe ich 
hier besucht und ihn allein mit Pischek getroffen. Aller- 
seitiges Küssen war der Anfang, viele Fragen nach 
Dir die Folge, dann Festangelegenheiten. Meyerbeer 
brennen die Haare auf dem Kopf, denn von morgen 
an muss er hier in Cöln die Proben der Hofconcerte 
halten. Alle grossen Vocalsachen sollen ohne Orchester, 
nur mit Clavierbegleitung gegeben werden. Zwischen den 
Proben will Meyerbeer die Aufführungen in Bonn mitan- 
hören. ....*' 

Am 10. August kommt er in Bonn an und schreibt 
Nachts ii Uhr der Frau: 

„. . . . Im Hotel de Tetoile d'or, dem Sitz aller ge- 
krönten Musikhäupter — braun, grau oder kahl — aller 
perükkirten oder lackirten Schädel, dem Versammlungs- 
orte aller musik-verrückten Damen, alt und jung — aller 
Kunstrichter, aller deutschen und französischen Rezensen- 

4 

ten und englischen Reporters, endlich des — vermöge 
seiner fürstlichen Gaben, Alles überstrahlenden Liszt — 
schreibe ich Dir. Kaum angekommen, traf ich Dr. Bacher 
aus Wien, den Abgesandten des Österreichischen Musik- 
vereins, der mir gleich anbot, sein bestelltes Zimmer mit 
ihm zu theilen; ein unschätzbarer Freundschaftsdienst, 
denn es sieht in den Strassen aus, wie nach einem gros- 
sen Brande, wo Jeder nur wieder unterzukommen sucht. 
Herren und Damen, darunter viele Engländer, mit einem 
Gefolge von Packträgern und Koffern jammern und bet- 
teln um ein Unterkommen in Hotels oder Privathäusern, 



Freunde und Bekannte treffen und begrüssen einander, 
bunte Fahnen wehen, es ist ein geschäftiges GewühL Ich 
habe schon Collegen aus aller Herren Ländern gesehen 
und gesprochen, war auch bei Liszt, der mit Sekretären 
und Ceremonien - Meistern die Hände voll zu thun hatte, 
während Chorley still in einer Sophaecke sass. Liszt 
küsste mich, sagte mir eilig confus einige freundliche 
Worte, dann sah ich ihn erst im Concertsaal wieder, als 
er der Pleyel und andern Damen die Honneurs machte. 
Zu 400 Personen speisten wir an der table d'höte und 
nach 6 Uhr fand das erste Concert unter Spohr's Lei- 
tung in der neuen bretternen Beethoven-Halle statt. Die 
grosse Messe in D-dur gewährte mir zwar einen Hochge- 
nuss, doch ward er mitunter dadurch getrübt, dass die 
Composition vom ächten Kirchenstyl abschweift, daher 
nicht die Einheit der Farbe hat, die ich an andern Wer- 
ken des Meisters so sehr schätze. Die darauf folgende 
neunte Symphonie wurde fast untadelhaft gegeben, der 
Sopran in den Chören besser nicht nur wie in London, 
sondern besser als ich ihn je gehört. Staudigl unübertreff- 
lich, die Pauken wie in London nicht reingestimmt. — 
Herr Jäger vom Comite gab mir einen Ehrensitz unter 
den Künstlern. Liszt, wo er mir begegnet, besonders lie- 
benswürdig. Ich schreibe Dir dies nach dem öffentlichen 
Souper im Gasthof, ura mich für die Nacht gut zu stim- 
men. Einstweilen bleibe . ich con amore, languendo , poco 
a poco agitato, ma sempre giusto dein . , . ." 

Aus dem Tagebuch. 

11. August. „Ein neues Damptboot ward mit vielen 
Ceremonien Beethoven getauft. Der Zudrang zu seiner 
ersten Fahrt mit Unordnung, Gedränge, vielleicht Lebens- 
gefahr verknüpft. Unter Kanonen - Salven machte das 
Schiff, in Begleitung eines andern, die lustige Fahrt nach 
Nonnenwerth, wo ein kaltes Frühstück bereit stand. Neben 
Spohr und Fischhof vortrefflich placirt. Taschendiebe 
thätig, wir verschont." 

12. Augu'st. Von 8 Uhr früh Lebendigkeit in den 



H2 — 



Strassen. Versammlung der Studenten, Zünfte etc. Unter 
den Ehrengästen auf dem Rathhause gewartet, um 9 Uhr 
mit ihnen unter grossen Mühseligkeiten in die Münster- 
kirche. Beethoven's C-dur- Messe, ein erhebender reiner 
Hochgenüsse Vom Münster auf die Tribünen, die rings 
um das Beethoven -Monument errichtet sind. Bis x / a 1 Uhr 
" den brennenden Sonnenstrahlen ausgesetzt; sehr lästig; 
endlich erlöst durch die Ankunft der hohen Gaste auf dem 
Balcon des Fürstenberg'schen Hauses. Es waren König 
und Königin von Preussen, Queen Victoria und Prinz 
Albert; grosser Hofstaat. Rede und Chor von Professor 
Breidenstein." „Der Enthüllungs-Moment rührte mich tief 
im Innersten, besonders wegen der grossen Aehnlichkeit 
mit dem Verewigten, die Hähnel erzielt hat. An der table 
d'höte im Stern wieder dasselbe Gewühl, ich neben Bacher, 
Fischhof und Vesque*, Liszt und seine Suite an Herren 
und Damen dominirend; Lola Montez unter letztern." Um 
5 Uhr Concert im Saal." 

„Dr. Breidenstein fragte bei mir an, ob ich im morgi- 
gen Concert die Adelaide accompagniren wolle; da Mme. 
Pleyel darin ein Concert spielen sollte, so fand ich es 
meiner Künstlerehre zuwider, einen geringeren Dienst 
darin zu leisten und schlug es ab." 

13. August. „Letzter Tag des Festes. Liszt's dazu 
componirte Cantate begann. Sie hat manches Wohlge- 
dachte und -gefühlte , wie z. B. die Einführung des An- 
dante aus dem B-dur-Trio, die angemessen und geschickt 
gemacht ist. Sie hat auch gute Instrumental - Effecte, 
ist aber im Ganzen bruchstückartig. Stürmischer Beifall 
und Orchestertuch war sein Lohn. Der Hof kam nach 
der Cantate und sie wurde für ihn wiederholt. Der König 
wählte dann folgende Stücke aus dem Programm , die er 
mitanhörte : 

Ouvertüren Egmont und Coriolan, die Spohr vortreff- 
. lieh dirigirte. Violoncellsolb , Ganz. Weber's Concert- 
stück — Mme. Pleyel. Arie aus Fidelio — Miss Sabilla 
Novello. Adelaide (schlecht gesungen) — Frl. Kratky. 
Liszt begleitete." 



% — 143 — 

„Noch muss ich über Liszt sagen, dass sein Vortrag 
des Beethoven'schen Es-dur-Concerts mich grösstenteils 
"befriedigte. Den energischen geistigen TheU des Werks 
kann ich mir nicht besser denken, einiges andere hätte 
ich mir gemüthlicher gewünscht." 

„Als der Hof fort war, wurden noch einige Stücke 
gemacht,, andere weggelassen! Um 2 Uhr Festmahl im 
Stern; Zudrang noch grösser als früher. Mit dem Beginn 
der Toaste gab es eine Reihe von Scenen, die an Roh- 
heit und Zügellosigkeit mir und jedem Anwesenden merk- 
würdig bleiben werden. Gleich nach des Königs Gesundheit 
brachte der Improvisator WolfF einen Toast, den er das 
Kleeblatt nannte; es sollte den Dreiklang repräsentiren: 
<ier Grundton Spohr, die Terz, die Alles mit Liebe ver- 
bindet, Liszt*, die Dominante, die Alles zur schönen Auf- 
lösung führt, Professor Breidenstein. Allgemeiner Jubel. 
Spohr bringt die Gesundheit der Königin von England 
aus, Dr. WolfF die des Professors Hahnel, des Schöpfers 
des Monuments, und des Erzgiessers in Burtscheid; Liszt 
-die des Prinzen Albert; ein Professor mit einer Stentor- 
stimme wird verhöhnt, verlacht, man hört nicht, was er 
sagen möchte. Liszt spricht (etwas verwickelt) über den 
•Gegenstand der Feier, alle Nationen wollen dem Meister 
ihre Verehrung zollen, alle sollen leben, Holländer, Eng- 
länder, Wiener (! !), die hieher wallfahrteten. Chelard erhebt 
sich mit Ungestüm und schreit Liszt zu: „Vous avez oublie 
les Francais." Viele Stimmen brechen wie Meereswogen 
darüber herein, einige dafür, andere dagegen. Liszt er- 
langt endlich das Wort, sucht sich reinzuwaschen, scheint 
sich aber immer tiefer in ein Wortlabyrinth zu verstricken, 
bis er den Hörern endlich klar macht, dass er 15 Jahre 
Tinter den Franzosen gelebt und sie sicher nicht absicht- 
lich hintangesetzt habe. Nun werden die Parteien noch 
ungestümer. Viele verlassen ihre Sitze, das Getobe wird 
betäubend und die Damen blass. Das Gastmahl bleibt eine 
Stunde lang unterbrochen. Dr. WolfF versucht es, auf dem 
Tisch stehend, wieder zu sprechen, wird drei bis vi%r 
•Mal von seinem Platz verwiesen, und. verlässt endlich den 



Saal, das Babel seinem Schicksal überlassend. In allen- 
Theilen des grossen Locals treten Parteien zusammen und 
. durch ihr Toben wusste man nicht mehr, um was es sich 
handelte. Die französischen und englischen Journalisten 
mischen sich mit Klagen über Vernachlässigungen aller 
Art Seitens des Fest-Comite's in diese Wortschlacht. Als 

i 

der Tumult an Thätlichkeiten grenzt, kommt der Wirth 
auf die gute Idee, die Musikbande aufspielen zu lassen; 
dies übertönt die Schreier, die sich auf den Hof zurück- 
ziehen; die Kellner serviren wieder, manche Gäste, beson- 
ders Damen, haben den Saal geräumt. Die streitenden 
Gruppen im Hof zeigten ihre zügellose Unverschämtheit und 
lächerliche Selbstsucht. Vivier und einige Franzosen nalimen 
Liszt in ihre Mitte und machten ihm die schmählichsten 
Vorwürfe: G. lief von Partei zu Partei und schürte das 
Feuer; Chorley war von einem französischen Journalisten 
angegriffen worden. Mr. J. J. wollte in dem englischen 
Gentleman Wentworth Düke einen Deutschen sehen, der 
ihn vernachlässigt hätte; ich trat zwischen Beide, um 
wenigstens diese ungerechte Controverse zu enden. Ueber- 
haupt versuchte ich die geistig Blasirten zu versöhnen 
und hielt Leichenreden über die in Wortschwall Unter- 
gegangenen. Ich .selbst blieb schussfrei und neutral; eben- 
so meine Wiener Freunde. Um 6 Uhr Abends verliess ich 
betäubt den Schauplatz des Skandals, der mir in den 
Ohren nachhallte. Zum musikalischen Kaffee bei der Gräfin 
Almasy, aber nicht auf dem Festball, sondern lieber dies- 
geschrieben und ein paar Stunden mit Fischhof verbracht,, 
der mir seine „Theorie des Transponirens" zeigte. ..." 

Es giebt ein altes französisches Scherzgedicht: „Vous 
m'envoyez le lendemain un billet date de la veille." Etwas- 
Aehnliches sollte Moscheies zu Ende des Bonner Musik- 
festes erfahren. Ihm war keine Einladung von Meyerbeer 
oder Liszt zu den Hofconcerten in Stolzenfels und Coblenz. 
gemacht worden, zu denen manche seiner Kunstbrüder 
auf circulirenden Listen befohlen wurden; er reiste da- 
her am 14. nach Cöln, traf dort mit seiner Familie zusam- 
men, widmete zwei Tage den Schönheiten des Doms und 



— 145 — 

einigen Freunden. Erst am 17., also nach seiner Abreise, 
erreichte die folgende Sendung Cöln: 

„Verehrter Freund! Se. M. der König, der erfahren 
hat, dass sie in diesen Gegenden sind, hat befohlen, Sie 
einzuladen, dem Hof-Concerte beizuwohnen, welches der 
König in seinem Schlosse zu Coblenz morgen Abend, 
Sonnabend den 16. giebt. Diesen mir sehr verehrten Auf- 
trag giebt mir diesen Augenblick der Herr Graf von 
Redern im Namen des Königs. Aber es ist Mitternacht, 
das Concert in Stolzenfels ist eben vorüber, und es ist 
daher nicht möglich, Ihnen diese Zeilen vor Sonnabend 
früh nach Cöln abzusenden, mögen sie nicht zu spät kom- 
men. Auf jeden Fall werden sie Ihnen ein Zeichen der 
achtungsvollen und freundlichen Erinnerung sein, in wel- 
cher Ihr Name beim König steht. Herzliches Lebewohl, 
th eurer Freund. Ihr ganz ergebenster 

Meyerbeer." 

Herr Lefebre vom Hause Eck in Cöln hatte dies 
Billet mit einigen Zeilen des Bedauerns begleitet, da er 
voraussah, dass sie Moscheies nicht rechtzeitig zukommen 
würden. Als Moscheies dem Schwiegervater eine Copie 
derselben einschickt, schreibt er dazu: 

„Ich überlasse es Ihrem Scharfsinn, das „Warum" 
und „Wieso" dieser Transaction zu ergründen; warum 
ich nicht schon in Bonn zugleich mit den andern Künst- 
lern zu den Hofconcerten geladen wurde? Wieso des 
Königs Befehl mich nicht rechtzeitig erreichte? Ein könig- 
licher Bote, Sonnabend früh den 16. d. M. von Stolzen- 
fels abgesandt, musste mich schnell in Cöln treffen, meint 
man " 

In ihren Genüssen durch diesen Zwischenfall nicht 
gestört, macht die Familie Moscheies die Rheinfahrt gleich- 
zeitig mit der Prinzessin von Preussen, und geniesst auf 
dem Dampfer erst ihre huldvolle Unterhaltung, dann; 
Abends den herrlichen Effect der für sie beleuchteten 
Berge und Ruinen, „ein feenhafter Anblick." 

Ein stilles, freundliches Eckchen des Lichtenthals bei 

Moscheies' Leben. II. m 



1 



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— 146 — 

Baden nimmt sie und die Familie Rosenhain auf, „und 
es ist kein Ende der Spaziergänge, der Picknicks in der 
reizenden Umgegend." 

Felicien David ist in Baden und spielt Moscheies seine 
Es - dur - Symphonie aus der Partitur vor. „Die Musik 
hat viel melodischen Fluss, ist nicht vulgär, auch farben- 
reiche Instrumentation hat sie, nur nicht immer Einheit 
im Styl." 

Aus dem Badischen geht es nach Paris, wo Mosche- 
les seine Sonate symphonique comppnirt und sie dann 
mit Halle, später mit seiner Tochter in befreundeten künst- 
lerischen Kreisen zu Gehör bringt. Tags vor seiner Ab- 
reise wird er nach St. Cloud befohlen, wo man die auch 
in der Oeffentlichkeit besprochene neue Composition hören 
will. „Am 23. November", sagt das Tagebuch, „mit E. nach 
St. Cloud, von der königlichen Familie freundlichst. em- 
pfangen. Die Königin, Mme. Adelaide, die Herzogin von 
Orleans mit ihren Damen und Cavalieren beim Thee, der 
König kam aus einer anstossenden Galerie, um die Sonate 
zu hören, die E. sehr brav spielte; sie musste auch Solo 
spielen; ich phantasirte ä la Gretry, des Königs Lieblings- 
genre. Alles machte den besten Eindruck." So schliesst 
der Pariser Aufenthalt. — Im December erreicht Mosche- 
les ein gewichtiger Brief von Mendelssohn. „Wird er", 
heisst es darin, „die oft besprochene Uebersiedelungsidee 
wahr machen und am Leipziger Conservatorium mit ihm 
zusammenwirken? Welch' herrliche Früchte Hessen sich 
für die Kunst und für die Freunde von Deiner Annahme 
erwarten ! Dass Dir das Leben hier zusagen würde, bezweifle 
ich keinen Augenblick, da Du das Leben dort so ansiehst, 
wie Du mir sagst. Auch gestehe ich Dir offen, dass Alles, 
was ich von dem dortigen Treiben jetzt höre , was ich 
zum Theil vor ein und ein halb Jahren selbst mitansah, 
derart ist, dass ich wohl begreife, wie Dir der Aufent- 
halt von Jahr zu Jahr weniger zusagt, wie Du Dich von 
dem ganzen Wesen wegsehnst " 

„Nun bitte ich Dich, wenn Du irgend etwas bei der 
ganzen Sache zu berühren hast, sage es mir, und gieb 



mir Gelegenheit, in einer Unterhandlung thätig zu sein, 
-die möglicherweise eine der segensreichsten werden kann, 
die je für die hiesige Musik geführt worden sind. . . 

Moscheies* Annahme wäre vielleicht sogleich erfolgt, 
hätte der wichtige Schritt nicht reifliche Ueberlegung 
erfordert. Er erbittet sich also Bedenkzeit von dem 
Freunde und tauscht berathende Briefe mit dem Schwie- 
gervater aus. 



ro* 



SIEBENTER ABSCHNITT. 

LEIPZIG. 

1846 — 1-870. 




4 



1846 



Schon am zweiten Januar erreicht der förmliche An- 
trag des Leipziger Conservatoriums London; er ist in den 
freundlichsten Ausdrücken abgefasst und von den Herren 
Dr. Seeburg, Dr, Keil, Preusser und Schleinitz unter- 
zeichnet, und wieder schreibt Mendelssohn, wie „die Aus-, 
sieht der Annahme ihm sehr, sehr grosse Freude macht." 
Und dann: „Am Tage, wo Du zusagst, trinke ich meinen 
besten Wein und etwas Champagner obenein." Dann fol- 
gen in diesem Briefe eingehende Notizen über Einnahmen 
und Ausgaben in der neuen Stellung, und zum Schluss- 
sagt er wieder: „Der allgemeine Wunsch der Hiesigen, 
und ihre allgemeine Freude bei dem Gedanken Deines 
Kommens ist doch an und für sich etwas Ehrenvolles, 
das freilich in keinem Verhältniss steht mit der Ehre, die 
Du den Hiesigen durch Deine Uebersiedelung erweisen 
würdest ; — aber schon ein solches wechselseitiges Verhält- 
niss ist gut und segensreich und bietet die beste Gewähr 
für eine frohe Zukunft. Kurz, ich möchte, Du kämest!" — 

Moscheies schreibt dem Schwiegervater am 21. Januar: 
„Die Fortsetzung meiner Leipziger Angelegenheit sehen Sie 
aus den beigelegten Copien der soeben erhaltenen Briefe. Ich 
bin mehr als je geneigt, meine hiesige Stellung aufzugeben. . . . 
Will man hier der Mann des Publikums sein, so muss man 
viele Concessionen machen und ich möchte weder in kauf- 
männischen Zwecken componiren, noch da als Lehrer fun- 
giren, wo man meistenteils ohne tieferes Eindringen in 
die Kunst, nur der Mode halber lernt. Natürlich bespreche 
ich die brennende Frage viel mit meiner Frau und wir 
sind uns ganz einig darüber, dass wir bei Entbehrung so 



— 152 — 

mancher Comforts — die Grossartigkeit werden wir nie • 
entbehren — nicht London in Leipzig suchen wollen* Finde 
ich dort die künstlerische Existenz, die ich mir erwarte, 
so weiss ich gewiss, dass wir — ich obenan und meine 
Charlotte in der Rückwirkung — vollkommen befriedigt 
sein werden. Bei einer Uebersiedelung würde ich auch 
das angenehme Bewusstsein mitnehmen in England, da 
wo ich konnte, durch Lectionen, Spiel oder Geldmittel 
ausgeholfen zu haben, auch viele Freunde zurückzulassen, 
die uns Alle ungern fortziehen sehen und deren Zuneigung 
und Umgang wir in der Ferne schmerzlich vermissen 
werden. Dafür kommen wir manchen unserer Verwandten 
um soviel näher; das ist wieder ein Gutes. Vor der Hand 
spreche ich noch nicht von meinem Ruf nach Leipzig, 
über dessen Annehmbarkeit in pecuniärer Hinsicht ich 
mit mir erst einig sein muss ; bin ich doch Familienvater. 
Halten Sie nur ferner als Präsident Familien -Conseil und 
theilen mir das Protokoll der Sitzung mit; lassen wir uns 
aber keine grauen Haare darüber wachsen; denn was das 
Schicksal auch bringen möge, immer sind meine Charlotte 
und ich ein so glückliches Paar, dass wir auch in einer 
Hütte zufrieden sein würden, immer werden wir versuchen, 
unsere Kinder so gut zu erziehen, dass sie keiner grossen 
Reichthümer bedürfen, und Ihnen gegenüber bleibe ich 
heute wie immer, in London wie in Leipzig, Ihr treuer 
Schwiegersohn I. Moscheies. 

Am 24, Januar kommt ein Brief von Mendelssohn, 
der durch seine Berechnungen die Zweifel über den pecu- 
niären Status beseitigt, und am 25. Januar, einem Sonn- 
tag, sagt das Tagebuch: „Heute fasste ich mein Annahme- 
Schreiben an das Directorium des Leipziger Conservato- 
riums ab. —Nun ist der Schritt geschehen." Mendelssohn 
jubelt: „Ich lasse die Häuser roth anstreichen." Noch ehe 
die Neuigkeit die musikalische Welt durchlaufen hatte, 
kam ein Antrag aus Birmingham an Moscheies, das dortige 
grosse Musikfest im September zu dirigiren. Nur Mendels- 
sohn's Elias sollte unter dessen eigener Leitung gegeben 
werden. Nichts konnte für Moscheies am Schlüsse seines 



— 153 — 

-Aufenthalts in England ehrenvoller und erwünschter sein. 
Er schrieb sogleich an Dlle. Lind und Pischek, um ihre 
Mitwirkung für das Fest zu gewinnen, doch gelang ihm 
dies nicht. — 

Noch aber ist Moscheies in London; wie seither stets, 
stellen sich wieder die Mühen der Saison ein , auch ihre 
Gaste. Es giebt viel Musik, alte und neue. „Unter andern 
bekamen wir Benedicts neue Oper „the Crusaders" zu 
hören; eine angenehme, oft dramatisch effect volle Mu- 
sik mit pompöser Ausstattung. Cramer, Beale & Co. 
verlegen sie und als ich Benedict gestern dort traf, 
sagte er, wie sehr er wünsche, dass ich etwas über die 
beliebtesten Balladen schriebe; da sie aber meine Sonate 
symphonique als ein zu grosses und ernstes Werk nicht 
baben wollten, so dankte ich." 

Möscheles* vier Matineen for classical pianoforte 
Music sind nun auch glorreich überstanden und das ist 
iür den Vielbeschäftigten eine grosse Erleichterung, da 
das Aufsuchen und Wählen unter den grossen Massen 
alter Musik ein weit schwierigeres Geschäft ist, als das 
Spielen selbst am Concerttage. Merkwürdig ist der wach- 
sende Einfluss von Jullien's Promenade - Concerts. Mme. 
D. sollte dort Beethoven'sche Solo's spielen, lehnte es je- 
doch ab, während Sivori und seine Performances auf einem 
grossen Karren mit Jullien's Concerts in ellenlangen Let- 
tern bezeichnet, Regent Street auf- und abfährt, und den 
berühmten Geiger ankündigt. 

Nicht lange, so beginnen die Sorgen und Mühen des 
Earewell-Concert (Abschieds-Concerts), Moscheies will bei 
dieser Gelegenheit dem Publikum zeigen, dass er seine 
musikalische Laufbahn in England ebenso endet, wie er 
sie begonnen; es soll kein Monstre-Concert mit italieni- 
schen Sängern und., einem Wettkampf von Instrumenta- 
listen sein; er will nicht der Mode fröhnen. Das Pro- 
gramm soll kurz aber inhaltsvoll werden; die vortreffliche 
Pianistin Mme. Pleyel will gefallig seine Sonate sym- 
phonique mit ihm spielen „und sie thut es mit einer Auf- 
fassung und einer Begeisterung, die mich beglückt", schreibt 



er später. Den Sänger Pischek hat er engagirt und 
einige andere Freunde unterstützen ihn freundschaftlich/ 
Er schreibt dem Schwiegervater am 19. Juni: „Der Aus- 
bruch des Enthusiasmus bei und nach meinem jedesmali- 
gen Spielen, das Tücherwehen, das Cheering — Alles 
auf den Bänken stehend, war ergreifend und bei meinen 
scheidenden Bücklingen konnte ich mich der Thränen 
nicht erwehren; dann blieb ich noch eine Stunde von 
Freunden und Bekannten umringt; ja brillanter hätte mein 
öffentlicher Abschied nicht ausfallen können." 

„Und", fügt die Frau hinzu, „es thut wohl zu sehen, 
wie unsere echten Freunde es so passend und würdig für 
Moscheies finden, von jetzt an im Verein mit Mendelssohn 
. eine öffentliche Stelle zu bekleiden und von seinem hie- 

■ 

sigen ermüdenden Leben auszuruhen." 

In diesen Sommermonaten ist aber noch an keine 
Ruhe zu denken. Die Programme für das Musikfest in 
Birmingham müssen gemacht werden, er hat in Concerten 
zu accompagniren , zu spielen und bringt wiederholt da& 
Bach'sche Concert mit den zwei Flöten zu Gehör, das 
durch ihn ein Liebling des Publikums geworden ist. Die 
finishing lessons überdauern noch den Juli. Dazwischen 
giebt die Familie eine grosse Abschiedsfe'te; es sind 217- 
Personen anwesend, und Moscheies schreibt dem Vater 
darüber : 

„Gewöhnlich komme ich jetzt um ein oder zwei Uhr 
zu Bette und danke Gott, dass meine Constitution, die ich 
eisern nennen möchte, die Tages- und Nacht-Arbeit aus- 
hält. Gestern, oder vielmehr heute um 4 Uhr bei auf- 
gehender Sonne zu Bette gegangen, schreibe ich Ihnen 
jetzt um acht Uhr von unserer gestrigen glänzenden Ab- 
schieds - Soiree. Musik von halb elf bis eins, dann Tanz 
bis drei Uhr ; Charlotte und sogar ich Alter mit der Jugend 
unter den raschen Tänzern; doch ist auch sie schon auf 
und sitzt schreibend neben mir, während die Mädchen 
ausschlafen. Heute habe ich -sechs Lectionen und um fünf 
Uhr muss ich im Freemason's Hall sein, um bei einem 
musikalischen Wohlthätigkeits - Diner musikalisch mitzu- 



— 155 — 

wirken; morgen giebt's ausser den Lectionen das ellen- 
lange Concert einer Schülerin zu dirigiren " 

Die Frau giebt viele Details über die Abschiedsge- 
sellschaft und fügt hinzu: „Die Zeitungen hören seit dem 
Concert nicht auf, Moscheles' Lob zu posaunen und den 
Verlust zu beklagen, den die Kunst durch seine Ueber- 
siedelung erleidet. Chorley hat im Athenäum bei dieser 
Gelegenheit eine Frage aufgeworfen, die mir die einzig 
richtige scheint: „Warum hat die grosse Stadt London 
dem grossen Künstler nicht eine Anstellung geboten, die 
ihn eben so sicher und angenehm fesselt, wie es nun die 
small burgher town thut? Das hätte all' ihren Klagen 
über seinen Verlust abhelfen können " 

Dieses Jahr sollte nicht nur durch die Uebersiedelung, 
es sollte ein in jeder Beziehung ereignissreiches werden, 
da der Hausfreund. Mr. Roche, um die älteste Tochter 
anhielt, deren Lehrer er seit mehreren Jahren gewesen 
war. Die Neigung erwies sich als eine gegenseitige; so 
verlobte sich das junge Paar unter den Segenswünschen 
der Eltern und feierte am 10. September seine Hochzeit. 

Mosch eles' Tagebuch berichtet, wie Mr. Bartholome w, 
der Uebersetzer des „Elias" die Partitur des ersten Theils 
bringt und „wie sich ihm schon am Ciavier die Schönheit 
desselben entwickele; immer mehr und mehr in den vor- 
bereitenden Proben.'* Am 10. August ist die erste Probe 
unter Mendelssohn's Leitung im Moscheles'schen Hause. 
Dieser folgen zwei Orchesterproben in den Hanover-Square- 
rooms unter gleichem Entzücken der kleinen Hörerschaar, 
„aber die Sängerinnen ' machen Mendelssohn zu schaffen." 
Die Arie liegt nicht gut in der Stimme , heisst es , er soll 
sie transponiren. Er widersteht höflichst, aber mir theilt 
er seine Herzensmeinung 7 ,über so ein Ansinnen" unge- 
schminkt mit, sagt Moscheies. Nun gehen Alle nach Bir- 
mingham, Moscheies hält sogleich eine Probe, ist aber am 
nächsten Tage so unwohl, dass Mendelssohn ihn in einer 
Abend- Vorprobe vertreten muss; wieder hergestellt, kann 
er die erste Morgenproduction, die „Schöpfung" dirigiren. 
Hierauf folgen einige Stücke aus Rossini's Stabat. Mater. 



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— 156 — ■ 

mit den Damen Grisi, Bassano und Sigr. Mario. Darauf ein 
gemischtes englisch - italienisches Programm (dreistündig 
von elf bis zwei Uhr) ; „das befriedigte das Publikum voll- 
kommen. Abends hatte ich noch Proben verschiedener 
Stücke". Die Frau meldet: „Wir flogen in drei Stunden 
hierher und gingen sogleich in die Town Hall. Dies noble 
Gebäude sieht über alle Beschreibung schön und grossartig 
aus, und als ich meinen Mann auf diesem prachtvollen 
Orchester mit Enthusiasmus empfangen sah, ergriff es 
mich tief und freudig. Nach der Probe las er noch in 
seinen Partituren, ich half Mr. Bartholomew bei der Cor- 
rectur des Textes, Alles bis gegen ein Uhr Nachts. Das 
Fest soll ein besonders ergiebiges werden, wie der unge- 
wöhnlich starke Verkauf der Sperrsitze beweist. . . . Mo- 
scheies wird hier zerrissen und findet wohl kaum Zeit, 
um selbst zu grüssen." 

„Und doch will ich sie finden", setzt er hinzu, „bis 
ich später ausführlicher berichte." Am folgenden Tage 
schrieb er: „26. August. — Mendelssohn feierte bei der 
heutigen Aufführung seines Elias den grössten Triumph! 
Nach meiner Meinung hat dies Werk noch regere Schwung- 
kraft, noch mehr dramatische Mannigfaltigkeit — aber 
im reinsten Oratorienstyl — als der Paulus, und stellt 
ihn auf eine noch höhere Stufe." Die Frau schreibt er- 
gänzend: „Ja, Mendelssohn's Triumph bei der gestrigen 
Aufführung war etwas ganz Unglaubliches, Unerhörtes. 
Ich glaube, elf Nummern mussten wiederholt werden und 
zwar unter Klatschen und Beifallssturm, während sonst 
alles Applaudiren bei diesen Musikfesten streng verpönt 
ist. Soll etwas wiederholt werden, so erhebt sich der 
Präsident des Fest - Comite's und winkt mit seinem Pro- 
gramm dem Director zu — das ist das Zeichen, Diesmal 
aber war Alles so hingerissen, dass man dem Beifall keine 
Fesseln anlegen konnte, und es ging lärmend her, wie im 
Parterre eines Theaters. Staudigl war ein herrlicher Elias, 
der Bassist' Phillips vortrefflich und an den Leistungen 
der beiden Miss Williams hatte Mendelssohn besonderes 
Gefallen, Nach dem Elias giebts in derselben Morning- 

* 



— 157 — 

Performance wieder Arien aus Mozarts Davide penitente, 
Abramo von Cimarosa und Handels Coronation-Anthem, 
die Moscheies zu dirigiren hatte. Das Abend-Concert, auch 
unter seiner Leitung, brachte Beethoven's A-dur- Sym- 
phonie und Ouvertüre von Spohr, „an denen das Publi- 
kum weniger Gefallen fand", sagt das Tagebuch, „als an 
englischen Glees und Songs, die wieder verlangt wurden; 
der Gesang der anwesenden Engländer, Italiener und un- 
seres deutschen Staudigl, so wie die „Recollections of Ire- 
land" die ich spielte, erregten grosse Zufriedenheit." Der 
27. August brachte Morgens den Messias unter Moscheies' 
Leitung. „Der Veteran Braham", sagt das Tagebuch, „er- 
öffnete ihn mit den Ruinen seiner Stimme, Staudigl er- 
hob das Ganze." 

„Im Abend-Concert gab's Ouvertüre zu Preciosa, ver- 
schiedene Gesangstücke, mein „Hommage ä Händel" mit 
Mendelssohn und seine Musik zum Sommernachtstraum." 

„Am 28. August eine gewaltige Mischung , aber nur 
so wollte man es. Erster Theil: Mehuls Ouvertüre zu 
Joseph; mein dreiundneunzigster Psalm für Soli, Chor und 
Orchester: das Kyrie, Gloria, Sanctus und Benedictus aus 
Beethoven's D-dur-Messe; das Hallelujah aus Christus am 
Oelberge. Dann unbedeutendes Orgelspiel, Hymne an die 
Gottheit von Spohr, wieder verschiedene Gesangstücke 
und ein Anthem von Händel. Dabei ereignete sich fol- 
gende Episode. Die Stimmen eines kleinen, in den Text- 
büchern gedruckten Recitativs waren nicht bei der Hand. 
Eine grosse Verlegenheit. Mendelssohn half aus, indem er 
in einem Neben saale, während die vorhergehenden Stücke 
des Concerts gemacht wurden , das Recitativ componirte, , 
instrumentirte und die Stimmen copirte; diese wurden dann 
— die Dinte nur halb getrocknet — ohne Probe von dem 
Orchester vortrefflich gespielt und das Publikum merkte 
Nichts. So macht's ein Mendelssohn." 

Am 29. August schreibt die Frau von London aus: 
„Gestern um vier Uhr endete ein Tactschlag unseres Mo- 
scheies das grosse Birminghamer Musikfest, das in der 
Meinung aller Anwesenden eins der brillantesten und 



- 158 - 

■ 

schönsten war. Auch hat das Comite meinem Mann seine 
ganze Zufriedenheit in den schmeichelhaftesten Ausdrücken 
zu erkennen gegeben. Moscheies' kurzes , aber zur Zeit 
doch beängstigendes Unwohlsein war die einzige Fatalität: 
nur zeigte es uns Mendelssohn wieder im schönsten Licht." 
„Ja", fügt Moscheies hinzu, „seine Theilnahme war brüder- 
lich, seine oftmaligen Besuche, während die ganze Welt 
ihn gerne gehabt hätte, seine Aufmerksamkeiten für mich, 
während er so Grosses vorhatte, waren oft rührend. Als 
er aus der Vorprobe kam , die er statt meiner dirigirt 
hatte, schien er sehr erschöpft, Charlotte reichte ihm ein 
Glas Champagner und der Effect war magisch; es hatte 
ihn neu tielebt. Jetzt sind die musikalischen Geschäfte 
beseitigt, aber wieviel andere stehen uns bevor. ..." Es 
sind hauptsächlich die Uebersiedelungs - Geschäfte ; denn 
am 15. September verlasst die Familie das Haus, in wel- 
chem sie sechszehn glückliche Jahre verlebt hatte. Alle 
Räume werden noch einmal und mit nassen Augen durch- 
wandert. Hier sind die beiden jüngsten Kinder geboren, 
dort ist das Zimmer , wo allmorgentlich an ihrer Bildung 
gearbeitet, ihre Spiele geleitet wurden; hier sind die sorgen- 
vollen Krankheitsnächte an ihren Betten durchwacht, dort 
die Genesungsfeste, die Geburtstage fröhlich und dankbar 
gefeiert. Manches Werk, das noch lebensfähig, entstand 
da unten im Studirzimmer des Meisters , ging hinaus in 
die Welt und brachte seinem Schöpfer Ehre: sein Fleiss, 
sein unermüdliches Streben gab ihm die Mittel an die 
Hand, der Familie in diesen Räumen die angenehmste 
Existenz zu bereiten. . . . 

In Frankfurt geniesst man das Glück, die hinreissende 
Jenny Lind zu hören. Dann geht die Reise weiter und 
man schwelgt in den Schönheiten des Rheins. 

Die Eisenbahn ging 1846 noch nicht bis Leipzig, sie 
kommen also am 21. October auf der Poststation in Leipzig 
an. „Dort", sagt das Tagebuch, „kam uns Felix Mendels- 
sohn nicht nur freundlich, sondern mit warmer Theilnahme 
entgegen. Wie ein Kurier, den man vorausschickt, um 
die nöthigen Einrichtungen zu treffen, hatte er Alles für 



— T 59 — 

unseren Empfang vorbereitet. Wir mussten seinen Wagen 
besteigen, der uns nach dem grossen Blumenberg führte. 
Dort hatte er uns Zimmer gemiethet, dorthin kam seine 
Frau und Beide waren eifrig bemüht, unsere temporäre 
Einrichtung bestens zu leiten." 

Am 26. October schreibt Moscheies den Verwandten: 
„Meine Theuren! Der neue, wahrscheinlich letzte Ab- 
schnitt meiner Kunst- und Lebens - Lauf bahn nimmt Euer 
Aller Theilnahme so sehr in Anspruch, dass ich Euch 
insgesammt darüber berichten möchte. Er hat unter Got- 
tes Beistand, unter den besten Auspizien stattgefunden, 
und wer ist die Triebfeder unserer Zufriedenheit? Men- 
delssohn, Felix Mendelssohn, den ich Bruder oder Sohn 
nennen möchte! Wie er uns am Posthof empfangen, wisst 
Ihr. Abends kamen drei Directoren des Conservatoriums, 
Hofrath Keil, Stadtrath Seeburg und Herr Preusser, mich 
mit vielen Wünschen zu bewillkommnen und die Hoff- 
nung auszusprechen, dass es mir hier gefallen möge; sie 
gaben mir auch die Versicherung, dass sie Alles aufbieten 
würden, meinen Wünschen und Anordnungen im Conser- 
vatorium zu begegnen. Tags darauf machte ich Gegen- 
besuche. Abends hatten wir den Hochgenuss, ein Abonne- 
ments-Concert im Gewandhause auf den vom Directorium 
geschickten Sperrsitzen zu hören. Eine Symphonie von 
Haydn, Ouvertüren von Hiller und Lachner wurden unter 
Mendelssohn's Leitung mit einer Präzision gegeben, wie 
ich sie selten gehört; die Nuancirungen ein langst ent- 
behrter Genuss , Fräulein Schloss sang sehr brav und 
Mme. Schumann spielte Beethoven's H - dur - Concert so 
vortrefflich und gediegen, dass es mir nach dem phan- 
tastisch-koketten Spiel der kürzlich in London gehörten 
P. wohlthat, die reine Kunst ohne Flitterstaat zu ge- 
messen. Ich begrüsste sie mit dieser meiner Ansicht 
zwischen den Acten und wurde von vielen der älteren 
Orchestermitglieder herzlich bewillkommnet. Nach dem 
Concert soupirten wir gemüthlich bei Mendelssohns. Gestern 
ging ich zu Schleinitz, der unwohl ist und nicht ausgehen 
konnte, um die Conservatorium - Angelegenheiten , die er 



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hauptsächlich leitet, mit ihm zu besprechen. Die Liste der 
Professoren, die er mir vorlegte, lautet: 

Dr. F. Mendel ssohn-Bartholdy, Composition und 
Solospiel. 

Organist C. F. Becker, Orgelspiel, Uebungim Dirigiren. 

David, Klengel, Sachse, Violinlehrer. 

Gade, Harmonie und Composition. 

Hauptmann, Harmonie, Contrapunkt. 

Mosch el es, Oberleitung des Pianoforte- Studiums,. 
Ausbildung im Vortrag und Pianoforte-Composition. 

Plaidy, Wenzel, Pianofortespiel. 

Böhme, Solo- und Chorgesang. 

Brendel, Vorlesungen über Musik. 

Neu mann, Italienisch. 

Richter, Harmonie und Instrumentation. 

Durch Schleinitz erfuhr ich, dass Mendelssohn sich 
ausgebeten hat, nicht obenan auf der gedruckten Liste- 
zu stehen, sondern mit den andern Namen in alphabeti- 
scher Ordnung zu folgen. Gestern wohnten wir dem Got- 
tesdienst in der Nicolai-Kirche bei, eine gute Predigt und 
vortreffliche Orgel. Dann war mir noch die Ehre eines 
Festessens vorbehalten , das mir sämmtliche Professoren, 
Felix an ihrer Spitze, gaben; es war in Aeckerlein's 
Keller. Die Gesellschaft war mir zum grossen Theil schon 
bekannt, und dem andern stellte mich Felix vor; sie em- 
pfingen mich Alle feierlich und herzlich, und ich musste 
obenansitzen, mit einem Blumenstrauss auf meinem Cou- 
vert. Das Diner konnte sich mit dem eines Pariser Cafe 
messen und als der Champagner einen freien gemüth- 
liehen Austausch der Gefühle befördert hatte, nahm Felix 
das Wort: 

„Er hätte nie das Talent und den Beruf in sich ge- 
fühlt, zu sprechen", sagte er, „bei dieser Gelegenheit aber 
müsse er sein Innerstes entfalten. Meine Niederlassung in 
Leipzig, mein Eintritt in's Conservatorium , seien langst 
sein Wunsch gewesen und er sähe mit grosser Freude, 
welchen Anklang die Verwirklichung dieses Wunsches 
bei den Kunstkollegen, sowie im Publikum fände. Er 



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würde nie den Eindruck vergessen, den mein Talent auf 
ihn als Knaben gemacht, wie ich den Götterfunken in 
ihm belebt und ihn zur Begeisterung hingerissen hätte. 
Stets hätte ich ihm ermunternd beigestanden, und er einen 
Stolz darein gesetzt, sich meiner dauernden Freundschaft 
zu versichern; er zweifle nicht, dass die Anwesenden seine 
Gefühle theilten und gern mit ihm auf meine Gesundheit 
anstiessen." Das Lebehoch ertönte im gesungenen Drei- 
klang und beim Gläserschall konnte ich meine Thränen 
nicht mehr unterdrücken. Ich stotterte hierauf Worte der 
Erkenntlichkeit hervor, und entschuldigte die Hemmung 
meiner Zunge durch das Gefühl, dass ein Mann, ein 
Freund, mir Ehre angethan habe, der mich als Kunst- 
heros weit überflügelte, der als Mensch hochverehrt, ein 
Muster edler Denkungsart unter uns lebe." 

Nach und nach loste sich die ernste Stimmung in 
Humor auf, wir sprachen viel, und liessen Alles leben; 
auch an Tabakswolken fehlte es nicht, und die Stunden 
von eins bis sechs waren gemüthlich verflossen. Dann 
machte ich noch einen langen Spaziergang mit Felix, auf 
dem er sehr mittheilend über seine hiesigen Verhältnisse 
war, und ich ihm die Frage vorlegte, wie er, dem die 
grössten Städte Europas Anerkennung zollten, sich grade 
von Leipzig fesseln Jiesse? Es sei ein gewisser Sinn, eine 
besondere Kunstrichtung, erklärte er, die künstlerische 
Umgebung und Auffassung, die ihn hier so anziehe, und 
das Conservatorium liege ihm so am Herzen, dass er selbst 
während der Composition seines letzten Oratoriums seine 
Stunden nicht versäumt habe. — Den Abend brachten 
wir bei Mendelssohn's mit ihren Geschwistern, Herrn und 
Mme. Schunck sehr gemüthlich zu. Nach dem Souper un- 
terhielten wir uns auf zwei Ciavieren und endlich -gab's 
einen - improvisirten Wettkampf! Das war eine Geistes- 
übung für mich ich musste ein paarmal unterliegen, 

weil ich dem Felix mit so viel Wärme und Bewunderung 
zuhörte, dass ich das Mitspielen vergass. 

Denkt Euch, als wir eintraten, erkannten wir den 
guten Mendelssohn kaum, da ihm ein Schnurr- und 

Moscheles' Leben. IT. II 



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Knebelbart angemalt war. Diesen hatte er aus dem 
„schwarzen Peter" davongetragen, den er kurz zuvor mit 
seinen engelschönen Kindern gespielt. 

Wir haben die zweite Etage in Gerhard's Garten ge- 
miethet, Schunck's bewohnen die erste und wir freuen uns 

auf die angenehme Nac